Architektur Forum Ostschweiz

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Vom langsamen Werden eines Ortes

Die neue Mensa und Mediothek am Münzweg setzt den Schlussstein der Gesamterneuerung der Bündner Kantonsschule in Chur. Zur Aufwertung des Campus tragen aber nicht nur die Bauten, sondern wesentlich auch die Gestaltung des Aussenraums bei.

22.06.2019 von Marcel Bächtiger

Als die Sanierung des ehemaligen Lehrerseminars in Chur 2012 vollendet war, gab es  Anerkennung von allen Seiten. Grosse Wertschätzung erfuhr nicht nur die sensible  Herangehensweise des Architekten Pablo Horváth, dem es gelungen war, das 50-jährige Sichtbeton-Bauwerk wärmetechnisch zu sanieren, ohne dabei Ausdruck und Charakter zu opfern. Auch dem spröden Bauwerk selbst, 1965 nach Plänen von Andres Liesch im Stil des helvetischen Brutalismus errichtet, schlug plötzlich viel Liebe entgegen: Von einem «einzigartigen Beispiel Bündner Nachkriegsmoderne» und einem «meisterhaft komponierten Baukörper» war die Rede.
Wachen Blickes registrierte der Architekturinteressierte nun filigrane Betonstützen, rhythmisierte Fensterbänder und sorgfältig gestaltete Sichtbetonflächen – Qualitäten, die dank Horváths «interpretierender Originalsanierung » durchgängig erhalten blieben. Nötig gemacht hatten die Sanierung dabei nicht nur das schiere Alter des Bauwerks, sondern auch fällige Anpassungen in der inneren Organisation: Statt des Lehrerseminars beherbergte der kleine Betoncampus seit 2005 einen Teil der Bündner  Kantonsschule. Die aus allen Nähten platzende Bildungsinstitution hatte hier die musischen und gestalterischen Fächer untergebracht.
Die neu erwachte Zuneigung zum Zeitzeugen aus den Sechzigerjahren konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass dessen räumliche Umgebung wenig Grund zur Freude bot.  Anders als die alte Kantonsschule, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Plänen von Felix Wilhelm Kubly oben am Hang, in stolzer Nachbarschaft von Kathedrale und Schloss, erbaut und 1972 durch einen Neubau am selben Ort ersetzt wurde, sitzt das ehemalige Lehrerseminar gut dreissig Meter weiter unten am Fusse von Felswänden und Rebbergen.

Spektakulärer Blick auf einen Parkplatz

Süden und dem steilen Hang im Norden befanden sich hier ursprünglich eine kleine Fabrik, einzelne Wohnhäuser und Schuppen sowie das historische Freibad Sand. Ein Potpourri unterschiedlichster Bauten, Räume und Funktionen, zu deren Zusammenhalt das auf sich selbst bezogene Schulgebäude von Andres Liesch – so viel Kritik darf sein – nur wenig beitrug. Die Aufwertung des «Standorts Plessur» zu einem gleichwertigen Teil der Bündner Kantonsschule konnte sich deshalb nicht auf Bauvolumen und deren Inhalte beschränken, sie musste notwendigerweise auch den Aussenraum mit einbeziehen: Plätze und Freiflächen, Strassen und Wege, Sicht- und Raumbeziehungen. Dabei zeigt die langsame Transformation des Areals im Verlauf der letzten Jahre beispielhaft, wie aus einer städtebaulichen Restfläche langsam, aber sicher ein Ort von eigenem Charakter entstehen kann.
Den Anfang machte 1999 der neue Naturwissenschaftstrakt der Architekten Bearth & Deplazes, der präzis zwischen Lehrerseminar und ansteigenden Felshang gesetzt ist. Das schlanke Bauwerk trug bereits zu einer ersten Gliederung des Aussenraums bei, schuf enge und weite Situation, definierte ein Vorne und ein Hinten und fasste als dritte  Fassade den Garten des ehemaligen Lehrerseminars. Es folgte 2009 die viel beachtete neue Fussgängerverbindung zwischen Plessur und Halde, entworfen von den Architekten Esch Sintzel: eine mit schweren Stahlplatten eingehauste skulpturale Treppe inklusive Lift für Gehbehinderte, welche den oberen und den unteren Teil  der Kantonsschule miteinander verbindet – und ganz nebenher spektakuläre Ausblicke auf Stadt und Landschaft bietet. Aufnahmen vom frisch erstellten Bauwerk zeigen aber auch, wie sich die Situation unten in der Ebene noch vor zehn Jahren präsentierte: Der Raum zwischen Schulgebäude und Schwimmbad war nichts anderes als ein recht trostloser Autoparkplatz.

Ein Weg wandelt sich zum Treffpunkt

Als «gesamthaft unbefriedigend» hatte auch das Hochbauamt Graubünden damals die städtebauliche Situation im Wettbewerbsprogramm beschrieben, und tatsächlich bedurfte es neben der neuen Treppe noch weiterer baulicher und landschaftsarchitektonischer Interventionen, um auf der Plessur-Aue einen Raum entstehen zu lassen, der einer Schule würdig ist.
Dass der Freiraum, der sich zwischen ehemaligem Lehrerseminar und Schwimmbad aufspannt, heute nicht mehr als Rückseite des Schulgebäudes wahrgenommen wird, sondern zumindest in Ansätzen die Stimmung eines zentralen Platzraumes atmet, ist zu grossen Teilen das Verdienst der Landschaftsarchitekten von Hager Partner.
Die landschaftsarchitektonische Gestaltung des Areals ging dabei Hand in Hand mit dem Neubau für Mensa und Mediathek, der letztes Jahr vollendet wurde. Östlich neben den Zugang zur Treppe gesetzt und von dort mit einem geometrischen Knick dem Lauf der Hangkante folgend, stellt das vom St.Galler Andy Senn entworfene Bauwerk einen wichtigen Pol im Kräftefeld des Aussenraums dar. Es macht den Weg zwischen Plessurquai und Treppenaufgang von der blossen Wegerschliessung zum Treffund Kreuzungspunkt von Schülerinnen und Schülern. Die Landschaftsarchitektur unterstützt diese Lesart nach Kräften, insbesondere setzt die lang gezogene Sitzlandschaft im Zentrum ein klares Zeichen: Statt parkieren darf man nun verweilen. Vom Trinkbrunnen über den Velounterstand bis zum neuen Mühlrad, das an die historische Nutzung des Areals als Münzmühle erinnert, schaffen weitere Elemente charakteristische Orte innerhalb eines offen und informell gehaltenen Freiraumkonzepts.
Schon bei der Sanierung des ehemaligen Lehrerseminars vor sieben Jahren waren Hager Partner als Landschaftsarchitekten beigezogen worden. Damals entstanden die Themengärten, die sich zwischen Schultrakt und Sitzlandschaft erstrecken. Ein geometrisches Raster definiert hier gut vierzig rechteckige Beete, die thematisch  unterschiedlich bepflanzt werden. Zwischen Schmetterlingsgarten, Wildblumenwiese oder Moorbeet finden sich auch ein Biotop und zwei Aussenlernzimmer mit Tischen, Bänken und Sonnenschirmen. Und fast macht es den Anschein, als hätten die Themengärten die Strategie für das ganze Areal vorgedacht: wie aus dem Nebeneinander unterschiedlichster Teile über die Jahre ein reichhaltiges Ganzes wachsen kann.

 

Bilder: Benjamin Manser