Architektur Forum Ostschweiz

Den Diamanten geschliffen – oder: Wie die Sanierung eines Baudenkmals ein Dorf aufblühen lässt

Volker Marterer und die Genossenschaft Alterswohnungen Linth haben dem mittelalterlichen Gebäudekomplex «Beuge» in Näfels zu neuem Glanz verholfen. Die Sanierung zeigt, dass altersgerechtes Wohnen in einem Baudenkmal möglich ist. Und sie erfüllt einen ganzen Ort mit Stolz.

15.09.2022 von Elias Baumgarten

Die Fassaden heruntergekommen und vom Verkehr verdreckt, die meisten Fensterläden und Storen zugezogen, auf dem kleinen Vorplatz Gestrüpp – als die Genossenschaft Alterswohnungen Linth (GAW) die Liegenschaft «Beuge» 2013 kaufte, deutete wenig darauf hin, welch Juwel sie erworben hatte. Und so war zunächst angedacht, die beiden miteinander verbundenen Häuser, das «Hauserhaus» im Süden und die «Beuge» im Norden, abzubrechen. Doch dann zeigte eine dendrochronologische Holzaltersbestimmung, dass die Anlage auf zwei gotische Wohntürme aus dem Jahr 1415 zurückgeht. Diese entstanden infolge der Schlacht bei Näfels von 1388. Erhaltene Schiessscharten zeugen noch von ihrem wehrhaften Charakter. Die «Beuge» erzählt die Geschichte von Näfels und des ganzen Glarnerlands, wie weitere Untersuchungen zeigen sollten: Mitte des 16. Jahrhunderts wurde um den nördlichen Turm, von dem bis heute drei Etagen erhalten sind, ein dreigeschossiges Wohnhaus gebaut. In den Jahren 1564 und 1565 entstand auch um den anderen Turm, von dem noch zwei Stockwerke vorhanden sind, ein Wohnhaus. Einige Dekaden später wurde das südliche Haus vergrössert und aufgestockt. In den Häusern wohnten reiche Patrizierfamilien, die zur Glarner Oberschicht gehörten. Die Bauten waren wichtige Orte des gesellschaftlichen Lebens. Im 17. Jahrhundert verband man sie miteinander, und das nördliche Haus erhielt eine Fassade im Stil des Barock. Während die historischen Fassaden in den 1950er-Jahren achtlos heruntergeschlagen wurden, blieb die wertvolle Substanz im Inneren, unter neueren Einbauten verborgen, bewahrt.

Alterswohnungen in einem Denkmalobjekt – eine utopische Idee?

Doch das Wissen um die geschichtliche Bedeutung stellte auch eine Herausforderung dar. Denn wie sollten 12 alters- und invalidengerechte Wohnungen sowie Gewerbeflächen in einem Baudenkmal Platz finden, das von einmaligem historischem Wert ist? Wie sollte man dabei heutigen Normen gerecht werden, etwa zum Brand- und Lärmschutz, und zeitgenössische Komfortansprüche befriedigen? Nachdem unter anderem das Zürcher Büro ruggero tropeano architekten im Auftrag der Denkmalpflege bereits eine Studie zur Nutzung der Häuser ausgearbeitet hatte, wurde 2018 Volker Marterer (DOM, Chur und Mollis) mit einer weiteren Konzeptstudie beauftragt. Sein Umbau des spätmittelalterlichen «Zwickyhauses» im benachbarten Mollis (2016–2018) hatte die Verantwortlichen der GAW überzeugt.

Marterers Konzept sah vor, die historische Substanz herauszuschälen und den barocken Charakter der Innenräume wiederherzustellen. Dafür wurden die Ein- und Anbauten aus dem 20. Jahrhundert entfernt. Äusserlich erhielt der südliche Gebäudeteil den Charakter der Spätgotik zurück, der nördliche jenen der beginnenden Renaissance. Bei der Wiederherstellung der Fassade kam ein spezieller Dämmputz zum Einsatz. Die Fenster zur stark befahrenen und lauten Hauptstrasse erhielten eine Fünffachverglasung. Zentrales Element der Sanierung ist ein schmuckvolles Treppenhaus mit Liftanlage im Verbindungsbau. Es erschliesst alle Wohnungen und Nebenräume in den unterschiedlich hohen Geschossen barrierefrei. Auf der Gebäuderückseite wurden die Aborttürme durch gedeckte Terrassen und Loggien ersetzt.

