Architektur Forum Ostschweiz

Überraschende Promenade architecturale in der Bündner Herrschaft

Hoch über Jenins thront die Burg Neu-Aspermont, ein rund 800 Jahre altes Zeugnis rätischer Geschichte. Nach umfassenden konservatorischen Arbeiten ist sie seit 2025 öffentlich zugänglich: eine leichte, skulpturale Treppen­konstruktion macht die eindrucksvolle Anlage neu erlebbar.

Beitrag vom 18. Dezember 2025

Text: Rahel Lämmler

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Es war einmal eine einflussreiche Adelsfamilie. Sie hiess von Aspermont, was soviel wie «rauer Berg» heisst. Ihren Stammsitz hatte sie in der Bündner Herrschaft in Trimmis in der Burg Alt-Aspermont. Mitte des 13. Jahr­hunderts suchte sie Bauland für ein weiteres Haus. Hoch über Jenins fanden sie einen geeigneten Felssporn. Sie wählten wieder die Typologie der Burg, um vor Angriffen sicher zu sein und der feudalen Lebensform zu entsprechen. Schon bald verschwanden die von Aspermont aus dem rätischen Raum. Turbulente Zeiten mit Plünderungen, Bränden, Eroberungen und Besitzer­wechsel prägten die Burg bis ins späte 17. Jahrhundert. Seit 1650 unbewohnt, übernahm 1863 der Nachkomme Ernst von Rhomberg (einge­deutscht von Aspermont) aus Dornbirn die vom Zerfall gefährdete Burgruine für 500 Franken. Nahezu gleichzeitig wurde kurioserweise 1889 im US-Bundesstaat Texas das Dorf Aspermont durch A. L. Rhomberg gegründet. Inwiefern Rhomberg direkt mit den von Aspermont von Rätien zu tun hat, ist nicht belegt, eine Verbindung jedoch naheliegend.

Burgen waren im Mittelalter zentrale Orte der Herrschaft und Macht. Wer eine Burg besass, kontrollierte Wege, Zölle, Märkte und damit den Reichtum der Region. Als weithin sichtbare Landmarken prägen Burgen bis heute die Kulturlandschaft. Entsprechend gross ist das Bedürfnis, sie zu erhalten und für die Öffentlich­keit zugänglich zu machen. Der Burgverein Neu-Aspermont engagierte sich stark und erhielt 1997 die Anlage zunächst mit einem Nutzungsrecht, bevor sie sie 2014 kaufen konnte. Seit 2017 ist die Stiftung Burg Neu-Aspermont Eigentümerin. Sie setzt sich zum Ziel, den Zerfall der Burgruine zu stoppen und die Zugänglich­keit attraktiver zu gestalten.

Aus der Vogelperspektive gleicht die Burgruine einem beladenen Schiff: die Aussenmauern folgen dem Felssporn, der gegen Westen spitz zuläuft. Nach 45 Minuten zu Fuss durch den Wald, zeigt sich die Anlage wie aus einem Guss. Die typischen Elemente der hochmittel­alterlichen Burg wie Zwinger, Ringmauer, Wohnturm und Wohntrakte sind monolithisch aus Bruchsteinen gebaut. Sie sind mit Kalkmörtel unregel­mässig verbunden, was ein textil anmutendes Bild erzeugt. Von den Erweiterungen und Reparaturen ihrer jahrhunderte­langen Geschichte gezeichnet, strahlt sie trotz ihrer Massivität eine berührende Lebendigkeit aus. Die Burg ist längst Teil der Landschaft.

Die Arbeitsgemeinschaft Jonasse Elmiger Vassella aus Zürich und Chur entwickelte im Auftrag der Stiftung das Konzept, die Burg über einen Spaziergang, eine promenade architecturale, erlebbar zu machen und gleichzeitig für fortlaufende konservatorische Restaurationen zugänglich zu halten. Eine neue Eingangs­treppe folgt dem historischen Wegverlauf hinauf in eine Art Entrée und bleibt als moderne Ergänzung mit vorfabrizierten Betonstufen und feuerverzinktem Stahl erkennbar. Oben angekommen, sind nicht nur alle Raumeinheiten direkt erschlossen, hier beginnt auch die Erkundung des 20 Meter hohen Wohnturms. Die minimal dimensionierte gewendelte Treppe schraubt die Besuchenden zuerst vertikal hoch, bevor sie dann im 2. Obergeschoss analog der damaligen Erschliessung durch die Türöffnung in die repräsentativsten Räume führt. Diese sind nicht mehr existent, denn der Wohnturm ist komplett entkernt. Die Geschosse sind dennoch anhand der unterschiedlichen Oberflächen, dekorativen Symbole oder barock bemaltem Deckputz in Schwarzweiss, dem Familienwappen der von Aspermont entsprechend, ablesbar. Diese innere Fassade erinnert an eine Theaterkulisse – wo sich welche Handlungen abgespielt haben mögen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die dramaturgisch grossartige Wegführung verlangsamt nach einem Richtungs­wechsel etwas weiter oben die Bewegung mit Podesten an spezifischer Lage, um innezuhalten und die Schönheit der Ruine in der Tiefe wirken zu lassen. Weiter führt die Installation nah am Mauerwerk vorbei, um Details haptisch zu erkunden, vorbei an Fensteröffnungen mit Sitznischen, um den Blick wie damals in die Ferne bis nach Chur schweifen zu lassen.

Der für kühne und raffinierte Konstruktionen bekannte Ingenieur Jürg Conzett aus Chur ermöglichte es, die Eingriffe auf ein Minimum zu beschränken. So steht die Treppenskulptur insgesamt auf nur drei spindel­förmigen Stützen, die den Boden wie auf Zehenspitzen berühren. Die beeindruckende Filigranität und Leichtigkeit der Stahlkonstruktion steht in einem direkten Kontrast zu den bis zu 2,5 Meter dicken Mauern, was das Erlebnis intensiviert. Neu schützt ein Dach als ebenfalls filigranes Stabtragwerk aus Stahl die inneren Wand- und Bodenflächen im Wohnturm. Die Lasten werden über wenige Betonkonsolen im innenliegenden Mauerversatz abgeleitet und die transluzente Eindeckung erzeugt einen diffusen ange­nehmen Lichteinfall.

Es lohnt sich, die Burg zum Abschluss zu umrunden. Rückseitig sorgt ein weit ausladender eleganter Speier für die Entfeuchtung der Wände. Auf zwei gespreizten hauchdünnen Stahlstützen abgestützt verdeutlicht auch dieser die Hingabe und Sorgfalt des Teams und unterstreicht die besondere Qualität des Entwurfs.

Die umfassende Konservierung der imposanten Anlage erfolgte von 1999 bis 2025 in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Dienst und der Denkmalpflege Graubünden. Seit August 2025 ist die Burg öffentlich zugänglich. Wer sie nicht besichtigen kann, findet auf der Webseite neu-aspermont.ch eine anschauliche 3D-Darstellung des Zustands vor der Ergänzung mit Treppe und Dach. Wer gerne bastelt, baut sich die Burg ab Bastelbogen selber.

Bildnachweis

Ladina Bischof

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