Architektur Forum Ostschweiz

← Zurück

Kleinod am See

Vom Sturm zerstört, musste das Badihaus in Mammern erneuert werden. Entstanden ist kein gesichtsloser Ersatz, sondern ein sorgfältig gestalteter Holzpavillon, der dem aussergewöhnlichen Ort gerecht wird.

04.09.2018 von Christoph Wieser

Gute Architektur beginnt im Kopf. Im Bewusstsein der Auftraggeber, dass reine Zweckerfüllung nicht ausreicht. Dass ein Gebäude, mag es noch  so klein sein, das Umfeld im Guten wie im Schlechten über Jahrzehnte hinaus prägt, im Dorfkern ebenso wie in der Stadt oder in der Agglomeration. Jedes neue Bauwerk ist somit eine Chance zur Schaffung von kulturellem und gesellschaftlichem Mehrwert, die genutzt werden  sollte. Denn dieser Mehrwert kommt allen zugute: Er steigert das Wohlbefinden der Bewohner, Benutzer und Gäste; er verstärkt die  Identifikation mit dem Ort, was den Auftraggebern und Investoren ebenso dient wie der Standortgemeinde. Dazu bedarf es nicht immer einer grossen Geste. Bestes Beispiel dafür ist der Ersatzneubau des Badihauses in Mammern.
Am 2. August 2017 wütete ein heftiges Unwetter am Untersee. Der Sturm entwurzelte die mächtige Pappel mit einem Stammdurchmesser von  1,6 Metern, das Wahrzeichen der Seebadi in Mammern prallte auf den Kiosk mit Umziehkabinen. Innert Sekunden war die Idylle zerstört. Wie weiter? Ein Wiederaufbau lohnte sich nicht, da die Infrastruktur zu klein geworden war und der Kanton Thurgau ein rollstuhlgängiges WC forderte, das bislang fehlte.

Mut zur Baukultur

Es sollte also ein Neubau sein. Aber nicht irgend einer, sondern ein guter: Dank der Initiative der Gemeinderätin und Schulpräsidentin Monika Ribi Bichsel, zu deren Ressort die Badi gehört, wurde von Anfang an etwas gesucht, das Freude macht und damit dem schönen Ort gerecht wird. Dies ist umso bemerkenswerter, weil die Behörden oft genug aus Respekt vor allfälliger Opposition der Bevölkerung oder womöglich etwas höheren Kosten, keine Alternativen prüfen, sondern einfach die erstbeste Lösung umsetzen. Zum Glück gingen die Mammerer einen anderen  Weg: Der Gemeinderat beauftragte das Architekturbüro Lauener Baer aus Frauenfeld mit dem ortsansässigen Partner Donatus Lauener mit der Planung. Ein Direktauftrag war in diesem Fall sinnvoll, weil die Kosten mit rund 425 000 Franken (inklusive Umgebung und Honorare)  bescheiden waren, das Vorhaben möglichst schnell umgesetzt werden sollte und die Arbeit des Büros in Mammern wegen des Neubaus des Schifflandestegs 2012 bereits bekannt war.
Gleichwohl bedurfte es von Seiten der Behörden etwas Mut, denn Lauener bringt sich immer wieder konstruktiv in das Baugeschehen der  Gemeinde ein, was natürlich nicht allen gleichermassen gefällt. Das Projekt für das Badihaus stiess von Anfang an auf breite Zustimmung, so dass der Baukredit im vergangenen November einstimmig angenommen wurde. Das liegt an den architektonischen und funktionalen Qualitäten des Entwurfs. Der Entscheid verdeutlicht aber auch den Stellenwert, den die Badi in Mammern einnimmt: Sie ist neben dem Landesteg der einzige öffentliche Zugang zum See. Wegen der einmaligen Lage, den malerischen Sonnenuntergängen, gerahmt vom Seerücken, dem  Rodenberg und dem Hohenklingen mit der Rheinmündung im Zentrum, zieht der Ort von weit her Gäste an.

Runder Holzpavillon – wie ein weiterer Obstbaum

Bauten in der freien Landschaft sind naturgemäss besonders exponiert. Entsprechend gibt es verschiedene Vorgehensweisen, wie das Verhältnis von Gebäude und Umgebung gestaltet werden kann. Manche Architekten entscheiden sich für einen Kontrapunkt, der das Gebäude grösstmöglich inszeniert, andere suchen die Verschmelzung mit der Topografie.
Lauener Baer entschieden sich für einen Mittelweg: Wie ein weiterer Obstbaum steht der 16-eckige, Holzpavillon auf dem leicht zum Ufer hin abfallenden Grundstück. Dank seiner runden Form wird er sozusagen von der Wiese umspült und stellt sich dem Ausblick nicht in den Weg, wie dies bei einem längs gerichteten Gebäude der Fall gewesen wäre. Der Zentralbau strahlt trotz seiner bescheidenen Grösse eine selbstbewusste Präsenz aus. Die beziehungsreiche Formensprache weckt alle Arten von Assoziationen, die von Eisdiele, Rundtempel oder Gartenpavillon bis zum chinesischen Teehaus im Park Sanssouci in Potsdam reichen. Dieser letzte Vergleich wird vom feinen, mit Kupfer gedeckten Dach mit erhöhter Mittelzone hervorgerufen, die ein Oberlicht für den Officebereich enthält. Dank seiner stimmungsvollen, unmittelbar ansprechenden Form wirkt der Neubau vertraut und doch eigenständig.
Die Seebadi liegt ausserhalb des Dorfes, am westlichen Rand der halbinselartigen Ausbuchtung, die Mammerns Lage auszeichnet. Nähert man  sich dem Gebäude, erscheint das Badihaus geschlossen. Rhythmisiert wird der Holzbau von der in gebrochenem Weiss gehaltenen Tragstruktur und den warmtonigen, senfgelben Füllungen, deren Deckleisten ebenfalls hell gestrichen sind und sich so mit dem Tragwerk optisch verbinden. Das Prinzip der Bretterverschalung mit Deckleisten erinnert an die Ökonomieteile alter Bauernhäuser, wirkt in dieser farblich kontrastierenden Weise aber auch als Schmuck. Ebenso charakteristisch sind die elliptischen Öffnungen, die mit Streckmetallgittern ausgestattet, im oberen  Bereich der Wände angeordnet sind. Sie dienen zur natürlichen Belüftung und Belichtung der Garderoben.
Auf Seite der Veranda, die dem See zugewandt ist, wurden die ausgeschnittenen Elemente als friesartiges Ornament eingesetzt, so dass kaum  Abfall entstand. Es sind solche Details wie auch die zweckmässig-raffinierte Mechanik der Ausgabestelle des Kiosks oder der Trinkbrunnen beim Zugang, die dem einfachen Bau etwas Spezielles verleihen.
Während der rückwärtige Teil den Garderoben und Toiletten vorbehalten ist, die trotz kleinster Fläche je über eine Privatsphäre schaffende  Vorzone verfügen, öffnet sich das Gebäude im vorderen Bereich mit einer überraschend weiten, gedeckten Veranda zum See. Sie rahmt die  Aussicht und spendet Schatten, bis die frisch gepflanzte Pappel gross genug ist. Die gedeckte Vorzone ist ein weiterer Pluspunkt des neuen Badihauses, das in weniger als einem Jahr geplant, gebaut und pünktlich zum Saisonauftakt in Betrieb genommen werden konnte. Ein Kleinod, das gelebte Baukultur anschaulich macht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess