Architektur Forum Ostschweiz

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Herr Klausers Gespür für Gärten

Martin Klauser führt sein Landschaftsarchitekturbüro in dritter Generation – mit Traditionsbewusstsein und Zeitgeist.

29.04.2020 von Deborah Fehlmann

Der Rorschacher Seepark liegt still in der Kälte. Die Platanen entlang der Ufermauer ragen winterlich kahl in den verhangenen Himmel. Eine Frau  jagt ihr Hündchen über die Rasenfläche und gelegentlich passiert ein eingemummter Velofahrer. Niemand mag an diesem Morgen auf den bunten Holzbänken verweilen.
Mit den ersten Sonnenstrahlen kehrt das Leben zurück. Einen Steinwurf vom Zentrum entfernt, ist der Seepark so etwas wie Rorschachs öffentliches Wohnzimmer. Dazu legte man die lang gezogene Grünfläche zwischen Bahngleis und See zu Zeiten des Ersten Weltkriegs auch an: Das beschauliche Örtchen wuchs ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industriestadt heran. In jener Zeit entstand auch die Bahnlinie, die Rorschach bis heute vom  Bodensee trennt. Die Bevölkerung sehnte sich nach frischer Luft, Licht und Erholung vom städtischen Trubel. So schüttete die Stadt einen  Landstreifen auf und erstellte bis 1920 den Seepark. Der ortsansässige Landschaftsarchitekt Fritz Klauser (1885 bis 1950) hat die geometrische Anlage nach den Prinzipien der damals beliebten Architekturgärten entworfen.

«Das war der Zeitgeist – man war mutig»

«Die hohen Pappelgruppen kontrastieren die starke Horizontalität von See, Mauer und Baumreihen», erklärt Martin Klauser. Er führt heute die von seinem Grossvater gegründete Firma und begleitet die Entwicklung des Parks. Auch sein Vater Fredy (1921 bis 2007) hat hier gewirkt. Gemeinsam mit dem Architekten Heinz Stambach fügte er 1951 einen Musikpavillon hinzu. Schon der ursprüngliche Plan hatte einen solchen vorgesehen, als Ovalbau im Zentrum der Anlage. Die jungen Planer lösten die Aufgabe  jedoch ihrer Zeit gemäss: Sie rückten den Pavillon in eine Ecke am Parkeingang und stellten ihn diagonal zur rechtwinkligen  Anlage. Für die weite Freifläche davor mussten die Mauer gegen den Hafen und ein Teil der bahnseitigen Platanenallee weichen. «Aus heutiger Sicht ist es verrückt, dass sie die Symmetrie derart aufbrachen», sagt Klauser. «Doch das war der Zeitgeist nach dem  Zweiten Weltkrieg. Es herrschte Aufbruchstimmung und man war mutig.» Diese verschiedenen Zeitschichten zu zeigen, findet er heute gerade spannend. Selber verzichtet er bei der Anlage auf grosse Gesten. Vom neuen Radweg entlang der Bahn abgesehen, beschränken sich seine Eingriffe auf das Pflegen und Instandstellen.
Ein Dauerthema ist der Ersatz des hundertjährigen Baumbestands. Da die Ulmen an der Ulmenkrankheit litten, wachsen an ihrer  Stelle nun Linden. Die neuen Pappelgruppen entsprechen jedoch genau dem Original: Fritz Klauser pflanzte je fünf Bäume in  einem engen Halbkreis und stellte eine Sitzbank ins Zentrum. Die dicken Stämme umschliessen einen geborgenen Raum, der sich wie ein Kamin zum Himmel öffnet. Die geringen Abstände zueinander bekommen den Baumriesen zwar nicht sonderlich, doch hier überwiegt für Martin Klauser der denkmalpflegerische Aspekt: Das spezielle Raumgefühl soll erlebbar bleiben.

Rebellischer Naturliebhaber setzt sich durch

Klauser ist in der Auseinandersetzung mit dem Werk seiner Vorfahren geübt. Diverse öffentliche und private Anlagen befinden sich seit drei Generationen in der Obhut des Familienunternehmens. Als Bürde empfand er das nie: «Ich sehe es als Chance, aus einer Tradition zu kommen. Es zieht sich ein Faden durch alles – eine Verbindung, die darüber hinausgeht, das Geschäft zu  übernehmen.»
Ein Gespür für Pflanzen hatte schon sein Urgrossvater. Er kultivierte allerlei exotisches Gewächs, das er von seinen Geschäftsreisen mitbrachte. Von der Idee seines Sohnes, seinen Lebensunterhalt mit der Planung von Gärten zu verdienen, hielt der Kaufmann  jedoch nichts. «Er schärfte meinem Grossvater ein, Geld verdienen könne man nur mit Warenhandel, nicht mit dem Erteilen von  Ratschlägen», erzählt Klauser. Doch Fritz war ein Rebell. Nach seiner Gärtnerlehre sammelte er Arbeitserfahrung in Deutschland,  der Westschweiz und England. In seinem Büro in Rorschach wirkte er ab 1914 rein konsultierend. Das war damals höchst  ungewöhnlich, denn Gartenarchitekten besassen in der Regel eigene Baumschulen und verkauften mit ihren Dienstleistungen auch gleich ihre Produkte. Er aber wollte sich bei der Wahl der Pflanzen nicht von Eigeninteressen leiten lassen. Als einer der ersten «Unabhängigen» gründete er 1925 den Bund Schweizer Gartengestalter mit.
1950 verstarb Fritz Klauser nach mehrjähriger Krankheit und der 29-jährige Fredy übernahm notgedrungen die Firma des Vaters. Nach seiner Gärtnerlehre hatte der Krieg ihm das erhoffte Studium im Ausland vereitelt. Da die Schweiz noch kein Studium der  Landschaftsarchitektur kannte, eignete er sich Wissen und gestalterische Fähigkeiten autodidaktisch an. Dabei kam ihm das  künstlerische Talent entgegen, das er wohl geerbt hatte. «Mein Grossvater war ein eher unbeholfener Zeichner», erinnert sich  Martin Klauser. «Aber mein Vater zeichnete jeweils die Grundlagen eines Plans sorgfältig auf und ging dann eine Weile gärtnern.  Danach setzte er sich hin und brachte den kompletten Entwurf innert kürzester Zeit zu Papier.» Das Kämpferische hatte aber auch Fredy im Blut. In den 1940er-Jahren schaffte er die Aufnahme in den Bund Schweizer Gartengestalter, trat später aber aus Protest wieder aus, da sich die Vereinigung weigerte, nur noch konsultierende Gartenarchitekten als Mitglieder zu akzeptieren.
Nach drei Jahren der Zusammenarbeit übernahm Martin Klauser 1988 schliesslich die Firma. Mit ihrem Engagement für die Anerkennung ihres Berufsstands zeichneten seine Vorfahren ihm aber auch in anderer Hinsicht einen Pfad vor: Anders als sein  Vater konnte er nach seiner Lehre Landschaftsarchitektur in Rapperswil studieren. Das habe ihn das eigenständige Entwerfen  gelehrt, sagt er rückblickend. Trotz neuer Einflüsse gibt ihm das Erbe bis heute auch Halt: «Man wird durch die Vorfahren auf  einen Pfad gebracht. Von diesem schaut man zwar links und rechts, muss aber nicht alles, was man dort findet, gleich umsetzen.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess