Architektur Forum Ostschweiz

Traditionen enkeltauglich weiterstricken

Im Appenzellerland sind Traditionen lebendig, weil sie immer­zu erneuert werden. Der Appenzeller Alpen­bitter besteht aus 42 Kräutern und wird seit bald 125 Jahren erfolg­reich verkauft. Für das Familien­unter­nehmen Appenzeller Alpen­bitter AG entwickelte Lukas Imhof mit seinem Team aus der Bau­tradition der Region eine zeit­genössische Industrie­architektur.

Beitrag vom 26. Februar 2026

Text: Rahel Lämmler

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Baukultur im ländlichen Raum, Bauen in Appenzell Inner­rhoden: Sofort tauchen vor dem geistigen Auge Bilder von rustikalen Fassaden mit Holz­schindeln und Täfern in Natur­holz oder farbig gestrichen auf. Was jedoch, wenn es sich bei der Bau­aufgabe weder um ein land­wirtschaftliches Gebäude noch um ein Wohn- oder Gast­haus handelt? Wie sieht ein zeit­genössischer Gewerbe­bau an einer repräsenta­tiven Lage am Orts­eingang aus? Und worauf nimmt seine Gestaltung Bezug?

Alles begann 1902 in der «Konzert­halle», einer stattlichen Stick­fabrik aus dem Jahr 1875, unweit des Bahn­hofs Appenzell. Später als Gast­haus betrieben, wurden hier die ersten Appen­zeller Alpen­bitter mit einer fahrbaren Brennerei hergestellt. Für die Verfeinerung des Rezepts degustierten in der Anfangs­zeit die Gäste. Mit wachsendem Erfolg konnte die Produktion bald auf das Areal einer ehemaligen Sägerei beim Eisenbahn­viadukt verlegt werden.

Entwickeln und Verdichten

Mit rund 40 Mitarbeitenden zählt die Appen­zeller Alpen­bitter AG heute zu den erfolg­reichsten Getränke­herstellern im Appenzeller­land. Seit vier Generationen als Familien­unternehmen geführt, war von Beginn an klar, dass die Ent­wicklung und Ver­dichtung des bestehenden Areals mittels eines qualifizierten Konkurrenz­verfahrens erfolgen sollte. Denn Verantwortung und Nach­haltigkeit in all ihren Dimensionen gehören zu den zentralen Unternehmens­werten – «nicht als blosse Floskeln, sondern als gelebte Haltung», wie Geschäfts­führer Pascal Loepfe-Brügger sagt. Die Firmen­strategie richtet sich nicht an der nächsten Quartals­bilanz aus, sondern an einem «enkel­tauglichen» Zeit­horizont von 25 Jahren. Für die geplante Erneuerung bedeutet dies, den Bestand mit nach­haltigen Materialien weiter­zubauen und neue Volumina geschickt so zu platzieren, dass genug Bauland­reserven für zukünftige Ent­wicklungen erhalten bleiben und die Ressource Boden geschont wird.

Das Firmenareal wird im Norden durch den Fluss­raum der Sitter, im Süden durch malerische Bauten in der Ortsbild­schutzzone und im Osten durch das denkmal­geschützte Eisenbahn­viadukt der Appen­zeller Bahnen AG begrenzt. Das Programm des Studien­auftrags beschränkte sich auf das Wesentliche, die Jury war profes­sionell zusammen­gesetzt. Die viel­schichtige Aufgabe lösten Lukas Imhof und sein Team 2019 am über­zeugendsten. Verblüffend selbst­verständlich wurden zwei Bestands­bauten um ein beziehungs­weise zwei Geschosse auf­gestockt und eine neue Lager­halle aus Holz am süd­östlichen Ende hinzu­gefügt. Die vorhandene Höhen­staffelung wurde so weiter­geführt und mit dem Neubau zu einem neuen städte­baulichen Ganzen verwoben.

Das Herzstück der Erweiterung ist die neue Lager­halle. Sie besteht aus Fichten­holz, geschlagen in den vier nahe­gelegenen firmen­eigenen Wäldern – während der Corona­pandemie ein willkommener Vorteil, um der Verteuerung der Roh­stoffe nicht vollends ausgeliefert zu sein. Aus der Perspektive der Zug­reisenden ist das Firmen­areal heute zusammen mit dem Kunst­museum von Gigon Guyer Architekten die Visiten­karte von Appenzell. Die ehemalige «Rückseite» der Appen­zeller Alpen­bitter AG wird dieser neuen Bedeutung mehr als gerecht und bildet mit der ver­besserten An- und Aus­lieferung den repräsen­tativen Auftakt der Firma. Die Wertig­keit des neuen Empfangs manifestiert sich in mehreren gestal­terischen Elementen, die ein hohes Mass an hand­werklichem Können voraus­setzen. Eine in scharf­kantigem Sicht­beton skulptural ausgebildete Stütze gliedert den Bereich zwischen Anlieferungs­rampe und Empfangs­büro. Das Firmenlogo – der stolze Lands­gemeindemann – ziert als scheinbar schwebender Betonknopf mit Relief den Empfangs­bereich und kaschiert gleichzeitig die Zuluftöffnung des Technikraums.

Zeitgenössisch und doch vertraut

Die gestaffelten Satteldächer sind an der Giebelseite ohne Vordach ausgeführt: So zeigt sich das mit gross­formatigen, gehobelten und unbehandelten Fichtenholz­brettern neu interpretierte Fassaden­kleid besonders wirkungsvoll und nahezu textil. Dieser über­dimensionierte Schindelschirm transformiert das vertraute Motiv der Appenzeller Schindel­fassade spielerisch in eine zeit­genössische Industrie­architektur und verleiht dem grossvolumigen Bau­körper eine feine Massstäblich­keit. Diese setzt sich in den überhohen Flucht­türen fort. Zusätzlich sind die aussen geführten Dach­entwässerungen auf der Nordseite sowie die leicht nach aussen versetzten südseitigen Stützen wie die bekannten Strick­köpfe der Appenzeller Häuser unter der Verkleidung verborgen und rhythmisieren mit weichen Wölbungen die lange Fassade wohltuend.

Im Inneren der Lagerhalle erzeugen raumwirksame Brettschicht­holz-Binder einen attraktiven, stützen­freien Raum, der eine effiziente Anordnung der Regale mit kurzen Wegen ermöglicht. Oberlichter im ortsüblichen Satteldach sowie ein grosszügiges, nach aussen geklapptes Fenster­band fluten die Halle mit Tageslicht und schaffen zusammen mit der Holzstruktur einen angenehmen Arbeitsort mit hoher Aufenthalts­qualität. Das objektspezifische Brand- und Explosionsschutz­konzept ist unaufdringlich in die Architektur integriert und erlaubt trotz hoher Sicherheits­anforderungen einen offenen Hallen­raum: Geschlossene Rückwände der Regale sowie die Begrenzung der Alkohol­lagerung mit einer maximalen Höhe von 7.5 Metern ermöglichen den Verzicht auf einzelne Brand­abschnitte. In das architektonische Gesamt­konzept integrierte Decken­sprinkler löschen im Brandfall zuverlässig. Eine kluge Lösung wurde auch für den Umgang mit der Explosions­gefahr gefunden: Die Bildung einer explosions­fähigen Atmosphäre wird durch die konstante Kühl­lagerung bei 21 Grad Celsius unterbunden.

Im Rahmen der wöchentlich angebotenen Führungen durch die gesamte Produktions­anlage wird die Lager­halle als Teil eines ganz­heitlichen räumlichen und olfaktorischen Erlebnisses der Kräuter­welt für die Besucherinnen und Besucher erfahrbar.

Bildnachweis

Elisa Florian

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