Getrennt gemeinsam und mit guter Aussicht
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St. Gallen die Quadratur des Kreises.
Beitrag vom 28. Mai 2026
Text: Ursula Badrutt
- ← Übersicht
- ← Karte
- → Vorwärts
- ← Rückwärts
Egal, aus welcher Richtung die Annäherung an den Dreifachkindergarten und die Tagesbetreuung erfolgt, sie wird zu einem kleinen Freizeiterlebnis. Durchlässig und zugänglich angelegt, korrespondieren die Wege mit dem architektonischen Programm. Von der Iddastrasse herkommend den schmalen Schubertweg hoch erste Blicke auf die Holzstruktur des Gebäudes, am Sportplatz vorbei, das Primarschulhaus Gerhalde von 1907 an der Lessingstrasse und die Turnhalle von 2013 umrundend. Dann mit Blick ins reizvolle Tobel dem Tanneneichenbach folgend durchs Wäldchen wieder runter und nach weiteren Schlenkern schlussendlich durch den öffentlichen Spielplatz nahtlos über die sanft ansteigende Treppe rauf ins Kindergartenareal und durch die Eingangstüre in die Tagesstätte; oder besser durch zwei Eingangstüren.
Licht, schlicht, verspielt
Am von der Stadt St. Gallen ausgeschriebenen öffentlichen Wettbewerb für einen Neubau von drei Kindergärten und einer Tagesbetreuung beteiligten sich insgesamt 185 Architekturbüros. Im Sommer 2020 wurde das Siegerprojekt von Forrer Stieger Architekten aus St. Gallen als betrieblich, architektonisch und städtebaulich überzeugendster Vorschlag ausgewählt. Fünf Jahre später waren Kindergarten und die Tagesbetreuung bereits bezogen. Die komplexen Anforderungen im zu zwei Seiten abfallenden Gelände und die unterschiedliche Grösse der Nachbarbauten, aber auch die Aufgabe selbst reizten die Architekten. Es sei ihnen von Anfang an wichtig gewesen, alles unter einem Dach zusammenzuhalten, sagt Jürg Stieger. Als Folge wurde das Grundstück nicht vollständig bebaut, und ein Teil der wertvollen Landreserve blieb erhalten.
Vier gestaffelte Längskörper schmiegen sich parallel zur Hangkante an das Gelände und aneinander, wobei der oberste Baukörper ein grösseres Volumen aufweist: Die Tagesbetreuung ist zweigeschossig ausgebildet, teilweise unterkellert und reicht bis fast an den Tobelrand. Sie überragt die drei Kindergärten und stellt städtebaulich und betrieblich die Verbindung zum Sportplatz und zur Schule her. Der Zugang erfolgt talseitig über eine Art offenen Flur, der als Scharnier zum Kindergarten auch als Pausenraum bei Regenwetter dient. Zwei gleichwertige Eingänge führen in die Tagesbetreuung für vier- bis zwölfjährige Kinder. Die Verdoppelung bietet Entflechtung, gewährleistet eine fliessende Bewältigung von Kommen und Gehen zu Stosszeiten und ist im Innern mit doppelten Treppenläufen weitergeführt. Das verkürzt die Verbindungswege, gibt zusätzliche Sichtachsen frei und ermöglicht ebenso effizienzsteigernde wie verspielte Kreisläufe durchs Haus. Das Verschlungene und Verspielte setzt sich auf der Dachterrasse fort, die Gross und Klein zur Verfügung steht. Von hier aus gleitet der Blick nicht nur weit über St. Gallen, sondern auch der eigenen Dachlandschaft entlang. Aktuell begrünt und mit PV-Anlagen ausgestattet, steht sie Nutzungsänderungen offen. Sie könnten als weitere Dachterrassen dienen oder auch aufgestockt werden.
Ging es bei der Ausschreibung noch um 60 Kinder, erhöhte sich deren Anzahl bereits während der Planungsphase auf 85. Die flexible Modulstruktur erlaubte eine rechtzeitige Planänderung: Um mehr Raum für Essen, Spielen und Lernen zu bieten, wanderte der anfangs im Obergeschoss geplante Bewegungsraum, nun fensterlos, ins Untergeschoss. Geeignet für Sport und Austoben, verfügt er auch über die Atmosphäre eines Proberaums für Bands oder anderes. Der zentralen Bedeutung der Küche im Erdgeschoss wird durch Einblicke von aussen wie innen Rechnung getragen. Überhaupt sind die Transparenz und die lichte Leichtigkeit im ganzen Gebäude augenfällig. Alle scheinen sich wohlzufühlen und gerne hier zu sein.
Flexibel, fluid, verbindend
Dass sich die Bedürfnisse schnell ändern können, war den Architekten bewusst. Der modulare Skelettbau ist als Holzfachwerk in Lärche ausgebildet und prägt die Struktur von Tagesbetreuung und Dreifachkindergarten. Es sind kaum tragende Wände vorhanden. Dies ermöglicht einerseits eine Anpassung der Raumaufteilung, andererseits sind raumhohe Fensterfronten möglich, die mit umlaufendem Oblicht versehen sind und ihrerseits die Gebäudeteile verbinden. Diese Fensterbänder holen nicht nur Licht der Hangneigung entlang in die Räume, sondern ermöglichen auch Sicht- und Blickkontakte, verstärken das Gefühl von Zusammengehörigkeit, ohne an Intimität einzubüssen. Sanitär- und Stauräume sind als von der Struktur losgelöste Boxen ausgebildet und über Treppen besteig- und als Spielraum benutzbar. Sie unterstützen die Gleichzeitigkeit von Gemeinschaftsaktivität und Eigenständigkeit.
Auch im Freien verfügen die drei eingeschossigen Kindergartensegmente beidseitig über eigene Spielbereiche und Eingänge, die über Treppen miteinander verbunden sind. Die unterste Einheit ist barrierefrei zugänglich.
Mit grosser Selbstverständlichkeit ist auf der Eingangsseite des Dreifachkindergartens der Beitrag des in Berlin lebenden Ostschweizer Künstlers Rolf Graf positioniert. Die sechs ringartigen, beweglichen Objekte aus Polymergips wurden während des Aufrichtens in die horizontalen Balken eingeschlauft. Sie brechen verspielt die orthogonale Struktur, erinnern an Zählrahmen, Perlenschnur, Glücksbringer und geben als eine Art Nummerierung von eins bis drei auch den kleinsten Nutzer:innen Orientierung. Wie ein lachendes Echo antwortet rückseitig bei der Tagesbetreuung ein eingefädelter Pneu.
Das lustvoll und klug inszenierte Zusammenspiel in sich widersprüchlicher Eigenschaften charakterisiert die Anlage durchgehend. Klare Strukturen und freier Rundlauf, Separierung und Zusammenschluss, Weitläufigkeit und kurze Wege, Geborgenheit und Offenheit, Austausch und Rückzug, grosszügig und manche Ressourcen schonend. Es sind kindergerecht zur Verfügung gestellte Erfahrungsmöglichkeiten zu Widersprüchen und Geheimnissen, die zum Leben gehören.
Bildnachweis
Ladina Bischof