Lust auf Schule
Die Kantonsschule in Wattwil ist zu klein und sanierungsbedürftig. Das »Gymnasium der Zukunft« setzt auf neue Lernformen sowie Begegnungsorte, Flexibilität und Möglichkeitsräume. Deshalb hat der Kanton auf dem schuleigenen Gelände an der Thur einen Neubau erstellt, der alle Erwartungen übertrifft und räumlich begeistert.
Beitrag vom 20. August 2026
Text: Rahel Lämmler
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Das Herz der Schule: kommunikativer Lern- und Lebensraum mit Kunstinstallation »Die Spur des Drachens« von lutz & guggisberg
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Attraktive Künstlergarderobe für Auftritte in der Aula; Industrieller Ausdruck mit sichtbar geführten Installationen.
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Ausrichtung auf die Thur mit gedecktem Pausenraum und neue Verbindung zur BWZT.
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Die auf drei Materialien reduzierte Umsetzung generiert Spielräume und Nutzungsfreiheit.
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Diffuses himmlisches Licht der Hallendecke und Gelassenheit auch bei der Wahl der Möblierung.
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Einladende Raumnische als Vorbereich der Aula. Die sichtbar geführten Leitungen sind in die Struktur integriert.
Die ersten Gymnasien der Schweiz entstanden im 19. Jahrhundert in den Städten. In ländlichen Regionen setzte sich die gymnasiale Bildung erst deutlich später durch, insbesondere ab den 1960er- und 1970er-Jahren. In diese Entwicklung fällt auch die 1968 bis 1970 nach Plänen der Architekten Otto Glaus und Heribert Stadlin errichtete Kurzzeit-Kantonsschule Wattwil.
Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren EDK und der Bund definieren gemeinsam die übergeordneten Rahmenbedingungen für die gymnasiale Maturität. Die konkrete Ausgestaltung des Unterrichts liegt jedoch in der Verantwortung der Kantone. Die Richtlinien haben sich seit den 1960er-Jahren merklich verändert. Die heutigen Anforderungen an Gymnasien gehen weit über die reine Wissensvermittlung hinaus: Neben dem gemeinsamen Unterricht im Klassenverband gewinnen Lernformen an Bedeutung, die Selbstständigkeit, kritisches Denken und Teamfähigkeit fördern. Der Unterricht soll vermehrt interdisziplinär, projektorientiert und praxisnah gestaltet werden, sodass Schüler:innen Zusammenhänge erkennen und gesellschaftsrelevante Fragestellungen bearbeiten können. Gleichzeitig sollen digitale Medien und Künstliche Intelligenz sinnvoll eingesetzt werden. Durch eine vermehrte Individualisierung des Unterrichts soll besser auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen eingegangen werden können. Insgesamt sollen diese Methoden die Lernenden auf die Anforderungen von Studium, Beruf und eine sich wandelnde Gesellschaft vorbereiten.
2015 sprach sich die St. Galler Regierung für den Erhalt des zeittypischen Bauwerks der Kantonsschule in Wattwil (KSW) und einen Neubau für bis zu 900 Schüler:innen aus. Mit Letzterem wird die bereits bestehende Zusammenarbeit mit dem Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg (BWZT) zu einem eigentlichen Bildungscampus weiterentwickelt. Die gemeinsame Nutzung zentraler Infrastrukturen wie Mensa, Bibliothek, IT und Sportanlagen stärkt die Verbindung zwischen den beiden Institutionen. Durch die räumliche und alltägliche Nähe von Gymnasiastinnen und Berufslernenden soll eine neue Kultur des Austauschs entstehen. Die Idee der Vernetzung findet ihre Entsprechung in der städtebaulichen Setzung der neuen Kantonsschule. Die städtebauliche Entwicklung von Wattwil ist eng mit der Textilindustrie der Ostschweiz verbunden. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich die landwirtschaftlich geprägte Siedlung zu einem der wichtigsten Industriestandorte im Toggenburg.
