Architektur Forum Ostschweiz

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Ausverkauf des Untergrunds

Die Verdichtung unserer Städte geschieht nicht nur oberirdisch, auch unter der Erde bauen wir immer mehr. Damit verschwinden auch die Pflanzen, die darin wurzeln, vor allem Bäume. Doch gerade sie werden für unser Stadtklima immer wichtiger.

19.05.2018 von Andrea Wiegelmann

Läuft man in diesen Tagen vom St. Galler Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt, dann kann man den Bauarbeitern beim Verlegen der massiven  Natursteinplatten entlang der Kornhausstrasse zuschauen. Zwischen den Platten sind quadratische Felder ausgespart, die Platz für eine spätere Bepflanzung schaffen und dem Grün zumindest etwas Wurzelraum lassen. Anders dagegen auf dem Vadianplatz am Neumarkt. Die das ganze Areal ausfüllende unterirdische Tiefgarage ermöglicht kein wurzelndes Grün. Pflanzkübel schaffen zumindest optisch Abhilfe, doch sie sind kein Ersatz. Die Pflanzen darin wachsen kaum und bieten nur bedingt einen Mehrwert für das Stadtklima, im Gegensatz zu wurzelnden Bäumen.
Doch unsere Städte sind gebaut, freie Grundstücke gibt es kaum, neue Angebote an Wohn-, Büro- oder Gewerbeflächen erfordern in der Regel Ersatzneubauten, die sehr häufig mit Tiefgaragen unterbaut werden. Solche Lösungen, die mit der Revision des Raumplanungsgesetzes auch gefordert sind, stehen einer Bepflanzung – gerade mit Bäumen – entgegen.

Bäume sind Lebensräume für Kleintiere

Bäume brauchen Platz im Erdreich: Die natürliche Wurzelentwicklung eines frei wachsenden Baumes entspricht etwa der Grösse seines  Kronendurchmessers. Mit der zunehmenden Unterbauung der Grundstücke verschwinden somit Bäume und damit gehen nicht nur Freiraumqualitäten verloren. Bäume spenden Schatten, verbessern das Stadtklima und die Luftqualität, sie sind Lebensraum für Vögel und andere Kleintiere, sie prägen Strassenzüge und sind Teil gewachsener städtischer Strukturen. «Es dauert Jahrzehnte, bis ein Baum eine gewisse Grösse erreicht, um dies leisten zu können», erläutert die Zürcher Landschaftsarchitektin Rita Illien.

Erholungsraum dank Grünanlagen

Während in den Innenstädten Bäume als Schattenspender in heissen Sommern geschätzt sind und in Hitzeperioden ab einem gewissen Baumanteil die Temperaturen erheblich gesenkt werden können, spielen sie in unseren Wohngebieten zudem als Grün- und Erholungsraum eine wichtige Rolle. Doch dort stehen sie ebenfalls unter Druck. Siedlungen mit zwei- oder dreigeschossigen Zeilen werden heute oft nachverdichtet, wenn nicht gar durch Neubauten mit Tiefgaragen ersetzt. Die Gartenqualitäten, die die ursprünglichen Grünanlagen hatten, gehen dabei verloren und der Baumbestand schwindet auch hier.
«Wir dürfen die Bedeutung der hausnahen Grünräume nicht unterschätzen, die man innert weniger Minuten erreichen kann, sie sind wichtig, gerade  für Kinder und ältere Menschen», führt Rita Illien  weiter aus und fordert, bei grossen Arealüberbauungen sollten mindestens 30 bis 40 Prozent der Fläche nicht unterbaut und für Baumbepflanzungen freigehalten werden. Dass sich die Pflanzung von Bäumen und eine mögliche Unterbauung nicht  ausschliessen müssen, hat die Landschaftsarchitektin bereits unter Beweis gestellt. In Chur hat sie mit dem Architekten Conradin Clavout bei der   Überbauung des Areals Pulvermühle 2017 eine Möglichkeit gefunden, Baumpflanzungen trotz der geforderten Tiefgarage zu realisieren. Das ehemalige Wohn- und Gewerbegebiet ist heute durch den Neubau einer u-förmigen Wohnanlage besetzt, die am Zugang zum Areal mit einer  Kletterhalle und einem Café öffentliche Nutzungen aufweist. Die geforderte Tiefgarage ist unter den Wohnbau gelegt, sie entwickelt sich ebenfalls  u-förmig und ist nicht über das ganze Grundstück geführt. Der Hof der Bebauung, an den die privaten Gärten der Erdgeschosswohnungen  anschliessen, konnte somit bepflanzt werden. «Wir wollten einen Bereich schaffen, der frei von einer Unterbauung ist, damit in diesem Hof in 30 Jahren einmal schöne, stattliche Bäume stehen werden», erläutert Illien. «Auch beim Zugang zur Anlage konnten wir durch die gewählte Führung der Tiefgarage Bäume pflanzen. Dieser Platz ist die Adresse des Areals, hier stehen Platanen.» Dass eine Baumbepflanzung für den jeweiligen Ort optisch-räumliche Qualitäten besitzt, führt die Landschaftsarchitektin weiter aus und erläutert das Konzept der Hofbepflanzung: «Wir haben diese so gewählt, dass die Bäume über das Jahr den Wechsel der Jahreszeiten zeigen. Es sind Vogel-Kirschen, die im Frühjahr schneeweiss blühen und eine intensive rote Herbstfärbung besitzen, und dazu haben wir Spitzahorn gesetzt. Der Ahorn wächst zudem schnell, es war mir ein Anliegen, dass es rasch Schatten gibt im Hof.» Dass der Bewuchs einer gewissen Dynamik unterworfen ist und dass man in zehn Jahren die Baumgruppen vielleicht auch ausdünnen müsse, das gehöre zu einem Grünraum dazu. Das Bewusstsein für seine Anlage und seine Pflege müsse gefördert werden.

Bäume schaffen in heissen Sommern ein gutes Mikroklima

Tiefgaragenplätze versprechen angeblich Rendite und werten Wohnungen scheinbar auf, kommen also deren Verkäuflichkeit entgegen. Doch handeln wir uns nicht Probleme mit dieser grossflächigen Unterbauung unserer Stadtquartiere ein? Nicht nur der Baumbestand, auch Versickerungsflächen nehmen ab, die Ableitung von Regenwasser ist bei Arealüberbauungen oftmals ein Problem. Zudem gewinnt die Frage des Stadtklimas immer mehr an Bedeutung. Bäume schaffen in heissen Sommern ein gutes Mikroklima und können – je nach Art und Positionierung vor Fassaden – einen aufwendigen Sonnenschutz ersetzen. Solche Aspekte werden bei der Planung von Neubauten bisher kaum berücksichtigt.
Räumlich gut gestaltete Grünanlagen schaffen eine qualitätvolle Stadtnatur, die für uns Erholungsraum ist, Identifikation bietet und das Stadtklima  positiv beeinflussen kann. Schon 30 Prozent nicht unterbauter Fläche pro Areal können helfen. Ein Baum braucht zwanzig bis dreissig Jahre, um eine gewisse Grösse zu erreichen – ob wir bis dahin überhaupt noch Tiefgaragen in diesen Ausmassen benötigen, ist fraglich. Dass wir dann heissere Sommer haben werden, aber gewiss.

 

Bilder: Hanspeter Schiess