Im Erdgeschoss wurde neben Gewerberäumen ein öffentliches Café mit Bäckereiverkauf eingerichtet. Eine Etage höher befinden sich Gemeinschaftsräume und Büros in den wertvollen gotischen Stuben. Zudem bietet die Stiftung Ferien im Baudenkmal eine Ferienwohnung im Haus an, und auf eine Gästewohnung im Dachgeschoss können alle Parteien zugreifen. Vor dem Haus ist ein kleiner Platz entstanden, aufgewertet durch einen historischen Brunnen, der aus Glarus Süd stammt.

Räumliche Komplexität und atmosphärischer Reichtum

Alle Wohnungen sind mit neuen Bädern und Küchen zeitgemäss ausgestattet und weitestgehend barrierefrei. In jeder ist historische Bausubstanz sichtbar. So finden sich beispielsweise barocke Deckenverkleidungen, gotische Bohlendecken und fein gearbeitete Halbsteinsäulen. Die Oberflächen scheinen unzählige Geschichten zu erzählen, sie laden zum Spurenlesen ein und beflügeln die Fantasie. Weil die Anlage über die Zeit immer wieder umgestaltet wurde, ist ihre räumliche Struktur komplex und vielfältig, man kann sich im besten Sinne in ihr verlieren. Gerade in den Wohnungen unter dem Dach erzeugen zuweilen schiefe Wände und Böden, unerwartete Öffnungen und Durchblicke eine labyrinthische Raumfolge. Das Haus eröffnet im Inneren eine eigene Welt, losgelöst von der Umgebung, die Geborgenheit vermittelt. Faszinierend ist, wie ausgeprägt jede Wohnung, jedes Büro- und jeder Geschäftsraum eine eigene Atmosphäre hat, einen eigenen Charakter, ja einen eigenen Geruch verströmt.

Ein Haus für die Dorfgemeinschaft

Durch Näfels wälzt sich täglich eine Blechlawine. Pendler, Touristen und Lkw sorgen für ein extremes Verkehrsaufkommen. Die Lärmbelastung ist hoch, die Fahrzeuge hinterlassen auf den Fassaden der Häuser dicke Feinstaubschichten. Die Gemeinde ist ein Durchgangsort. Und das prägt die Menschen: Viele halten ihr Dorf für unschön. Doch mit der Sanierung der «Beuge» hat sich das verändert. Das prächtige Bauwerk macht sie stolz. Seit der Fertigstellung ist das Interesse enorm: Am Tag der offenen Tür war der Andrang riesig, und auch Monate später bleiben immer wieder Passanten vor dem Haus stehen, staunen, nehmen es von allen Seiten in Augenschein. Erfolgreich ist auch das Café im Erdgeschoss, das gerade von Einheimischen sehr gut angenommen wird. Es trägt wesentlich dazu bei, den städtischen Raum rings um das Baudenkmal wiederzubeleben. Manche mögen relativieren, für die Sanierung sei ein aussergewöhnlicher Aufwand betrieben worden – die Genossenschaft konnte dank Gönnern und der öffentlichen Hand viele Millionen Franken in das Projekt stecken, in Planung und Umsetzung wurden besonders viel Zeit und Leidenschaft investiert. Freilich, nicht immer ist das möglich. Doch der Umbau beweist, wie vielfältig und kreativ Baudenkmäler weitergenutzt werden können. Und vor allem zeigt er, welche Kraft Architektur entfalten kann, wenn die Qualitäten des Bestands und sein geschichtlicher Wert erkannt und mit Fingerspitzengefühl und Gestaltungswille herausgearbeitet werden. Es macht Hoffnung, dass sie selbst Menschen zu berühren vermag, die sich vormals kaum für die Gestaltung ihrer gebauten Umwelt und den Erhalt gewachsener historischer Bausubstanz interessierten.

Bilder: Hanspeter Schiess