Das Siegerprojekt des einstufigen, anonymen Projektwettbewerbs im offenen Verfahren von Gunz & Künzle Architekt:innen greift die Charakteristika der grossmassstäblichen Industriebauten auf. Dadurch wird der Baukörper im städtischen Gefüge verankert und die Präsenz des öffentlichen Gebäudes von hoher regionaler Bedeutung gestärkt. Der kompakte dreigeschossige Holzbau vermittelt zwischen dem Landschaftsraum der Thur und der Ebnaterstrasse und ist über die neue Brücke über den Fluss mit dem gegenüberliegenden BWZT verbunden.
Heitere Gelassenheit als ideale Lernumgebung
Was ist nun neu am »Gymnasium der Zukunft«? Die Typologie basiert auf drei identischen Grundrissen, die jeweils einen aussenliegenden Kranz mit regulären Lehrer:innen- und Unterrichtszimmern für den Klassenverband aufweisen. Das Herz der Schule ist das Atrium, das sich als Gemeinschaftsraum über alle drei Geschosse entfaltet und von einer faszinierenden Lichtdecke gefasst wird. Das gleichmässige Streulicht wird durch regelmässig angeordnete Lichtkuppeln mit raumseitigen Diffusoren und Sonnenschutzgläsern erzeugt. Raumseitig liegt ein Gitterrost über der prägnanten Holzkonstruktion und schliesst die Halle als blendfreie Lichtdecke ab.
Um dem Anspruch an nachhaltiges Bauen auch auf technischer Ebene gerecht zu werden, lassen sich die Kuppeln öffnen. In Kombination mit aufklappbaren Fenstern im Eingangsbereich gewährleisten sie die Nachtauskühlung an heissen Sommertagen. Zwei kaskadenartig angeordnete Terrassen erweitern die Halle. Sie bieten unterschiedlichste Lernbereiche und Begegnungsorte in einer offenen Raumsequenz. Dazu gehören individuelle Rückzugsorte in akustisch gedämmten Lernwaben, Sofalandschaften für Gruppenarbeiten und weitere Studiermöglichkeiten an Tischen. Das räumliche Erlebnis wird durch zwei elegante Wendeltreppen verstärkt. Sie verbinden diese Ebenen und inszenieren den Weg spielerisch. Zudem wird die horizontale Vernetzung der Arbeitsbereiche über Brücken, Galerien und Korridore vielfältig weitergeführt.
Bestechend ist auch die Reduktion auf wenige und unbehandelte Materialien wie Fichtenholz, Metall beziehungsweise Aluminium und Beton. Die strenge Gliederung und sorgfältige Detaillierung der Fassaden und die treffend inszenierten Abluftrohre unterstreichen den zur Umgebung passenden industriellen Charakter. Sichtbar geführte Installationen wie Sprinkler, Lüftungselemente und Heizkörper zeugen von einer konsequent umgesetzten Systemtrennung. Das Projekt erreicht den höchsten Schweizer Standard für nachhaltiges Bauen (SNBS Platin).
Im Innern setzen farbige Elemente gezielte Akzente. Leuchten und Garderobenständer in Zartrosa, tiefblaue Akustikvorhänge in den Musikzimmern sowie rote und grüne Farbimpulse schaffen eine heitere Atmosphäre. Auch die Mensa überrascht und begeistert mit ihrer unerwarteten Eigenständigkeit. Sie ist mit restaurierten Stühlen von Horgenglarus und Beizentischen mit gusseisernen Füssen ausgestattet und gleicht einem gemütlichen Café. Die robuste Materialität, die informelle Möblierung, die lustvoll eingesetzten Farben und nicht zuletzt die schwebende Skulptur »Die Spur des Drachens« von lutz & guggisberg prägen das Atrium als einen offenen und lebendigen Ort. Hier treffen individuelles Lernen, Begegnung und gemeinsame Erholung aufeinander – eine Atmosphäre, die Vielfalt zulässt und heitere Gelassenheit selbstverständlich erscheinen lässt.
Bildnachweis
Elisa Florian