Architektur Forum Ostschweiz

Ein gebautes Manifest

Ein Mesmerhaus wird zum Kraftwerk: Wie ein Nullenergiehaus in Ermatingen zur klimagerechten Gaststätte für die Dorfbewohner wird.

07.08.2021 von Jenny Keller

Mehrere Steinstufen führen in einen wilden Garten hinauf, in dem sich allerlei Insekten wohlfühlen, es riecht nach Pfefferminze. Dahinter ein markanter Kubus mit Holzlatten verkleidet. Kleine Fenster zeichnen die zwei Stockwerke ab,  und der moderne Anbau dockt an historische Substanz an: Ein herrschaftliches, frisch saniertes Haus, dessen Geschichte  spürbar geblieben ist. Gegen Westen in der abschüssigen Strassenkurve liegt ein zweiter Anbau mit Giebeldach, auch ein  vorgefertigter Holzbau, aber weit weniger auffällig als sein Gegenpart im Osten. Hier befindet sich das Treppenhaus in die oberen beiden Etagen, und hier treffen Alt und Neu im Innern aufeinander. Mehrere Plaketten (Solarpreis 2020, Minergie-A-Zertifikat) an der Putzfassade zur Strasse markieren, dass es sich bei diesem Haus um etwas Besonderes handelt.
Mit dem Mesmerhaus bringt Architekt Peter Dransfeld die Anforderungen des Denkmalschutzes und die ökologische Bilanz eines Nullenergiehauses unter ein Dach. Das erforderte grosses Engagement bei der Verhandlung mit den  Behörden, Nachbarn und der Denkmalpflege. Das Manifest mitten im Dorfkern von Ermatingen verkörpert die  Philosophie und das Wirken von Dransfeld anschaulich: In seiner Heimatgemeinde im Thurgau ist Dransfeld seit Jahren  engagiert. Vor seinem Amt als SIA-Präsident war er im Gemeinderat politisch aktiv, und als Architekt arbeitet er häufig im  Dorf oder der Region und generiert eine lokale Wertschöpfung. Sein eigenes Büro gründete der Architekt ETH in den  1990er-Jahren in Ermatingen und beschäftigte sich mit nachhaltiger Architektur, als es dafür noch gar keinen Begriff gab.

Eine visionäre Idee nimmt Gestalt an

Schnell redete man vom «Solararchitekten», doch Dransfeld sagt: «Mein Verständnis von Architektur ist ein  Ganzheitliches. In der Architektur spielen ästhetische, funktionale, wirtschaftliche und auch ökologische Fragen eine  Rolle.» Und er habe sich stets mit denkmalpflegerischen Aufgaben befasst. Schliesslich ist das Erhalten von Bausubstanz meist weit nachhaltiger als Abriss und Neubau.
Wie wird ein 400 Jahre alter Altbau zusammen mit zwei neuen Anbauten zum Nullenergiehaus? Einem Gebäude also, das  die benötigte Energie für Warmwasser, Heizung und Elektro selbst erzeugt? Eine grosse schwarze Fläche aus  Solarmodulen am kubischen Anbau des Mesmerhauses produziert nicht nur die Energie für den Strom, sondern auch den  Wärmebedarf des Dreiparteienhauses mit Bar und Café im Keller. Ihre Lage an der Südfassade sorgt für möglichst viel  Sonneneinstrahlung, ist aber auch abseits von der Dorfstrasse, die der Architekt täglich zu Fuss oder mit dem Velo  passierte, und dabei erfuhr, dass das stark heruntergekommene Haus zum Verkauf stand. Das war 2013. Langsam hat sich der Architekt der Bauaufgabe angenähert, Restauratoren begutachteten den Bestand, und Untersuchungen ergaben, dass  das Holz im ganzen Haus das Schlagdatum 1609 hat. Nach vielen Studien und Berechnungen war auch klar, dass das  ehrgeizige Ziel Nullenergiehaus erreicht werden kann: Mit der Solaranlage am Anbau wird das Mesmerhaus zum Kraftwerk. Dafür bleibt der historische Altbau von technischen An- und Einbauten verschont. Er wurde aber an der Südfassade mit zehn Zentimetern aussengedämmt und an den anderen drei Seiten, wo die Riegelbauweise sichtbar ist,  innengedämmt, und zwar mit Zellulose unter dem restaurierten Täfer.
Im Innern ist die Eingriffstiefe minimalinvasiv und ergab sich im Prozess. Die Wohnungen befinden sich jeweils auf einer  Etage und haben einen neuen und einen alten Teil, die sich nicht wiedersprechen, ihre Entstehungszeit aber preisgeben.
Der ehemalige Lagerraum im Erdgeschoss aus Stein macht das Mesmerhaus auch sozial nachhaltig: Die Gaststätte steht  für Gäste aus dem Dorf offen. Daneben, im Technikraum befinden sich Erdsonden- Wärmepumpe, Speichertank und Lüftungsgerät neben einer umfassenden Dokumentation des Hauses, auf das sein Erbauer sichtlich stolz ist. Zu Recht,  denn wenn man gerne sagt, dass es für gute Architektur eine gute Bauherrschaft benötigt, braucht es auch Architektinnen  und Architekten, die selbst zur Bauherrschaft werden, um visionären Ideen, Gestalt zu geben. Gerade beim  klimagerechten Bauen.

 

Der neue SIA-Präsident

Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) vertritt die Interessen seiner rund 16 000 Mitglieder aus dem  Bauhauptgewerbe. Peter Dransfeld ist seit April Präsident des gesamten Vereins. Das Amt führt er in einem  Teilzeitpensum aus und setzt sich primär für die Anliegen seiner Mitglieder ein. «Dass ich SIA-Präsident wurde, ist nicht  ganz unabhängig von diesem Haus», sagt Dransfeld. Er erklärt, dass ein Nachholbedarf in Sachen Nachhaltigkeit gegeben  sei. (jk)

Bilder: Hanspeter Schiess