Architektur Forum Ostschweiz

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Urbane Grandezza

Im Stickereiquartier in St.Gallen feiert die Baukultur eine Renaissance: Der Neubau der Schule St.Leonhard zeugt von einer  architektonischen Sorgfalt, wie man sie nicht alle Tage findet.

20.10.2018 von Marcel Bächtiger

Nirgends ist St.Gallen grossstädtischer als im Stickereiquartier. Ungewohnt sind die Dimensionen der Backsteinbauten, ungewohnt die langen Strassenzüge und das rationale Bebauungsmuster. Man fühlt sich hier, im Westen der Gallusstadt, plötzlich als Teil der grossen weiten Welt, muss allerdings gleich konstatieren, dass dieses Gefühl vor allem eine Ahnung vergangener Grösse ist. Die stolzen Handels-, Lager- und Bürohäuser erzählen von einer Blütezeit, die mittlerweile über 100 Jahre zurückliegt. Die Stickereifirmen sind verschwunden, die Bauten mehrfach umgenutzt.
Über Jahrzehnte befand sich das Quartier in einem Dornröschenschlaf, bis man in St.Gallen wie anderswo bemerkte, wie gut sich aufgegebene  Industriebauten für Kultur- und Gastronutzungen eignen. Neues Leben zog in alte Hallen, und wenn man heute der Davidstrasse entlanggeht, dann begegnet einem Frische und Heiterkeit, wo vor nicht allzu langer Zeit noch der schwere Staub der Vergangenheit das Bild bestimmte.

Städtisch im Ausdruck, schülergerecht im Detail

Mit dem Erweiterungsbau der Schule St.Leonhard ist nun mitten im Quartier ein neues Bauwerk entstanden, das sinnbildlich für dessen  Renaissance steht: dezidiert öffentlich und städtisch im Ausdruck, dabei schülergerecht im Detail, vor allem aber baukünstlerisch ambitioniert auf allen Ebenen. Den Architekten Marion Clauss und Marco Merz sind dabei gleich mehrere Kunststücke gelungen – keine Zaubereien wohlgemerkt, sondern Zeugnisse einer entwerferischen Sorgfalt, die man nicht aller Tage findet.
Es ist beispielsweise keine Selbstverständlichkeit, dass ein Neubau sowohl die grosse Geste beherrscht, als auch auf das feine Detail achtet. Der  Erweiterungs-bau, hinter dessen Fassaden sich eine Turnhalle, ein Mehrzweckraum, ein Aussenspielplatz sowie die Räume der Tagesbetreuung befinden, besitzt eine markante Volumetrie, die sich selbstbewusst im Stadtraum ins Szene setzt. Gleichzeitig verbindet sich der Bau subtil mit der unmittelbaren Umgebung. Wir sehen keine auf sich selbst bezogene Kiste, sondern einen Baukörper mit facettenreicher Physiognomie. So weist ein Versatz auf der Längsseite auf die innere Struktur hin, reagiert aber auch auf die Flucht der Nachbarsbauten. Der Betonsockel trägt die Backsteinfassaden, führt aber gleichzeitig ein Eigenleben; einmal wird er zu Arkade, einmal zum auskragenden Vordach, einmal zum aussen liegenden Raumgerüst. Aus ihm entwickeln sich die Brüstungsmauern und die Treppenaufgänge, die von der Strasse zum Hof hinaufführen. Alles trägt dazu bei, dass der Backsteinbau, der von weitem Präsenz markiert, beim Näherkommen mit den umliegenden Strassenräumen verwachsen scheint.

Alt und neu im Dialog

Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass der Dialog mit den geschichts-trächtigen Nachbargebäuden nicht in schalen Historismus mündet. Marion Clauss und Marco Merz greifen in ihrem Entwurf zwar die Backsteinarchitektur auf, die für das alte St.-Leonhard-Schulhaus wie für viele Stickereigebäude charakteristisch ist, verwandeln sie aber in etwas Eigenständiges. Die grossen geschlossenen Fassadenflächen sind ihnen Anlass, verschiedene Klinkerverbände durchzudeklinieren. Das Spiel mit den unterschiedlichen Fügungsarten legt über die streng gegliederte Wand ein heiteres Gewand, das in Licht und Schatten changiert. Weit oben, wo sich der Aussenspielplatz befindet, dringen selbst Sonnenstrahlen durchs aufgelockerte Gemäuer: eine unerwartete Transparenz, die den massiven Körper auflöst wie die beidseitig verglaste Turnhalle, die dem Passanten einen überraschenden Durchblick auf das dahinterliegende historische Schulhaus bietet. Zwanglos  korrespondieren Alt und Neu über den gemeinsamen Pausenhof und sich gegenüberliegende Eingänge; die fulminante Eingangshalle des alten Schulhauses (1887 von Wilhelm Dürler und Julius Kunkler erbaut) findet ihre informelle Entsprechung im Erdgeschoss des Neubaus, wo sich  der Klinkerboden des Pausenhofs fortsetzt und zur architektonischen Landschaft wird. Ohnehin scheint die erstbeste Lösung den Architekten nie genug gewesen zu sein, im Gegenteil: Jedes Problem reizt sie zur Erfindung. Dass der oben liegende Aussensportplatz beispielsweise  sowohl intern wie extern erschlossen sein muss, führt sie zum Entwurf einer doppelt geführten Treppe mit gegenseitigen Durchblicken: einer  Art Betonskulptur, die den Sinn für Raumlogik herausfordert.

Am Anfang stand ein Wettbewerb

Auch was einem selbstverständlich vorkommt, ist nicht selbstverständlich. Dass der Neubau in Grösse und Massstab dem alten Schulhaus  gleichgestellt ist, und dass zwischen den beiden Bauten als drittes Element der Pausenhof liegt – wie sollte es anders sein? Ein kurzer Blick in den Jurybericht des Wettbewerbs genügt, um etliche Alternativen zu entdecken. Und wir sehen: Unter den 74 eingereichten Projekten war das Erstrangierte eines der wenigen, das auf die scheinbar naheliegende städtebauliche Lösung kam. Die Mehrzahl der Entwürfe hatte sich in Demut vor dem historischen Bestand geübt, die Turnhalle ganz oder teilweise im Untergrund versenkt und ein deutlich kleineres sichtbares Bauvolumen vorgeschlagen. Denkbar, sicherlich, aber auch teurer. Und vor allem würde man vermissen, was einen heute am Neubau freut:  eine gewisse urbane Grandezza.
Lob gebührt allerdings nicht nur den Architekten und ihren Mitstreitern für ihr Projekt, sondern auch dem Hochbauamt der Stadt St.Gallen für das durchgeführte Verfahren. Ihm dürften die Namen Marion Clauss und Mario Merz nämlich bisher nicht geläufig gewesen sein. Tatsächlich handelt es sich beim Projekt für das Schulhaus St.Leonhard um den ersten grossen öffentlichen Auftrag des jungen  Architekturbüros. Möglich war dies nur dank eines offenen anonymen Projektwettbewerbs – dem nach wie vor besten Instrument der Nachwuchs- und Baukulturförderung. Es bescherte der Stadt St.Gallen eines der überzeugendsten Architekturprojekte der letzten Jahre. Dabei ist die sorgsame Sanierung des Altbaus, die Clauss und Merz bereits vor einem Jahr abgeschlossen haben, noch gar nicht erwähnt.

 

Bilder: Hanspeter Schiess