Dem Wesentlichen Gehör verschaffen
Abigail Stoner und Daniel Schneider schreiben die Geschichte der 275-jährigen Casa Sogn Flurin in Luven oberhalb von Ilanz weiter – mit Traditionsbewusstsein, Affinität zum lokalen Handwerk und ansteckender Freude an der Notwenigkeit respektvoller Lebensformen.
Beitrag vom 26. März 2026
Text: Ursula Badrutt
- ← Übersicht
- ← Karte
- ← Rückwärts
«Ihr lebt ja wie im Museum!» Zunehmend überwältigt von der komplex verschachtelten und klug erneuerten historischen Substanz, fällt diese Bemerkung gegen Ende des Rundgangs durch den dreigeschossigen, am steilen Hang stehenden Strickbau. Beim Verabschieden greift die Architektin Abigail Stoner den Satz wieder auf, erfüllt vom Bedürfnis einzuordnen, zu präzisieren, zu relativieren.
«Wir haben uns dem Haus angepasst und das Haus hat sich uns angepasst», fasst sie den Recherche-, Planungs- und Bauprozess der letzten Jahre zusammen. «Letztendlich geht es um die Frage, wie wir leben wollen, welchen Werten wir uns zuwenden. Das Neue und das Alte sollen sich gegenseitig und gleichberechtigt stärken.»
Umbau als Langzeitprozess
Aber der Reihe nach: Ebenso zufällig wie selbstverständlich beginnt sich das Leben von Abigail Stoner und Daniel Schneider 2017 in parallele und sich überlagernde Bahnen zu fügen. Beide arbeiteten bei Capaul & Blumenthal Architects in Ilanz, beide interessieren sich für zukunftsträchtige Lebens- und Arbeitsweisen, und bald halten sie gemeinsam mit anderen nach Bestandsbauten Ausschau, um eine zeitgemässe, diverse und ressourcenschonende Wohn- und Lebensgemeinschaft zu realisieren.
Das seit rund 40 Jahren unbewohnte Gebäude nimmt sie in Beschlag. Es ist das älteste erhaltene Haus in Luven in der Gemeinde Ilanz/Glion, eines von elf, die den Dorfbrand 1760 überstanden. Der Schutz des Heiligen Florian ist heute im Namen des Haues festgeschrieben: Casa Sogn Flurin. Der Eigentümer überlässt ihnen bald die Schlüssel – zunächst für Recherchezwecke. So beginnt 2020 ein intensiver, auch künstlerischer Prozess der Annäherung. Erfahren in Bauforschung, Denkmalpflege sowie klassischer und experimenteller Archäologie unter anderem in Jordanien und im Sudan erforschen Abigail Stoner und Daniel Schneider das Baudenkmal zeichnend, beobachtend, hörend, tastend und auch indem sie zahlreiche weitere Personen, darunter frühere Bewohnende, einbeziehen.
2022 können sie das Haus erwerben. Basierend auf verschiedenen Analysen beginnen sie mit den Restaurierungs- und Erneuerungsarbeiten und gründen 2023 im Zuge dessen das Büro Schneider Stoner Architects.
Bereits der Blick von aussen gibt Informationen preis. Die Lage unmittelbar unterhalb der Kirche Sogn Flurin legt eine Nutzung als Pfarrhaus nahe, eine Vermutung, die im Innern durch einen neu entdeckten, gemalten floralen Lebenszyklus über alle vier Wände der Stube im zweiten Stock bestärkt wird. Der Strickbau ist so gut erhalten, dass die ursprünglichen Fensterformate mit den rahmenden Würfelfriesen noch zu erkennen sind. Die Türstürze des Doppelhauses sind den regionalen Gepflogenheiten der Zeit entsprechend als Eselsrücken geschwungen, die Pfetten als Pferdeköpfe ausgebildet. Beim ursprünglich zweigeschossigen Haus wurde der mit der Jahreszahl 1753 versehene Balken mit der Aufstockung Ende des 18. Jahrhunderts als Dachbalken wiederverwendet.
