Architektur Forum Ostschweiz

Aus eins mach zwei

Einfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren sind ein interes­santes architek­tonisches Experimentier­feld. Mit dem Haus Bretscha in der liechten­steinischen Gemeinde Schaan ist Dominic Spalt Architektur eine ebenso sensible und zu­rück­haltende wie prägnante und pragmatische Ver­wand­lung in ein Mehr­generationen­haus gelungen.

Beitrag vom 29. Januar 2026

Text: Ursula Badrutt

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Vom Busbahnhof Schaan der Architekten Ritter Schumacher aus gesehen fällt das weisse Haus von statt­licher Grösse mit den hellrot leuchtenden Gitterstrukturen zumindest zur laublosen Jahreszeit gleich ins Auge. Doch mit dem Näher­kommen verschwindet es zwischen mächtigen Geschäfts- und Büroneubauten und abschirmendem Gemäuer und Gebüsch. Die beein­druckende Erscheinung erinnert an den Scheinriesen Herr Tur Tur in Michael Endes Buch «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» aus derselben Zeit, den 1960er-Jahren: aus Distanz übergross und mächtig, aus der Nähe freundlich, respektvoll, gesellig, bloss etwas einsam.

Das Widersprüchliche setzt sich fort, etwa in den schmied­eisernen Fenster­gittern im Erdgeschoss und dem präzis gesetzten und leicht ausgrätschenden Aussen­aufgang auf der Nord­seite. Das irritiert. Wirkt das Haus Bretscha abweisend oder anziehend? Die Haustür im Obergeschoss öffnet sich. Die Frage klärt sich im Nu: Hier wird Zugänglich­keit, Nonchalance und Pragma­tismus nicht behauptet, sondern gelebt. Wohlbefinden statt Bluff. Endes Schein­riese zwinkert erneut durch die Jahrzehnte und lockt in den lichten Wohnraum.

Bauen im Bestand

Grund- und Ausgangslage für die Verwandlung des Einfamilien­hauses mit Umschwung und Pool in ein Mehr­generationen­haus ist die Über­zeugung des Architekten Dominic Spalt, dass bestehende Bauten dieser Art mehr Wohn­raum für mehr Parteien bieten können. Auch familien­organisatorische Vorteile liegen auf der Hand. Zudem schont Bauen im Bestand den umliegenden Frei­raum und andere Ressourcen. Bestehendes umbauen und erweitern, statt abreissen und neu bauen, hat auch im Bereich des noch immer als erstrebens­wert beworbenen Ein­familien-Eigenheims viel Potenzial, ist Dominic Spalt überzeugt. Das Abwägen und Aushandeln unterschiedlicher Aspekte und Bedürfnisse spielt dabei eine wichtige Rolle.

Selbst im liechtensteinischen Ruggell aufgewachsen und für die Ausbildung zum Architekten an der Hoch­schule Luzern auf dem zweiten Bildungs­weg weg­gezogen, lebte der gelernte Bau­zeichner in den vergang­enen Jahren mit der vierköpfigen Familie in Zürich Wiedikon. Gemeinsam mit seiner in Schaan aufge­wachs­enen Partnerin plante er ins Ländle zurück­zukehren, aber die beiden fanden keinen passenden Alt­bestand – bis sich das Elternhaus der Partnerin im zentral gelegenen Quartier Bretscha als valables Objekt heraus­stellte. Der Schwieger­mutter war das Haus, das sie mit dem damaligen Partner um 1980 erworben hatte, stets etwas zu geräumig gewesen und nun definitiv zu gross geworden. Sie erklärte sich zu einem Umbau bereit.

Gezielte und pragmatisch umgesetzte Eingriffe

So erweiterte Dominic Spalt als Architekt, Bauleiter und Teil der Bauherr­schaft mit gezielten Eingriffen das einstige Ein­familien­haus an bester und begehrter Lage mit einer zweiten Wohn­einheit für sich und seine Familie zu einem Mehr­generationen­haus. Abgesehen von der Integration der durch ihren Wohnteil führenden Steigzone der Haustechnik und das Abtreten der oberen Schlafzimmer, kam es im Bereich der langjährigen Bewohnerin zu keinen nennens­werten Änderungen. Auch konnte sie während der so kurz wie möglich gehaltenen Bauphase praktisch umstandslos wohnen bleiben – Hinweise auf den respektvollen zwischen­menschlichen Umgang.

Das frühere flache Satteldach des Ein­familien­hauses mit niedrigem Dach­boden wurde grosszügig ange­hoben, sodass im Giebel Platz für eine Galerie geschaffen wurde. Deren Fenster zieht sich vom neu gebauten Haupt­raum hinauf und gibt den Blick auf die felsige Berg­kette der Drei Schwestern frei. So stehen wir nun in einem grosszügigen, offenen Wohn­raum samt Küche, Ess- und Werktisch, Sitzecke, mit von zwei Seiten begeh­barem Bad-WC-Bereich und viel Spiel-, Bewegungs-, Zirkulations-, aber auch Stau­raum. Wie ein die beiden Wohn­­einheiten zusammenhaltender Spiess stösst der Kamin durch das Raum­volumen und schafft eine optische Vertikal­verbindung.

Blattwerk als Temperaturausgleich

Nach Süden öffnet sich der neu geschaffene Raum auf eine geräumige Terrasse. In einer Art Pavillon-Gestänge spannt sich eine Giebel­silhouette darüber. Es ist neben dem Treppen­zugang zum Hoch­eingang das zweite von drei markanten, die Struktur des Hauses zitierenden Stahl­elementen, die mittels der roten Farbig­keit dem trans­formierten Wohnhaus Aufmerksam­keit geben und die Eingriffe nach aussen selbstbewusst signalisieren. Das dritte Klammer­element befindet sich vor den Schlaf­zimmern, bildet eine mit Well­blech gedeckte und auch vom Wohn­raum her direkt betretbare Veranda mit Wendel­treppe an der süd­westlichen Ecke, die direkt in den gemeinsam zu nutzenden Garten- und Pool­bereich führt. Dieser Schlaf- und Kinder­zimmertrakt entspricht weit­gehend dem ursprünglichen Gebäude. Die Kinder schlafen im ehemaligen Kinder­zimmer ihrer Mutter. Der frühere Aufgang in den einstigen Dach­boden ist zum Regal geworden.

Die roten, rhythmisch gesetzten Gitter­strukturen auf der Südseite sind weit mehr als Markierungen. Sie geben sowohl der vierzigjährigen Glyzinie als auch den neuen Kletterpflanzen Halt. Wie der grosse Tulpen­baum im Garten verlieren sie alle im Herbst die Blätter und lassen im Winter die wärmende Sonne ins Haus. Im Sommer aber bilden sie nicht nur einen Sicht­schutz, sondern sind in erster Linie Schatten­spender und willkommene Temperatur­regler.

Bauen wie kreatives Kochen mit Resten

«Wir haben unzählige pragmatische Entscheide getroffen und mussten oft auch kurzfristig handeln», erinnert sich Dominic Spalt. Der unter vielen Schichten hervorgeholte Unterlags­boden im Schlaftrakt ist nun abge­schliffen, nicht flick­stellen­frei, aber charmant und bereit für den Familien­alltag. Über­gänge bleiben sichtbar «wie Narben». Marmor­abdeckungen und Lavabos sind erhalten und neu eingesetzt worden. Gleich­zeitig entspreche dieser Pragma­tismus aber seiner tiefen Über­zeugung und auch seiner Vor­stellung von Poesie. Er koche lieber aus dem Rest­bestand des Kühlschranks ein Menu als sämtliche Zutaten neu einzukaufen, gesteht der Archi­tekt. «Meine Ambition liegt im Aus­loten dessen, was vorhanden ist. Das inspiriert mich mehr. Und macht sehr Freude.» So geht es weiter mit dem Bauen im Bestand, ein nächster Um- und Erwei­terungs­bau in Balzers ist bereits in Planung.

Bildnachweis

Elisa Florian

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