Vom Abstellgleis zur Quartieroase
Das Areal Bach im Osten St.Gallens zeigt beispielhaft, dass zivilgesellschaftliches Engagement wirkt: Aus einer unwirtlichen Infrastrukturbrache ist ein lebendiger, grüner Freiraum und Quartiertreffpunkt entstanden. Ein Paradebeispiel für die Vision «Grünes Gallustal».
Beitrag vom 24. September 2026
Text: Rahel Lämmler
- ← Übersicht
- ← Karte
- ← Rückwärts
-
Heute: Bäume mit Sitzgelegenheiten schaffen eine angenehme Atmosphäre.
-
-
Einst: Hitzeinsel in der Talsohle.
-
Heute: hohe Aufenthaltsqualität im Schatten der kühlenden Bäume.
-
Einst: unattraktiver Strassenraum vor dem Migros-Markt.
-
Heute: attraktiver Treffpunkt.
-
Einst: Blick von Westen auf das Areal mit grossem Parkplatz.
-
Heute: lebendiges Ökosystem statt versiegelter Flächen.
-
-
-
Heute: Die Umgestaltung hat eine vielfältige Nutzung mit beliebten Formaten wie diesem Flohmarkt hervorgebracht.
Mit der Stilllegung der Rangier- und Abstellgleise zwischen dem Güterschuppen des Bahnhofs St.Fiden und dem Migros-Markt wurde vor rund 15 Jahren eine 18'500 Quadratmeter grosse Fläche frei, was 2,5 Fussballfeldern entspricht. Um mögliche neue Nutzungen auszuloten, organisierte die Stadt St. Gallen vor neun Jahren eine Testplanung und prüfte die Entwicklung des Areals mit Wohn- und Gewerbebauten. Harder Spreyermann Architekten fokussierten zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Martin Klauser in ihrem Zukunftsbild auf einen zusammenhängenden Naturraum am Flusslauf der Steinach, der zum identitätsstiftenden Freiraum für die umgebenden Quartiere werden sollte. Eine bauliche Verdichtung war nur an den Rändern vorgesehen.
Um die Qualität des Quartiers zu erhöhen, prüfte eine weitere Machbarkeitsstudie die Überdeckung der südlich verlaufenden Autobahn A1. Diese Untersuchungen verdeutlichen, dass das Gebiet seit Längerem als wichtiger Entwicklungsraum im Fokus der Stadtplanung steht. Denn St.Fiden gehört neben Winkeln und Lerchenfeld/Bruggen-Haggen zu den drei Entwicklungsgebieten der Stadt, die zu urbanen Stadtteilen transformiert werden sollen.
Den entscheidenden Impuls für eine konkrete Veränderung gab schliesslich das Quartier selbst: Der Quartierverein Nordost-Heiligkreuz gründete zusammen mit den ortsansässigen GSI Architekten den Verein Areal Bach. Das Architekturbüro entwickelte ein naturnahes Begrünungskonzept und finanzierte die Umsetzung der Zwischennutzung mit Unterstützung der Stadt St. Gallen und verschiedenen Partner:innen. Nach zweijähriger Planung und intensiven Verhandlungen mit Mitnutzenden wie SBB, Migros oder Olma Messen konnte das Areal bereits 2021 für die Bevölkerung geöffnet werden. Seither ist ein Freiraum entstanden, der weit mehr ist als eine temporär bespielte Brache: ein lebendiger Ort für Kunst und Kultur, Begegnung, Spiel, Aufenthalt, Naturerlebnis und Erholung.
Die Angebote wurden nicht vorgegeben, sondern entstanden durch Initiativen. Im Kulturgarten vom HEKS wird heute beispielsweise zusammen gegärtnert und geerntet, im Gustav Gleis trifft man sich zum Feierabendbier und zu feinen Speisen, im Garten von Bioterra lernen Schulkinder den Kreislauf der Natur kennen, während die Biodiversitätsoase bereits viele Insekten und Kleintiere angelockt hat. Die Stadt St. Gallen hat eigens eine Kinderbaustelle installiert, auf der sich Kinder betreut, aber kostenlos handwerklich verwirklichen können.
Dank Bäumen, Sträuchern und durchlässigen Kiesböden herrscht nun im Zentrum der Anlage ein angenehmes Klima mit hoher Aufenthaltsqualität – eine ideale Voraussetzung für Flohmärkte, Foodfestivals, Konzerte oder Filmabende. Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und kulturellem Hintergrund wohnen im Quartier und nutzen das Angebot rege.
Freiräume – für die Stadtentwicklung wichtiger denn je
Damit entspricht das Areal Bach zentralen Zielen des «Strategieplans Freiraumversorgung» der Stadt St. Gallen, der eine qualitätsvolle und multifunktionale Freiraumentwicklung mit Fokus auf Stadtnatur, Biodiversität, Erholung, Begegnung und Klimaanpassung anstrebt. Besonders bedeutend ist die Lage des Areals in der Talsohle der Gallusstadt. Der dicht bebaute und durch Verkehrsinfrastrukturen geprägte Stadt- und Landschaftsraum weist deutlich zu wenig hitzemindernde Bereiche auf. Begrünte Freiräume mit grosskronigen Bäumen spielen eine entscheidende Rolle. Sie spenden Schatten, verdunsten Wasser, verbessern das Mikroklima und schaffen Aufenthaltsorte, an denen sich Menschen auch an heissen Tagen gerne aufhalten.
Die Bedeutung der Lage des Areals im Osten der Stadt wird noch deutlicher, wenn es in den Kontext der bestehenden hochwertigen Freiräume gesetzt wird: Im Westen befindet sich das Burgweiherareal, im Zentrum der weitläufige Stadtpark sowie die Kreuzbleiche. Im Osten fehlt bislang ein vergleichbarer Erholungsraum und Treffpunkt. Die Freiraumstrategie verfolgt zudem das Ziel, neue Quartierparks im Talboden zu schaffen. Mit der Zwischennutzung des Areals Bach wurden beide Ziele aufgenommen und umgesetzt. Bereits jetzt erfolgreich, weist das Areal Potenzial auf, noch weiter entwickelt zu werden: Als Teil der Vision «Grünes Gallustal», deren Leitbild 2022 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und der Stadt als Grundlage für eine grüne Stadtentwicklung diente.
Der Verein Areal Bach hat die Chance ergriffen und gemeinsam mit der Bevölkerung die Brache ökologisch aufgewertet und mit vielfältigen Projekten belebt. Viele Akteur:innen haben dazu beigetragen, dieses gemeinschaftlich getragene Projekt zu realisieren. Der erste Nutzungsvertrag ist ausgelaufen und im letzten Jahr für weitere fünf Jahre verlängert worden. Bis dahin haben die Bäume tiefe Wurzeln geschlagen und der junge Quartierpark hat sich möglicherweise als nicht mehr wegzudenkender Stadtraum etabliert.
Aktuell stehen die Zeichen jedoch anders: Die Stadt hält an ihren ursprünglichen Plänen fest und lanciert einen Investorenwettbewerb für eine Überbauung mit Wohnhäusern. Dies trotz tiefer Leerwohnungsziffer von 1,4 Prozent (Stand 2025) und entgegen der Strategie für die Freiraumversorgung. Ob die für Wohnen und Gewerbe optimale Lage direkt am Bahnhof auch in Zukunft stärker gewichtig wird, wird sich zeigen.
Bildnachweis
Elisa Florian