Architektur Forum Ostschweiz

Hängende Gärten von Kempraten

Die Patiosiedlung Jonagold bietet klassische Einfamilien­haus­qualitäten in einer gemeinschaftlich gedachten Struktur mit grosser räumlicher Vielfalt. Inspiriert von mediterranen Stadt­anlagen verbindet sie verdichtetes Bauen mit lebendigen Frei­räumen für unterschiedliche Lebens­entwürfe.

Beitrag vom 30. April 2026

Text: Rahel Lämmler

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Kempraten geht auf die römische Siedlung Centum Prata, was «Hundert Wiesen» bedeutet, zurück, die am Ostufer des Zürichsees um 40 n. Chr. als Strassen­siedlung entstanden ist. Eine der letzten (hundert) Wiesen in Kempraten, heute ein Ortsteil der Gemeinde Rapperswil-Jona, diente bis 2021 als Weide­fläche für Pferde. Der bauliche Kontext widerspiegelt die suburbane Siedlungs­entwicklung der 1970er-Jahre: Abgetreppte zweigeschossige Reihenhäuser, aber auch grössere Solitär­bauten prägen das Quartier. Auf dem 6200 Quadrat­meter grossen Bauland hätten analog zur Nachbar­bebauung etwa 12 Einzel- oder Doppel­häuser mit Abstandsgrün und Stichstrassen verteilt werden können. Doch bei Grundstücken dieser Grösse ermöglicht im Kanton St. Gallen ein Sonder­nutzungsplan rund 20 Prozent mehr Ausnützung und gestattet von nummerischen Regeln für die Wohnzone abzuweichen, um eine höhere städte­bauliche Qualität zu erreichen.

Der Eigentümer, ein ETH-Ingenieur, Baurechtsexperte und Nachbar, organisierte 2018 mit Unterstützung seiner Kinder und professioneller Begleitung einen anonymen Studien­auftrag, zu dem er fünf Teams einlud. Die Aufgaben­stellung fokussierte auf attraktive Freiräume mit Spiel- und Begegnungs­flächen für alle Altersstufen. Ausserdem sollten die Häuser über private Garten­sitzplätze, Loggien, Balkone oder Dach­terrassen verfügen.

Kein Widerspruch: Einfamilien­hausqualität und hohe Dichte

Gemeinsam überzeugten Raum­findung Architekten aus Rapperswil und Zwischenraum Landschafts­architektur aus Altendorf die Jury mit einem zukunfts­weisenden Konzept. Dem Team gelang es, die Vorzüge eines Einfamilien­hauses wie viel Privatheit, Wohnen im Erdgeschoss und grosszügigen Gärten in eine verdichtete Wohn­anlage mit Geschoss­wohnungen und gemeinschaftlichen Möglichkeits­räumen im Freien zu überführen. Aus der Vogel­perspektive erinnert die städte­bauliche Setzung aufgrund der zusammen­hängenden Struktur an Städte wie Marrakesch sowie an «Teppich­siedlungen», also Anlagen, bei denen Wohnhäuser so dicht und flächig angeordnet sind, dass die Draufsicht an einen Teppich erinnert.

18 kompakte zwei- bis dreigeschossige Häuser sind in fünf Gruppen rechtwinklig zueinander entlang einer zentralen verwinkelten Gasse angeordnet, die als räumliches Rückgrat der Anlage mit zwei gemein­schaftlichen Plätzen fungiert. Mit einem Brunnen und einem Schachbrett ausgestattet, laden diese zum Spielen, Treffen und Verweilen ein.

Drei bis fünf Wohneinheiten teilen sich jeweils einen Patio, der kleinteilige Nachbar­schaften bildet und entsprechend individuell bespielt und möbliert werden kann und auch soll. Jede Haus­gemeinschaft nutzt einen gemeinsamen Zugang zur Tiefgarage, der über den Hof ins Treppen­haus führt. Dank des Sonder­nutzungs­plans entfällt ein standardisierter Kinderspiel­platz: Die gesamte Wohnkomplex mit den öffentlichen und halb­öffentlichen Bereichen eignet sich als Spiel- und Aneignungs­raum.

Im Unterschied zu Teppich­siedlungen der 1950er- bis 1970er-Jahre wie Halen von Atelier 5 in Bern oder Kammelenberg von Danzeisen Voser oberhalb von St. Gallen mit ein- bis zwei­geschossigen Häusern und ausgeprägter horizontaler Ausdehnung setzt die neue Wohnanlage auf mehr bauliche Dichte und eine spielerische Höhen­entwicklung. Der Mix aus 3,5- bis 6,5-Zimmer­wohnungen eignet sich zudem für unterschiedlichste Lebensentwürfe.

Bemerkenswert ist, dass alle Wohnungen über grosszügige Gärten verfügen und räumlich reizvoll als Maisonette oder mit überhohen Wohn­bereichen ausgebildet sind. Den 14 Wohnungen im Erdgeschoss ist im Durchschnitt je eine Garten­fläche von 150 Quadratmetern zugeschrieben. Die Qualität des bodennahen Wohnens wird für die 10 Wohnungen in den Ober­geschossen geschickt auf die Dach­gärten, in Analogie zu den hängenden Gärten von Babylon, transferiert: Dem Wohn- und Esszimmer sind hier etwa 100 Quadrat­meter grosse Freiräume vorgelagert, die zur Hälfte als Garten mit üppiger Bepflanzung und sogar Bäumen gestaltet sind. Statische Verstärkungen der Decken­platte ermöglichen einen ausreichend hohen Bodenaufbau mit Humus­schicht und wasserspeicherndem Substrat, damit das Grün auch wirklich gedeihen kann.

Gemeinschaftsleben und Rückzug

Wie gelingt nun die Gratwanderung zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft? Ein in unseren Breiten­graden wenig verbreitetes Element wird hier mit viel Geschick überraschend, aber überzeugend eingesetzt: Kopfhohe Sichtbeton­mauern begleiten den zentralen Weg und leiten mit Öffnungen in die halb­privaten Höfe über. Sie sind nicht einfach Trenn­elemente, sondern raum­wirksam mit Sitz­nischen verfeinert und mit Briefkästen bestückt, zu Fahrrad­unterständen erweitert oder begrünt. Als Teil der Architektur gewährleisten sie nicht nur im Erdgeschoss eine hohe Privatsphäre, sondern auch auf den Dach­gärten. Anstelle von herkömmlichen Brüstungen generieren ebenfalls geschosshohe Einfassungen Privat­sphäre und Rückzugs­orte, wobei präzise gesetzte «Fenster» die Landschaft als Bilder rahmen, Blicke bis in die Alpen inszenieren und Kontakte mit der Nachbar­schaft zulassen. Im Bewusstsein, dass die Bebauung als Insel in Erscheinung tritt, sind die Über­gänge zum Quartier weich und durchlässig gestaltet. Hier sorgen Bäume und Sträucher für Privatsphäre.

Der eigenständige Ausdruck der Anlage setzt sich in der Fassaden­gestaltung fort. Farbigkeit und Materialität der Umgebung werden aufgenommen und neu interpretiert. Das Einstein­mauerwerk ist innen und aussen in hoch­wertiger Ausführung verputzt. Ein handwerklich anspruchsvoller Zahntraufel­putz mit weisser Vertikal­struktur betont die Dach­gärten, während die Wohn­einheiten in drei unter­schiedlichen Farben mit jeweils differenzierter Helligkeit und grob­körnigem Besen­strich ablesbar bleiben. Als Kontrast zu den schlichten Fassaden sind die ornamentalen Staketen­geländer und Sicht­schutz­elemente sowie Klappläden bewusst spielerisch eingesetzt.

Die Wohnanlage am Obstgartenweg zeigt anschaulich eine Alternative zu den gängigen unternutzten Einfamilien­haus­quartieren auf, die trotz Verdichtung die Privat­sphäre nicht vermissen lässt und für die Gemein­schaft attraktive Orte schafft.

Bildnachweis

Elisa Florian

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