Aura und Archaik
Ganz fertig ist der Umbau auch zwei Jahre nach dem Bezug nicht – der offene Raum zum neu errichteten Waschhaus soll künftig winterfest gemacht werden können. Der Fachwerkbau an der Nordseite ersetzt den Geräteschuppen und ein Plumpsklo mit einfachen, aber hochwertigen Waschräumen. Das Waschhaus zeigt die Experimentierfreude auf der Grundlage althergebrachten Wissens und wiederbelebter Techniken besonders eindrücklich. Es ist mit Stampfhanfkalk gedämmt, den sie gemeinsam mit Freundinnen, Nachbarn und Familie in einer zweiwöchigen Performance eingebracht haben. Wasserabweisende Kalkputz-Oberflächen sind mit Opal, Olivenöl und Seife behandelt. Eine selbst ertüftelte Neukombination? «Die sehr alte Technik der Kalkglätte wissen in der Schweiz heute nur noch wenige Personen anzuwenden. Bei uns hat Johannes Wetzel aus dem Unterengadin diese Arbeiten angeleitet», präzisiert Daniel Schneider.
Wir betreten das Haupthaus im Erdgeschoss. Aura und Archaik begrüssen im dunklen Vorraum, der vom unebenen, felsigen Boden geprägt wird – ein die Nordwestecke des Hauses tragender Findling aus der Zeit des Flimser Bergsturzes vor über 9000 Jahren. Aura und Archaik setzen sich in der Küche fort. Schneider Stoner sprechen von «Feuerraum» und «Luftraum». Durch den Verzicht auf die ehemalige Küche im Obergeschoss ist dieser Raum neu überhoch. Die russgeschwärzten vormals offenen Feuerstellen sind nun eine funktionale, zeitgemässe Wohnküche von hoher atmosphärischer Qualität. Es gehört zu den denkmalpflegerisch neuen Erkenntnissen, dass das Schwarz der Küchen nicht nur Russ, sondern auch ein Anstrich ist, möglicherweise um Fliegen fernzuhalten.
Hier wird der grosse Natursteinofen eingefeuert, der die beiden südlichen Erdgeschossräume sowie die Stube darüber wärmt und den Schneider Stoner mit viel Aufwand wieder in Betrieb genommen haben. Anfang des 20. Jahrhunderts diente dieser Trakt der PTT als Warteraum und Postbüro. Heute sind dort die Büroräume von Schneider Stoner eingerichtet: anstelle grosser Monitore viele kleine Modelle, ein offenes Notiz- und Skizzenbuch, an den Wänden Informationen zu aktuellen Umbauten.
«Wir pflegen wo möglich das Analoge, zeichnen gerne von Hand», kommentiert das Architektenpaar den neugierigen Blick der Besucherin. Als halböffentliche Zone stehen diese Räume auch Dritten zur Verfügung. In der Etage darüber befinden sich Stube und Bibliothek der vierköpfigen Wohngemeinschaft. Im obersten, ostseitig auskragenden Stockwerk dann die vier kargen Schlafkammern, alle mit einer Art Binnengiebel im Dachstock in die Höhe gezogen, nordseitig gezimmert, südseitig mit zeltartig gespanntem Hanftuch.
Auf Schritt und Tritt widerspiegeln ebenso pragmatische wie respektvolle und mutige Entscheide Könnerschaft, Empathie und Weltbewusstsein. Ob Fenster aus dem abgebrochenen Nachbarhaus, eine in die bemalte Strickwand geschnittene neue Verbindungstür oder der mit Treppen und Brücken verbundene Waschhaus-Anbau: Die Lust, Althergebrachtes neu zu interpretieren, und die selbstverständliche Notwendigkeit ökologischer Kreislaufsysteme sind der Grundstock dieser Baukultur. «Es ist unser Glück, dass wir hier so viele Gleichgesinnte gefunden haben. Ohne das grosse Fachwissen der zahlreich beigezogenen spezialisierten Handwerkerinnen und ohne die vielen freiwilligen Helfer wäre die Wiederbelebung der Casa Sogn Flurin nicht möglich geworden.»
Bildnachweis
Ladina Bischof