Architektur Forum Ostschweiz

Ein Bauernhaus trotzt der Zeit

Das Zithus steht seit Jahrhunderten in der Innerrhoder Hügellandschaft. Nun wurde es mit viel Liebe zum historischen Detail renoviert.

29.01.2022 von Jenny Keller

Von der Sonnenuhr, die einst an der Südfassade angebracht war, fehlt heute jede Spur. Sie gab dem Haus einst seinen Namen: Zithus. Es steht seit vielen Jahrhunderten in  der beschaulichen Hügellandschaft von Appenzell Innerrhoden und ist gar nicht in der Zeit stehengeblieben. Die geschichtsträchtigen Mauern – ein Wehrturm aus dem 9.  Jahrhundert ist in das Bauernhaus von 1594 (Umbau in 1652) integriert – bewohnt nach dem Umbau eine 6-köpfige Bauern- und Unternehmerfamilie. Das Haus steht unter nationalem Denkmalschutz als eines der wichtigsten Häuser in der Region und ist demnach auch in seiner Struktur geschützt.
Dass die Besitzerfamilie die Architektin Jeanette Geissmann mit Gloor Gottardo Baumanagement für den Umbau des Zithus beauftragte, ist keine Selbstverständlichkeit. Der  Grund dafür war die hohe Schutzstufe des Gebäudes. Es ist unüblich, dass für solche Bauaufgaben in der Region eine Architektin beigezogen wird, vieles passiert in Eigenarbeit, wobei Zimmerleute einen Grossteil der Umbauarbeiten übernehmen.
Der Eigenaufwand der Bauherrschaft bei den Bauarbeiten auf der Baustelle war auch bei diesem Umbau sehr gross. Er wurde in einer relativ kurzen Zeitspanne von sieben  Monaten realisiert. Länger dauerte die Planung, wobei Architektin Jeanette Geissmann betont, dass Umbauten, in der Planung und Umsetzung, aufwendiger sind als  Neubauten und dass vieles in intensiven Gesprächen mit Bauherrschaft, den Handwerkern und der Denkmalpflege auf der Baustelle vor Ort entschieden wurde.

Nachhaltige Heizung mit Erdwärme

Der Bauherr, der mit seiner Frau und seinen vier Kindern das Zithus heute bewohnt, ist selbst hier aufgewachsen. Mit viel weniger Komfort als heute: Der Anschluss an die  Kanalisation gab es noch nicht und auch keine Zentralheizung. Einzig ein Kachelofen wärmte die gute Stube, und an den Fenstern der Schlafzimmer blühten bei  Minustemperaturen die Eisblumen. Dieser Kachelofen ist etwas vom Wenigen, das beim Umbau nicht erhalten wurde, er stammte aus den 1970er-Jahren und verfügte über keinen ästhetischen Mehrwert. An seiner Stelle steht heute ein Lehmofen nach traditioneller Bauweise. Entworfen vom Architekturbüro in Zusammenarbeit mit einem  Cheminéebauer, die die Proportionen der alten Öfen gut studiert haben und ihn auf traditionelle Füsschen stellten. Auf der anderen Seite ist die historische Küche mit dem  gusseisernen Ofen wieder funktionstüchtig, ergänzt durch eine Kücheninsel mit modernen Geräten.
Ansonsten ist äusserst wenig strukturell verändert worden. Dennoch: Neben dem Anschluss an die Kanalisation wird heute mit einer Erdsonde-Wärmepumpe nachhaltig  geheizt, Dach und Kellerdecke sind mit natürlichem Material nachgedämmt, so auch die Innenwände an Orten, wo es der wertvolle Bestand erlaubte. Die zwei Badezimmer sind augenfällige Eingriffe, viel subtiler ist die Reintegration des alten Wehrturms mit seinen Bruchsteinmauern in das Leben der Familie. Dank einer neuen Treppe gelangt  man nun auf direktem Weg via eine unbeheizte Vorratskammer in den Steinmauern direkt von der Küche in den Garten. Im Erdgeschoss musste dafür einzig eine Fensteröffnung nach unten zur Türe vergrössert werden. Als Schwelle dient ein Stein von der Alp, die die Bauernfamilie  bewirtschaftet. Allgemein konnten die vielschichtigen Wünsche der Familie durch eine durchdachte Planung im Zithus untergebracht werden.
So wie es heute eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass das Neubauen immer auch das Wiederverwerten von morgen miteinplant, sind gerade historische Bauteile in  einem Umbau für die Authentizität unersetzlich. Neben einer ökologischen Sinnhaftigkeit sorgen sie auch viel für die Authentizität des Resultats. So stammt die Stütze in der Küche aus dem Historischen Bauteillager Thurgau. Sie wurde als statische Massnahme nötig, weil ein Teilabbruch einer Wand die Küche vergrössert.
Aber auch die am Umbau beteiligten Zimmerleute verfügen über private Bauteillager und konnten an manchen Orten reich verzierte historische Türen für den Umbau  beisteuern. Das Vorgehen versinnbildlicht die gut verlaufene Zusammenarbeit bei diesem Umbauprojekt, das wie jedes architektonische Werk nur im Team und mit der  wertvollen Erfahrung von Spezialistinnen und Spezialisten erfolgreich durchgeführt werden kann.

Historisches Bauteillager

Hier schliessen sich Kreisläufe: Türen und Tore, Fensterbeschläge oder Dachziegel, Schlüssel, Schlösser aber auch Lavabos und Leuchten bis hin zu Kachelöfen werden im Historischen Bauteillager Ostschweiz aufbereitet, damit sie an geeigneten Orten wiederverwertet werden können. Der Betrieb der Denkmal Stiftung Thurgau arbeitet über die  Kantonsgrenzen mit der kantonalen Denkmalpflege St. Gallen sowie mit weiteren Nachbarkantonen zusammen. Für die Restaurierung eines Altbaus – oder wenn man historischem Material ein neues Leben schenken will – ist man beim Bauteillager an der richtigen Adresse. www.historisches-bauteillager.ch

 

Bilder: Hanspeter Schiess