Architektur Forum Ostschweiz

Lattich und Filetstück

Die Zwischennutzung auf dem St.Galler Güterbahnhof ist Experiment, gelebte Mitwirkung und Standortförderung. Der temporäre Lattich-Bau gibt den Aktivitäten ein Gesicht. Gleichwohl spielt Architektur eine Nebenrolle.

Beitrag vom 25. Mai 2019

Text: Christoph Wieser

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Seit 2013 erscheinen in dieser Zeitung in loser Folge Beiträge zum Thema «Gutes Bauen Ostschweiz». Weshalb ist vom «Guten Bauen» und nicht von «Guter Architektur» die Rede, wenn doch mehrheitlich architektonisch hochstehende Beispiele gezeigt werden? Der Grund ist einfach: Bauen ist nicht gleich Architektur. Während mit «Bauen» das Errichten eines Gebäudes gemeint ist, bezeichnet Architektur Bauwerke, die über die reine Zweckerfüllung hinaus einen gestalterischen, konzeptionellen und städtebaulichen Mehrwert aufweisen.

Der Nährboden für gute Architektur ist das Bewusstsein, dass die Baukultur einen wesentlichen Teil zum Selbstverständnis und damit zur Lebensqualität in einem Land beiträgt. Aus diesem Grund ist deren breite Förderung wichtig. Deshalb ist es begrüssenswert, dass Bundesrat Alain Berset 2018 die Baukultur zu einem Leitthema seines Präsidialjahres erklärt hatte. Seither arbeitet das Bundesamt für Kultur an einer verbindlichen Strategie zur Baukultur. Wie in dieser Artikelserie wird auch dort zu Recht der Begriff weit gefasst und reicht von der Vermittlung über die Bauproduktion bis zur Raumentwicklung.

Die Zwischennutzung «Lattich» auf dem Güterbahnhof-Areal in St. Gallen zeigt exemplarisch, wie Bauen auch die Pflege und den Aufbau von Gemeinschaft meint. Wie Menschen im Dialog miteinander, mit Behörden, Grundeigentümern und Investoren «von unten» eine Planung anschieben können, die Lebensfreude weckt und Kooperationen ermöglicht. Wie gelebte Baukultur aussehen kann, die nur zu einem Teil aus eigentlichem Bauen besteht.

Zwischennutzung als Standortförderung

In St. Gallen gibt es nur noch wenige grössere Entwicklungsgebiete. Das Filetstück dieser begehrten Flächen ist das Güterbahnhof-Areal. Seit 2016 ist es unter dem Namen Lattich bekannt. Die Bezeichnung ist Programm: Wie die Pionierpflanze Huflattich Brachen und Bahngleise erobert, so belebt das Lattich das Gebiet des stillgelegten Güterbahnhofs auf sich stetig verändernde Weise. Seit April hat die zeitlich begrenzte Nutzung eine neue Dimension erreicht. Ein dreigeschossiger Holzmodulbau bietet den Mietenden Raum auf Zeit. Die Chance zur Etablierung einer vielfältigen Zwischennutzung ergab sich im Zusammenhang mit der übergeordneten Verkehrsplanung. Ein Tunnel soll von der A1 Richtung Appenzell führen. Im Bereich Güterbahnhof sind Ein- und Ausfahrten geplant. Deshalb ist in den nächsten Jahre keine definitive Nutzung möglich.

Rolf Geiger, Geschäftsleiter der Regio Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee, erkannte das Potenzial. Zusammen mit Gabriela Falkner, Kulturmanagerin, sowie Marcus Gossolt und Philipp Lämmlin von der Alltag Agentur initiierte er das Projekt Lattich, das mit einer Sommernutzung eines Teils der Güterbahnhof- Halle begann. Als Startkapital diente dem Konsortium, das sich 2017 zu einem Verein formierte, das Preisgeld des Wettbewerbes zum 150-Jahr-Jubiläum der St. Galler Kantonalbank. Ein wildes Containerdorf sollte der Zwischennutzung ein Gesicht geben, was aus ökonomischen Gründen jedoch scheiterte. Stattdessen wurde ein temporäres Bauwerk für die Kreativwirtschaft anvisiert.

2018 fand Rolf Geiger mit der Blumer-Lehmann AG einen Investor, der mit anderen Partnern die private Trägerschaft des Lattich-Baus bildet. Parallel zur Planung wurden die Halle und der Freiraum weiter bespielt. Einzelne Container sowie die Hochbeete des Heks-Projektes Neue Gärten Ostschweiz sind sichtbarer Ausdruck der zahlreichen Aktivitäten, die auf dem Areal stattfinden.

Gabriela Falkner vom Verein Lattich verweist auf die Herausforderung, die das erfreuliche Wachstum der Zwischennutzung mit sich bringt: Die Schnittstellen haben massiv zugenommen, der Koordinations- und Finanzaufwand ist deutlich gestiegen. So wurden etwa bauliche Massnahmen im Bereich Brandschutz und Sanitär nötig, damit die Halle weiterhin benutzt werden konnte.

Konzeptuell denken, einfach umsetzen

Diese notwendigen, aber kaum sichtbaren Investitionen, wozu auch die Kanalisation zählt, sind bei Zwischennutzungen und temporären Bauten ein wesentlicher Kostenfaktor, wie Pascal Angehrn des Baubüros insitu erklärt. Angehrn war Projektleiter des Lattich-Baus. Das Architekturbüro hat sich mit unkonventionellen Projekten, auch für Zwischennutzungen, einen Namen gemacht. Soll möglichst günstig gebaut werden, braucht es Mut zu radikalen Lösungen, zum Verzicht auf gewohnten Standard und die Setzung klarer Prioritäten. Die Architektur bleibt im Hintergrund, ermöglicht aber Vieles.

So ist beim Lattich-Bau die Erschliessung geräumiger als notwendig ausgeführt: Der Laubengang weist zur Förderung der Kommunikation Ausweitungen auf. Er ist aber wie die Treppe kostengünstig aus Elementen des Gerüstbaus zusammengesetzt; die Brüstungen sind mit Maschendraht bespannt.

Qualitativ hochwertig sind die Holzmodule. Ihre Lebensdauer ist deutlich länger als die zehn Jahre, für die das Baurecht gilt. Mit der Blumer-Lehmann AG konnte ein Spezialist des vorfabrizierten Modulbaus als Hauptpartner der Bauträgerschaft gewonnen werden, der die Teile später anderweitig verwenden wird. Zur Kostensenkung wurden die Module den Mietern im Rohbau überlassen. Es gehört zum Konzept, dass die Räume individuell angeeignet werden. Vielfalt ist das Ziel.

Die einheitliche Bekleidung des Gebäudes mit gelben Schalttafeln, die auf den temporären Charakter verweisen, bindet das Ganze gestalterisch zusammen. Zudem wurde auf dem Dach ein rätselhafter, leicht über die Fassade kippender Holzcontainer platziert, der dem einfachen Bau einen zeichenhaften Charakter geben soll. Nun beginnt eine neue Phase der Zwischennutzung. Erstmals spielt dabei Architektur eine Rolle: als Ausdruck eines Experimentes, einer Stadtentwicklung der anderen Art.

Bildnachweis

Hanspeter Schiess

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