Architektur Forum Ostschweiz

Das Haus mit dem kleinen Fussabdruck

Das St. Galler Jungbüro Batiments nannte seinen Erstling New Nail House. Es protestiert leise gegen eine Stadtentwicklung der Monotonie.

09.10.2021 von Jenny Keller

Nagelhäuser kennen wir von China. Einsame Gebäude auf plattgewalzten Landstrichen, die einer von  oben verordneten, neuen Bebauung trotzen, heissen so. In China mag es so etwas geben, aber ein  Nagelhaus in St. Gallen? Ihr erstes Bauwerk nannten Eva Lanter und Patrick Britt, die zusammen das Büro Batiments gegründet haben, New Nail House. Das Turmhaus steht an einer lärmbelasteten Ecke  an der Wassergasse, die keine Gasse ist, sondern eine Einfallsstrasse, durch die der Individualverkehr vom Appenzellerland braust. Das Gebäude am Hang kragt mutig und etwas frech über seinen Sockel aus und schaut mit grossen Fenstern auf die Stadt und das gegenüberliegende Bürohaus, aus dem die  Swisscom gerade erst ausgezogen ist. Mit sechs Wohnungen, jeweils einer pro Geschoss, ist sein  Programm und seine Daseinsberechtigung aus Investorensicht nicht gross. Die Geschichte seiner Entstehung, die gelungene Architektur und die zu erhoffende Signalwirkung legen eine vertiefte  Auseinandersetzung damit umso näher.
Das städtebauliche Konzept der Überbauung Haldenhof 1 auf dem Plateau, auf dem sich auch das  New Nail House befindet, sieht eine repetitive Wohnüberbauung mit 10 Mehrfamilienhäusern vor:  langgezogene Blöcke als Lärmriegel zur befahrenen Strasse hin, um 45 Grad gedrehte, sechs weitere Rechtecke in der zweiten Reihe. So auf jeden Fall sieht der Stand der Planung aus. Gebaut sind erst  vier Einheiten im Nord-Osten des Areals, doch ihre repetitiven Fassaden verheissen wenig Vielfalt. Für die Überbauung müssten noch einige Häuser weichen. Der Besitzer der Liegenschaft  Haldenstrasse 21/23 möchte seine Immobilie aber nicht verkaufen; er schnitt sich mit dem  Ersatzneubau des Turmhauses selbst einen Teil vom Kuchen ab und vermietet heute sechs  Neubauwohnungen.

Für eine abwechslungsreiche, zugängliche und lebendige Stadt

Zum Glück hörte er auf das junge Architektenpaar, das sich für die kleinteilige Parzellenstruktur  starkmachte. Es betrachtete den Ersatzneubau des New Nail House und die zwei angrenzenden Gebäude als Ensemble. Dieses besteht aus einem Längsbau mit Giebeldach, und einem Annex, in dem  sich einst eine Druckerei befand. Es beherbergt seit einem Umbau vor rund 10 Jahren die  Wohnzimmer der Wohnungen im ehemaligen Langhaus, die von WGs bewohnt werden. Für den  damaligen Umbau war Peter Lanter, Vater der Architektin und selbst Architekt, zuständig. Er war es,  der Batiments an die Bauherrschaft vermittelte.
Trotz knallharten Kostendrucks, dem ein Haus mit derart kleinem Fussabdruck unterworfen ist, einer  Ausführung durch eine Totalunternehmung, die nicht viel Spielraum für aufwendige Details  hat, haben Lanter und Britt ihre Vorstellung von hochwertiger Architektur in die Realität umsetzen  können. Genormten Ideen stellten sie sich mit gekonnten Interventionen entgehen. So ist der  Massivbau mit Aussendämmung zwar konventionell gebaut, doch durch die Weiterführung des  groben Putzes über die unterste Loftwohnung im Sockel (eine ursprüngliche Nutzung als Büro stellte  sich als weniger rentabel heraus), bricht das Türmchen mit der architektonischen Vorstellung von «Sockel, Mittelbau, Krone». Dafür trägt der ebenfalls von Batiments umgebaute Annex nun eine  Krone als Geländer auf dem Dach, die seine Wichtigkeit im Gebäudeensemble unterstreicht.
Der zurückgesetzte Sockel ist auch Tiefgarage und resultierte aus dem Baugesetz, da Platz für die  geplante Autobahnzufahrt freigehalten werden muss. Ein halbrunder «Tropfen» aus verputzter  Wärmedämmung hängt an der überstehenden Fassade gegen die Strasse, als ob Wasser kondensierte und einfror. Einen Nutzen hat diese Rundung nicht, aber sie bringt ein poetisches Moment an eine  markante Stelle der Fassade und lässt genauer hinschauen.

Innenräume voller Identität dank Gestaltungsreichtum

Das Haus ist eine Wohltat im von Spekulation geprägten Baugeschäftsalltag. Es zeugt aber auch vom  Engagement des Architekturbüros, das noch nicht im Modus ist, das eigene Werk zu zerlegen und der  Kritikerin zu erzählen, was sie zu sehen und zu schreiben hat. Die Sorgfalt und der Wille, den eigenen Entwurf zu kontrollieren, haben Batiments schliesslich beim Bau ihres Erstlings schon bewiesen.
Die Adresse des Nagelhauses befindet an der Haldenstrasse, die sich wegen des abfallenden Geländes  weiter oben am Hang befindet. Das neue Wohnhaus teilt den Zugang mit dem ehemaligen  Druckereigebäude. Das Treppenhaus und ein Lift erschliessen die vier identischen Wohnungen im Obergeschoss, darunter liegt die Loftwohnung und zuoberst befindet sich eine kleinere  Attikawohnung mit umso grösserer Terrasse. Ein offener Wohn-, Essraum mit Küchenzeile und vier  grossen Fenstern schafft Grosszügigkeit in der engen Situation. Zwei Nasszellen und zwei  Schlafräume befinden sich hinter weissen Türen. Ein Übergangsbereich in den Zimmern, wo noch  derselbe Bodenbelag wie im Wohnzimmer liegt, nämlich grauer, gegossener Unterlagsboden, schafft  eine stimmige Zonierung. Dahinter markiert ein einfaches Stäbchenparkett Wohnlichkeit. Der  Unterlagsboden zieht sich auch ins Treppenhaus auf den Treppenpodest vor der Wohnung. Ein fixer  Spiegel, ein eingelassener Fussabtreter und die Klingel zur Wohnung, die sich nicht neben der Türe,  sondern näher bei Treppe und Lift befinden, vergrössern die Wohnung in den öffentlichen Bereich des Hauses und schaffen Identität. Etwas, das an diesem Ort mit der generischen Überbauung definitiv nicht vorzufinden wäre.

 

Bilder: Hanspeter Schiess