Architektur Forum Ostschweiz

Grüne Lunge im ehemaligen Industriegebiet

Die ehemalige Industriestadt Arbon macht es vor: Auf dem Saurerareal ist eine grüne Oase inmitten eines neuen Stadtquartiers entstanden.

11.09.2021 von Katharina Marchal

Lastwagen werden in Arbon längst keine mehr gebaut. Dort, wo früher Automobile auf Waggons verladen und in alle Welt  geliefert wurden, säumen heute Silberhaine die Fuss- und Fahrradwege des neu gestalteten Quartiers. Wohn- und Gewerbebauten beleben das über lange Zeit leer stehende Areal. Herzstück bildet der vielfältig nutzbare Park. Hier laden Klettergerüste und ein Naturspielplatz die Kinder zum Tummeln ein. Neben einer grossen Wiese bieten kreisrunde Wasserbecken und breite Holzbänke  unterschiedliche Orte zum Verweilen an. Ein Gleisbogen begleitet den Kiesweg durch den Park. Er erinnert an die industrielle  Vergangenheit des Areals. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts produzierte die Firma Saurer je nach Konjunktur Textilmaschinen oder Lastwagen. Dunkler Qualm drang aus Fabrikschloten, Gleisfelder zerschnitten das Quartier, trennten die Stadt vom nahe  gelegenen Ufer des Bodensees ab. Mit der weltweiten Ölkrise in den 1970er-Jahren schlitterte das Unternehmen in die Krise. In  den 1980er-Jahren endete die Geschichte des bedeutendsten Nutzfahrzeugherstellers der Schweiz.
Die HRS Real Estate AG erwarb 2012 die Industriebrache und entwickelte aus der «verbotenen» Stadt ein neues Quartier. Gut die  Hälfte der rund 200 000 Quadratmeter grossen Fläche ist heute umgenutzt. Michael Breitenmoser, Projektentwickler bei HRS, betont: «Der neue Stadtteil namens ‹Saurer WerkZwei Areal› erhält seine neue Identität nicht nur durch die Neubauten, sondern  auch durch die unter Denkmalschutz gestellten Gebäude und die gross angelegten Grün- und Freiräume.» Matthias Krebs von  Krebs und Herde Landschaftsarchitekten aus Winterthur, die das Landschaftskonzept ausgearbeitet und umgesetzt haben, erklärt: «Der Grünraum verknüpft als ‹grünen Puffer› die ‹Neustadt› mit den bestehenden Quartieren im Westen. » Krebs versteht  «Landschaftsarchitektur als Steigbügel für die Stadtentwicklung». Hier spricht er aus Erfahrung, denn sein Büro hat bereits ein paar Industriebrachen aufgewertet; so etwa den Stadtgarten Dornbirn und den Güterbahnhof in Hamburg-Altona. Beide bildeten die Basis, um den Park rund um die Stadt weiterzuentwickeln.
Das Areal besticht durch seine besondere Lage: Nur wenige Minuten vom Ufer des Bodensees entfernt bietet der Ort einen  wunderbaren Ausblick auf die Voralpen. «Dem äusserst attraktiven Seeufer mussten wir etwas gegenübersetzen», erklärt Krebs. «Deshalb haben wir aus dem Binnenpark eine Art Miniatur-Central Park gestaltet, in dem sich die Leute gerne aufhalten.» Er schafft eine intimere Adresse innerhalb des neuen Quartiers. Doch die industrielle Nutzung des Geländes hat ihre Spuren  hinterlassen. «Aufgrund vorhandener Altlasten konnte das Terrain nicht überall abgetragen werden», sagt Krebs. «Wir  entschieden, hier Sanddorn, Pappeln, Erle und Weiden zu wählen, denn diese sind ortsbezogene Pionierpflanzen, die auf kiesigem  Boden am Seeufer wachsen.» Die Kiesflächen wurden entweder weitgehend belassen oder überformt, etwa mit Rasenflächen oder Naturwiesenflächen. Um einen natürlichen Eindruck zu erwecken, sind die mehrstämmigen Bäume bewusst schräg zwischen den Gleissträngen arrangiert. Der hohe Anteil ökologisch wertvoller, einheimischer Wildpflanzen ist ein Beitrag zur Biodiversität.
«Wir entwickeln für jeden Ort ein massgeschneidertes Pflanzenkleid» hebt Krebs hervor. In Arbon sollen die Bäume in den  nächsten dreissig Jahren bis zu rund 25 Meter wachsen und damit über die Häuser ragen. «Bäume sind wie Klimaanlagen», sagt  Krebs und ergänzt: «Besonders an diesem Ort ist die Bepflanzung sehr klimaaktiv. Durch den hohen Grundwasserstand müssen  die Bäume keine tiefen Wurzeln schlagen, um ans Wasser zu gelangen.» Das Wasser verdunstet direkt an der Oberfläche. Damit  ist die einheimische Vegetation an diesem Ort sehr zukunftsfähig.

Neues Leben auf der Brache

Die industrielle Vergangenheit bleibt weiterhin ablesbar. Umgebaut und umgenutzt wurde das historische Backsteingebäude am Hamelplatz. Hier befinden sich heute Verkaufs-, Gewerbe und Wohnflächen. Im ehemaligen Presswerk haben sich ein Kultur- und Musikzentrum sowie der Saurer Oldtimer Club einquartiert. Erhalten und renoviert wurde auch der alte Fabrikzaun, der die  privaten Gärten der Arbeiterhäuser vom öffentlichen Park abtrennt. Krebs nennt dieses Fundstück «objet sentimental». «Wir  wollten kein abstraktes Kunstwerk gestalten», erklärt er, sondern «einen öffentlichen Raum, der aus dem Gebrauch der Menschen heraus entwickelt ist und die Nutzung offenlässt – ein ‹Demokratisches Grün›». Dies ist auch im Sinne der Projektentwickler. Nach der Fertigstellung des 20 000 Quadratmeter grossen Parkgeländes trat HRS die Grünanlage entschädigungsfrei an die Stadt  Arbon ab. Seitdem sind der Park und die dazugehörende Promenade öffentlich zugänglich.
Abgeschlossen ist die Entwicklung noch nicht. Am Bahnhof Arbon zeigen mehrere Bautafeln, dass hier weiterhin gebaut wird. Vor  kurzem wurde ein Wohnbau am Hamelplatz abgeschlossen. Aktuell wird das Wohn- und Geschäftshaus am Saurerplatz  ausgeführt. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau eines Hotels mit Appartements für Langzeitnutzer begonnen werden. Beim  Durchqueren des Parks endet der Weg etwas abrupt – dort, wo das Wohngebiet an die noch bestehenden Industrieflächen anstösst. In einem nächsten Schritt soll die Bebauung und damit auch der Grünraum bis zum Flusslauf der nahe gelegenen Aach  realisiert werden. «Es bräuchte nur wenige Mittel, um den öffentlichen Grünraum entlang des Flusslaufs fortzusetzen», sagt Krebs. Der Bogen würde dann vom Ufer des Bodensees über den Park hin zur Aach wieder zum See zurückgespannt werden. An  dieser Fortsetzung und der Renaturierung der Aach hat auch die Stadt ein grosses Interesse. Doch dafür müsste es eine neue  Überführung über die Gleise geben. Krebs schliesst: «Der Park ist somit weiter als die Quartierentwicklung.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess