Architektur Forum Ostschweiz

Archiv der Kategorie: Gutes Bauen

Subtiler Dialog zwischen alt und neu

Der 400-jährige Torkel Romenschwanden ist der letzte Zeitzeuge in St. Margrethen, der an den Weinbau im Mittelalter erinnert.

03.10.2020 von Susanna Koeberle

Dionysos, der Gott des Weines, wäre bestimmt hocherfreut über dieses Projekt. Schliesslich  gehören zum Genuss dieses Getränks unbedingt auch Feste. Alleine im Kämmerchen alkoholischen Genüssen zu frönen – das haben wir in diesem Jahr gesehen – ist einfach nicht dasselbe. Dass ein  Torkel in Romenschwanden bei St. Margrethen zu seinen Ursprüngen zurückfand, war nicht nur in architektonischer Hinsicht eine gute Entscheidung. Auch für das soziale Zusammenleben schaffen  Renovation und Umnutzung des Baus einen Mehrwert. Eigentümerin und Auftraggeberin war die Ortsgemeinde St. Margrethen, welche für die Restaurierung des 400-jährigen Torkels den  Architekten Lukas Brassel beauftragte. Lange als Abstellraum für Maschinen und Brennholz  genutzt, ermöglicht der Umbau des historischen Bauwerks nicht nur eine neue öffentliche Nutzung  als Veranstaltungssaal, er bewahrt zugleich einen wichtigen Zeitzeugen der Geschichte dieser  Gegend.
Der Torkel gehörte zu dem 1602 erbauten Gutshaus der Zollikofer von Altenklingen, einer lokalen  Adelsfamilie, die auch Wein anbaute. Im Mittelalter war die Region ein wichtiges Weinbaugebiet, von dort aus wurde der Rebensaft bis nach Deutschland exportiert. Die Reblausplage um die  Jahrhundertwende setzte dieser Tradition ein Ende, in Romenschwanden wurden erst wieder in den 1980er-Jahren Rebstöcke gepflanzt. Das zweigeschossige Ökonomiegebäude wurde vermutlich aus Steinen der Ruine Grimmenstein erbaut, darauf deuten einige rötliche Sandsteine hin. Diese Verfärbung tritt durch starke Erhitzung auf. Sie ist ein Indiz, das sich mit dem  Niederbrennen der Burg im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen im 12. Jahrhundert in  Verbindung bringen lässt.

Weiterbauen in historisch wertvollem Kontext

Die besondere Bauweise des Mauerwerks prägt das Aussehen des schlichten Bauwerks, daran  wollte der Architekt Lukas Brassel möglichst wenig ändern. Vielmehr ging es ihm um den Erhalt der historischen Bausubstanz, die zugleich durch die dezenten Eingriffe durchaus einen  zeitgenössischen Ausdruck bekommen hat. An der Südwestfassade stabilisiert etwa ein neu eingebauter Stahlbetonrahmen das labile Bruchsteinmauerwerk. Vier grosse Doppelfenster machen  die Raumhöhe des Saals auch von aussen lesbar und betonen die Nutzung als öffentlicher Raum. Der Veranstaltungsraum bietet Platz für Anlässe mit 40 bis 60 Personen. Im Innern erleichtert ein pflegeleichter Boden aus versiegeltem Monobeton eine unkomplizierte Handhabung der Räumlichkeiten; auch sonst arbeitete der Architekt mit einfachen Materialien, die etwas  Unaufgeregtes ausstrahlen. Die Menschen im Raum sowie die alten Bauteile sollen die Hauptrolle spielen.
Am unverputzten Mauerwerk erkennt man eine damals verwendete Bauweise, das sogenannte  «Zwickeln». Statt mit teurem Mörtel wurden die Räume zwischen den grösseren Steinen mit  kleineren Gesteinssplittern aufgefüllt. Die unterschiedlich grossen Steine bilden ein interessantes  Gefüge, das auch heute noch funktioniert. Der Architekt konnte die alte Balkenlage der Decke  erhalten; diese wurde mit neuen Deckendielen versehen. Brassel beliess zudem die historische  Mittelstütze, was den Raum quasi symbolisch in der Vergangenheit verankert.

Fruchtbare Zusammenarbeit

Das Beleuchtungskonzept entstand in Zusammenarbeit mit Gallus Zwicker aus St. Gallen, die zwölf  Tische sind ein Gemeinschaftsentwurf von Lukas Brassel und dem Produktdesigner und Schreiner Markus Hangartner. Gerade bei älteren Bauten ist das Fachwissen von Spezialisten  besonders gefragt. Die Kollaboration mit Jürg Conzett war in dieser Hinsicht hilfreich. So entschied Lukas Brassel aufgrund der Expertise des bekannten Bauingenieurs, die WC-Anlagen nach unten zu verlegen, sodass der obere Hauptraum frei bleiben konnte.
Angrenzend an den vorhandenen Gewölbekeller, dessen Rundbogentor ebenfalls behutsam  restauriert wurde, befinden sich nun die Toiletten und ein Technikraum. Nach unten führt eine Treppe, deren filigranes Metallgeländer sich klar absetzt von der alten Bausubstanz. Eine feine Fuge im Beton markiert den räumlichen Eingriff. Die Materialisierung der unteren Räumlichkeiten ist einfach und doch wertig. Die Wände aus braun-schwarz filmbeschichteten Sperrholzplatten muten fast etwas asiatisch an.
Die Balance zwischen Bewahren und Erneuern ist hier vorbildhaft gelungen. Die neue Identität des Torkels basiert auf diesem subtilen Dialog zwischen alt und neu. Prägend für den modernen Charakter ist die vordere Fensterfront. Wenn die hölzernen Klappläden geschlossen sind, erkennt man die bauliche Massnahme kaum. Sind diese offen, wird die feingliedrige  Kolonnade sichtbar.  Sie dient der Befestigung der hohen Fenster und Läden, zugleich verleiht diese architektonische Geste dem Bauwerk Grosszügigkeit und Selbstbewusstheit. Es waren denn auch diese Fenster,  welche bei den Bauarbeiten finanziell ins Gewicht fielen, sodass diesbezüglich etwas Überzeugungsarbeit des Architekten notwendig war. Dass Brassel selber in der Gemeinde aufgewachsen ist, hat die Kommunikation sicher erleichtert. Die  Vertrautheit mit dem Kontext ist auf verschiedenen Ebenen eine gute Voraussetzung für eine solche  Aufgabe. Auch das Catering für Veranstaltungen besteht aus lokalen Produkten, das schafft eine zusätzliche  Wertschöpfung für den Ort. Der Begriff «Torkel» stammt aus dem lateinischen Wort «torculum» für Presse.  Diese steht zwar physisch nicht mehr im Raum, aber die Steine sind stille Träger von Geschichte: Der Bau erzählt diese weiter. Den Rest übernimmt der Geist des Dionysos.

Bilder: Hanspeter Schiess

Der Durchbruch zum Klostergarten

Kluge Planer können auch mit kleinen Eingriffen viel bewirken. Das beweist die Umgestaltung des Klinikareals St. Pirminsberg in Pfäfers.

05.09.2020 von Deborah Fehlmann

Das Postauto arbeitet sich im Zickzack den steilen Hang von Bad Ragaz nach Pfäfers hoch. Kurz vor dem Dorfzentrum thront direkt über der  Hauptstrasse auf felsigem Grund die Klosterkirche, das Wahrzeichen des Ortes. Zusammen mit den drei Gebäudeflügeln dahinter umschliesst  sie einen nahezu quadratischen Hof. Die frühbarocke Anlage stammt aus dem 17. Jahrhundert, doch die ersten Benediktinermönche zogen bereits 731 von der Inselabtei Reichenau ins Taminatal und gründeten hier das Kloster Fabaria. Fünfhundert Jahre später entdeckten sie weiter oben in der Schlucht eine Quelle, deren Wasser sogar der berühmte Paracelsus eine heilende Wirkung attestierte. Fortan war Pfäfers nicht nur ein Reiseziel-Gläubiger, sondern auch Heilsuchender aus dem In- und Ausland.
1838 hob der Kanton St. Gallen die Abtei auf und zog deren Geld und Güter ein. Eine Heilstätte blieb der Ort aber: Fünf Jahre später eröffnete  in den alten Gemäuern die Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg. Heute beherbergt das frisch restaurierte Kloster Behandlungsstationen, Büros und Sitzungsräume. Das jetzige Hauptgebäude der Klinik, ein pragmatischer Spitalbau aus den Siebzigern, wird dem barocken Denkmal nicht gerecht. Am fernen Ende ergänzt seit 2010 das Zentrum für Alterspsychiatrie die Anlage. Die grosse Qualität des Ortes liegt zwischen den Bauten: Inmitten der Bergkulisse geniessen Mitarbeitende, Patienten und Gäste sorgsam gepflegte Gärten, naturnahe Wiesen und einen guten  Kilometer Spazierwege auf dem Klinikareal. Sie sind das einstweilige Resultat eines 20-jährigen Entwicklungsprozesses.

Veränderung als Gemeinschaftswerk

«Als ich Mitte der Neunzigerjahre hierherkam war das Areal zwar gepflegt, aber eher funktional und freudlos gestaltet. Es gab viel ungenutztes Potenzial», erinnert sich Christoph Eicher. Als CEO der St. Gallischen Psychiatrie-Dienste Süd trägt er die Gesamtverantwortung für die Klinik in Pfäfers und drei weitere Psychiatriezentren. Er schwärmt von der Kraft des geschichtsträchtigen Ortes und von der umliegenden Natur, die zur Gesundung der Menschen beiträgt. Denn: «Die Vorstellung einer psychiatrischen Klinik als Versorgungsbetrieb ist überholt – heute steht die Gesundung im Zentrum. Die Patienten sollen sich hier aufgehoben fühlen, aber auch so bald als möglich nach Hause zurückkehren.»
Eicher beschloss, die Klinik in einen einladenden und inspirierenden Ort zu verwandeln. Zufällig lernte er in jener Zeit den St. Galler  Landschaftsarchitekten Tobias Pauli kennen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und Eicher beauftragte Pauli mit der Erarbeitung einer Gesamtschau über die Qualitäten und Entwicklungspotenziale des Areals. Ein einziger grosser Wurf, das wusste er, würde es nicht werden.  Dazu fehlten die Eigenmittel, und das Projekt war kaum dringlich genug, um sich rasch finanzielle Unterstützung durch den Kanton zu  erhoffen. Von Paulis Gesamtkonzept ausgehend, entschied Eicher sich deshalb für einen Wandel in kleinen Schritten. Deren Umsetzung in den Folgejahren gelang auch dank Drittmittel und der Begleitung durch das kantonale Hochbauamt.
Pauli erinnert sich gerne an den jahrelangen Prozess: «Wir trafen uns alle paar Monate, zogen Bilanz und diskutierten, was wir als Nächstes in  Angriff nehmen. Ärzte, Pflegepersonen und auch ein Koch wirkten bei diesen Beratungen mit – ein partizipatives Vorgehen.» Den Auftakt  machte Ende der Neunzigerjahre der Aussenraum der Cafeteria und des Haupteingangs, die im Zuge der Neugestaltung unter anderem zwei Wasserbecken erhielten. Als Nächstes gestaltete Pauli die terrassierten Torkelgärten um, wo die Mönche einst Reben und andere Nutzpflanzen gezogen hatten. Nun finden Ruhesuchende zwischen dem Grün geschützte Aufenthaltsnischen mit Blick in die Landschaft. Über einen  Mauerdurchbruch verband er die vormals abgeschlossenen  Torkelterrassen mit dem Zentrum der Anlage. Von der Cafeteria her gesehen, gibt der türgrosse Ausschnitt zugleich den Blick in die Berge frei. Dann entwarf der Landschaftsarchitekt die Spazierwege am Hügel oberhalb der Anlage, leitete eine umfassende Renaturierung in die Wege und wertete den Klosterhof mit feinen Eingriffen auf.

Eine Klinik, die ein offenes Haus sein will

Letzteres Projekt übergab er, der bis 2007 allein gearbeitet hatte, seiner Mitarbeiterin Susanna Stricker. Pauli bereitete in jenen Jahren seinen  Ruhestand vor und die beiden sprachen bald über eine mögliche Übernahme. Doch Pauli wollte seine potenzielle Nachfolgerin erst auf die Probe stellen: «Wir zeichneten je ein Projekt für die Umgestaltung des Klostergartens und legten die Entwürfe Christoph Eicher vor. Er entschied sich für ihren Vorschlag.» Das habe ihm Vertrauen gegeben, um sich 2013 vom Geschäft zu lösen.
Unter Strickers Leitung erfolgte die Neugestaltung des Klostergartens und der Aufgänge zum südlichen Hauptportal bis 2019. Zeitgleich liess der Kanton die Bauten sanieren. Der Wildwuchs wich einer üppigen Staudenbepflanzung, durchsetzt mit geschwungenen Wegen. Die barocke   Hauptfassade mit Freitreppe und geschmücktem Eingangsportal erscheint durch die Erweiterung mit Balustraden aus Sichtbeton nunmehr  repräsentativer. Geblieben sind nur eine mächtige Blutbuche und die alten Umfassungsmauern gegen die Strasse. Auch hier entstand dank  eines nur schmalen Mauerdurchbruchs eine neue räumliche Situation: Während der Weg vom Garten zum Eingang der Klosterkirche früher  umständlich über die Strasse führte, verbinden heute wenige Treppentritte die beiden Orte. Es ist eine von vielen Gesten, durch die auch  Aussenstehende den Weg in das durchwegs zugängliche Klinikareal finden. Denn auch das, sagt CEO Eicher, will die Klinik sein: ein offenes  Haus, das dazu beiträgt, die in unserer Gesellschaft noch immer vorhandene Zurückhaltung gegenüber psychisch kranken Menschen  abzubauen.

Bilder: Hanspeter Schiess

Schattenseiten und Chancen von Pop-ups

Der Lockdown führte zu leeren Ladenlokalen, begünstigte aber auch Flächen für Pop-ups. Zwei Beispiele in Diessenhofen und in Chur.

08.08.2020 von Susanna Koeberle

Das Wort Pop-up ist in aller Munde, «aufzupoppen» scheint heutzutage im städtischen Umfeld das  Gebot der Stunde zu sein. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist ein allgemeiner Strukturwandel im Einzelhandel. Das Ladensterben, das auch auf die wachsende Verlagerung des  Handels in den Online-Bereich zurückzuführen ist, bewegt viele Hersteller und Händler dazu, neue Wege zu gehen. Wer verkaufen will, muss in erster Linie Aufmerksamkeit generieren und diese ist durch ein plötzliches Auftauchen garantiert. Ein Pop-up-Store ist ein geeignetes Tool zur  Imagepflege und wird meist als Ergänzung zu bestehenden Verkaufsplattformen eingesetzt, etwa um ein neues Produkt zu lancieren oder einen Standort zu testen. Ein weiterer Vorteil von Pop-up- Formaten ist, dass sie günstiger sind als eine fixe Ladenmiete. Zudem entsprechen sie durch ihr temporäres Bestehen der heutigen schnelllebigen Kultur, in der Flexibilität quasi zum  Pflichtprogramm gehört – was umgekehrt bedeutet, dass Verbindlichkeit in der Regel möglichst  gering gehalten wird.
Diese Situation hat auch ihre Schattenseiten, denn angesichts der aktuellen Situation zum Beispiel  sind viele Geschäfte in eine prekäre Lage geraten; der Lockdown bedeutet vor allem für kleinere  Läden das Aus, was wiederum zu noch mehr Leerstand von Ladenlokalen führen wird. Und zu  neuen Flächen für Pop-ups. Die Leerstandaktivierung durch temporäre Projekte ist für  Immobilienbesitzer eine attraktive Lösung. Als Scharnier zwischen Anbietern und Suchenden  funktionieren Online-Marktplätze. Das Forschungsprojekt «Pop Up City» etwa – eine  Kollaboration zwischen der FHS St. Gallen, der NTB Buchs, Popupshops.ch, der Stadt St. Gallen und der Stadt Zürich – lanciert im Juli 2020 eine digitale Plattform, die Anbieter von Räumen und  interessierte Firmen zusammenbringt; Ziel ist ein effizientes «Matching».

Pop-up auf dem Land

Auch aus ökologischer Sicht können mobile und flexible Architekturen sinnvoll sein. Sie können  sowohl bei bestehenden Bauten wie auch im öffentlichen Raum mit wenig Materialaufwand in kurzer Zeit aufgestellt und wieder abgebaut werden. Allerdings stellt sich dabei die Frage nach der Wertschöpfung für die Allgemeinheit, denn die Nutzung von öffentlichem Raum zu kommerziellen  Zwecken im urbanen Kontext kann langfristig den Prozess der Gentrifizierung fördern. Nicht zu  unterschätzen ist das Aussehen solcher Architekturen. Wenn der Fokus auf maximaler Rentabilität  liegt, geht die Ästhetik nämlich häufig vergessen. Die Pflege der Baukultur ist auch bei temporären  Bauten wichtig. Viele Marken bieten für ihre Boutiquen bekannte Baukünstlerinnen und  Baukünstler auf, doch es geht auch bescheiden – und dennoch optisch ansprechend.
Im Idealfall verbinden sich die positiven Faktoren von Pop-up-Projekten zu einem Erlebnis, das  sowohl Verbraucherinnen und Verbraucher für Themen sensibilisiert als auch für Umsetzende auf verschiedenen Ebenen profitabel ist. Interessanterweise finden Pop-up-Konzepte auch in  ländlichen Gegenden Anklang. So macht etwa Thurgau Tourismus mit mehreren temporären und  mobilen «Hotelprojekten» auf die Sehenswürdigkeiten des Kantons aufmerksam. Diese befinden  sich eben auch mitten in der Natur oder zumindest fern von grösseren Städten. Seit 2017 gastiert  das Bubble-Hotel, ein aufblasbares Gästezimmer, das freie Sicht auf den Sternenhimmel und die Umgebung bietet, an verschiedenen Standorten. Von Anfang an dabei war die Kartause Ittingen,  dieses Jahr gibt es bereits fünf Partner, die zwischen April und Oktober ein Paket anbieten, teilweise inklusive Abendessen. Ein solches Himmelbett steht etwa im Rosengarten des ehemaligen  Klosters St. Katharinental auf einem Holzpodest. Das Angebot wird gut genutzt, das Echo sei positiv und auch finanziell scheint die Rechnung aufzugehen, wie eine  Medienverantwortliche von Thurgau Tourismus berichtet.

Inspiration dafür war ein Konzept des Künstlerduos Frank und Patrik Riklin. Die beiden Konzeptkünstler haben ihr Langzeitprojekt «Null Stern Hotel» zusammen mit dem Hotelexperten Daniel Charbonnier 2016 radikalisiert und mit «Zero Real Estate» eine Landversion entwickelt – «immobilienbefreite Hotelzimmer» ohne Dach und Wände. 2018 lancierten sie das Konzept als kollektive Performance in der Tourismusdestination Ostschweiz. Das Projekt ist mehr als nur ein Pop-up-Gag, sondern eine ernst gemeinte Massnahme. Mehrere lokale Tourismusdestinationen in der Ostschweiz können so eine eigene Interpretation des Zimmers im Freien anbieten. Auch der Schweizer Laufschuhe-Hersteller «On» setzt auf Natur als Trägerin der Markenbotschaft. Die von Thilo Alex Brunner (Head of Design bei On) entworfene Hütte aus nachhaltigen Materialien stand letztes Jahr im Engadin zwischen dem Piz Lunghin und dem Lunghin-Pass.

Kultureller Mehrwert

Demgegenüber kann es im vielschichtigen urbanen Kontext interessant sein durch Zwischennutzungen, leer stehende Gebäude mit Inhalten zu beleben und damit zur städtischen Vielfalt beizutragen. Ob das allerdings immer ein Konsumangebot sein muss, sei dahingestellt. Gerade der Lockdown hat gezeigt, wie sich Menschen den öffentlichen Raum auf unkonventionelle und kreative Art aneigneten. Solche Sondersituationen könnten auch ein Denkanstoss sein. Etwa dazu sich die Frage zu stellen, welche Rolle Zwischennutzen für Stadtteil-Entwicklungen spielen. Welche zeitlich befristeten Nutzungsmöglichkeiten führen zu einer Aufwertung von Öffentlichkeit und zu einem Bewusstsein für den Wert von Stadt als gemeinschaftlichem Raum? Die Verbindung von Kulturangebot und Zwischennutzung kann eine Aufwertung des öffentlichen Lebens sein. Ein solches Projekt ist «Hallo Chur », das bereits früher kleine Veranstaltungen organisierte. Letztes Jahr stiessen die Initiatoren auf eine leer stehende Liegenschaft beim Bahnhof Chur, die abgerissen werden soll. Sie fragten die Besitzer an, ob sie das Haus befristet mieten können. So entstand ein Pop-up-Kulturhaus, das zwischen Frühling und Herbst ein reichhaltiges Programm anbot. Da ein Grossteil des Programms dieses Jahr wegen Corona gestrichen werden musste, kam spontan die Idee für eine Gartenbeiz auf, die nun vom «Hallo Chur»-Team je nach Zeit und Lust betrieben wird. Manchmal entstehen temporäre Nutzungen ganz unkompliziert und auf Initiative der Bevölkerung

Bilder: Hanspeter Schiess

Aus «Hasenställen» wird «Prosa»

Die Verdichtung von Wohnquartieren gelingt nicht nur mit Mehrfamilienbauten. Zwei spezielle Siedlungen im Rheintal.

21.07.2020 von Deborah Fehlmann

«Wir wollten nicht in einen Block ziehen», sagt Marcel Specker. Der Landschaftsarchitekt wohnt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter seit  sieben Jahren in der Siedlung Schlatt in Heerbrugg. Auf drei Seiten umschliesst ein Wohnquartier die drei flachen Häuserzeilen, auf der vierten Seite geht der Blick ins weite Feld. Mit ihren Flachdächern und Eternitfassaden sind die insgesamt 25 schmalen Reihenhäuschen inmitten von  Einfamilienhäusern ein Unikum. Ihre Gleichförmigkeit trug ihnen schon kurz nach der Fertigstellung 1968 den Spitznamen «Hühnerställe» ein. Doch die Siedlung steht hier nicht zufällig: Sie war eine Antwort auf die damalige Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum für Familien. Die Büchel Fertigbauten AG aus Rebstein erstellte sie nach hauseigenem System und in der rekordverdächtigen Aufrichtzeit von einem Tag pro Haus. Eine Wohneinheit kostete damals 82 000 Franken inklusive Land, was heute rund 260 000 Franken entspricht. Die Lebenskostenstruktur im Rheintal  erlaube keine höheren Hauskosten, schrieb die Zeitschrift «Bauen + Wohnen», welche die Siedlung damals porträtierte.
Auch deshalb waren die Häuser in ihrer ursprünglichen Form alle identisch: Im Erdgeschoss ein Eingangsbereich, Küche und Waschküche, ein  Abstellraum und das Wohnzimmer. Darüber ein Eltern- und zwei Kinderzimmer, dazwischen ein Bad. Vor jedem Wohnzimmer liegt ein Garten mit Pergola, den eine Mauer von jenem des Nachbarn abtrennt. Ein Untergeschoss gibt es nicht. «Die Wohneinheiten sind zwar kompakt, aber geschickt  organisiert», sagt Specker. Die junge Familie schätzt es, hier ein Haus auf zwei Stockwerken bewohnen zu können: «Man kann sich einerseits innerhalb der Wohnung gut zurückziehen und kommt andererseits direkt nach draussen. Und wir haben einen eigenen Garten. Gerade mit kleinen Kindern sind das Qualitäten, die eine Geschosswohnung nicht bietet.»
Specker ist in der Gegend aufgewachsen. Für Kinder war die Siedlung Schlatt ein Anziehungspunkt: «Hier lebten viele Familien. Auf dem Spielplatz und in der Umgebung ging immer die Post ab», erinnert er sich. Das ist heute anders. Viele der früheren Hausbesitzer leben noch hier, doch die Kinder sind entweder ausgeflogen oder wohnen inzwischen in einem eigenen Reihenhaus in der Siedlung. So ist es in den gemeinschaftlichen Grünräumen still geworden. Lebendig geblieben sind aber die privaten Bereiche: An den Fassaden und in den Vorgärten treibt der individuelle Gestaltungswille bunte Blüten.

Ein vielfältiges Ökosystem

Einen Katzensprung entfernt sitzen Judith und Peter Roduner in ihrer geräumigen Essküche, während vor der grossen Fensterfront Bäume und Büsche blühen. Seit 25 Jahren bewohnen sie eine von 14 Doppelhaushälften der Siedlung Prosa in Au. Die starke  Gemeinschaft schätzen sie hier besonders – man kümmere sich um einander und sorge zusammen für die Siedlung. Wer Gemüse aus dem eigenen Garten verschenken oder ein Werkzeug borgen will, schreibt in den Siedlungschat, und für einen kurzen Schwatz lehnt  man sich über den Gartenzaun. «Wir haben bewusst nach einer Siedlung gesucht», erzählt Judith Roduner, «auch wegen der Kinder. Im autofreien Aussenraum konnten wir sie unbesorgt spielen lassen, und Kameraden hatten sie hier zuhauf.» Ein Einfamilienhaus wäre ihnen aber auch zu teuer und zu verschwenderisch gewesen. «Das Abstandsgrün rundherum brauchen wir nicht. Ein privater Grünstreifen genügt», sagt Peter Roduner.
Tatsächlich wollte dessen früherer Besitzer das Land, wo heute die Siedlung Prosa steht, in Einfamilienhausparzellen unterteilen. Zum  Bau einer Siedlung überzeugten ihn die Architekten Köppel + Martinez. Sie ordneten die sieben Doppelhäuser in Form eines U an und sahen in der Mitte einen zentralen Parkplatz vor. Dank der minimalen Erschliessungsfläche erzielten sie eine hohe Bebauungsdichte und zugleich grosszügige Aussenräume. Backsteinmauern trennen die Privatgärten vom Fusswegnetz und dienen zugleich als Gartenschuppen und Velounterstände. Die Häuser planten die Architekten als Holzelementbauten.
Um Kosten zu sparen, strebten sie einen hohen Standardisierungsgrad an. So basieren die Häuser auf einem strengen Raster und  kommen mit nur zwei Fensterformaten aus. Das alles mutete in einem Einfamilienhausquartier Mitte der Neunzigerjahre wohl zu  exotisch an und die neue Siedlung erhielt – wenig kreativ – den Spottnamen «Hasenställe».
Wer die Prosa heute besucht, denkt kaum an Massentierhaltung, sondern eher an ein vielfältiges Ökosystem: Das Äussere der  Doppelhäuser ist zwar bis auf die Markisen identisch, aber dafür hochwertig. Die 14 gleichgerichteten Pultdächer mit den  dazwischenliegenden Dachterrassen verleihen dem Ensemble Expressivität und ihre gleichmässige Verwitterung steht den  Holzfassaden gut an. Die privaten Gärten gestaltet jeder nach seinem Geschmack und die meisten sind über ein Vierteljahrhundert üppig eingewachsen. Im Inneren konnten die Käufer viel mitbestimmen, von der Lage und Gestaltung der Küche über die Badezimmer  bis zur Raumeinteilung. «Das war sehr wertvoll», sagt Judith Roduner.
Der Argwohn im Quartier ist längst verflogen. Viele Nachbarn sind inzwischen gute Freunde und fast schon zu einem Teil der  Gemeinschaft geworden. Das Bedürfnis nach mehr Distanz hatten die Roduners nie. «Zurückziehen kann man sich auch hier», sagt  Peter Roduner. «Aber man muss sich für das Leben in einer Siedlung entscheiden. Dazu gehört auch, auf die Anderen Rücksicht zu nehmen und selbst tolerant sein, wenn zum Beispiel draussen die Kinder lärmen.»
Wieso also anstelle eines Wohnblocks nicht wieder einmal eine Siedlung bauen? Von etwas mehr Gemeinschaftssinn in der Planung profitieren am Schluss alle – im besten Fall sogar das Quartier.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Aus dem Minimum schöpfen

Aus dem vorhandenen Flickwerk unterschiedlicher Baustile eine einheitliche Lösung erarbeiten, die dennoch einen eigenständigen Ausdruck und ein klares Konzept besitzt, ist nicht selbstverständlich.

13.06.2020 von Susanna Koeberle

Zum Leben gehört der Tod: An Allgemeingültigkeit dürfte diese Aussage nicht zu übertreffen sein. Dass wir sterben müssen, verbindet alle Menschen auf dieser Erde. Zugleich gibt es wohl kaum ein Thema, das Kulturen stärker voneinander trennt als der Umgang mit dem Tod. Dies betrifft sowohl die dazu gehörenden Bräuche wie auch die entsprechenden Anlagen, die für kultische Handlungen nach dem Ableben üblich sind. In unserer multikulturellen Gesellschaft ist es deswegen besonders anspruchsvoll, Orte zu gestalten, die der Vielschichtigkeit heutiger Realitäten gerecht werden. Allein innerhalb der christlichen Kultur ist Wandel im Umgang mit dem Tod eine Konstante. Dieser Umstand widerspiegelt sich auch in der Anlage des Friedhofs Feldli in St. Gallen.

Balance zwischen Erhaltung und Erneuerung

Das Architekturbüro Keller Hubacher aus Herisau gewann den dafür ausgeschriebenen Wettbewerb und wurde von der Stadt St. Gallen mit der Aufgabe betraut, diverse Friedhofsbauten den heutigen Anforderungen und Bedürfnissen anzupassen. Der Auftrag erwies sich in verschiedener Hinsicht als komplex. Zum einen ging es darum, einen adäquaten Umgang mit der Heterogenität des Bestands zu finden. Die Anlage glich einem Flickwerk unterschiedlicher Stile. Ziel war es, diese unterschiedlichen Sprachen in eine Einheit zu überführen, ohne die Mehrstimmigkeit zu übertönen. Eine weitere Schwierigkeit bestand in den unterschiedlichen Bauaufgaben und den daraus resultierenden technischen Problemen. Bei der Analyse des Bestands erwies sich eine Schadstoffsanierung als notwendig. Der Rückbau hatte eine Verzögerung des Baubeginns zur Folge, der Prozess dauerte insgesamt zwei Jahre. Im August 2019 konnte der Umbau fertig gestellt werden.

Mit einem limitierten Budget gelang es Keller Hubacher, den Spagat zwischen der weitgehenden Erhaltung der Substanz und einem eigenständigen gestalterischen Ausdruck zu meistern. Das alte Ofenhaus wurde zu einem konfessionell neutralen Abschiedsraum umgestaltet. Durch den Abbruch der jüngeren Ofenanlagen konnte zudem die Kapelle freigestellt werden. Dieser Eingriff schuf einen neuen Aussenraum zwischen den Bauten, auf dem sich Trauernde versammeln können. Die vorgelegten Säulenreihen mit dem Betonvordach bieten Schutz und kreieren eine Brücke zwischen klassizistischer und zeitgenössischer Architektur. Die Materialisierung in Beton, die sich als Sturz bis über die bestehende Fassade zieht, markiert einen dezenten Bruch, den die Architekten auch für eine subtile ornamentale Intervention nutzen. Die horizontale Schalung der neuen Wandabschnitte beim ehemaligen Ofenhaus ziert ein eingelegtes Keilmuster.

Diese archaische anmutende Form wird im Innern erweitert und an der betonierten Decke und beim Fries zu neuen unregelmässigen Ornamenten gefügt. Dabei stand die Frage im Zentrum, wie man eine sakrale Atmosphäre schafft, ohne Symbole zu verwenden. Der Raum wird von verschiedenen Glaubensgemeinschaften genutzt und sollte deswegen auch personalisierbar sein. Der Abschiedsraum weist eine beachtliche Höhe auf, mehrere mit sandgestrahltem Muster versehene Fenster betonen die sakrale Lichtstimmung und dienen der unkomplizierten Lüftung des Raums. Ein mittlerer Betonbalken war aus statischen Gründen notwendig. Parallel dazu verlaufen mehrere Tieftonabsorber in gleicher Dimension wie der Zugbalken.

Umnutzung mit einfachen Mitteln

Aufgelockert wird die rhythmisierende Struktur durch längliche Leuchter. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie die Architekten mit wenigen Mitteln etwas Besonderes schufen. Der Entwurf besteht nämlich lediglich aus sechs miteinander verbundenen Standard-Balkenleuchtkörpern. Der Boden ist mit geschliffenen Zementplatten belegt, ergänzend ergeben Quadrate aus zwei verschiedenfarbigen Natursteinen ein strukturierendes Muster. Eine Orientierung schafft der vordere Wandschild aus dunkelgrünem Naturstein, er kann auch genutzt werden, um Blumen oder Gegenstände festzumachen. Die Verbindung zwischen Aussen- und Innenraum geschieht durch die Verwendung eines einheitlichen Kellenzugputzes in einem hellen Ockerton. Der funktionale Raum strahlt eine gewisse Feierlichkeit und Wertigkeit aus, ohne sich unnötig in den Vordergrund zu stellen.

Im gegenüberliegenden Bau wurden unter anderem die Aufbahrungsräume im Untergeschoss aufgehoben. Ebenerdig entstanden vier neue, gekühlte Aufbahrungsräume, die ein würdevolles Abschiednehmen von den Verstorbenen ermöglichen. Auch hier erzeugten die Architekten mit einfachen Eingriffen Räume, die funktional und freundlich zugleich sind. So sind die Wände bis auf halber Höhe mit einer Strukturtapete versehen. Neu ist auch ein schlichtes Büro für den Friedhofsgärtner beim vorderen Zugang der Kapelle. Die baulichen Massnahmen wirken selbstverständlich und vereinfachen zugleich die Abläufe.

Das Erhalten der äusseren Gestalt der Bauten macht deutlich, dass Keller Hubacher in erster Linie an einer Balance zwischen Vereinheitlichung und Ablesbarkeit des Bestands interessiert waren. Diese Haltung zeigt sich auch im Aussenraum, wo die Architekten in Zusammenarbeit mit dem Büro für Landschaftsarchitektur Kollektiv Nordost das Rasenfeld bei den Urnenhallen frei räumten. Ein Friedhof ist schliesslich ein öffentlicher Raum, den auch Nichttrauernde nutzen. So schliesst sich der Kreis von Leben und Tod auch auf gestalterischer Ebene.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Herr Klausers Gespür für Gärten

Martin Klauser führt sein Landschaftsarchitekturbüro in dritter Generation – mit Traditionsbewusstsein und Zeitgeist.

29.04.2020 von Deborah Fehlmann

Der Rorschacher Seepark liegt still in der Kälte. Die Platanen entlang der Ufermauer ragen winterlich kahl in den verhangenen Himmel. Eine Frau  jagt ihr Hündchen über die Rasenfläche und gelegentlich passiert ein eingemummter Velofahrer. Niemand mag an diesem Morgen auf den bunten Holzbänken verweilen.
Mit den ersten Sonnenstrahlen kehrt das Leben zurück. Einen Steinwurf vom Zentrum entfernt, ist der Seepark so etwas wie Rorschachs öffentliches Wohnzimmer. Dazu legte man die lang gezogene Grünfläche zwischen Bahngleis und See zu Zeiten des Ersten Weltkriegs auch an: Das beschauliche Örtchen wuchs ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industriestadt heran. In jener Zeit entstand auch die Bahnlinie, die Rorschach bis heute vom  Bodensee trennt. Die Bevölkerung sehnte sich nach frischer Luft, Licht und Erholung vom städtischen Trubel. So schüttete die Stadt einen  Landstreifen auf und erstellte bis 1920 den Seepark. Der ortsansässige Landschaftsarchitekt Fritz Klauser (1885 bis 1950) hat die geometrische Anlage nach den Prinzipien der damals beliebten Architekturgärten entworfen.

«Das war der Zeitgeist – man war mutig»

«Die hohen Pappelgruppen kontrastieren die starke Horizontalität von See, Mauer und Baumreihen», erklärt Martin Klauser. Er führt heute die von seinem Grossvater gegründete Firma und begleitet die Entwicklung des Parks. Auch sein Vater Fredy (1921 bis 2007) hat hier gewirkt. Gemeinsam mit dem Architekten Heinz Stambach fügte er 1951 einen Musikpavillon hinzu. Schon der ursprüngliche Plan hatte einen solchen vorgesehen, als Ovalbau im Zentrum der Anlage. Die jungen Planer lösten die Aufgabe  jedoch ihrer Zeit gemäss: Sie rückten den Pavillon in eine Ecke am Parkeingang und stellten ihn diagonal zur rechtwinkligen  Anlage. Für die weite Freifläche davor mussten die Mauer gegen den Hafen und ein Teil der bahnseitigen Platanenallee weichen. «Aus heutiger Sicht ist es verrückt, dass sie die Symmetrie derart aufbrachen», sagt Klauser. «Doch das war der Zeitgeist nach dem  Zweiten Weltkrieg. Es herrschte Aufbruchstimmung und man war mutig.» Diese verschiedenen Zeitschichten zu zeigen, findet er heute gerade spannend. Selber verzichtet er bei der Anlage auf grosse Gesten. Vom neuen Radweg entlang der Bahn abgesehen, beschränken sich seine Eingriffe auf das Pflegen und Instandstellen.
Ein Dauerthema ist der Ersatz des hundertjährigen Baumbestands. Da die Ulmen an der Ulmenkrankheit litten, wachsen an ihrer  Stelle nun Linden. Die neuen Pappelgruppen entsprechen jedoch genau dem Original: Fritz Klauser pflanzte je fünf Bäume in  einem engen Halbkreis und stellte eine Sitzbank ins Zentrum. Die dicken Stämme umschliessen einen geborgenen Raum, der sich wie ein Kamin zum Himmel öffnet. Die geringen Abstände zueinander bekommen den Baumriesen zwar nicht sonderlich, doch hier überwiegt für Martin Klauser der denkmalpflegerische Aspekt: Das spezielle Raumgefühl soll erlebbar bleiben.

Rebellischer Naturliebhaber setzt sich durch

Klauser ist in der Auseinandersetzung mit dem Werk seiner Vorfahren geübt. Diverse öffentliche und private Anlagen befinden sich seit drei Generationen in der Obhut des Familienunternehmens. Als Bürde empfand er das nie: «Ich sehe es als Chance, aus einer Tradition zu kommen. Es zieht sich ein Faden durch alles – eine Verbindung, die darüber hinausgeht, das Geschäft zu  übernehmen.»
Ein Gespür für Pflanzen hatte schon sein Urgrossvater. Er kultivierte allerlei exotisches Gewächs, das er von seinen Geschäftsreisen mitbrachte. Von der Idee seines Sohnes, seinen Lebensunterhalt mit der Planung von Gärten zu verdienen, hielt der Kaufmann  jedoch nichts. «Er schärfte meinem Grossvater ein, Geld verdienen könne man nur mit Warenhandel, nicht mit dem Erteilen von  Ratschlägen», erzählt Klauser. Doch Fritz war ein Rebell. Nach seiner Gärtnerlehre sammelte er Arbeitserfahrung in Deutschland,  der Westschweiz und England. In seinem Büro in Rorschach wirkte er ab 1914 rein konsultierend. Das war damals höchst  ungewöhnlich, denn Gartenarchitekten besassen in der Regel eigene Baumschulen und verkauften mit ihren Dienstleistungen auch gleich ihre Produkte. Er aber wollte sich bei der Wahl der Pflanzen nicht von Eigeninteressen leiten lassen. Als einer der ersten «Unabhängigen» gründete er 1925 den Bund Schweizer Gartengestalter mit.
1950 verstarb Fritz Klauser nach mehrjähriger Krankheit und der 29-jährige Fredy übernahm notgedrungen die Firma des Vaters. Nach seiner Gärtnerlehre hatte der Krieg ihm das erhoffte Studium im Ausland vereitelt. Da die Schweiz noch kein Studium der  Landschaftsarchitektur kannte, eignete er sich Wissen und gestalterische Fähigkeiten autodidaktisch an. Dabei kam ihm das  künstlerische Talent entgegen, das er wohl geerbt hatte. «Mein Grossvater war ein eher unbeholfener Zeichner», erinnert sich  Martin Klauser. «Aber mein Vater zeichnete jeweils die Grundlagen eines Plans sorgfältig auf und ging dann eine Weile gärtnern.  Danach setzte er sich hin und brachte den kompletten Entwurf innert kürzester Zeit zu Papier.» Das Kämpferische hatte aber auch Fredy im Blut. In den 1940er-Jahren schaffte er die Aufnahme in den Bund Schweizer Gartengestalter, trat später aber aus Protest wieder aus, da sich die Vereinigung weigerte, nur noch konsultierende Gartenarchitekten als Mitglieder zu akzeptieren.
Nach drei Jahren der Zusammenarbeit übernahm Martin Klauser 1988 schliesslich die Firma. Mit ihrem Engagement für die Anerkennung ihres Berufsstands zeichneten seine Vorfahren ihm aber auch in anderer Hinsicht einen Pfad vor: Anders als sein  Vater konnte er nach seiner Lehre Landschaftsarchitektur in Rapperswil studieren. Das habe ihn das eigenständige Entwerfen  gelehrt, sagt er rückblickend. Trotz neuer Einflüsse gibt ihm das Erbe bis heute auch Halt: «Man wird durch die Vorfahren auf  einen Pfad gebracht. Von diesem schaut man zwar links und rechts, muss aber nicht alles, was man dort findet, gleich umsetzen.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Architektur ist mehr als Rendite

Guter Wohnungsbau ist nicht nur Teil eines Portfolios: Er prägt und verändert unseren Lebensraum.

22.02.2020 von Susanna Koeberle

Das Wort Investor ist in der Architekturszene tendenziell negativ besetzt. Häuser heissen bei Investoren Immobilien oder Anlageobjekte. Gemäss dieser Logik hat nicht die architektonische Qualität Priorität, sondern die Rendite. Dass diese stimmen muss, ist nachvollziehbar, allerdings stellt sich zugleich auch die Frage nach dem Wert von Architektur jenseits von Rendite. Dieses Thema ist insofern gerade heute aktuell, als dass aufgrund der Negativzinsen das Investieren in Immobilien für viele institutionelle Anleger  besonders attraktiv geworden ist. Versicherungen legen heute bis zu einem Viertel ihres Vermögens in Immobilien an. Dazu gehören auch Neubauten.
Dass man diesen Bauwerken nicht zwingend das Renditedenken ansehen muss, ist nicht nur wünschenswert, sondern auch machbar. Architektur ist primär für den Menschen und sollte nicht bloss als Anlagekategorie abgehandelt werden. Ein Dach über dem Kopf zu haben, gehört zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Spezies; gerade deswegen ist guter Wohnungsbau eine wichtige Aufgabe.
Baukultur ist keine leere Worthülse, sondern ein gesellschaftliches Bedürfnis, dem Investoren und Planer Rechnung tragen sollten,  wenn sie bauen. Allerdings verleiten gerade Immobilienfonds als Anlagestrategie dazu, Verantwortung abzugeben, statt zu übernehmen. Da sind Häuser plötzlich einfach nur Teil eines Portfolios und keine physischen Objekte mehr. Das Auslagern der  Thematik ist eine problematische Entwicklung. Es gilt aber auch die Architekten in die Verantwortung zu nehmen. Zwar beklagen Baukünstler gerne, dass Investorenarchitektur die Architektur verändert habe, dagegen anzutreten ist aber schwierig. Architektinnen und Architekten fehlt es an einer politischen Lobby.
Baukulturelle Prozesse zu steuern und zu begleiten, ist eine energieraubende Angelegenheit, davon können Verbände wie etwa der  Bund Schweizer Architekten (BSA), der Bund Schweizer Landschaftsarchitekten (BSLA) oder der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) ein Lied singen. Doch die Lage ist nicht hoffnungslos, es gibt durchaus Strategien, einer gesichtslosen Effizienzarchitektur entgegenzuwirken. Diese führen auf allen Ebenen zu einem Gewinn – bezüglich architektonischer Qualität wie auch anlagestrategisch.

Mit freiwilligen Wettbewerben Gegensteuer geben

Wie sehen mögliche Strategien aus und wie steht es um die konkrete Umsetzung solcher Absichten? Ein  probates Mittel, um gute Architektur zu fördern, sind professionell jurierte Wettbewerbe. Bei  öffentlichen Bauten zwingend, gibt es bereits einzelne institutionelle Investoren, die bei ihren  Bauvorhaben freiwillig Wettbewerbe ausschreiben. Diese Massnahme garantiert eine professionelle Begutachtung, bei der nicht bloss nackte Zahlen im Vordergrund stehen, sondern konkrete Bauten. Das ist für das Niveau des Resultats entscheidend und steigert in der Regel auch die Werthaltigkeit einer  Immobilie. Ästhetisch ansprechender Wohnraum lässt sich besser vermieten als öde Mietskasernen. Wobei es festzuhalten gilt, dass schön nicht gleichbedeutend mit teuer sein muss.
Während Wettbewerbe den Nachteil haben, dass sie etwas länger dauern, kann architektonische Qualität auch durch interne Fachleute gewährleistet werden. Immer mehr werden Architekten auch von Pensionskassen angeworben. Fachliche Kompetenz im eigenen Haus zu haben, ermöglicht das frühe Einbeziehen einer architektonischen Sicht auf das Anlageobjekt. Beim Bauen geht es um mehr als nur um Kapital oder zumindest darum, dieses in Materie zu übersetzen. Das ist keine einfache Aufgabe, denn auch für Architekten ist jedes Bauwerk eigentlich ein Prototyp.
Wie gehen Architekten mit dem Thema Kostendruck und Effizienz um? Ein Blick auf ein Projekt von Egli Rohr Parner Architekten am Stadtrand von Schaffhausen zeigt mögliche Handlungsfelder. Vom Versicherer AXA Leben AG direkt nach einer Expertise bezüglich eines schwierigen Baulands angefragt, kam schliesslich ein direkter Bauauftrag zu Stande. Die Aufwertung des Ortes an sich war von Anfang an ein Thema; aufgrund von heruntergekommenen Bauten aus den 1960er-Jahren hatte das Hauental keinen guten Ruf. Für die Architekten war damit ein wichtiges Argument zu einer qualitätvollen Umsetzung des Bauvorhabens gegeben.
In zwei Etappen realisierte das Büro zuerst 17 Einfamilienhäuser sowie anschliessend fünf Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 74 Wohnungen. Die Zusammenarbeit zwischen Architekten und Bauherrin war durch gegenseitiges Vertrauen und offene Kommunikation geprägt. Die AXA hat intern eine eigene Bauabteilung. Bei den Einfamilienhäusern strahlt die Fassade aus Naturschiefer Wertigkeit aus und ist zudem auch technisch gesehen eine optimale Lösung, da die Holzbauten eine nicht brennbare Oberfläche brauchten.

Mehrkosten mit origineller Idee wettgemacht

Die Mehrkosten bei den teureren Mietobjekten machten die Architekten mit einer originellen Idee bei den günstigeren Wohnungen wett. Dort setzten sie eine vorgefertigte, kostengünstige Lochblechfassade ein. Hinter dem schwarzen Metallkleid schimmert eine rote Folie durch, welche je nach Lichteinfall das Aussehen der organisch geformten Häuser verändert. Die Loggien mit den roten Vorhängen schaffen willkommene Aussenräume und treten mit der umgebenden Natur auch farblich in einen schönen Dialog. Die Brüstungen bei den Loggien haben eine doppelte Lochblechlage. Das äussere rot gefärbte Blech schafft von aussen eine optische Kontinuität, innen ist das Metall jeweils silbern hell.
Während der Innenausbau der Wohnungen eher den Standards entspricht, sind die unterschiedliche Gestaltung der beiden Siedlungsteile, die sorgfältige Materialisierung sowie die Einbettung in den Ort wichtige Elemente, die auch die von Familien bewohnte Anlage zu einem freundlichen und lebenswerten Wohnort machen. Auch bezüglich der Energieeffizienz konnten die Architekten mit dem Einbau einer Pelletheizung eine anfangs etwas teurere, doch langfristig gesehen nachhaltigere Lösung umsetzen. Nachhaltigkeit ist ein Begriff, den man auch auf die Bauqualität ausweiten sollte.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Mit altem Wissen zum Vorzeigeprojekt

Nachhaltiges Bauen geht auch ohne viel Technik. Das zeigt die Erweiterung des Landwirtschaftlichen Zentrums in Salez.

01.02.2020 von Deborah Fehlmann

Ob sich die Diskussion um Nahrungsmittelproduktion, die Textilindustrie oder die nächste Flugreise dreht – das Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen, auf denen unser Wohlstand fusst, ist in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen. So auch die Bereitschaft, sie für kommende Generationen zu schonen. Auch die Immobilienwirtschaft wandelt sich unter diesem Eindruck: Holz ist als nachwachsender Baustoff auf dem Vormarsch, wir heizen mit Wärmepumpen statt Öl und packen unsere Gebäude in immer dickere Isolationsschichten. Technische Geräte versorgen uns mit Frischluft, senken den Sonnenschutz ab oder drehen die Heizung hoch. Auch Labels wie Minergie tragen dazu bei, dass energieeffizientes Bauen sich in der Schweiz zunehmend etabliert. Ihre Zertifikate garantieren zumindest in der Planung die Einhaltung vordefinierter Standards. Gerade im Wohnungsbau dienen sie auch längst der Vermarktung.
Auch der Kanton St.Gallen verlangte wie üblich den Minergie-Standard, als er 2011 einen Architekturwettbewerb für die Erweiterung und Gesamterneuerung des Landwirtschaftlichen Zentrums Salez auslobte. Er wollte die Berufsschule mit den entsprechenden Beratungs- und Fachstellen am Standort im Rheintal konzentrieren. Dazu beabsichtigte er, die  Anlage um 900 Quadratmeter Nutzfläche zu erweitern und die bestehenden Gebäude zu sanieren. Ein Trakt aus den  Siebzigerjahren sollte weichen. Andy Senn Architekten aus St.Gallen gewannen den Wettbewerb mit einem L-förmigen Holzbau. Der lange Haupttrakt erstreckt sich von Osten nach Westen. Hier befinden sich auf zwei hohen Geschossen die Eingangshalle, Unterrichtsräume und eine Mensa. Der kurze Schenkel im Westen ist bei gleicher Höhe in drei  Stockwerke aufgeteilt. Er beherbergt Internatszimmer. Die rhythmisch gegliederte Fassade besitzt anstelle von einzelnen Balkonen durchlaufende Laubengänge. Sie überblicken nach Süden weite Felder vor einer imposanten Bergkulisse. Im Norden umschliesst der Neubau mit den bestehenden Gebäuden einen Hof, wo dereinst Kräuter und Gemüse wachsen  sollen. Dank geschickter Positionierung entfallen kostspielige Provisorien während der Bauzeit. So bleibt das Projekt trotz Raumhöhen von teils über vier Metern wirtschaftlich.

Sieger mit ungeahnten Chancen

Was die Architekten nicht wussten: Sie boten dem Kanton unversehens die Chance zu einem Experiment in  nachhaltigem Bauen. «Mit der klaren Gebäudestruktur, den hohen Räumen und den Laubengängen waren die  Grundelemente für das Konzept Lowtech im Entwurf bereits enthalten», sagt Kantonsbaumeister und Jurymitglied  Werner Binotto. Lowtech bedeutet, kurz gesagt, Verzicht auf Technik: Offene Fenster statt Lüftungsgeräte,  Nachtauskühlung tatt Klimaanlage, Lichter löschen per Knopfdruck. Das ist laut Binotto nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich nachhaltig: «Haustechnik muss laufend unterhalten werden und hat eine kürzere Lebensdauer als die Grundstruktur des Gebäudes. Das führt zu hohen Betriebskosten und aufwendigen Sanierungen.» Architekten und Nutzer liessen sich auf das Experiment ein und auch das Parlament konnte der Kantonsbaumeister überzeugen – trotz Verzicht auf Minergie. Die Bevölkerung stimmte dem Baukredit von 32 Millionen Franken im Herbst 2014 zu. Im Oktober 2018 nahm die Schule ihren Betrieb auf.

Lüften wie im Kuhstall

«Was heute oft die Technik übernimmt, muss bei Lowtech die Architektur leisten. Gestaltung, Statik und Raumklima sind direkt verknüpft. Wir mussten deshalb viel enger als gewohnt zusammenarbeiten», erinnert sich Andy Senn. Das Planungsteam untersuchte diverse Konstruktionsvarianten auf ihre thermischen, ökologischen und gestalterischen Eigenschaften, aber auch hinsichtlich Kosten und Unterhalt. Der Entscheid fiel auf eine Tragstruktur aus Holzpfosten und -riegeln mit Holz-Beton-Verbunddecken. Aus Holz bestehen auch sämtliche Raumtrennwände. Der Holzbau bietet die Vorteile von Vorfabrikation und schneller Montage. Der Beton dient als thermische Speichermasse. Er verzögert die Erhitzung des Gebäudes im Sommer und dessen Auskühlen im Winter.
Auch die Laubengänge tragen zur Temperaturregelung bei. Während sie die Fenster im Sommer verschatten, dringt die tief stehende Wintersonne bis in die Innenräume und wärmt sie auf. Mit hölzernen Schiebeläden können Lehrpersonen und Schüler die Räume zusätzlich beschatten. Die schweren Läden sind mehr als nur Gestaltung: Konventionelle Sonnenstoren nähmen bei den häufigen Föhnstürmen im Rheintal binnen kurzer Zeit Schaden. Ohne Heizung kommt die Schule übrigens nicht aus. Die Wärme liefert eine Holzschnitzelanlage, welche auch die nahegelegene Schule und die Strafanstalt Saxerriet versorgt.
Das Herzstück des Baus ist sein ausgeklügeltes Lüftungssystem. Es macht sich einerseits die hohen Räume zu Nutze und andererseits die Tatsache, dass warme – und damit verbrauchte – Raumluft aufsteigt. Hochliegende Kippfenster entlang des Mittelkorridors führen in einen glasbedeckten, klimatisch offenen Lüftungsraum auf dem Dach. Öffnet man sie per  Handkurbel, kann die verbrauchte Luft entweichen. Durch wettergeschützte Lüftungsklappen an der Fassade strömt  frische Luft nach. Die Klappen und Kippfenster stehen von Frühling bis Herbst meist offen und stellen im Sommer die Nachtauskühlung sicher. Im Winter sind sie zu, und wer lüften will, öffnet das Fenster. Die Schulzimmer profitieren von
den Kippfenstern doppelt, denn durch sie fällt zusätzliches Tageslicht ins Rauminnere. «Die natürliche Belüftung von Viehställen folgt dem gleichen Prinzip. Das mag mit ein Grund sein, wieso die angehenden Landwirte sich mit dem  System sofort anfreundeten», schmunzelt Senn. Das bestätigt Binotto: «Die Nutzer übernehmen gerne die Verantwortung, das Raumklima selbst zu regeln.» Entscheidend sei aber, sagen die beiden, wie sich aus den Ansprüchen und Rahmenbedingungen ein massgeschneidertes Ganzes gefügt habe. «Die Menschen mögen das Gebäude letztlich  auch, weil es schön ist», sagt Binotto. Auch das ist Nachhaltigkeit.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Die Denkfabrik im Stickereiquartier

In St.Gallen macht sich die Firma Namics zwar die industrielle Backstein-Architektur zu Nutze, lässt sie aber urban neu interpretieren.

28.12.2019 von Susanna Koeberle

Die Blütezeit der Ostschweizer Textilindustrie liegt weit zurück. Auch die Stadt St.Gallen war ein wichtiges Zentrum dieses für die Schweiz lange  bedeutenden Wirtschaftszweiges. Hier wurde die bekannte St.Galler Stickerei produziert. In der Stadt selber wurde vornehmlich damit gehandelt  und auch die Lagerhäuser befanden sich im urbanen Gebiet. Zur Zeit des grossen Bauschubs gegen Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts war die Stickereiproduktion der grösste Exportzweig der Schweizer Wirtschaft. Diese Zeiten sind definitiv vorbei, auch wenn einzelne Haute Couture Firmen nach wie vor Erzeugnisse aus der Region beziehen. Doch die stattlichen, dicht gereihten Bauten im  denkmalgeschützten Stickereiquartier zeugen bis heute von dieser Epoche.
Das 2017 fertig gestellte Bürogebäude von Corinna Menn tanzt nicht nur diesbezüglich etwas aus der Reihe. Denn mitten in diesem sonst  homogenen Strassenzug befand sich früher tatsächlich eine Baulücke. Diese wird mit dem Neubau nicht gänzlich geschlossen, da ein Teil der Brache zur Parzelle des Nebenhauses gehört. Links schliesst der Bau nun an das Nachbargebäude an, rechts klafft nach wie vor ein Leerraum, der etwas  verwaist wirkt. Dies tut dem Ausdruck des Neulings allerdings keinen Abbruch. Die gelungene städtebauliche Einbindung ist eine der Stärken dieses  Bauwerks. Der Quasi-Lückenfüller fügt sich unauffällig in die bestehende Strassenrandbebauung ein und überzeugt zugleich durch einen  eigenständigen architektonischen Charakter. Das Geschäftshaus dient als Hauptsitz der Firma Namics, ursprünglich ein Start-up-Unternehmen der HSG St.Gallen.
Aufgrund einer strukturellen Veränderung der Firma suchte die Namics für den geplanten Neubau nach einem Investor und fand diesen in der  Pensionskasse Asga. Nach Vorgabe der Stadt St.Gallen wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem das Projekt von Corinna Menn als Gewinner hervorging. Menn zog den Architekten Mark Amman sowie den Ingenieur Andrea Pedrazzini bei. Bezug nehmend auf die Geschichte des Quartiers  lehnt sich der Entwurf an der Idee der Fabrik an. Dieses Konzept ist auch auf den Wunsch der Auftraggeberin zurückzuführen, eine offene und  flexible Nutzung der Räume zu ermöglichen. Der Name «Denkfabrik», mit dem sich die Firma Namics schmückt, ist dabei Programm. In der Umsetzung dieser Vorgaben gingen die Architekten und der Ingenieur ganz eigene Wege. Die unkonventionellen Lösungen stellen sich allerdings nicht marktschreierisch in den Vordergrund, vielmehr fügt sich der Bau dezent ins städtische Gewebe ein.
Dazu trägt in erster Linie die Materialisierung der Fassade in hellgelben Backsteinen bei. Dieser Baustoff besitzt zwar eine industrielle Anmutung, wirkt aber in diesem Fall durchaus als eine zeitgemässe Interpretation der industriellen Vergangenheit. Die Backsteinarchitektur der  Stickereigeschäftshäuser ist auch heute noch in der näheren Umgebung vorzufinden und wurde neuen Nutzungen zugeführt. Das verleiht dem bahnhofsnahen Viertel eine urbane und lebendige Atmosphäre.

Ein nützliches Origami

Die topografische Situation an der nterstrasse, die auf der anderen Seite an den Hang grenzt, hat zur Folge, dass ein schmaler Graben zwischen Haus und Strasse liegt. In Kombination mit den grosszügigen Fenstern  erlaubt dies den Lichteinfall bis ins unterste Geschoss, dessen  Räumlichkeiten von der talseitigen Fassade aus erschlossen werden. Das Helle und Freundliche, das dieses Bauwerk prägt, findet auch im Innern seine Fortsetzung. Man betritt den Bau über eine Brücke und berührt als erstes einen organisch geformten Türgriff aus Eichenholz – ein warmer Werkstoff, der im Innern wiederholt seinen Auftritt hat. Die architektonischen Qualitäten des unaufgeregten Bürogebäudes zeigen  sich auch an solchen kleinen Details. Innen angelangt fällt eine weitere Besonderheit auf.
Um das Raumgefühl nicht durch zu viele Stützen zu stören, entwickelten die Architekten für die Tragwerkstruktur eine innovative und ästhetisch  ansprechende Konstruktion. Die gefalteten Deckenplatten aus  Spannbeton haben etwas Skulpturales und verleihen den Räumlichkeiten eine besondere Aura. Der Entwurf gewährleistet zum einen die gewünschte Stabilität und räumliche Offenheit, zum anderen kann diese Deckenkonstruktion auch als Reverenz an die Stahlbeton-Skelettbauten des Beton-Pioniers Robert Maillard (1872–1940) gelesen werden, der auch in St.Gallen gebaut hat. Die Faltung zeigt offen, was sie tut, und liebäugelt zugleich mit der Ästhetik dieser Funktion. Die Falttechnik, die an japanische Origamis denken lässt, wird heute in den verschiedensten Disziplinen verwendet.

Urbane Leichtigkeit

Architektonisch bildet sich das Tragwerk des Baus auch aussen ab. Die  Ziegelstein-Pilaster entlang der Längsfassade rhythmisieren den Bau  und verleihen ihm durch ihre nach oben verjüngende Form eine gewisse Leichtigkeit. Auch horizontal nimmt die Distanz zwischen den Fenstern gegen oben ab. Das Attikageschoss schliesslich ist zurückgesetzt. In den Aufenthaltsräumen der Firma findet ein ästhetischer, konstruktiver und atmosphärischer Wechsel statt. Der offene Raum wird durch eine Stahlkonstruktion geprägt, welche die untere Faltwerkoptik quasi in ein luftiges Gebilde auflöst. Von der talseitigen Terrasse aus hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt und ist zugleich Teil davon. Der Bau  von Corinna Menn reiht sich in eine Serie architektonischer Eingriffe,  welche dem Stickereiquartier einen neuen städtischen Charakter verleihen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Gesetzte machen keine Baukultur

Die Interessengruppe Ortsplanung Rheintal will die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit ihrer gebauten Umwelt motivieren.

30.11.2019 Interview: Deborah Fehlmann

Zersiedelung stoppen, Bauzonen verkleinern, Siedlungen verdichten und Kulturland schützen – das waren die Kernanliegen des revidierten Raumplanungsgesetzes, dem 63 Prozent des Schweizer Stimmvolks 2013 zustimmten. Am 1.Mai 2014 trat das neue Bundesrecht in Kraft und den Kantonen blieben fünf Jahre, um ihre Gesetzgebungen anzupassen.
Nun sind die kommunalen Richtund Nutzungspläne an der Reihe. Raumplaner definieren im Auftrag der Gemeinden parzellengenau, wo  was und wie viel gebaut werden darf. Sie legen fest, was bewahrt wird und wo Entwicklung stattfindet. Das wirkt sich auf unseren  Lebensraum unmittelbar aus: Baugesetze prägen die Ortschaften, in denen wir wohnen, arbeiten und unsere Freizeit verbringen. Rund 30  Architekten und Landschaftsarchitektinnen aus dem St.Galler Rheintal wollen Verantwortung übernehmen und den Prozess in der Region  mitgestalten. Offene Türen rennt ihre Interessengruppe Ortsplanung Rheintal (Igor) damit nicht ein. Ein Gespräch über Baugesetz und Baukultur mit den Vorstandsmitgliedern Joshua Loher, Dominik Hutter und Mike Föllmi.

Wieso sollen Architekten an der Ausarbeitung von Baugesetzen mitwirken?
Joshua Loher: Wir arbeiten letztlich damit und machen daraus Baukultur. Wir wissen, was funktioniert und wo Verbesserungsbedarf herrscht. Die Revision ist eine in unserem Berufsleben wohl einmalige Chance, dieses Wissen einzubringen.
Dominik Hutter: Bauen ist keine Privatsache. Man trägt etwas zum gemeinsamen Lebensraum bei. Als Teil dieses Räderwerks sind wir für die Entwicklung unserer Ortschaften mitverantwortlich. Gerade die Verdichtung stellt uns vor grosse Herausforderungen. Damit sie gelingt, müssen wir die Entwicklung steuern. Dazu brauchen wir erst einmal Zielbilder.

Fehlen diese heute im Rheintal?
Loher: Voraussetzung für die Definition eines Ziels ist ein Bewusstsein für die Besonderheiten des Ortes. Gemeinden mit einem historischen Kern wie Berneck oder Altstätten fällt das leichter. Es gibt aber Gemeinden, wo auf den ersten Blick nichts Erhaltenswertes vorhanden ist. Diese meinen oft, keine Baukultur zu haben.
Hutter: Viele Gemeinden erlebten in den letzten Jahren einen starken Einwohnerzuwachs. Das Dorf, wie man es von früher kennt, geht  verloren. In den Köpfen der Menschen ist das noch nicht angekommen.
Mike Föllmi: Auch die Behörden agieren grösstenteils noch innerhalb ihrer Grenzen, obwohl einige Gemeinden baulich längst  zusammengewachsen sind. Gerade in der Raumplanung würde übergreifendes Denken vieles vereinfachen. Im Frühjahr 2018 lud die Igor  alle Gemeinden von St.Margrethen bis Rüthi zu einem Gedankenaustausch ein. Anwesend waren auch die für sie tätigen Raumplaner. Mit ihnen hatte vorab ein positiver Austausch stattgefunden. Der Start war viel versprechend: Sämtliche Gemeindepräsidenten und  Bauamtsvorsteher erschienen zu dem Anlass. Auf den Vorschlag der Igor, als gleichberechtigte Partner neben Raumplanern und Gemeinderäten in den Kommissionen Einsitz zu nehmen, ging dennoch keine Gemeinde ein.

Der Wunsch nach Mitwirkung hat sich für Sie nicht erfüllt. Trotzdem haben Sie Ende 2018 einen Verein gegründet…
Hutter: Damit haben wir unseren Zweck ausgeweitet: Wir wollen für das Thema Baukultur sensibilisieren und es in der Gesellschaft verankern. An unseren Veranstaltungen fokussieren wir nicht auf einzelne Objekte, sondern auf den gemeinsamen Lebensraum. Zudem haben wir Arbeitsgruppen gegründet. Eine davon hat einen Kommentar zum Musterbaureglement der Vereinigung St.Galler  Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten verfasst.

Was kritisieren Sie am jetzigen Gesetz?
Föllmi: Es macht fast die Architektur! Das betrifft nicht nur Grenzabstände und Gebäudehöhen, sondern zum Beispiel auch die Ausbildung der Attikageschosse. Viele Investorenbauten bilden das Gesetz praktisch eins zu eins ab.
Hutter: Wobei ein Baureglement immer ein zweischneidiges Schwert ist. Die neuen Gesetze werden mehr Freiheit bieten, indem etwa die Ausnützungsziffer und der grosse Grenzabstand fallen. Das birgt auch Gefahren. Ein restriktives Gesetz kann negative Auswüchse  verhindern. Das führt gesamtheitlich zu mehr Qualität.

Ein restriktives Gesetz kann aber auch gute Lösungen verhindern.
Loher: Die Frage ist weniger, was man reglementiert, sondern wie. Nehmen wir die erwähnten Attikageschosse: Gemäss unserem  kommunalen Baureglement müssen diese, von der maximalen Gebäudehöhe her gemessen, an den Längsfassaden unter einem Winkel von 60 Grad zurückspringen. Das führt zu Auswüchsen mit zwei Attikageschossen! Im Thurgau dagegen heisst es, das Attikageschoss müsse  entlang mindestens einer Fassade um ein definiertes Mass zurückspringen. So bleibt Spielraum, um das Volumen sinnvoll anzuordnen. Hutter: Einverstanden, doch jede Regelung bringt neue Auswüchse. Gefragt sind weitere Werkzeuge der Qualitätssicherung, wie die  Professionalisierung der Bewilligungsbehörden. Die meisten Gemeinden prüfen Baugesuche nur formell. Was dem Gesetz entspricht, wird bewilligt. Eine Beurteilung bezüglich Raumplanung oder architektonischer Qualität findet nicht statt. Eine Lösung wären Gestaltungsbeiräte,  die Fragen objektbezogen beantworten können.

Baukultur ist mehr als die Summe von Vorschriften. Sie erfordert ein öffentliches Bewusstsein für ortsspezifische Qualitäten und eine gemeinsame Zielvorstellung. Die Hafenstadt Romanshorn beispielsweise erarbeitete unter Einbezug der Bevölkerung eine räumliche Entwicklungsstrategie. Sie bildet die Grundlage des kommunalen Richtplans und setzt die Leitplanken für die Planung und Beurteilung  künftiger Entwicklungen. Nur wenn wir die Gestaltung unseres Lebensraums als gemeinschaftliche Aufgabe verstehen, kann sie qualitätsvoll gelingen.

Die Interviewpartner
Dominik Hutter und Joshua Loher haben Igor initiiert und teilen sich das Präsidium. Mike Föllmi ist Vorstandsmitglied und Aktuar. Hutter und Föllmi sind selbstständige Architekten in Heerbrugg und Berneck, Loher ist Architekt und Architekturfotograf in Balgach.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Kleinode im Zwischenraum

Restflächen in Städten zwischen Architektur, Verkehr und Landschaftsplanung gelten als unspektakulär. Sie können zu Juwelen werden.

02.11.2019 von Franziska Quandt

In unserem Alltag bewegen wir uns durch die Stadt, ohne uns Gedanken über die vielteilige Planung des uns umgebenden Raums zu machen. Die vielen Disziplinen, die unsere Umgebung prägen wie Städtebau, Architektur, Verkehrsplanung und Landschaftsarchitektur nehmen wir als selbstverständlich hin. Oft bleiben zwischen diesen Stadtplanungselementen Teilflächen übrig, die nur wenige  Quadratmeter messen. Solche Restflächen liegen neben unserem Hauseingang, in Hinterhöfen oder an verkehrsreichen Strassen. Diese Flächen, und vor allem der Umgang mit ihnen, sind entscheidend dafür, ob eine Stadt als optisch ansprechend wahrgenommen wird.
Um den richtigen Umgang mit Restflächen bemüht sich die Stadt Rapperswil-Jona. Sie hat die qualitätvolle Entwicklung von kleinen Freiflächen in die städtebauliche Gesamtstrategie aufgenommen. Mit Blick auf die wachsende Bevölkerung der Stadt und die Frage, ob im Stadtgebiet ein genügend abwechslungsreiches Angebot an Freiräumen zur Verfügung steht, hat Rapperswil-Jona das  Landschaftsarchitekturbüro Hager Partner aus Zürich mit einer Studie beauftragt. Im «Grün- und Freiraumkonzept Rapperswil-Jona» wird der Bestand analysiert und werden Defizite und Potenziale definiert. Mit der Studie als Leitfaden konnte die Stadt Rapperswil-Jona eine konkrete Strategie entwickeln, um Aufenthaltsräume zu schaffen und diese gestalterisch und funktional aufzuwerten. Die Klein- und Restflächen der Stadt sind auch Teil dieses Konzepts.

Teppichmuster fasst grauen Falkenplatz optisch

Viele Orte sind in der Auseinandersetzung von Hager Partner mit den Freiräumen der Stadt Rapperswil-Jona konkret herausgearbeitet worden. Andere wiederum haben sich zum Beispiel durch die Implementierung des Grün- und Freiraumkonzepts in den Masterplan Siedlung und Landschaft der Stadt ergeben. So zum Beispiel der Platz am Einkaufszentrum AlbuVille, der durch einen Impuls der Eigentümerschaft im Zuge der Überarbeitung der Strassengestaltung der St.Galler-Strasse/Neue Jonastrasse entstanden ist. Die  Entwicklung der Neuen Jonastrasse zu einer attraktiven Zentrumsachse zwischen Jona und Rapperswil war eines der Ziele des Masterplans.
Der Platz, der offiziell Falkenplatz heisst, wird auf beiden Seiten von je einem Gebäude flankiert, gemeinsam bilden sie das  Einkaufszentrum. Das hintere Ende des Platzes wird von einer Passage abgeschlossen, die die beiden Bauten miteinander verbindet. Mit der Gestaltung des Falkenplatzes wurden die Landschaftsarchitekten von Atelier tp aus Rapperswil-Jona beauftragt. Sie fassten den Platz optisch, indem sie auf dem Boden einen «Teppich» ausbreiteten. Das gleichmässige Muster aus weissen, blauen und gelben Sternen definiert den Raum horizontal. Um den Platz in der Vertikalen einzugrenzen, haben die Landschaftsarchitekten jeweils an den Säulen der angrenzenden Gebäude Pflanztröge mit Rankpflanzen platziert. Mit diesen wenigen Eingriffen konnte Atelier tp den Platz  von einer undefinierten grauen Fläche zu einem gefassten Raum innerhalb der Stadtstruktur umformen.
Auch private Räume stellen innerhalb des Freiraumkonzepts mögliche Interventionsflächen dar. So ist der neue Pocketpark am Berufs-  und Weiterbildungszentrum (BWZ) Rapperswil-Jona ein gutes Beispiel, um Stadtzonen mit verschiedenen Atmosphären miteinander zu verbinden. Er bildet den Übergang zwischen einer Hauptverkehrsachse, der Zürcherstrasse und der Seepromenade. Auch für den Pocketpark BWZ zeichnete das Atelier tp verantwortlich. Er setzt sich aus mehreren Bereichen zusammen: ein befestigter Pausenplatz mit Parkplätzen, ein eigentlicher Parkteil und eine Velostellfläche, die der Turnhalle zugeordnet ist. Der Pausenplatz ist eine asphaltierte fast quadratische Fläche, die einen temporären Schulbau umgibt, der an den Altbau des BWZ anschliesst. Diese Zone wird nach Westen mit von Stahlbändern eingefassten Stauden- und Gräserbeeten abgeschlossen.

«Himmelssöhne» bieten Sichtschutz

Die Grünzone ist wiederum in zwei Bereiche unterteilt: Zum einen die südliche Zone entlang der Haldenstrasse, die mit Kies gedeckt ist, und auf der drei grosse Sitzsteine zum Verweilen einladen. Zudem die nördlich liegende Rasenfläche, die von einer grossen Kiefer dominiert wird. Weitere Bäume «Heptacodium miconioides» oder «Sieben-Söhne-des-Himmels» stehen auf beiden Flächen verteilt.  Diese halbhohen, eher buschartigen Gehölze verleihen dem Platz eine gewisse Intimität durch den Sichtschutz, den sie gewähren.
Die behutsame Erweiterung der Freizeitangebote am Seeufer ist ein weiterer Aspekt in der Entwicklung der Stadt Rapperswil-Jona und auch Teil des Konzepts von Hager Partner. Die Stadt hat dafür zum Beispiel eine Fläche im Ortsteil Kempraten ausgewiesen. Bereits seit 1998 gab es hier erste Bestrebungen, am mehrheitlich privaten Seeufer einen Zugang für die Bevölkerung zu schaffen.
Der neu geschaffene Seezugang Gubel ist ein verstecktes Kleinod, das von Fischer Landschaftsarchitekten gestaltet wurde. Entlang der  für Fussgänger und Radfahrer eher unattraktiven Zürcherstrasse liegt es hinter einem schweren schwarzen Metalltor. Durchschreitet man dieses, führt ein schmaler gezackter Weg hinab zu einem Kiesplatz mit Sitzgelegenheiten und zum Wasser, das hier mit einem  dichten Schilfgürtel zugewachsen ist. Rechter Hand des Wegs und des Sitzplatzes fliesst ein schmaler Bach in einem renaturierten Flussbett in den Zürichsee. Inmitten der Villen kann man sich hier auf den See und die in der Ferne liegenden Berge besinnen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Die anderen Denkmäler

Nachkriegsarchitektur hat einen schlechten Ruf – herausragende Bauten verdanken ihre Rettung oft Privaten: zwei Erfolgsgeschichten.

09.10.2019 von Deborah Fehlmann

Ein in jeder Hinsicht neuzeitliches Haus, mit modernsten Materialien und Techniken gebaut – das verlangte Hans Stoffel vom Architekten Otto Glaus, als er ihn vor bald 70 Jahren mit dem Bau einer Villa in Heerbrugg betraute. Die Faszination für technische Neuheiten lag nahe. Er arbeitete für den Ziegel und Zementhersteller Max Schmidheiny. Der knapp vierzigjährige Glaus, den man von skulpturalen Betonbauten wie dem Konvikt der Churer Kantonsschule kennt, nahm sich der Aufgabe enthusiastisch an. Er entwarf einen eingeschossigen Bau aus Backstein und Eternit unter zwei  Pultdächern. Zur Quartierstrasse im Norden hin liegen Kinder- und Gästezimmer. Die fliessenden Wohnräume und das Elternzimmer gegen Süden sind grosszügig verglast. Sie überblicken den üppig bewachsenen Garten.
Die Weitläufigkeit des 1,3 Hektaren grossen Grundstücks kann man nur noch erahnen. Auf dem grössten Teil entstand jüngst eine  Mehrfamilienhaussiedlung. Auch die Villa sollte einem Neubau weichen. Wie mancher Bau aus der Nachkriegszeit war sie nicht im Inventar  schützenswerter Bauten eingetragen. Ihre Rettung verdankt sie Einsprachen von Anwohnern und der Denkmalpflege. Sie erwirkten 2009 einen Kompromiss: Einen Grossteil des Parks durfte der Eigentümer überbauen, die Villa wurde im Gegenzug zum kantonalen Schutzobjekt erklärt. Nur standen Eigentümer und Denkmalpflege nun vor einem weiteren Problem. Niemand wollte das seit 2005 unbewohnte Haus kaufen.
«Als wir das Haus besichtigten, war es komplett eingewachsen und sanierungsbedürftig. Dennoch waren wir hingerissen», erinnert sich Vera  Purtscher. Die Architektin und ihr Mann fanden die Villa 2015 auf der Roten Liste des Schweizer Heimatschutzes – einer Plattform, die auf bedrohte Denkmäler aufmerksam macht. Nach dem Kauf restaurierten sie das Haus denkmalpflegerisch. Purtscher versteht, dass Laien vor solchen Objekten zurückschrecken: «Das Haus ist eine Energieschleuder. Die feingliedrige Gebäudehülle zu isolieren, hätte den architektonischen Ausdruck aber  zerstört.» Die originalen Fensterrahmen hat sie erhalten und nur neu verglasen lassen. Auch der Innenausbau unterlag strengen Vorgaben. Nicht nur die Böden aus massgefertigten Terrakottaplatten und die hölzernen Wandbeläge blieben bestehen, sondern auch das Farbkonzept. Es basiert auf der Farbskala von Glaus’ ehemaligem Arbeitgeber Le Corbusier. Auf dessen Proportionenlehre Modulor baut die Geometrie der ganzen Villa auf.
Dass sie das Haus nicht frei umgestalten darf, stört Purtscher nicht – im Gegenteil. Begeistert rauscht sie durch die Räume, zieht Faltwände aus  Nischen, betätigt Sonnenstoren und öffnet Wandschränke, um auf clevere Schreinerdetails hinzuweisen. Sie verraten Glaus’ Vergangenheit als  Handwerker und Innenarchitekt. «Alles ist durchdacht und von unglaublicher Qualität. Das findet man heute kaum noch», sagt sie zu Recht. Wie  Glaus die Villa bis ins kleinste Detail durchkomponierte, ist virtuos. Bemerkenswert ist auch, dass sie seit ihrer Fertigstellung 1955 kaum verändert  worden war. So erstrahlt sie als Zeuge der Wirtschaftswunderzeit heute wieder in ihrem früheren Glanz.

Ein freundlicher Bunker

In Wildhaus, eine halbe Fahrstunde entfernt, liegt ein Haus wie ein Findling im Steilhang. Die schweren Mauern aus grob geschaltem Sichtbeton besitzen nur einzelne Fensteröffnungen. Das Werk von Glaus’ Zeitgenossen Rudolf Olgiati könnte sich optisch kaum stärker von dessen luftiger Villa unterscheiden. Was die beiden Häuser aber verbindet, ist ihre Geschichte. Olgiati baute das Ferienhaus 1969 für den Zürcher Anwalt Richard  Allemann. Der Architekt hatte, vorrangig in seiner Bündner Heimat, bereits Dutzende Projekte realisiert, und Allemann liess ihm freie Hand. Seine unverkennbare Formensprache – ihn beeinflusste traditionelle Bündner Architektur genauso wie Le Corbusier und die griechische Antike – prägt auch seinen einzigen Bau im Kanton St. Gallen.
Bei der Wehrhaftigkeit des Äusseren überrascht die gemütliche Innenwelt: Ein Dacheinschnitt unterteilt das Eingangsgeschoss in Koch- und  Essplatz, Wohnbereich und Arbeitsecke. Eine geschwungene Treppe führt in die Schlafzimmer darunter. Ihre Brüstung verbindet sich mit dem  offenen Kamin und der Sitzbank daneben zu einer organischen Skulptur. Wände, Decken und Einbauten sind weiss, die Fensterrahmen und eine Bücherwand aus Sichtholz. Der Boden ist mit dunkelgrauem Teppich bespannt.
Seinen einstigen Charakter hat der Bau erst in den letzten Jahren zurückerhalten. Die jetzigen Besitzer entdeckten ihn 2007 zufällig auf Homegate.  Olgiatis Entwürfe kannte das Architektenpaar aus dem Studium. «Das Haus hatte von Beginn an konstruktive Mängel. Der Beton sog sich an vielen Stellen mit Wasser voll. Als wir es kauften, war die Fassade deshalb teilweise mit Eternit verkleidet. Im Dachbereich waren Bleche und zusätzliche Abwasserrohre montiert», erklärt Andri Gerber. Das Paar beschloss, das Haus zu sanieren und unter Schutz zu stellen. Dabei unterstützten sie die Denkmalpflege und der architekturbegeisterte Gemeindepräsident. Wie Vera Purtscher empfinden sie den Denkmalschutz nicht als Einschränkung: «Wir wollten dem Haus ohnehin seine ursprüngliche Gestalt zurückgeben.» Für die Sanierung kantonaler Schutzobjekte richtet die Denkmalpflege Subventionen aus. So konnten die Gerbers bis 2017 die Fassaden und das Dach instand stellen. Heute verbringen sie fast jedes Wochenende in Wildhaus und laden gerne Gäste ein. «Viele finden, das Haus sehe aus wie ein Bunker», erzählt Gerber, «doch sobald sie hereinkommen, sind alle begeistert.»
Ob Bunker oder Energieschleuder: Die Architektur der Fünfziger- und Sechzigerjahre hat bis heute einen schweren Stand. In vielen  Gemeindeinventaren fehlen solche Bauten gänzlich; unter Denkmalschutz steht kaum ein Bau. Sie pauschal zum Abbruch freizugeben, ist jedoch ein Fehler. Wer hinschaut, findet unter ihnen architektonische und kulturelle Schätze – wie die Villa Stoffel oder das Haus Allemann.

 

Bilder: Hanspeter Schiess, Faruk Pinjo

Lob der Raumplanung

Die Materie ist trocken und kompliziert. Doch der Einsatz für eine hochwertige Planung von Dörfern, Quartieren und Städten lohnt sich.

31.08.2019 von Marcel Bächtiger

Niemand weiss mit Sicherheit, welche demografischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Veränderungen uns bevorstehen. Niemand weiss, wie die Ostschweiz in dreissig oder fünfzig Jahren aussehen  wird. Trotzdem existiert vernünftigerweise die «Raumplanung», die gleichzeitig ein Fachgebiet und ein stetiges Politikum ist. Ihr Zweck ist die Planung des Raums – doch was sich einfach anhört, entpuppt sich in der Realität des helvetischen Politikbetriebs als komplizierte Angelegenheit. Zwischen dem Raumplanungsgesetz auf Bundesebene, den kantonalen Richtplänen und den kommunalen Nutzungs-, Zonen- und Gestaltungsplänen verliert der Laie schnell die Orientierung, zumal sie im Hin und Her zwischen den verschiedenen Akteuren immerfort angepasst werden müssen und sich deshalb in einer Art ewigen Revision befinden. Techno- und Bürokratie mögen hier ihre Hände mit im Spiel haben, doch weist die nie enden wollende Überarbeitung auch auf einen fundamentalen Wesenszug hin: Es geht bei der Raumplanung eben nicht nur um Raum, sondern auch um Zeit. Anders als bei ihrer Schwesterdisziplin, der Architektur, steht nicht das vollendete Werk im Zentrum des Interesses, sondern Prozesse, Entwicklungen, Szenarien – flexibel genug, um auf den Wandel der Zeitläufe zu reagieren, ohne dabei das grosse Ziel aus den Augen zu verlieren.
Dieses Phänomen bringt mit sich, dass Raumplanung – sei es im grossen Massstab einer ganzen Region oder im kleineren Massstab eines Ortes oder eines Quartiers – erst Jahre oder Jahrzehnte später überhaupt räumlich wirksam wird. Dass sie dies tut, lässt sich indes täglich und überall erfahren, im Guten wie im Schlechten: Weder das intakte Dorf noch die zersiedelte Agglomeration, weder die gewachsene Stadt noch das anonyme Villenquartier sind blosse historische Zufälle oder ökonomische Zwangsläufigkeiten. Hinter allem Gebauten und Nichtgebauten stehen Planungs- und Baugesetze, und  hinter allen Gesetzen ein politischer Wille.

Elm – Beispiel für ein schönes Dorf

Wenn zum Beispiel Elm im Glarnerland noch heute «natürlich schön» ist, wie dies das Tourismusbüro zurecht betont, dann ist dieses Schöne nicht einfach naturgegeben, sondern verdankt sich auch dem bekannten Architekten Jakob Zweifel, der sich ab Mitte der 1950er- Jahre mit grossem Engagement für die Orts- und Regionalplanung in seinem Heimatkanton eingesetzt hatte. Der Wakkerpreis des Jahres 1981 «als Anerkennung für planerische, bauliche und rechtliche Massnahmen zum Schutze und zur rücksichtsvollen Entwicklung des Dorfes» ging zurück auf die Ortsplanung, die Zweifel im Auftrag der Gemeinde gut 25 Jahre vorher in Angriff genommen hatte. Zweifel ging es dabei aber nicht nur um den Erhalt des historischen Bauerbes, sondern auch um die Eingliederung moderner Bauten in das bestehende Ortsbild. Die planerischen Entscheide in Elm waren pointiert: Man scheute sich nicht, eine Wiese mitten im Dorf unter ein dauerndes Bauverbot zu stellen, ermöglichte aber gleichzeitig die Errichtung eines modernen Gemeindehauses. Zweifels Vorgänger und Mentor, der Glarner Architekt Hans Leuzinger, hatte hierfür das Credo vorgegeben: «Das gute Alte pflegen, das gute Neue fördern.»
Im Versuch, Heimatschutz und Modernisierung unter einen Hut zu bringen, gibt sich die Elmer Ortsplanung als ein Kind der Hochkonjunktur in den Nachkriegsjahren zu erkennen. Indem sie die Gegensätze von Alt und Neu als Teile eines räumlichen Ganzen interpretiert, taugt sie als Vorbild für die Raumplanung von heute, die der anhaltende Bauboom vor vergleichbare Probleme stellt.

Für Nichtfachleute kaum mehr zu durchschauen

Allerdings ist der Mechanismus der Raumplanung in der Zwischenzeit so komplex geworden, dass er für Nichtfachleute kaum mehr zu durchschauen ist. Die öffentliche Diskussion beschränkt sich deshalb häufig auf ideologische Grabenkämpfe. Einfrierung der Bauzonen, Landschaftsschutz oder Verdichtung sind zwar sinnvolle Anliegen, bilden aber nur den quantitativen Teil des Problems ab. Für einen  sinnstiftenden, vielfältig erlebbaren und atmosphärisch reichhaltigen Lebensraum ist das Wie des Wachstums entscheidend – nicht nur in den zu verdichtenden urbanen Zentren, sondern gerade auch dort, wo Bauzonen existieren und wo über kurz oder lang auch gebaut werden wird: an den Rändern der Dörfer und kleinen Städte. Die kollektive, flächensparende, architektonisch ambitionierte Siedlung bleibt hier häufig planerisches Wunschbild, der Traum vom Eigenheim hingegen feiert fröhliche Urständ.
Doch auch das Einfamilienhausquartier muss nicht zwangsläufig mit einem Desinteresse an der Gestaltung des öffentlichen Raums einhergehen. Es braucht bloss den politischen Willen zu einer räumlich und sozial gedachten Planung. Zu beobachten ist dies beispielsweise im Quartier Breitfeld am südöstlichen Rand von Frauenfeld, wo sich die Stadt vor über zwanzig Jahren die Mühe gemacht hat, einen  Wettbewerb für den Gestaltungsplan der neuen Siedlungsfläche auszuschreiben. Den gesellschaftlichen Realitäten wurde dabei durchaus Rechnung getragen: Gebaut werden sollte, was der Markt begehrte  und der Stadtkasse gute Steuerzahler brachte. Dennoch lässt sich heute, wo die planerische Idee im Alltag angekommen ist, feststellen, was den feinen Unterschied ausmacht. Anders als beim  konventionellen Einfamilienquartier, wo quadratische Häuser in der Mitte quadratischer Parzellen sitzen, gruppiert der Quartierplan fürs Breitfeld die Häuser entlang der Strassen, erlaubt dort kleinere  Grenzabstände und spielt dafür grosszügige zusammenhängende Grünräume hinter den Bauten frei. Zusammen mit der raumbildenden Festlegung von Strassen und Gartenniveaus, dem Einsatz verschiedener Bodenbeläge und nicht zuletzt der grosszügigen Bepflanzung mit Bäumen gelingt dem prämierten Quartierplan von Staufer & Hasler Architekten (umgesetzt mit dem lokalen Ingenieur- und Planungsbüro bhateam) ein Wohnviertel mit eigenständigem Charakter und stabilen räumlichen Qualitäten. Es ist die Planung, die neben der Individualität des Einfamilienhauses das Ideal baulichen Gemeinsinns erlebbar macht: den Wert des geteilten Raums von Strassen, Gassen und Plätzen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Öffnung im doppelten Sinn

Die Erweiterung und Erneuerung des Ekkharthofs ist ein bestes Beispiel für eine Architektur, die Neues aus Bekanntem schöpft.

27.07.2019 von Christoph Wieser

Der Ekkharthof, auf dem Seerücken südöstlich von Kreuzlingen gelegen, ist eine Institution in der Ostschweiz. Hier leben und arbeiten seit 1974  Menschen mit Betreuungsbedarf nach  anthroposophischen Grundsätzen. Neben dem Sonderschulheim für Kinder und Jugendliche gibt es ein  Wohnheim für Erwachsene sowie Werkstätten und Betriebe, wo verschiedene Produkte hergestellt werden. Trotz Märkten, dem traditionellen Herbstfest und  weiteren Anlässen, machte der Hof bislang eher einen introvertierten Eindruck. Die Absonderung war gewollt. Sie entsprach der damaligen Überzeugung, äussert sich im entlegenen Standort und im üppigen Baumbestand, hinter dem die Gebäude beinahe verschwinden.
Heute ist die Sicht eine andere. Wichtiges Anliegen für die Erweiterung und Erneuerung war eine sichtbare  Öffnung des Betriebes nach aussen. Das Büro Lukas Imhof Architektur gewann 2014 den Wettbewerb unter  anderem deshalb, weil sie Ordnung im Grossen schaffen und dabei die bestehende Struktur stärken.

Ein Platz zum Ankommen

Zentrales Element ist ein neu geschaffener Platz, mit dem der Ankunftsbereich entscheidend aufgewertet wird: Hier kommt man künftig mit dem Bus oder Auto an, finden grössere Anlässe statt, gelangt man zum neuen Eingang mit Café und Shop im Haupthaus, zum Anfang Jahr eröffneten Gemeinschaftshaus und Gastrogebäude sowie ins Innere des Areals, dessen Bauten wagenburgartig um eine Wiese gruppiert sind. Geschickt nutzen die Architekten das abfallende Gelände zur Inszenierung des Platzes als räumlich gefasste Terrasse. Hangseits steht der Neubau, die seitliche Rahmung bilden die beiden markantesten Bestandesbauten: das rote «Hügelhaus» und das expressive Heizungshaus in Sichtbeton.
Rex Raab realisierte den Ekkharthof in drei Etappen. Architektonisch orientierte er sich an dem, was seit dem zweiten Goetheanum in Dornach (1928), an dessen späterem Ausbau er beteiligt war, als anthroposophischer Stil bekannt war. Wie baut man ein solches Ensemble weiter, das auffällige Dachformen, teils abgeschrägte Fenster, amorphe Geometrien und unterschiedliche Farbtöne aufweist?
Lukas Imhof wählte zwei unterschiedliche Ansätze: Beim Umbau des Haupthauses und dem Anbau sowie der Aufstockung der Schule wird die Formen- und Materialsprache weitergeführt, so dass nach Vollendung im Spätherbst eine organische Einheit entstehen wird. Der Neubau hingegen setzt sich bewusst vom Bestand ab. Gleichwohl entsteht eine spürbare Nähe.

Orientierung an der Mitte

Grund dafür ist der Entwurfsansatz. Mit Zurückhaltung, Bescheidenheit und Einfühlungsvermögen, unter Berücksichtigung eines hohen Qualitätsanspruches, werden architektonische Themen des Ortes und der Tradition weiterentwickelt. Lukas Imhof verwendet dafür den Begriff «Midcomfort». Das Buch zum Wohnkomfort und der Architektur der Mitte erarbeitete er an der Professur von Miroslav Šik, dem Begründer der Analogen Architektur, an der ETH Zürich. Dieses Gedankengut prägt seine Auffassung vom Planen und Bauen im Dienst der Gemeinschaft. «Architektur muss nicht nur die funktionalen Anforderungen des täglichen Lebens, sondern auch die emotionalen Bedürfnisse möglichst vieler Menschen erfüllen», schreibt Imhof. Diese Haltung passt bestens zum gesamtheitlichen Lebens- und Therapieansatz, der am Ekkharthof gepflegt wird. Die Berücksichtigung aller Sinne zeichnet generell hochstehende Architektur aus, ist aber ein anspruchsvolles Unterfangen.
Mit ausgreifenden Stützmauern wird der Neubau des Gemeinschaftshauses und Gastrogebäudes im Terrain verankert. Ähnlich geformte Mauern finden sich beim Hügelhaus und neu beim Eingang zur Schule. Wie beim gesamten Sockelgeschoss ist der Recyclingbeton gestockt, so dass die Zusammensetzung mit Ziegelschrot schön zur Geltung kommt. Auf dieser Ebene befindet sich die Küche. Sie ist grösser als üblich, damit Platz für die Betreuung der Mitarbeitenden bleibt.
An der Stirnseite führt eine Aussentreppe zur gedeckten Terrasse hoch. Sie umfasst die gesamte Länge des Gebäudes und orientiert sich primär zur Wiese. Damit, und mit der Stellung des Volumens, wird der Hof gestärkt. Die räumliche Absicht ist auch der Grund für den asymmetrischen Gebäudeschnitt, der im Widerspruch zur regelmässigen Grundrissstruktur steht: Wie bei einer Scheune ist der Innenraum symmetrisch aufgebaut, und das Vordach seitlich so weit heruntergezogen, wie es notwendig ist. Auf dem steinernen Sockel steht eine Konstruktion in Eschenholz, ausgefacht mit Glas. Sie wirkt robust und schwer. In ihrer kraftvollen Präsenz erinnert sie gar an die Betonstruktur des Ausstellungssaals im Musée national des Travaux publics von August Perret in Paris (1939). Die starke Wirkung hat mit den Proportionen zu tun, aber auch mit ihrer  Ausbildung als selbstaussteifendes Rahmentragwerk: Zur optimalen Kraftübertragung sind die Knoten leicht konisch ausgebildet. Die gestalterische Umsetzung des statischen Prinzips stellt auf elegante Art eine Nähe zur anthroposophischen Formenwelt her, weisen die Fenster doch zwangsläufig abgeschrägte Ecken auf.
Dank der wuchtigen Dimensionen ist die Holzstruktur raumbildend. Zudem wirkt der Innenraum wegen der Symmetrie erstaunlich gefasst, obwohl das Gebäude komplett verglast ist. Auch die Möblierung in Eschenholz trägt zur Harmonie bei. Der Entwurf für Tisch und Stuhl stammt ebenfalls aus dem Büro des Architekten. Die Fertigung erfolgte in der hauseigenen Schreinerei – ein weiterer Aspekt gesamtheitlicher Denkweise.
Die grossformatigen Fenster des Saalgeschosses lenken den Blick auf die Felder und den See. Dank der Vordächer, die als Sonnenschutz fungieren, konnte besonders  durchsichtiges Glas verwendet werden. Mit der konstruktiven und ortsbaulichen Öffnung des Ekkharthofs geht eine Öffnung im übertragenen Sinn einher: Sie steht für ein integratives Menschenbild, das Zukunft hat.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Vom langsamen Werden eines Ortes

Die neue Mensa und Mediothek am Münzweg setzt den Schlussstein der Gesamterneuerung der Bündner Kantonsschule in Chur. Zur Aufwertung des Campus tragen aber nicht nur die Bauten, sondern wesentlich auch die Gestaltung des Aussenraums bei.

22.06.2019 von Marcel Bächtiger

Als die Sanierung des ehemaligen Lehrerseminars in Chur 2012 vollendet war, gab es  Anerkennung von allen Seiten. Grosse Wertschätzung erfuhr nicht nur die sensible  Herangehensweise des Architekten Pablo Horváth, dem es gelungen war, das 50-jährige Sichtbeton-Bauwerk wärmetechnisch zu sanieren, ohne dabei Ausdruck und Charakter zu opfern. Auch dem spröden Bauwerk selbst, 1965 nach Plänen von Andres Liesch im Stil des helvetischen Brutalismus errichtet, schlug plötzlich viel Liebe entgegen: Von einem «einzigartigen Beispiel Bündner Nachkriegsmoderne» und einem «meisterhaft komponierten Baukörper» war die Rede.
Wachen Blickes registrierte der Architekturinteressierte nun filigrane Betonstützen, rhythmisierte Fensterbänder und sorgfältig gestaltete Sichtbetonflächen – Qualitäten, die dank Horváths «interpretierender Originalsanierung » durchgängig erhalten blieben. Nötig gemacht hatten die Sanierung dabei nicht nur das schiere Alter des Bauwerks, sondern auch fällige Anpassungen in der inneren Organisation: Statt des Lehrerseminars beherbergte der kleine Betoncampus seit 2005 einen Teil der Bündner  Kantonsschule. Die aus allen Nähten platzende Bildungsinstitution hatte hier die musischen und gestalterischen Fächer untergebracht.
Die neu erwachte Zuneigung zum Zeitzeugen aus den Sechzigerjahren konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass dessen räumliche Umgebung wenig Grund zur Freude bot.  Anders als die alte Kantonsschule, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Plänen von Felix Wilhelm Kubly oben am Hang, in stolzer Nachbarschaft von Kathedrale und Schloss, erbaut und 1972 durch einen Neubau am selben Ort ersetzt wurde, sitzt das ehemalige Lehrerseminar gut dreissig Meter weiter unten am Fusse von Felswänden und Rebbergen.

Spektakulärer Blick auf einen Parkplatz

Süden und dem steilen Hang im Norden befanden sich hier ursprünglich eine kleine Fabrik, einzelne Wohnhäuser und Schuppen sowie das historische Freibad Sand. Ein Potpourri unterschiedlichster Bauten, Räume und Funktionen, zu deren Zusammenhalt das auf sich selbst bezogene Schulgebäude von Andres Liesch – so viel Kritik darf sein – nur wenig beitrug. Die Aufwertung des «Standorts Plessur» zu einem gleichwertigen Teil der Bündner Kantonsschule konnte sich deshalb nicht auf Bauvolumen und deren Inhalte beschränken, sie musste notwendigerweise auch den Aussenraum mit einbeziehen: Plätze und Freiflächen, Strassen und Wege, Sicht- und Raumbeziehungen. Dabei zeigt die langsame Transformation des Areals im Verlauf der letzten Jahre beispielhaft, wie aus einer städtebaulichen Restfläche langsam, aber sicher ein Ort von eigenem Charakter entstehen kann.
Den Anfang machte 1999 der neue Naturwissenschaftstrakt der Architekten Bearth & Deplazes, der präzis zwischen Lehrerseminar und ansteigenden Felshang gesetzt ist. Das schlanke Bauwerk trug bereits zu einer ersten Gliederung des Aussenraums bei, schuf enge und weite Situation, definierte ein Vorne und ein Hinten und fasste als dritte  Fassade den Garten des ehemaligen Lehrerseminars. Es folgte 2009 die viel beachtete neue Fussgängerverbindung zwischen Plessur und Halde, entworfen von den Architekten Esch Sintzel: eine mit schweren Stahlplatten eingehauste skulpturale Treppe inklusive Lift für Gehbehinderte, welche den oberen und den unteren Teil  der Kantonsschule miteinander verbindet – und ganz nebenher spektakuläre Ausblicke auf Stadt und Landschaft bietet. Aufnahmen vom frisch erstellten Bauwerk zeigen aber auch, wie sich die Situation unten in der Ebene noch vor zehn Jahren präsentierte: Der Raum zwischen Schulgebäude und Schwimmbad war nichts anderes als ein recht trostloser Autoparkplatz.

Ein Weg wandelt sich zum Treffpunkt

Als «gesamthaft unbefriedigend» hatte auch das Hochbauamt Graubünden damals die städtebauliche Situation im Wettbewerbsprogramm beschrieben, und tatsächlich bedurfte es neben der neuen Treppe noch weiterer baulicher und landschaftsarchitektonischer Interventionen, um auf der Plessur-Aue einen Raum entstehen zu lassen, der einer Schule würdig ist.
Dass der Freiraum, der sich zwischen ehemaligem Lehrerseminar und Schwimmbad aufspannt, heute nicht mehr als Rückseite des Schulgebäudes wahrgenommen wird, sondern zumindest in Ansätzen die Stimmung eines zentralen Platzraumes atmet, ist zu grossen Teilen das Verdienst der Landschaftsarchitekten von Hager Partner.
Die landschaftsarchitektonische Gestaltung des Areals ging dabei Hand in Hand mit dem Neubau für Mensa und Mediathek, der letztes Jahr vollendet wurde. Östlich neben den Zugang zur Treppe gesetzt und von dort mit einem geometrischen Knick dem Lauf der Hangkante folgend, stellt das vom St.Galler Andy Senn entworfene Bauwerk einen wichtigen Pol im Kräftefeld des Aussenraums dar. Es macht den Weg zwischen Plessurquai und Treppenaufgang von der blossen Wegerschliessung zum Treffund Kreuzungspunkt von Schülerinnen und Schülern. Die Landschaftsarchitektur unterstützt diese Lesart nach Kräften, insbesondere setzt die lang gezogene Sitzlandschaft im Zentrum ein klares Zeichen: Statt parkieren darf man nun verweilen. Vom Trinkbrunnen über den Velounterstand bis zum neuen Mühlrad, das an die historische Nutzung des Areals als Münzmühle erinnert, schaffen weitere Elemente charakteristische Orte innerhalb eines offen und informell gehaltenen Freiraumkonzepts.
Schon bei der Sanierung des ehemaligen Lehrerseminars vor sieben Jahren waren Hager Partner als Landschaftsarchitekten beigezogen worden. Damals entstanden die Themengärten, die sich zwischen Schultrakt und Sitzlandschaft erstrecken. Ein geometrisches Raster definiert hier gut vierzig rechteckige Beete, die thematisch  unterschiedlich bepflanzt werden. Zwischen Schmetterlingsgarten, Wildblumenwiese oder Moorbeet finden sich auch ein Biotop und zwei Aussenlernzimmer mit Tischen, Bänken und Sonnenschirmen. Und fast macht es den Anschein, als hätten die Themengärten die Strategie für das ganze Areal vorgedacht: wie aus dem Nebeneinander unterschiedlichster Teile über die Jahre ein reichhaltiges Ganzes wachsen kann.

 

Bilder: Benjamin Manser

Lattich und Filetstück

Die Zwischennutzung auf dem St.Galler Güterbahnhof ist Experiment, gelebte Mitwirkung und Standortförderung. Der temporäre Lattich-Bau gibt den Aktivitäten ein Gesicht. Gleichwohl spielt Architektur eine Nebenrolle.

25.05.2019 von Christoph Wieser

Seit 2013 erscheinen in dieser Zeitung in loser Folge Beiträge zum Thema «Gutes Bauen Ostschweiz». Weshalb ist vom «Guten Bauen» und nicht von «Guter Architektur» die Rede, wenn doch mehrheitlich architektonisch hochstehende Beispiele gezeigt werden? Der Grund ist einfach: Bauen ist nicht gleich Architektur. Während mit «Bauen» das Errichten eines Gebäudes gemeint ist, bezeichnet Architektur Bauwerke, die über die reine Zweckerfüllung hinaus einen gestalterischen, konzeptionellen und  städtebaulichen Mehrwert aufweisen.
Der Nährboden für gute Architektur ist das Bewusstsein, dass die Baukultur einen wesentlichen Teil zum Selbstverständnis und damit zur Lebensqualität in einem Land beiträgt. Aus diesem Grund ist deren breite Förderung wichtig. Deshalb ist es begrüssenswert, dass Bundesrat Alain Berset 2018 die Baukultur zu einem Leitthema seines Präsidialjahres erklärt hatte. Seither arbeitet das Bundesamt für Kultur an einer verbindlichen Strategie zur Baukultur. Wie in dieser Artikelserie wird auch dort zu Recht der Begriff weit gefasst und reicht von der Vermittlung über die Bauproduktion bis zur Raumentwicklung.
Die Zwischennutzung «Lattich» auf dem Güterbahnhof-Areal in St.Gallen zeigt exemplarisch, wie Bauen auch die Pflege und den Aufbau von Gemeinschaft meint. Wie Menschen im Dialog miteinander, mit Behörden, Grundeigentümern und Investoren «von unten» eine Planung anschieben können, die Lebensfreude weckt und Kooperationen ermöglicht. Wie gelebte Baukultur aussehen kann, die nur zu einem Teil aus eigentlichem Bauen besteht.

Zwischennutzung als Standortförderung

In St.Gallen gibt es nur noch wenige grössere Entwicklungsgebiete. Das Filetstück dieser begehrten Flächen ist das Güterbahnhof-Areal. Seit 2016 ist es unter dem Namen Lattich bekannt. Die Bezeichnung ist Programm: Wie die Pionierpflanze Huflattich Brachen und Bahngleise erobert, so belebt das Lattich das Gebiet des stillgelegten  Güterbahnhofs auf sich stetig verändernde Weise. Seit April hat die zeitlich begrenzte Nutzung eine neue Dimension erreicht. Ein dreigeschossiger Holzmodulbau bietet den Mietenden Raum auf Zeit. Die Chance zur Etablierung einer vielfältigen Zwischennutzung ergab sich im Zusammenhang mit der übergeordneten Verkehrsplanung. Ein Tunnel soll von der A1 Richtung Appenzell führen. Im Bereich Güterbahnhof sind Ein- und Ausfahrten geplant. Deshalb ist in den nächsten Jahre keine definitive Nutzung möglich.
Rolf Geiger, Geschäftsleiter der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee, erkannte das Potenzial. Zusammen mit Gabriela Falkner, Kulturmanagerin, sowie Marcus Gossolt und Philipp Lämmlin von der Alltag Agentur initiierte er das Projekt Lattich, das mit einer Sommernutzung eines Teils der Güterbahnhof- Halle begann. Als Startkapital diente dem Konsortium, das sich 2017 zu einem Verein formierte, das Preisgeld des Wettbewerbes zum 150-Jahr-Jubiläum der St.Galler Kantonalbank. Ein wildes Containerdorf sollte der Zwischennutzung ein Gesicht geben, was aus ökonomischen Gründen jedoch scheiterte. Stattdessen wurde ein temporäres Bauwerk für die Kreativwirtschaft anvisiert.
2018 fand Rolf Geiger mit der Blumer-Lehmann AG einen Investor, der mit anderen Partnern die private Trägerschaft des Lattich-Baus bildet. Parallel zur Planung wurden die Halle und der Freiraum weiter bespielt. Einzelne Container sowie die Hochbeete des Heks-Projektes Neue Gärten Ostschweiz sind sichtbarer Ausdruck der zahlreichen Aktivitäten, die auf dem Areal stattfinden.
Gabriela Falkner vom Verein Lattich verweist auf die Herausforderung, die das erfreuliche Wachstum der  Zwischennutzung mit sich bringt: Die Schnittstellen haben massiv zugenommen, der Koordinations- und Finanzaufwand ist deutlich gestiegen. So wurden etwa bauliche Massnahmen im Bereich Brandschutz und Sanitär nötig, damit die Halle weiterhin benutzt werden konnte.

Konzeptuell denken, einfach umsetzen

Diese notwendigen, aber kaum sichtbaren Investitionen, wozu auch die Kanalisation zählt, sind bei Zwischennutzungen und temporären Bauten ein wesentlicher Kostenfaktor, wie Pascal Angehrn des Baubüros insitu erklärt. Angehrn war Projektleiter des Lattich-Baus. Das Architekturbüro hat sich mit unkonventionellen Projekten, auch für  Zwischennutzungen, einen Namen gemacht. Soll möglichst günstig gebaut werden, braucht es Mut zu radikalen  Lösungen, zum Verzicht auf gewohnten Standard und die Setzung klarer Prioritäten. Die Architektur bleibt im Hintergrund, ermöglicht aber Vieles.
So ist beim Lattich-Bau die Erschliessung geräumiger als notwendig ausgeführt: Der Laubengang weist zur Förderung der Kommunikation Ausweitungen auf. Er ist aber wie die Treppe kostengünstig aus Elementen des Gerüstbaus zusammengesetzt; die Brüstungen sind mit Maschendraht bespannt.
Qualitativ hochwertig sind die Holzmodule. Ihre Lebensdauer ist deutlich länger als die zehn Jahre, für die das Baurecht gilt. Mit der Blumer-Lehmann AG konnte ein Spezialist des vorfabrizierten Modulbaus als Hauptpartner der Bauträgerschaft gewonnen werden, der die Teile später anderweitig verwenden wird. Zur Kostensenkung wurden die Module den Mietern im Rohbau überlassen. Es gehört zum Konzept, dass die Räume individuell angeeignet werden. Vielfalt ist das Ziel.
Die einheitliche Bekleidung des Gebäudes mit gelben Schalttafeln, die auf den temporären Charakter verweisen, bindet das Ganze gestalterisch zusammen. Zudem wurde auf dem Dach ein rätselhafter, leicht über die Fassade kippender Holzcontainer platziert, der dem einfachen Bau einen zeichenhaften Charakter geben soll. Nun beginnt eine neue Phase der Zwischennutzung. Erstmals spielt dabei Architektur eine Rolle: als Ausdruck eines Experimentes, einer Stadtentwicklung der anderen Art.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Der Garten ist des Kindergartens Kern

Hutter Nüesch Architekten übersetzen das Ideal des Kindergartens ins Heute. Ihre Bauten in St. Margrethen und Heerbrugg lassen Innen und Aussen in engen Austausch treten.

23.03.2019 von Marcel Bächtiger

Der Kindergarten ist eine Erfindung der Moderne. Was uns heute als selbstverständlicher Entwicklungsschritt im Heranwachsen eines Kindes vorkommt – der Eintritt ins öffentliche Schulsystem und damit verbunden die Erweiterung der Erfahrungswelt jenseits des elterlichen Zuhauses –, hat seine Ursprünge in den gesellschaftlichen  Umwälzungen des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung hatte nicht nur die ländlichen Grossfamilien auseinandergerissen und in den schnell wachsenden Metropolen eine Arbeiterschicht erstehen lassen, welcher kaum Zeit zur Kinderbetreuung blieb. Sie förderte unter der besorgten Oberschicht auch eine imposante Zahl von Sozialutopisten und Philanthropen zu Tage, denen auf unterschiedlichste Art an der Volksgenesung gelegen war. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den Kindern, die es vor der drohenden Verwahrlosung zu retten galt. Der Kindergarten – eine Wortschöpfung des deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel von 1840 – versprach hier Abhilfe in zweifacher Hinsicht:  zeitlich, indem er die Betreuung von Kindern sicherstellte, deren Eltern allmorgendlich in den Fabriken verschwanden; räumlich, indem er Mädchen und Jungen aus  überbelegten Mietwohnungen und Kosthäusern einen Ort zur Verfügung stellte, der sie den Tag in einem altersgerechten Umfeld verbringen liess. Für Fröbel hatte der  Kindergarten im wörtlichen wie übertragenen Sinn ein Garten zu sein: ein geschützter Raum, wo die «edelsten Gewächse der Menschheit in Übereinstimmung mit sich, mit Gott und der Natur erzogen werden» sollten.

Der Pavillon – die ideale Lösung

In der Zwischenzeit ist die ausserfamiliäre Betreuung zum Standard geworden und beginnt häufig schon im frühen Kleinkindalter. Befreit vom Stigma der Armut erfreuen sich Kindertagesstätten gerade bei der gut ausgebildeten Mittelschicht grosser Beliebtheit. Der Kindergarten wiederum gehört seit bald dreissig Jahren zur obligatorischen Schulpflicht, das ergänzende Hort- oder Mittagstischangebot geht mancherorts bereits im Konzept des Tageskindergartens auf. Auch die pädagogischen Leitbilder haben sich gewandelt. Unbestritten aber blieb über alle Zeitenwenden hinweg der Wert des Aussenraums als natürliche Erweiterung des Innenraums. «In landschaftlicher Hinsicht kann das Schulareal nicht reizvoll genug sein», heisst es im Standardwerk «Das Neue Schulhaus» des Schweizer Architekten und Publizisten Alfred Roth aus dem Jahr 1957. Für den überzeugten Modernisten sprachen sowohl Hygiene wie Pädagogik für möglichst viel Licht, Luft und Sonne und die enge Verbundenheit von Bau und Natur. Bei Kindergärten, befand Roth, stelle der eingeschossige Pavillon deshalb «die ideale Lösung» dar.
Als gälte es, die Gültigkeit dieser Behauptung zu beweisen, stehen in der weiten Ebene des Rheintals zwei Kindergärten, die Roths ideale Lösung gleichsam idealtypisch ins  Heute übersetzen. Beide Bauten reihen drei Kindergarteneinheiten in einem eingeschossigen Bau aneinander, beide Bauten öffnen sich über eine gedeckte Veranda ganzseitig zum Garten, bei beiden stehen Innenund Aussenraum auf selbstverständliche Art miteinander in Bezug. Beide Bauten stammen schliesslich aus derselben Feder: Sowohl für den Kindergarten Fahr in St. Margrethen (2014) als auch für den Kindergarten Blattacker in Heerbrugg (2016) zeichnet das Bernecker Architekturbüro Hutter Nüesch  Architekten verantwortlich. Dominik Hutter und Thomas Nüesch haben sich die Aufträge mit zwei Wettbewerbssiegen gesichert. Der Aussenraum sei dabei von Anfang an ein zentrales Thema gewesen, sagt Nüesch: «Überspitzt formuliert, ist der Garten wichtiger als das Haus.» Zu Recht messen die Architekten dem Aufenthalt im Freien einen  grossen pädagogischen und auch gesellschaftlichen Wert bei, und zu Recht schliessen sie daraus, dass gerade eine öffentliche Institution wie der Kindergarten gerade auch in heutigen Zeiten das unkomplizierte Spielen in der Natur ermöglichen und fördern sollte.

Kindergerechte Architektur

Der Garten also ist auch hier des Kindergartens Kern, doch würde man den beiden Projekten von Hutter Nüesch Architekten nicht gerecht, liesse man das eigentlich Gebaute ausser Acht. Architektonisch mustergültig nämlich führen die beiden Pavillonbauten vor, wie aus der Klarheit der Konzeption, der Einfachheit der Mittel und dem überlegten Detail bauliche Eleganz entsteht. In St. Margrethen ist es ein filigraner Holzbau, in Heerbrugg eine kräftige Konstruktion aus Sichtbackstein und Sichtbeton, die in Form und Material den bestehenden Schulcampus fortschreibt. Verwandt sind die beiden Bauten nicht nur typologisch, sondern auch in der architektonischen Haltung, was nicht zuletzt die Frage betrifft, wie eine kindergerechte Umgebung auszusehen hat. Sollte ein Kindergarten einer Kinderzeichnung gleichen, mit bunten Farben und Formen? Die Bauten von Hutter Nüesch Architekten beantworten die Frage klar mit Nein – und demonstrieren stattdessen, was wirklich zählt: Zum Beispiel, dass die Kinder ihren Tag in einer  authentischen Umgebung verbringen, umgeben von natürlichen, robusten Materialien. Dass sie Raum erhalten, um sich entfalten zu können, dass dieser Raum offen und gleichzeitig klug unterteilt ist. Dass sich der Kindergarten mit grossen Fenstern zur Landschaft öffnet, der Innenraum aber dank niedriger Brüstungen seine Geborgenheit behält. Oder eben: Dass der Zugang nicht von der Strasse her erfolgt, sondern über den gemeinschaftlich genutzten Garten führt.
Fraglos profitieren Hutter und Nüeschs ideale Lösungen auch von idealen Situationen, namentlich von relativ kleinen Bauvolumen auf relativ grossen Parzellen. Die Realität vieler anstehender Projekte für Kindergärten und Tagesstätten sieht anders aus: Gerade in städtischen Situationen muss viel Raumprogramm auf wenig Fläche Platz finden. Die eingeschossige Bauweise frisst dann den Garten auf, um den es doch eigentlich gehen würde. Es braucht hier kluge architektonische Konzepte, die auch ein oberes Geschoss einfach und lustvoll mit dem Aussenraum verbinden. Die Abwägung nämlich ist klar: im Zweifel für den Garten.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Reise zu den Appenzeller Bahnhöfen

Von der Digitalisierung des Bahnbetriebs ist auch die Baukultur betroffen. Ein Augenschein zwischen Walzenhausen und Wasserauen zeigt: Die architektonische Identität der Appenzeller Bahnen ist so vielfältig wie das Appenzellerland.

23.03.2019 von Marcel Bächtiger

Eine Reise zu den Bahnhöfen der Appenzeller Bahnen fördert Erstaunliches zu Tage. Beispielsweise die Erkenntnis, dass man auf ihrem Schienennetz gut und gerne einen Tag verbringen kann. Es faltet und windet sich die Landschaft, einmal blickt man über die weite Fläche des Bodensees, ein andermal schaut man dunklen Wänden entlang nach oben, wo die Wolken schwer zwischen den Bergen hängen. Das touristische Marketing hat schon Recht: Das Appenzellerland ist das Appenzellerland, aber überraschend  vielfältig. An diesem Tag bleibt einzig das Wetter gleich, es regnet und stürmt in beiden Halbkantonen, und so ganz ohne Touristen kann es geschehen, dass man plötzlich allein in einem der neuen Züge sitzt, die «Tango» oder «Walzer» heissen und in guten Momenten fast schwerelos durch die Hügellandschaft gleiten. Nein, die Zeit bleibt nicht stehen bei den Appenzeller Bahnen, und das ist gut so: Das Fahrmaterial muss regelmässig ersetzt und den Anforderungen der Zeit angepasst werden.
Gilt das auch für die Bahnhöfe? Die Frage sorgt gerade für Aufregung in Trogen: Gemeinde und Appenzeller Bahnen möchten das alte Bahnhofsgebäude abbrechen und einen Neubau erstellen, der Verein «Alter Bahnhof Trogen» hält dagegen und fordert Bewahrung und Umnutzung. Eigenwillig hockt hier ein dunkler Holzbau in reich geschnitztem Chaletstil auf einem hell verputzten Sockel, man denkt an Zeiten, als man noch «Fremdenverkehr» und «Fremdenbüro » sagte. Neben der Tür, die heute in ein düsteres Warteräumchen führt, hängt ein Schild, das von früher erzählt.

Als es noch Schalter gab

Es gab einen Billettschalter, eine Gepäckaufgabe, eine Toilettenanlage, heisse und kalte Getränke. Oben wohnte und wirkte der Bahnhofsvorstand, eine längst vergessene Spezies. Einen Kiosk gibt es auch heute noch, nur befindet er sich seltsamerweise in einem Metallhäuschen, das man an die Stirn des alten Bahnhofs angebaut hat. Daneben stehen bereits die Bauvisiere für den Neubau, mit dem der renommierte Vorarlberger Architekt Bernardo Bader beauftragt wurde. Sein aus einem Wettbewerb hervorgegangenes Projekt schlägt in loser Anlehnung an den historischen Bahnhof einen dunklen Holzbau vor. Trotzdem fürchtet die eine oder andere Trogenerin den Verlust von Geschichte und Ortsbezug und verweist auf den Nachbarort Speicher, wo das Bahnhofshäuschen schon 1997 einem Geschäftshaus Platz machen musste. Der Verlust von Baukultur liegt hier auf der Hand, andererseits begreift man in Speicher auch gleich, was den Appenzeller Bahnen in Trogen fehlt: Hinter einer blauen Aussenputzfassade, die man so auch in Dietikon antreffen könnte, empfängt einen ein grosszügiges Verkaufslokal mit Bäckerei, Metzgerei und Café, in den oberen Stockwerken gibt es Platz für eine  Bank, eine Treuhandfirma und die Polizei. Beim alten Bahnhof Trogen hingegen, sagen die Appenzeller Bahnen, bestehe keine Nutzernachfrage. Mit Nutzer sind dabei wohlgemerkt nicht die Passagiere der Appenzeller Bahnen gemeint, sondern Mieter.
Die Auseinandersetzung um den Bahnhof Trogen ist deshalb vor allem Ausdruck eines umfassenderen Phänomens: Was früher konkrete Orte und Räumlichkeiten brauchte, was über hundert Jahre den architektonischen Typus Bahnhof bestimmte, ist heute unsichtbar geworden: Es geschieht anderswo, effizient verwaltet von Rechnern, deren Standort wir nicht zu kennen brauchen. Für Billette und Fahrplanauskünfte sind keine Schalter mehr vonnöten, nur das Telefon in der Tasche. Was bleibt, ist eine architektonische Hülle, auf der «Urnäsch», «Bühler» oder eben «Trogen» steht. Ohne Mieter wird ihre Instandhaltung schnell zur finanziellen Belastung.

Im Zeitalter der Digitalisierung

Die architektonische Identität der Appenzeller Bahnen ist derweil so vielfältig wie das Appenzellerland. Das Bahnhofsgebäude Walzenhausen beispielsweise, das sich heute im Besitz einer eigens gegründeten AG befindet und verschiedenes lokales Gewerbe beherbergt, ist ein charakteristischer Kleinbau aus den 50er-Jahren. Vor einigen Jahren sorgsam saniert, ist er auch ein Beispiel dafür, wie ein kleiner Bahnhof lebendig gehalten werden kann – Engagement und Nachfrage vorausgesetzt. Den Bahnhof Heiden wiederum beheimatet ein schmuckes  Fachwerkhäuschen, das nicht zuletzt deshalb nostalgisch stimmt, weil es hier wie in Appenzell noch eine bediente Verkaufsstelle gibt.
Man fährt natürlich auch an vielen Haltestellen vorbei, die nüchtern betrachtet nur einen Unterstand und einen Billettautomaten benötigen und deren architektonischer Auftritt ausgesprochen divers ausfällt. Und dann gibt es die stattlichen  Bahnhofsbauten von Teufen, Appenzell, Gais und Waldstatt, die alle im selben Stil erbaut sind und mit den barock geschweiften Mansardgiebeldächern ein stolzes Bild der Appenzeller Bahnen in die Welt tragen.
Thomas Baumgartner, der Direktor der Appenzeller Bahnen, ist sich deren baukulturellen Werts wohl bewusst. Natürlich bleiben diese Bauten erhalten, sagt er. Auch darum, weil ihre Grösse und Substanz neue Nutzungen zulassen, fügt er an. Denn Baumgartner kann nicht nur wollen, er muss auch rechnen. Die Vielfalt des baukulturellen Erbes erlaubt viele Mittelwege zwischen denkmalpflegerischer Bewahrung und radikaler Neukonzeption. Die Herausforderung wird sein, dem spezifischen Fall genauso wie dem Gesamtbild, der ökonomischen Vernunft genauso wie der baukulturellen Verantwortung Rechnung zu tragen. Ja, das Gespenst der Digitalisierung geht um, auch im Bahnbereich, auch im Appenzellerland: Vertrautes entschwindet in digitalen Wolken, Unbekanntes umfasst uns ungefragt. In den neuen Zügen berieselt ein Bildschirm die Passagiere mit kryptisch verkürzten Nachrichten.
Am Abend fährt das Bähnchen durchs verregnete Schwendetal. In Wasserauen, wo die Haltestelle ins Hotel integriert, aber das Hotel vorläufig geschlossen ist, steigt niemand ein und niemand aus. «Drei Raumfahrer machten sich auf den Weg zur ISS», vermeldet dafür das Newsportal. «Sie werden voraussichtlich sechs Monate im All bleiben.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Verdichtung am richtigen Ort

Frauenfeld macht es vor: Die Wohn- und Geschäftsüberbauung Hauptpost von Staufer Hasler Architekten zeigt, wie qualitativ hochstehende Verdichtung an innerstädtischer Lage funktioniert.

02.03.2019 von Christoph Wieser

Voraussetzung für eine erfolgreiche bauliche Verdichtung ist ein kluger Städtebau. Dieser gewichtet Gebäude und Freiräume gleichermassen. Denn je knapper die Abstände und je höher die Baukörper, desto bedeutsamer werden die Zwischenräume und die Art, wie die Gebäude zueinander in Beziehung stehen. Damit ist nicht nur ihre volumetrische Ausbildung gemeint, sondern auch, wo die Eingänge liegen, die Fenster platziert und wie öffentliche und private Bereiche aufeinander abgestimmt sind. Des Weiteren ist die Gestaltung des Aussenraums bis zu den Bodenbelägen von grosser Bedeutung.
Im Fall der Wohn- und Geschäftsüberbauung Hauptpost in Frauenfeld kommt eine weitere Komponente hinzu: der Umgang mit dem Terrain. Weil die Strasse auf der Zugangsseite abschüssig verläuft und der Höhenunterschied zum rückwärtigen Teil zwei Geschosse beträgt, stellte die Ausbildung des Sockels eine Herausforderung dar. Staufer Hasler Architekten gestalten den Übergang zwischen Gebäude und Stadt als räumlich ansprechende, funktional komplexe Schnittstelle. Bindeglied ist eine Arkade mit hellem Terrazzobelag, die Öffentlichkeit symbolisiert und der Poststelle, dem Geschäft sowie den  Wohnungszugängen und der Treppe zum Hof als gedeckte Vorzone dient. Gleichzeitig befindet sich hier eine Bushaltestelle.
Beim angrenzenden alten Postgebäudevon 1898 ist der Sockel in Form einer massiven, bossierten Mauer ebenfalls wichtiges Thema und geht vis-à-vis vom Schloss in eine halbrunde, platanenbestandene Terrasse über. Diese wird vom frisch eingemieteten Restaurant als Gastgarten benutzt und bildet eine räumliche Klammer zum neu erstellten Aussenplatz an der nordwestlichen Stirnseite des Neubaus, der die Fläche zum angrenzenden Gebäude einnimmt. Ebenfalls mit Terrazzo-Platten belegt, kann der Zwischenraum vom Café im Rhyhof bespielt werden.

Altstadtring nach Wiener Vorbild

Eine grosse Qualität der neuen Überbauung, die mit der Sanierung und Umwidmung der alten Hauptpost als Gesamteingriff geplant wurde, besteht in der sorgfältigen Stadtanalyse und den daraus abgeleiteten Massnahmen. Wie an vielen Orten, wurde auch in Frauenfeld im 19. Jahrhundert nach Wiener Vorbild die Altstadt mit einem Ring stattlicher Einzelbauten und breiteren Strassen umgeben. Zusammen mit dem Schloss und dem Rathaus entstand eine Abfolge, zu der auch das Postgebäude gehört. Mit seiner markanten Kuppel bildet es den Auftakt der Rheinstrasse. Diese alte Verbindung nach Kurzdorf wurde 1848 begradigt und dammartig aufgeschüttet. Auf der stadtabgewandten Seite, wo das Terrain zur Murg abfällt, kamen mit der Kantonalbank und dem Rhyhof weitere Kuben hinzu, die den Strassenraum fassen und damit die Geländekante räumlich festigen. Spätere Erweiterungen des Rhyhofs und der Post lagerten sich im rückwärtigen Bereich an.
2009 gewannen Staufer Hasler einen Wettbewerb, bei dem die Posterweiterung durch einen Büroneubau ersetzt werden sollte. Das Projekt wurde bis zum Gestaltungsplan weiterentwickelt, ruhte dann ein paar Jahre und bildet nun die Basis der heutigen Lösung. Indem die Architekten den Altbau wieder freistellten, den betroffenen Fassadenabschnitt rekonstruierten und den Neubau als Zförmiges Volumen an der Rheinstrasse verankerten, tragen sie der ortsbaulichen Geschichte Rechnung. Gleichzeitig entstand eine räumliche Verdichtung, weil der neue Gebäudekörper eine grössere Höhe aufweist. Leider wird im rückwärtigen Teil das kantige Volumen durch die Attika etwas aufgelöst, ist aber über die zweigeschossige Ausbildung und Betonung der Vertikalen in das Gliederungssystem der Fassade eingebunden.

Atelierartig grosse Wohnräume

Bei erneuter Planungsaufnahme hatte sich die Situation verändert: Die Auftraggeber wünschten sich nun mehrheitlich Wohnungen. Die vom Gestaltungsplan vorgegebene Volumetrie war jedoch auf Büros zugeschnitten, so dass unkonventionelle Lösungen gefragt waren, insbesondere im vorderen Bereich entlang der lärmigen Strasse. Das Resultat sind teils hallen- oder atelierartig grosse Wohnräume, die von den unüblichen Geschosshöhen profitieren und mit einem Unterzug gegliedert sind.
Kernelement jeder Wohnung ist eine Abfolge von Küche, Wintergarten und kleinem Balkon, die den Wohnbereich erweitert. Der Wintergarten, der zum Balkon vollständig geöffnet werden kann, erzeugt mit ihm zusammen einen geräumigen, aber intimen Aussenbereich an diesem dicht bebauten, innerstädtischen Ort. Umgekehrt sind die mehrheitlich korridorlosen Grundrisse so angelegt, dass die  Fensterflächen über Zwischentüren möglichst zusammenhängend und damit grosszügig erfahren werden. Denn – das ist das Positive der engen Nachbarschaft – die Ausblicke sind überraschend vielfältig, oft wie ein Schaufenster zur Stadt oder gehen im hinteren Gebäudeflügel ins gewerblich geprägte Bleicheareal.

Zweifarbiger, warmtoniger Betonboden

Zur Wohnlichkeit trägt die sorgfältige Materialisierung bei. Die lasierten Holzfenster sind mit einem zweifarbigen, warmtonigen Betonboden kombiniert, der in den halböffentlichen Zugangsbereichen geschliffen ist. Ebenso robust und hochwertig ist der Gebäudeteil zur Stadt in gestocktem Sichtbeton ausgeführt, dessen gelbliche Farbe vom Zuschlag aus Kalkstein herrührt und die Farbstimmung vor Ort aufnimmt. Rückwärtig kam eine glatt verputzte Aussendämmung zum Einsatz. Zur vertikalen Gliederung der Fassaden sind zwischen den Fenstern zweigeschossige Streifen in einem etwas dunkleren Ton und mit rauerem Korn angeordnet. Ebenso wurde strassenseitig um die Fenster ein schmaler Bereich glatt belassen, so dass auch hier eine feine, geschossübergreifende Massstäblichkeit entsteht.
Der neue Stadtbaustein gibt der Rheinstrasse mit seiner Farbgebung, den stehenden Fensterformaten, der Arkade und den Terrazzoböden einen südländischen Akzent und der innerstädtischen Verdichtung ein qualitätsvolles Gesicht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Sinnstiftende Irritationen

Wenn uns Bauten Rätsel aufgeben, ist meist die Kunst im Spiel. Warum das gut ist, zeigt eine kleine Rundschau aktueller Kunst-am-Bau-Projekte.

02.02.2019 von Marcel Bächtiger

Neulich kam die Kunst dem Bau in die Quere: Norbert Möslangs blau blinkende Installation  «Patterns» am Bahnhof St.Gallen, besser bekannt als binäre Uhr, besetzte mit der Stirnseite des  neuen Glaskubus just jenen Ort, der für eine grosse Anzeigetafel mit dem aktuellen Busfahrplan vorgesehen war. Man montierte die Anzeigetafel schräg unterhalb der letzten Zeile von Möslangs leuchtenden Symbolen, es schmerzte in den Augen. Man liess sich eines Besseren belehren,  demontierte die Tafel wieder und hängte sie an die seitliche Fassade des Glaskubus. Ein Sieg für die Kunst? Vordergründig ja, jedoch muss man gleich anfügen, dass mit einer besseren  Abstimmung zwischen Auftraggebern, Planern und Künstler der Konflikt von vornherein vermeidbar gewesen wäre. Auch gereichte die Geschichte dem Kunstwerk nicht zum Vorteil, fand sich die binäre Uhr doch plötzlich in einer unmöglichen Interessenabwägung wieder: Ist die Information über die nächsten Abfahrtszeiten für den Reisenden nicht sinnvoller und nützlicher als eine Uhr, die zu allem Unbill niemand lesen kann? Das mag durchaus sein, nur würde unter dem Banner der blossen Nützlichkeit unsere Welt schnell zu gespenstischer Einfachheit gerinnen.

Aufforderung zur Auseinandersetzung

Die «Uhr, die nur Ärger bringt» (so ein St.Galler Parlamentarier) ist ein typisches Beispiel für die Schwierigkeiten, mit denen sich zeitgenössische Kunst am Bau immer wieder konfrontiert sieht: Die Frage nach den Kosten steht schnell im Raum, die nach der Notwendigkeit ebenfalls. Dabei gehört die Nutzlosigkeit zum Wesen der Kunst, meint allerdings nur den Nutzen in seiner banalsten Form. Indem ein Kunstwerk Sinn und Geist der Betrachter stimuliert, indem es Gewissheiten in Frage stellt und neue Perspektiven eröffnet, erfüllt es fraglos einen zivilisatorischen Zweck. Im öffentlichen Raum kommt dies besonders zur Geltung: Die  Aufforderung zur Auseinandersetzung mit dem Ungewohnten richtet sich hier nicht an den  einzelnen Sammler oder die Kunstliebhaberin im Museum, sondern sie adressiert ungefragt die Allgemeinheit. Dass ein Kunstam-Bau-Projekt nicht nur Wohlgefallen, sondern auch Irritation hervorruft, ist deshalb nicht nur nachvollziehbar, sondern in gewissem Mass auch wünschenswert. Möslangs Uhr ist eben nur zur Nebensache eine Uhr, sie ist zunächst und vor allem ein Kunstwerk, das uns alle möglichen Rätsel aufgeben darf, darunter auch jenes nach der unablässig fortschreitenden Zeit.
Auf jeden Fall ist gute Kunst am Bau mehr als blosse Dekoration der Architektur. Tatsächlich überschreitet sie immer häufiger die Grenze zur Konzept- und Aktionskunst. Ebenfalls eine Uhr entsteht derzeit beispielsweise in Klosters, wo das Künstlerduo Remo Albert  Alig und Marionna Fontana den Studienauftrag für ein Kunst-am-Bau-Projekt des neuen Schulhauses gewonnen haben. Auch bei ihrem Werk stehen Zeit, Dauer und Wandel als Themen  im Zentrum, aber anders als bei Möslang weist die Technik nicht in die digitale Zukunft, sondern zurück auf die vielleicht ursprünglichste Erfahrung von Zeit und Raum. Im Boden des  Pausenplatzes wird eine Sonnenuhr eingelassen, welche die Zeit anzeigt, sobald eine Schülerin in der Mitte steht und ihren Schatten auf das Zifferblatt wirft. Der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung von Licht und Schatten steht hier die Flüchtigkeit eines Kunstwerks gegenüber, welches unter Mitwirkung des Publikums entsteht und mit seiner Absenz in den Ruhezustand zurückkehrt.

Auswüchse der Fantasie

Das Werk steht in einer langen Tradition von Schulhauskunst: Schon früh schmückten  Wandbilder die Lehranstalten der Schweiz, die Moderne brachte abstrakte Farben und Formen, später folgten frei geformte Brunnen oder farbige Spielskulpturen auf dem Pausenplatz. Für den Einbezug zeitgenössischer Kunst als beispielhaft gelten darf die Bündner Kantonsschule in Chur, bei deren Sanierung und Erweiterung die Kunst schon früh mitgedacht wurde: Das Hochbauamt schrieb für die verschiedenen Häuser und Neubauten nicht nur Architektur-, sondern auch Kunstwettbewerbe aus, was sich in der weitläufigen Schulanlage spürbar niederschlägt. So winden sich nun in der kürzlich eröffneten neuen Mensa und Mediothek merkwürdige Treppen ums Eck, Leitern hängen von der Decke und Türen führen ins Nirgendwo. Auf den Beton gemalt hat sie mit eigenwilligem Strich die Künstlerin Zilla Leutenegger: perspektivische Illusionen, die den eleganten Bau des Architekten Andy Senn gleichzeitig konterkarieren und in seiner schlichten Ästhetik stimmig ergänzen, rätselhafte Ausstrahlungen der Fantasie auch, welche die Gedanken des einen oder anderen Gymnasiasten in unbekannte Gefilde führen.
Das Bemalen von Wänden, bei Zilla Leutenegger in fast schon naiver Manier vorgeführt, ist  gleichzeitig ein Ur-Moment von Kunst am Bau. Bedürfte es dafür eines  anschaulichen Beweises, so fände man ihn im Wirtshaus zur Krone in Hundwil, wo wir auf das Werk «Triade » von Vera Marke stossen. Das wandfüllende Fresko offenbart seinen Sinn nämlich erst im Zusammenspiel mit der historischen «Blauen Stube» im Obergeschoss, wo der Gast vollends von bemalten Wänden und Decken umfasst wird und neben vielem anderen auch die Marmorimitationen bestaunen kann, die wiederum vom zeitgenössischen Fresko im unteren Stock imitiert werden. Von praktischem Nutzen ist hier wenig, anregend vieles. Und lehrreich dazu: eine Recherche des Historikers Thomas Fuchs über die Bilder aus ferner Vergangenheit gehört mit zum Werk.
Die Arbeit von Vera Marke wurde mit dem letzten «Prix Visarte» ausgezeichnet, dem Preis des Künstlerverbands für herausragende Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum. Visarte-Präsident Josef Felix Müller, ein unermüdlicher Kämpfer für die Wertschätzung, die Vermittlung und das Verständnis von Kunst am Bau, verweist in diesem Zusammenhang gerne auf die Datenbank mit sämtlichen eingereichten Projekten, die auf der Website des «Prix Visarte» einsehbar ist. Auch das ist eine Aufforderung zur Auseinandersetzung: Es gäbe noch manches zu entdecken.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Dank Fernwärme gut gerüstet

St.Gallen baut die Fernwärme schrittweise aus. Das Büro von Thomas K. Keller gibt ihr über den Bau von Fernwärmezentralen eine prägnante architektonische Gestalt, die auf einem quadratischen Grundraster beruht.

22.12.2018 von Christoph Wieser

Manchmal schliesst sich der Kreis: Auf dem Gelände der ehemaligen Deponie Waldau im Westen von St.Gallen steht seit vergangenem Jahr eine Fernwärmezentrale, deren Hauptenergiequelle verbrannter Abfall ist. Das für die Fernwärmeversorgung benötigte heisse Wasser wird im Sittertobel in der Kehrichtverbrennungsanlage
aufbereitet, die sinnigerweise in «Kehricht-Heizkraftwerk» umgetauft worden war. Die Namensänderung verweist auf die Karriere des Kehrichts, der vom Abfall, der ursprünglich ausserhalb der Stadt entsorgt wurde, zum begehrten Wertstoff oder, wie hier, zum Energielieferanten mutierte.
Das hallenartige Bauwerk mit bewegter Dachsilhouette stellt ein positives, zukunftsgerichtetes Symbol einer im Bereich der Energieversorgung auf Nachhaltigkeit setzenden Stadt dar. Es ist ein Industriebau, aber einer, den man gerne zeigt. Der am Rand eines Wohnquartiers mitten in einem kleinen Park stehen kann, ohne dass davon die spielenden Kinder beeinträchtigt würden. Kein Russ steigt aus den Kaminen und der Geräuschpegel im Innern wird über die Betonhülle gedämmt.

Symbol des Energiekonzepts 2050

Die Fernwärmezentrale Waldau ist der erste Hochbau, der im Rahmen des Energiekonzepts 2050 erstellt wurde. Dabei steht die Förderung der Energieeffizienz und erneuerbarer Energien in den Bereichen Wärme, Elektrizität und Mobilität im Vordergrund. Zu den wichtigsten Massnahmen gehört der Ausbau der Fernwärme, denn heute entfallen über 40 Prozent des städtischen Energiebedarfs auf die Wärmeversorgung. Die Fernwärme, gespeist aus Abfall, stellt dabei eine ressourcenschonende, zukunftsweisende Möglichkeit dar. Der Zentrale Waldau kommt im Netz eine dreifache Rolle zu: Erstens befinden sich hier die Pumpen, mit denen das 80 bis 130 Grad heisse Wasser vom Sittertobel auf den Talboden befördert wird, von wo es zu den Verbrauchern weitergeleitet wird. Zweitens stehen zwei Heizkessel zur Abdeckung der Spitzenlast an sehr kalten Tagen und als Rückversicherung zur Verfügung, falls im Kehricht-Heizkraftwerk eine Störung auftreten sollte. Als Energiequelle dient Öl, was derzeit unvermeidbar, aber ein Schönheitsfehler ist. Drittens wurde ein riesiger Wärmespeicher eingebaut, der die  Schwankungen im Netz ausgleichen kann. Daneben ist noch Platz frei für zwei Blockheizkraftwerke und im nordöstlichen Teil befindet sich ein Tausalzlager des städtischen Tiefbauamts.

Vom System zur Gestalt

Es ist St.Gallen hoch anzurechnen, dass die Stadt über einen Studienauftrag nach einem Konzept suchte, das dem Ausbau der Fernwärme einen architektonisch hochstehenden Ausdruck aus einer Hand geben wird. Das siegreiche Büro von Thomas K. Keller ist derzeit bereits an der Planung einer zweiten Zentrale im Osten der Stadt (Lukasmühle). Die Grundlage bildet erneut das im Wettbewerb entwickelte baukastenartige System. Dieses lässt sich auf einfache Weise an den jeweiligen Standort und die Nutzung anpassen und ist dennoch wiedererkennbar:
Eine schlanke, vorfabrizierte Betonstruktur mit einem Raster von sechs mal sechs Metern bildet das räumliche Gerüst. Dessen Hülle besteht aus shedartigen Oberlichtern und Wänden aus Ortbeton. Die Ausfachungen des Tragwerks könnten auch aus einem anderen Material sein und die quadratischen Oberlichter, deren geschlossene Flächen mit Solarpaneelen belegt sind, lassen sich beliebig drehen.
Die einfache Grammatik ebenso wie die reduzierte Farbigkeit und die robuste Materialisierung der  Fernwärmezentrale erinnern an herkömmliche Industriebauten. Allein die Elemente sind mit hohem gestalterischem Anspruch entworfen und so miteinander verbunden, dass das Resultat mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Stützen sind beidseitig abgeschrägt, unten schmal und oben breiter, wo sie auch stärker aus der Wandebene hervortreten. Die Stützenköpfe wirken ein bisschen wie archaische Kapitelle, sind ebenfalls konisch ausgebildet und leiten mittels einer weiteren Schräge zu den Randträgern über. Dadurch entsteht über die simple Reihung der Joche hinweg ein visueller Zusammenhalt. Auch deshalb, weil bei den Knoten die  einzelnen Tragelemente zu festen dreidimensionalen Rahmen verbunden sind und elegant von den Längs zu den Stirnseiten überleiten. Eine bewegte fünfte Fassade bilden die Oberlichter und die beiden Kamine, die der Zentrale einen dynamischen Abschluss geben.
Zwischen die Primärstruktur, die das Gebäude gliedert, sind je nach dahinterliegender Nutzung unterschiedliche Füllungen gesetzt: wandhohe Rolltore beim Salzlager, verglaste Öffnungen beim Treppenhaus und der Kesselhalle sowie in den vordersten zwei Jochen kolossale Drehtüren aus Beton, damit die Heizkessel bei Bedarf ersetzt werden können. Alle geschlossenen Flächen bestehen aus Mischabbruch-Recylingbeton. Unter Mischabbruch werden mineralische Materialien verstanden, die beim Rückbau eines Gebäudes anfallen. Hier wurden dem Beton vorwiegend zerkleinerte Backsteinstücke beigemischt, die den gestockten Oberflächen einen warmen, roten Farbton verleihen.
Während das Treppenhaus ebenfalls gestockt wurde, ist die Kesselhalle betont nüchtern gehalten: Die  unbehandelten Füllungen aus Ortbeton und die etwas dunkleren Betonelemente der Tragstruktur und Oberlichter sind mit der silbernen Technik und braun gestrichenen Stahlteilen kombiniert. Trotz dieser Zurückhaltung ist die Raumwirkung der zwölf Meter hohen Halle beeindruckend. Insbesondere, weil über den vertikalen Lichteinfall die architektonischen Elemente und die technischen Einbauten plastisch modelliert werden. Auch wenn die Anlage kein rauchender Koloss mehr ist wie frühere Kesselanlagen: Die Technik entfaltet dennoch eine elementare Kraft, die von der Architektur gerade so weit gebändigt wird, dass die Einbettung ins Wohnquartier glückt.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Was vom Wohnen übrig bleibt

Wohnen im Alter hat viele Facetten. Gemeinsam ist allen Formen, dass die Lebensqualität im Zentrum stehen sollte: In den eigenen vier Wänden ebenso wie im Alters- oder Pflegeheim.

01.12.2018 von Christoph Wieser

Wie möchte ich im Alter wohnen? Auf diese Frage gibt es so viele Antworten wie betagte Menschen. Kein Wunder, widmet sich eine stetig wachsende Anzahl an Firmen, Stiftungen, Vereinen, Genossenschaften und öffentlichen Einrichtungen diesem Thema. Unüberblickbar vielfältig sind die Angebote. Darin widerspiegelt sich die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft ebenso wie der Umstand, dass Alter längst nicht mehr mit Armut gleichgesetzt werden kann. Im Gegenteil: So wie der Tourismus zahlungskräftige Senioren umwirbt, profitieren Anbieter von Dienstleistungen für alte Menschen vom hiesigen Wohlstand. Nichtsdestotrotz sind viele auf eine preisgünstige Lösung angewiesen, muss doch oft über Jahre eine Betreuung oder Pflegeeinrichtung bezahlt werden.
Die Palette an Wohnformen reicht von der «normalen» Wohnung über eine spezifische Alterswohnung oder Wohngemeinschaft bis zum Alters- und Pflegeheim. In dieser Reihenfolge nehmen der Bedarf und das Angebot an Unterstützung zur Bewältigung des Alltags schrittweise zu. Dagegen verringert sich der Bewegungsradius der Bewohnerinnen und Bewohner. Ebenso verändern sich die Bedürfnisse an die eigene Wohnsituation: Die Wege ums Haus ersetzen die Spaziergänge durchs Quartier, der Balkon den Garten, der Speisesaal den eigenen Esstisch. Am Schluss zählt der Blick aus dem Fenster. Und besonders die Fürsorge durch Angehörige oder das Pflegepersonal.

Pflegeheim Heiligkreuz in St. Gallen

Deshalb ist die räumliche und atmosphärische Vielfalt zentral. Die Wohnung – oder gar das Zimmer – ersetzt die Welt. Wie also soll eine altersgerechte Wohnung oder ein Pflegeheim aussehen? Das Architekturbüro Allemann Bauer Eigenmann aus Zürich hat jüngst in St. Gallen das Pflegeheim Heiligkreuz fertiggestellt. Nun sind die Alterswohnungen im Bau, die etwas abgerückt stehen, damit der Blick auf die Kirche von Karl Moser frei bleibt. Auf die Frage nach der Wohnvorstellung verweist Patrick Allemann auf das Grandhotel: Wie dort, soll auch das Ambiente des Pflegeheims möglichst angenehm, vielfältig und anregend gestaltet sein. Deshalb liegen die Fensterbrüstungen tief, damit auch vom Bett oder dem Rollstuhl aus die Aussicht genossen werden kann. Die breiten Korridore auf den Etagen sind mit Sitznischen ergänzt. Grosszügig und wohnlich ausgestattet sind die Aufenthaltsbereiche mit Loggia. Im Erdgeschoss liegen die Gesellschaftsräume wie die öffentliche Cafeteria und der Speisesaal, im Untergeschoss der dank Hanglage natürlich belichtete Mehrzwecksaal. Als verbindendes Element wirkt die zentrale Halle, die bis hinunter zum Eingang des Saals reicht und gleichzeitig die Korridore der Pflegegeschosse mit Tageslicht versorgt.
Die räumliche Souveränität, die sich in der Abfolge, Proportion und funktionalen Zuordnung der einzelnen Bereiche zeigt, wird durch die sorgfältige Materialisierung unterstützt. Die Kombination von drei Materialtypen trägt zur angestrebten Vielfalt bei: hochwertige Materialien wie Kalksteinplatten oder «Holzteppiche» mit Fischgratmuster werden mit «armen» Materialien wie Sichtbeton und Zementfaserplatten und «abstrakten» Materialien wie Weissputz ergänzt. Zusammen mit den künstlerischen Interventionen – der Installation von Silvie Defraoui im Lichthof und dem kongenialen Farbkonzept von Adrian Schiess entsteht eine reiche Innenwelt, die dem
sorgfältig gestalteten Gebäude Würde verleiht.

Alterswohnungen Blumenfeld in Altstätten

Eigentlich sollte jede Wohnung auch für alte Menschen behaglich sein. Gute Grundrisse sind an keine Altersgruppe gebunden, sondern Ausdruck hochwertiger Architektur. Gleichwohl gibt es Richtlinien und Eigenschaften, die es bei Alterswohnungen besonders zu berücksichtigen gilt. Dazu gehören grosszügige Eingangsbereiche und Korridore, damit die Bewegungsfreiheit mit einem Rollator oder Rollstuhl gewährleistet ist. Wichtig ist auch der wohnungseigene Aussenraum sowie räumliche Vielfalt. Der österreichische Architekt Josef Frank sprach um 1930 davon, dass eine Wohnung wie eine Stadt Wege und Plätze aufweisen sollte, damit unterschiedliche Zonen entstehen. Betrachtet man unter diesem Blickwinkel die zahlreichen Alterswohnungen, die in der Ostschweiz und dem Bündnerland kürzlich gebaut wurden oder im Bau sind, zeigen sich grosse Unterschiede.
Positiv fallen die Alterswohnungen Blumenfeld in Altstätten auf, die von Gäumann Lüdi von der Ropp Architekten aus Zürich geplant und im Frühling bezogen wurden. «An den Grundrissen haben wir sehr lange gearbeitet, bis sie diese Selbstverständlichkeit erreicht haben», sagt Eva Lüdi. In der Tat tragen bereits die sorgfältig gestalteten Treppenhäuser, der stattliche Balkon, die gezielt gesetzten Ausblicke und die langlebige Materialisierung zum guten Gesamteindruck bei. Kernstück der Wohnungen ist das räumliche Zusammenspiel von Entrée, Küche und Wohn-Ess-Raum, die mit einem möbelartigen Element voneinander getrennt und dennoch offen verbunden sind.
Dank der windmühlenartigen Grundrissform der beiden Punkthäuser ist jede der Wohnungen dreiseitig orientiert. Zudem ermöglicht dieser Gebäudetyp, dass die Parzelle nicht zu stark überstellt werden musste und die geforderte Renaturierung des Bachs umgesetzt werden konnte. Als verbindendes Element trägt die Wandelhalle mit einer Sitzbank wesentlich zur Gemeinschaftsbildung bei.
Immer öfter werden Alters- und Pflegeheime mit Alterswohnungen kombiniert, da auf diese Weise alle Pflegestufen bedient werden können. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Alterswohnungen Blumenfeld profitieren vom unmittelbaren Umfeld: Neben dem bestehenden kleinen Altersheim hat sich im Erdgeschoss die Pro Senectute eingemietet und auf der anderen Strassenseite liegt das Alters- und Pflegeheim Haus Viva. Bleibt die Frage: Sind solche Zentren die Zukunft? Oder eher Seniorenwohngemeinschaften und generationenübergreifendes Wohnen, wie vermehrt propagiert wird?

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Urbane Grandezza

Im Stickereiquartier in St.Gallen feiert die Baukultur eine Renaissance: Der Neubau der Schule St.Leonhard zeugt von einer  architektonischen Sorgfalt, wie man sie nicht alle Tage findet.

20.10.2018 von Marcel Bächtiger

Nirgends ist St.Gallen grossstädtischer als im Stickereiquartier. Ungewohnt sind die Dimensionen der Backsteinbauten, ungewohnt die langen Strassenzüge und das rationale Bebauungsmuster. Man fühlt sich hier, im Westen der Gallusstadt, plötzlich als Teil der grossen weiten Welt, muss allerdings gleich konstatieren, dass dieses Gefühl vor allem eine Ahnung vergangener Grösse ist. Die stolzen Handels-, Lager- und Bürohäuser erzählen von einer Blütezeit, die mittlerweile über 100 Jahre zurückliegt. Die Stickereifirmen sind verschwunden, die Bauten mehrfach umgenutzt.
Über Jahrzehnte befand sich das Quartier in einem Dornröschenschlaf, bis man in St.Gallen wie anderswo bemerkte, wie gut sich aufgegebene  Industriebauten für Kultur- und Gastronutzungen eignen. Neues Leben zog in alte Hallen, und wenn man heute der Davidstrasse entlanggeht, dann begegnet einem Frische und Heiterkeit, wo vor nicht allzu langer Zeit noch der schwere Staub der Vergangenheit das Bild bestimmte.

Städtisch im Ausdruck, schülergerecht im Detail

Mit dem Erweiterungsbau der Schule St.Leonhard ist nun mitten im Quartier ein neues Bauwerk entstanden, das sinnbildlich für dessen  Renaissance steht: dezidiert öffentlich und städtisch im Ausdruck, dabei schülergerecht im Detail, vor allem aber baukünstlerisch ambitioniert auf allen Ebenen. Den Architekten Marion Clauss und Marco Merz sind dabei gleich mehrere Kunststücke gelungen – keine Zaubereien wohlgemerkt, sondern Zeugnisse einer entwerferischen Sorgfalt, die man nicht aller Tage findet.
Es ist beispielsweise keine Selbstverständlichkeit, dass ein Neubau sowohl die grosse Geste beherrscht, als auch auf das feine Detail achtet. Der  Erweiterungs-bau, hinter dessen Fassaden sich eine Turnhalle, ein Mehrzweckraum, ein Aussenspielplatz sowie die Räume der Tagesbetreuung befinden, besitzt eine markante Volumetrie, die sich selbstbewusst im Stadtraum ins Szene setzt. Gleichzeitig verbindet sich der Bau subtil mit der unmittelbaren Umgebung. Wir sehen keine auf sich selbst bezogene Kiste, sondern einen Baukörper mit facettenreicher Physiognomie. So weist ein Versatz auf der Längsseite auf die innere Struktur hin, reagiert aber auch auf die Flucht der Nachbarsbauten. Der Betonsockel trägt die Backsteinfassaden, führt aber gleichzeitig ein Eigenleben; einmal wird er zu Arkade, einmal zum auskragenden Vordach, einmal zum aussen liegenden Raumgerüst. Aus ihm entwickeln sich die Brüstungsmauern und die Treppenaufgänge, die von der Strasse zum Hof hinaufführen. Alles trägt dazu bei, dass der Backsteinbau, der von weitem Präsenz markiert, beim Näherkommen mit den umliegenden Strassenräumen verwachsen scheint.

Alt und neu im Dialog

Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass der Dialog mit den geschichts-trächtigen Nachbargebäuden nicht in schalen Historismus mündet. Marion Clauss und Marco Merz greifen in ihrem Entwurf zwar die Backsteinarchitektur auf, die für das alte St.-Leonhard-Schulhaus wie für viele Stickereigebäude charakteristisch ist, verwandeln sie aber in etwas Eigenständiges. Die grossen geschlossenen Fassadenflächen sind ihnen Anlass, verschiedene Klinkerverbände durchzudeklinieren. Das Spiel mit den unterschiedlichen Fügungsarten legt über die streng gegliederte Wand ein heiteres Gewand, das in Licht und Schatten changiert. Weit oben, wo sich der Aussenspielplatz befindet, dringen selbst Sonnenstrahlen durchs aufgelockerte Gemäuer: eine unerwartete Transparenz, die den massiven Körper auflöst wie die beidseitig verglaste Turnhalle, die dem Passanten einen überraschenden Durchblick auf das dahinterliegende historische Schulhaus bietet. Zwanglos  korrespondieren Alt und Neu über den gemeinsamen Pausenhof und sich gegenüberliegende Eingänge; die fulminante Eingangshalle des alten Schulhauses (1887 von Wilhelm Dürler und Julius Kunkler erbaut) findet ihre informelle Entsprechung im Erdgeschoss des Neubaus, wo sich  der Klinkerboden des Pausenhofs fortsetzt und zur architektonischen Landschaft wird. Ohnehin scheint die erstbeste Lösung den Architekten nie genug gewesen zu sein, im Gegenteil: Jedes Problem reizt sie zur Erfindung. Dass der oben liegende Aussensportplatz beispielsweise  sowohl intern wie extern erschlossen sein muss, führt sie zum Entwurf einer doppelt geführten Treppe mit gegenseitigen Durchblicken: einer  Art Betonskulptur, die den Sinn für Raumlogik herausfordert.

Am Anfang stand ein Wettbewerb

Auch was einem selbstverständlich vorkommt, ist nicht selbstverständlich. Dass der Neubau in Grösse und Massstab dem alten Schulhaus  gleichgestellt ist, und dass zwischen den beiden Bauten als drittes Element der Pausenhof liegt – wie sollte es anders sein? Ein kurzer Blick in den Jurybericht des Wettbewerbs genügt, um etliche Alternativen zu entdecken. Und wir sehen: Unter den 74 eingereichten Projekten war das Erstrangierte eines der wenigen, das auf die scheinbar naheliegende städtebauliche Lösung kam. Die Mehrzahl der Entwürfe hatte sich in Demut vor dem historischen Bestand geübt, die Turnhalle ganz oder teilweise im Untergrund versenkt und ein deutlich kleineres sichtbares Bauvolumen vorgeschlagen. Denkbar, sicherlich, aber auch teurer. Und vor allem würde man vermissen, was einen heute am Neubau freut:  eine gewisse urbane Grandezza.
Lob gebührt allerdings nicht nur den Architekten und ihren Mitstreitern für ihr Projekt, sondern auch dem Hochbauamt der Stadt St.Gallen für das durchgeführte Verfahren. Ihm dürften die Namen Marion Clauss und Mario Merz nämlich bisher nicht geläufig gewesen sein. Tatsächlich handelt es sich beim Projekt für das Schulhaus St.Leonhard um den ersten grossen öffentlichen Auftrag des jungen  Architekturbüros. Möglich war dies nur dank eines offenen anonymen Projektwettbewerbs – dem nach wie vor besten Instrument der Nachwuchs- und Baukulturförderung. Es bescherte der Stadt St.Gallen eines der überzeugendsten Architekturprojekte der letzten Jahre. Dabei ist die sorgsame Sanierung des Altbaus, die Clauss und Merz bereits vor einem Jahr abgeschlossen haben, noch gar nicht erwähnt.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Wenn die Natur zur Attraktion wird

Die Medien berichten flächendeckend, die Besucher kommen zu Tausenden: Der Baumwipfelpfad oberhalb Mogelsberg scheint den Nerv der Zeit zu treffen. Warum eigentlich?

22.09.2018 von Marcel Bächtinger

Über mangelnde mediale Aufmerksamkeit kann sich der Baumwipfelpfad oberhalb Mogelsberg nicht beklagen. Die Strahlkraft der neuen Attraktion im Toggenburg reicht dabei weit über die Grenzen desselben hinaus. Das Schweizer Fernsehen war schon zu Gast, die «Schweizer Illustrierte» ebenfalls. In den sommerlichen Ausflugsempfehlungen der «Sonntagszeitung» fand sich der frisch eingeweihte Baumwipfelpfad neben Klassikern wie dem Unesco-Weltnaturerbe Aletschgletscher wieder, während die Lonely Planet-Website die frohe Kunde von der Eröffnung unter den Rucksacktouristen des ganzen Erdballs verbreitete. Vor wenigen Wochen schliesslich ehrte die altgediente Fachzeitschrift des Schweizer Ingenieur- und Architektenverbandes die wagemutige Holzkonstruktion mit einem doppelseitigen Bericht.
Das gemeine Volk tut es den Medienschaffenden gleich, zumindest an sonnigen Wochenenden: Scharenweise erscheint es dann im beschaulichen Mogelsberg und sucht sich seinen Weg zwischen Einfamilienhäusern und Kuhwiesen hindurch zum etwas höher gelegenen Steinwäldli, wo es vom  Duft gegrillter Bratwürste empfangen wird. Der Baumwipfelpfad ist nämlich nicht bloss ein Baumwipfelpfad, sondern auch ein Wipfel-Bistro mit Brätel-Stellen, ein Shop, ein Spielplatz und ein Walderlebnispfad – doch dazu später. Nach hundert Betriebstagen jedenfalls vermeldete die Trägerschaft bereits stolze 50000 Besucher (und 6591 verkaufte Bratwürste). Woher rührt das aussergewöhnliche Interesse am Projekt? Und was sagt es über unser Verhältnis zur Landschaft aus?
Bei Licht besehen entbehrt die Neuheit «Baumwipfelpfad» nicht einer gewissen Paradoxie, bestaunen wir hier doch etwas, das schon immer und schon lange vor dem Baumwipfelpfad da war: die Landschaft des Neckertals mit ihrer dichten Abfolge von Wiesen und Wäldern, von sanften Hügeln und schroffen Abhängen, die stille Vielfalt von Tier und Pflanzenwelt, ihren Wandel in Wetter und Jahreszeiten.
Wozu also, so muss die kritische Folgefrage lauten, braucht es überhaupt einen Baumwipfelpfad? Die erste Antwort liegt nahe: Weil sich die Wahrnehmung des scheinbar Bekannten zu verändern beginnt, sobald man auf den Holzplanken des Pfads entlangschreitet. Das Projekt weiss dabei geschickt mit den topografischen Gegebenheiten zu spielen: Auf erstaunlich kurzer Strecke gewinnt man überraschend an Höhe, ohne dass man dabei eine einzige Stufe erklimmen müsste. Plötzlich öffnen sich unter einem weite Abgründe, und was man normalerweise aus der Froschperspektive sieht, den Kopf tief in den Nacken gelegt, ist plötzlich zum Greifen nah: die spriessenden Äste, die Baumkronen, die namensgebenden Wipfel. Der einen oder anderen Besucherin mag es in diesem Moment vorkommen, als sähe sie Fauna und Flora des Toggenburgs zum ersten Mal, und wenn aus diesem sinnlichen Erlebnis auch eine neue Wertschätzung der heimischen Natur erwächst, dann wäre eines der Ziele des Projekts bereits erreicht.

Nie endende Betriebsamkeit, aber keine Stille

Es ist gleichzeitig kein Geheimnis, dass sich neben die pädagogischen handfeste touristische Interessen reihen. Der elegante Stelzenbau, der sich wie eine grosse Schlange durch das Steinwäldli windet, soll nicht zuletzt als Impulsgeber für eine Region wirken, welche die schleichende Abwanderung von Mensch und Arbeit fürchtet. Mustergültig erfüllt der Baumwipfelpfad dabei die Ansprüche eines sanften Tourismus, hält das Regionale und das Ökologische hoch, verweist mit Recht und Stolz auf das heimische Holz und die lokalen Unternehmer und trifft damit zweifelsfrei den Nerv einer Zeit, die «Nachhaltigkeit» zum Wort der Stunde erhoben hat. In die gleiche Richtung deuten die Spiel- und Lernangebote, die zu Füssen des  Baumwipfelpfads versammelt sind. Im Detail sorgfältig gedacht und gestaltet, befördern sie ob der räumlichen Nähe von Wipfelpfad, Bistro und Shop allerdings auch den Eindruck einer nie endenden Betriebsamkeit: Was Natur auch sein könnte – nämlich die Erfahrung von Stille, Zeit und  Einsamkeit –, droht sich hier ins Gegenteil zu verkehren.

Tradition in zeitgenössischem Gewand

Das Kapital des Baumwipfelpfades jedenfalls ist die Landschaft selbst, und seine Leistung liegt darin, diese Landschaft aus der Vergessenheit geholt  und zu neuer Sichtbarkeit gebracht zu haben: Der Pfad macht die Natur zur Attraktion. Es geschieht dies mit einer Architektur, welche das Kühne, das sich aus der schieren Höhe der Stützen und dem verwegen darüber gelegten Pfad ergibt, mit nobler gestalterischer Zurückhaltung kombiniert. Alles konzentriert sich hier auf den sanften Schwung der Promenade, die der Flugbahn eines Vogels nachempfunden scheint und dem Besucher immer neue Ausblicke vors Auge zu zaubern weiss.
Doch je körperlicher die Erfahrung, je unabwendbarer das Schwindelgefühl, desto weniger will einen die Frage loslassen, ob es denn all dieses Zaubers bedarf, um uns die Schönheiten der Natur sehen zu machen. Man sollte sich in die Frage jedoch nicht verbeissen: Denn schon immer war es der  touristische Blick, der die Schönheit in einer Landschaft entdeckte, welche man bislang bloss bewirtschaftet oder gefürchtet oder gar nicht beachtet  hatte. Und schon immer wurde die Landschaft in der Folge her- und eingerichtet, um all jenen Genüge zu tun, die gekommen waren, die Wunder der Natur zu schauen. Auch im Toggenburg: Aus Viehpfaden wurden Wanderwege, aus Bauernhöfen Gasthäuser. Wo der Ausblick als besonders ergötzlich galt, stellte der örtliche Kurverein bald schon eine Sitzbank hin. Gondel- und Sesselbahnen, die den Gast in bisher unerreichbare Höhen beförderten, liessen nicht lange auf sich warten.
So gesehen ist der Baumwipfelpad im Neckertal nichts anderes als die Fortführung einer tourististischen Tradition in zeitgemässem Gewand – umso besser, wenn er gestalterisch überzeugt. Kürzlich ist das Wunderwerk aus Holz übrigens auf einem englischen Reiseblog aufgetaucht. Der Autor sprach dem Baumwipfelpfad ein grosses Lob aus: «It’s definitely instagram worthy!» Damit wären wir dann definitiv im 21. Jahrhundert angelangt.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Kleinod am See

Vom Sturm zerstört, musste das Badihaus in Mammern erneuert werden. Entstanden ist kein gesichtsloser Ersatz, sondern ein sorgfältig gestalteter Holzpavillon, der dem aussergewöhnlichen Ort gerecht wird.

04.09.2018 von Christoph Wieser

Gute Architektur beginnt im Kopf. Im Bewusstsein der Auftraggeber, dass reine Zweckerfüllung nicht ausreicht. Dass ein Gebäude, mag es noch  so klein sein, das Umfeld im Guten wie im Schlechten über Jahrzehnte hinaus prägt, im Dorfkern ebenso wie in der Stadt oder in der Agglomeration. Jedes neue Bauwerk ist somit eine Chance zur Schaffung von kulturellem und gesellschaftlichem Mehrwert, die genutzt werden  sollte. Denn dieser Mehrwert kommt allen zugute: Er steigert das Wohlbefinden der Bewohner, Benutzer und Gäste; er verstärkt die  Identifikation mit dem Ort, was den Auftraggebern und Investoren ebenso dient wie der Standortgemeinde. Dazu bedarf es nicht immer einer grossen Geste. Bestes Beispiel dafür ist der Ersatzneubau des Badihauses in Mammern.
Am 2. August 2017 wütete ein heftiges Unwetter am Untersee. Der Sturm entwurzelte die mächtige Pappel mit einem Stammdurchmesser von  1,6 Metern, das Wahrzeichen der Seebadi in Mammern prallte auf den Kiosk mit Umziehkabinen. Innert Sekunden war die Idylle zerstört. Wie weiter? Ein Wiederaufbau lohnte sich nicht, da die Infrastruktur zu klein geworden war und der Kanton Thurgau ein rollstuhlgängiges WC forderte, das bislang fehlte.

Mut zur Baukultur

Es sollte also ein Neubau sein. Aber nicht irgend einer, sondern ein guter: Dank der Initiative der Gemeinderätin und Schulpräsidentin Monika Ribi Bichsel, zu deren Ressort die Badi gehört, wurde von Anfang an etwas gesucht, das Freude macht und damit dem schönen Ort gerecht wird. Dies ist umso bemerkenswerter, weil die Behörden oft genug aus Respekt vor allfälliger Opposition der Bevölkerung oder womöglich etwas höheren Kosten, keine Alternativen prüfen, sondern einfach die erstbeste Lösung umsetzen. Zum Glück gingen die Mammerer einen anderen  Weg: Der Gemeinderat beauftragte das Architekturbüro Lauener Baer aus Frauenfeld mit dem ortsansässigen Partner Donatus Lauener mit der Planung. Ein Direktauftrag war in diesem Fall sinnvoll, weil die Kosten mit rund 425 000 Franken (inklusive Umgebung und Honorare)  bescheiden waren, das Vorhaben möglichst schnell umgesetzt werden sollte und die Arbeit des Büros in Mammern wegen des Neubaus des Schifflandestegs 2012 bereits bekannt war.
Gleichwohl bedurfte es von Seiten der Behörden etwas Mut, denn Lauener bringt sich immer wieder konstruktiv in das Baugeschehen der  Gemeinde ein, was natürlich nicht allen gleichermassen gefällt. Das Projekt für das Badihaus stiess von Anfang an auf breite Zustimmung, so dass der Baukredit im vergangenen November einstimmig angenommen wurde. Das liegt an den architektonischen und funktionalen Qualitäten des Entwurfs. Der Entscheid verdeutlicht aber auch den Stellenwert, den die Badi in Mammern einnimmt: Sie ist neben dem Landesteg der einzige öffentliche Zugang zum See. Wegen der einmaligen Lage, den malerischen Sonnenuntergängen, gerahmt vom Seerücken, dem  Rodenberg und dem Hohenklingen mit der Rheinmündung im Zentrum, zieht der Ort von weit her Gäste an.

Runder Holzpavillon – wie ein weiterer Obstbaum

Bauten in der freien Landschaft sind naturgemäss besonders exponiert. Entsprechend gibt es verschiedene Vorgehensweisen, wie das Verhältnis von Gebäude und Umgebung gestaltet werden kann. Manche Architekten entscheiden sich für einen Kontrapunkt, der das Gebäude grösstmöglich inszeniert, andere suchen die Verschmelzung mit der Topografie.
Lauener Baer entschieden sich für einen Mittelweg: Wie ein weiterer Obstbaum steht der 16-eckige, Holzpavillon auf dem leicht zum Ufer hin abfallenden Grundstück. Dank seiner runden Form wird er sozusagen von der Wiese umspült und stellt sich dem Ausblick nicht in den Weg, wie dies bei einem längs gerichteten Gebäude der Fall gewesen wäre. Der Zentralbau strahlt trotz seiner bescheidenen Grösse eine selbstbewusste Präsenz aus. Die beziehungsreiche Formensprache weckt alle Arten von Assoziationen, die von Eisdiele, Rundtempel oder Gartenpavillon bis zum chinesischen Teehaus im Park Sanssouci in Potsdam reichen. Dieser letzte Vergleich wird vom feinen, mit Kupfer gedeckten Dach mit erhöhter Mittelzone hervorgerufen, die ein Oberlicht für den Officebereich enthält. Dank seiner stimmungsvollen, unmittelbar ansprechenden Form wirkt der Neubau vertraut und doch eigenständig.
Die Seebadi liegt ausserhalb des Dorfes, am westlichen Rand der halbinselartigen Ausbuchtung, die Mammerns Lage auszeichnet. Nähert man  sich dem Gebäude, erscheint das Badihaus geschlossen. Rhythmisiert wird der Holzbau von der in gebrochenem Weiss gehaltenen Tragstruktur und den warmtonigen, senfgelben Füllungen, deren Deckleisten ebenfalls hell gestrichen sind und sich so mit dem Tragwerk optisch verbinden. Das Prinzip der Bretterverschalung mit Deckleisten erinnert an die Ökonomieteile alter Bauernhäuser, wirkt in dieser farblich kontrastierenden Weise aber auch als Schmuck. Ebenso charakteristisch sind die elliptischen Öffnungen, die mit Streckmetallgittern ausgestattet, im oberen  Bereich der Wände angeordnet sind. Sie dienen zur natürlichen Belüftung und Belichtung der Garderoben.
Auf Seite der Veranda, die dem See zugewandt ist, wurden die ausgeschnittenen Elemente als friesartiges Ornament eingesetzt, so dass kaum  Abfall entstand. Es sind solche Details wie auch die zweckmässig-raffinierte Mechanik der Ausgabestelle des Kiosks oder der Trinkbrunnen beim Zugang, die dem einfachen Bau etwas Spezielles verleihen.
Während der rückwärtige Teil den Garderoben und Toiletten vorbehalten ist, die trotz kleinster Fläche je über eine Privatsphäre schaffende  Vorzone verfügen, öffnet sich das Gebäude im vorderen Bereich mit einer überraschend weiten, gedeckten Veranda zum See. Sie rahmt die  Aussicht und spendet Schatten, bis die frisch gepflanzte Pappel gross genug ist. Die gedeckte Vorzone ist ein weiterer Pluspunkt des neuen Badihauses, das in weniger als einem Jahr geplant, gebaut und pünktlich zum Saisonauftakt in Betrieb genommen werden konnte. Ein Kleinod, das gelebte Baukultur anschaulich macht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Die Grossen im Zentrum behalten

Onlinehandel, Shoppingcenter in der Peripherie und das Angebot in der nächstgrösseren Stadt sind heute die Konkurrenz für Dorf- und  Kleinstadtzentren. Doch es gibt Strategien, diesen zu begegnen – das zeigt das Beispiel Weinfelden.

24.07.2018 von Andrea Wiegelmann

Das typische Bild der Zentren ausserhalb der grossen Städte ist uns allen bekannt: An der Peripherie der Ortschaften liegen – praktisch an den Ein- oder Ausfallstrassen positioniert – Einkaufszentren oder Gruppierungen von Detaillisten wie Coop, Migros, Aldi und Lidl mit grosszügigen Parkplätzen. Das Einkaufen geht hier rasch und unkompliziert, warum also noch in die Zentren fahren? Für diese können die Folgen verheerend sein: Detaillisten wandern ab, die Kunden werden weniger, das Angebot schrumpft. Mit dieser Entwicklung, die durch den wachsenden Onlinehandel noch befördert wird, haben  nahezu alle Gemeinden zu kämpfen. Schwierig wird es besonders dann, wenn die grossen Detaillisten das Zentrum verlassen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, um nachhaltig gegenzusteuern?
Die Stadt Weinfelden hat für sich einen vielversprechenden Weg beschritten und ist heute dabei, Massnahmen umzusetzen, die das bestehende Angebot im Zentrum stärken. Denn, so David Keller, der für die Gemeinde Weinfelden die Standortentwicklung begleitet: «Wir haben eine gute Infrastruktur, es gibt ein breites Angebot – vom Supermarkt, über Spezialitätengeschäfte und Gastronomie bis hin zum Sportstudio, auch Parkplätze sind ausreichend vorhanden. Das Zentrum Weinfeldens ist wie ein grosses Shoppingcenter, es ist einfach nicht überdacht.» Die Kombination setzt Weinfelden in Vorteil  gegenüber dem Onlinehandel und den peripheren Zentren. Dies möchte Keller mit Detailhandel, Gewerbe und Gastronomie aktiv kommunizieren. Gemeinsam haben sie den «Wyfelder Fritig» initiiert: an jedem ersten Freitag im Monat kann das Publikum bis zum Abend durch das Zentrum flanieren und einkaufen.

Aktiv gestalten, um sich weiter zu entwickeln

Der «Wyfelder Fritig» ist Ergebnis eines Prozesses, den die Stadt 2014 mit einer Stadtanalyse, für die sie das Kompetenzzentrum Netzwerk Altstadt beauftragte, begonnen hat. Auslöser für diese  Standortbestimmung war, so Martin Belz, Chef des Bauamts Weinfelden, dass bei der letzten Untersuchung 2005 die heutigen Subzentren an der Peripherie Weinfeldens gerade entstanden sind. Ursache war unter anderem die relativ liberale und flächenintensive Bau- und Zonenordnung aus den 1980er-Jahren, die das Entstehen der Subzentren begünstigte. Man hat die Folgen gesehen und sich die Frage gestellt, ob dies weiterhin der richtige Weg ist. Zum gewählten Vorgehen, dem Beauftragen externer Fachleute, meint Belz, es sei wichtig, sich bei der Analyse nicht nur auf das eigene Urteil zu verlassen. Es gehe nicht nur um das Erkennen von Schwächen, sondern auch um die Einschätzung von Standortvorteilen. Dies habe die Analyse bestätigt.

Nach deren Vorlage hat der Gemeinderat entschieden, eine Nutzungsstrategie in Auftrag zu geben, um Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung Weinfeldens zu erhalten. Auch hierzu wurde das Netzwerk Altstadt beauftragt. Das Team hat es verstanden, die Ansprüche aller Betroffen abzuholen und ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass im Miteinander Standortentwicklung möglich ist. Denn, so Belz, das Erlebnis Weinfelden sei das beste Argument egenüber dem Internethandel. In diesem Sinn wurden Massnahmen zur Positionierung und Entwicklung Weinfeldens definiert.
Parallel zu diesem partizipativen Ansatz ist die Gemeinde mit der Überarbeitung der Bauordnung und Zonenplanung dabei, auch auf regulatorischer
Ebene den Rahmen zu justieren. Ziel ist es, aktiv zu steuern, um die flächenintensiven Nutzungen an den Peripherien zu kanalisieren. Unter anderem sind Mindesthöhen festgelegt, die mehrgeschossige Bauten verlangen, um dem Flächenverbrauch zu reduzieren. Die neue Fassung wurde im Juni verabschiedet und geht nun an den Kanton zur Genehmigung. Gleichzeitig unterstützt die Gemeinde die Grossverteiler im Zentrum und finanziert beispielsweise die Betriebskosten des Rössli-Felsen-Parkings, dessen Grundeigentümerin sie ist, mit.

Die Identität des Standortes stärken

David Keller möchte über den «Wyfelder Fritig» hinaus, der Anfang Juli bereits zum dritten Mal stattgefunden hat, mit den Detaillisten einen Heimlieferdienstes für Kunden einrichten und eine Signalethik für das Zentrum entwickeln. «Wenn die Akteure verstehen, dass ein aktiv gelebtes ‹Wir sind Weinfelden› der Schlüssel ist, um als Standort attraktiv zu sein, dann haben wir sehr viel erreicht», erklärt der gelernte Architekt. Baulich soll der Bahnhofsplatz als Eingang Weinfeldens gestaltet werden. «Wir sind dabei, ein Betriebs- und Gestaltungskonzept zu erarbeiten», so Martin Belz. All diese Massnahmen dienen der Stärkung des Ortskerns und zielen darauf, mehr Publikumsverkehr ins Zentrum zu bringen, um den Standort auch für Grossverteiler attraktiv zu halten. Auch der Fussverkehr, das Flanieren, solle  verbessertwerden.
Belz erläutert: «Es braucht als Gemeinde einen gewissen ‹Schnauf›, und die richtigen Schlüsselfiguren.» Dass die Gemeinde zu einem Ergebnis kommen wolle, zeige auch die Schaffung von David Kellers Stelle. Er ergänzt: «Der Weg hat sich bis hierher gelohnt und ich hoffe, wir können ihn weitergehen.» Dabei wissen Belz und Keller nicht, wie viel Erfolg sie haben werden, denn niemand kann heute sagen, wo der Detailhandel in fünf Jahren stehen wird und wie sich der Onlinehandel entwickelt.
Abwarten, bis alle schlechten Prognosen eintreten, das wollte man in Weinfelden nicht und das scheint eine wesentliche Voraussetzung, um Ortszentren lebendig zu halten. Oder, um es mit den Worten von Martin Belz zu formulieren: «Es braucht den Willen und das Bewusstsein, es braucht Zeit, Geld und Ressourcen – nur dann kann man hoffen, dass Projekte wie diese erfolgreich werden.»

 

Bilder: Gemeinde Weinfelden

Das Frondienststadion

Die Mitglieder des Fussballclubs US Schluein Ilanz aus dem Bündner Oberland haben den Bau ihres Fussballstadions
massgeblich mitgetragen. Das markante Gebäude überzeugt nicht nur funktional, sondern auch architektonisch.

07.07.2018 von Tina Mott

Die schmale Strasse schlängelt sich durch das dunkle Grün der Au entlang des Vorderrheins und führt zu den staubigen Mondlandschaften des Kieswerks von Schluein. Während im Süden das klare Wasser des Quellflusses durch die Erlen blitzt, erhebt sich auf der gegenüberliegenden Seite die kompakte Masse einer langgezogenen, rauverputzten Mauer. Kleine, unregelmässig angeordneten Fensterscharten in der schroffen grauen Wandfläche lassen das Bild einer wehrhaften Trutzburg entstehen, der Sockel aus glattem Beton erzählt vom Hochwasser, das zur Schneeschmelze immer wieder über die Ufer tritt.
Die seitlich angeordnete Eingangspforte ist niedrig und schmal, doch das feine Türblatt aus Bronze lässt bereits eine besondere Gestaltung der Räume dahinter erahnen. Steigt der Besucher ann über die Schwelle, öffnet sich sein Blick in eine hohe, lichte Holzkonstruktion, die eine schlanke,  weitauskragende Dachscheibe trägt. «Wir haben versucht, zwei unterschiedliche Atmosphären zu schaffen», erzählen die beiden Architekten Georg Krähenbühl und Jan Berni. «Die Rückwand des Stadions nimmt die Rauheit der Umgebung auf und schottet die Anlage gegen die Strasse und die Parkplätze ab. Wer aber durch diese massive Mauer tritt, findet sich in einem Bauwerk aus warmen, weichen Materialien, mit angenehmer Haptik und Akustik.» Das Fussballstadion Crap Gries beherbergt unter seinem grosszügig dimensionierten Pultdach Tribünenplätze für etwa 500 Zuschauer,  Garderoben- und Lagerräume sowie ein behagliches Vereinslokal mit Cheminée und Restaurationsbetrieb.

Spannweite durch die maximale Baumlänge begrenzt

Der Einsatz von regionalen Werkstoffen und die Vergabe der Arbeiten an heimische Handwerker war den beiden Planern besonders wichtig, um die  Wertschöpfung möglichst vor Ort zu halten. «Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, massives Holz für die Tragstruktur zu verwenden. Diese Wahl zog dann aber zahlreiche Konsequenzen nach sich. Zum Beispiel wurde die Spannweite unserer Konstruktion durch die maximale Baumlänge im Kanton begrenzt – und das sind 13 Meter», erklärt Krähenbühl. Gemeinsam mit dem Holzbauingenieur Walter Bieler wurde dann nach Lösungen gesucht, die dem Baustoff gerecht werden und auch ästhetisch ansprechend sind. Die Anerkennungspreise beim renommierten internationalen Wettbewerb für nachhaltiges Bauen «Constructive Alps» und bei «Gute Bauten Graubünden» sprechen vom Erfolg dieses Unterfangens.
Seit der Gründung ihres Vereins im Jahr 1942 sind es die Fussballer von Schluein gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Damals rodeten die Spieler den Platz mühsam aus dem Auwald und errichteten, erneuerten und unterhielten während der folgenden Jahrzehnte die Garderobengebäude mit sehr einfachen Mitteln. Doch schon bald nach der Fusion mit dem FC Ilanz zum grössten Sportverein der Surselva im Jahr 2002 wurde deutlich, dass die Anlagen den steigenden Anforderungen und Mitgliederzahlen der «Uniun Sportiva Schluein Ilanz» nicht mehr gerecht werden konnten. Also setzte sich der damalige Architekturstudent und Vereinskicker Jan Berni mit seinem Kollegen Georg Krähenbühl zusammen und die beiden entwickelten gemeinsam Ideen, um die räumliche und infrastrukturelle Situation des Clubs zu verbessern.
Nachdem sie ihre ersten Entwürfe bei einer Generalversammlung präsentieren konnten, gewann das Unternehmen an Dynamik. «Als der Funke der  Begeisterung auf die Mitglieder übergesprungen war, wurde das Projekt mit vereinten Kräften angepackt. Der Verein hat uns sein Vertrauen  entgegengebracht und auch sehr viel Spielraum gelassen», erzählen die Planer. Eine Baukommission wurde gegründet und die Beteiligten unterstützten den Planungsprozess mit eigenen Gedanken und Ideen. Nun ging es daran, die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen abzuklären und nach den Unterstützungszusagen durch die umliegenden Gemeinden und Sponsoren aus der Region wurde das Projekt weiterentwickelt.

6000 Stunden Eigenleistungen zugesichert

Als der Neubau dann im Sommer 2015 eröffnet wurde, konnten die Beteiligten auf die Beschaffung von Mitteln in Höhe von 1,35 Millionen Franken sowie 6000 Stunden an Eigenleistungen  zurückblicken. Von Anfang an war klar, dass ohne die tatkräftige Mithilfe der Vereinsmitglieder ein Bauwerk in der gewünschten Qualität und Grössenordnung nicht umsetzbar gewesen wäre. Daher sollten auch möglichst viele Arbeiten durch die freiwilligen Helfer ausgeführt werden, wodurch sich der Arbeitsprozess aber auch als länger und komplexer erwies als auf einer herkömmlichen Baustelle. Einige der Unterstützer waren Handwerker, die ihre Arbeit sponserten oder auch Material. So fertigte zum Beispiel der Baumeister die tragende Rückwand und die Betonelemente, während die  Zwischenmauern von den Mitgliedern selbst gefügt wurden.
Vor allem an den zahlreichen sorgfältig geplanten und ausgeführten Details des Bauwerks zeigt sich das besondere Engagement der Mitwirkenden. Die aufwendig gestalteten Elemente wie die tonnenförmige Akustikdecke im Vereinslokal oder die dreidimensional geschalten Brunnenelemente in den Umkleidekabinen waren nur dadurch möglich, dass die Mitwirkenden ihre Zeit grosszügig zur Verfügung stellten und mit Begeisterung und Sorgfalt an die Arbeit gingen.
«Es gab von so vielen Seiten Unterstützung, sonst hätten wir es nicht geschafft», resümieren die Architekten. «Die verschiedenen Altersgruppen haben zusammengearbeitet, sich gegenseitig geholfen und voneinander gelernt. Das Schönste an diesem Projekt war das Gemeinschaftliche, denn jeder im Verein wollte und konnte seinen Teil zu unserem Stadion beitragen.»

«Jeder im Verein wollte und konnte seinen Teil beitragen.»  Architekten Georg Krähenbühl und Jan Berni

«Wir hatten den Wunsch, städtebaulich, funktional und gestalterisch das richtige Haus für diesen Ort zu  bauen», erklärt Monika Roell abschliessend. «Ein  Gebäude, das seinen eigenen Charakter hat und sich trotzdem anpasst, eine Ergänzung ist und vielleicht  sogar ein Wegweiser dafür, was in Zukunft an der  Hauptstrasse gebaut werden wird. Denn wir möchten hier Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen  Bereichen anlocken – und das ist nicht so einfach.»

 

Bilder: Ralph Feiner

Ausverkauf des Untergrunds

Die Verdichtung unserer Städte geschieht nicht nur oberirdisch, auch unter der Erde bauen wir immer mehr. Damit verschwinden auch die Pflanzen, die darin wurzeln, vor allem Bäume. Doch gerade sie werden für unser Stadtklima immer wichtiger.

19.05.2018 von Andrea Wiegelmann

Läuft man in diesen Tagen vom St. Galler Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt, dann kann man den Bauarbeitern beim Verlegen der massiven  Natursteinplatten entlang der Kornhausstrasse zuschauen. Zwischen den Platten sind quadratische Felder ausgespart, die Platz für eine spätere Bepflanzung schaffen und dem Grün zumindest etwas Wurzelraum lassen. Anders dagegen auf dem Vadianplatz am Neumarkt. Die das ganze Areal ausfüllende unterirdische Tiefgarage ermöglicht kein wurzelndes Grün. Pflanzkübel schaffen zumindest optisch Abhilfe, doch sie sind kein Ersatz. Die Pflanzen darin wachsen kaum und bieten nur bedingt einen Mehrwert für das Stadtklima, im Gegensatz zu wurzelnden Bäumen.
Doch unsere Städte sind gebaut, freie Grundstücke gibt es kaum, neue Angebote an Wohn-, Büro- oder Gewerbeflächen erfordern in der Regel Ersatzneubauten, die sehr häufig mit Tiefgaragen unterbaut werden. Solche Lösungen, die mit der Revision des Raumplanungsgesetzes auch gefordert sind, stehen einer Bepflanzung – gerade mit Bäumen – entgegen.

Bäume sind Lebensräume für Kleintiere

Bäume brauchen Platz im Erdreich: Die natürliche Wurzelentwicklung eines frei wachsenden Baumes entspricht etwa der Grösse seines  Kronendurchmessers. Mit der zunehmenden Unterbauung der Grundstücke verschwinden somit Bäume und damit gehen nicht nur Freiraumqualitäten verloren. Bäume spenden Schatten, verbessern das Stadtklima und die Luftqualität, sie sind Lebensraum für Vögel und andere Kleintiere, sie prägen Strassenzüge und sind Teil gewachsener städtischer Strukturen. «Es dauert Jahrzehnte, bis ein Baum eine gewisse Grösse erreicht, um dies leisten zu können», erläutert die Zürcher Landschaftsarchitektin Rita Illien.

Erholungsraum dank Grünanlagen

Während in den Innenstädten Bäume als Schattenspender in heissen Sommern geschätzt sind und in Hitzeperioden ab einem gewissen Baumanteil die Temperaturen erheblich gesenkt werden können, spielen sie in unseren Wohngebieten zudem als Grün- und Erholungsraum eine wichtige Rolle. Doch dort stehen sie ebenfalls unter Druck. Siedlungen mit zwei- oder dreigeschossigen Zeilen werden heute oft nachverdichtet, wenn nicht gar durch Neubauten mit Tiefgaragen ersetzt. Die Gartenqualitäten, die die ursprünglichen Grünanlagen hatten, gehen dabei verloren und der Baumbestand schwindet auch hier.
«Wir dürfen die Bedeutung der hausnahen Grünräume nicht unterschätzen, die man innert weniger Minuten erreichen kann, sie sind wichtig, gerade  für Kinder und ältere Menschen», führt Rita Illien  weiter aus und fordert, bei grossen Arealüberbauungen sollten mindestens 30 bis 40 Prozent der Fläche nicht unterbaut und für Baumbepflanzungen freigehalten werden. Dass sich die Pflanzung von Bäumen und eine mögliche Unterbauung nicht  ausschliessen müssen, hat die Landschaftsarchitektin bereits unter Beweis gestellt. In Chur hat sie mit dem Architekten Conradin Clavout bei der   Überbauung des Areals Pulvermühle 2017 eine Möglichkeit gefunden, Baumpflanzungen trotz der geforderten Tiefgarage zu realisieren. Das ehemalige Wohn- und Gewerbegebiet ist heute durch den Neubau einer u-förmigen Wohnanlage besetzt, die am Zugang zum Areal mit einer  Kletterhalle und einem Café öffentliche Nutzungen aufweist. Die geforderte Tiefgarage ist unter den Wohnbau gelegt, sie entwickelt sich ebenfalls  u-förmig und ist nicht über das ganze Grundstück geführt. Der Hof der Bebauung, an den die privaten Gärten der Erdgeschosswohnungen  anschliessen, konnte somit bepflanzt werden. «Wir wollten einen Bereich schaffen, der frei von einer Unterbauung ist, damit in diesem Hof in 30 Jahren einmal schöne, stattliche Bäume stehen werden», erläutert Illien. «Auch beim Zugang zur Anlage konnten wir durch die gewählte Führung der Tiefgarage Bäume pflanzen. Dieser Platz ist die Adresse des Areals, hier stehen Platanen.» Dass eine Baumbepflanzung für den jeweiligen Ort optisch-räumliche Qualitäten besitzt, führt die Landschaftsarchitektin weiter aus und erläutert das Konzept der Hofbepflanzung: «Wir haben diese so gewählt, dass die Bäume über das Jahr den Wechsel der Jahreszeiten zeigen. Es sind Vogel-Kirschen, die im Frühjahr schneeweiss blühen und eine intensive rote Herbstfärbung besitzen, und dazu haben wir Spitzahorn gesetzt. Der Ahorn wächst zudem schnell, es war mir ein Anliegen, dass es rasch Schatten gibt im Hof.» Dass der Bewuchs einer gewissen Dynamik unterworfen ist und dass man in zehn Jahren die Baumgruppen vielleicht auch ausdünnen müsse, das gehöre zu einem Grünraum dazu. Das Bewusstsein für seine Anlage und seine Pflege müsse gefördert werden.

Bäume schaffen in heissen Sommern ein gutes Mikroklima

Tiefgaragenplätze versprechen angeblich Rendite und werten Wohnungen scheinbar auf, kommen also deren Verkäuflichkeit entgegen. Doch handeln wir uns nicht Probleme mit dieser grossflächigen Unterbauung unserer Stadtquartiere ein? Nicht nur der Baumbestand, auch Versickerungsflächen nehmen ab, die Ableitung von Regenwasser ist bei Arealüberbauungen oftmals ein Problem. Zudem gewinnt die Frage des Stadtklimas immer mehr an Bedeutung. Bäume schaffen in heissen Sommern ein gutes Mikroklima und können – je nach Art und Positionierung vor Fassaden – einen aufwendigen Sonnenschutz ersetzen. Solche Aspekte werden bei der Planung von Neubauten bisher kaum berücksichtigt.
Räumlich gut gestaltete Grünanlagen schaffen eine qualitätvolle Stadtnatur, die für uns Erholungsraum ist, Identifikation bietet und das Stadtklima  positiv beeinflussen kann. Schon 30 Prozent nicht unterbauter Fläche pro Areal können helfen. Ein Baum braucht zwanzig bis dreissig Jahre, um eine gewisse Grösse zu erreichen – ob wir bis dahin überhaupt noch Tiefgaragen in diesen Ausmassen benötigen, ist fraglich. Dass wir dann heissere Sommer haben werden, aber gewiss.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Das Sprachencafé im Ausländerquartier

Das Löwenquartier in Rorschach befindet sich im Aufbruch. Angeregt vom Förderprogramm des Bundes, «Projet Urbain», hat sich dort vieles durch die aktive Beteiligung der Bevölkerung verändert. Wo liegen die Chancen und Grenzen dieses Prozesses?

21.04.2018 von Tina Mott

«Venga!», «Komm!», «Hajde!» – ein bunter Ball fliegt im hohen Bogen durch die Wohnstrasse. Die Kinder laufen lachend und kreischend hinterher, ganz ins Spiel vertieft werfen sie sich Worte in verschiedenen Sprachen zu. Bäume und Sitz­bänke gestalten den belebten Tummelplatz, der sich zu einem Begegnungsort für die kleinen und grossen Bewohner des Quartiers entwickelt hat. Hier wird Nachbarschaft aktiv gelebt. Man kennt und respektiert sich, kommuniziert miteinander und unterstützt sich gegen­seitig, auch wenn die Menschen durch unterschiedliche kulturelle und soziale Hintergründe geprägt sind. Dass in den verkehrsberuhigten Zonen der Geren- und Bogenstrasse vor ein paar Jahren noch die Autos Vorrang hatten, kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass damals niemand mehr in das Viertel investieren mochte, da es als unattraktive und anonyme Wohngegend in eine Abwärtsspirale geraten war. Wer hier lebte, tat das vor allem wegen der günstigen Mietpreise.

Mittelstandsfamilien aus Quartier ausgewandert

Im Jahr 2007 beschloss der Bundesrat das Programm «Projet Urbain», um die gesellschaftliche Integration und nachhaltige Quartierentwicklung in den Wohnbezirken verschiedener Schweizer Städte zu unterstützen. Das Löwen­quartier im Zentrum von Rorschach wurde aufgrund seiner räumlichen, sozialen und ökonomischen Gegebenheiten als «Wohngebiet mit besonderen Herausforderungen» ausgewiesen und vom Bundesamt für Raumentwicklung als ­leitende Institution dazu eingeladen, an dem Projekt teilzunehmen.

Das städtebaulich heterogene Viertel setzt sich aus Wohn-, Gewerbe- und ­Industriezonen zusammen und hatte seit Jahrzehnten damit zu kämpfen, eine eigene Identität zu finden. Der wach­sende Anteil an sanierungsbedürftigen Gebäuden, verbunden mit wenig öffentlich nutzbarem Aussenraum begüns­tigte die Abwanderung der Mittelstands­familien. Diese Entwicklung führte dazu, dass das Quartier heute bei verschiedenen demografischen Merkmalen deutlich von der Gesamtsituation der Stadt abweicht. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung und der Altersgruppe bis 20 Jahre ist erheblich höher, während das durchschnittliche Einkommen pro Haushalt und das Bildungsniveau geringer sind. Auch die Kompetenz der deutschen Sprache ist bei den Bewohnern nicht ­immer ausreichend vorhanden.

Zu Beginn der ersten Programm­periode des «Projet Urbain» von 2008 bis 2011 wurden die Organisationsstrukturen festgelegt und Arbeitsteams ge­bildet, die sich aus Mitarbeitern der Stadt und des Kantons zusammensetzten. Diesen Gruppen wurden Fachplaner aus den Bereichen Städtebau und Freiraum­planung zur Seite gestellt. Die Gremien definierten Ziele, welche sich auf die drei Schwerpunkte Zusammenleben und ­Soziales, Wohnqualität sowie Aussenraum und Verkehr konzentrierten. Die ersten Schritte der konkreten Umsetzung zielten darauf ab, einen Beteiligungsprozess mit der Bevölkerung des Löwenquartiers einzuleiten und zu verankern. Unterstützt von der Fachhochschule St. Gallen erarbeiteten die Bewohner mehrere Konzeptideen, wie sich ihr ­Lebensraum in den nächsten Jahren entwickeln sollte. Ergänzend zu diesem Prozess wurden verschiedene Expertenteams damit beauftragt, eingehende Analysen über das Potenzial des Quartiers hinsichtlich seiner Bausubstanz, städtebaulichen Gegebenheiten und Gestaltungsmöglichkeiten sowie der sozialen und demografischen Situation zu erheben und in einem Synthesebericht auszuwerten.

Bereits im August 2010 eröffnete die Stadt das Quartierbüro in der Löwenstrasse, welches bis heute als niederschwellige Anlaufstelle für die Fragen und Anliegen im Viertel funktioniert und seit Jahren vielfältige Einrichtungen und Veranstaltungen anregt, unterstützt und koordiniert. So konnten sich das Quartierfest, die Integrationsprojekte Sprachencafé und Kinderzeit, verschiedene Märkte oder das Strassenfussball-Turnier in­zwischen im Viertel etablieren. Auf der anderen Seite wurden auch die Besitzer der Liegenschaften durch Fragebögen und individuelle Gespräche mit Immobilienexperten aktiv in die Entwicklungsprozesse eingebunden. Im November 2011 erfolgte dann schliesslich die Eröffnung der umgestalteten Gerenstrasse, die als erste bauliche Verkehrsmassnahme im Rahmen des Projektes realisiert wurde.

«Wieder eine Gesprächsbasis im Quartier aufgebaut»

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Programmperiode beschloss die Stadt Rorschach, sich beim Bund um eine Verlängerung des Pilotprojektes zu bewerben und startete von 2012 bis 2015 in die zweite Phase. Als Ziel wurde festgelegt, die entstandenen Strukturen zu festigen und zu stärken und diesen Ansatz schrittweise auch in anderen Quartieren zu übernehmen. Ausserdem wurde im Rahmen eines weiteren partizipativen Prozesses ein städtebauliches Entwicklungskonzept für ein Teilgebiet des Perimeters erarbeitet. Dieses zeigt, wie sich das Quartier schrittweise erneuern und massvoll verdichten soll, damit ein identitätsstiftender städtischer Lebensraum entstehen kann. Ausserdem formuliert es konkrete Spielregeln und Leitlinien im Umgang mit den Strassen- und Frei­räumen sowie der Bebauung von Grundstücken. «Durch die umfangreiche Beteiligung der Bevölkerung konnte wieder eine Gesprächsbasis im Quartier aufgebaut werden und das gegenseitige Vertrauen und Verständnis wurden gefördert», resümiert der Projektverantwortliche Markus Fäh. «Vor allem bei den sozialen und kulturellen Projekten sowie der Umgestaltung der Aussenräume war die aktive Beteiligung der Nachbarschaft enorm wichtig. Die Resultate erweisen sich als konsensfähiger und tiefer in der Bevölkerung verankert, wenn die Anwohner durch transparente Kommunikation und die Möglichkeit, ihre Meinung zu äussern, in den Prozess miteinbezogen werden.» Inzwischen führe die Stadt die Projekte auch ohne Mitfinanzierung von Bund und Kanton im Sinne des ‹Projet Urbain› weiter, «denn es ist sehr wichtig, dass die Menschen in Rorschach wieder Vertrauen fassen und das Potenzial ihrer Stadt erkennen», sagt Fäh.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

«Eine Stadt ist wie eine Wohnung»

Die Beleuchtung der Innenstädte ist auf viele einzelne Objekte ausgerichtet, oftmals kommt dabei der städtische
Raum zu kurz. Ein Plädoyer von Lichtplaner Charles Keller für eine lebendige Beleuchtung, die den Schatten nicht scheut.

17.03.2018 von Andrea Wiegelmann

Grosszügig und hell sind die Büroräume in der oberen Etage einer ehemaligen Stickerei in St.Gallen. Der offene Charakter steht dabei sinnbildlich für Charles Keller, Gründer von Charles Keller Design, dessen Offenheit und Neugierde weit über seinen Beruf hinausführt und doch auch immer wieder zu ihm zurück. Und so gerät das Gespräch über die Beleuchtung des städtischen Raums zu einem Austausch über unser Verhältnis zu Raum und das  Verständnis von Stadt, um in präzisen Vorschlägen für die Beleuchtung unserer Innenstädte zu münden.
Charles Keller ist Generalist. Nach einer Au esbildung als Flugzeugspengler hatte er an der Zürcher Kunstgewerbeschule Produktgestaltung unter anderem bei Willy Guhl studiert. Das Zusammenspiel der Disziplinen begleitet Keller von Anfang an. Und so verwundert es nicht, wenn er fordert, dass Stadtbeleuchtung genauso geplant werden solle wie jede andere Planungsaufgabe auch. Bei seinem Entwurf für die Beleuchtung der Zürcher  Bahnhofsstrasse von 2010 etwa habe er den Architekten und langjährigen Weggefährten Daniele Marques und den Künstler Andreas Schiess hinzugezogen. Eine Weihnachtsbeleuchtung sei eine emotionale Angelegenheit – eine Festbeleuchtung, die als solche gestaltet werden müsse. Die Komposition der Elemente ist für Keller bei der  Beleuchtung im öffentlichen Raum entscheidend, ebenso der Umgang mit dem jeweiligen Ort. Dies scheint  selbstverständlich, ist es aber vielfach nicht. «Die innerstädtische Beleuchtung produziert zu viele Reize, darüber geht der Raum verloren.»

Den öffentlichen Raum mit Licht gestalten

Wer das Luftbild des nächtlichen St.Gallens von vergangener Woche vor Augen hat, der weiss, wie sehr die Innenstadt ausgeleuchtet ist (Ausgabe vom 7. März). Keller kritisiert daran, dass der öffentliche Raum unter der alleinigen Ausrichtung auf kommerzielle Aspekte leide, denen andere Interessen untergeordnet sind. Das sei auch bei der momentanen Diskussion um die Möblierung des St.Galler Marktplatzes zu spüren. Wenn man dort die Marktstände stationär ausführe, dann sei der Marktplatz Geschichte. Man müsse sich fragen, braucht es wirklich stationäre Stände. Kellers Position dazu ist klar: «Ein Markt hat Räder und Füsse.» Seine Stadt könne auch durch Poesie überzeugen und nicht nur Auch bei der Beleuchtung stehe heute das jeweilige Interesse  am einzelnen Objekt im Fokus und nicht nur der Stadtraum.
Am Abend sind beispielsweise einzelne Fassaden und Schaufenster derart ausgeleuchtet, dass die jeweiligen Orte gar nicht mehr wahrgenommen werden können. Hinzu komme, dass man in der Planung mit einem Übermass an Vorschriften konfrontiert sei. Diese berücksichtigen jedoch nicht die jeweilige Situation, sondern argumentieren oftmals einzig über technische Richtwerte oder Lichtfarben und schaffen Reglemente, die die Gestaltung des Raums nicht beachten. Der gebürtige St.Galler erklärt es so: «Es gibt immer mehr Lichtquellen, es gibt  spezielle Apparate, die das Licht gezielt dorthin werfen, wo man es braucht. Das sind für  mich, vergleichbar für einen Organisten, die Register. Man sollte dem Organisten nicht die  Register zukleben.» Und so fordert er: «Die Beleuchtung ist immer vom spezifischen Ort aus zu denken, ihn möchte man mit dem Licht zur Geltung bringen.»

Den Stadtraum als Wohnung denken

Bei der Lichtführung soll der Charakter des Ortes geachtet werden. Ähnlich hat es Urs Etter, Leiter Öffentliche Beleuchtung bei den St.Galler Stadtwerken, in dieser Zeitung formuliert. Doch was heisst das eigentlich? Charles Keller erklärt dazu, dass der städtische Raum aus Strassenräumen besteht, gebildet durch Häuser unterschiedlicher Epochen. Eine Strasse könne nachts einen ebenso vielfältigen Eindruck erzeugen wie am Tag. Dabei spiele die Verteilung des Lichtes eine wichtige Rolle, ebenso die unterschiedlichen Beleuchtungszyklen und -arten.
Die Lichtführung ist entscheidend, die Frage, was ist hell und was ist dunkel. «Es ist wie in unserer Wohnung», sagt Keller, «da ist auch nicht alles gleichmässig ausgeleuchtet, es gibt die Leselampe, und darum gibt es Schatten.» Bei der  Gestaltung des abendlichen und nächtlichen Stadtraums müsste man sich fragen,
wo kann es hell, wo dämmrig sein, welche Beleuchtungssituation ist für uns behaglich. Zum Licht gehört der Schatten, verschwindet er aus der abendlichen Stadt, verschwinden deren Konturen. Keller arbeitet mit diesen Konturen und erzählt: «Einmal machte ich etwas «Verbotenes » in St.Gallen. Ich bestrahlte die Stiftsbibliothek, ein sehr schönes, einfaches Barockgebäude, sachte aus dem Boden.
Dies ist heute kaum mehr möglich – da Leuchten aus Gründen der  Lichtverschmutzung nicht von unten in den Himmel strahlen dürfen.» Für die Fassade der Bibliothek sei es jedoch die richtige Beleuchtung. Für Keller ein weiterer Beleg, das generelle Verbote nicht der richtige Weg sind. Würde in den Innenstädten mit wenig und bewusst gesetzten Beleuchtungen operiert, dann wäre viel mehr erreicht als mit pauschalen Geboten und Verboten.
Überhaupt sei weniger oftmals mehr. Eine ganz wunderbare Beleuchtung ist für Keller – der im vergangenen Jahr die Innenbeleuchtung der St.Galler Stiftskirche neu gestaltet hat – das Licht, das durch Fenster in den Stadtraum fällt. Bei der Stiftskirche erzählen die hellen Fenster etwas über ihr Inneres. Die Beleuchtung dagegen, die vielerorts bei Nacht Kirchenfassaden überstrahlt, lässt die Fenster dunkel und schweigend.
Fenster seien aber extrem wichtig, sagt Keller. Sie zeigten den Tagesverlauf des Hauses im Aussenraum und erzählten die Geschichten der Bewohner. Werde der Raum überblendet, dann seien diese Geschichten nicht lesbar und der nächtliche Stadtraum verliere an Kontur. Dabei ist Lichtplaner Keller überzeugt: «Beleuchtung kann auch überraschen und bezaubern» und kommt auf seine Eingangsfeststellung zurück: «All diese Fragen haben mit Gestaltung zu tun und nicht mit  Beleuchtungsstärken.»

 

Bilder: Benjamin Manser

Die Dorfbeiz wird zum Kleinod

Über viele Generationen bot das Gasthaus Rössle  den Bewohnern von Mauren einen Begegnungsort im Dorfkern. Nach umfassenden Sanierungs- und  Umbaumassnahmen wurde das Gebäude als  Kulturhaus wieder für die Bevölkerung geöffnet.

16.12.2017 von Tina Mott

Die Türklinke aus Gusseisen liegt schlank und kühl in  der Hand. Der Besucher senkt leicht den Kopf und tritt  über die Schwelle. Ein harziger Geruch von frisch  gewischtem Holz steigt in die Nase, unter den Schritten  knarrt leise das matt gebohnerte Parkett im  Fischgratverband. Zu behaupten, die Gaststube wirke, als sei die Zeit stehen geblieben, wäre ein Klischee, und  doch birgt sie den Zauber einer Welt von gestern. Die  Proportionen des Raumes und seiner Ausstattung sind etwas kleiner und zierlicher gedacht, als wir sie von den  Objekten der heutigen Zeit kennen. Hier wurde  vieles von Hand gefertigt. Die Spuren der traditionellen Arbeitsweisen treten als feine Pinselstriche im Lack oder winzige ovale Lufteinschlüsse im Fensterglas in Erscheinung.
«Das ‹Rössle› ist ein Haus voller Geschichten, es regt die Menschen zum Erzählen an.» Elisabeth Huppmann arbeitet als Kulturbeauftragte der Gemeinde Mauren in Liechtenstein und leitet seit der Eröffnung vor drei Jahren den Betrieb im revitalisierten Gebäude. «Das ist auch heute noch so. Nach unseren Veranstaltungen bleiben die Gäste aus dem Dorf gern in den Stuben sitzen und erzählen Geschichten über diesen Ort. Gerade die ältere Generation hat hier ja auch viel erlebt.»
Im Dorfkern etwas oberhalb der Kirche wurde die Wirtschaft «Zum weissen Rösslein» 1833 erbaut und bereits einige Jahre später durch einen Anbau ergänzt. Die Einheimischen kamen dort am Sonntag nach der Messe zusammen oder trafen sich zum Kartenspielen in den Stuben. Viele haben Hochzeiten und Taufen im Saal gefeiert, hier wurden Theater gespielt und Tanzabende veranstaltet. Das Gasthaus war über viele Jahrzehnte der Ort in Mauren, an dem das rege Gemeinschafts und Vereinsleben des Dorfes stattfand und wird nun in dieser Tradition als Kulturhaus für das heimische Publikum weitergeführt. Seit Januar 2015 bietet das «Rössle» ein abwechslungsreiches Programm für die Menschen der Region, von Konzerten, Vorträgen, Theatervorstellungen und Ausstellungen bis hin zum monatlich stattfindenden Maurer Literaturcafé oder einem Jassturnier für Senioren. Zudem kann einmal im Jahr jeder der mehr als 60 Ortsvereine eine Veranstaltungsstätte der Gemeinde gratis nutzen, und auch hier wird das vielfältig bespielbare Haus gern gebucht. Dabei stand das Gebäude im Jahr 2008 knapp davor, abgerissen zu werden. Eine offizielle Abbruchbewilligung durch das Hochbauamt war bereits unterzeichnet.
Die letzte Wirtin musste 1998 in Pension gehen, ohne  einen Nachfolger zu finden. Nachdem sie zehn Jahre in dem leeren, baufälligen Haus gelebt hatte, entschloss sich die Familie schweren Herzens für einen Neubau. In diesem Rahmen fanden Begehungen der Altsubstanz statt, wodurch das Interesse der Öffentlichkeit geweckt wurde. Nun schlossen sich Vertreter des Ressorts Kultur, der Denkmalpflege und der Gemeinde kurzfristig zu einer Arbeitsgruppe zusammen, um die Erhaltungswürdigkeit des Gebäudes zu prüfen und gegebenenfalls auch eine Nachnutzung anzudenken. Auf Grund der Baustruktur des Gastbetriebes mit Saal und Bühne lag die Idee eines Kulturhauses bereits nahe. Das grosse Problem war aber der schlechte bauliche Zustand des Treppenhauses und der Sanitäranlagen.
Nachdem das Vaduzer Architekturbüro Kaundbe eine umfassende Sanierungsstudie ausgearbeitet hatte, signalisierte die Denkmalpflege im Jahr 2009 ihre Absicht, das Haus unter Schutz zu stellen, und die Gemeinde erwarb die Liegenschaft. Als sich das Land nach dem Regierungswechsel zwei Jahre später aber aus der Finanzierung zurückzog, wäre das Projekt beinahe noch gekippt. Doch an diesem Punkt zeigte sich, wie sehr die Bewohner von Mauren hinter ihrem «Rössle» standen. Ein privater Verein, dessen Zweck darin bestand, die Sanierung und Erhaltung des Hauses zu unterstützen, konnte rund eine Million Franken an Spendengeldern sammeln. «Es galt, den Menschen das Konzept näherzubringen und sie für unsere Ideen zu begeistern. Jeder gab, so viel er konnte. Wir waren für alle Beiträge dankbar, von kleineren Zuwendungen einzelner Dorfbewohner bis hin zu grossen Summen wohlhabender Mäzene», erklärt Walburga Matt, die sich damals als Präsidentin von «Pro Rössle» engagierte und die Kulturkommission der Gemeinde leitete.
Im März 2013 erfolgte dann der Spatenstich und das Konzept der Architekten konnte umgesetzt werden. Zwischen der Scheune und dem ehemaligen Gasthaus wurde ein neuer Erschliessungs- und Infrastrukturkern realisiert, der den denkmalgeschützten Altbau weitgehend frei von technischen Einbauten halten sollte. Als der Rohbau gegen Ende des Jahres fertiggestellt war, konnte mit den eigentlichen Sanierungsarbeiten am Dach, an der Fassade und im Inneren begonnen werden. «Diese Baustelle war bestimmt nicht einfach. Immer wieder wurden Fragen aufgeworfen, die neue Ansätze und Denkweisen herausforderten. Die Handwerker und Restauratoren mussten sehr behutsam vorgehen und wussten eigentlich nie, worauf sie stossen würden, wenn sie in dem alten Gemäuer arbeiteten», erinnert sich Huppmann.

Baugeschichtliche Schätze wären verloren gegangen

Die Bewohner von Mauren schauten immer wieder auf der Baustelle vorbei und zeigten grosses Interesse an den Arbeitsfortschritten im «Rössle». Viele Bürger waren überrascht, zu was für einem Kleinod sich ihre ehemalige Dorfbeiz mauserte, und so manchem wurde erst im Nachhinein bewusst, welche baugeschichtlichen Schätze durch den Abbruch verloren gegangen wären. Doch mit der überlieferten Bausubstanz wäre nicht nur materielles Kulturerbe zerstört worden, denn auch ideelle Werte einer Gemeinschaft zerfallen mit den alten Mauern. Elisabeth Huppmann bringt diese prekäre Entwicklung auf den Punkt: «Wenn ein historisches Gebäude im Dorfkern abgerissen wird, verschwindet ja nicht nur ein Haus. Es verschwindet ein Teil des Dorfbildes und mit ihm viele Erinnerungen und Geschichten. Eigentlich geht immer ein Stück Identität verloren.»

Bilder: Michael Zanghellini

Wenn der Dorfbach das Korsett sprengt

In vielen Gemeinden belebt ein Bach das Stadtbild. Heute erfordern extremer werdende Niederschlagsereignisse, wie sie Altstätten 2014 erlebt hat, Massnahmen. Hochwasserschutz und Stadtbild – ein Widerspruch?

03.02.2018 von Andrea Wiegelmann

In seine Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» schreibt Max Frisch: «Katastrophen kennt  allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.» Frisch erinnert uns daran, dass sich die Natur stetig verändert. Auch  Überschwemmungen sind ein natürliches Ereignis
solcher Veränderungen; dass sie zu Katastrophen werden, ist oft vom Menschen selbst verschuldet. Die Schäden etwa, die durch die grossen überregionalen Hochwasser von 1987 entstanden sind, sind auch Ergebnis einer intensiven Siedlungsentwicklung. Verschärft durch einen von der Industrialisierung geprägten Umgang mit der Landschaft: Flüsse wurden kanalisiert und begradigt, Bäche eingefasst oder überdeckt, Bauzonen in Überschwemmungsgebiete ausgedehnt. Doch was bedeutet Hochwasserschutz im Dorf oder der Stadt? In Altstätten hat die Gemeinde nach den verheerenden Überschwemmungen 2014 Sofortmassnahmen beim Brendenbach und Stadtbach zur Erhöhung des Hochwasserschutzes im Stadtgebiet umgesetzt und ein Frühwarnsystem eingerichtet. Entlang des Stadtbachs wurden zur Erhöhung seiner Abflusskapazitäten etwa Fussgängerbrücken entfernt, das Ufer mittels Bretterwänden erhöht und die Brücken mit Schwenktoren überströmbar gemacht. Bei diesen provisorischen Massnahmen steht der Schutz im Vordergrund. Derzeit sind Schutzprojekte für die unterschiedlichen Bachläufe in Arbeit, mit ersten Ergebnissen ist in diesem Frühjahr zu rechnen.
Die Herausforderung wird sein, die Bachläufe weiterhin im Stadtbild erlebbar zu belassen. Denn Massnahmen zum  Hochwasserschutz verändern die Gestalt des Stadtbildes und durch Schutzmauern, Ufererhöhungen oder  Querschnittserweiterungen des Bachbettes können Bäche auch unzugänglich werden. Der Hochwasserschutz läuft immer auch Gefahr, die technischen Aspekte in den Vordergrund zu stellen: Jeder von uns kennt das Bild spielender Kinder in gemächlich rinnenden Bachläufen. Geht es um Hochwasserschutz, ist das Bild vom Bach ein völlig anderes. Dabei gilt es beide Bilder zusammenzudenken.

Dass Schutzeinrichtungen nicht zu Barrieren werden, ist keine einfache Aufgabe. Zwar gibt es inzwischen für die Schweiz Gefahrenkarten und die Gewässerschutzgesetzgebung von 2011 definiert den Gewässerraum und die natürlichen Gewässerfunktionen. Doch wie können diese Vorgaben in dicht besiedelten Gebieten umgesetzt werden?

Klare Leitplanken für den Hochwasserschutz

«Heute gibt es für den Hochwasserschutz und die ökologischen Anforderungen klare Leitplanken,  jedoch berücksichtigen diese die gestalterische und siedlungsgerechte Umsetzung oft zu wenig», bestätigt denn auch der Landschaftsarchitekt André Seippel aus Wettingen (AG). Die Frage, wie ökologische Aspekte und technische Anforderungen gelöst werden können, so dass auch für die Bevölkerung ein Mehrwert entstehe, müsse immer wieder neu beantwortet werden. Für grössere Siedlungen sei die Entwicklung eines übergeordneten Leitbilds für das Gewässernetz sinnvoll. «Man sollte für die jeweiligen Abschnitte eigene Gewässerbilder definieren, die im Kontext zu ihrem Umfeld stehen, die aber auch die Charakteristik des gesamten Gewässerlaufes nicht ausser Acht lassen», empfiehlt der Fachmann und erläutert am Beispiel des Dorfbachs im alten Dorfkern von Spreitenbach, wie dies aussehen kann.
Der Bach verlief seit Jahrzehnten kanalisiert in einem Betonkorsett, bis er bei einem Hochwasser  Anfang der 1990er-Jahre mit verheerenden Folgen für das Dorf und seine Bewohner über das Bachbett trat. Nach diesem Jahrhundertereignis suchte der Kanton nach Wegen für ein Schutzkonzept, das es ermöglichte, Extremhochwasser sicher abzuleiten. Dazu wurde ein Team aus Landschaftsarchitekten und Ingenieuren gebildet; Ziel war es, den Bach im Dorfkern erlebbar zu belassen und ihn gleichzeitig als Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere zu fördern.
Das alte Spreitenbach ist ein Strassendorf, seine Häuserzeilen und der Bachlauf prägen den Ortskern. Dieser Charakter sollte gewahrt werden. Eine Vergrösserung des Bachbetts, ein sogenannter Vollausbau, kam daher nicht in Frage. Man entschied sich für eine sogenannte Doppelstocklösung, bei der eine Entlastungsleitung unter das bestehende Bachbett gelegt wird. Ein Trennbauwerk am Ortseingang reguliert, dass bei Hochwasser nicht die volle Wassermenge durch das oberirdische  Bachbett fliesst.
Da die parallel laufende Strasse saniert werden musste, konnte die gesamte Strassen- und  Bachbettplanung über die ganze Strassenbreite, also von «Fassade zu Fassade», neu aufgesetzt werden. «Das ist jedoch nicht der Normalfall », merkt Seippel an, «in der Regel plant man sehr unterschiedliche Abschnitte oder gar nur einzelne Parzellen mit eigenen Anforderungen und Eigentumsverhältnissen; da hilft dann ein übergeordnetes Gewässerentwicklungskonzept.»

Wie mit Gewässern im Siedlungsraum umgehen?

In Spreitenbach konnte das Ortsbild gewahrt und der Bachlauf als Lebensraum erhalten werden. Um  solche Lösungen zu entwickeln, braucht es ein gemeinsames Engagement aller Beteiligten. Nachhaltiger Gewässer- und Hochwasserschutz ist dann erreicht, wenn wir lebendige und zugängliche Fluss- und Bachläufe in unseren Siedlungsgebieten bewahren.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Wohnen in Zeitzeugen

Eine der wesentlichen Bauaufgaben in der zweiten Hälfte des 20.  Jahrhunderts war die Schaffung von Wohnraum. Heute stellt sich den  Eigentümern die Frage nach der Sanierung. Dabei geht es auch um den Umgang mit unserer Kulturgeschichte.

16.12.2017 von Andrea Wiegelmann

In seinem Roman «Die unsichtbaren Städte» lässt Italo Calvino Marco Polo in einem Gespräch mit dem chinesischen Kaiser Kublai Khan erläutern: «Ich habe auch über ein Stadtmodell nachgedacht, von dem sich alle anderen ableiten lassen: Es ist eine Stadt, die nur aus Ausnahmen besteht, aus Besonderheiten und Widersprüchen.» Städte also, das impliziert Calvino, bestehen mehr aus Ausnahmen denn aus Regeln. Und wenn wir mit offenen Augen durch unsere Städte gehen, dann können wir diese Widersprüche auch sehen. Sie sind es, die unsere Städte lebendig halten. Für die Architektur ist das Ausbalancieren dieser Widersprüche gerade im Hinblick auf den Erhalt von Bauten oftmals schwierig, vor allem dann, wenn die betreffenden Bauten ein schlechtes Image haben. Dies gilt für die Bauten der Nachkriegszeit, insbesondere die Bauten der 1970er-Jahre.
Die Nachkriegsjahre waren geprägt von einem regelrechten Bauboom, gerade im Wohnbau. Dies hat auch das Bauen mit dem Material  befördert, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dank der  entwickelten Möglichkeiten der Vorfertigung und des rationalisierten Bauens massenhaft zum Einsatz kam – dem Beton. Entwickeln diese  Fassaden ihre Patina, gehen die Meinungen über deren Ästhetik weit  auseinander. Das Zeigen der rohen Materialität, der Stil der Zeit, wird in weiten Teilen unserer Bevölkerung als klobig und abweisend empfunden. Ganz anders bei Architekten, die Bauten des sogenannten  Brutalismus – so bezeichnet man den Stil dieser Zeit – werden heute in  Ausstellungen und Publikationen gewürdigt. Doch es geht hier um weit mehr als um die Frage, ob schön oder hässlich: Die Bauten der jüngeren Epochen sind Kulturdenkmäler, denn individuelle und kollektive  Erinnerungen stützen sich hauptsächlich auf Orte und Objekte und  damit auch auf zeitgenössische Bauten. Während dies bei einzelnen  Gebäuden, wie dem von Walter Förderer mit Rolf Georg Otto und Hans Zwimpfer realisierten Hauptgebäude der St.Galler Universität (1963), bewusst scheint, wird gerade der Wohnbau jener Zeit aus dem Fokus  verloren. Darunter gibt es jedoch einige Beispiele, deren städtebauliche  und bauliche Substanz herausragend ist und die als Zeitzeugen, als Teil der Geschichte einer Stadt, erhalten werden sollten: Die Siedlung an der Achslenstrasse in St.Gallen von Heinrich Graf ist eine davon.

Wachstum und Siedlungsplanung

In den 1970er-Jahren ist nicht nur die Schweizer Bevölkerung deutlich angewachsen, auch die Ansprüche an das Wohnen veränderten sich.  Angesichts des Bedarfs an Wohnraum wurden zugleich Möglichkeiten  des verdichteten Bauens attraktiv. Eine der bekanntesten Terrassensiedlungen an Hanglagen ist die Siedlung Halen (1961) bei Bern von Atelier 5. Eine weitere Form, diesem Anspruch gerecht zu werden, waren vertikal verdichtete Bauten, Wohnhochhäuser. Im Gegensatz zu den rigiden und klaren Siedlungsstrukturen anderer Epochen, wie etwa den Blockrandbebauungen der Gründerzeit, sind diese Wohnquartiere freie städtebauliche Kompositionen –  Stadtlandschaften. Häuser, Strassen, Wege und Grünräume formulieren ein Ensemble, das aus dem Miteinander dieser Bestandteile lebt.
Auch die Siedlung Achslenstrasse, errichtet ab Mitte der 1960er- und bis  in die 1970er-Jahre, folgt diesen Parametern. Heinrich Graf hat es verstanden, durch die Kombination von Zeilenbauten und Hochhäusern die Masse des Bauvolumens geschickt auf dem Areal zu verteilen. Die Anlage besteht aus vier Wohnhochhäusern und sechs Zeilen. Das Hochhaus zitiert mit seinem aufgefächerten Volumen das Wohnhochhaus Salute in Stuttgart (1963) von Hans Scharoun. Die drei zurückgesetzten und auf einem Sockel mit Garagen und Ladenflächen errichteten hinteren Wohnhochhäuser mit ihren Vorsprüngen in den oberen Geschossen erinnern an die Torre Velasca in Mailand (1958) von BBPR.
Die unterschiedlichen Wohnbauten bilden eine stimmige städtebauliche Anlage. Während die Zeilenbauten sehr schlicht gehalten und wenig spezifisch sind, fallen die Differenzierung der Fassaden und die Variation der Grundrisse bei den Hochhäusern umso mehr auf. Sie geht deutlich über die heute üblichen Standards im Wohnbau hinaus, die  oftmals den immer gleichen Gebäudetyp mit der immer gleichen  Fassadengliederung in einfallslosen Platzierungen auf Grundstücken und Arealen repetieren.

Erweiterter Denkmalbegriff

Die Siedlung an der Achslenstrasse ist inzwischen in die Jahre gekommen und es stellt sich die Frage nach einer massvollen Instandsetzung, die den Bewohnern und Eigentümern – die Wohnungen sind in Stockwerkeigentum vergeben – einerseits einen zeitgemässen Komfort gewährleistet und andererseits die Bauten in ihrem Ausdruck und ihrer Komposition erhalten können.
Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege anerkennt in ihren Leitsätzen, dass die «Existenz des Denkmals in seiner möglichst vollständigen überlieferten Materie mit all ihren Zeitspuren» eine wesentliche Voraussetzung für das Erkennen seiner Qualitäten ist. Im Falle von Siedlungen wie der Achslenstrasse müsste der Denkmalbegriff auf das gesamte Ensemble ausgeweitet werden. Denn erst aus dem Zusammenspiel der Bauten mit ihrem Umfeld ergeben sich ihre Zeugnisqualitäten.
Ein solcher Denkmalbegriff wie auch eine mögliche damit verknüpfte Förderung von Instandsetzungsmassnahmen müsste eben diese «immateriellen» Aspekte solcher Stadtlandschaften berücksichtigen.
Nur so wird es möglich sein, die Wohnquartiere jener Zeit gesamthaft
zu erhalten. Die Stadt, die aus einem solchen Verständnis erwachsen kann, ist eine, die mit ihrer Geschichte wächst, mit ihren Ausnahmen, Besonderheiten und Widersprüchen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Ein Bienenhaus ganz aus Beton

«Das Trösch» ist ein Treffpunkt für Menschen aller Generationen und Kulturen. Dank eines  Studienauftrags wurde ein Mehrwert für das  Begegnungszentrum im Zentrum von Kreuzlingen geschaffen.

25.11.2017 von Tina Mott

«Die Menschen merken einfach, dass sie hier  willkommen sind.» Monika und Christof Roell sitzen an  einem der Holztische in der sonnigen Cafeteria des  Begegnungszentrums «Das Trösch» und nicken einer  Gruppe tamilischer Mütter zu. Der helle und offene  Raum hat sich mit lebhaft plaudernden und lachenden Besuchern gefüllt, an diesem Ort scheint es wenig   Berührungsängste zu geben. «Wir sind sehr glücklich  darüber, wie gut das Haus in der Stadt angenommen wird. Im ersten halben Jahr fanden bereits 300  Veranstaltungen statt. Ich glaube, das liegt nicht zuletzt  daran, dass das Gebäude  so freundlich und einladend geworden ist», erzählt der Gastgeber.
Im Sommer 2013 kauften die Geschwister ein  Grundstück mit bestehender Liegenschaft an der  Hauptstrasse von Kreuzlingen. Hier wollten sie einen Ort schaffen, welcher der Begegnung und dem Austausch der Menschen aus der Region dient – ein  Treffpunkt für alle Generationen und Kulturen im Zentrum der Stadt. Das Gebäude sollte für verschiedene Nutzergruppen eingerichtet werden, nur eine  gewerbliche Verwendung wurde ausgeschlossen. «Wir konzipierten Räume für Vereine, Beratungsstellen und soziale Organisationen, für anlassbezogene  Veranstaltungen wie auch für die Öffentlichkeit.  Eigentlich war unsere Idee, «ein Bienenhaus zu bauen», schmunzelt Monika Roell.

Lösung über einen Studienauftrag entwickeln

Nach eingehender Beratung mit dem lokalen Architekten Andreas Imhof trafen sie die  Entscheidung,  das Projekt mittels eines  Studienauftrags zu entwickeln. Diese Beschaffungsform von Planerleistungen ist darauf ausgerichtet, die  qualitativ beste Lösung für eine architektonische Aufgabenstellung zu finden, und nicht die  vordergründig günstigste. Wenn in Betracht gezogen  wird, dass über die gesamte Nutzungsdauer eines Gebäudes die Planungskosten im Vergleich zu den Folgekosten gering sind, lohnt sich dieser  Mehraufwand an Zeit und finanziellen Mitteln in der  Ausschreibungsphase auch wirtschaftlich. Denn die sorgfältig abgewogenen Entscheidungen einer  unabhängigen Expertenjury berücksichtigen nicht nur  die Gestaltung, sondern auch die Erstellungs-, Unterhalts- und Rückbaukosten. Im Gegensatz zu  einem anonym durchgeführten Projektwettbewerb eignet sich das Verfahren für Prozesse, bei denen der  Dialog zwischen den Beteiligten notwendig ist oder erst noch die Rahmenbedingungen festgelegt werden müssen. In diesem Fall galt es, die zentrale Frage zu beurteilen, ob der Bestand ersetzt werden konnte.
Die Vertreter der Denkmalpflege zeigten sich skeptisch  gegenüber der Idee eines Neubaus, waren aber damit einverstanden, die Situation durch den Studienauftrag klären zu lassen.

Das Raumprogramm prozesshaft entwickeln

Andreas Imhof wurde mit der Vorbereitung und  Begleitung des Verfahrens betraut. Er prüfte die  Bebaubarkeit des Grundstücks und traf Abklärungen  mit den Besitzern der Nachbarparzellen sowie Vertretern der Stadt. Die Erkenntnisse fasste er in  einem Bericht an die Bauherrschaft zusammen, der als  Grundlage für das Wettbewerbsprogramm diente. Dieses wurde nach der Zusammenstellung der Jury  nochmals intensiv diskutiert und entsprechend  angepasst. Schliesslich folgte die Einladung von fünf renommierten Schweizer Architekturbüros, am  Studienauftrag teilzunehmen.
«Für uns war es sehr wichtig, einen Architekten zu  finden, der sich mit der Idee und dem Konzept  auseinandersetzte. Er musste auch mit der Situation umgehen, dass wir in dieser Phase die Nutzung noch nicht im Detail definieren konnten. Uns war bewusst,  dass die Entwicklung  dieses Gebäudes ein Prozess
werden würde, insbesondere die Festlegung des Raumprogramms,» reflektiert Christof Roell. Bereits bei der Zwischenbesprechung zeigte sich die erwartete Vielfalt an qualitätsvollen Projekten, die von der Jury dementsprechend kontrovers diskutiert wurden. Nach der Schlusspräsentation fällten die Experten jedoch eine einstimmige Entscheidung für den Entwurf des  Ostschweizer Architekten Beat Consoni, der mit einem sensibel gesetzten Baukörper aus hellem Sichtbeton überzeugen konnte. Das Projekt entfaltete sich aus verschiedenen Massstäben, sowohl aus dem  städtebaulichen und  historischen Kontext wie auch aus dem gemeinsam festgelegten Raumprogramm. Um die Durchlässigkeit im Stadtzentrum zu fördern, wurde ein Durchgang zwischen der Hauptstrasse und der  Sonnenstrasse auf dem privaten Grundstück  geschaffen. Von hier erschliesst sich das Gebäude und öffnet sich zu einem lichten Foyer, das die Cafeteria mit  dem grossen Saal verbindet. Eine gut ausgestattete  Küche kann beide Räume unabhängig voneinander bedienen und wird bei Veranstaltungen genutzt. Die  zweiläufige Treppe im Kern des Hauses führt nicht nur zu den Vereinsräumen, Büros und zwei kleinen Wohnungen in den Obergeschossen, sondern erschliesst auch eine grosszügige öffentlich zugängliche Dachterrasse, die der Architekt als stadträumliche  Erweiterung versteht. Im Schnitt prägt eine schlanke  vertikale Öffnung das Gebäude, die Licht in das Innere leitet und Sichtverbindungen schafft. Sie macht den Baukörper trotz seiner verschiedenartigen Räume als  Ganzes erlebbar. Das statische Konzept ist auf eine  flexible Nutzung ausgelegt.
Die statische Stabilität wird hauptsächlich durch die Aussenwände und den Treppenkern gewährleistet,  wodurch eine grosse Variabilität der Raumaufteilung gewährleistet werden kann. «Die grosse  Herausforderung bestand darin, ein programmatisch  neues Thema städtebaulich zu integrieren und zu einer architektonischen Gesamtform zu entwickeln. Unsere Zusammenarbeit war ein Experiment, ein Herantasten  von beiden Seiten», beschreibt Beat Consoni den gemeinsamen Weg mit den Bauherren.

Das richtige Haus für diesen Ort

«Wir hatten den Wunsch, städtebaulich, funktional und gestalterisch das richtige Haus für diesen Ort zu  bauen», erklärt Monika Roell abschliessend. «Ein  Gebäude, das seinen eigenen Charakter hat und sich trotzdem anpasst, eine Ergänzung ist und vielleicht  sogar ein Wegweiser dafür, was in Zukunft an der  Hauptstrasse gebaut werden wird. Denn wir möchten hier Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen  Bereichen anlocken – und das ist nicht so einfach.»

 

Bilder: Barbara Schwager/Lichtschein

Badestelle wird zum Familienplatz

Landschaftsarchitektur | Kleine gezielte Eingriffe verwandeln einen Badeplatz am Gübsensee in einen attraktiven Aufenthaltsort.
Damit er funktioniert, war die Einbindung aller Beteiligten in den Gestaltungsprozess Voraussetzung.

21.10.2017 von Andrea Wiegelmann

In unseren Städten und stadtnahen Regionen sind  die Naherholungsgebiete einem immer stärkeren  Nutzungsdruck unterworfen. Ob Spaziergänger,  Jogger, Velofahrer, spielende Kinder, Familien auf Ausflug – wir alle verbringen einen Teil unserer  Freizeit in den Grünräumen in und rund um unsere Städte. Vitaparcours, Bike Parks, Wanderwege,  Schlittelstrecken, Rastplätze und Restaurants zeugen von der intensiven Nutzung von Parkanlagen und stadtnahen Grünräumen. Dabei stellt sich  oftmals die Frage nach der Balance zwischen den Angeboten für die unterschiedlichen  Interessengruppen und den Bedürfnissen der Anwohner.
Bei der Planung solcher Einrichtungen gilt es daher, zwischen unterschiedlichen Ansprüchen zu  verhandeln und auch Verständnis für die Position des Gegenübers zu schaffen. Im Hinblick auf die Frage, wie viel Angebot nötig ist, ist der 2015  realisierte Familienplatz Gübsensee beachtenswert, weil sowohl seine Gestaltung als auch das Verfahren beispielhaft für vergleichbare Vorhaben stehen können.

Der neu geschaffene Familienplatz
Nur zwei S-Bahnstationen vom St.Galler Hauptbahnhof entfernt liegt der Gübsensee im Westen der Stadt. Der Stausee, der Ende des 19.  Jahrhunderts entstand, dient seither dem Kraftwerk Kubel zur Energiegewinnung. Kurze Zeit später  wurde die umgebende Landschaft zum  Naturschutzgebiet. Von dieser Situation profitieren die Besucher des Sees bis heute. Für die  angrenzenden St.Galler Quartiere ist er beliebtes  Naherholungsgebiet.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war der  Gübsensee auch eines der vier Testgebiete des Projekts «Landschaft für eine Stunde» der Region St.Gallen-Appenzell AR-Bodensee, das das Potenzial  von Übergangsräumen zwischen  Siedlungen und offener Landschaft anhand von Fallbeispielen untersuchte. Die Gestaltung des  Familienplatzes  war in das Projekt eingebunden. Der Platz liegt an der Nordseite des Sees vom Weg  abgegrenzt durch eine niedrige Hecke und öffnet  sich zwischen den Bäumen zum Wasser. Markantes  Element ist eine im Kreisrund angelegte hölzerne  Sitzbank, die am Zugang zum Platz den Besucher  empfängt und mit ihrer Kreisform sinnbildlich als kommunikatives Zentrum des Platzes steht. Zentral  liegen auch die beiden Grillstellen, Holz fürs  Grillieren liegt in Boxen parat. Ein  überdimensionales hölzernes Vogelnest zum Spielen  für Kleinkinder, ein Badesteg und  Bewegungselemente ergänzen das Angebot, zudem steht hinter einem Sichtschutz versteckt eine  Toilette.
Die Platzgestaltung und ihre Möblierung, die heute so selbstverständlich  steht und Raum bietet für  unterschiedliche Besuchergruppen, stammt vom Ostschweizer Landschaftsarchitekturbüro Kollektiv  Nordost. «Es war ein grosser Wunsch, den Platz  auch für Familien attraktiv zu gestalten, daher  haben wir bewusst etwas für kleine Kinder entworfen», so Roman Häne, der neben Silvio Spieler für die Planung und Umsetzung beim  Kollektiv Nordost verantwortlich zeichnet. Man  setzt sich gerne hin und schaut aufs Wasser – der  Platz ist offen und das Angebot für jeden geeignet. Gleichzeitig bleibt der Ort am See auf eine gewisse Weise unspektakulär, ohne grosse Infrastruktur. Einzig das für die Grillstellen bereitgestellte Holz  und die Toilette sind Serviceangebote an die Nutzer. Mit der Gestaltung des Familienplatzes gelingt die  Balance zwischen den Ansprüchen an ein  Freizeitangebot und den an einen möglichst wenig  gestalteten Aufenthalts- und Badebereich am See.

Gestaltung als Prozess
Das Kollektiv Nordost war zunächst von der Ortsbürgergemeinde beauftragt, die bestehende  Badestelle attraktiver zu gestalten. Anlass war, so  Silvio Spieler, der Wunsch nach Neubelebung des bis anhin vernachlässigten Ortes. Der lag hinter  einer hohen Hecke vom Weg abgegrenzt und war,  als «Partyplatz » gebraucht und zugemüllt, für Nutzer, Anwohner und Eigentümer zuletzt eine  Belastung. Im Rahmen von «Landschaft für eine  Stunde» wurde als Ziel formuliert, mit der  Neugestaltung den Platz auch für Familien attraktiv zu machen, für sie gab es bis anhin wenig Angebote.  Zudem, auch das war entscheidend, sollte eine  einfache Pflege möglich sein. «Die sorgfältige  Gestaltung eines Ortes kann dazu beitragen, dass die Bevölkerung Sorge trägt, gerade dann, wenn sie  eingebunden ist», erklärt Silvio Spieler. «Wir  wollten mit der Gestaltung zwischen den  Interessengruppen vermitteln, ein Angebot schaffen, das auch die Kommunikation  untereinander fördern kann», ergänzt sein Partner  Roman Häne. Dennoch reagierten gerade die  Anwohner zunächst auch mit Sorge auf die neue  Gestaltung. Eine grössere Attraktivität führe auch zu mehr Belästigungen, so ihre Bedenken. Daher  wurden mit der Fertigstellung des Familienplatzes  Gefässe geschaffen, über die es möglich war,  Wünsche und Fragen zu äussern. «Es ist wichtig, die Bevölkerung und die Nutzer einzubinden, um  Akzeptanz zu schaffen und auch Verständnis für die Positionen des Gegenübers», sagt Sabina Ruff vom  kantonalen Amt für Gesundheitsvorsorge, die den Mitwirkungsprozess initiierte. Mit der Eröffnung  des Platzes im Sommer 2015 wurde beispielsweise  eine «Krizzelbox» installiert mit dem Ziel, Kommentare und Anregungen aufzunehmen. «Die Möglichkeit wurde rege genutzt – sie zeigt, wie gross  das Interesse an einem Austausch ist», so Ruff weiter. So könne man sicherstellen, dass der Familienplatz auch langfristig von allen akzeptiert  und gut genutzt werde.
Das Konzept zum Familienplatz Gübsensee scheint aufgegangen zu sein.  Freilich gibt es noch unzählige weitere Wünsche an ein mögliches Nutzungsangebot, das hat die «Krizzelbox» gezeigt. Doch gerade in der Beschränkung auf
eine einfache Möblierung liegt die Qualität, die den Platzcharakter bewahrt, der Lage am See gerecht  wird und gleichzeitig unterschiedlichste Nutzungen erlaubt. Diese Balance gilt es zu finden, immer wieder neu.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Handwerklich gedacht, digital gefertigt

Nach der Sanierung und Erweiterung von Schloss Werdenberg ergänzt ein Pavillon die Anlage. Die denkmalpflegerisch anspruchsvolle Arbeit wurde nach traditioneller Zimmermannskunst geplant und durch zeitgenössische Technologien umgesetzt.

07.10.2017 von Tina Mott

Im klaren See spiegeln sich die fein gearbeiteten Holzfassaden des mittelalterlichen Städtchens, über  dem weich schattierten Grün der Weinberge erhebt sich die Burg mit dem mächtigen Bergfried. Was auf den  ersten Blick nach einer Postkartenidylle anmutet, ist  eines der bedeutendsten historischen Ensembles der Region und wird als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft.
«Wegen des besonderen Status der Burganlage als hochkarätiges Schutzobjekt bildete sich ein grosses  Planungsteam aus diversen Gremien», erklärt der Architekt Johannes Brunner die Ausgangssituation. «Unser Büro wurde zuerst damit beauftragt,  verschiedene Studien zu spezifischen Themen zu erarbeiten. Darauf aufbauend versuchten wir dann gemeinsam auszuloten, welche baulichen Massnahmen  erforderlich und sinnvoll wären.»
Das Architekturbüro BBK aus Balzers begleitete die Arbeiten rund um das Schloss bereits seit einigen  Jahren und wuchs so in die anspruchsvolle Aufgabe hinein. Im Lauf der Zeit kristallisierten sich schliesslich die einzelnen Projektbereiche heraus. Im Schloss  wurden die Instandsetzung der Tragelemente, die Erneuerung der elektrischen Anlagen und des gesamten Brandschutzsystems sowie der Rückbau verschiedener  Einbauten aus jüngerer Zeit durchgeführt. Eine besondere Herausforderung für das Architektenteam  stellte jedoch der Entwurf eines ergänzenden Pavillons dar, der durch das erweiterte Raumprogramm notwendig geworden war.
«Beim Neubau haben wir lange nachgedacht, um den  richtigen Ansatz zu finden. Da sagt doch jeder, das ist eine tolle Aufgabe. Aber es war wirklich nicht einfach»,  sagt Johannes Brunner. Im Lauf des Planungsprozesses  zeigte sich, dass die infrastrukturellen Nutzungen in einem bestehenden Nebengebäude untergebracht  werden konnten. Doch für die Bedürfnisse der  Museumsbesucher wollte eine neue Struktur geschaffen werden. Der vorgesehene Bauplatz lag in einer  Mauernische des Schlosshofes, daher waren die  räumlichen Ressourcen knapp. Zudem musste das  Gebäude verschiedene Funktionen als Empfangsraum, Ticketshop, Bistro und Veranstaltungssaal erfüllen. Also  entschieden sich die Architekten nach sorgfältigen  Überlegungen für das Konzept des Einraumes.

Giebel hätte vom Tal zu viel Präsenz ausgestrahlt

Innerhalb des historisch bedeutsamen Ensembles sollte das neue Gebäude eine markante, gleichzeitig aber auch  diskrete Rolle einnehmen. Auf alten Stichen war zu   erkennen, dass am gegebenen Ort bis ins 19.  Jahrhundert ein murales Haus mit einem Satteldach  gestanden ist. Doch kein Mitglied des Planungsteams empfand es als befriedigende Lösung, dieses Bauwerk  nach Augenmass nachzubauen. Auch die Vertreter der  Denkmalpflege sprachen sich für eine Neukonzeption des Baukörpers aus und vertraten zudem den Wunsch  nach einem reversiblen Gebäude. Aus diesem Grund wurde das Material Holz angedacht, um die Struktur klar vom Bestand zu trennen. Da ein Giebel in der Ansicht vom Tal zu viel Präsenz im Ensemble  ausgestrahlt hätte, einigte man sich auf die Form eines Walmdaches, obwohl dieses im historischen Kontext eher repräsentativen Architekturen zugeordnet wird.
«Wir wollten, dass der Raum vom Dach atmosphärisch  geprägt wird. Der Dachstuhl sollte für das Gebäude  strukturgebend sein. Also haben wir die Architektur von oben nach unten gedacht, wie man sie ja eigentlich  denken sollte, da das dem Lastverlauf entspricht»,  erklärt der Architekt. Der bestehenden Geometrie der Schlossmauern folgend, musste der Pavillon fünfeckig  geplant werden, die Dachkonstruktion sollte aber ohne Stützen tragen, um den Innenraum freizuspielen. Die  Entwurfsarbeiten gestalteten sich als sehr komplex,  doch der Holzbauingenieur Rolf Bachofner stand dem  Planungsteam verlässlich zur Seite. Laut Johannes  Brunner trug er einen wesentlichen Anteil an den  Entwicklungen: «Nur Probleme zu lösen, interessierte uns nicht, denn es hätte technisch sehr viel einfachere  Strategien gegeben. Wir wollten eine in sich schlüssige Struktur schaffen. Der wunderbare barocke Dachstuhl des Schlosses diente uns als Inspirationsquelle.»

Kaum parallele Balken in der Struktur

So machte sich  das Team an die Planung eines Dachstuhles, der in  seiner Materialisierung, Konstruktionsweise und Verbindungstechnik traditioneller Zimmermannskunst entspricht, dessen komplexe Geometrie jedoch mit Hilfe  moderner Technologien berechnet und gefertigt wurde. Der fünfeckige Grundriss konnte in eine  viereckige Tischkonstruktion übersetzt werden, die ein  Auflager für die Sparren bildet. Um auf das alte Gemäuer keine Kräfte ableiten zu müssen, wurde ein ringsum laufender Gurt geplant, der den Schub des  Sprengwerks auffängt und auch die grossen Öffnungen des darunter gefügten Strickbaus ermöglicht. Da der  Pavillon an ein Nachbargrundstück anschliesst, konnte  das Dach nur an einer Stelle entwässert werden und  wurde nochmals verkippt, um Gefälle für die Traufen zu erhalten. Die Struktur weist daher kaum parallele  Balken auf und auch die Querschnitte sind nicht  rechteckig, sondern der geometrischen Struktur  entsprechend verzogen.

Jeder Knoten muss exakt sitzen

Durch parametrische  Planungswerkzeuge wurden dreidimensionale Modelle entwickelt, welche den Verlauf der Kräfte in der  Struktur repräsentierten. Diese Daten konnten auf  elektronisch gesteuerte CNC-Maschinen übertragen  werden, die mit hoher Präzision die gewünschten Bauteile aus Vollholzrohlingen frästen und bohrten. Alle  Balken der Dach- und Strickkonstruktion wurden mit ihren Verzapfungen und Bohrungen für die  Haustechnik im Werk hergestellt, verpackt, geliefert und vor Ort nach seitenlangen Positionslisten  zusammengefügt. Bei diesem Bauwerk gab es kaum Toleranzen, jede Verbindung musste passen, jeder  Knoten exakt sitzen.
«Die Strukturen und Verbindungen dieses Holzbaus  sind handwerklich gedacht, aber mit digitalen  Technologien gefertigt», resümiert der Architekt. «Wir wollten keine Ästhetik daraus machen, sondern die zeitgenössische Technik einfach dafür verwenden, Dinge herzustellen, von denen man uns jahrzehntelang erzählt hat, dass es nicht mehr geht. In der heutigen Zeit muss  man eben nicht mehr seriell produzieren, sondern kann wieder massgeschneidert bauen.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Der Wandel ist etwas Vertrautes

Der Gemeinderat und die Bevölkerung von  Lichtensteig haben in moderierten  Beteiligungsprozessen Strategien erarbeitet, um den Strukturwandel erfolgreich zu bewältigen. Nun  blicken sie den Herausforderungen der nächsten Jahre entgegen.

19.08.2017 von Tina Mott

«Die Zukunft ist nicht unbestimmt, wir wissen, wo wir in zehn Jahren stehen werden.» Stadtpräsident Mathias Müller ist einer der Impulsgeber und Gestalter
des bemerkenswerten Entwicklungsprozesses, den die knapp 1900 Einwohner zählende Toggenburger Gemeinde seit einigen Jahren durchläuft. «Das ist auch gar nicht so schwierig. Wir müssen unsere Ziele klar definieren, die Augen offen halten für neue Entwicklungen und entstehende Projekte begleiten, nicht den Bewohnern sagen, was sie machen sollen.»
Wie zahlreiche europäische Kleinstädte wurde auch Lichtensteig ab den 1980er-Jahren von den Folgen eines rasch fortschreitenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Strukturwandels stark beeinträchtigt. Das ehemalige Markt-, Verwaltungs- und Gerichtszentrum des Toggenburgs verlor zusehends an Finanzkraft und Bedeutung. Die traditionsreichen ortsansässigen Fabrikationsbetriebe wurden verkauft oder geschlossen, da durch globale Produktionsverlagerungen auch die Ostschweiz von einer starken Deindustrialisierungswelle erfasst wurde. Einzelhandel, Kleingewerbe und Gastronomie mussten durch das veränderte Konsumverhalten und die steigende Mobilität ihrer Kunden ebenso empfindliche Einbussen in Kauf nehmen. Die alteingesessenen Läden und Gastbetriebe in den Erdgeschossen der historischen Stadthäuser schlossen zusehends, Verödung und Leerstand machten sich breit.
«Fast allen stand das Wasser bis zum Hals», erklärt Müller. «Viele Jahre lang wurden keine neuen Impulse mehr gesetzt und dadurch entstand eine gefährliche Abwärtsspirale. Durch den Wegfall der Erdgeschossmieten sank der Wert der gesamten Liegenschaften, die Belastungen blieben aber gleich. Da nicht mehr investiert wurde, verschlechterte sich der Zustand der Wohnungen in den darüber liegenden Geschossen und die Mietpreise brachen ein. Da war es enorm wichtig, dass wir bei den Hausbesitzern das Vertrauen erwecken konnten, es lohne sich wieder, in der Altstadt zu investieren.»

Über der Kalberhalle entsteht ein Künstlerhaus
Diese Strategie scheint nachhaltig gefruchtet zu haben. Beim gemeinsamen Spaziergang durch den historischen Stadtkern überzeugen zahlreiche Baustellen und offensichtlich frisch renovierte und umgebaute Geschäftslokale, Wohnhäuser und auch Aussenräume. In der geschichtsträchtigen Kalberhalle wird ohrenbetäubend gewerkt, hier entsteht bis zum Herbst ein zeitgemäss ausgestatteter Kultur- und Begegnungsraum für die Bevölkerung. Das gesamte Gebäude soll jungen Kreativen aus der Region als Künstlerhaus zur Verfügung gestellt werden, sobald die Stadtverwaltung aus den darüber liegenden Räumlichkeiten in eine Nachbarliegenschaft umgezogen ist. Ein paar Schritte weiter wird im ehemaligen Postgebäude die Genossenschaft Village Office Einzug halten. Um Landflucht und Pendlerstress zu vermeiden, aber auch, weil man Innovations-Motoren wie Freelancern und Start-ups Platz bieten möchte, werden die ungenutzten Räume zu Coworking Spaces umgestaltet. In die sanierten Wohnhäuser sind inzwischen rund hundert neue Bewohner eingezogen, die leeren Erdgeschosse werden als Galerien und Ausstellungsflächen genutzt.
Nachdem im Jahr 2008 der Tiefpunkt erreicht worden war, entschloss sich die Stadtregierung noch unter Müllers Vorgänger zur Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Ortskernentwicklung Netzwerk Altstadt. Durch eine Stadtanalyse wurde eine fundierte Aussensicht der Situation geboten und es zeigte sich, dass Lichtensteig mit seinen Problemen nicht allein war. Liegenschaftsbesitzer konnten in der Folge zu günstigen Konditionen Gutachten zu Nutzungsstrategien und Entwicklungsmöglichkeiten ihres Hauses erstellen lassen und wurden bei strategischen Entscheidungen unterstützt.
Zudem schlossen sich Eigentümer und Anwohner zu moderierten Gassenclubs zusammen und erarbeiteten gemeinsame Strategien zu vereinbarten Themen. Aus diesen Interessengemeinschaften wurden dann Entwicklungsvorschläge an die Gemeinde herangetragen, die für die planungsrechtliche Sicherung, Finanzierung und Umsetzung verantwortlich zeichnete.

Prozess mit Bürgerbeteiligung angestossen
Nur wenige Monate nach seiner Wahlzum Stadtpräsidenten lud Mathias Müller die Bevölkerung von Lichtensteig zu einem umfassenden Beteiligungsprozess. 140 Einwohner nahmen im Jahr 2013 an dieser Zukunftskonferenz teil und bildeten im Anschluss daran zehn verschiedene Arbeitsgruppen. Vom Erwerb des Energiestadtlabels oder der Entwicklung des Seniorennetzwerkes 60+ bis hin zu baulichen Massnahmen, wie der Errichtung eines Holzschnitzel- Nahwärmeverbundes oder dem Neubau von zwei Spielplätzen, konnten inzwischen zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt werden. Die neu gegründete Weinbaugenossenschaft pflanzte im letzten Jahr einen ökologisch bewirtschafteten Rebberg als Erholungsort am Fuss der Altstadt und die Energiekommission arbeitet an einer gemeinschaftlich betriebenen Fotovoltaik-Anlage.
«Allein durch die Zahl und den Umfang der Projekte, die wir geplant und umgesetzt haben, wäre der Prozess ohne Bürgerbeteiligung in diesem Ausmass niemals möglich gewesen. Wir können nicht alles selber machen. Aber wir wollen die Menschen unterstützen, die Ideen haben und etwas umsetzen möchten», reflektiert der Stadtpräsident.
Aus den vielschichtigen Erkenntnissen, die in den letzten Jahren gesammelt werden konnten, entwickelte die Gemeinde nun die Strategie Mini.Stadt 2025. Eine gesunde Altersdurchmischung der Bevölkerung, die strategische Nutzung der Baulandreserven oder eine starke Einbindung in regionale Strukturen wurden zu wichtigen Zielsetzungen erklärt, an denen die Bewohner und ihre Stadtverwaltung in den nächsten Jahren konsequent und kontinuierlich weiterarbeiten möchten.
Mathias Müller ist zuversichtlich, dass Lichtensteig auch die kommenden Herausforderungen erfolgreich bewältigen wird: «Der Wandel ist etwas Vertrautes, er ist ein wichtiger Faktor unserer Arbeit. So, wie es früher war, wird es nicht mehr. Daher müssen wir uns bewusst werden, welche Stärken und Schwächen unsere Stadt aufweist und uns auf Basis dieser Erkenntnisse weiterentwickeln. Dafür benötigen wir Zusammenhalt, Gestaltungswillen, Durchhaltevermögen und wohl auch ein bisschen Mut.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Am eigenen Werk weiterbauen

Vierzig Jahre nach ihrem Bau wird die Berufsschule Weinfelden erweitert. Den Wettbewerb für den Neubau gewinnt das gleiche Architekturbüro wie damals. Eine einmalige Chance.

22.07.2017 von Caspar Schärer

Mit der Schlüsselübergabe ist der Auftrag für den Architekten, die Architektin abgeschlossen. Manchmal fällt der Abschied von einem Bauprojekt schwer, das sie womöglich über Jahre begleitet hat. Schlaflose Nächte, lange Sitzungen, aber auch überraschende Entdeckungen und schöne Erlebnisse – alles vorbei und Erinnerung. So weit der Normalfall. Von einem glücklichen Ausnahmefall soll aber hier die Rede sein. Ein Architekturbüro erhält fast vierzig Jahre nach der Vollendung eines grossen Baus die Gelegenheit, die Erweiterung gleich selber in die Hand zu nehmen. Es verfällt nicht in Nostalgie und sucht auch nicht den maximalen Kontrast, sondern stellt dem älteren Gebäude einfach ein neueres zur Seite. Beide bleiben eigenständig, es ist nicht einmal eindeutig eine gemeinsame architektonische Handschrift zu erkennen. Und doch ergänzen sich beide subtil zu einem Ganzen, das zusammengehört.

Kurt Huber war 26 Jahre alt, als er zusammen mit dem zehn Jahre älteren René Antoniol 1969 in Frauenfeld ein Architekturbüro gründete. Schon bald gewann das junge Büro Wettbewerbe und durfte mit Bauten sein Können unter Beweis stellen. 1973 gelangten Antoniol und Huber wieder über einen Architekturwettbewerb an ihren bisher grössten Auftrag: den Neubau der Berufsschule für kaufmännische und gewerbliche Berufe in Weinfelden. Bis 1978 stellten sie den markanten Gebäudekomplex fertig, später folgte noch ein Sporttrakt mit Turnhallen und einem Hallenbad. Das Berufsbildungszentrum steht im Weinfelder Südquartier direkt am Bahnhof. Es ist eindeutig als Bau seiner Zeit zu erkennen. Die dunkelroten Stahlfassaden wurden damals einfach gerne verwendet, gerade bei öffentlichen Bauten. Einen Kontrast zu den beiden längs gelagerten Schultrakten bilden die «stehenden » Versorgungselemente in Sichtbeton. Dem viergeschossigen Hauptbau vorgelagert ist ein niedrigeres Werkstattgebäude, dem die Architekten mit einem zentralen Oberlichtband einen industriellen Charakter verliehen – ein Bezug zum benachbarten Gleisfeld, das in den 1970er-Jahren noch nach Industrie roch.

Der architektonische Geist der 1970er-Jahre

Im «Scharnier» zwischen den beiden Trakten befindet sich die Treppenanlage, die in einer luftigen, von oben mit Tageslicht versorgten Eingangshalle steht. Auch hier ist er noch zu spüren, der architektonische Geist der 1970er-Jahre: das Treppenhaus als sozialer Ort, als Treffpunkt für junge Kaufleute und Handwerker; die knapp zwanzig Meter hohe, von Sonnenlicht bestrichene Sichtbacksteinwand; ganz allgemein die roh belassenen Materialien. Dass diese Haltung keineswegs zu einer kargen Architektur führen muss, zeigen alle Bauten von Antoniol + Huber, die sie seit 1969 erstellt haben. Das Büro entwickelte sich kontinuierlich über die Zeit, wurde grösser, blieb aber immer mit der Region verbunden. Zahlreiche öffentliche Bauten sind in diesem Atelier entworfen worden, so etwa das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen (1983), der Umbau des Eisenwerks in Frauenfeld (1991) – heute ein wichtiger Kultur- und Veranstaltungsort mit überregionaler Bedeutung – und die Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden (1997), eine Ikone der Technik- Architektur im Thurtal. Hinzu kommen etliche Primar-, Oberstufen-, Berufs- und Kantonsschulen in den Ostschweizer Kantonen.

Trotz dieses beachtlichen Oeuvres verloren die beiden Bürogründer nie den Boden unter den Füssen, sondern blieben die gleichen gewissenhaften und sorgfältigen Architekten, die sie von Anfang an waren. Sie regelten rechtzeitig ihre Nachfolge und überliessen die Geschäftsführung jüngeren Kräften. Kurt Huber schaut gelegentlich noch vorbei, René Antoniol ist im April 2017 im Alter von 83 Jahren verstorben. Heute leiten die Architekten Roland Wittmann und Sascha Mayer das Büro, das unter dem Namen Antoniol + Huber + Partner firmiert.

Architektur alleine ist nichts

Dass die Frauenfelder Architekten 2002 den offenen Projektwettbewerb für die Erweiterung des Berufsbildungszentrums in Weinfelden gewinnen konnten, ist vermutlich kein Zufall. Schliesslich kannten sie das Areal und die Bauherrschaft schon gut. Andererseits kann jedoch zu viel Vorwissen genauso gut einem frischen Entwurf im Wege stehen: Man hat schon alle Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. Offensichtlich gelang Antoniol + Huber + Partner der Spagat zwischen Erfahrung und Neuigkeit; 2007 konnte der Erweiterungsbau eröffnet werden.

Das Gebäude unterscheidet sich in vielem von seinem fast vierzig Jahre älteren Nachbar, aber einige Dinge sind eben auch gleich. So ist der Neubau ebenso viergeschossig und an den Haupttrakt gliedert sich wie schon beim Altbau ein niedrigerer Nebentrakt – hier ist es das so genannte Lebensmittelzentrum, die Ausbildungsstätte für Berufe wie Koch, Bäcker oder Confiseur. Als Gebäude ist auch die Erweiterung als Kind seiner Zeit erkennbar: weit gespannte Sichtbetonrahmen, in denen grosse Fensterflächen liegen; generell weniger Details und schärfer geschnittene Formen; weiterhin roh belassene Materialien, aber sie wirken heute edler. Alt- und Neubau können gut nebeneinander stehen und man könnte zum Schluss kommen, dass die jeweilige architektonische Sprache gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist, dass sich der Erweiterungsbau in das vom Altbau vorbestimmte Muster einfügt. Die beiden grossen Gebäude bilden einen Zwischenraum, dem die Architekten viel Aufmerksamkeit schenkten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Zwischenraum ist komplexer, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Gleich beim Bahnhof weitet er sich zu einem kleinen baumbestandenen Platz; weiter südlich kommen sich die Gebäude näher – genau hier sind die beiden Haupteingänge platziert. Danach öffnet sich der Raum wieder zu einem nach Süden ausgerichteten Platz, während die Nord- Süd-Achse durch den Sporttrakt weiterläuft, angedeutet durch einen verglasten Spalt zwischen Hallenbad und Turnhallen. Den Architekten ist damit etwas gelungen, das zu oft unterschätzt wird: Sie schaffen ein echtes Ensemble. Architektur alleine ist nichts. Erst die Zwischenräume betten Gebäude in einer Stadt, in einem grösseren Ganzen ein. Und wenn diese Städte in Zukunft verdichtet werden sollen, braucht es dafür sorgfältig gestaltete, offene, unkomplizierte und veränderbare Zwischenräume.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Vermählung zweier Künste

Wein und Architektur sind eine enge Liaison eingegangen. Das Beispiel des Alten Torkels in Jenins zeigt, wie die Ehe funktionieren könnte

17.06.2017 von Ruedi Weidmann

Die Aussicht nimmt einen gleich in Beschlag. Wer draussen unter der Pergola auf der Terrasse vor dem Alten Torkel in Jenins sitzt, überblickt das breite Rheintal von Trimmis bis nach Sargans. Von hier aus, im Frühsommerlicht eines Juninachmittags, zeigt sich die Bündner Herrschaft von ihrer besten Seite. Draussen in der weiten Welt ist die Region berühmt für Johanna Spyris Heidi. Doch nicht nur Einheimische wissen längst, dass da noch einiges mehr ist als nur ein pausbäckiges Mädchen aus einem bald 140 Jahre alten Roman.

Der Wein, natürlich: Die sanften Hänge an der rechten Talflanke werden grosszügig von der Sonne verwöhnt und eignen sich deshalb gut für den Anbau von Trauben. In Fläsch, Maienfeld, Jenins und Malans sind rund 350 Hektaren mit Reben bestockt; die Bündner Herrschaft gehört zu den kleinen Weingebieten der Schweiz. Aber inzwischen ist ebenso bekannt, dass nicht die Menge der entscheidende Faktor ist, sondern die Qualität.

Und damit kommt die Architektur ins Spiel, denn auch in der Baukunst hat sich die Herrschaft in den letzten dreissig Jahren einen Namen gemacht – ebenfalls mit Qualität und nicht mit Quantität. Weltweit bekannt wurde das Weingut Gantenbein der Churer Architekten Bearth + Deplazes, dessen Backsteinfassade von einem Roboter gemauert wurde. Bilder und Pläne so genannter Wein-Architektur landen seit Mitte der 1990er Jahre auf den Tischen der Architekturzeitschriften. Einmal mehr war das berühmte Büro Herzog & de Meuron ein früher Trendsetter, als es vor zwanzig Jahren im kalifornischen Napa Valley die Dominus Winery baute. Herzog & de Meuron legten damit die Latte gleich zu Beginn sehr hoch, indem sie all die sinnlichen Aspekte rund um den Wein brillant in besondere, geradezu geheimnisvolle Räume übersetzten. Später katapultierten sich die Burgenländer im Südosten Österreichs mit einer ganzen Reihe von Neubauten auf die Landkarte – ihren Wein damit natürlich auch! Dann kam die Toscana und letztes Jahr eröffnete in Bordeaux ein pompöses Museum, die Cité du Vin.

Rangordnung bleibt gewahrt
Die Erweiterung des Alten Torkels in Jenins gehört zwar zu dieser Familie der Wein-Architektur, es fehlt ihr aber gänzlich das Auftrumpfende und Überwältigende vieler ihrer Cousins und Cousinen. Schon das Weingut Gantenbein in Fläsch ist eigentlich ein bescheidener Bau, der sich in das Dorf und die Landschaft einfügt. Beim Alten Torkel in Jenins spielen diese Faktoren eine noch grössere Rolle. Zunächst die Siedlung: Die Weinstube bildet unübersehbar den dem Nachbarort Maienfeld zugewandten Dorfeingang. Dann die Landschaft: Die Reben reichen hier bis an den Strassenrand und sogar darüber hinaus. Siedlung und Landschaft sind in Weingebieten keine «Gegner», aber die Abgrenzung ist jeweils recht scharf. Während viele der neuen Architektur-Weingüter als isolierte Objekte einen Akzent in der Landschaft setzen und gleichzeitig versuchen, mit ihr zu verschmelzen, ist der Alte Torkel ganz klar ein Teil des Dorfes.

Ausgangspunkt für die Erweiterung war wie so oft ein regulatorisches Problem. Die Küche der beliebten Weinstube genügte schon länger nicht mehr den einschlägigen Vorschriften; nun drohte sogar die Schliessung. Die Platzverhältnisse waren ohnehin prekär, und so schrieb der Interessenverband Graubünden Wein zusammen mit dem Bündner Heimatschutz einen Studienauftrag für Architekten aus, den der Churer Architekt Pablo Horváth für sich entscheiden konnte. Es galt, das Restaurant mit einer zeitgemässen Gastroküche und neuen sanitären Anlagen auszurüsten, ausserdem sollte das Platzangebot des Restaurants ausgeweitet werden. Des Weiteren wünschte sich Graubünden Wein einen Ausstellungsraum zur Geschichte des Weinbaus in der Bündner Herrschaft und der Kanton ein Sitzungszimmer für besondere Anlässe.

Der neue Anbau wächst aus dem Altbau heraus – klar ist ersichtlich, wie er sich unter den First des Alten schiebt. Die Rangordnung bleibt gewahrt. An der schmalen Seite bäumt sich der Giebel expressiv auf, so dass er schon von Weitem erkannt wird, ohne jedoch aus dem üblichen Formenkanon herauszufallen. Die Fassade unter dem Dach wirkt wie aus einem einzigen Stein gemeisselt. Das liegt an der Bearbeitung des Sichtbetons, der gestockt wurde, also von einem so genannten Stockhammer aufgeraut. Auf diese Weise entsteht eine stärkere Tiefenwirkung, die Oberfläche wird plastischer.

In der Ausstellung sitzen
Einmal mehr beweist Pablo Horváth hier, dass er nicht umsonst bekannt ist als ein Architekt, der sorgfältig mit dem Bestehenden und Gewachsenen umgehen kann. Bei der Sanierung der Bündner Kantonsschule Cleric in Chur zeigte er, dass er ein architekturhistorisch wichtiges Schulhaus aus den 1960er-Jahren umsichtig und mit viel Liebe zum Detail auf einen heutigen Stand bringen kann, so dass sogar der Minergie-Standard eingehalten wird. In Jenins ist es die sensible Platzierung des Anbaus, die einen kleinen Vorplatz freilässt, die markante und doch bescheidene Formgebung des Gebäudes – und die feine Gestaltung des Innenraums, der sich so ganz anders präsentiert als erwartet.

Im Inneren erwartet die Besucher ein intimer, ganz in Eichenholz ausgeschlagener Raum, dessen einziges Fenster sich talabwärts zu den Rebhängen öffnet. In die dicken Mauern eingelassene Nischen laden zum Beieinandersitzen in kleinen Gruppen ein. Nur Eingeweihte wissen, dass sich die vermeintlichen «Schranktüren» zwischen den Nischen öffnen und zu einer zusammenhängenden Ausstellung über den lokalen Weinbau aneinanderreihen lassen. Genauso schnell werden die Paneele weggeklappt und der Raum wieder wie vorher.

Ein Mauerdurchbruch führt auf die Galerie im Altbau, den Horváth sanierte und umbaute. Nach wie vor dominiert die grosse Baumpresse aus dem frühen 18. Jahrhundert den Hauptraum der Beiz. An der Rückwand entwarf der Architekt eine so genannte Weinorgel, ein Präsentationsregal für all die Winzer von Graubünden Wein. Auf dem unteren Geschoss angelangt, ist es nur noch ein kleiner Schritt hinaus auf die Terrasse. Knapp die Hälfte der Fläche wird von einer Pergola auf wuchtigen Stützen besetzt, die einen eigenen Raum aufspannt. Hier sitzt man mitten in den Reben, vor sich das offene Tal, hinter sich die von der Junisonne aufgewärmte Betonwand des neuen Anbaus. Es wird Zeit, ein Glas Wein zu bestellen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Ein Garten ist vor allem Atmosphäre

Mit seinen Grünanlagen und Plätzen prägte Tobias Pauli jahrzehntelang die Landschaftsarchitektur in der Ostschweiz mit. Heute pflegt er wieder den Garten seiner Kindheit und ordnet seine Erkenntnisse.

20.05.2017 von Ruedi Weidmann

Tobias Pauli kam in einem Paradies zur Welt, einem Gehöft bei Cavigliano, das sein Vater, der Maler und Radierer Fritz Pauli, gekauft und mit Ateliers erweitert hatte. Im Rebberg am Ausgang des Onsernonetals verbanden sich subalpine Landschaft und subtropisches Mikroklima. Tobias’ Mutter, die Schneiderin und Vergolderin Elsi Meyerhofer, beschloss, den Weinberg in einen Park zu verwandeln. So wuchs Tobias in einer Gartenbaustelle auf. Die ausgeprägte Topografie, die üppige Vegetation, die Selbstverständlichkeit, mit der alte Tessiner Häuser im Gelände stehen, Vaters Malerblick darauf und Mutters aktiver Umgang damit schulten sein Sensorium für die Stimmung eines Ortes. In ihm wuchs die Idee, Gartenbauer zu werden.

In der Schweiz gab es keine Ausbildung für Landschaftsarchitektur. Pauli besuchte die Gartenbauschule in Genf. Sie lehrte die Biologie von Nutzpflanzen, Gemüse, Wein und Obstbäumen. Doch Pauli wollte gestalten! Nach der Ausbildung begann er seine Lehr- und Wanderjahre, die ihn weit herumführten. Die erste Stelle bot ihm 1962 sein Halbbruder Manuel an, der in Zürich Architekt war. 300 Meter neben dem Park seiner Mutter entwarf Pauli seinen ersten Garten. Danach holte ihn der damals führende Schweizer Gartenarchitekt Fred Eicher für drei Jahre in sein Büro. Die geraden Linien der modernen Architektur prägten Eichers Schaffen. Pauli arbeitete an einem seiner Hauptwerke mit, dem Friedhof Eichbühl in Zürich. Betonmauern und getrimmte Hecken definierten weite Terrassen mit rechtwinkligen Wasserbecken und breiten Promenaden. Bäume setzte Eicher als Monumente in die künstliche, atmosphärisch dichte Landschaft. An seiner nächsten Station, der Berner Stadtgärtnerei, entwarf Pauli Spielplätze, nützlich und robust. Dann ging er nach Amerika. In Kanada lernte er, Swimmingpools mit Trax und Spritzbetonkanone zu bauen, in Kalifornien Gärten mit einem Stecken direkt im Wüstensand zu entwerfen. Die Weite und die Unbekümmertheit waren wohltuend. Doch der Künstlersohn vermisste kulturhistorisches Bewusstsein, nahm ein Schiff nach Europa und schrieb sich an der Kunstgewerbeschule Basel ein. Er landete mitten in der Naturgartenbewegung, denn das Büro von Wolf Hunziker, wo Pauli Arbeit fand, leitete die Planung der «Grün 80».

Gärten für Menschen

Die Gartenbauausstellung war der Höhepunkt einer Volksbewegung gegen den Gartenbau-Mainstream, der in Einfallslosigkeit erstarrt war. Doch Pauli blieb skeptisch. Die Anti-Spiesser-Haltung schien oft wichtiger als eine ernsthafte Beschäftigung mit Ökosystemen. Und Teich, Schilf und Magerwiese waren für Pauli noch kein Garten. In Basel gestaltete er den Theaterplatz mit dem Tinguely-Brunnen. Pauli zog ins Toggenburg, gründete eine Familie und machte sich selbstständig. Nun war postmoderne Gestaltung angesagt. Pauli komponierte einige symbolisch aufgeladene Privatgärten aus neoklassizistischen Fragmenten. Er bezeichnet sie heute als seelenlos. Die Postmoderne zertrümmerte versteinerte Ansichten, bot aber kaum Inspiration für Neues. Diese fand Pauli im gesellschaftlichen Engagement. Mit seiner damaligen Frau machte er das Restaurant Bahnhalle in Lichtensteig zu einem Kulturort und zum Domizil für das Chössi-Theater, und an der Internationalen Bauausstellung 1987 in Berlin erarbeitete er mit hartgesottenen Kreuzberger Hausbesetzern eine Quartierentwicklung.

Pauli gewann nun Wettbewerbe und erhielt öffentliche Aufträge. Er gestaltete mit mehreren Generationen von Mitarbeitenden in der Stadt St.Gallen sechs Schulhausanlagen und die Aussenräume von Wohnsiedlungen, dazu öffentliche Räume in zahlreichen Gemeinden, Friedhöfe in Rapperswil-Jona, Gossau, Altstätten und Pfäfers, die Gärten der psychiatrischen Kliniken Pfäfers, Wil und Littenheid, dazu Kasernen und Gefängnisanlagen. Das gemeinsame Planen mit Auftraggebern, Architekturschaffenden und Gärtnern faszinierte ihn genauso wie räumlich, finanziell oder politisch kniffelige Situationen. Etwa der Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen. Hier liess er stramme Eichen in Reih und Glied in die Kasernenhöfe pflanzen und Zitterpappeln in die Umgebung – ein Bild für zwei seelische Zustände der Rekruten. Aber vor allem wertete er das grosse Übungsgelände mit den Landwirten in einem jahrelangen Prozess ökologisch auf. 1996 zog Pauli in die Stadt St.Gallen.

Respekt für den Ort und seine Atmosphäre

Die Arbeit begann immer mit einer Analyse: Was ist vorhanden? Wie ist die Stimmung? «Das Chassis eines Gartens muss sitzen», sagt Pauli. «Es entsteht aus der Topografie, der Wegführung, Mauern, Bäumen, Hecken und Büschen. Dann gilt es, die Atmosphären der einzelnen Bereiche zu entwickeln.» Immer häufiger verstärkte er Stimmungen, die er vorfand, und integrierte vorgefundene Elemente in seinen Plan. Respekt ist wohl das Schlüsselwort zu Paulis Werk. Respekt für einen Ort, seine Stimmung, seine Funktion für die Menschen und seine Geschichte. Immer besser gelang es ihm, mit möglichst wenig Gestaltung möglichst viel Atmosphäre zu schaffen. Seine jüngsten Anlagen wirken, wie wenn sie schon immer so gewesen wären. Ohne Inszenierung, ohne Design, strahlen sie Ruhe und Beständigkeit aus. Die neue Kantonsschule Heerbrugg zum Beispiel steht mit ihren Betonsäulen direkt im Kies der Rheinebene – es ist fast der einzige Ort im Siedlungsbrei, wo die Ebene noch spürbar ist. Diese fast unsichtbare Handschrift mit starker Wirkung ist das Resultat von langer Arbeit und Erfahrung. Sie machte Pauli zum Spezialisten für Erneuerungen. Im Pausenhof der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen verstärkte er mit einigen Pinien und der Renovation des Brunnens eine überraschend mediterrane Stimmung. Im Park der psychiatrischen Klinik Littenheid liess er viele Bäume fällen und holte das Sonnenlicht auf den Boden zurück. In Pfäfers gestaltete er von 1999 bis 2011 die Gärten der psychiatrischen Klinik neu. Jedes Jahr entstand ein neuer Aussenraum: die historischen Torkelterrassen, eine Gartenwirtschaft mit Brunnenbecken, ein Wegnetz über die Hügel oder der Klosterhof, jeder mit viel Respekt für den Ort, eigener Atmosphäre und viel Potenzial für mögliche Nutzungen. – Einen Garten aber hat Tobias Pauli immer für sich behalten: den elterlichen Park in Cavigliano. Letztes Jahr hat der Über-Siebzigjährige sein Büro seiner Geschäftspartnerin übergeben. Jetzt hat er Zeit, zusammen mit seiner jetzigen Frau den Ort zu pflegen, wo alles begann.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Anwalt der stummen Mauern

Ein ehrwürdiges und geschütztes Ensemble wie das Klostermuseum St.Georgen in Stein am Rhein braucht ständige Pflege. Der St.Galler Architekt Thomas K.Keller hat sich acht Jahre lang in den Dienst der alten Mauern gestellt.

22.04.2017 von Caspar Schärer

Architektur ist ein weites Feld. Häuser bauen ist nur eine von vielen Aufgaben der Disziplin. Grundsätzlich erstreckt sich Architektur auf alles – von der Stadt bis zum Stuhl. Manche Architektinnen und Architekten nehmen das sehr ernst und beanspruchen die Gestaltungshoheit über die ganze Bandbreite der räumlichen Fragen. Das hat seine Vorteile, kann aber mit unter für die anderen Beteiligten etwas anstrengend werden. Wie so oft ist alles eine Frage der Dosis und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Einerseits kann man nicht früh genug anfangen mit der Architektur: Im Februar wurde an dieser Stelle vom Agglomerationsprogramm Wil West berichtet, einem hochkomplexen Planungsinstrument, bei dem die Parameter für ein künftiges Gewerbegebiet festgelegt werden. Man würde meinen, dass da die Architektur noch weit weg ist, aber inzwischen ist die Erkenntnis gewachsen, dass auch «technische» Dinge wie Autobahnanschlüsse räumliche Auswirkungen in einem grossen Umkreis haben. Und auch ein Arbeitsplatzgebiet verdient es, dass es sorgfältig und gut geplant wird.

Heute blicken wir an das andere Ende des Spektrums, denn auch im kleinsten Detail eines Gebäudes steckt Architektur und es kommt darauf an, wie man diese oder jene Ecke löst. Gerade bei alten und ehrwürdigen Gebäuden, die vielleicht sogar unter Schutz stehen, tut sich da bei näherer Betrachtung eine ganze Welt auf. Das Haus scheint fast zu leben. Thomas K.Keller, Architekt in St.Gallen, konnte sich in den letzten Jahren gründlich in ein besonderes Gebäude vertiefen. Seinem Büro wurde die Aufgabe «Bestandspflege eines Baudenkmals » für den über tausend Jahre alten Benediktinerkonvent St.Georgen in Stein am Rhein anvertraut. Alles begann im Frühling 2008 mit dem Einbau eines neuen Kassamöbels im Eingangsraum. Damit war auch schon der für Aussenstehende sichtbarste Teil der Arbeit abgeschlossen. Es folgte noch im Herbst des gleichen Jahres die Renovation der Fassaden der ehemaligen Äbte-Wohnhäuser direkt am Rhein. Nach und nach tauchten weitere Stellen auf, die Aufmerksamkeit und Pflege verdient hätten, und so wurde 2011 eine minutiöse Untersuchung des baulichen Zustands vorgenommen. Auf dieser Basis konnten ganz verschiedene Unterhaltsarbeiten in Angriff genommen werden. Jede einzelne hatte ihre Eigenheiten. Das hat vor allem mit der wechselhaften Vergangenheit des Klosters zu tun.

Historisch bedeutsame Anlage gehört dem Bund In der bisherigen Geschichte des Konventes St.Georgen lassen sich grob zwei Abschnitte unterscheiden: In den ersten fünfhundert Jahren bis zur Auflösung im Zuge der Reformation wurde nach und nach die ganze Anlage erstellt; in den folgenden Jahrhunderten wurde das Gebäudekonglomerat von Verwaltungsbeamten genutzt und nur noch beiläufig unterhalten. Im 19. Jahrhundert waren die Gemäuer wirklich baufällig und die Gemeinde wusste nicht mehr recht, was damit anfangen. Gewerbebetriebe nisteten sich ein, Seidenraupen wurden gezüchtet und in den Höfen übten Kadetten und Turner.

Dass das Ensemble überhaupt erhalten ist und sogar unter Schutz steht, ist dem Berner Professor Ferdinand Vetter zu verdanken. Sein Vater kaufte 1875 die bedauernswerten Gebäude; er selbst kümmerte sich rührend um die Restaurierung und stellte seinen Besitz 1891 unter den Schutz der Eidgenossenschaft. Heute zählt das Kloster St.Georgen zu den wenigen historisch bedeutsamen Anlagen, die dem Bund gehören. Seit 2012 betreibt das Bundesamt für Kultur das Klostermuseum, das nur sich selber ausstellt. Bekannt ist es vor allem fü̈r den gotischen Festsaal mit den prächtigen Fresken.

Ferdinand Vetter war ein begeisterter Anhänger der Spätgotik und Renaissance und kaufte in der halben Schweiz Interieurs zusammen, die er in seinem Kloster einbaute. So stammt etwa die mächtige Holzdecke mit imposanter Stütze im Sommerrefektorium nicht aus dem Mittelalter – zumindest nicht aus dem Mittelalter in Stein am Rhein. Das macht die Sache nicht einfacher, wenn es um die denkmalpflegerische Sanierung geht. Denn was ist hier «original» und was hinzugefügt? Und was bedeutet überhaupt «original»? Hinzu kommt, dass sich die Vorstellungen von Denkmalpflege in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben.

Als sich in der Nachkriegszeit der Bund an die enorme Aufgabe der Konservierung und Restaurierung machte, standen didaktische Aspekte im Vordergrund: Gerne zeigte man damals klar und deutlich das Erforschte und Entdeckte, ergänzte nach Bedarf «im Stile von», damit Besucherinnen und Besucher unmissverständlich ablesen konnten, was neu hinzugefügt wurde. Heute ist die Denkmalpflege bei allen Massnahmen viel zurückhaltender; das Konzept nennt sich «konservierende Substanzerhaltung».

Architekt Thomas Keller zeigt im Kreuzgang, was das konkret heisst. Bei den Deckenmalereien in den Netzgewölben stand man vor der Frage, ob die abgeblätterten und verwitterten Stellen aufgefrischt und ergänzt werden sollen – und entschied sich dagegen. Die Verlockung war zwar gross, so Keller, aber das sei dann nicht mehr «Respekt vor dem Altern»,das Akzeptieren von Patina, Spuren und eben auch von Verlusten. «Reinigen,sichern,festigen»heisst heute die neue Devise. Aber braucht es dafür überhaupt einen Architekten?

«Es braucht ihn unbedingt», betont Keller, «denn jemand muss sich unverbrüchlich für die Gemäuer einsetzen. Sonst tut es niemand.» Der Architekt sei sozusagen der Anwalt der  stummen Mauern. Gefragt seien Neugier, eine breite Fachkenntnis – auch und besonders im Handwerklichen – sowie eine gehörige Portion Demut. Wer die grosse Geste sucht, ist hier fehl am Platz. Originelle Ideen braucht es dennoch, schliesslich knarzt es an allen Enden und trotzdem muss das Kloster als öffentliches Museum funktionieren. So hat Keller etwa das Dormitorium im ersten Obergeschoss mit diskreten Notbeleuchtungen nachgerüstet und ein Befestigungssystem für die Notausgangs-Schilder entwickelt, das die alten Mauern nur minimal tangiert. Auch bei den kleinsten Eingriffen arbeitete der Architekt eng mit einem Expertenteam zusammen, zu dem neben den Nutzern und der Denkmalpflege des Kantons Schaffhausen der Bauingenieur und Bundesexperte Jürg Conzett sowie die Restauratorin Doris Warger gehörten. Entscheide wurden erst nach gründlichen Untersuchungen und Abwägungen aller Optionen gefällt.

Ganz verborgen bleibt Kellers langjähriges Wirken als «Kloster-Architekt» in Stein am Rhein aber nicht. Im Äusseren Hof, an der vorspringenden Decke des Backhauses, durfte er noch etwas «Richtiges» bauen: Über einem kostbaren Relief wölbt sich jetzt ein neues Vordach aus Stahl, das es vor weiterer Verwitterung schützt. Die einfache Form ist ausgeklügelt entworfen worden und passt gut dorthin – so gut, dass man sie fast übersehen könnte.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Bautradition als Ideenreservoir

Künftig wird vor allem innerorts gebaut. Das erhöht den Anspruch an Neubauten. Sie müssen grösser, dichter, multifunktional und sorgfältig gestaltet sein. Rezepte dafür stecken in der Appenzeller Bautradition.

01.04.2017 von Ruedi Weidmann

Das Bauen steht in der Schweiz an einer Epochenschwelle: Zur Schonung der Landschaft ist Bauen künftig fast nur noch in bebautem Gebiet möglich. Am einen Dorfrand Einfamilienhäuser und am andern flache Hallen fürs Gewerbe bauen, können wir uns nicht mehr leisten. Aus Rücksicht auf Natur und Kulturland, aber auch, weil so die Ortsmitte abstirbt, wovon leere Altbauten und Ladenlokale zeugen. Damit die Ortskerne wiederbelebt werden, müssen Wohnen, Gewerbe, Einkaufen und so weiter wieder zusammenkommen. Verdichten mag bedrohlich tönen, aber wo mehr Menschen beisammen wohnen, können Läden, Gastro- betriebe und Service public wieder funktionieren.

Damit wachsen aber die Anforderungen an Neubauten. In einer dichten Ortschaft dürfen Bauten nicht nur von der Lage profitieren, sondern müssen selber etwas für den Ort tun, etwa mit einem öffentlich zugänglichen Parterre. Verschiedene Nutzungen unter ein Dach zu bringen, ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe für Architekturbüros. Je grösser und dichter die Bebauung, umso wichtiger wird eine sorgfältige Gestaltung, die sich ins Ortsbild einfügt und es verbessert. Bau- behörden und Bevölkerung müssen sich für mehr architektonische Qualität einsetzen. Sonst macht das Verdichten unsere Orte einförmig. Sie müssen aber ihre Einzigartigkeit stärken, damit sich Menschen mit ihrer Gemeinde identifizieren können und Verantwortung übernehmen.

Potenzial des Bürgerhauses ist noch kaum erkannt

Glücklich sind da Regionen, die sich eine starke Eigenart im Bauen bewahrt haben, wie das Appenzellerland mit seinem Holzbau. In der Bautradition finden sich Baustoffe, Konstruktionen und Formen, die unter lokalen Bedingungen entstanden und darum nachhaltig sind. Nicht zufällig wächst heute weltweit das Interesse am traditionellen Bauen. Wird Althergebrachtes auf neue Bauaufgaben übertragen, kann eine Architektur entstehen, die heutige Aufgaben meistert, aber vertraut ist und darum geschätzt wird.

Der Appenzeller Holzbau wurde tausendfach fotografiert, gemalt, auf Biberli gedruckt – doch sein Potenzial als Inspiration für die bauliche Zukunft wurde noch kaum erkannt. Wohl, weil die Faszination bisher vornehmlich den Bauernhäusern galt. Für heutige Aufgaben interessanter ist aber die Innerorts-Variante, das Fabrikantenhaus. Ohne Stall und Scheune, aber mit der gleichen Strickbau-Konstruktion und der typischen Raumaufteilung, mit Schindelschirm, Täferfront auf der Sonnenseite und den gleichen schönen Details. Diese Bürgerhäuser sind gross, bis sechsstöckig, stehen oft dicht nebeneinander und bilden städtische Plätze. Sie waren stets multifunktional und öffentlich zugänglich. Im Parterre lagen Büros, Läden und Lager der Textilverleger, im Dachstock oft ein Saal. So war die Bebauung in den Appenzeller Hauptorten seit je dicht und vielfältig genutzt. Lassen sich diese Qualitäten für zeitgemässes Bauen nutzen? Zusammen mit den vielen schönen Holzbauten hat im Appenzellerland auch das  Zimmereihandwerk überlebt. Die Betriebe pflegen ein traditionelles Holzbau-Wissen, das die Gewerbeschulen nicht mehr lehren, und entwickeln gleichzeitig neue Techniken wie die Element-Bauweise aus Wandmodulen, die besser isolieren als die alten Strickwände. Gewitzt nutzen die Zimmereien den Traum vom Urchigen für ihr Geschäft, Nägeli in Gais etwa mit dem Label «Appenzeller Holz» oder Frehner gleichenorts mit dem an bestimmten Tagen des Mondzyklus geschlagenen Mondholz.

Wenn sie von Architekturbüros entworfene Bauten ausführen, sind die Zimmereien zu herausragenden Leistungen fähig. Das zeigen Neubauten wie das Seniorenheim Bad Säntisblick in Waldstatt, von Alex Buob entworfen und 2013 von der Zimmerei Nägeli konstruiert, oder der Neubau mit 21 Seniorenwohnungen in Teufen von Hörler Architekten, 2011 gemeinsam von Nägeli und Heierli aus Teufen konstruiert. Doch meist bauen und renovieren die Zimmereien auf eigene Faust Einfamilien- häuser und Kleinsiedlungen. Dort fliesst ihr Können in nostalgische statt innovative Bauten.

Aufbruch zeichnet sich ab

Die Bautradition für heute anstehende Aufgaben fruchtbar machen: Genau dies versuchte 2010 die Studie «Bauen im Dorf» der Ausserrhodischen Kulturstiftung, initiiert vom Ausserrhoder Denkmalpfleger Fredi Altherr. Sechs Architekturbüros vermassen alte Bürgerhäuser, studierten deren Konstruktion, Materialien, Raumanordnung und Proportionen. Mit den Erkenntnissen entwarfen sie fiktive Holzbauten. Ihre Pläne und Modelle wurden im Volkskundemuseum in Stein gezeigt. Sie deuteten an, wie sich die Appenzeller Holzbautradition aus ihrer Stagnation lösen und wieder lebendig und gegenwartsbezogen werden könnte.

Laut Altherr hat dies einen Aufbruch ausgelöst. Die Beispiele motivierten Architekturschaffende und kommunale Baubehörden. Diese mussten zuvor die vielen geschützten Ortsbilder hartnäckig gegen unpassende Eingriffe verteidigen; Resultat war oft eine pseudohistorische Kulissenarchitektur. Seit «Bauen im Dorf» wissen sie, wie zeitgemässe, ortsbildverträgliche Architektur aussehen kann. Dadurch können sie Bauherrschaften besser beraten und trauen sich eher, innovative Projekte zu bewilligen. Erste Beispiele sind das Reformierte Kirchgemeindehaus von bm Architekten und ein Wohnhaus von Gerold Schurter am Alten Steig in Herisau. Bei diesen Vollholzbauten sind nicht nur die Fassaden, sondern auch Konstruktion, Materialien und Grundrisse im Innern von traditionellen Häusern abgeleitet. Rund zwanzig weitere von «Bauen im Dorf» inspirierte Neubauten sind in Ausserrhoden in der Bewilligungsphase, darunter die Gemeindeverwaltung Grub mit Wohnungen und Gewerbe, ein Ersatzneubau für das Haus Vulkan in Herisau und eine Metzgerei mit Wohnungen in Schwellbrunn.

Was noch fehlt, sind Holzbauten vom Kaliber der Zellweger-Paläste in Trogen, der Kantonsschule Wil oder der «Giesserei » in Oberwinterthur. Sie könnten auf vertraute Art neue Lebensqualität in zentrale, aber unternutzte Quartiere wie am Bahnhof Herisau bringen. Dazu sieht das revidierte Ausserrhoder Baugesetz den Erneuerungsplan vor, mit dem Gemeinden besonders gute Gestaltung mit mehr Bauvolumen belohnen können. In Fabrikantenhäusern und auch in hölzernen Fabriken stecken alte Rezepte für diese neue Aufgabe. Sie könnten helfen, das Verdichten beliebt zu machen, und die Zimmerleute könnten zeigen, was in ihnen steckt.

Das wäre wahre Innovation aus der eigenen Geschichte heraus. Dass es funktionieren kann, zeigt der seit vierzig Jahren anhaltende Erfolg der «Tessiner Schule». Ihr Vertreter Luigi Snozzi sagte einmal: «Architektur muss man nicht erfinden, man muss sie nur wieder finden.»

 

Bilder: Michel Canonica

Vom Kellerkind zum Musterknaben

Agglomerationsprogramme sind hochkomplexe Planungsinstrumente mit einer grossen Schar an Beteiligten. Alleine geht so etwas nicht. Es braucht Kooperation, wie das Beispiel Wil West zeigt.

27.02.2017 von Caspar Schärer

Beim schnellen Lesen entstehen manchmal ungewollt eigenartige Wortschöpfungen. Da wird aus «Wil West» plötzlich «Wildwest» und sofort erscheinen vor dem inneren Auge Bilder aus Westernfilmen mit ruchlosen Typen, die sich mit Gewalt holen, was sie wollen. Gesetzlos und archaisch geht es aber nicht zu und her im Westen der Stadt Wil, ganz im Gegenteil. Eine 15 Hektaren grosse Wiese zwischen Autobahn und Schweizerbund soll dort dereinst überbaut werden –  und das geht heute nicht mehr so einfach wie früher, denn die Zeit der Landnahme ist vorbei. Mit dem neuen Raumplanungsgesetz, das im März 2013 vom Schweizer Volk angenommen wurde, gelten neue Regeln. Zersiedelung ist nicht mehr so günstig zu haben wie bis anhin.

Das neue Regime betrifft an vorderster Stelle die Agglomerationen, also die Gebiete im nahen und fernen Umfeld der grösseren Städte. Hier lebt ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung, und genau hier spielt sich das Drama des Bauens in verschärfter Form ab. Der Grund ist einfach: In den Städten gibt es kaum noch unbebaute Grundstücke, und weiter draussen auf dem Land fehlt oft die Dynamik für Investitionen.

Bei der Wiese westlich von Wil – und damit kehren wir an unseren Schauplatz zurück – ist die Ausgangslage besonders kompliziert. Auf den Nenner gebracht: Es gibt hier zu viele Grenzen. Die hoch gelobte Autonomie von Kantonen und Gemeinden steht an dieser Stelle der Entwicklung im Weg. Das Land liegt in einem Spickel des Gemeindegebietes von Münchwilen, das wiederum zum Kanton Thurgau gehört. Die Stadt Wil ist eine Gemeinde im Kanton St. Gallen – die Kantonsgrenze verläuft 700 Meter westlich des Bahnhofs. Das betreffende Grundstück (auf Thurgauer Boden) gehört dem Kanton St. Gallen; es diente einst als Landreserve für die Psychiatrische Klinik Wil. Hier kommt einer allein nicht weiter. Kooperation ist gefragt. An dieser Stelle kommen die Agglomerationsprogramme ins Spiel. Hinter dem etwas umständlichen Begriff verbergen sich hochkomplexe Studien, Auswertungen, Prognosen und Projekte, die als dicke Papier- und Datenbündel in Bern beim Bund eingereicht werden können. Sie sind ein Förderinstrument des Bundes; sechs Milliarden Franken aus dem Infrastrukturfonds stehen seit 2005 über einen Zeitraum von zwanzig Jahren für Agglomerationsprojekte zur Verfügung. Vor zwei Wochen befürworteten die Schweizer Stimmbürgerinnen und -bürger mit grosser Mehrheit einen neuen Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds, der die Finanzierung der Agglomerationsprogramme über das Jahr 2027 hinaus sicherstellen soll. Die Gelder müssen nur noch abgeholt werden. Es gibt allerdings einen Haken: Der Bund spendet nicht einfach das Geld, sondern er beteiligt sich nur an den Kosten. Ausserdem knüpft er die Gabe an qualitative Bedingungen. Die eingereichten Projekte müssen gut sein, sogar sehr gut. «Gut» meint zunächst einmal die Verbindung von Infrastruktur- mit der Siedlungsplanung. Die Erkenntnis, dass es sich hierbei um «kommunizierende Röhren» handelt, ist relativ neu. Eine Umfahrungsstrasse zum Beispiel ist nicht nur ein Verkehrsbauwerk, sondern hat weiträumige Auswirkungen. Autoverkehr verlagert sich bekanntlich sehr schnell, und neue Kapazitäten schaffen an anderen Stellen neue Engpässe.

Ausgerechnet eine Umfahrungsstrasse  zur Entlastung des Zentrums von Wil stand am Ursprung des aktuellen Agglomerationsprogramms, das im Dezember 2016 in Bern eingereicht wurde. Treibende Kraft dahinter ist die Regio Wil, die 2011 aus der 1972 gegründeten Interkantonalen Regionalplanungsgruppe Wil hervorging. Sie umfasst 22 Gemeinden, 13 davon im Kanton Thurgau, 9 im Kanton St. Gallen. Rund 114 000 Menschen leben in diesem Einzugsgebiet. Bei ihrer Eingabe zum Agglomerationsprogramm der ersten Generation musste die damalige Regionalplanungsgruppe schmerzhaft erfahren, was der Bund unter «Qualität» versteht. Das Projekt für die Umfahrungsstrasse mit Autobahnanschluss Wil-West war zu einseitig auf den Autoverkehr ausgerichtet; es gab deshalb keine Unterstützung. Das im Dezember eingereichte Programm der dritten Generation ist nun ganz anders aufgegleist – es gilt sogar schweizweit als Pionierprojekt.

Wie wurde aus dem Kellerkind ein Musterknabe? Zunächst einmal stellten die beteiligten Kantone und Gemeinden das Verkehrsprojekt der Umfahrungsstrasse in einen wesentlich grösseren Zusammenhang. Es wurde verknüpft mit der Standortentwicklung des Kantons Thurgau, die neu auf konzentrierte Wirtschaftszonen an optimal erschlossenen Lagen setzt. Wil West gehört dazu – sofern die Gleise der Frauenfeld-Wil-Bahn verlegt und eine neue Haltestelle eingerichtet wird. Und wenn ein Autobahnanschluss kommt, der allerdings von zahlreichen flankierenden Massnahmen begleitet wird, die bis in die kleinsten Dörfer der Region Wil reichen. Der so genannte Entwicklungsschwerpunkt soll zu einem erheblichen Teil auf der Wiese im Westen Wils gebaut werden. Bis zu 2000 Arbeitsplätze könnten dort entstehen. Die beteiligten Gemeinden verpflichteten sich, kein eigenes Gewerbeland mehr einzuzonen, sollte Wil West realisiert werden. Eine derart starke Solidarität unter den Gemeinden und über die Kantonsgrenzen hinaus ist für die Schweiz in der Tat ungewöhnlich.

Inzwischen gibt es einen Masterplan, in dem ein Strassennetz vorgeschlagen ist; die einstige Umfahrungsstrasse, der Autobahnanschluss und die neue Haltestelle sind darin integriert und alles greift ineinander. Darüber hinaus wurde die ganze Region gründlich durchleuchtet und ein grosser Strauss an weiteren Massnahmen vorgeschlagen. Jetzt ist es tatsächlich ein umfassendes Gesamtpaket, das an vielen Orten in der Region Wirkung entfalten und den Standort stärken wird. Entscheidend ist wahrscheinlich, dass die neue Trägerschaft ein grosses Gewicht auf die Kommunikation legt, nach innen wie auch nach aussen. In unzähligen Besprechungen mit Interessierten wurden die Projekte wieder und wieder diskutiert und angepasst. Eine von allen Gemeinden und den beiden Kantonen unterzeichnete «Charta Gebietsentwicklung Wil West» unterstreicht den gemeinsamen Willen einer ganzen Region. Das eng gefasste Gärtchendenken wurde überwunden.

Etwas Kritik muss aber zum Schluss trotzdem sein. Sowohl der Infrastrukturfonds wie auch der neue Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds bleiben letztlich das, was sie beschreiben: Kassen für den Verkehr, sei es nun mit dem Auto oder mit Bahn oder Bus. Die Agglomerationsprogramme – gerade dasjenige für Wil West – sind Schritte in die richtige Richtung, aber sie genügen nicht. Nach wie vor bleibt die Infrastrukturplanung dominierend. Erst mit einem völlig neu gedachten Fonds, der sich  stärker an Städtebau und Nutzern orientiert, ist tatsächlich ein Umbau der Agglomeration zu einer «Schweiz von morgen» möglich.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Haus für Gastfreundschaft und Vielfalt

Kirchen bleiben heute oft leer, aber neue Kirchgemeindehäuser reagieren mit vielfältigen Räumen und Anlässen auf veränderte Bedürfnisse. Sie bereichern das öffentliche Leben. Ein Augenschein in Grabs.

21.01.2017 von Ruedi Weidmann

«Für mich ist es ein kleines Wunder», sagt John Bachmann, seit zwölf Jahren Pfarrer in Grabs, über das neue Kirchgemeindehaus. Seit einem Jahr belebt es das Dorf und hat seine Arbeit verändert. In Grabs und auf den verstreuten Höfen am Grabserberg leben ländlich und pietistisch geprägte Menschen, die tief in der reformierten Landeskirche verwurzelt sind. Weil Glarus 1517 die Grafschaft Werdenberg kaufte und 1529 den reformierten Glauben verordnete, ist Grabs eine protestantische Enklave im St. Galler Rheintal. Damals verkündete der Pfarrer in der Kirche Gottes Wort, die Erlasse der Regierung und wer unter der Woche Sitten und Gesetz verletzt und so sein Anrecht auf das wöchentliche Armenbrot verscherzt hatte. Der zwinglianische Gottesdienst war auch ein Sittengericht. Auch wenn Pfarrerinnen und Pfarrer heute weniger von der Kanzel herab predigen – Kirchen sind für frontale Kommunikation gebaut. Und alles Autoritäre verscheucht heute die Leute. Auch in Grabs ändern sich die Bedürfnisse. Es wird viel gebaut, Neuzuzüger machen die Gesellschaft bunter.

Neuer Platz als Treffpunkt
Die evangelische Kirchgemeinde Grabs-Gams beobachtet die Entwicklung schon länger. Sie erarbeitete die Vision einer lebendigen Kirche, die «Treffpunkt all der Segmente der heutigen Gesellschaft» sein soll, wie es in einem Memorandum heisst. Das alte Kirchgemeindehaus, viel zu klein und kaum zu heizen, genügte dafür nicht mehr. Die Büros der Pfarrer und Diakone waren im Ort verstreut, Aktivitäten fanden in gemieteten Räumen statt. An einer Retraite 2009 nahm ein Neubau Gestalt an. Man liess auch die Kosten einer Kirchenrenovation schätzen, entschied dann aber, ein neues Kirchgemeindehaus sei wichtiger. Die Baukommission besuchte Beispiele in der Region, sammelte Raumwünsche der aktiven Mitglieder und führte mit fachmännischer Hilfe einen Architekturwettbewerb durch. Aus dreizehn Vorschlägen kürte die Jury das Projekt des Büros Erhart Partner aus Vaduz. Die Mitglieder hiessen das Projekt gut. Bald begann der Bau, im Januar 2016 war das «Wunder» vollbracht.

Der hell verputzte, zweistöckige Quader stösst mit seiner Schmalseite an die Hauptstrasse. Zwischen ihm und der Kirche, die zurückgesetzt und etwas schief zur Strasse steht, ist ein dreieckiger Platz entstanden, der erste Dorfplatz in Grabs. Wo sich früher Autos durch Hochzeitsgesellschaften und Trauergemeinden drängten, stehen jetzt Bänke im Schatten einer Birke, die Terrasse vor dem Kirchgemeindehaus lädt zum Kaffeetrinken ein. Passanten plaudern, ein Kind spielt mit Steinchen, Schulkinder grüssen – fehlt nur noch der Brunnen, doch die Leitung ist schon verlegt.

Grosser Saal und Foyer sind begehrt
Vielfältig sind auch die Räume im Innern. Das Erdgeschoss öffnet sich mit grossen Glasscheiben zum Platz. Zwei breite Stufen führen zum Eingang und in ein geräumiges Foyer. Die linke, sonnige Seite ist als Bistro eingerichtet, durch eine Glasscheibe vom Weltladen getrennt. Die andere Seite dient als Garderobe, hinter einer Tür liegt das Sekretariat. Geradeaus tritt man in den hohen Saal. Ausgestattet mit Bühne und allem, was es für Theater-, Film- und Diskussionsabende braucht, bietet er bei Konzertbestuhlung 270 Personen Platz. Die Küche kann dank Durchreichen Saal und Foyer direkt bedienen. Ein helles Treppenhaus führt ins Obergeschoss. Der Mehrzweckraum an der Südseite eignet sich für Vorträge, Kurse oder Feiern mit bis zu 120 Teilnehmenden. Er ist unterteilbar und verfügt über eine eigene Teeküche. Zwei Sitzungszimmer und die kleinen Büros der Pfarrer und Diakone sind auf den Kirchplatz gerichtet. Der Jugendkeller des Vorgängerbaus ist erhalten geblieben. Ein Band-Übungsraum und Lagerräume für den Cevi und den Messmer ergänzen ihn. Alle Räume sind freundlich und überaus brauchbar. Die Kirchgemeinde stellt sie auch anderen zur Verfügung – gratis der politischen und der Schulgemeinde, der katholischen Kirchgemeinde und kirchennahen Vereinen, günstig den Dorfvereinen und Mitgliedern beider Kirchgemeinden, etwas teurer Nichtkirchbürgern, auswärtigen Vereinen und Firmen. Vor allem der grosse Saal und das Foyer sind begehrt. Dank ihnen ist die Kirche Grabs für Trauungen attraktiver geworden. Der «Chillekaffi» nach dem Sonntagsgottesdienst ist beliebt. Auch die Kundschaft des Weltladens und freiwillige Helferinnen und Helfer setzen sich gern zu einem Kaffee ins Foyer.

Das Angebot an Kursen, Vorträgen, Ausstellungen und Konzerten konnte erweitert werden. Nicht alle Anlässe haben einen Bezug zur Religion. Sie ziehen auch neues Publikum an. Die Vision habe sich mehr als erfüllt, sagt Kirchgemeindepräsident Karl-Heinz Haedener. Man sei fast ein wenig überrumpelt von den vielen Anfragen; der Mesmer sei bald am Anschlag. Die gleiche Entwicklung erleben auch andere neue Kirchgemeindehäuser, etwa in Wil oder Herisau.

Pfarrer Bachmann betont den Effekt gegen innen: Seit alle unter einem Dach sind, sei die Arbeit der Pfarrer, Diakone und der hier traditionell zahlreichen Freiwilligen einfacher geworden. «Man trifft sich täglich, kann sich austauschen und stärker als Einheit auftreten.» Und mit dem neuen Haus könnten sie nun etwas Wichtiges anbieten: Gastfreundschaft. Längst sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Bachmann testet im Saal gerade einen neuen Abendgottesdienst in Form einer Kaffeestube. Doch der wichtigste Raum ist für ihn das Foyer, weil hier Gastfreundschaft spontan und jederzeit möglich ist.

Gemeinschaft braucht Orte
In unserer Zeit wachsender Verunsicherung suchen viele Orientierung. Dafür war einst die Kirche zuständig. «Orientierung» kommt vom Kirchenbau und bezeichnete die Ausrichtung des Chors nach Osten, dem Orient. Dadurch schien die aufgehende Sonne als Symbol für die Auferstehung Christi durch die Chorfenster auf die Betenden. Auch das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft fehlt heute vielen. Es ist der Preis für mehr individuelle Freiheit und das Abschütteln rigider Konventionen.

Gesucht sind neue, zwanglose Formen von Gemeinschaft. Auch der Wunsch nach gemeinnützigem Engagement wächst. Andererseits wachsen Bevölkerungsteile, die auf Solidarität angewiesen sind: Alte, Zugewanderte, Entwurzelte. All dies lässt sich sinnvoll miteinander verbinden, ob mit oder ohne Religion. Aber dazu braucht es Orte – und jemand, der sie pflegt –, wo Begegnungen und Austausch möglich sind und Zusammenhalt wachsen kann.

Bilder: Hanspeter Schiess

Megatrend und Mikroverdichtung

Immer mehr Menschen werden in Zukunft im Alter auf Pflege angewiesen sein. Darauf kann man mit grossen Neubauten reagieren – oder wie die Gemeinde Balzers mit gezielten baulichen Massnahmen.

17.12.2016 von Caspar Schärer

Fast jede wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung hat früher oder später Auswirkungen auf das Bauen und damit hoffentlich auf die Architektur. Mehr Autos haben bis anhin zu mehr Strassen geführt – nun gut, das ist noch nicht Architektur. Aber all die Logistik- und Shoppingcenter an den Autobahnausfahrten könnten ruhig mehr Architektur sein. Oder das Gesundheitswesen: Politische Entscheide im Zusammenhang mit Spitallisten und ähnlichem führen zu massiven Investitionen in Krankenhäuser. Alles hängt voneinander ab; das heisst noch lange nicht, dass man dem Geschehen alternativlos ausgeliefert ist. Es gibt Entscheidungsspielraum, wie das Beispiel der bescheidenen Erweiterung eines Pflegeheims in Balzers im Fürstentum Liechtenstein zeigt.

Der auslösende Trend dahinter könnte kaum grösser sein und nennt sich «demografische Entwicklung»: Die Lebenserwartung in der Schweiz steigt unvermindert. Mittlerweile liegt sie bei etwa 83 Jahren. Ein heute Neugeborenes hat gute Chancen, das Jahr 2099 zu erleben, vermutlich auch den Beginn des 22. Jahrhunderts. Bereits über 1,5 Millionen Menschen geniessen in der Schweiz ihren Ruhestand, das sind etwas mehr als 18 Prozent der Bevölkerung. Und es werden in den kommenden Jahren deutlich mehr: Die so genannte «Babyboomer»-Generation marschiert langsam in die Pension, also Menschen, die von Anfangs der 1950-er bis Mitte der 1960-er Jahre geboren sind. Diese einzigartig geburtenstarken Jahrgänge werden eine deutlich erhöhte Anzahl an Pfegebedürftigen hervorbringen. Denn ab Mitte 80 brauchen immer mehr Menschen immer intensivere Pflege. Jede dritte Person über 85 Jahre ist mittel bis schwer pflegebedürftig.

Babyboomer stellen Gesellschaft auf die Probe
Der kleine Ausflug in die Welt der Statistik soll den abstrakten Begriff der «demografischen Entwicklung» anschaulicher machen. Dass dieser offensichtliche Megatrend früher oder später das Bauen beeinflusst, verwundert niemanden. Schliesslich müssen Alters- und Pflegeheime im Budget eingeplant und gebaut werden, sei es nun von der öffentlichen Hand oder von Privaten. Die Babyboomer werden in den kommenden Jahrzehnten das Pflegesystem und die ganze Gesellschaft auf die Probe stellen. Zurzeit leben rund 400’000 über 80 Jährige in der Schweiz, 2040 werden 880’000 erwartet.

Landauf, landab zerbrechen sich bereits heute die Verantwortlichen den Kopf darüber, wie sie dem «Ansturm» gerecht werden sollen. Die einfachste Lösung, in der Schweiz gerne praktiziert: Infrastruktur erweitern, also möglichst alle Bedürfnisse durch Bauen zu befriedigen. Das kostet zwar einiges, aber noch scheint das Geld zur Verfügung zu stehen. Deutlich günstiger wird es – diesen Weg hat die Gemeinde Balzers beschritten –, wenn man in die «Software» investiert – etwa in ein intelligentes Konzept. Balzers steht vor der Herausforderung, dass sich bis 2030 die Anzahl der über 80- Jährigen von 170 auf 340 verdoppeln wird. Danach wird sie vermutlich wieder abnehmen, da anschliessend mit der «Pillenknick»-Generation deutlich geburtenschwächere Jahrgänge ins Alter kommen.

Die Gemeinde verschaffte sich eine Übersicht und gelangte zu einer Strategie, die alle Beteiligten besser miteinander vernetzt und damit das Vorhandene effizienter nutzt. Allzu oft arbeiten verschiedene Dienste wie Pflegestationen, Spitex und andere private Stiftungen nicht Hand in Hand, sondern gegeneinander. Hinzu kommen die vielen Menschen, die ihre Angehörigen zu  Hause pflegen, immer wieder mal überfordert sind und oft nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Obwohl komplett auf neue Pflegebetten verzichtet wird, erfordert das Konzept mehr Platz im Pflegeheim Schlossgarten am Fuss der Burg Gutenberg – allerdings in erster Linie Büros und flexible Mehrzweckräume. Die Gemeinde schrieb einen Wettbewerb aus und wählte ein Projekt, das sich nicht vollständig an die vorgegebenen Regeln hielt. Zwei eingeschossige Einbauten in die beiden zur Strasse hin offenen Höfe schlug das Liechtensteiner Architekturbüro von Ivan Cavegn vor; die Neubauteile ragen etwa einen Meter aus der bestehenden Fassadenfront hervor, die eigentlich gar keine Front war, sondern sich aus drei schmalen Gebäudeteilen zusammensetzte, die wie kleine Türme aufragten. Den «Rücken» bildet nach wie vor ein lang gezogener Trakt zum Garten hin. Indem Cavegn die Fassadenflucht nicht einhält, verleiht er den Einbauten eine eigene Bedeutung. Sie rücken buchstäblich in den Vordergrund und verdrängen die Parkplätze, die eigentlich hier vorgesehen waren. Stattdessen spriessen jetzt dort Büsche und Bäume in Vorgärten wie sie in der Nachbarschaft üblich sind.

Rundlauf durch den ganzen Komplex
Die neuen Grünstreifen vor dem Gebäude machen das Gebäude «wohnlicher», es wirkt weniger wie ein Pflegeheim – es heisst auch nicht mehr so, sondern Lebenshilfe Balzers. Einen vergleichbaren Effekt erzielen die beiden Einbauten selbst: Sie brechen den Massstab der grossen Struktur, führen architektonisch ein gewisses Eigenleben, füllen als Bauvolumen nicht einfach den zur Verfügung stehenden Platz auf, sondern wahren einen Abstand zum Altbau. Mit ihren dicken, sorgfältig geschalten Sichtbetonwänden und der leichtfüssigen Holzdecke setzen sie sich auch in Bezug auf Material und Konstruktion deutlich vom Bestand ab. Einer der Neubauten nimmt die Verwaltung auf, in der stationäre und ambulante Dienste wie Spitex und Familienhilfe zusammengeführt werden, der andere bietet Raum für die neue Tagesstätte für Demenzkranke.

Beide sind an verschiedenen Stellen an den Altbau angeschlossen, und so entsteht ein abwechslungsreicher Weg, ein Rundlauf, der im Erdgeschoss durch den ganzen Komplex verläuft. Überhaupt offenbart Ivan Cavegns Entwurf im Inneren eine architektonische Vielalt, die auf vergleichsweise kleinem Raum viel bewirkt und die vor allem in einem starken Kontrast steht zur eher schematischen Anlage des Altbaus. Der Rundlauf erweist sich als komplexer Mäander, man kommt vorbei an kleinen Innenhöfen, die zum Verweilen einladen, entdeckt verborgene Stuben für die Patienten, überall öffnen sich überraschende Durchblicke.

Trotz zahlreicher Ecken und Nischen findet man sich gut zurecht, auch die Dementen verirren sich nicht. Sie können auf der ganzen Strecke frei zirkulieren und sind auf diese Weise genauso Teil des Betriebs wie die Pflegekräfte und die Büromenschen. Offenheit, Erreichbarkeit, Vernetzung: Der neue Geist im Balzerser Pflegebereich hat in der Mikroverdichtung eine gebaute Entsprechung gefunden. Man nennt es Architektur.

Bilder: Hanspeter Schiess

Bräteln unter dem Verkehrsdenkmal

Die Felseggbrücke über die Thur bei Henau strahlt wieder wie neu. Der renovierte Pionierbau von 1933 lohnt einen Besuch.Verkehrsbauten gehören zu unserem Kulturerbe. Neue Methoden erleichtern ihre Pflege.

19.11.2016 von Ruedi Weidmann

Hell leuchtet sie im Herbstlicht und überspannt in flachem Bogen die Thur: die Felseggbrücke bei Henau. Fast wäre das Werk des Beton-Pioniers Robert Maillart den Folgen einer früheren Renovation zum Opfer gefallen. Doch nach eineinhalb Jahren hinter Baugerüsten ist es nun frisch renoviert zu besichtigen. Beim Gillhof führt ein Weg bequem ins Kiesbett der Thur hinab. Von hier aus lässt sich die sanierte Konstruktion am besten bewundern.

Die Felseggbrücke entstand 1933 als Teil der neuen Schnellstrasse Wil–Gossau. Sie ist 130 Meter lang, der Bogen überspannt 72 Meter. Maillart verband virtuos zwei Konstruktionen, den Hohlkastenträger und den Dreigelenkbogen: Die beiden Schenkel des Bogens sind hohle Kasten, leicht und trotzdem steif. Die drei «Gelenke» sind schlanke, stark armierte Stellen an den Enden und am Scheitel des Bogens. Hier kann sich die Brücke bei jeder Belastungbewegen, unmerklich, aber es reicht, damit Verbiegungen nicht von einer in die andere Brückenhälfte übertragen werden. Das schont die steifen Teile. Maillart hat diese Konstruktion erfunden. Sie sparte Material, war günstig und rasch gebaut –die Felseggbrücke in neun Monaten.

Rettung in letzter Minute
Streusalz ist Gift für Betonbrücken. Das Salzwasser dringt in den Beton ein und lässt die Armierungseisen rosten. 1987 dichtete man darum die Felseggbrücke rundum mit Epoxidharz ab. Dabei unterschätzte man, wie viel Feuchtigkeit im Beton steckte. Wegen der Plastikhaut konnte er nicht mehr austrocknen. Das Salz in der Brückegriff weiter die Armierung an; aussen war davon nichts zu sehen. Eine Kontrolle vor zehn Jahren zeigte die Folgen: Der Schaden war so massiv, dass die gesamte Fahrbahnplatte samt Brüstung und Scheitelgelenk ersetzt werden musste. Die neue Fahrbahn wurde abgedichtet, kein Wasser kann mehr von oben in die Betonkonstruktion dringen. Zum Schalen verwendete man wie früher frisch gesägte Bretter, deren Maserung nun am Beton gut sichtbar ist. An den übrigen Teilen wurde das Epoxidharz mittels Hochdruckwasserstrahl entfernt. Dabei kam die Oberfläche mit. Sie wurde mit frischem Beton aufmodelliert und mit einer neuen transparenten Lasur gestrichen.Diese ist wasserdicht, aber dampfdurchlässig, so dass der Beton atmen und austrocknen kann.

Eugen Brühwiler, Spezialist für Bauwerkserhaltung an der ETH Lausanne, hat die Denkmalpflege und das Tiefbauamt des Kantons St.Gallen beraten. Für ihn ist die Renovation gelungen. Die Brücke erfülle nun alle Anforderungen an eine moderne Kantonsstrasse, ihre besondere Form und Konstruktion konnte erhalten werden. Zu den Kosten von rund sechs Millionen Franken sagt Brühwiler: «Weil die Folgeschäden der letzten Renovation so grosswaren, kostete die Erneuerung so viel wie ein Neubau. Die renovierte Brücke ist nun aber auch gleich leistungsfähig und dauerhaft wie eine neue. Zusätzlich konnte man einen Zeugen erhalten, der für die Geschichte des Brückenbaus enorm wertvoll ist.»

Der Bauingenieur Robert Maillart gilt weltweit als Pionier des Stahlbetonbaus. Er erfand die Betondecke mit pilzörmigen Stützen und entwickelte von 1902 bis zu seinem Tod 1940 die Konstruktion von Betonbrücken weiter. In der Ostschweiz sind fünf weitere seiner Bauten erhalten: Steinachbrücke 1903 und Wasserturm 1906 in St.Gallen, die Bahnüberführung in Aach bei Romanshorn 1907 , die Thurbrücke Wattwil 1909 und die Thurbrücke bei Billwil 1904 , die von Felsegg aus auf einer stündigen Uferwanderung erreichbar ist. Maillarts Bauten sind hervorragend gestaltet,nutzten die Eigenschaften von Stahlbeton konsequent und gelten längst als Denkmäler von nationaler oder weltweiter Bedeutung. Doch das schützt sie leider nicht vor Abbrüchen. Unmittelbar
bei der Felseggbrücke hatte Maillart über den Fabrikkanal der Weberei Felsegg eine schlichte Brücke auf acht Stützen gebaut, konstruiert wie die Vorlandbrücken der Felseggbrücke. Sie hatte stark unter Salzwasser gelitten und musste 2011 ersetzt werden. Schade, findet Eugen Brühwiler heute. Das Ensemble aus Felsegg- und Kanalbrücke zeigte, wie Maillart Innovation und Pragmatik verband.

Kathedralen unserer Zeit
Doch wozu Verkehrsbauten überhaupt erhalten? Sind sie nicht einfach Zweckbauten, die stets den aktuellen Anforderungen des Verkehrs genügen müssen? «Autobahnen sind die Kathedralen unserer Zeit», sagte David Byrne schon vor dreissig Jahren in seinem Film «True Stories». Frühere Kulturen bauten Kirchen, Klöster, Burgen und Schlösser. Unsere Kultur baut seit 200 Jahren beeindruckende Strassen, Bahnstrecken, Brücken und Viadukte. Doch leider werden sie noch kaum als Kulturgut wahrgenommen, oft übersehen und vernachlässigt.

Auf Strassen, Kreuzungen, in Tunnels und Unterführungen verbringen wir viel Zeit. Sollten wir da nicht hohe Ansprüche an ihre Pflege stellen? Brücken, Stützmauern, Überführungen, Leitplanken und Geländer werden bewusst gestaltet –nicht umsonst heissen sie Kunstbauten. Für wichtige Projekte gibt es Wettbewerbe. Doch beim Unterhalt geht die Gestaltung dann meist vergessen. Strassen und Wege verlieren ihren Charakter durch viele kleine Reparaturen, die sich um das Aussehen scheren. Das zeigt etwa das Potpourri von Stützmauern und Geländern entlang vieler Bergstrassen. Brühwiler nennt noch einen weiteren Grund, warum alte Verkehrsbauten wertvoll sind: Sie speichern Wissen. Etwa,wie man Brücken mit weniger Stahl bauen kann als heute.

Bis vor kurzem wurden Brücken ersetzt, wenn sie ein bestimmtes Alter erreichten, selbst wenn sie noch intakt waren. Nun wurden an der ETH Lausanne Methoden entwickelt, um die Tragfähigkeit bestehender Bauwerke zu messen. Dabei zeigt sich, dass Brücken oft stärker sind als erwartet. Heute lässt sich messen, wo Schwachstellen sind. Ermüdete Stahl- oder Betonteile können gezielt ersetzt oder verstärkt werden. Mit wenig Aufwand werden so Brücken und Gebäude wieder für Jahrzehnte tragähig. Das spart Geld, Material und Werkverkehr und hält Bauzeugen am Leben.

Auf Gemeindeebene werden jedoch noch viele Verkehrsbauten ersetzt, weil ihr historischer Wert und die Erneuerungsmethoden nicht bekannt sind. Auf dem riesigen Gemeinde-, Forst- und Flurstrassennetz wäre ein geschichts- und materialbewusster Unterhalt besonders wertvoll. Technisch interessierte Denkmalpfleger und historisch versierte Ingenieure finden gemeinsam Möglichkeiten, wie scheinbar veraltete Bauten gezielt und günstig für eine moderne Nutzung verstärkt werden können.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Patina und Atmosphäre

Ein altes Industrieareal kann auch heute noch gut gebraucht werden. Im St.Galler Quartier Winkeln nutzen rund 70 Gewerbebetriebe die grossartigen Räume der ehemaligen Konservenfabrik.

15.10.2016 von Caspar Schärer

Nein, Alex Hanimann hat es nie bereut, dass er ein Atelier auf dem Areal der ehemaligen Konservenfabrik bezogen hat. Der 60jährige St. Galler Künstler gehört zu den langjährigen und treuen Mietern: Vor 25 Jahren hat er den Schritt aus der Innenstadt «hinaus» nach Winkeln gemacht. Die St. Galler Kunstszene ist ihm nicht gefolgt, auch wenn er nicht der einzige Künstler auf dem Konservi-Areal ist, wie es hier liebevoll genannt wird. «Mir ist das inzwischen ganz recht», erklärt Hanimann, «denn ich arbeite gerne in Ruhe». In seinem Atelier findet er ideale Bedingungen: über vier Meter hohe Räume, reichlich Platz und eine grosse Fensterfront nach Norden, auf den Fabrikhof. Gegenüber steht das mächtigste Gebäude des Areals; wenn die Fassade von der Sonne beschienen wird, leuchtet sie hell auf und strahlt in Hanimanns Atelier.

Dass sich ein Künstler gerne auf einem alten Industrieareal einrichtet, erstaunt den Journalisten aus Zürich nicht weiter. So läuft das doch immer auf diesen Brachen. Findige Immobilienspezialisten lassen Künstler und überhaupt so genannt Kreative ein paar Jahre gewähren – sie beleben das Areal und sorgen für Bekanntheit, bevor alles verschwindet und Neubauten mit Wohnungen und Büros hochgezogen werden. In vielen Schweizer Städten ist auf diese Weise ein Areal nach dem anderen umgenutzt worden.

Der Umbau von Industriebrachen gehörte in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zu den Paradedisziplinen der Immobilienentwickler, selbst wenn in der Regel grosse Hindernisse im Weg stehen und ein solcher Prozess viel Wissen, Erfahrung und Geduld braucht. Aber am anderen Ende des Tunnels locken einfach zu schöne Rendite-Erwartungen: Oft sind die Areale gut erschlossen und die Nachfrage nach einigermassen zentral gelegenen Büro- und vor allem Wohnräumen ist fast überall hoch. In den Gewerbegebieten hingegen regiert der blanke Pragmatismus; meist stehen stumme Blechkisten beziehungslos nebeneinander. Ein über einige Jahrzehnte gewachsenes Industrieareal hat schlicht mehr Patina und Atmosphäre. Manches ist krumm und vielleicht nicht optimal, aber damit kann man sich arrangieren. Viel kostbarer als totale Perfektion sind die Räume – im Innern der Gebäude wie auch die dazwischen.

Das bestätigt Roman Holenstein von der Immobilien St. Gallen AG, Verwalter auf dem Konservenfabrik-Areal: «Die damaligen Baumeister haben uns extrem robuste Bauten hinterlassen. In einigen Gebäuden sind Bodenbelastungen von bis zu drei Tonnen möglich – im dritten Obergeschoss!»

Hierzu sollte man wissen, dass ein solcher Bau entsprechend stabil gebaut werden sollte, was ihn automatisch verteuert. Es seien aber keineswegs luxuriöse Bauten, versichert Holenstein. Die früheren Bauherren hätten genauso aufs Geld achten müssen. Aber sie hätten investiert und vielleicht nicht von jedem eingesetzten Franken verlangt, dass er im nächsten Quartal mit sechs Prozent rentiere. «Das ist im besten Sinne nachhaltig», sagt Holenstein.

Erfolgreich in der Nische
Er übernahm das Areal vor fünfzehn Jahren, kurz nach der Jahrtausendwende. Zusammen mit dem Eigentümer, dem Gossauer Nahrungsmittel-Industriellen Ernst Sutter, entwickelte er ein Vermietungskonzept, das eigentlich völlig naheliegend ist, aber aus heutiger Sicht fast schon exotisch wirkt. Sutter und Holenstein setzen auf kleine und mittlere Unternehmen, also auf KMU, die 99 Prozent aller Schweizer Betriebe ausmachen. Kleine und mittlere Gewerbebetriebe haben es zusehends schwer, in den Städten Räume zu finden – zu wertvoll ist der Boden und zu verlockend die Aussichten für die Landbesitzer, daraus mehr Kapital zu schlagen. Gleichzeitig können sie sich einen Neubau in einem Gewerbegebiet nicht leisten – sie fallen also zwischen Stuhl und Bank. In dieser Nische operieren Sutter und Holenstein mit dem Konservi-Areal, keineswegs als «Wohltätigkeitsverein», wie es der Verwalter ausdrückt. Die Liegenschaft müsse rentieren, doch er ist überzeugt davon, dass man auf diese Weise langfristig mehr Geld verdiene als mit einer Tabula-Rasa-Strategie.

Dabei ist es gar nicht so einfach, die verschiedenen Interessen und Ansprüche der Mieter zusammenzubringen. «KMU ist ein sehr allgemeiner Begriff», sagt Holenstein. «Dahinter steht eine grosse Vielfalt an Unternehmen: die sind etwas lauter, andere arbeiten eher still, bei den einen kommt täglich ein Lastwagen vorbei, die anderen tauchen nur am Wochenende auf.» Auf die enorme Diversität gibt es eigentlich nur eine Antwort: ein breites Angebot an unterschiedlichen Räumen. Genau das findet sich auf dem alten Industrieareal, Räume, die vielleicht zufällig entstanden sind und jetzt genau passen, Räume, die belastbar sind und erweitert werden können.

Rund 70 Betriebe mit 500 Arbeitsplätzen sind auf dem Konservenfabrik-Areal eingemietet, einen Überblick über die Vielfalt verschafft eine Tafel am Eingang. Das Spektrum reicht vom Nahrungsmittelfabrikanten über den Holzbauer, die Autowerkstatt und den Darmhandel bis zur Kampfsportschule und eben den Künstlerateliers.

Keine Nostalgie
Ende der 1980er-Jahre kaufte Ernst Sutter das vier Hektar grosse Areal, als die Konservenfabrik schon einige Jahre nicht mehr in Betrieb war. Die ältesten Bauten reichen bis Anfangs des 20. Jahrhunderts zurück, seither ist immer wieder etwas angefügt und neu gebaut worden. Da rücken die Bauten nahe zusammen, ein gewaltiges Dach schützt den Aussenraum vor Regen; dort wirkt es, als ob das Gebäude wie ein Wesen gewachsen sei, so unkontrolliert wurde angebaut; woanders wiederum ist der Raum klar gegliedert und übersichtlich. Bei einem Streifzug durch das Areal kommt man durch Strassen und Gassen, überquert Plätze, sieht Nischen mit Vor- und Rücksprüngen, überall Tore, Vordächer und Anlieferungsrampen.

Langeweile kommt hier nicht auf – und auch keine Nostalgie, denn Roman Holenstein ist Realist genug, um zu wissen, dass einige der Bauten am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind: «Dann müssen wir halt mal eines ersetzen oder aufstocken.» Veränderung, das macht er deutlich, soll weiterhin möglich sein auf dem Konservenfabrik-Areal. So wie es schon die ganze Zeit über war.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Landquarts langer Weg zur Kleinstadt

Der Fabrik- und Eisenbahnerort Landquart mausert sich zum Regionalzentrum. Gute Architektur und ein wachsendes Einkaufs- und Gastroangebot ziehen Bewohner an. Der öffentliche Raum belebt sich. Dahinter stehen eine beharrliche Ortsplanung.

14.09.2016 von Ruedi Weidmann

Bis 1858 gab es Landquart gar nicht. Dann bauten die Vereinigten Schweizer Bahnen die Bahnlinie Rheineck–Chur. Bei der Brücke über die Landquart stellten sie eine Station in die Wiese – die Loks mussten Wasser tanken. Jemand zog eine Linie durchs Gras zur Deutschen Strasse hinauf: die Bahnhofstrasse. Der erste, der sie für eine gute Adresse hielt, war ein Wirt. Der Optimist baute an der Bahnhofstrasse 1 ein Hotel und nannte es «Landquart». Für seine Gäste, die von hier aus eine Kutsche nach Davos nahmen, liess er einen grossen Park mit prächtigen Bäumen anlegen. Seither gab es immer wieder Anläufe, Landquart zu einer Kleinstadt zu machen. Heute steht es knapp vor dem Ziel.

Der Bahnhof als Motor
Mit dem Bahnanschluss entstanden am Mühlbach Fabriken, darunter die bekannte Papierfabrik. 1889 eröffnete die Landquart–Davos-Bahn. Sie wurde zur Rhätischen Bahn, ihre Werkstatt zur Hauptwerkstätte der RhB. An der Bahnhofstrasse entstanden Wirtschaften, Lebensmittelläden und enge Arbeiterwohnungen. Landquart war nun Verkehrsknoten und Eisenbahnerort. Es wuchs, aber ein schmuckes Städtchen wurde es nicht. Thomas Mann nannte es im Roman «Zauberberg» «eine windige und wenig reizvolle Gegend».

Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden weitere Gasthöfe, die Landwirtschaftliche und die Gewerbeschule, eine Kirche, das Primarschulhaus. Auf Land der SBB und der RhB wohnten Bähnlerfamilien in kleinen Häusern mit grossen Gärten. Heimatstil war die Architektur der Stunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Wohnblöcke und vier Wohnhochhäuser hinzu. 1964 kam die Autobahn. Sie brachte keinen Boom, im Gegenteil: Man fuhr jetzt an Landquart vorbei direkt nach Davos. Das Industriegebiet wuchs, aber die Automatisierung frass die Arbeitsplätze weg. An der Bahnhofstrasse wurden die Hotels zu Beizen und die Fassaden grau, Läden standen leer, das Kino ging zu. Was blieb, war der Verkehrsknoten. Migros und Coop erkannten als erste Landquarts Potenzial als regionales Dienstleistungszentrum. Um 1990 entstand so an beiden Enden der Bahnhofstrasse ein Supermarkt. Sie waren so gross, dass es Sonderbauvorschriften brauchte. Das zwang die Gemeinde, sich mit Ortsplanung zu beschäftigen. Das war der Anfang des Aufschwungs.

Doch Ortsplanung braucht Ausdauer. Visionen stossen zuerst stets auf Skepsis, und bis Entwicklungen sichtbar werden, müssen sie jahrelang vorbereitet werden. Wie ist da Planen überhaupt möglich? Bei allen erfolgreichen Beispielen steht ein tatkräftiges Team dahinter, in dem Politik, Verwaltung und Fachleute über Jahre am gleichen Strick ziehen. In Landquart waren es der Gemeindepräsident, der Leiter des Bauamts und der beauftragte Ortsplaner. Seit den Neunzigerjahren sammelte das Trio Bedürfnisse, definierte Ziele, entwarf Pläne, beriet Bauherrschaften und vernetzte sich mit allen, die helfen konnten. In unzähligen Gesprächen überzeugte es Grundbesitzer, Investoren und Bewohner, dass alle profitieren, wenn jeder seinen Beitrag zu mehr Qualität leistet. Kommunikation ist das A und O jeder Ortsplanung.

Bis 2000 war die Zonenordnung überarbeitet. Sie erlaubte dichteres Bauen in der Kernzone. Gleichzeitig sorgte der neue generelle Gestaltungsplan dafür, dass Neubauten den Strassenraum einheitlich fassten. Und mit Bearth & Deplazes, den Architekten des spektakulären ÖKK-Hauptsitzes an der Bahnhofstrasse, entwickelte die Gemeinde ein wirkungsvolles Instrument, mit dem sie bei der Qualität von privaten Bauvorhaben mitreden kann: die Urbane Zone. Hier darf ein Investor noch einmal dichter und höher bauen, sofern er die Wünsche der Gemeinde nach gemischter Nutzung, sorgfältiger Einpassung und guter Gestaltung umsetzt. Das Resultat wird sichtbar: In Landquarts Bahnhofstrasse lässt sich heute flanieren, denn die neuen Bauten bieten allen etwas.

Vom Kiesweg zum Boulevard
Das Hotel Landquart ist verschwunden, aber einkehren kann man zum Beispiel im Boulevardcafé im gleissend weissen ÖKK-Hauptsitz oder im gestylten Café Central. Daneben Läden, Bankfilialen, die schöne Volksbibliothek. Die Neubauten sind abwechslungsreich, aus Glas, Backstein oder Beton, aber stets mit gemischter Nutzung: Über den Läden liegt eine Büroetage, darüber drei bis fünf Wohngeschosse. Dies führt dazu, dass jederzeit Menschen zu Fuss unterwegs sind. Die hohen Zeilen bilden einen geschlossenen Strassenraum. Doch öffnen sich Durchgänge in offene Höfe und zu den Wohnbauten in der zweiten Reihe. Zwischen den Neubauten zeugen das Hotel Schweizerhof in schönem Heimatstil und kleine Wohnhäuser mit farbigen Gärten von Landquarts Tourismus- und Industrie-Ära.

Letztes Jahr ist der Gemeindepräsident im Amt verstorben, und der Leiter des Bauamts wurde pensioniert. Für den Ortsplaner bedeutet das, die nächste Generation Politiker und Gemeindeangestellte in die Zusammenhänge und die Planungsinstrumente einzuführen. Weil es so lange dauert, bis Ortsplanung wirkt, sollte sie kontinuierlich fortgeführt werden. Lässt man nach, sinkt die Qualität der Entwicklung Jahre später und lässt sich dann nur sehr langsam wieder korrigieren.

Der Erfolg bringt auch neue Aufgaben. Je mehr sich Landquart erneuert, umso wichtiger werden seine Wurzeln. Ein Inventar der historischen Bauten fehlt noch. Die Primarschule Rüti, das Hotel Schweizerhof, ein Wohn- und Geschäftshaus am Kreuzplatz und weitere öffentliche und private Häuser bilden ein eindrückliches Heimatstil-Ensemble. Sorgfältig revitalisiert, könnten sie zum Merkmal Landquarts werden und dafür sorgen, dass im raschen Wandel das Heimatgefühl nicht verloren geht.

Drei kleine Plätze und ein grosser Platz
Landquarts Lebensader, die Bahnhofstrasse, soll noch belebter werden. Die Gemeinde will den Strassenraum neu gestalten, mit mehr Bäumen und drei Plätzchen. Richtig gross ist der Bahnhofplatz, wo alles anfing. Die eine Hälfte ist seit kurzem eine Begegnungsfläche mit Bäumen, Brunnen und Bänken. Über Mittag sitzen Angestellte, Schüler und ältere Leute auf den Bänken, vor dem Bahnhofbuffet und dem Restaurant Binari.

Seit letztem Jahr steht auf der Südseite das regionale Verwaltungszentrum des Kantons, von Jüngling und Hagmann gekonnt proportioniert. Es ist überraschend hoch, doch der grosse Platz erträgt das gut. Die Fassade wird flankiert von zwei mächtigen Blutbuchen. Gepflanzt hat sie vor 160 Jahren der optimistische Hotelier, der fest daran glaubte, dass Landquart eine Stadt werden würde.

Bild: Michel Canonica

Neuhausen bricht auf in die Zukunft

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Die Stadt am Rheinfall ist Teil des Grossraums Zürich geworden. Das zeigt sich an den vielen Projekten, die in den letzten zwei Jahren
publik geworden sind. Im Zentrum stehen die neue S-Bahn-Haltestelle und mehrere Industrieareale, die sich für verdichtetes Bauen eignen.

27.08.2016 von Caspar Schäfer

«Millionenzürich»: Vor einigen Jahren schaffte es dieser Begriff aus der Welt der Fachleute in die Tageszeitungen. Er macht deutlich, dass Zürich mehr ist als nur die Stadt selber und dass sie ihr Einzugsgebiet erheblich erweitert hat. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer «Metropolregion», oder eben vom «Millionenzürich». Das Besondere an der Metropole Zürich ist ihre Vielgestaltigkeit. Sie besteht bei weitem nicht nur ausder grossen Kernstadt am See, sondern setzt sich aus vielen kleineren und grösseren Städten zusammen. Zug gehört dazu, Baden ebenfalls, Frauenfeld mittlerweile auch – und im Norden Schaffhausen und Neuhausen am Rheinfall.

Projekte Schlag auf Schlag
Bis anhin war in Neuhausen die Metropole nicht gross zu spüren. Ein fernes Brummen war mal lauter, mal leiser vernehmbar. Grundsätzlich fühlte man sich weit genug entfernt von der Grossstadt, die wie überall in der Schweiz eher skeptisch beobachtet wird. Inzwischen ist jedoch die Metropole in Neuhausen angekommen, und wie: Innert kürzester Zeit wurden in der Gemeinde am weltberühmten Rheinfall Schlag auf Schlag so viele neue und grosse Bauprojekte bekannt, dass den Neuhauserinnen und Neuhausern fast Hören und Sehen vergeht. Was ist da los? Warum plötzlich diese Unrast? Schliesslich ist die Bevölkerung in Schaffhausen und Neuhausen zwischen 1995 und 2012 kaum gewachsen.

Drehscheibe am Industrieplatz
Die Vermutung liegt nahe, dass die im Dezember 2015 in Betrieb genommene S-Bahn-Haltestelle «Neuhausen Rheinfall» eine wichtige Rolle spielt. Früher förderte in erster Linie die Autobahn die Erreichbarkeit und damit die Zersiedelung. Dabei wird der Faktor «Erreichbarkeit» nicht in Kilometern, sondern in Zeiteinheiten gemessen: Wie viele Minuten Fahrt ist das Zentrum entfernt? Diese Frage ist für Pendler von zentraler Bedeutung.

Das Schweizer Stimmvolk hat 2013 dem neuen Raumplanungsgesetz zugestimmt, in dem zum ersten Mal der Grundsatz des «haushälterischen Umgangs mit dem Boden» tatsächlich Rechnung getragen wird. Vorher war es einfach ein Satz, den mehr oder weniger alle fröhlich ignorierten. Jetzt geht das nicht mehr. Der Kanton Schaffhausen hat zwar grosse Baulandreserven, muss diese nun aber reduzieren. Verdichtung nach innen heisst heute: Dort bauen, wo die Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereits gut ist. Das ist nun mal in den beiden den Zentrumsgemeinden Schaffhausen und Neuhausen eher der Fall als anderswo im Kanton. Mit der neuen S-Bahn-Haltestelle wird das Zentrum von Neuhausen auf einen Schlag nicht nur gut, sondern gleich hervorragend erschlossen.

Somit ist Neuhausen am Rheinfall auf der Landkarte der Immobilienentwickler aufgetaucht – jenen Unternehmen also, die von jedem Grundstück in der Schweiz sämtliche Vor- und Nachteile kennen. Dass sich im Zentrum Neuhausens gerade die Lagegunst bedeutend verbessert hat, wissen sie seit 2011, als die Bevölkerung des Kantons Schaffhausen den Ausbau der S-Bahn an der Urne genehmigt hat. Praktischerweise befinden sich neben der neuen Haltestelle gleich mehrere immobilientechnisch interessante Areale. Da ist zunächst das riesige SIG-Areal, für das ein sorgfältiger Masterplan erarbeitet und im August der Bevölkerung vorgestellt wurde.

Gleich nebenan, rund um den Industrieplatz und direkt an der Haltestelle, wurden für drei weitere Gebiete Planungen bekannt, und auch im Zentrum selber sollen Neubauten entstehen. Am Industrieplatz stehen noch zwei bis dreigeschossige Häuser, etwas eigenwillig zusammengestellt und unverkennbar in die Jahre gekommen – das alte, vielleicht etwas schrumpleige Neuhausen. Nun ist aber die S-Bahnstation da, und der Kanton hat den Industrieplatz zu einem so genannten Entwicklungschwerpunkt der Agglomeration Schaffhausen erklärt. Für alle Projekte wurden unter Architekten Wettbewerbe ausgeschrieben, einen gewann sogar der britische Stararchitekt Tony Fretton, der bekannt ist für seine unaufgeregte Gelassenheit. Die Projekte wirken auf den bisher bekannten Bildern deutlicher städtischer als der Neuhauser Durchschnitt: Ihre Fassaden erscheinen weltläufiger, aber auch etwas weniger verwurzelt mit dem Ort. Eines lässt sich jedenfalls jetzt schon sagen: Rund um den Industrieplatz wird – wenn alles so kommt wie  zur Zeit vorgesehen – unübersehbar an der Metropolregion gebaut.

Anbinden an die Stadt
Ein Stück hangaufwärts, wieder an einer Bahnstation, dieses Mal jener der Deutschen Bahn, liegt mit dem Rhytech-Areal ein weiteres Gebiet, das sich von der Lage her ideal für eine Verdichtung eignet – jedenfalls beinahe. Innerstädtische Industriebrachen wie diese sind eine Kostbarkeit, sind sie doch in der Regel verhältnismässig gut erschlossen. Dafür fehlt die Anbindung an die umliegenden Quartiere, weil die Areale einst als geschlossene Bereiche konzipiert waren, die eben gerade nicht von jedermann durchquert werden konnten. Die neue Verknüpfung mit dem umgebenden städtischen Gewebe stellt eines der grössten Probleme jeder Umnutzung eines Industrieareals dar – auch und gerade beim Rhytech-Areal taucht diese Frage ganz vorne auf.

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Die Klettgauer- und Zollstrasse, die das Areal im Nordwesten und Nordosten begrenzen, gehören zu den am stärksten befahrenen Strassen des Kantons. Bis anhin war das zumindest für das Rhytech-Areal nicht weiter von Bedeutung. Nun aber, wenn dort gewohnt werden soll, werden der Lärm und der unablässige Strom von Autos und Lastwagen zum Problem. Es braucht einiges an architektonischem und städtebaulichem Geschick, um die «Insel» Rhytech-Areal wieder in die alltäglichen Fusswege der Neuhauser einzubinden. Auch hier wurde ein Wettbewerb unter Architekten ausgeschrieben, den der Zürcher Peter Märkli für sich entscheiden konnte. Märkli steht wie Fretton für hohe Qualität der Räume und der Ausführung, aber auch ein Star kann nicht die Welt komplett verändern. Die Anbindung an die umliegenden Quartiere müssen Gemeinde und Kanton lösen.

Zu reden in Neuhausen gab das Projekt auf dem Rhytech-Areal aber wegen ganz anderer Dinge. Vorgesehen sind zwei Wohnhochhäuser, und dies sorgt in der Schweiz immer für Gesprächsstoff. So richtig willkommen waren sie ausserhalb der Städte nie, obwohl sich die Stimmung in den letzten zehn, fünfzehn Jahren wieder etwas zu ihren Gunsten geneigt hat. Auf dem Rhytech-Areal bündeln die beiden Türme einen Grossteil der neuen Wohnnutzung und schaffen auf dem Boden Platz für eine weitläufige Plattform, auf der man sich frei bewegen kann.

Vor allem aber können Altbauten erhalten werden, so etwa eine der Industriehallen. Die Halle 22 ist ein wichtiger «Identitäts-Anker», der daran erinnert, dass Neuhausen nicht nur eine Wohnstadt, sondern dass hier auch gearbeitet wird. Die beiden Hochhäuser wiederum werden (wie so oft) zum sichtbaren Zeichen eines Aufbruchs. Neuhausen hat eine Zukunft, das ist immerhin schon mal etwas.

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Bilder Hanspeter Schiess, Visualisierung pd

Dorfpark gegen Wachstumsschmerzen

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Schon dass ein Dorf einen Park anlegen lässt, ist ungewöhnlich. Doch der neue Dorfpark im liechtensteinischen Triesen zeigt den Dorfbewohnern auch noch, wie sie einige Dinge ändern könnten, die ihnen das Leben schwer machen.

23.07.2016 von Ruedi Weidmann

 

Triesen liegt prächtig am Osthang des Rheintals. Etwa 5000 Menschen leben hier inmitten von Weiden, Baumgärten und Rebbergen mit Blick über die weite Ebene auf Alvier, Pizol und Alpstein. Die meisten wohnen in einem Einfamilienhaus mit Garten. Wozu braucht es da einen Park? Tatsächlich kann man den Dorfpark leicht übersehen, obwohl er direkt an der Landstrasse liegt, die als Lebensader durch Liechtensteins Dörfer führt. Auf den ersten Blick unterscheidet ihn nichts von anderen Wiesen im Dorf. Das ist so gewollt. Den Landschaftsarchitektinnen Catarina Proidl und Jacqueline Kissling lag viel daran, dass er sich möglichst selbstverständlich in die Umgebung einfügt.

Ländliche Szenerie
Zwei geschwungene Fusswege führen durch die hohe Blumenwiese an zwei grossen alten und einem Dutzend junger Obstbäume vorbei auf die Gemeindeverwaltung zu. Nach einigen Schritten wird klar, es ist kein gewöhnlicher Baumgarten – oder «Bongert»,wie man hier sagt. Unter einigen Bäumen ist das Gras kreisförmig gemäht. In diesen Rasenkreisen stehen Tische und Stühle aus leuchtend blauem Blech. Wo das Gelände gegen das Gemeindehaus abfällt, liegt ein Podest mit Kiesbelag und hölzernen Sitzstufen, darauf ein Brunnentrog aus Stahl. Das Plätschern übertönt den Lärm der Landstrasse. Eine verführerische ländliche Idylle! Zwei Treppen führen hinauf zu den Büros der Gemeindeangestellten, in einen schmalen Durchgang zum Gemeindesaal und auf die Terrasse der benachbarten Musikschule. Es ist nicht zu übersehen, dass das 1980 erstellte Gemeindehaus dem Park seine Rückseite zuwendet. Auch die 2004 gebaute Liechtensteinische Musikschule stösst mit einer fast fensterlosen Mauer an den Park, das ältere Wohn- und Geschäftshaus vis-à-vis wendet sich ebenfalls ab. Man merkt, dass der Park nach den Häusern entstanden ist.

Gemeindehaus im Abseits
Um 1980 hatte man wie überall die Hauptstrasse mit ihrem wachsenden Verkehr als Lebensraum aufgegeben. Das neue Gemeindehaus entstand etwa fünfzig Meter abseitsan einer Nebenstrasse. Unter und neben dem Neubau gab es jede Menge Parkplätze, aber ein Zugang von der Landstrasse her, wo der Bus hält, fehlte, und ebenso ein Garten. Zwischen Gemeindehaus und Landstrasse standen ein Bauernhof und die alte Post, sie wurden abgebrochen. Zurück blieb eine Brache mit einer verwilderten Hecke und Trampelpfaden zur Hintertür der Gemeindeverwaltung. Ein unangenehmer Ort, der bei Festen zum Pissoir verkam.

Die Bürgergenossenschaft Triesen, die das Kulturerbe der «Bongert» pflegt, pflanzte 2006 auf der Brache Apfel- und Birnbäume. Und als 2013 die Gemeindeverwaltung erweitert und renoviert wurde, konnte der Wunsch nach einem Aussenraum und einem Zugang von der Landstrasse erfüllt werden. Die Gemeinde erwarb den Baumgarten von der Bürgergenossenschaft, liess die Hintertreppe vergrössern und gab Catarina Proidl aus Schaan den Auftrag, einen Park zu gestalten. Diese zog Jacqueline Kissling aus Rorschach bei.

Aus Hinterhof wird Vorgarten
Wie verbindet man Hintertreppen, Rückansichten und Restflächen zu einem Garten? Die Landschaftsarchitektinnen gingen sanft an die Aufgabe heran. Sie suchten verborgene Qualitäten und verstärkten diese klug: Die Obstbäume liessen sie stehen. Die neuen Wege legten sie auf die Trampelpfade, wo sie ja offensichtlich einem Bedürfnis entsprachen. Sie verwendeten die roten Pflastersteine, die schon um das Gemeindehaus verlegt waren, und die weissen Hortensien, die da , schon wuchsen. Die blau-weisse Hibiskushecke vor der Musikschule verlängerten sie über die Strassenseite des Parks. Indem sie aufgriffen, was schon da war, konnten sie die zerstückelte Umgebung zusammennähen. Die verwilderte Hecke verschwand mit Ausnahme von zwei Linden. Nun ist das Gemeindehaus von der Landstrasse aus sichtbar. Die Besucher des Jugendtreffs belegen abends die Sitzstufen am Brunnen, die Angestellten nutzen die blauen Tische. Zwar ist die Rückseite nicht zum Haupteingang geworden, doch der Park hat das Gemeindehaus mit wenig Aufwand näher dahin gerückt, wo er hingehört: ins Zentrum, an die Hauptstrasse, zu den Bürgerinnen und Bürgern.

Wohlstand und Vereinzelung
Hinter dem Dorfpark steht aber noch ein anderes Bedürfnis. Es hängt mit der Umwälzung zusammen, die in Triesen im Gang ist: Das einstige Bauern- und Industriedorf wandelt sich zur Agglomerationsgemeinde in einer boomenden Dienstleistungsökonomie. Der wachsende Wohlstand geht mit einer enormen Bautätigkeit und Individualisierung einher. Liechtensteins Dörfer wachsen zusammen, die Landstrasse kann die Autos nicht mehr schlucken. Es gibt hier zwei pro Haushalt, man fährt zum Mittagessen nach Hause. Man lebt im Einfamilienhaus, im Büro, im Auto, im Stau. Man verliert sich aus den Augen. Die Gemeinden spüren die Folgen der Vereinzelung, etwa bei der Betreuung von pflegebedürftigen Menschen.

Städte haben Rezepte gegen diese Wachstumsfolgen erfunden. Ihre Dichte ermöglicht Nähe und Austausch. Einen «dörflichen» Lebensstil findet man heute am ehesten in dichten Innenstadtquartieren, wo die Mehrzahl ohne Auto lebt und man sich in Quartierläden und Cafés begegnet. Dafür leiden heute Agglomerationsgemeinden unter Verkehr und Anonymität. Sollen sie Stadt werden? Nicht alle können das. Viele wollen lieber Dorf bleiben – oder besser: das Dorf wiederbeleben. Dafür müssen sie städtische Rezepte an lokale Traditionen anpassen.

Neuer Lebensstil
Nun ist klar, wozu Triesen einen Park braucht: nicht zur Verschönerung – als Treffpunkt. Leise und charmant macht er ein Angebot für einen anderen Lebensstil mit weniger Hektik und Mobilität, dafür mit mehr Musse und Austausch. Mit Brunnen, Obstbaum, Kiesweg, Tisch und Stuhl haben die Gestalterinnen dörfliche Zutaten für das städtische Rezept Park gefunden. So fällt er nun kaum auf, hält das Können und die Sorgfalt, mit der er gestaltet ist, fast zu sehr unter dem Deckel. Aber es gelingt ihm das Beste, was ein Garten leisten kann: ein einladender Ort zu sein.

Noch wird er nicht überrannt, doch geschätzt. Es scheint eine Frage der Zeit, bis es auch hier üblich wird, den Mittag im Park zu verbringen. Der Dorfpark Triesen ist Teil eines globalen Trends, der Rückeroberung des öffentlichen Raums als Lebensort. Nicht jede Wiese darf Bauland werden. Ein Dorf braucht seinen «Bongert» und die Menschen

 

Bilder Hanspeter Schiess

Eine Brücke, die das Auge schärft

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Die Taminabrücke reiht sich ein in den Stammbaum des Schweizer Brückenbaus. Trotz ihrer spektakulären Konstruktionsweise inszeniert sie nicht sich selber, sondern die Landschaft. Die Spannbeton-Bogenbrücke über die Tamina wird nächstes Jahr eröffnet.

 

18.06.2016 von Rahel Hartmann Schweizer

Unser Land sei durchlöchert wie ein Schweizer Käse, besagt ein Bonmot, das den Respekt vor der ingenieurtechnischen Leistung verhehlt. Erst vor zwei Wochen wurde mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels ein Jahrhundert-Durchstich gefeiert. Die Schweiz ist aber nicht minder ein Brückenland. Ebenso wie Erhebungen untergraben, werden Täler und Schluchten überbrückt. Das Schweizer Schienennetz ist mit 8200 Brücken bestückt und die Autobahnen mit deren 3000. Die Topographie der Schweiz – ansonsten Aushängeschild für die Tourismuswerbung – wird auf der Ebene des Verkehrs nivelliert. Das wird einem besonders bewusst, wenn man im Ausland unterwegs ist und Serpentine um Serpentine erklimmt, mittels derer Hügelzüge und Talsohlen umfahren werden.

Während Tunnels den Eingriff in die Landschaft naturgemäss kaschieren, treten Brücken markant in Erscheinung – manche von ihnen sind dem Landschaftsschützer ein Dorn im Auge. Die in den 1970er Jahren gebaute Sihlhochstrasse vor den Toren Zürichs ist ein Schandfleck par excellence. Und Rekorde sind nicht per se bemerkenswert. So ist die mit 3155 Metern längste Brücke der Schweiz, das Viaduc d’Yverdon, die vier Gewässer, mehrere Strassen und die Eisenbahnlinie Lausanne–Yverdon quert, alles andere als eine Augenweide.

Inszenieren oder sich einfügen
Beispiele wie dieses führen dazu, dass die Bevölkerung Brückenbauten ambivalent gegenübersteht. Meist werden sie als reine Zweckbauten empfunden. In vielen Fällen sind sie das jedoch keineswegs. Ingenieure wie Robert Maillart in der Vergangenheit und Conzett, Bronzini & Gartmann, Christian Menn, Fürst Laffranchi in der Gegenwart forschten und forschen an Lösungen, die konstruktive mit ästhetischer Qualität verbinden, Tragfähigkeit mit Formschönheit, so dass Brücken nicht als Riegel wirken, als Barrieren die Topographie negieren, sondern ihren spektakulären Aspekt inszenieren. Dabei gibt es verschiedene Interpretationen des Inszenierens. Es kann bedeuten, «eine Landmarke zu erstellen», also das Bauwerk in den Vordergrund zu spielen, oder aber konträr meinen, die spektakuläre Landschaft zu unterstreichen, indem das Bauwerk sich in sie einfügt.

Mehr als nur Talhälften verbinden
Die 24 Projekte, die bei dem vom Kanton St. Gallen 2007 ausgeschriebenen Wettbewerb für den Bau der Taminabrücke eingereicht wurden, waren ein Abbild dieser beiden Entwurfshaltungen. Wohl bewerkstelligten alle Projektverfasser die Verbindung der Dörfer Valens und Pfäfers, die durch eine 200 Meter tiefe Schlucht voneinander getrennt sind, ohne Zwischenabstützung, das heisst, ohne die Talsohle zu berühren. Doch die Ausbildungen als Sprengwerke, Hänge- oder Schrägseilbrücken, Rahmen- oder Fachwerkkonstruktionen waren in erster Linie Zeugnisse brillanter Ingenieurskunst. Demgegenüber gelang dem deutschen Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä & Partner mit ihrem Stahlbetonbogen die Inszenierung mittels Einpassung. Mit ihrem Stahlbetonbogen gewann das Büro denn auch die Ausmarchung.

Die bisherige Gemeindestrasse von Bad Ragaz nach Valens führte durch ein Rutschgebiet, was sie gefährlich und oft sanierungsbedürftig machte. An den Bau der Brücke knüpft sich daher nicht nur die Absicht einer kürzeren Verbindung zwischen Pfäfers und Valens, sondern auch die Hoffnung auf eine sichere Erschliessung der Klinik Valens, deren wirtschaftliche Prosperität dem Kanton am Herzen liegt. Und schliesslich wünscht man sich auch die Entlastung des Ortskerns von Bad Ragaz.

Schonender Freivorbau
Am 28. März 2013 erfolgte der Spatenstich. Zunächst wurden die Fundamente, die sogenannten Kämpfer, erstellt. 2014 wurde der Bogen mit seinen 265 Metern Spannweite in Angriff genommen und im Freivorbau mittels Hilfspylonen und Rückhaltekabeln von beiden Talflanken her in Richtung Scheitelpunkt errichtet. Auf diese Weise bedurfte es keines Lehrgerüsts, so dass die Schlucht, die ein Schongebiet ist, kaum angetastet wurde.

Ausserdem wurden ökologische Ersatzmassnahmen ergriffen. Sie beinhalteten die Bachrevitalisierung im Gebiet Valur, die Schaffung von Querungsmöglichkeiten für Wildtiere und von Strukturen für Fledermäuse an der Brücke sowie des Naturwaldreservats Badtobel, die Planung von neuen Obstgärten und die Instandstellung beziehungsweise der Ersatz von Trockensteinmauern.

Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Spatenstich wurde am 28. März 2015 der Bogen der Brücke geschlossen. Er zeichnet sich durch eine Eleganz aus, die einerseits von den radial angeschlossenen Bogenstützen ausgeht, die den Schwung des Bogens betonen. Andererseits dynamisiert die Asymmetrie – auf der einen Seite sind es zwei Bogenstützen, auf der anderen deren drei – die Spannung der Überbrückung. Sie vermittelt den Eindruck eines beweglichen Überspringens der Schlucht.

Maillard-Kapitel fortsetzen
Wenn die Spannbeton-Bogenbrücke über die Tamina nächstes Jahr eröffnet wird, schreibt sie ausserdem ein Kapitel fort, das Robert Maillart mit der 1930 errichteten Salginatobelbrücke zwischen Schiers und Schuders gewissermassen aufgeschlagen hat. Ebenso wie diese sensibilisiert sie nicht nur für den Wert von Infrastrukturbauten, sondern auch für die Landschaft, deren Schönheit manches Auge erst durch sie erkennt.

Eine bessere Landschaft modellieren

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Hunderttausende Tonnen Aushub und Bauschutt werden in der Deponie Tüfentobel jährlich gesammelt. Das Material aus einem Einzugsgebiet, das vom Bodensee bis ins Toggenburg und von Wil bis an den Alpstein reicht, wird hier zu einer neuen Landschaft geformt.

 

14.05.2016 von Caspar Schäfer

Ein Bauboom ist anhand mehrerer Merkmale zu erkennen. Zunächst fallen natürlich die vielen Neubauten auf, seien es nun Einfamilienhäuser, Wohnsiedlungen, Gewerbebauten oder Fussballstadien. Vielleicht bemerkt der eine oder andere die Profilstangen der Baugesuche, bereits bevor gebaut wird. Schliesslich ragen überall dort, wo gebaut wird, die Kräne in den Himmel und erzählen weithin erkennbar von der Dynamik der Veränderung.

Generationenprojekt
Weniger sichtbar und abseits des allgemeinen Interesses gibt es einen weiteren Indikator, der sehr  direkt mit der Bautätigkeit verknüpft ist und der sich bei näherer Betrachtung als gar nicht so unscheinbar herausstellt. In der Deponie Tüfentobel werden jährlich Tausende, ja Hunderttausende Tonnen von Aushubmaterial von zahlreichen Baustellen angeliefert. Jedes Einfamilienhaus mit Keller, jedes Bürogebäude mit Tiefgarage und erst recht ein Shoppingcenter liefert Aushub in die Deponie. Es ist dies nichts weniger als die gewaltige Verschiebung von Erde aus einem Einzugsgebiet, das vom Bodensee  bis ins Toggenburg und von Wil bis an den Alpstein reicht.

Aber was interessiert schon eine Deponie? Wir lassen dort bekanntlich Material verschwinden – in dem Fall Aushub – das wir nicht mehr gebrauchen und deshalb nicht mehr sehen wollen. In der sowieso schon kleinräumig organisierten Schweiz, die zusehends dichter besiedelt wird, lässt sich aber eine Deponie immer weniger verstecken. Das zeigt sich exemplarisch an der Deponie Tüfentobel. Sie ist keineswegs abgelegen, liegt knapp ausserhalb der Stadt St.Gallen in deren Westen – und das Material verschwindet auch nicht, im Gegenteil: Es wird zum Bau einer neuen Landschaft verwendet. Aus dem von unzähligen Einfamilienhauskellern verdrängten Erdreich entstehen weiche Hügelzüge, verschiedene Bachläufe und ein Wald mit Lichtungen und allem Drum und Dran. Wie das Hausbauen erfordert auch das Landschaftbauen die kluge Umsicht von Ingenieuren und die formende Hand eines Gestalters, hier das Büro PR Landschaftsarchitektur aus St.Gallen und Arbon.

Im Tüfentobel wird seit Mitte der 1960er-Jahre Material deponiert. Die Arbeit begann unten an der Sitter bei der Spisegg. Schon 1964 wurde fast das ganze Tobel bis hoch nach Engelburg als Gebiet für die Deponie reserviert. Ursprünglich wäre einfach das ganze Tal bis oben hin aufgefüllt und anschliessend wieder rekultiviert worden. Mitte der 1980er-Jahre setzte ein Umdenken ein, während das deponierte Material langsam den Hang hinauf wuchs: Wenn eine Landschaft schon derart stark beansprucht wird wie dasb Tüfenbachtobel, könnten die Verursacher der Natur ja wieder etwas zurückgeben. Man könnte sich sogar vornehmen, dass die Landschaft nachher «besser» ist als vorher, also vielfältiger, abwechslungsreicher und vor allem attraktiv für Flora und Fauna.

Das sind schöne Gedanken, die aber der Konkretisierung bedürfen. Erste Vorstudien wurden gemacht und erste Grobprojekte erarbeitet. Es eilte nicht, schliesslich handelt es sich um ein Generationenprojekt, das über Jahrzehnte hinaus wirksam ist. Die neue Landschaft, die da entworfen wird, bleibt dann bis auf weiteres bestehen – so lange, dass unsere Urenkel gar nicht glauben wollen, dass diese Hügel aus den 2040er-Jahren künstlich sein sollen. Gemeinsam mit Spezialisten des Erdbaus, der Geologie und Hydrologie und natürlich mit dem Betreiber der Deponie entwickelten die Landschaftsarchitekten ein neues Konzept für ein Gebiet mit einer Längenausdehnung von  1,2 Kilometern und 100 bis 200 Metern Breite.

Technik und Gestaltung
Wie bei jedem Bauprojekt gilt es funktionale und technische Bedingungen einzuhalten. So kann gewisses Material nicht ohne weiteres deponiert werden, weil darin biologische oder chemische Reaktionen stattfinden, die man gerne unter Kontrolle behalten möchte. Jedes Material hat seine Eigenschaften und lässt sich auf unterschiedliche Arten zu Hügeln aufschichten – um ein Abrutschen zu verhindern, darf  in bestimmter Böschungswinkel nicht überschritten werden. Zu diesen zwingend zu erfüllenden Anforderungen kommen nun gestalterische Leitlinien, die keineswegs «weicher» sind. Zwei der  wesentlichsten sind prägend für die künftige Landschaft im Tobel.

Die wohl wichtigste Massnahme ist die Freilegung des Tüfenbachs und seiner seitlichen Zuflüsse, die zurzeit noch unter der Deponie in betonierten Kanälen fliessen. Mit der Renaturierung verbunden ist das zweite zentrale Anliegen der Landschaftsarchitekten: Die durchgehende Hangkante im Osten des Deponie-Perimeters soll erhalten bleiben, um die Landschaft weiterhin «lesbar» zu machen. Ihr entlang wird der Tüfenbach fliessen, und so ein vertrautes Bild erzeugen. Ein etwas mehr als 300 Meter langes Teilstück des Tüfenbachs erblickt seit 2010 wieder das Tageslicht. Auf einem Spazierweg östlich des Eingangs zur Deponie kann die neue Landschaft wie eine Art Prototyp begutachtet werden. Der Bach fliesst, als wäre er schon immer da gewesen, rechts die bewaldete steile Flanke und links ein sanft  geneigter Hügelzug, der von Pionierpflanzen besiedelt wird.

Heisslaufende Bauwirtschaft
Hinter dem Hügel ist es aber vorbei mit der Idylle. Hier ist die Deponie noch in vollem Betrieb, und man fühlt sich fast schon in einer Mondlandschaft. Der Wald ist gerodet, der Boden aufgewühlt und über den Köpfen rattert ein Förderband, dasan spektakulär auskragenden Masten hängt. Darauf wird der Aushub tief ins Tobel hinein transportiert. Das spart Zehntausende von Lastwagenfahrten auf dem Areal und ist erst noch effizienter. Trotzdem war die Deponie in den letzten Jahren stark bis sehr stark ausgelastet – und damit kommt wieder der Bauboom ins Spiel. Das Jahr 2013 war ein Rekordjahr, in dem insgesamt rund 770000 Tonnen nichtbrennbare Abfälle angeliefert wurden; davon waren alleine 710000 Tonnen Aushub.

Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Mitte der 1970er Jahre kam es im Zug der Ölkrise zu einem Einbruch, der erst in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre aufgeholt wurde. Dann kam die schwere Immobilienkrise, welche die ganze Schweiz erschütterte, und seit 2006 steigt das Volumen sprunghaft an. So stark, dass die Prognosen revidiert werden mussten.

Wenn es so weitergeht, wird die Kapazität nicht wie erwartet bis 2040 ausreichen, sondern die Grenze schon deutlich vorher erreicht, vielleicht schon zwischen 2020 und 2025. Das würde wiederum bedeuten, dass wir sehr viel früher Teile einer neu modellierten Landschaft mit Hügelkuppen, Wäldern und Lichtungen geniessen können.

Bilder: Michel Canonica

Zwei Steine hier – eine Perlenschnur da

  • Gutes Bauen: Antipoden in Vaduz
  • Gutes Bauen: Bregenz (Kunsthaus und Voralbergmuseum)
  • Gutes Bauen: Bregenz (Kunsthaus und Voralbergmuseum)
  • Gutes Bauen: Bregenz (Kunsthaus und Voralbergmuseum)

Die Black Box des Kunstmuseums Lichtenstein und der White Cube der Hilti Art Foundation in Vaduz sind präzis gesetzte städtebauliche Steine. Demgegenüber gliedern sich die Museumsbauten in Bregenz in eine urbane Perlenschnur ein.

 

23.04.2016 von Rahel Hartmann Schweizer

Der Vergleich mit den «gegensätzlichen kosmischen Prinzipien des weissen, männlichen Yin und des schwarzen, weiblichen Yang», den Roman Hollenstein damals in der Neuen Zürcher Zeitung zog, ist bis in die Details treffend. Das Kunstmuseum, das moderne und zeitgenössische Kunst beherbergt, vollendeten Morger & Degelo zusammen mit Christian Kerez im Jahr 2000. Der dunkel glänzende Beton der Fassade des 60 Meter langen, 25 Meter breiten und 12 Metern hohen Baukörpers, besteht aus grünem und schwarzem Basalt sowie Untervazer Flusskies – eine Reverenz an den Ort, das heisst an das Rheintal.
Er wurde fugenlos gegossen, so dass die Fassadenflächen nur von den Fensterbändern durchbrochen werden. Die glatte Oberfläche, in der sich die Silhouetten der Umgebung spiegeln, verdankt sich veredelnden Arbeitsgängen: Das Material wurde geschliffen, poliert und imprägniert. Dies bewirkt auch, dass sich die körnige Textur des Betons zeigt, was ihm bei allem Hochglanz auch einen haptischen Aspekt verleiht. Im Innern jedoch verkehrt sich die «Black Box» in einen «White Cube» – die Art der Präsentation zeitgenössischer Kunst, die auf die 1920er- Jahren zurückgeht und bei der die Architektur sich in farbneutrales Weiss kleidet, um nicht in Konkurrenz zu den ausgestellten Kunstwerken zu treten.

Yin und Yang als Magnet
Der weisse Würfel, den Meinrad Morger und Fortunat Dettli für die auf die klassische Moderne spezialisierte Hilti Art Foundation 2008 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kunstmuseum entwarfen und vor knapp einem Jahr fertigstellten, kontrastiert nicht nur in seiner Farbigkeit zum bestehenden Bau, sondern auch in der die Vertikale betonenden Höhenentwicklung. Der Beton des 20 Meter hohen Würfels ist ein Gemisch aus Laaser Marmor, dunklem Rheinkies und Weisszement.
Die minimalistischen Baukörper bilden ein Ensemble, das nicht mit der Umgebung fraternisiert, sondern als in sich ruhender Pol ein Magnet im Stadtgefüge ist. Und man gewinnt den Eindruck, als wären die beiden immer schon da gewesen. In der Rückschau wundert es einen, dass man den weissen Würfel nicht schon vermisst hat, als es erst den schwarzen Quader gab – eben Yin und Yang.
Es ist eine Vervollständigung, die auch einen Effekt auf das nahe Regierungsviertel hat, das heisst auf die Beziehung zwischen der Museumsinsel und dem Geviert, in dem die politischen Instanzen tagen. Der weisse Würfel ist das Quentchen, dessen es bedurfte, um das städtebauliche Gewicht der beiden Ensembles auszubalancieren.
Davon profitieren auch die Bauten auf dem Peter-Kaiser-Platz – das von 1903 bis 1905 nach Plänen des Wieners Gustav Ritter von Neumann errichtete Regierungsgebäude und der 2008 eröffnete Landtag, bestehend aus Hohes Haus, Verbindendes Haus und Langes Haus, das der deutsche Architekt Hansjörg Göritz projektierte.

Wie Morger & Dettli bezog sich auch Göritz auf den Bestand – wenn auch in ganz anderer Weise. Er zollte den historischen Bauten Respekt – dem Regierungsgebäude, dem Verweserhaus und dem Rheinbergerhaus –, indem er seine Häuser Anleihen an tradierten Formen, Typologien und Materialien nehmen liess.
Aber nicht nur das. Göritz erwies auch einem Architekten die Reverenz, der in der jüngeren Vergangenheit in Vaduz Spuren hinterlassen hatte – Luigi Snozzi und seiner 1987 bis 1991 entworfenen Bebauung von Regierungsviertel und Pfarrei. Er adaptierte dessen den Hangfuss nachzeichnende langgezogene Sockelbebauung.
Im Gegensatz zu Snozzi, der dieses verbindende Element mit einem Solitär als Landtag kontrastierte, dessen halbkreisförmiger Grundriss die innere Sitzordnung aussen abbilden sollte, rückte Göritz sein Hohes Haus eher in die Nähe der so genannten analogen Architektur und distanzierte sich von der formalen Geste des Tessiners. Oder doch nicht ganz? Ist es nur Zufall, dass beim Blick aus den Arkaden der Liechtensteinischen Landesbank auf das Hohe Haus diesem aus dieser Perspektive ein Bogen einbeschrieben wird?

Eine städtebaulich präzise Setzung ist auch das Vorarlberg Museum in Bregenz von Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur, das vor knapp drei Jahren eröffnet wurde. Sie aber mussten den historischen Bestand unmittelbar einbeziehen und zwar in Gestalt der ehemaligen, 1902 bis 1904 von Hugo von Schragl erbauten Bezirkshauptmannschaft, dem sie einerseits eine kubische Aufstockung aufstülpten, andererseits einen Neubau angliederten.
Der Clou der Reverenz an den Altbau ist die Neuinterpretation des plastischen Bauschmucks. Die Betonfassaden, die wie Vaduz‘ weisser Würfel keine Fugen aufweisen, sind überzogen von einem lebhaften Dekor aus 16 656 Betonblüten, die auf Abgüssen der Böden von PET-Flaschen basieren. Die Veredelung des thermoplastischen Kunststoffs zur kleidsamen Hülle ist ein Verweis auf Museumsinhalte – keramisches römisches Tafelgeschirr aus der Sammlung – und kaum ein Kommentar zu den geätzten Gläsern des Kunsthauses von Peter Zumthor.

Schnur mit reichem Schmuck
Im Gegensatz zum polarisierenden städtebaulichen Konzept in Vaduz ist das Bild in Bregenz nämlich das der Perlenschnur, an der reicher Schmuck hängt: Neben dem Vorarlberg Museum das Landestheater und Peter Zumthors Kunsthaus (KUB) sowie das von Friedrich Setz 1893 bis 1895 erstellte Hauptpostamt, das sich zum Ausstellungsort für Kunst- und Kulturschaffende aus der Region mausert.
Es sind je spezifisch auf den Ort zugeschnittene Formen von Urbanität: zwei starke Steinsetzungen auf kleinräumigem, an den Steilhang geducktem Terrain in Vaduz, eine spannungsvolle Kette in der seit den Dreharbeiten zu Marc Forsters James-Bond-Streifen «Quantum of Solace» (2008) noch weltläufigeren Hafenstadt Bregenz.

Bilder: Michel Canonica

Mit der Strasse die Welt verbessern

  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Rathaus Altstaetten
  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Bahnhofstrasse Widnau
  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Bahnhofstrasse Widnau
  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Bahnhofstrasse Widnau

Strassen dienen nicht nur als Fahrspur oder Trottoir, sondern bilden auch Räume – besonders in besiedelten Gebieten. Langsam beginnt sich ein Bewusstsein für den Strassenraum zu regen. Was alles möglich ist, zeigen die Beispiele Widnau und Altstätten.

 

19.03.2016 von Caspar Schärer

Die Strasse ist ein ideologischer Kampfplatz: Geht es um freie Fahrt, kippen die Debatten ins Irrationale. Das Wissen um die Strasse als Raum – vor allem als sozialen Raum – ging fast verloren und muss mühsam wiedererlangt werden. Geschwindigkeit, Kurvenradien, Sicherheit und Funktionalität bestimmten für lange Zeit alles. Stand ein Haus im Weg, wurde es weggeräumt. Tausende Strassen- kilometer wurden so gebaut, ohne Rücksicht auf Verluste. Der Weg zurück ist steinig, denn jetzt sind Fakten geschaffen. Trotzdem lohnt sich der Aufwand, und ein Bewusstsein für den Strassenraum beginnt sich zu regen. Vorreiter in der Schweiz ist der Kanton Bern, der bereits in den frühen 1990er-Jahren mit ersten erfolgreichen Umgestaltungen von Strassen auf sich aufmerksam machte.

Keine Vorzeigeregion
Inzwischen hat das Umdenken das ganze Land erfasst – auch das Rheintal, das viele lediglich als zersiedeltes Agglo- und Autoland sehen. Tatsächlich ist das Rheintal nicht unbedingt die Vorzeigeregion für eine nachhaltige Siedlungs- entwicklung. Das bedeutet allerdings, dass es viel zu tun gibt: Zwei Beispiele aus Altstätten und Widnau zeigen, was alles möglich ist. Am Anfang steht ein Problem – hier wie dort. Altstätten beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem motorisierten Verkehr, der sich bei einem Flaschenhals vor der katholischen Kirche im Nordosten der Altstadt hindurch zwängte. Für die Stadt Altstätten war klar, dass die Beseitigung dieses Engpasses ein grosses Plus an städtebaulicher Qualität bringen muss. Wer sich mit dem Verkehr anlegt, muss grossräumig denken. Im Falle von Altstätten bedeutete es, dass die Stadt einige Grundstücke beim Freihof neben dem Rathaus ankaufen musste, um sich die nötige Beinfreiheit zu verschaffen.

Verkehrstechnisches Herzstück des Infrastrukturprojekts ist ein neuer Kreisel und die Umlegung einer Strasse. Leider ist der Kreisel ein Element der Strassenplaner zur Verflüssigung des Verkehrs und nicht ein stadträumlich gedachter Baustein. Auf dem offenen Feld funktioniert er bestens, ins besiedelte Gebiet dagegen passt er nicht. Die angrenzende Bebauung hat es immer schwer, mit den Ausrundungen ein gutes räumliches Verhältnis aufzubauen. Wenn dann noch die Bebauung selbst so ideenlos auf den Kreisel reagiert wie in Altstätten das grosse Gebäude auf dem Freihof-Areal, dann zeigen sich die Schwächen des Kreisels besonders deutlich.

Umso erfreulicher sind die stadträumlichen Gewinne auf der anderen Seite des Freihofs – dort, wo früher die Autos und Lastwagen entlang der Kirchenmauer durchbrausten. An der Stelle des alten Rathauses aus den 1950er-Jahren steht jetzt ein stolzer, siebengeschossiger Baukörper, der sich in die Höhe reckt, um den Platz vor sich freizuspielen. Das Zürcher Architekturbüro Allemann Bauer Eigenmann gewann 2007 einen Wettbewerb, der sich über insgesamt drei Teilgebiete erstreckte – darunter das Rathaus und der Freihof. Das Rathaus durften die Architekten ausführen, und das sieht man dem Bau an. Ein Gitter aus hellen Betonelementen hält den Bau zusammen, dunklere Füllungen und Fenster schaffen dazu einen Kontrast. Das Gebäude erfüllt seine repräsentative Funktion auf eine sehr freundliche und zuvorkommende Weise. Die Details sind durchdacht, die Materialien gut ausgewählt, die Gesamtwirkung stimmt. Zusammen mit der Kirche und dem Rand der Altstadt bildet das Rathaus mit dem neuen, grösseren Platz ein zusammenhängendes Ensemble.

Optische Bremsen
Während in Altstätten durch die Neuordnung der Strassenführung kostbarer öffentlicher Raum gewonnen werden konnte, ging es in Widnau um den Strassenraum selbst. Wegen Belagsschäden wollte das Tiefbauamt des Kantons die Strasse zwischen dem Bahnhof Heerbrugg in der Gemeinde Au und der «Metropol»-Kreuzung mitten in Widnau umfassend sanieren. Die Gemeinde Widnau, auf deren Gebiet der Löwenanteil des Strassenabschnitts liegt, sah die Chance gekommen, die eklatanten räumlichen Defizite ihrer stark befahrenen Ortsdurchfahrt beheben zu können. Die Verkehrsmenge liess sich nicht reduzieren, aber im Bereich der Gestaltung waren die Potenziale noch längst nicht ausgeschöpft.

Marco Koeppel, Architekt und Gemeinderat in Widnau, entwarf zusammen mit den Kollegen der Gemeinde Au und dem Kanton eine neue Strasse, auf der nicht mehr das Auto alleine bestimmend ist. Die Fahrbahnen wurden auf das absolute Minimum verengt und ein sogenannter «multifunktionaler Mittelstreifen » eingeführt. Fussgängerstreifen fehlen vollständig, man kann die Strasse überqueren, wo man will. Einige Zonen des Mittelstreifens sind mit roten, hüfthohen Stelen markiert: Hier eignet es sich besonders, die Strassenseite zu wechseln. Die Stelen wirken als optische «Bremsen» für die Autofahrer – genauso wie die massiven Leuchtenpfähle, welche die Strasse seitlich begleiten.

Urbaner und dennoch ruhiger
Die baulichen Massnahmen führten laut Koeppel dazu, dass die durchschnittliche Geschwindigkeit auf 35 bis 40 km/h gesunken sei, obwohl weiterhin 50 km/h erlaubt sind. Und das ist entscheidend: Bei niedrigerer Geschwindigkeit steigt die Bedeutung aller anderen Faktoren wie Raum- und Lebensqualität. An der Bahnhofstrasse in Widnau lässt sich das selbst an verregneten Vormittagen beobachten. Die Szenerie wirkt sowohl urbaner wie auch beruhigter, die Menschen bewegen sich freier und ungezwungener. Ein Wermutstropfen sind auch hier die Kreisel, die zur «Verflüssigung» des Verkehrs eingebaut wurden. Gerade die ehemalige «Metropol»-Kreuzung leidet darunter, denn alle daran angrenzenden Bauten wurden für eine Kreuzung konzipiert und nicht für einen Kreisel.

Vielleicht überlässt man solche Korrekturen einfach der nächsten Generation. Auch sie muss ja die Gelegenheit haben, zu lernen und die Situation zu verbessern. Erste Schritte in die richtige Richtung sind jedenfalls getan.

 

Bilder: Michel Canonica

Einheimisches und internationales Flair

OS - Gutes Bauen Ostschweiz - Caminada (c) Lucia Degonda

Bei den Bemühungen, die Abwanderung aus den Berggebieten zu bremsen, ist die Hotellerie der Knackpunkt. In der Surselva weiss man sich zu helfen, wie jüngere Projekte zeigen. Ein Seitenblick lohnt sich aber auch in die Albula-Region.

 

20.02.2016 von Rahel Hartmann Schweizer

«Sanft fiel der Zug in die Bremsen und hielt in der von Menschen wimmelnden Halle der Tunnelstation Sedrun. Von hier konnte das mondäne Sportzentrum in sieben Minuten im bequemen Lift durch einen 830 Meter hohen Schacht erreicht werden. Dadurch waren die Skifelder am Vorderrhein in Stundennähe von Basel, Zürich und Mailand gerückt.»

Auf die Vision des Ingenieurs Eduard Gruner, die der SBB-Kopf 1947 formuliert hatte, beriefen sich die Promotoren der sogenannten Porta Alpina. Die unterirdische Bahnstation in der Mitte des Gotthardbasistunnels bei Sedrun hätte die Surselva ans europäische Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz angeschlossen, mit dem Ziel der von Abwanderung bedrohten Region Aufschwung zu bescheren.
Mitte September 2007 wurde die Idee auf Eis gelegt. Es blieb jedoch die in ihrem Windschatten segelnde, über die Region Surselva hinausgehende Förderungsinitiative «Prego» (Projekt Raum- und Regionalentwicklung Gotthard), zu der sich Regierungs- und Interessenvertreter der Kantone Uri, Graubünden, Tessin und Wallis 2006 zusammengefunden hatten, und die sich – nach der Absage an die Porta Alpina – im November 2007 unter dem Namen San Gottardo formierte.
Etliche Projekte wurden daraufhin abgeklärt, initiiert und mit Hilfe der Unterstützung durch die Neue Regionalpolitik (NRP) in Angriff genommen: Umbau der Tennishalle in Laax, ein Freizeitpark in Obersaxen Mundaun, Bau eines naturnahen Badesees in Trun, Kletterparadies Surselva an der Staumauer Pigniu, durchgehender Wanderweg Ruinaulta, Schlachthof in Rueun, Beherbergungsmöglichkeiten für Backpacker, um nur einige zu nennen. Die Hotellerie erwies sich indes als hartes Pflaster, da die Unterstützung durch die NRP an die Kriterien Einmaligkeit und Innovation gebunden ist.

  • OS - Gutes Bauen Ostschweiz - Caminada (c) Lucia Degonda
  • OS - Gutes Bauen Ostschweiz - Caminada (c) Lucia Degonda
  • OS - Gutes Bauen Ostschweiz - Caminada (c) Gian Marco Castelberg

Verankert im Kontext
Unabhängig davon hat der Architekt Gion A. Caminada im Auftrag des Zürcher Maler-Unternehmers Theo Schaub mit der Ustria Steila am Sonnenhang oberhalb von Ilanz ein Hotel gebaut, das exemplarisch steht für einen mit dem Ort verbundenen Tourismus. Es ist eine Unterkunft für Menschen, die sich auf den Ort einlassen, die spezifischen Gegebenheiten des Kontexts schätzen.
Dass dies zunächst bedeutete, das Haus architektonisch einzupassen, ist nur ein Teil der Wahrheit. Caminada übernahm zwar den traditionellen Sockel und den Holzbau, doch «verzog» er deren Proportionen entsprechend der Räume, die sie bergen: Im Sichtbeton-Untergeschoss werden die Vorräte gelagert sowie Speisen und Getränke degustiert. Restaurant, Saal und Küche befinden sich im weiss verputzten Erdgeschoss, und die Gästezimmer im darüberliegenden Strickbau.

Grenzen verwischt
Das Haus fällt auf und passt sich gerade dadurch ein: Durch die Überhöhung der lokalen Bauweise wird deren Integrität betont. Einheimisches steht sodann nicht nur auf dem Speiseplan. Auch kulturell ist das Haus am Ort verankert. So bietet etwa eine Bibliothek Einblicke in Werke zur Kunst und Architektur des Kantons Graubünden.
Im Original lässt sich diese auch in Valendas erleben, wo im ehemaligen Engihuus 2014 das «Gasthaus am Brunnen» eröffnet wurde. Die Gemeinde schenkte das 500 Jahre alte Haus 2007 der Stiftung Valendas Impuls, die es von Caminada zu einem Hotel mit Restaurant und Saal umbauen liess, auf dass es zu einem Begegnungsort für Einheimische und  Gäste werde.
Um das Raumprogramm zu erfüllen, bedurfte es auch hier eines Neubaus. Die Grenze zwischen diesem und dem bestehenden Engihuus verwischte Caminada, indem er beide Häuser in weissen Kalkputz kleidete. Statt des Kontrasts ist es wieder eine, diesmal noch subtilere, Irritation zwischen Alt und Neu.
Empfindet man hier die verschiedenen Zeitschichten als miteinander verwoben, fühlt man sich im Kurhaus in Bergün am Fuss des Albulapasses, das vor dem Untergang bewahrt wurde, um ein Jahrhundert zurückversetzt.

Luftkurort-Atmosphäre
Die Initiative ist umso bemerkenswerter als das nach Plänen des Zürcher Architekten Jost Franz Huwyler-Boller errichtete und 1906 in Betrieb genommene Jugendstil- Grandhotel von Beginn an um seine Existenz rang. Als Stammgäste 2002 die neue Kurhaus Bergün AG gründeten, erwies sich indes gerade dies als Segen, hatte die  wirtschaftliche Schieflage doch massive Eingriffe in die Originalsubstanz verhindert.

Das nach allen Regeln denkmalpflegerischer Kunst nach und nach renovierte Haus verströmt jene Atmosphäre eines Luftkurortes, als der sich das Haus einst etablieren sollte. Das Haus bekam seine Geschichte und mit ihr den weltläufigen Geist zurück, der ihm einst innewohnte – nicht zuletzt mit den rekonstruierten Rattanmöbeln, die einst in Vietnam gefertigt worden waren.

Bilder: Lucia Degonda (Ustria Steila)/pd (Kurhaus Bergün)

Stählernes Treibgut am Bildungsufer

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Der jüngste Erweiterungsbau der Hochschule Rapperswil passt sich nahtlos in den Campus ein. Der St.Galler Architekt Andy Senn baute mit dem «strengen» Material Stahl. Entstanden ist ein nüchterner, uneitler Zweckbau mit vielen versteckten Qualitäten.

16.01.2016 von Caspar Schärer

Wer aus Neugierde gerne Bautafeln  liest, trifft oft auf die gleichen Begriffe: «Park» oder «Residenz », wenn es um Wohnen geht; bei Bürobauten wird gerne mal von einem «Campus» gesprochen. Immobilienvermarkter spielen mit dem «Campus» auf das Idealbild der amerikanischen Universitäten an, jene idyllisch ins Grüne eingebetteten Gebäudegruppen, eigene Welten innerhalb einer Stadt. In der Schweiz und in Europa ist das Konzept des Campus nicht sonderlich verbreitet. Erst in der Nachkriegszeit entstanden mit der Universität Zürich-Irchel, der ETH Hönggerberg und der EPF in Lausanne erste Hochschulstandorte auf der grünen Wiese.

Bezug zur Landschaft
Der Campus der Hochschule Rapperswil (HSR) ist eines dieser seltenen Exemplare in der Schweiz, wenn auch ein eher kleineres. Typisch ist der Bezug zur Landschaft, der bei  dem schönen Grundstück am See «von Natur aus» gegeben ist. Im Unterschied zu den meisten anderen Beispielen befindet sich die 1973 eröffnete und vom Architekten Paul W. Tittel geplante HSR näher an der «Mutterstadt» – Schloss und Altstadt sind in Sicht- und Gehdistanz, auch wenn das Gleisfeld die Beziehung empfindlich stört. Gleichzeitig liegt aber in der Nähe zu einem Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs heute ein unschätzbarer Standortvorteil. Allein die Tatsache, dass in den letzten Jahren direkt an den Bahnhöfen von St.Gallen, Olten und Brugg AG massiv in Hochschul-Infrastruktur investiert wurde, bestätigt dies.

Die Gebäudegruppe auf dem HSR-Campus ist räumlich dicht angeordnet und in der ersten Bauetappe einheitlich gestaltet. Alle Bauten sind an der Fassade aus wetterfestem Stahl zu erkennen. «Wetterfest» heisst hier, dass sich auf der Oberfläche der Stahlelemente eine oberste Rostschicht bildet, die das Material gegen weitere Witterungseinflüsse schützt. Trotz der hohen Dichte ist der «fliessende» Aussenraum des Campus gut spürbar; die Uferlandschaft auf der einen und die Stadt auf der anderen Seite sind immer präsent. Umso anspruchsvoller ist die Erweiterung einer solchen Anlage. Zunächst wurde das Wachstum mit Aufstockungen bewältigt, Ende der 1990er-Jahre folgte ein erster grösserer Ausbauschritt mit zwei Neubauten in Richtung Gleisfeld. Der St.Galler Architekt Andy Senn strickt nun auf ganz selbstverständliche Art das Bebauungsmuster zum See hin weiter.

Senn gewann 2009 einen Wettbewerb zur Erweiterung auf der Curtiwiese, einer strategischen Baulandreserve der Hochschule am Ufer. Vorgesehen waren ursprünglich drei neue Baukörper. Gebaut wurde nun vorerst ein Teil des Forschungszentrums; weitere Ausbauschritte folgen vielleicht in Zukunft. Im Wettbewerb wurde Senns Sorgfalt gelobt, mit der er das fein austarierte Netzwerk aus Bauten und Aussenräumen mit einem doch beachtlich grossen Neubau ergänzt. Zwischen dem Forschungszentrum und dem Hauptgebäude aus den 1970er- Jahren spannt sich ein angenehm proportionierter, von drei Seiten gefasster und zum See hin offener Raum auf. Die Bezeichnung «Platz» wäre für diese Fläche zu hoch gegriffen, sie ist vielmehr mit einem Strassenraum zu vergleichen, von dem aus man in alle Richtungen ausschwärmen kann.

Ein besonderes Material
Wie das benachbarte Hauptgebäude ist auch der Neubau auf eine Plattformaus Beton gestellt. Drei Stufen beträgt die Höhendifferenz, beim Hauptgebäude ist es sogar eine Stufe mehr. Diese Plattformen lassen die einzelnen Bauten wie riesiges Treibgut erscheinen, das am Ufer gestrandet ist. Tatsächlich haben sie unmittelbar mit dem See zu tun: Um die Gebäude vor einem allfälligen Hochwasser zu schützen, sind sie vom Boden abgehoben; ausserdem erfordert der weiche Baugrund flächige Fundamentplatten. Überhaupt bestimmt die Lage am See mehr, als man auf den ersten Blick meinen würde. So ist die Bauweise mit dem leichten Stahl eine direkte Folge der schwierigen Bodenverhältnisse. Gerade Stahl ist ein besonderes Material, das in der Schweiz nicht oft eingesetzt wird. Die Schweiz ist ein Holz- und Betonland – den natürlichen Ressourcen entsprechend. Ein Stahlbau besteht aus vorproduzierten Einzelteilen, die auf der Baustelle zusammengesetzt werden. Damit alles passt, ist im Vorfeld viel Präzision erforderlich. Stahl ist ein strenges Material, er verlangt nach einer durchdachten Systematik, und vielleicht ist er deshalb aus der Mode geraten.

Andy Senn ist es hoch anzurechnen, dass er die Tradition des Ortes weiterführt und wieder Stahl für das Forschungszentrum verwendet – und zwar nicht nur in der Fassade, sondern für die ganze Struktur. Senns Stahl ist nicht mehr roh wie noch vor vierzig Jahren, sondern pulverbeschichtet; er wird also überhaupt nicht rosten. Wer genauer hinschaut, sieht schnell weitere Unterschiede zum Hauptgebäude. Während sein Vorgänger Paul W. Tittel immer die Gebäudeecken mit einer Stahlstütze besetzt und damit markiert, spielt Senn die Ecken frei. Dies lässt den Bau leichter wirken. Die beiden Obergeschosse scheinen über dem zurückversetzten, rundum in Glas eingekleideten Erdgeschoss zu schweben.

Cleveres System
Viele Qualitäten zeigen sich erst im Inneren: der überdeckte, über alle Geschosse reichende Innenhof, der die wahre Höhe des Gebäudes erst offenbart, sowie die innere Erschliessung, die ganz auf diesen Hof ausgerichtet ist. Nochmals andere Leistungen bilden sich im Raum gar nicht ab wie etwa die koordinierte Planung von Architektur, Statik und Haustechnik, die zu einem cleveren System führte, in dem alle Komponenten jederzeit zugänglich und austauschbar sind. Auch das ist Nachhaltigkeit: Dass der Bau bereits für die Zukunft gerüstet ist, nicht unbedingt mit der teuersten Technik, sondern allein mit der Möglichkeit, später andere Technik einbauen zu können. Für die Architektur ist das keineswegs selbstverständlich. So gebührt Andy Senns nüchternem und sachlichem Zweckbau Respekt für ein unaufgeregtes, uneitles Gebäude, das sich nahtlos in ein bestehendes System einfügt und doch eine zeitgemässe Eigenständigkeit entwickelt. Vor allem will es nicht mehr sein als es ist: ein Gebäude im Dienst der Bildung.

Bilder: Michel Canonica

Zeitungsartikel

In altem Glanz und mit neuer Nutzung

  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Thema: Umbau Umnutzung der beiden alten Zeughäuser.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Thema: Umbau Umnutzung der beiden alten Zeughäuser.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Thema: Umbau Umnutzung der beiden alten Zeughäuser.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Thema: Umbau Umnutzung der beiden alten Zeughäuser.

In vielen Städten haben sich ehemalige Zeughäuser als Orte der Kultur etabliert, so auch in Teufen und in Herisau. Die Anpassung dieser zwei klassizistisch-monumentalen Zweckbauten erfolgte mit grosser Sorgfalt.

 

19.12.2015 von Martin Tschanz

 

«Die Hauptbedürfnisse eines Zeughauses bestehen darin, dass es den zur Vertheidigung des Vaterlandes & Aufrechterhaltung der gesezlichen Ordnung nöthigen Waffen Bedarfe sicher (…) aufbewahre.» So begann Felix Kubly 1834 seine «Bemerkungen über den vorzunehmenden neuen Zeughaus Bau in Herisau». Um die Waffen «auch in bewegten Zeiten nicht unruhigen Rotten Preis zu geben», müsse man nahe bei der Behörde bauen, also an einer zentralen Lage, überdies möglichst solide und feuerfest.

Zeughäuser waren also zunächst Lagerhäuser, allerdings solche der besonderen Art. Sie waren nicht bloss Aufbewahrungsorte für militärische Ausrüstungs- gegenstände, sondern auch weithin sichtbare Zeugen für die ungebrochene Stärke der Kantone. Nach der napoleonischen Zeit mit ihrem Streben nach Zentralisierung war dies von besonderer Bedeutung. Auch wenn die Zeughäuser den Charakter eines Zweckbaus nicht verleugnen sollten, war deshalb eine gewisse Monumentalität angebracht.

Der St.Galler Architekt Felix Kubly, der durch seine Studien an der Münchner Akademie, an der Pariser École des Beaux-Arts und schliesslich durch ausgedehnte Reisen nach Italien hervorragend ausgebildet war, vermochte diese Ansprüche bestens zu erfüllen. Er entwarf gut proportionierte, klare Baukörper mit einfachen und regelmässigen Fassaden, die von Rundbogenfenstern geprägt werden. Dabei überliess er nichts dem Zufall. Als in Herisau der Baumeister glaubte, die Pläne nicht ganz ernst nehmen zu müssen, wurde er unter anderem dazu angehalten, die Holzsäulen im ersten Stock wieder herauszureissen und nach den Regeln der Kunst neu zu erstellen. Nun ragen ihre Basen korrekt aus dem Boden heraus und stimmen proportional mit den Kapitellen überein.

Minimale Eingriffe
Die Kombination von repräsentativer Gestalt, guter Lage und grossen, einfachen Räumen machen die Zeughäuser attraktiv für kulturelle Nutzungen. Diese bedingen jedoch gewisse Anpassungen. In Herisau blieben die Eingriffe in die Substanz denkbar einfach und minimal. Eingebaut wurden ein eigens in das Treppenauge eingepasster Aufzug, ein Office im ersten Stock, das auch als Bar dient,  eine Heizung sowie Brandwände, welche die Treppe abtrennen und damit nicht nur der Feuerpolizei Genüge tun, sondern auch den Haupträumen zugutekommen, denen sie eine gewisse Ruhe verleihen. Die Installationen wurden sichtbar geführt und die Materialien ohne veredelnde Oberfläche verarbeitet. So entstanden rohe, robuste Räume, die das Angebot des benachbarten Casinos ideal ergänzen.

Wie sorgfältig der Architekt Paul Knill gestaltete, bemerkt man spätestens, wenn die geöffneten Brandtore bündig in den dafür vorgesehenen Nischen verschwinden. Das kunstvolle Relief, das in die Wand eingelassen ist, vermag neben den toskanischen Säulen durchaus zu bestehen. Die Fassaden wurden sorgfältig restauriert, wobei das kräftige, expressionistische Rot erneuert wurde, das der Bau vermutlich in den 1910er-Jahren erhalten hatte. Der Vertrag von 1835 verlangte zwar eine gräuliche Wasserfarbe, und diese dezente Farbgebung liess das Haus wohl deutlich ruhiger und eleganter in Erscheinung treten als die heutige. Das Rot passt jedoch besser zu der aktuellen Nutzung. Überdies hat es sich längst in die Erinnerung der Bürger eingeschrieben, so dass es zum Stadtbild von Herisau gehört.

Kulturelle Vielfalt statt Kanonen
Auch das wesentlich grössere Artillerie-Zeughaus in Teufen, das 1853 bis 1855 erbaut worden war, fand nach einigen Umwegen zu einer neuen, angemessenen Nutzung. Die riesige, stützenfreie Halle im Erdgeschoss, in der früher Geschütze und Munitionswagen standen, dient heute als Festsaal und Ausstellungshalle. In den eindrücklichen Dachstock, an den die darunter liegenden Decken aufgehängt sind, zog das Grubenmann-Museum ein, so dass die Leistungen dieser grossen Meister der Zimmermannskunst in angemessener Umgebung bewundert werden können. Das mittlere Geschoss schliesslich beherbergt wechselnde Ausstellungen aktueller Kunst und Gestaltung sowie Bilder des Appenzeller Malers Hans Zeller. Mit Ueli Vogt ist ein engagierter Kurator am Werk, dem es gelingt, das ganze Haus mit spannenden Ausstellungen und Veranstaltungen zu beleben. Längst strahlt das Zeughaus Teufen deshalb weit über die Region hinaus aus. Es ist beides: ein Ort der Vermittlung und ein Botschafter für die lebendige Kultur der Region.

Offenheit der Lagerräume
Diese vielfältige Nutzung bedingte grössere Eingriffe in das Baudenkmal als in Herisau. Die Toilettenanlagen, die auch grössere Veranstaltungen verkraften, verbannten die Architekten Ruedi Elser und Felix Wettstein in ein neues Untergeschoss, während sie die Haustechnik und die speziellen, abgetrennten Räume an den Stirnseiten des Gebäudes konzentrierten. Dadurch konnte die Offenheit der ehemaligen Lagerräume weitgehend erhalten bleiben.
Das Haus wurde aber, den Ansprüchen entsprechend, stärker domestiziert als das Zeughaus von Herisau. Sorgfältig aufeinander abgestimmte Farben betonen die neuen Einbauten, und die Heizkörper in den Obergeschossen wurden mit hölzernen Gittern abgedeckt. Die Ausstellungszimmer mit den Ölbildern von Zeller erinnern so geradezu an Wohnräume, passend zu den meist kleinformatigen Werken.

Prachtvolle Stirnseite
Der bedeutendste Eingriff ist allerdings heute nicht (mehr) sichtbar. Das ehemalige Verwalterhaus wurde bis auf den Keller abgebrochen, so dass nun eine Terrasse vor dem Eingang dazu einlädt, den Blick in die Landschaft schweifen zu lassen. Schon den Erbauern des Zeughauses war die umgekehrte Perspektive von der damals neuen Bühler-Strasse aus wichtig. Ursprünglich sollte das Haus deshalb seine Längsfassade nach Süden wenden und so in seiner ganzen monumentalen Grösse in Szene gesetzt werden. Gewichtige praktische und technische Gründe sprachen aber damals dagegen. Nun präsentiert sich immerhin die Stirnseite des Baus wieder in ihrer ganzen Pracht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Innen, aussen und dazwischen

Hanspeter Schiess

Einfriedungen umfassen das Innere, grenzen das Äussere ab und schaffen Zwischenräume. Auf die Einzäunungen legt die zeitgenössische Architektur Wert, kaum aber auf das Dazwischen. Dabei besässe die Ostschweiz ein bemerkenswertes historisches Vorbild.

 

21.11.2015 von Rahel Hartmann Schweizer

«Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da – und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein grosses Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum. Ein Anblick grässlich und gemein. Drum zog ihn der Senat auch ein. Der Architekt jedoch entfloh nach Afri- od- Ameriko.»

Christian Morgensterns berühmtes Gedicht aus den Galgenliedern, erstmals im März 1905 erschienen, hat verschiedene Deutungen erfahren: Es wurde einerseits direkt auf das Bauen bezogen und verstanden als Kritik an der sich im frühen 20. Jahrhundert etablierenden Glasarchitektur. Andererseits wurden die «Latten» mit «Lettern » gleichgesetzt – es wurde vermutet, dass der Dichter auf die Bedeutung der Zwischenräume zwischen den Buchstaben verwies, ohne die die Aneinanderreihung sprachlicher Zeichen unverständlich wäre.

Lattenzäune sind charakteristisch für die Einhegung von Gärten, wie sie Meinrad Gschwend beschreibt, einer der Autoren des 2014 erschienenen Buchs «Bauerngärten zwischen Säntis und Bodensee», des dritten Bands der Reihe «Gartenwege der Schweiz».

St.Galler Klosterplan als Vorbild
«Einen Markstein in der Geschichte der Gartenkunst (auch der bäuerlichen) bildet der Sankt Galler Klosterplan von 816», schrieb der  Gartenhistoriker Hans-Rudolf Heyer im «Mitteilungsblatt für die Mitglieder der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte» 1976. Dabei dürften die Gärten nach der karolingischen Verordnung für die Bewirtschaftung der kaiserlichen Landgüter und Herrenhöfe aus dem Jahr 812, das Capitulare de villis vel curtis imperii, angelegt gewesen sein. Dieses umfasst eine Liste von 73 Blumen, Kräutern, Gemüse- und Obstpflanzen sowie 16 Bäumen. Die Grundstruktur aus Gemüsen, Gewürzpflanzen, Blumen und Obst überliefert sich im Bauerngarten – teilweise bis heute.

Ursprünglich wird der Garten nicht nur von einer Einfriedung gefasst. Diese ist auch gleichsam seine Raison d’etre. «Garten» leitet sich etymologisch nämlich von den Gerten (Weiden- oder Haselnussruten) ab, mit denen ein Gelände umzäunt wurde.

Appenzellische Gartenkultur
Im Appenzellischen bildete sich zwischen 1817 und 1850 – nicht zuletzt aufgrund der Textilfabrikation – eine eigene Gartenkultur heraus, die sich teilweise bis heute bewahrt hat. Ihr Merkmal sind – neben dem sogenannten «Strussgstell» (eine Art Schaukasten vor dem Stubenfenster mit Blumen und Kräutern) – der «Trüeter» (Spalier an der Frontseite) und der Wetterbaum, der zum Schutz des Hauses vor Unwettern dient. Das ist ein frei stehendes Geviert, in dem Gemüse und Nutzpflanzen gezogen wurden. Eine kolorierte, um 1840 entstandene und mit «An der Wolf-Halden» betitelte Aquatintaradierung von Bernhard Freuler vermittelt eine Vorstellung einer solchen Einhegung. Diese wurde immer in Distanz zum Haus plaziert, um zu verhindern, dass die Pflanzen die Kellerräume verschatteten, in denen gewebt wurde.

Terrassierung in Rebbergen
Im Hintergrund der Radierung öffnet sich der Bodensee, zu dem der Blick über den im Zentrum abgebildeten Buechberg schweift. Auch er zeichnete sich einst durch eine besondere Art der Einfriedung aus, und zwar durch die Terrassierung für den ebenfalls vom Kloster St.Gallen geförderten Rebbau. Dass man diese Trockenmauern heute wieder bestaunen kann, ist einem Zusammenschluss von Leuten zu verdanken. Sie ergriffen im Jahr 2003 die Initiative, sie instand zu stellen, um gleichermassen eine nachhaltige Rebberg-Bewirtschaftung zu verfolgen, wie Lebensraum für die bedrohte Flora und Fauna zu schaffen. Beteiligt an Sanierung und Wiederaufbau der 110 erfassten Mauern aus roh gespaltenen Steinen aus Rorschacher Sandstein sind unter anderem Vertreter der Gemeinde Thal, der Grundeigentümer, der Weinbauern und des lokalen Naturschutzvereins.
Die zeitgenössische Interpretation findet sich in den Stützmauern aus Drahtschotterkörben im Friedhof Wilen, den Paul Rutishauser  Landschaftsarchitektur 2003 zu einer modernen Adaption des klösterlichen Baumhains umgestaltete.

KVA Winterthur hinter Gitter
Den Draht mythologisch-religiös aufgeladen hat das Team um die Künstlerin Katja Schenker, Schweingruber Zulauf Landschaftsarchitekten und pool Architekten bei ihrer Umzäunung der KVA Winterthur. Deren 2014 realisierte, 210 Meter lange und
3,5 Meter hohe Einfassung besteht aus verformten Bewehrungsstahlgittern. «Kerberos» war der Titel des 2011 gekürten Wettbewerbsprojekts – in Anspielung an den Höllenhund, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht, und die christliche Deutung der Hölle als Feuerschlund.

Qualität des Zwischenraums
Und der Zwischenraum, dessen Bedeutung Morgenstern so trefflich illustrierte? – Viel Aufmerksamkeit wird den Umfassungen geschenkt. Aber was ist mit dem Raum, der die Beziehung zwischen diesen zu Körpern angeordneten Einfriedungen – seien es Häuser oder Gärten – definiert? Auf der erwähnten Aquatintaradierung bilden das Haus rechts und der Garten mit Wetterbaum links den Rahmen für das Panorama. In der zeitgenössischen Architektur definiert sich der Zwischenraum zu oft nur als Grenzabstand.
Es würde sich lohnen, wieder einmal einen Blick auf den St.Galler Klosterplan zu werfen, der nicht nur von der Kunst der Gestaltung der Einfriedungen zeugt, sondern auch von der Sensibilität für die räumliche Qualität des Dazwischen. Die im Frühling 2014 edierte und mit einem Begleitheft versehene neue Faksimileausgabe des Plans illustriert das in Wort und Bild augenfällig.

 

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Industriearchitektur als Kultur

Banalität und Geltungssucht prägen die Bauten in unseren Industrie- und Gewerbezonen, oft genug miteinander kombiniert. Dass es auch anders ginge, zeigen die Metrohm AG in Herisau und die Sky-Frame AG in Frauenfeld.

 

24.10.2015 von Martin Tschanz

 

Ein Blick in unsere Zonen für Industrie und Gewerbe ist selten etwas Erfreuliches. Wie Krebsgeschwüre breiten sich diese den Verkehrswegen entlang aus. Dabei weiss man nie so recht, ob die Banalität der mit Trapezblech umhüllten Hallen und der öden Abstell- und Verkehrsflächen das grössere Übel sei oder die Exaltiertheit jener, die um jeden Preis um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlen.

Im Industriebau scheint oft nur das Billigste billig genug und noch die schnellste Bauweise zu langsam zu sein. Wenn sich Kosten- und Zeitdruck mit Gleichgültigkeit paaren, ist Banalität die Folge. Immerhin drängt sich diese in den meisten Fällen nicht auf. Anders die weit verbreiteten baulichen Extravaganzen. Grellbunte Farben und lustige Dekorationen sind diesbezüglich noch harmlos, verglichen mit den extremen Formen jener überkandidelten (Pseudo-)Star-Architektur, zu der sich geltungssüchtige Architekten und ebensolche Bauherren nur allzu leicht verleiten lassen, wo baugesetzliche Regeln schwach sind und ein verbindlicher Kontext fehlt. Gesucht wird Erkennbarkeit und Identität, in der Summe entsteht aber bloss ein farbiges Rauschen.

Historische Industrieareale sind oft ungleich qualitätvoller. Das liegt nicht nur daran, dass die Zeit viel Schlechtes hat verschwinden lassen und grosse Firmen wie Sulzer oder Saurer ganze Areale entwickeln konnten, auf denen sie die Bebauung koordinierten. Es liegt auch an einer anderen Kultur des Industriebaus. Früher setzten Kamine, Silos und Ähnliches Akzente, in Ergänzung zu einfachen, rational konstruierten Backstein-Hallen. Man kultivierte die Sachlichkeit, und dabei dienten die funktionalen Abläufe und die Bauweise der Architektur als Ausdrucksmittel.

Dies ist heute schwierig geworden. Für die schlanken und vor allem flexiblen Produktionsabläufe sind möglichst neutrale Hallen gefragt, deren Baustruktur im Allgemeinen hinter einer dämmenden Verpackung verschwindet. Das bietet wenig Stoff für die Gestaltung. Und doch sind gute Industriebauten nach wie vor möglich.

Wie eine Stadt im Kleinen
Die Metrohm AG in Herisau entwickelt hochsensible Messgeräte und stellt sie selber her. Drei Baukörper für Verwaltung, Entwicklung und Produktion stehen dicht beieinander und wirken wie eine Stadt im Kleinen. Eine Brücke verbindet die Teile und weitet sich zwischen ihnen zu einem Platz aus, der als Forum für informelle Treffen dient. Die nicht sehr grossen, aber sorgfältig gestalteten Aussenräume nutzen geschickt die Hanglage und verknüpfen das Ganze mit dem öffentlichen Raum. Zukünftige Erweiterungen werden überwiegend in der Vertikalen geschehen. Eine erste wird derzeit realisiert, und die Hochregallager, die aus dem Produktionstrakt herausragen, deuten an, was noch möglich wäre.

Auffällig sind die Fassaden, die mit ihrem prägnanten Muster mehr leisten, als der Anlage ein erkennbares Gesicht zu geben. Die wenigen, sich in vielen Varianten wiederholenden Elemente deuten die flexible Struktur der Bauten an. Sie erlauben es, auf ökonomische Weise präzise auf die Bedürfnisse der Innenräume zu reagieren, ohne den ruhigen Ausdruck des Ganzen zu stören. Dabei betont das Relief die Senkrechte und lässt die aus klimatischen Gründen relativ geschlossenen Fassaden durchlässig erscheinen. Dadurch wird die Wucht der grossen, kompakten Anlage gemindert (Architektur: Arge Keller.Hubacher.Seifert, Herisau; Landschaftsarchitektur: Mettler, Gossau).

Ein hängender Garten
Das Gebäude der Sky-Frame AG in Frauenfeld ist klar und einfach aufgebaut. Anlieferung, Fertigung und Verwaltung liegen in einem kompakten Baukörper übereinander. Dieser wird von zwei blechumhüllten Erschliessungstürmen flankiert. Der grössere, ein Hochregallager, dient dem Warenfluss, der kleinere, mit Aufzug und Treppe, den Besuchern und dem Personal. Der Vorplatz, eine Land-Reserve, dient als grosszügige Vorfahrt, während Anlieferung und Aussenlager hinter dem Bau den Blicken entzogen bleiben. Nach Süden schützt eine Art bewachsenes Regal die Glasfassade vor der Sonne, während im Norden, zur Autobahn hin, der Einblick in das Gebäude offen bleibt.

Die grüne Fassade auf der Ankunftsseite ist beeindruckend, auch von innen. Besonders im Bürogeschoss spielt der Vordergrund des hängenden Gartens schön mit dem Hintergrund der Hügellandschaft und mit dem Gartenhof zusammen. Fast könnte man den Eindruck bekommen, in einem leichten, eingeschossigen Pavillon mitten in einem Park zu arbeiten, und nicht hoch über einer Werkhalle, irgendwo zwischen Autobahn und Paket-Zentrum.

Mit seinen speziellen Aus- und Durchblicken greift der Bau das Thema der Firma auf, die extrem fein konstruierte Fenster herstellt. Als exklusive Kostbarkeit kommen diese aber nur beim Innenhof zur Anwendung. Hier erzeugen die vielfältigen Verknüpfungen von Innen und Aussen eine Atmosphäre von Eleganz und Leichtigkeit, die auf interessante Weise zur rohen Stahlstruktur des Industriebaus kontrastiert. Alle Elemente spielen wirkungsvoll zusammen. Das zeigt sich auch in den Werkhallen, die auf angemessene Weise einfach, aber nicht minder sorgfältig gestaltet sind – bis hin zur wohlgeordneten Führung der Leitungen (Architektur: Peter Kunz, Winterthur; Landschaftsarchitektur: Ganz, Zürich, mit Forster Baugrün, Kerzers).

Ausdruck der Firmenkultur
Sowohl die Metrohm wie auch die Sky-Frame stellen in ihren Bereichen Spitzenprodukte her, beide sind als Firmen selbständig und beide haben sich ganz bewusst für die Schweiz als zwar teuren, aber auch hochwertigen und stabilen Standort entschieden. Das ist kein Zufall. Mit der sorgfältig gestalteten Architektur der Firmen- und Produktionsgebäude bringen sie ihr Qualitätsbewusstsein zum Ausdruck.

Gute Architektur braucht gute Bauherren. Diese sind bereit, Verantwortung zu tragen und dabei ganzheitlich und langfristig zu denken. Industriebauten sind aus einer solchen Perspektive nicht bloss ein Kostenfaktor der Produktion, sondern auch ein Beitrag zum Marketing, vor allem aber eine Investition in die Qualität der Arbeitsplätze und in die Identitätsbildung der Firma. Architektur leistet einen entscheidenden Beitrag zur Firmenkultur, in jedem Fall und nachhaltig. Wer aber möchte ernsthaft eine Kultur, in der nur das Billigste zählt und noch der schalste Effekt genug ist?

 

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Bilder: Jürg Zürcher, Claudia Luperto

Die letzte Ruhe – vereint statt anonym

  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.

Innerhalb weniger Jahre wurden etliche Friedhöfe in der Ostschweiz mit Gemeinschaftsgräbern ausgestattet. Ihre künstlerische Ausgestaltung zeugt vom Versuch, Gemeinschaft und Individualität zu vereinen.

 

19.09.2015 von Rahel Hartmann Schweizer

 

Nachdem auf dem Friedhof Bruggen Ende August das von der Landschaftsarchitektin Rita Mettler, Gossau, und der Künstlerin Kaja Terpinska, Berlin, gestaltete Gemeinschaftsgrab eingeweiht wurde, bietet die Stadt auf drei Friedhöfen diese Art der Beisetzung an. Neben Bruggen sind das St.Georgen und Feldli.

St.Georgen wurde ebenfalls vom Duo Mettler/Terpinska entworfen, das 2010 bereits das Gemeinschaftsgrab in Teufen verantwortete. Derweil waren die Urheber der Anlage im Feldli das Büro des Landschaftsarchitekten Paul Rutishauser und der Künstler Hans Thomann. Dasselbe Team zeichnete wiederum für den Entwurf in Mörschwil verantwortlich, dessen Umsetzung im November 2014 eröffnet wurde. Ebenfalls 2014 entstand das Gemeinschaftsgrab im Oberkirch in Frauenfeld nach einem Projekt der Landschaftsarchitektin Regula Hodel.

Bereits seit zehn beziehungsweise zwölf Jahren bestehen die Gemeinschaftsgräber auf den Friedhöfen in Speicher und Rehetobel. Ersteres realisierte der Künstler Jan Kaeser im Jahr 2005, Letzteres stammt von den Landschaftsarchitekten Elisabeth Steinegger und Rudolf Lüthi und wurde 2003 fertig gestellt. Dabei haben sich zwei künstlerische Formen herauskristallisiert: In einer ersten Phase wurden Bildhauerwerke geschaffen, die den gemeinschaftlichen Charakter signalisieren und in deren Symbolik die anonym Bestatteten aufgehoben waren. Dann entstanden zunehmend Plastiken, Skulpturen und landschaftsgestalterische Elemente, die gleichzeitig als Träger der Namen der Verstorbenen fungieren – Medium also des Wunsches sind, die Anonymität der Bestattung wieder aufzuheben.

Individuelle Biographien
«Epitaph» in Rehetobel vereint Gemeinschaftlichkeit, Sinnbildhaftigkeit und Gedenken. Als gemeinschaftliches Tableau fungiert die von einer «Wasserspur» gesäumte Grabplatte aus Rorschacher Sandstein, in die die Namen der Verstorbenen eingemeisselt werden. Die brunnenartige Anlage lässt Wasser aus dem Boden quellen und wieder darin versickern, womit sie den Kreislauf des Lebens symbolisiert. «Sechsmetererinnerungen» in Speicher ist noch stärker auf das Individuum ausgerichtet. Wie auf einem Regal aufgereiht, stehen hier 180 bronzene Bücher unterschiedlicher Formate. Ein jedes steht für die individuelle Biographie eines bestatteten Menschen. Die Namen werden auf Messingplättchen graviert, welche die Buchrücken zieren.

Eine andere Art der Verbindung mit dem Leben stellt das Kunstobjekt der jüngst realisierten Anlage im Friedhof Bruggen her. Hier werden die Namen in zwei in Bronze gegossene Baumstämme gestochen. Eine schöne Analogie, die man sich denken kann: Manche der Menschen, deren Namen heute in die tote Bronze des Stamms graviert werden, haben ihre Initialen vielleicht einst als Liebende in die Rinde eines lebenden Holzes geritzt.Im Tode vereint sind sie nun wohl zufällig, aber eben in einer Gemeinschaft. Holz ist auch das Thema der gemeinschaftlichen Ruhestätte im Friedhof in St.Georgen. Wiederum aus Bronze gegossene, ineinander verkeilte Zweige sind zu einer langgestreckten Skulptur komponiert. Das «Holz» ist zwar ebenfalls tot, aber es wächst: Jedem Verstorbenen wird ein neuer, namentlich gekennzeichneter Zweig gewidmet.

Einsam – gemeinsam
«Früher nannte man das Gemeinschaftsgrab ‹Grab der Einsamen› », wurde der Leiter des St.Galler Gartenbauamtes Christoph Bücheler im November 2014 in dieser Zeitung in einem Bericht über das Gemeinschaftsgrab in Mörschwil zitiert. Dass dem heute nicht mehr so ist, zeigt die steigende Zahl von Menschen, die sich in gemeinschaftlichen Anlagen bestatten lassen möchten – auch wenn sie Angehörige haben. Sie entheben diese damit der Aufgabe der Grabpflege – aus finanziellen wie aus ästhetischen Gründen. Denn an entfernten Orten lebende Verwandte delegieren den Unterhalt der Grabstätte zunehmend an Gärtnereibetriebe, die sie allzu oft unter Stiefmütterchen-Erika-Begonien-Einerlei «begraben».
So verkehren sich Erdbestattungen ins Gegenteil dessen, was sich im 18. und 19. Jahrhundert allmählich etablierte. Damals trat das sich emanzipierende Bürgertum aus der Anonymität von Massenbestattungen heraus und errichtete – sich an der Aristokratie orientierend – individuelle Grabstätten.

Totenstadt und Verdichtung
Aus dieser Zeit stammt auch einer der berühmtesten Friedhöfe der Welt, Le Cimetiere du Pere-Lachaise in Paris. Die Anlage ist von geradezu urbanem Charakter – eine berückende Totenstadt, in der zu wandeln einen in kontemplative Stimmung versetzt.
Doch die Verdichtung, wie sie in den Städten der Lebenden zur Norm wird, hält mit den Gemeinschaftsgräbern auch in den Friedhöfen Einzug. Diese sind längst nicht mehr nur Ruhestätten und Gedenkorte, sondern haben oft auch eine weltliche Funktion als Grünräume und Naherholungszonen. Diesen Aspekt genoss der Kolumnist Beni Frenkel während der Sommermonate, wie er im Magazin des «Tages-Anzeigers» am 12. September bekannte.

Moment des Gedenkens
Dabei erregte ein Grabstein in seinem Blickfeld wegen der Inschrift «Ich bin die Auferstehung» sein Interesse. Gerne hätte er mehr über den Verstorbenen erfahren, dessen Leben (1917 bis 1956) zu kurz währte. Frenkel widmete ihm vermutlich zu einem Zeitpunkt, da dessen Nachkommen es ihm kaum mehr zuteil werden lassen können, einen Moment des Gedenkens, eine Minute der Auferstehung. Wenn die Friedhöfe nicht nur Orte für die Trauernden sind, wird die Erinnerung ebenso kollektiv wie die gemeinschaftliche Beisetzung.
Vielleicht kommen die Toten so wieder etwas mehr in unsere Mitte. Doch die Atmosphäre, in der in Mexico am Dia de los Muertos mit den Verstorbenen gleichsam ihre temporäre Rückkehr bei Speis und Trank gefeiert wird, können wir nicht heraufbeschwören.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Den Berg in Szene setzen

  • Guten Bauen Ostschweiz. Erweiterung und Neubau Bergstation und Restaurant Chäserrugg der renommierten Basler Architekten Herzog und de Meuron. Das Gipfelrestaurant ist ein Holzbau.
  • Guten Bauen Ostschweiz. Erweiterung und Neubau Bergstation und Restaurant Chäserrugg der renommierten Basler Architekten Herzog und de Meuron. Das Gipfelrestaurant ist ein Holzbau.
  • Guten Bauen Ostschweiz. Hans Peter Schiess
  • Guten Bauen Ostschweiz. Erweiterung und Neubau Bergstation und Restaurant Chäserrugg der renommierten Basler Architekten Herzog und de Meuron. Das Gipfelrestaurant ist ein Holzbau.

Das Gipfelgebäude auf dem Chäserrugg von Herzog & de Meuron ist ein kleines Meisterwerk. Das Holzhaus zeigt exemplarisch, was Architektur auf dem Berg zu leisten vermag – abseits von Attraktionen wie Rodelbahnen oder Murmeltierparks.

 

15. August 2015 von  Martin Tschanz

 

Für einen Architekten ist es reizvoll, eine Gipfellandschaft zu gestalten und dabei Kultur und Natur durch ein Gebäude miteinander in Beziehung zu setzen. Trotzdem sind gelungene Bergstationen, die von Architekten gestaltet worden sind, selten. Die technischen, betrieblichen und nicht zuletzt die ökonomischen Anforderungen sind bei dieser Bauaufgabe äusserst hart.

Berghäuser sind nicht nur Maschinen der Seilbahntechnik, sondern auch der effizienten Gästebewirtschaftung, zumal wenn im Winter Skifahrer bedient werden sollen. Sie müssen extremen klimatischen Bedingungen trotzen, Stürmen und Schneeverwehungen ebenso wie grosser Hitze. Und nicht zuletzt ist der Bauprozess aufgrund der teuren und komplizierten Materialtransporte und der naturgegebenen kurzen Zeitfenster, die zur Verfügung stehen, äusserst anspruchsvoll.

Eigenheiten des Bergs nutzen
Wenn Berghäuser überwiegend technisch-pragmatisch gebaut werden, liegt das aber auch an Bauherren, die sich nicht vorstellen können, dass Architektur mehr zu leisten vermag, als spektakulär und teuer zu sein. Das Berghaus auf dem Chäserrugg beweist nun aber genau das. Es nutzt geschickt die Eigenheiten des Bergs, so dass dieser selbst zu einem intensiveren Erlebnis wird. Architektur ist hier nicht bloss eine Attraktion auf dem Berg und damit in derselben Rolle wie jene unsäglichen Rodelbahnen oder Murmeltierparks, mit denen die Touristikexperten die Gipfel bestücken und oft genug auch verunstalten.

Das Haus geht vielmehr eine Symbiose ein mit dem Berg, den es für den Besucher ins Werk setzt. Dass es dabei auch als Baukunst attraktiv ist, kommt erst in zweiter Linie dazu. Herzog & de Meuron verlängerten die bestehende Seilbahnstation um Küche und Nebenräume. Die neue Gaststube  schlossen sie im rechten Winkel dazu an, so dass sie als langer, schmaler Raum längs auf jenem Rücken zu liegen kommt, der dem Berg seinen Namen gegeben hat.

Auf dem Berg verankert
Dadurch entstand eine T-förmige Anlage, in der die lange, bis ins Tal hinunter führende Linie der Seilbahn zu einem präzisen Abschluss findet. Ein mächtiges Satteldach legt sich wie eine schützende Hand über das Ganze. Als würde es sich am Grat festhalten, verankert es das Haus und damit die ganze Bahn auf dem Berg. Gleichzeitig begleitet es den Weg des Besuchers über die Kuppe hinweg und macht so die asymmetrische Form des Berges erlebbar.

Wenn man die Gondel und den stählernen Bereich der Bahnstation verlässt, findet man sich in einer hölzernen Welt wieder. Von einer hohen, geschützten Vorhalle aus kann man den Berg betreten und im Winter die Piste in Angriff nehmen. Oder man folgt der Richtung von Raum und Dach und betritt das Restaurant.

Der Raum führt das Auge
Die lange oder vielmehr unendlich breite Gaststube wirkt mit ihren verglasten Stirnseiten wie ein optisches Instrument, das die breit gelagerte Ausdehnung des Berges in Szene setzt. Zunächst wird der Blick allerdings quer durch den Raum geführt. Das tief nach unten gezogene Dach lenkt die Aufmerksamkeit auf die verglaste Breitseite und über die vorgelagerte Terrasse hinweg nach unten, in Richtung Walensee. Die hohe Rückwand auf der gegenüberliegenden Seite gibt dem Raum den notwendigen Rückhalt. In den tiefen Nischen, die in sie eingelassen sind, geht der Ausblick gelenkt und von einem Fenster gerahmt in Richtung Alpstein. Die Gaststube öffnet sich also nach allen vier Himmelsrichtungen, allerdings nicht als Rundum-Panorama, sondern indem sie jede Seite ihrem Wesen gemäss in Szene setzt.

Obwohl der grosse Raum nur wenig gegliedert ist, wirkt er nicht mächtig. Die kräftige Holzkonstruktion schafft einen vertrauten, kleinmassstäblichen Rhythmus und sorgt dafür, dass die Raumtiefe prägender bleibt als die Länge. Überdies bieten die intimen Separees, in denen je ein grosser Tisch Platz findet, eine willkommene Rückzugsmöglichkeit – und doch bleibt alles unter einem Dach. Das schafft eine einzigartige Atmosphäre von Grosszügigkeit und Gemütlichkeit zugleich. Obwohl nur wenig an traditionelle Hütten erinnert, entsteht jenes Gefühl von Zusammengehörigkeit, das für Berghäuser charakteristisch ist.

Dazu passt das solide und praktische, aber auch elegante Mobiliar. Herzog & de Meuron haben das Haus ohne Betriebsunterbruch der Seilbahn gebaut und die Materialien fast ausschliesslich mit dieser auf den Berg gebracht. Das war möglich, weil sie die bestehende Station in den neuen Holzbau integriert haben. Dieser spricht eine verständliche Sprache. Man sieht, wie die hölzernen Stützen auf Sockeln stehen und die Balken tragen, auf denen sekundäre Träger und das Dach aufliegen, und die betonierte Bodenplatte ragt gerade so weit heraus, als sie deutlich macht, dass auf 2262 Metern über Meer eine horizontale Fläche keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein aufwendiges Konstrukt. Selbst wenn an den Spitzen des Daches die Sparren nur einseitig aufliegen und damit zeigen, dass das Tragwerk doch nicht völlig konventionell ist, glaubt man doch, die Konstruktion zu verstehen.

Sprechende Konstruktion
Ein Sockel, ein Dach, ein Haus. Die Dinge sind hier auf beruhigende Weise, was sie sind. Das heisst nun aber nicht, dass sie nicht auch über sich hinaus weisen würden. Das grosse, bergende Dach zum Beispiel erinnert mit seinen Aufbauten von oben betrachtet an die mächtigen Schindeldächer der Waadtländer Alpen. Von unten jedoch sieht man einen weit ausgebreiteten Flügel, leicht und offen, als wolle er den Gleitschirmen Konkurrenz machen. Oder jene Einschnitte in der Wand, durch welche die Kabinen in das Haus hinein fahren: Sie zeichnen klar und verständlich die technische Form der Gondel-Aufhängungen nach.

Und doch erinnert ihre prägnante, symmetrische Gestalt auch an die Klanglöcher eines Musikinstruments, so dass plötzlich ein gewaltiges Instrument zu sehen ist, mit den Kabeln als ungeheuer weit gespannte Saiten. Ein leiser Gruss an das nächste wichtige Projekt der Region, das Klanghaus Toggenburg am Schwendisee.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Bücherrad und fahrbare Leitern

  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Turmzimmer
  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Bücherrad.
  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Café St. Gall.
  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Eingangsbereich.

Dem temporären Charakter entsprechend waltet in der Bibliothek in der St.Galler Hauptpost das Flüchtige des gesprochenen Worts, das Mobile von fahrbaren Leitern und der schöne Schein eines Bühnenbilds.

 

25. Juli 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Es war ein ehrgeiziges Projekt, die bestehende Kantonsbibliothek Vadiana, die städtische Freihandbibliothek und die Frauenbibliothek Wyborada im Postgebäude zusammenzuführen.
Und es war ein Bekenntnis zur Buch-Tradition der Gallus-Stadt, die mit der Stiftsbibliothek eine der ältesten Bibliotheken der Welt beheimatet, als der Kanton den Post-Bau für 29 Millionen Franken kaufte.

Doch Brief und Siegel gab am Ende nicht die Politik, die sich dem Spardruck beugte und das 70-Millionen-Franken-Projekt auf Eis legte, sondern das Volk, das mit einer Initiative so viel Gegendruck erzeugte, dass es schliesslich zur Ausarbeitung einer redimensionierten Lösung kam. In einer Ausmarchung zwischen fünf Teams erhielt das Architektenduo Barao Hutter mit seinem Projekt Spoken-Words den Zuschlag, das erste Geschoss der Post mit einem Budget von 4,2 Millionen Franken umzubauen, um die Bestände der Kantonsbibliothek Vadiana und die Bücher und Medien für Erwachsene der Stadtbibliothek aufzunehmen.

Peter Hutter und Ivo Mendes Barao hatten im Jahr 2010 den vom Verein Südkultur lancierten Wettbewerb «Baukultur entwickeln »mit dem Projekt «Arkadia» gewonnen. Mit dem senkrecht stehenden, am First einen Bogen beschreibenden Stahlblech als Warteunterstand oder Plakatwand haben sie bewiesen, dass sie Funktionalität mit Originalität zu verbinden verstehen.

Wäre es möglich, diese Charakterzüge auch in einem Eingriff an einem so Respekt einflössenden Bau zu verwirklichen, wie es die zwischen 1911 und 1913 errichtete Hauptpost am St.Galler Bahnhofplatz ist? Das ausführende Büro Pfleghard & Haefeli war nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht nur eines der renommiertesten im Raum Zürich, sondern etablierte sich mit Geschäfts- und Kontorhäusern für die Stickereiindustrie auch in St.Gallen.

Schnörkellos und schmuck
Aussen zeichnet sich das Postgebäude durch gezielt gesetzten bildhauerischen Schmuck aus, während es im Innern von einer schnörkellosen Stahlbeton-Skelettkonstruktion getragen ist. Diese beiden Komponenten haben Barao Hutter in ihrem Umbau miteinander verbunden. Ebenso dekorativ wie funktional beginnt es bereits beim Eingang, über dem aufgefächerte Bücher signalisieren, wo es zur Bibliothek geht.

Dass sie nicht an der Fassade prangen, mag dazu führen, dass sie übersehen werden – überhören dagegen vielleicht nicht, wenn im Verlaufe des Tages sporadisch ab CD Texte eingespielt werden.

Sprechende Bücher
Die sprechenden Bücher lassen sich in der Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes einerseits als Anspielung auf die mittelalterliche Verschriftlichung vordem mündlich vorgetragener Texte und Gesänge lesen beziehungsweise hören – nicht zuletzt auch des Gallus-Liedes. Andererseits verknüpfen sie sich mit der vor dreissig Jahren aufgekommenen Technologie der Hörbücher, die in ihrer Entstehungszeit ebenfalls als «sprechende Bücher» tituliert wurden, und schliesslich mit der zeitgenössischen Slam Poetry.

Das flüchtige Wort ebenso wie das Labile der aufgehängten Installation passt zu einem Ort, der als temporäre Einrichtung qualifiziert ist – einem Aspekt, dem die Architekten auch im Innern Rechnung tragen.

Nach dem Aufstieg im Treppenhaus ins erste Geschoss empfängt einen zunächst das «Cafe St-Gall» mit Zeitungen und Zeitschriften. Dessen Blickfang ist ein Paravent, der bei Veranstaltungen als Bühnenbild figuriert. Er lässt sich als indirekte Referenz an Pfleghard & Haefeli lesen – stammt er doch aus einem Stickereiunternehmen, demjenigen von Jakob Schläpfer.

Flussbarsch in der Halle
Dahinter erstreckt sich die Präsenzbibliothek. Für den Umgang mit der Halle haben die Architekten ein symbolisches Bild gewählt: die «Skelettstruktur des Knochenfisches Perca fluviatilis» (Flussbarsch). Sie steht stellvertretend für das Merkmal des ursprünglichen Baus von Pfleghard & Haefeli. Barao Hutter haben die Roheit der Stahlbetonkonstruktion belassen. Demgegenüber zeigt die Decke des ehemaligen Direktorenzimmers noch Spuren von Stuck, und das Turmzimmer, in dem die Kantonsbibliothek Vadiana erstmals die Sangallensien präsentieren kann, wartet mit einem roten Teppich auf.

Ideal und Wirklichkeit
Bei der Ausstattung, die auf Entwürfen der Architekten basiert, kommt das Flair des Duos für Kleinarchitekturen zum Vorschein, das es mit «Arkadia» bewiesen hatte. Der Leuchter im Turmzimmer ist ein in Leuchtröhren aufgelöster Lampenschirm, das Bücherrad will einem als eine Erinnerung an die einstige Nutzung als Sortierhalle erscheinen und die auf Schienen fahrbaren Leitern als Liebäugeln mit denjenigen in der Stiftsbibliothek.

«Möge niemand, wie Schiller sagt, das dürftige Ergebnis der Wirklichkeit allzu peinlich an dem Masstab der Vollkommenheit messen, denn, fügt Carlyle bei, die Ideale bleiben immer in einer gewissen Entfernung, und mit einer leidlichen Annäherung an sie wollen wir uns dankbar zufrieden geben», schrieb die «Schweizerische Bauzeitung» zur Vollendung der Hauptpost vor fast auf den Tag genau 100 Jahren.

Damals war das Ungelöste – namentlich die städtebauliche Setzung – buchstäblich in Stein gemeisselt. Das Provisorische nun zum Kern des Umbaus gemacht zu haben, der auf dem Zurückbuchstabieren des ursprünglichen 70-Millionen-Franken beruht, ist vor diesem Hintergrund erst recht adäquat. An das Fernziel des Bibliotheksverbunds werden die sprechenden Bücher gemahnen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Keine Fläche zu klein, ein Blumenmeer zu sein

  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.

Im Friedhof Ost, im Stadtpark, im Unteren Brühl und im St. Leonhardpark in St.Gallen sind derzeit die Blüten des Sommerflors zu sehen. Er ist Teil eines ausgeklügelten Konzepts, nach dem das Gartenbauamt den städtischen Raum ästhetisch und ökologisch aufwertet.

11. Juli 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Kaum waren die weissen, gelben und dunkelvioletten Tulpen des Frühlingsflors verblüht, machten sich die Gärtner daran, die Zwiebeln auszugraben und die leer geräumten Beete mit dem Sommerflor zu bestücken. Für jede Anlage liegen genaue Schemata vor, um eine austarierte Komposition von Farben, Formen und Texturen zu gewährleisten.

Das Wolfsmilchgewächs mit den ausufernden gabelförmigen Verzweigungen, dem lanzettförmigen Laub und den zarten weissen Scheinblüten erzeugt im Wechsel mit dem rosafarben blühenden Ziesthybrid ein Bett, in dem die apricotfarbenen Schafgarben ein Mal mit ihren gelben bis orangen Schwestern gepaart sind, das andere Mal von den bis ins dunkelviolett spielenden Wilden Karotten flankiert werden. Der himmelblaue Salbeihybrid «African Sky» kokettiert als Lippenblütler ebenso mit dem Ziest wie mit dem Silberstrauch. Die silberfarbenen Blütenhalme des Chinaschilfs schliesslich werden bis im Oktober explodieren und so in den Herbst überleiten.

Grundmuster mit Variationen
Die Bepflanzung mit saisonalem Wechselflor ist eines von vier Grundmustern, auf denen das Pflanzkonzept der Stadt basiert. Die andern drei gliedern sich grob in Flächen, auf denen einjährige Blumeneinsaaten zum Einsatz kommen; Standorte, die mit der so genannten «Silbersommer »-Mischung bestückt – ein von der Fachhochschule Wädenswil entwickeltes Pflanzensystem – und Anlagen, die mit ausdauernden Mischstauden bepflanzt werden. Leitgedanke in allen Fällen ist, die Biodiversität zu erhöhen und für die Schönheit der einheimischen Flora zu sensibilisieren.

Einjährige Ansaaten in der Wehr-, der Rosenberg- und der Kolumbanstrasse basieren zum einen auf  der Pflanzmischung «Wehretaler Sommertraum», der aus niedrigen Sonnenblumen, Sonnenhut, Ringelblumen, rotem Lein, Schmuck- körbchen und anderem besteht, zum anderen auf der Bienenwiese, die mit Borretsch, Natternkopf, Drachenkopf, Buschwinden, Goldmohn, rotem und blauem Lein, Schleierkraut, Klatschmohn, Ringelblumen, Schmuckkörbchen, Kapmargariten und Sonnenblumen eine reichhaltige Bienenweide abgibt.

Der «Silbersommer», der als Verkehrsbegleitgrün zum Beispiel den Verkehrsteiler Heiligkreuz, die Kesselhaldenstrasse, den Unteren Graben und die Teufener Strasse aufwertet, zeichnet sich dadurch aus, dass die Pflanzenmischung das ganze Jahr über eine attraktive Blütenpracht entwickelt – und das oft auf kleinstem Raum: Im Frühling etwa leuchten scharlachrote Wildtulpen und blaue Trauben-Hyazinthen, im Vorsommer blühen blauer Lein, grüngelbe Wolfsmilch und weisse Anemone.

Im Herbst kontrastieren etwa filigrane Gräser mit den rotbraunen Blütentellern der Fetthenne. Auch im Winter muss nicht auf optische Blickfänge, welche die teilweise markanten Samenstände bilden, verzichtet werden.

Mischstauden für Kontinuität
Mischstaudenpflanzungen haben die längste Lebensdauer und stehen für Kontinuität – nicht aber für Erstarrung. Die Pflanzen werden nach dem Kriterium der Standortgerechtigkeit ausgewählt – sonnig-trocken, halbschattig oder schattigfeucht, je nachdem, ob sie auf Freiflächen, im Gehölz oder einem Beet eingesetzt werden. Mischstaudenpflanzungen finden sich im Stadt- und im Kantonsschulpark, im Unteren Brühl, im Kirchhofergut und in den Friedhöfen Feldli, Ost und Bruggen. In Letzterem wurde die Pflanzung 2014 angelegt. Als Leitstauden fungieren das Grosse Salomonsiegel mit den charakteristischen weissen Glöckchen, die Herbstanemone mit ebenfalls weissen, aber sternförmigen Blüten und die zarten rispigen Blütenstände der Rasen-Schmiele.

Ihnen beigesellt sind unter anderem Weisse Waldaster, lilafarbene Acker-Glockenblume, Brauner Storchschnabel und Kleine Japan Silberkerze. Dazwischen eingestreut wurden die violette Gemeine Akelei und der Rostfarbige Fingerhut. Als Füllstauden schliesslich fungieren etwa die Gelapptblättrige Waldsteinie mit zarten gelben Blüten, das Frühlings-Nabelnüsschen mit ebenso zarten, aber blauen Blüten oder die Schneeweisse Hainsimse. Die komplexesten Kompositionen sind diejenigen, in denen Pflanzen, die über Jahre den Charakter einer Grünfläche prägen, mit wechselndem saisonalem oder einjährigem Flor variiert werden.

Neben der Schützengasse steht dafür das Grabenpärkli beispielhaft. Mit dessen Umgestaltung erregte das Städtische Gartenbauamt 2011 Aufsehen. Die Neukonzeption zeigt, wie auch auf einer vergleichsweise bescheidenen Fläche – sie umfasst gerade einmal 150 Quadratmeter, ein Bruchteil des knapp 34000 Quadratmeter grossen Stadtparks – eine abwechslungsreiche, betörende Bepflanzung möglich ist.

Das Zürcher Landschaftsarchitekturbüro von Guido Hager ersann zwei Pflanzenbilder, das eine in den Farben dunkelblauviolett, maigrün und dunkelrotbraun, das andere in violett-purpur und weiss-silbergrün. Es komponierte sie aus Leit- und Gruppenstauden, Zwiebelpflanzen (Geophyten) sowie Bodendeckern im Wechsel mit Frühlings- und Sommerflor.

Als Leitstauden qualifizierte es im einen Fall Blütensalbei sowie zartes und Riesen-Federgras, im anderen unter anderem Atlas-Schwingel, Wermut, Kandelaber- Ehrenpreis und Flammenblume. Als Gruppenstauden definierte es Schwertlilien, Storchenschnabel, Akelei, Sterndolde sowie Indianer- und Mexikonessel beziehungsweise Fettblatt und Herbstanemone. Dem Zierlauch als Zwiebelpflanze gesellte es für das erste Bild verschiedene Tulpensorten bei, dem zweiten Strahlenanemone und Trompetennarzisse.

Als Frühlingswechselflor fungierten im einen Fall Stiefmütterchen, die im anderen mit Weiss- Hornveilchen angereichert wurden. Der Sommerwechselfor schliesslich war mit Bronze-Fenchel und Buntschopfsalbei beziehungsweise mit Verbene bestückt.

Fremde werden zugelassen
Über die Jahre wird sich der Grabenpark verändern, wie alle andern Grünflächen auch. Wohl unterhält das Gartenbauamt die rund 700 Objekte nach detaillierten Pflegeplänen. Doch duldet es Artenverschiebungen ebenso, wie das «Einschleppen» fremder Arten und greift nur ein, wenn sich ein Überhandnehmen beziehungsweise ein Ungleichgewicht abzeichnet, das der Vielfalt abträglich wäre.

Auch «Fremdes» kann nämlich zum Blickfang werden, wie es im Frühling im St.Leonhardpark je eine orange- und eine purpurfarbene Tulpe waren.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Variationen zu einem Thema

  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.
  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.
  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.
  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.

Auf dem ehemaligen Fabrikareal der Viscose in Widnau hat sich der Künstler und Architekt Spallo Kolb ein Experimentierfeld erschlossen. Die Transformation ist ein «Work in progress» mit offenem Ausgang.

 

18. April 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Der Umgang mit aufgegebenen Industriestandorten folgt standardisierten Drehbüchern: entweder sie werden – meist nach einer Zwischennutzungs- periode – abgebrochen, um Neubauten Platz zu machen, und/oder umgenutzt – als Museen, Schulen, Lofts. In der Ostschweiz kann man diese beiden Szenarien exemplarisch verfolgen: in Aadorf, wo vor zwei Monaten die Backsteingebäude der einstigen Feilenfabrik Baiter abgebrochen wurden, um auf dem 5600 Quadratmeter grossen Areal vier Mehrfamilienhäuser zu errichten, und in Arbon, wo die Firma HRS das 24 Hektar umfassende ehemalige Saurer-Gelände mittels Architekturwettbewerben zu einem neuen durchmischten Stadtteil umwandelt und bis 2016 das Hamel-Gebäude aus dem Jahr 1907 renoviert und mit Mall, Büros und Wohnungen alimentiert.
Ein drittes Szenario spielt sich meist eher im Verborgenen ab, weil die Eingriffe weniger spektakulär sind oder weniger Zündstoff bieten. Beobachten lässt es sich auf dem Viscose-Areal in Widnau.

Einen Steinwurf von der Lokomotivremise entfernt, flankiert von einem ausgedientem Schienenpaar und vor der Kulisse improvisierter Pflanzplätze fällt der Blick auf ein zu einer mächtigen Möbiusschleife aufgerolltem rostigen Bergbahnstahlseil. Das Holz der Haspel, auf der es einst aufgespult war, verfaulte bis es unter dem Gewicht des Stahls kollabierte und sich dieser durch den Drall der Wicklung zur Schleife verformte. «Schlaufe» nennt Spallo Kolb das «Objet trouvé», das vorgefundene Objekt. Weiter hinten liegt eine Plastik, die aussieht, wie ein vergrösserter Unspunnenstein. Es ist aber kein Findling, sondern mittels ausbetoniertem Stahlgerüst imitierte Natur. Das Stahlseil und der Betonbrocken stehen symbolhaft für Kolbs Interventionen auf dem Areal: Arbeiten mit dem Vorgefunden, Neues adaptierend erfinden.

Die Geschichte beginnt 1998, als der Niedergang des 1924 eröffneten Viscose Standorts am Rhein besiegelt wird. Spallo Kolb, der seit dem Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1980–1982) als Künstler, Designer und Architekt arbeitet, ist auf der Suche nach einem Atelier, und die Viscose-Muttergesellschaft in Emmenbrücke will brach liegende Teile ihres Areals veräussern. Kolb quartiert sich in der ehemaligen Montageleitungsbaracke ein, haust vorerst ohne Wasser und Strom und initiiert das Experiment, die Industrieruine bewohnbar zu machen. Er tut dies als Work in Progress und nomadisiert von Bau zu Bau. Nachdem die Montageleitungsbaracke isoliert, mit Strom und Wasser versorgt sowie mit Küche und Bad ausgerüstet ist, vermietet er sie und zieht weiter in die nächste. Er baut sie zurück und erstellt zwei spiegelbildlich zueinander organisierte Grossraumwohnungen: Case 1 + 2. Vis à vis steht die einstige Gärtnerbaracke – hinter einem alten Güterwaggon auf einem ausgedienten Gleisabschnitt. Den Holzbau funktioniert er zum Schlaftrakt um und ergänzt ihn um je einen Betonkubus für Wohnraum und Büro. Das Ensemble nennt er Casita.

Lose und kompakt
Der Schienenstrang mündet in der Lokomotivremise am Galerieweg, die er mit seiner Familie bewohnt. Sein Büro hat er in einer der Boxen, die auf der andern Seite des Wegs in wilder Kreuzbeige übereinander gestapelt sind. Die Anordnung ist nicht «l’art pour l’art» statischer Spielerei, sondern resultiert aus der Rücksicht auf den alten Baumbestand. Erschlossen sind die «Case Study Houses» über einen imposanten Treppenturm, von dem aus Passerellen zu den Eingängen führen. Kolb benennt die «Holzkisten» nach dem experimentellen und legendären Wohnbau-Programm, das die amerikanische Zeitschrift Arts & Architecture zwischen 1945 und 1966 lancierte.
Im Gegensatz dazu zeichnet sich seine Intervention im ehemaligen Unterwerk durch Kompaktheit aus. Er «durchsticht» die drei Hallen, in denen einst Transformatoren standen und «schiebt» vollflächig verglaste, zweigeschossige Container so «hinein», dass sie das leergeräumte Volumen ausfüllen. Nicht so im oberen Geschoss, das sich über alle drei unteren Hallen erstreckt. Hier stellt er die Holzkiste «lose» hinein, sodass sie von der Fassade zurückversetzt ist und die Decke nicht berührt.

In der Schwebe
Frappierend ist, dass Kolb durchwegs mit Boxen operiert, diese aber so variiert, dass die bestehenden Bauten ihren Charakter behalten und sich die Neuen in das disparate Konglomerat einfügen. Diese konsequente Variation eines Themas, das sich auch im Innern wiederfindet, wo Kolb nach dem Raum-im-Raum-Prinzip da einen Badcontainer hineinstellt, dort eine Schlafkoje platziert, macht den Charakter der Interventionen aus.
Die Eingriffe werden «in der Schwebe» gehalten. Das gilt für die in scheinbar prekärem Gleichgewicht balancierenden «Case Study Houses» ebenso, wie für die Eigenkreationen der freistehenden Küchenblöcke und für als Galerien ausgebildete «Obergeschosse». Nicht zuletzt gilt das auch für die «Eigentums»verhältnisse: Das Terrain zwischen den Bauten ist Allgemeingut.

Die Eigenheit in Arbon liegt – abgesehen davon einen Zeugen der Industrie- geschichte zu bewahren und hohe architektonische Massstäbe an die Neubauten zu legen – in der radikalen Umwälzung des Quartiers im Zeitraffer. Demgegenüber ist der Reiz der „slow-motion“-Transformation in Widnau, ein unvollendetes Werk, ein Non-finito, ein «Work in progress» mit offenem Ausgang zu sein.

Bilder: Hanspeter Schiess

Bossart schafft stimmige Räume

  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.

Der St.Galler Architekt Bruno Bossart hat in der Ostschweiz eine ganze Reihe von Kirchen an die neuen Bedürfnisse angepasst. Liturgisch ist der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitete Wandel vollzogen, baulich aber noch nicht überall in die Sprache der Architektur übersetzt.

 

14. März 2015 von  Martin Tschanz

 

Nicht vonungefähr sagt man, die Kirche bleibe im Dorf. Als Institution und als Architektur steht die katholische Kirche gleichermassen für Beständigkeit – und doch gibt es Veränderungen. In den frühen 1960er-Jahren wurde die Bedeutung der Laien durch das Zweite Vatikanische Konzil gestärkt. Unter dem Schlagwort der tätigen Teilnahme der Gemeinde hatte dies unter anderem zur Folge, dass sich der Priester nun dem Kirchenvolk zuwandte, um die Messe zu zelebrieren.
In vielen Kirchen mussten dafür neue Altäre aufgestellt werden, die nun frei im Raum standen. Meist behalf man sich dabei zunächst mit Provisorien, die erst allmählich durch definitive Lösungen ersetzt wurden. So ist diese noch relativ junge Entwicklung der katholischen Liturgie in den vergangenen Jahren in die dauerhafte Sprache der Architektur übersetzt und festgeschrieben worden.

Eingriff in der Kathedrale
Das bekannteste Beispiel dafür ist der neue Altar in der Kathedrale von St.Gallen, den die Architekten Caruso St John gestaltet haben. Die Diskussion, die dieser sensible Eingriff in das barocke Gesamtkunstwerk ausgelöst hatte, ist ein Zeichen für seine  weitreichende Bedeutung. Dabei war er insofern relativ unproblematisch, als der neue Altar vor dem Hintergrund des prunkvollen Chorgitters einen selbstverständlich wirkenden Ort fand, während der Raum dahinter und der bestehende Hochaltar unangetastet blieben.

Gefahr einer drohenden Leere
Im Normalfall der zahlreichen Gemeindekirchen gibt es jedoch keinen Mönchschor. Die Verschiebung des Altars, auf den sich der ganze Bau vorher ausgerichtet hatte, droht daher oft eine unangenehme Leere entstehen zu lassen. Bruno Bossart, der in der Ostschweiz eine ganze Reihe von Kirchen an die neuen Bedürfnisse der Liturgie angepasst hat, spricht in diesem Zusammenhang von einer Art räumlichem Vakuum, das gestalterisch bewältigt werden muss.

Ostermahl statt Altar in Flawil
In der St. Laurentiuskirche in Flawil, die er 1995 erneuert hatte, nimmt daher ein neugeschaffenes Ostermahl die alte Stelle des Altars ein. Es ist ein Symbol für das leere Grab, öffnet sich zum Morgenlicht hin und nimmt in seiner Mitte den bestehenden Tabernakel auf. Der neue, nach vorne gerückte Altar steht als Tisch auf einem Stufenpodest, das kreisförmig in das Kirchenschiff ausgreift. Er wird von den damit verknüpften Bereichen der Anbetung und der Taufe flankiert, die an die Stelle der alten, nicht mehr benötigten Seitenaltäre getreten sind.
Hinter dem Altar stehen vierzehn steinerne Stelen, die mit ihrem oberen Abschluss aus Bronze an Kerzen erinnern, vielleicht auch an menschliche Figuren oder an die Zinnen einer Stadtmauer. Wie auch immer man sie deuten mag, vermitteln sie räumlich zum noch weiter zurück liegenden Ostermahl und zur Geometrie des bestehenden Kirchenraums. Dieser wird dadurch bühnenartig auf  das Geschehen am Altar fokussiert, so dass die heilige Handlung räumlich und symbolisch einen angemessenen Rahmen erhält.
Bei der Ausarbeitung dieser neuen räumlich-ikonographischen Einheit innerhalb der schlichten, 1935 von Karl Zöllig erbauten Kirche spielte der damalige Pfarrer, der heutige St.Galler Bischof Markus Büchel, eine wesentliche Rolle. Ihn bezeichnet Bruno Bossart als seinen Lehrmeister in liturgischen Fragen.

Referenzen aus der Malerei
Der Architekt arbeitet beim Entwerfen oft mit Referenzen aus der Malerei, die ihm beim Entwickeln und Vermitteln seiner Vorstellungen helfen. Man braucht diese aber nicht zu kennen – in diesem Fall das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci –, um einen Zugang zu seiner Architektur zu finden. Bossart baut keine Bilder, sondern übersetzt deren Themen in die Sprache seiner Kunst, die mit ihren eigenen Mitteln unmittelbar unsere Wahrnehmung anspricht. In diesem Fall inspirierte der Saal des Bild zu den Stelen des Kirchenraums. Beide geben dem Abendmahl seinen Raum. Die Tragfähigkeit der bei der Flawiler St. Laurentiuskirche erarbeiteten Prinzipien zeigt sich in einer ganzen Reihe von Nachfolgebauten, auch wenn jede Lösung auf dem vorgefundenen Bestand aufbaut und dementsprechend einzigartig ist.

Alt und Neu im Gleichgewicht
Beispiele dafür sind: St. Joseph in Muolen (1999), St.Michael in Lütisburg (2003), St.Ulrich in Oberbüren (2012) und St.Gallus in Libingen (2013). Das jüngste Beispiel ist die Kirche St.Eusebius in Niederwil, die Bossart in Zusammenarbeit mit dem Pallottinerpater Adrian Willi gestaltet hat. Auch hier erhielt der neue, der Gemeinde zugewandte Altar einen optisch und inhaltlich
sinnvollen Hintergrund durch ein neues Chorraum-Element, das in diesem Fall das offene Haus von Emmaus symbolisiert.
Erbaut wurde es aus dem Stein des alten Altars, während der neue die zwölf Stangen aus Schmiedeeisen mit den Namen der Apostel integriert, die früher die Chorraumschranke gebildet haben und nun den Tisch des Abendmahls umgeben. Die alte Christusfigur erhielt ein neues Kreuz, und die neue Farbigkeit verleiht der bestehenden Deckenmalerei und den Mosaiken von 1958 neue Kraft. Damit lebt das Alte im Neuen weiter: Die Kirche bleibt im Dorf und ist das Resultat einer reichen Geschichte mit zahlreichen Umbauten und Erneuerungen, wobei es mit der jüngsten Etappe gelang, die unterschiedlichen Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Ungleiches zusammenführen
Bruno Bossart beweist bei solch schwierigen Aufgaben einen ausserordentlichen Sinn für Gleichgewichte, der es ihm erlaubt, Altes und Neues, Grosses und Kleines, Flächiges und Plastisches, kurz Ungleiches aller Art in eine stimmige architektonisch- räumliche  Komposition zusammenzuführen. Es ist kein Zufall, dass seine Arbeiten oft an die Werke des grossen italienischen Architekten und Gestalters Carlo Scarpa erinnern. Wie dieser ehrt er das Handwerk, pflegt die Kunst von Profilierung und Rahmung und weiss eine fast barock anmutende Sinnlichkeit mit moderner Eleganz zu kombinieren.
Auf diese Weise gelingt es Bossart immer wieder, wie bei St.Eusebius, die Flurschäden vergangener Eingriffe zu beheben. Solches ist heute zunehmend von Bedeutung, nicht nur im Sakralbau.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Ein städtebauliches Juwel

  • Regierungsviertel Frauenfeld für Gutes Bauen Ostschweiz.
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz.
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz

Der Thurgau ist ein ländlich geprägter Kanton. Das macht etwas vergessen, dass sein Hauptort ein städtebauliches Schmuckstück birgt. Der Ring um die Altstadt von Frauenfeld mit Promenade und Regierungsviertel entspricht in seiner Anlage dem grossen Vorbild in Wien.

 

14. Februar 2015 von  Martin Tschanz

 

Natürlich ist das Schloss nicht die Hofburg und die Kantonalbank nicht die Staatsoper, aber gerade in der Anpassung des grossstädtischen Modells mit seinen Boulevards und Prachtbauten an die Verhältnisse der ländlichen Kleinstadt liegt ein besonderer Charme. In den vergangenen Jahren wurden die Bauten des Kantons umsichtig saniert und eine pflegende Erneuerung
des öffentlichen Raums steht an. Grund genug, dieses Ensemble zu würdigen.

Anlagern, ohne zu zerstören
1813 wurde auf Initiative von Bernhard Greuter, dem Inhaber einer Textilfärberei, der Stadtgraben von Frauenfeld aufgefüllt und die Promenade angelegt. Sie bildet das Herzstück einer ringförmigen Anlage, an der sich die Grossbauten der neuen Zeit gleichsam von aussen her an das Städtchen anlagern konnten, ohne dessen Charakter zu zerstören. In relativ kurzer Zeit entstanden hier die Gebäude der Kantonsschule, das städtische Promenadenschulhaus, das Regierungsgebäude sowie das Verlagshaus Huber, das der einzige Privatbau an dieser repräsentativen Adresse war, als Heim der Thurgauer Zeitung aber eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben spielte. Alle diese Bauten wie auch die nahe gelegene Kaserne wurden von einem einzigen Architekten gestaltet: Johann Joachim Brenner, der auf diese Weise mit seiner etwas spröden, nüchternen Architektur das Gesicht des noch jungen Kantons prägte. Seine Bauten zeichnen sich durch eine ruhige, würdige Erscheinung aus. Dies erreichte er vor allem durch eine einfache, klare Gliederung der Baukörper und gute Proportionen, während Schmuckelemente nur sehr zurückhaltend zum Einsatz kommen.
Bis heute scheint dies sehr gut zum Charakter des Kantons zu passen. Es ist daher kein Zufall, dass auch das Verwaltungsgebäude, das 1968 das städtische Schulhaus ersetzte, diesen Prinzipien folgt. Deshalb fügt sich der so genannte Glaspalast trotz seiner modernen Formensprache erstaunlich gut in das Ensemble des 19. Jahrhunderts ein. Mit diesem Bau der Grenchner Architekten Müller und Haldemann wurde die Promenade als Ort der kantonalen Repräsentation nochmals gestärkt. Es bildete sich das Regierungsviertel heraus, das unter der Ägide des unlängst zurückgetretenen Kantonsbaumeisters Markus Friedli sorgfältig und konsequent weiterentwickelt wurde.

Sorgsam erneuert
Schrittweise wurden die alten Kantonsschulen als Obergericht und Kantonsbibliothek neu organisiert und das Verwaltungsgebäude, der botanische Garten und das Regierungsgebäude sorgsam erneuert. Leider scheiterte das Vorhaben, das Areal der Druckerei Huber für die kantonale Verwaltung umzuwidmen, so dass nun gewöhnliche Wohnungsbauten die Zone der öffentlichen Nutzungen stören. Die bauliche Konzentration der Verwaltung wird nun hinter dem Regierungsgebäude fortgesetzt werden müssen.
Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch die Umnutzung etlicher Wohnbauten und durch das neue Staatsarchiv der Architekten jessenvollenweider, mit dem die Ausdehnung des Regierungsviertels nach Nordosten hin ihren Abschluss findet. Die Terrasse mit ihren mächtigen Platanen bildet hier an der Geländekante eine Art Echo auf die Allee an der Promenade.
Dort sieht man von den Erneuerungen der letzten Jahre nicht sehr viel, und das ist auch gut so. Die teils erheblichen Eingriffe in die Bauten des Kantons respektieren deren Bestand und entlocken ihm neue Qualitäten. Im Regierungsgebäude zum Beispiel war die Gewölbehalle im Erdgeschoss ursprünglich nicht viel mehr als ein feuerfestes Behältnis für das Archiv. Durch sorgsam gestaltete Böden und eine zurückhaltende, zum Teil eigens dafür entworfene Ausstattung gelang es den Architekten Staufer & Hasler jedoch, die verborgene Schönheit dieser Räume erstrahlen zu lassen und einen repräsentativen, vielfältig nutzbaren Empfangsbereich einzurichten.
Nach aussen hin treten diese Eingriffe jedoch kaum in Erscheinung. Die Fassaden wurden gereinigt und repariert, die Farben aufgefrischt und Lambrequins (Fensterdekorationen) aus Chromstahl eingesetzt, die das Thema des ursprünglichen Sonnenschutzes neu interpretieren – mehr nicht. Augenfällig ist einzig die Neugestaltung des Vorplatzes, wo zwei Kandelaber an Säulen oder auch an Leuchttürme erinnern und dabei die Funktion der beiden Mammutbäume übernehmen, die 1929 dem Frost zum Opfer gefallen sind. In der Folge wurde das Gebäude arg vom Verkehr bedrängt, doch nun erhielt es seinen angemessenen Vorbereich zurück. Die beiden flankierenden Bosketten unterstreichen mit ihrer abgezirkelten, fast schon architektonischen Gestalt die Symmetrie der Anlage. Gleichzeitig sind sie die Vorboten der zukünftigen Verlängerung der bestehenden Kastanienallee, dank der das Ensemble an der Promenade noch stärker zu einer Einheit zusammenfinden wird.

Vom Juwel zum Lehrstück?
Südlich der Altstadt sind überdies die Revitalisierung des alten Postgebäudes und ein Neubau der Hauptpost in Planung, die dem Postplatz und der Rheinstrasse neuen Glanz verleihen werden. Damit wird der Frauenfelder Ring wieder jene Stattlichkeit  zurückgewinnen, die ihm im 19. Jahrhundert zugedacht worden war. Vielleicht wird es dereinst ja sogar noch gelingen, die östliche Zürcherstrasse, wie im Richtplan vorgesehen, in eine städtische Allee zu verwandeln. Dann erhielten die Altstadt und der um sie  herum liegende Ring öffentlicher Anlagen eine würdige Verbindung zum modernen Stadttor an der Autobahn, und spätestens dann würde das Städtchen Frauenfeld vom Juwel zum eigentlichen Lehrstück in Sachen Städtebau.

Bilder: Hanspeter Schiess

Eine Brücke als Bühne

  • Gutes Bauen Ostschweiz: Letzte Rheinholzbrücke als Verbindung Sevelen - Vaduz.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Letzte Rheinholzbrücke als Verbindung Sevelen - Vaduz.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Letzte Rheinholzbrücke als Verbindung Sevelen - Vaduz.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Letzte Rheinholzbrücke als Verbindung Sevelen - Vaduz.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Letzte Rheinholzbrücke als Verbindung Sevelen - Vaduz.

Die zwischen in den Jahren 2009/10 instand gesetzte Brücke zwischen Vaduz und Sevelen ist nicht nur ein Zeuge innovativen Holzbrückenbaus im 19. Jahrhundert, sondern bietet bei der Überquerung mit einer subtil austarierten Lichtinstallation auch ein szenografisches Erlebnis.

 

24. Januar 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Es ist ein bühnenreifes Schauspiel, das sich dem Spaziergänger bietet, der den Rhein nach dem Einnachten über die alte Holzbrücke zwischen Vaduz und Sevelen passiert: Wie auf einer Theaterbühne schält sich aus dem Dunkel am andern Ende der Passerelle eine schwarze Silhouette, ein Stirnlicht hebt und senkt sich. Im Lichtschein, der die Gestalt wie eine zweite Haut einhüllt, nähert sie sich bis ihr Widerschein mit demjenigen verschmilzt, der einen selber umgibt. Die Szenerie verdankt sich einer ausgeklügelten, interaktiven Lichtinstallation. Dieses trägt dem Sicherheitsbedürfnis Rechnung, ohne aufdringlich zu sein. Die Lichtinsel begleitet den Spaziergänger, die Velofahrerin, den Reiter und die Joggerin diskret, gleichsam wie ein «Schatten». Sobald jemand die Brücke betritt, wird der Innenraum der Brücke in das sanfte Licht einer Grundbeleuchtung getaucht; die erste Leuchte scheint heller auf. Bewegt sich die Person nun über die Brücke, wird der Sensor der zweiten Leuchte aktiviert und die Geschwindigkeit der Bewegung errechnet, sodass die Leuchten im Rhythmus der die Brücke passierenden Person nach und nach eingeschaltet werden. Begegnen sich Personen, verschmelzen die Lichtinseln miteinander. Zur innenräumlichen Lichtstimmung gesellt sich die ebenfalls mit LED-Leuchten erzielte Aussenwirkung. Diese sind in die Laibungen der Fenster auf der Südseite eingelassen und werfen ein Streiflicht auf die Lamellen, das die halb verschatteten Öffnungen von aussen, wie Lampions erscheinen lässt. Der Eingriff ist subtil und  sensibel ist nicht nur das Beleuchtungskonzept, das den Passanten ein Erlebnis ohne aufdringliche Effekthascherei bietet und vormacht, wie grandiose Lichtstimmung erzeugt werden kann, ohne die Lichtverschmutzung anzuheizen. Auch die Instandsetzung der Brückenkonstruktion zeugt von Behutsamkeit.

Jahrzehntelang einzige Verbindung
Insgesamt 17 gedeckte Holzbrücken führten einst zwischen Reichenau und dem Bodensee über den Rhein. Die 136 Meter lange Verbindung zwischen Vaduz und Sevelen reihte sich als letzte in diese Perlenschnur. 1981 stellte sie die Regierung des Fürstentums Liechtenstein unter Denkmalschutz. Bis dahin hatte sie bereits eine wechselvolle Geschichte durchlebt. Ihre Entstehung 1870/71 verdankt sie der Eindämmung des Rheins. Bevor dessen Lauf gebändigt wurde, konnte er nur durch Furten passiert werden, oder man liess sich mit der Fähre übersetzen. Das 1875 um 1.50 Meter angehobene Bauwerk war um 1900 in so desolatem Zustand, dass es bis auf die Jochständer zurückgebaut und, wiederum um 1.50 Meter erhöht, neu erstellt werden musste – unter Wahrung der originalen Bauweise. Repariert wurde die Brücke 1930 und 1956, instandgesetzt 1988/1989. Zu diesem Zeitpunkt, nach der Einweihung der flussaufwärts errichteten Betonbrücke 1975, war die in die Jahre gekommene Vorgängerin nicht mehr die einzige unmittelbare Verbindung zwischen Vaduz und Sevelen, als die sie während über 70 Jahren gedient hatte. Notabene war sie so dimensioniert, dass Fahrzeuge nur in jeweils einer Richtung passieren konnten, da die Fahrbahn ursprünglich nicht mehr als 2.40 Meter breit war (1956 wurde sie auf 2.90 Meter erweitert). Die Nutzlast betrug um 1900 rund 3.5, ab 1930 sechs Tonnen.

Patente Konstruktion
Bis heute unverändert ist der Kern der Brücke: die Konstruktion. Diese basiert auf dem Einsatz von Howe’schen Trägern. Der als doppeltes Howe’sches Fachwerk ausgebildete Kastenträger erstreckt sich über sechs Felder und besteht aus Unter- und Obergurt, vertikalen Zugstangen aus Stahl und diagonalen Verstrebungen. Der Clou der Konstruktion ist die Kombination von diagonalen Druckgliedern aus Holz mit senkrechten Zuggliedern aus Metall, womit der US-amerikanische Ingenieur William Howe insofern ein innovatives Prinzip erfunden hatte, als er mit der 1840 patentierten Lösung den Übergang von Holzfachwerken zu Stahlfachwerken einläutete. Gemeinhin wird von einer rund 30jährigen Geschichte des Trägers gesprochen, d. h. im Jahr 1870, in dem der Übergang Vaduz-Sevelen gebaut wurde, neigte sich diese bereits ihrem Ende zu. Allerdings wurden auch danach noch etliche Brücken dieser Bauart erstellt – auch in der Schweiz.

Die Konstruktionsart ist es denn auch, die der Brücke ihren Schutzcharakter verleiht – wohingegen das Dach, die seitlichen «Schutzschirme» und die Fahrbahn schon zur Erstellungszeit als Verschleissteile gehandhabt wurden. Entsprechend wurden bei der jüngsten Instandsetzung nur punktuell Eingriffe in das noch gut erhaltene Fachwerk vorgenommen. Das Dach aber, dessen Eindeckung 1930 durch Eternit ersetzt worden war, wurde wieder mit Schindeln eingedeckt. Originalgetreu in Lärchenholz wurde auch der Witterungsschutz auf der Nord- und der Südseite ausgebildet. Nicht wieder hergestellt wurde hingegen das ursprüngliche Lichtband zwischen Holzverschalung und Dachvorsprung, das 1930 zur Verbesserung des Schutzes des Tragwerks geschlossen worden war.

Fundamente in Beton statt Holz
Der massivste Eingriff war an den Fundamenten vonnöten und zwar vor allem aus zwei Gründen. Zum einen wurde ihre Konstruktion im Laufe der Zeit verunklärt. So waren die 1870 erstellten fünf Pfeiler aus Eichenholz mehrmals erhöht worden. Und, weil die Eichenpfähle mittels derer die Brücke im Flussgrund verankert war, durch die Absenkung der Sohle zum Vorschein kamen und Gefahr liefen zu verfaulen, waren sie 1970 durch eine provisorische Stahlkonstruktion ersetzt worden. Zum andern beengen die fünf Abstützungen den Durchfluss, was zum Schutz vor Hochwasser für eine schlankere Ausbildung der Fundamente sprach. Erneuert wurden daher sowohl die Pfeiler, als auch die Sockel, die nun aus Beton bestehen. Wie einst, als dem Rhein ein festes Bett geschaffen wurde, musste der Fluss für diese Arbeiten umgeleitet werden, wenn auch nur partiell und temporär. Trotz dieses aufwendigen Prozederes gelang es, die auf knapp 3.5 Millionen Franken veranschlagten Kosten um rund 10 % zu unterschreiten.

Bilder: Hanspeter Schiess

Von der Bronx St. Gallens zum begehrten Quartier

  • Serie 'Gutes Bauen Ostschweiz' zum' Lachen-Quartier'. Vonwil-Park (Backsteinhäuser), Alte Seifenfabrik an der Zürcher Strasse (Bauhaus-Moderne), Gerbestrasse (Beton-Blöcke), altes Schulhaus Lachen als Rock- und Pop-Zentrum, Militärkantine (Riegelbau).
  • Serie 'Gutes Bauen Ostschweiz' zum' Lachen-Quartier'. Vonwil-Park (Backsteinhäuser), Alte Seifenfabrik an der Zürcher Strasse (Bauhaus-Moderne), Gerbestrasse (Beton-Blöcke), altes Schulhaus Lachen als Rock- und Pop-Zentrum, Militärkantine (Riegelbau).
  • Serie 'Gutes Bauen Ostschweiz' zum' Lachen-Quartier'. Vonwil-Park (Backsteinhäuser), Alte Seifenfabrik an der Zürcher Strasse (Bauhaus-Moderne), Gerbestrasse (Beton-Blöcke), altes Schulhaus Lachen als Rock- und Pop-Zentrum, Militärkantine (Riegelbau).
  • Serie 'Gutes Bauen Ostschweiz' zum' Lachen-Quartier'. Vonwil-Park (Backsteinhäuser), Alte Seifenfabrik an der Zürcher Strasse (Bauhaus-Moderne), Gerbestrasse (Beton-Blöcke), altes Schulhaus Lachen als Rock- und Pop-Zentrum, Militärkantine (Riegelbau).
  • Serie 'Gutes Bauen Ostschweiz' zum' Lachen-Quartier'. Vonwil-Park (Backsteinhäuser), Alte Seifenfabrik an der Zürcher Strasse (Bauhaus-Moderne), Gerbestrasse (Beton-Blöcke), altes Schulhaus Lachen als Rock- und Pop-Zentrum, Militärkantine (Riegelbau).

Lachen war für St. Gallen jahrzehntelang eine Problemzone. Seit geraumer Zeit wird das architektonische und städtebauliche Potenzial des Gebiets wiederentdeckt.

 

13. Dezember 2014 von  Gerhard Mack

 

Ein Paar wäscht sein Auto. Kinder spielen zwischen Häuserreihen. Beim Kebab verlädt man gerade Ware. Frauen schleppen Einkaufstüten aus Denner und Migros. Das Helvetia hat Schweizer Fähnli dekoriert. Junge Männer in Trainern stehend rauchend beisammen. Ein ganz gewöhnlicher Samstagvormittag im St. Galler Lachen-Quartier. Die Menschen, die hier wohnen, sind bunt gemischt. Als „die Bronx von St. Gallen“ hat Stadtbaumeister Erol Doguoglu das Quartier schon liebevoll bezeichnet.

Auch wenn oft die sozialen Probleme im Vordergrund stehen, erfindet sich in das Quartier gerade neu. Das hat zum einen mit seinem architektonischen Potenzial, zum anderen aber auch mit geschickten Interventionen einer Stadtplanung zu tun, die Impulse lieber aufgreift, als sie von aussen aufzupfropfen.

Das Quartier dehnt sich heute vom Feldli-Friedhof und dem Rosenberghügel im Nordosten bis zum Burgweiher-Areal im Südwesten. Zum Zentrum wird es von der Kreuzbleiche gefasst. Dort wurde das Bundesverwaltungsgericht als Justizias Wachturm aufgerichtet. Am anderen Ende im Westen dagegen verbreitet die Oberstufen-Schulanlage Schönau fast klösterliche Atmosphäre. Die Widersprüche des Quartiers sind auch architektonisch greifbar.

Das war nicht immer so. Historisch war Lachen ein homogenes Quartier. Die ersten Häuser waren einzelne Bauten entlang der Landstrasse nach Zürich. Sie lagen vor der Stadtgrenze St. Gallens. Eine dichte Besiedlung setzte erst ein, als die Stadt ab 1890 die Blüte der Stickerei-Industrie erlebte. Grundstücksspekulation und Wohnbedürfnisse einer schnell wachsenden Arbeiterschaft führten zu einer raschen Ausdehnung von Lachen, das bis zur Eingemeindung 1918 noch zur Gemeinde Straubenzell gehörte.

Rechts und links der Zürcher Strasse entstanden parallel zur ihr einzeilige Hausreihen in kurzen Abständen. Durchmischt sind sie mit flachen Gewerbebauten. Grössere Anlagen wie Schulen oder der städtische Werkhof Waldau hat man an den Rand gelegt. Ein eigentliches Zentrum fehlt. In den fünfziger Jahren wurden Post, das erste Hochhaus St. Gallens und die Migros mit Arkadengang gebaut sowie die Zürcher Strasse erweitert. Hier deuten auch heute noch Geschäfte, Restaurants und Bushaltestellen so etwas wie einen Zentrumsersatz an. Gleichwohl trennt die viel befahrene Zürcher Strasse die beiden Quartierhälften eher, als dass sie sie verbindet.
In Lachen leben gemäss einer Volkszählung von 2000 rund fünf Prozent oder 3500 Einwohner von St. Gallen. Über 50 Prozent stammen aus dem Ausland, ein Viertel ist jünger als 20 Jahre. Mehr als doppelt so viele wie im städtischen Durchschnitt gehören muslimischen Gemeinschaften an. Das Bildungsniveau liegt deutlich unter St. Galler Querschnitt. Die ehemalige Lage vor der Stadt spiegelt sich in den Sozialdaten.

Doch seit ein paar Jahren wird das Quartier neu wahrgenommen. Von hier aus ist man in kurzer Zeit am Bahnhof und im Zentrum. Die Mieten sind tiefer, die alten Häuser haben noch andere Schnitte, und viele Grünflächen erlauben schnelle Erholung. Das ist attraktiv für junge Familien. Das Krügerpärkli an der Dürrenmatt-Strasse verströmt New-York-Atmosphäre. Dazu kommt, dass ein Generationenwechsel im Gang ist. Ältere ziehen oder sterben weg. An vielen Häusern weisen Schilder auf leere Wohnungen hin. Pensionskassen und Immobiliengesellschaften beginnen zu investieren.

Dieser Perspektivenwechsel aufs Quartier kam ohne grosses Zutun der öffentlichen Hand, eher zufällig zustande. Gleichwohl fördert die Stadt die Entwicklung mit sorgfältig gesetzten Impulsen. Dabei zeigt sich, dass vor allem die Auffrischung historischer Substanz erfolgreich ist, während Neubauten bisher eher Fragen aufwerfen.

Am eindrücklichsten gelungen ist die Renovierung der alten Seifenfabrik Suter, Moser & Co. an der Zürcher Strasse. Der Beton-Glasbau der St. Galler Architekten Baerlocher & Unger  wurde in den fünfziger Jahren erstellt und über die Jahre verändert. Wehrli Architekten haben jüngst den ursprünglichen Beton wieder freigelegt, saniert und mit einem neuen Anstrich gegen Umwelteinflüsse geschützt. Jetzt wirkt das Zeugnis einer lokalen Aneignung der Bauhaus-Moderne nicht mehr als Fremdkörper im Stadtteil, sondern strahlt mit seinen filigranen Metallfenstern und ebenmässig gesetzten Betonfeldern als Juwel in ein heterogenes Quartier. Am anderen Ende des Spektrums liegt die historisch sorgfältige Renovation der alten Militärkantine am Rand der Kreuzbleiche durch Rüesch & Rechsteiner. Ein junges Team hat hier einen kleinen Hub für ein weltoffenes St. Gallen geschaffen. An den Koffern der Hotelgäste kleben Flugnummern von Städten aus der halben Welt.

Nicht unweit davon wurde das alte Schulhaus Lachen zum Rock-& Pop-Zentrum umgenutzt, nachdem die Schulanlage Schönenwegen erweitert werden konnte. Die dezente Gestaltung der Fassade vermittelt zur umliegenden Bebauung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Mit der Freilegung des Backsteinmauerwerks im Innern sorgte Architekt Daniel Cavelti für einen Grove, der zum rauen Sound passt. Dass die Stadt hier die jüngste Abteilung ihrer Musikschule untergebracht hat, passt nicht nur besonders gut zum Quartier ausserhalb des klassischen Kulturbezirks. Es grüsst über die Kreuzbleiche auch zum neuen Kultur-Hub LOK.

Weniger glücklich sind dagegen zwei neue Wohnüberbauungen gelungen. Die Mehrfamilienhäuser Vonwil-Park, die Baumschlager Eberle Architekten mit Backsteinfassaden versehen und in klassisch moderner Manier als Würfel in offene Zwischenräume verteilt haben, verweben den Bestand nicht. Während die historische Blockrandbebauung dem öffentlichen Raum klare Konturen gibt, ist zwischen Grasflächen und Lüftungsrohren keine Energie zu spüren. Da wurde eine Chance vertan.

Anders misslingen die Mehrfamilienhäuser an der Gerbestrasse. Vier Betonblocks nach Plänen von PARK-Architekten sind zwischen alte Wohn- und Gewerbebauten gestemmt. Die engen Zwischenräume verfügen zwar über ein hohes urbanes Potenzial, dieses bleibt mit grossen Teerflächen aber gänzlich ungenutzt. Ein Schlafort für Yuppies, die morgens schnell auf den Zug nach Zürich wollen. Vielleicht würde den Planern künftig ein Blick auf die Schulanlagen Schönau und Feldli helfen. Die kürzlich renovierten Ensembles einer Schweizer Moderne überzeugen in ihrer Mischung aus grossen Volumen und sorgfältiger Detaillierung auch heute noch. Die Vielfalt seiner Bauten ist es, womit das Lachen-Quartier neugierig macht. Sein Potenzial wird gerade entdeckt.

Bilder: Hanspeter Schiess

Erst kanalisiert, dann renaturiert

  • Gutes Bauen. Linthgebiet
  • Gutes Bauen. Linthgebiet
  • Gutes Bauen. Linthgebiet
  • Gutes Bauen. Linthgebiet

Die Flusskorrektionen und Meliorationen an Linth und Thur im 19. Jahrhundert haben mit schnurgeraden Kanälen der Landschaft ihr Gepräge aufgedrückt. Heute, da sie renaturiert wird, kann sich das Landschaftsbild wieder dynamisch transformieren.

 

22. November 2014 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Ende letzterWoche ist die öffentliche Planauflage in den Gemeindeverwaltungen von Weinfelden, Bürglen und Bussnang der sechsten von neun Etappen der Thurkorrektion zu Ende gegangen. Es kündigt sich ein harziger Prozess zwischen Umweltschützern und Bauern an, wie er auch die Arbeit an der Linth begleitet hat – eine Ausmarchung zwischen Landschaft und Landwirtschaft. Deren Hüter wollen das Kulturland nicht hergeben, das der Natur einst mit den Korrektionen abgetrotzt worden war.
Die Thurkorrektion ist neben der Linth- und der Inn-/Flaz-Renaturierung eine der drei prägenden Eingriffe in den Wasserbau, die in der Ostschweiz in den vergangenen Jahren in Angriff genommen und nun teilweise abgeschlossen sind, mit denen die Interventionen des 19. Jahrhunderts saniert werden.

Ingenieurbau als «Kunst»
Die damalige Kanalisierung der Flussläufe war Ausdruck einer Ingenieurbaukunst nach dem  Verständnis des 19. Jahrhunderts, die Natur zu bändigen: zum Schutz vor Hochwasser, zur Gewinnung von Kulturland und zur Schiffbarmachung günstiger Verkehrswege.
Nicht unbesonnen ist der Begriff «Kunst» gewählt. Eine Beschreibung von 1820 würdigte das Linthwerk: «Niemand mag über die Dammkrone wandern, ohne die Kunst zu bewundern, welche einen wilden und stürmisch aussehenden Alpenstrom in einen gleichförmig und majestätisch daherfliessenden verwandelt hat, dessen Geräusch dem Rieseln eines Baches gleicht.»
Den Ingenieurbau als «Kunst» zu werten, die Natur zu bändigen, zu kultivieren, nutzbar zu machen,  entsprach einer Ästhetik, die sich in Opposition zu Wildwuchs und jener zerstörerischen Naturgewalt definierte, welche die Annalen füllte: «Unwetter mit Dammbrüchen», «Hochwasser mit Überschwemmung», «Inn und Flaz durchbrachen die Wuhre», so liest sich die Unwetterchronik von Samedan der letzten 500 Jahre. Der jüngste Eintrag «Flaz-Hochwasser (…) führte zur Überflutung des unteren Teils des Flugplatzes Samedan» datiert von 2004, zu einem Zeitpunkt, als die Massnahmen zum Hochwasserschutz – über 150 Jahre, nachdem Inn und Flaz kanalisiert worden waren – im Rahmen der zweiten Korrektion kurz vor der Vollendung standen. Das Ereignis führte vor Augen, wie dringlich der Eingriff war.

Zäh an Thur und Linth
Die grösste Flussverlegung in der Schweiz seit mehr als achtzig Jahren ging aus einer Konzeptstudie hervor, in deren Rahmen zwei Lösungen evaluiert wurden: Die eine unter dem Titel «Flaz-Entlastung» sah höhere Dämme und einen Gerinneausbau mit Hochwasserentlastung in einen Überflutungskorridor Champagna vor. Die andere, radikalere und nachhaltigere, postulierte unter der Bezeichnung «Flaz-Verlegung» ein neues Gerinne von Punt Muragl bis Gravatscha. Die Bevölkerung Samedans entschied sich für diese.
Zäher verlief beziehungsweise verläuft der Prozess an der Linth beziehungsweise der Thur, obwohl sich die Situation in beiden Fällen ähnlich präsentierte: Kaum hatte die Linthkommission (Glarus, Schwyz, St.Gallen, Zürich) 1998 eine Studie zur Sanierung des Hochwasserschutzes in Auftrag gegeben, lieferte das Jahrhunderthochwasser ein Jahr später (1999) die traurige Bestätigung der Dringlichkeit, an Linth- und Escherkanal auf einer Länge von 17 beziehungsweise 6 Kilometern Dämme zu sanieren, Aufweitungen zu realisieren und Mittelgerinne umzugestalten.

Auslösendes Hochwasser 1978
Im Kanton Thurgau war es das Hochwasser von 1978, das die Arbeit am Thur-Richtprojekt 1979 (TRP79) auslöste. Diese mündete im November 2004 in das vom Regierungsrat abgesegnete Papier «2. Thurkorrektion – Konzept 2002», dessen Perimeter sich auf eine Länge von 36,6 Kilometern von der Murgmündung bis zur St. Galler Grenze erstreckt.
Obwohl die Projekte «Hochwasserschutz Linth 2000», «Konzept Thur 2002» sowie «Flaz-Verlegung und Renaturierung En» im Einzelnen unterschiedliche Gewichtungen erfahren, lassen sich ihre Zielsetzungen auf drei Kernthemen konzentrieren: oberste Maxime ist der Hochwasserschutz, flankiert von Nutzungsoptionen (Schutz von Kulturland und extensive Landwirtschaft im Flussraum) sowie ökologischen Grundsätzen, die Lebensräume im Flussraum aufzuwerten. Basis war das neue, 1991 ausgearbeitete und 1993 nach einer Volksabstimmung in Kraft getretene Eidgenössische Wasserbaugesetz. Es bildete die gesetzliche Grundlage für den Paradigmenwechsel von der «Unterwerfung » der Natur zu ihrer Aufwertung.

Aufwand kaum ablesbar
Heute vermitteln Linth, Thur und Inn/Flaz einen Eindruck davon, wie der trockene Buchstabe Gestalt annehmen kann. In mäandernden Wasserläufen können Äsche und Bachforelle wieder einen Lebensraum erobern. Kiesbänke sind potenzielle Standorte einheimischer Flora und Fauna. Teiche und Auenwälder werden Wasserpflanzen, Libellen und Amphibien beheimaten.
Es ist der Clou der Interventionen, dass die Leistungen der Ingenieure, die mit kaum weniger Verve gearbeitet haben als seinerzeit Escher & Co., kaum als solche in Erscheinung treten – es sei denn an den Infrastrukturbauwerken wie der neuen Molliserbrückeü über den Escherkanal, deren hydrodynamisch ausgebildeter Fahrbahnträger so genannte Verklausungen, das heisst das Aufstauen angeschwemmten Treibgutes, verhindert.
Demgegenüber lässt die Idylle, als die sich beispielsweise die Flussaufweitung Chli Gäsitschachen bereits heute präsentiert, den immensen Aufwand ihrer Entstehung – Verstärkung des linken Hochwasserschutzdamms, Gestaltung des rechtsufrigen Abschlusses der Aufweitung als Flachdamm, Sicherung der Sohle im Escherkanal, Rodung von sechs Hektaren Wald – kaum erahnen.
So könnte die Hymne auf die Ingenieurskunst 200 Jahre nach der oben zitierten Beschreibung dereinst lauten: «Niemand mag das 70 Kilometer lange Wegnetz in einer von Vogelstimmen und Unkenrufen erfüllten Atmosphäre erwandern, ohne die Kunst zu bewundern, die einen monotonen, eingezwängten Strom in ein dynamisch mäanderndes, das Gemälde der Landschaft mit immer wieder neuen Nuancen anreicherndes Gewässer transformiert hat.»

Bilder: Christof Rostert

Am Anfang stand ein Baum

  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.

Frauenfeld geht bei der Gestaltung seiner öffentlichen Räume neue Wege. Alleen spielen dabei eine wichtige Rolle. Wie vorbildhaft die Thurgauer Kantonshauptstadt handelt, zeigt das bisher grösste Projekt, der Stadtpark Murgwiese.

 

18. Oktober 2014 von Gerhard Mack

 

Frauenfeld ist eine grüne Stadt, und sie liegt im Grünen. Viele Strassen sind von Baumreihen gesäumt, in Vorgärten wuchern Büsche. Die Natur schiebt sich in Zungen in die Quartiere. Wieso braucht so eine Stadt ein eigenes Grünraumkonzept? Und wieso soll ausgerechnet dieses zur Grundlage der stadträumlichen Entwicklung von Frauenfelds Zentrum werden? Gerade deshalb, weil die Stadt so sehr mit der Natur, mit Bäumen und Wasser lebt, weil diese ihren Charakter prägen. Deshalb sollte sich diese nutzbar machen, wer Frauenfeld weiterentwickeln möchte. Zumal, wenn er der Überzeugung ist, dass das Weiterbauen von Stadt heute oft besser in kleinen Schritten vorankommt als in wuchtigen Setzungen. Dialog zwischen Bestand und Neubauten ist das zentrale Stichwort.

Den Meitli-Brunnen ergänzt
«Stadtentwicklung ist oft Stadtreparatur, das Zurechtrücken von etwas, das nicht ins Gefüge passt. Manchmal genügt da schon ein einzelner Baum», sagt Thomas Hasler. Er hat sich mit Astrid Staufer der Fortentwicklung derjenigen Stadt verschrieben, in der die beiden Partner und Hochschul- Professoren schon lange ihr angesehenes Architekturbüro betreiben. Ein Baum stand denn auch am Anfang einer Diskussion über eine Fortentwicklung des öffentlichen Raums im Zentrum. Astrid Staufer ergänzte den Meitli-Brunnen in der historischen Altstadt mit einer Platane und einer Bank. Seither haben die beiden Brunnen-Mädchen einen Ort, an dem man gerne sitzt und den Passanten zuschaut.
Bäume dienen auch dazu, den historischen Ring wieder als Prachtstrasse zu beleben, wie sie im 19. Jahrhundert rings um die Altstadt angelegt war. Von der Post über das Rathaus und die ehemalige Kantonsschule bis zum Regierungsgebäude liegen alle repräsentativen Bauten an ihr aufgereiht wie die Perlen einer Halskette. Viele Eingriffe haben diese Klarheit über die Jahre hinweg aber verwischt.
Staufer & Hasler Architekten konnten die Ämter, die involviert waren, dabei unterstützen, Strassenräume zu vergrössern und zu klären, damit Raumreihen gepflanzt, die Allee der Promenade auf ihre historische Länge erweitert und der Raum vor dem prächtig renovierten Regierungsgebäude zu einem Platz vergrössert werden kann, der ein Dach aus Platanen erhält. Überdies wurde der Botanische Garten erweitert. Während vieles davon noch in der Entwicklung steckt, konnte das bisher grösste Projekt des urbanistischen Grünraumkonzepts bereits weitgehend umgesetzt werden: die Neugestaltung der Murgauen zum Stadtpark Murgwiese. Der Fluss wurde nach dem Jahrhunderthochwasser von 1876 begradigt. Hinter einem Schutzdeich siedelte sich Industrie an. Später kam das Militär und nutzte das Gelände als Waldkampfbahn. Als es abzog, bat die Stadt Staufer & Hasler Architekten, über eine neue Nutzung  nachzudenken. Die kleinen Armeebaracken verfielen. Ein alter Industriekanal verlandete. Das Areal war sich selbst überlassen. Hier sollte ein Naherholungsgebiet für die Bevölkerung entstehen, das auch ökologisch sinnvoll war.

Von der Natur bestimmt
Die Architekten entwickelten ein Gestaltungskonzept, das von der vorhandenen Natur bestimmt wurde, nicht von einer übergeordneten Geometrie, wie sie sonst oft Parkplanungen bestimmt. Und sie übersetzten es in eine Vielzahl von kleinen Massnahmen, die alle vom jeweils zuständigen Dezernat in Eigenregie durchgeführt werden konnten. Als Grundlage diente ein Geländeplan vor der Begradigung der Murg. Er zeigte nicht nur den ursprünglichen Verlauf des Flusses an, sondern erlaubte auch Berechnungen der Überschwemmungen bei Hochwasser. Ein Teil des Dammes konnte abgetragen, die Murg durch eine Schlaufe erweitert und renaturiert werden. Das alte Flussbett hat man als Nebenlauf wiederbelebt, der mit dem Hauptfluss eine bewaldete Insel einschliesst.

Ein schnurgerader Kanal
Wer vom Bahnhof her der Murg entlang schlendert, sieht heute hinter einem Schuppen mit einer  kleinen Turbine das Wasser einen schnurgeraden Kanal entlangfliessen, wie es Kanäle in unserer  Phantasie überall tun. Fische überspringen die neu eingebauten Stufen. Der Weg, der den Wasserarm begleitet, wird zu den Häusern der nahen Siedlung hin von einer Reihe Kastanien gesäumt, die verdichtet wurden. Die ehemalige Allee wird wieder spürbar. Auf der gegenüberliegenden Seite  gewähren Cluster von Büschen und Hecken Durchblicke auf die angrenzende Wiese.
Wo diese auf die Murg trifft, ist ein pavillonartiger Bau errichtet, der an Forstarchitektur erinnert. Er steht an der Stelle der ehemaligen Militärbaracken und bietet preisgünstig neben Veranstaltungsraum auch Küche und Kiosk. Von der grosszügig überdachten Freifläche hat man einen grandiosen Blick auf die renaturierte Murg und die Kieslandschaft, die sich an Stelle des alten Dammes ausbreitet.
Der einfache Holzbau in dunklem Rot ist eine von mehreren Follies, die die Architekten entworfen haben. Vorbild dafür war unter anderem der Parc des Buttes-Chaumont, den Napoleon III. 1867 zur Weltausstellung in Paris eingeweiht hat. Der englische Landschaftsgarten war ein Auftrag des Kaisers an den Architekten Haussmann. Napoleon war im Thurgauer Schloss Arenenberg aufgewachsen und hatte dort mit seiner Mutter Hortense den Garten angelegt. Den Architekten gefiel dieser Bezug. Für die Murgauen sahen sie auch einen Aussichtsturm im Waldstück und am Ende des Kanals eine Orangerie als Point de vue vor. Während beides Sparmassnahmen zum Opfer fiel, konnten immerhin drei von fünf Stegen realisiert werden, die von Jürg Conzett, dem führenden Brückenbauer der Schweiz, entworfen wurden. Sie schlängeln sich durch den Wald, überwinden Senken und ermöglichen Spaziergängern und Schülern Durchquerungen. Da, wo eine Brücke über den altneuen Arm der Murg eingespart wurde, hat man mit Felssteinen eine Furt angelegt, die Kinder mit Freude dem breiten Steg in Sichtweite vorziehen werden.
Am Ende der kleinen Waldinsel, da, wo der neu installierte alte und der Hauptlauf der Murg ineinanderfliessen, wird besonders deutlich erfahrbar, wie die Grünzungen in die Stadt hineingreifen und sie mit der umliegenden Landschaft verbinden: Da setzt die dritte Brücke von Jürg Conzett den Wanderweg fort, der unter der Autobahnbrücke hindurch nach Ittingen zur Kartause führt.

Biber, Fische, Enten und Vögel
Bevor der Wanderer die Stadt verlässt, trifft er noch auf eine Stauung des Seitenarms: Hier hat ein Biber begonnen, eine Burg zu bauen. «Nicht, dass wir Ökofreaks wären», sagt Thomas Hasler. Dass die künstliche Szenerie der gestalteten Murgauen aber nicht nur für die Menschen da ist, sondern auch zu einem neuen Hort für Tiere wird, das freut ihn jedoch sehr. Fische, Enten und Vögel sind von alleine gekommen. Hier kann man Tiere erleben, ohne Volieren zu bauen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Wie Heerbrugg eine Chance vertut

  • Kantonsschule Heerbrugg mit Kunst am Bau - der Skulptur  'Vanessa' im Foyer von Alex Hanimann.
  • Kantonsschule Heerbrugg mit Kunst am Bau - der Skulptur  'Vanessa' im Foyer von Alex Hanimann.

Die neue Kantonsschule im Rheintal wurde gerade erst eingeweiht. Eine Skulptur von Alex Hanimann könnte in ihr ein Glanzlicht setzen, zeigt aber die Probleme mit Kunst am Bau.

 

23. August 2014 von  Gerhard Mack

 

Kunst am Bau ist eine umstrittene Aufgabe. Rund ein Prozent der Bausumme sollte für sie aufgewendet werden. Bauherren haben aber immer wieder das Gefühl, das Geld könnte für anderes sinnvoller ausgegeben werden, und wollen es einsparen. Architekten sehen sich gelegentlich selbst als Künstler, deren Raumwirkungen durch visuelle Eingriffe gestört werden. Von Le Corbusier bis zu Richard Meier wollten manche von ihnen den Bauherren vorschreiben, wo sie ihre Bilder aufzuhängen hätten. Künstlerverbände dagegen kämpfen um Kunst am Bau, weil sie für ihre Mitglieder eine Einnahmequelle darstellt und Gestaltung zu ihren Kernkompetenzen zählt. Darin findet vor allem aber auch der Wettstreit seinen Ausdruck, in dem die Geschwister Kunst und Architektur schon in der Renaissance um ihre Positionen kämpften.
Welche Chancen und Schwierigkeiten das Zusammenspiel zwischen beiden in zeitgenössischen Bauten bereithält, zeigt exemplarisch die neue Kantonsschule in Heerbrugg, die diesen Mai ihre Eröffnung feierte.

Zentrale Eingangshalle
Die 1975 erbaute Anlage musste gebäudetechnisch saniert werden und entsprach mit ihrem Raumangebot nicht mehr den Anforderungen an einen zeitgemässen Unterricht.  Huggenbergerfries’ Architekten aus Zürich behielten vom bestehenden Z-förmigen Ensemble Westtrakt und Turnhalle bei und verbanden sie durch einen zentralen viergeschossigen Neubau. Wer sich der Schule vom Dorf her nähert, trifft auf ein Gebirge aus Beton. Eine Fassade aus tragenden Betonstützen, die der Fensterschicht vorgelagert sind, verbindet die verschiedenen Bauten. Ein weiter Vorplatz aus Rampen, Treppen, Flächen und Einschnitten führt wie ein Prozessionsweg hinauf zum Eingang, der als überraschend niedere Schleuse ausgeführt ist. Erst wer durch sie hindurch gegangen ist, gelangt in eine zweigeschossige Eingangshalle, die als zentrales Gelenkstück die verschiedenen Bereiche erschliesst. Treppen verbinden Splitlevels, ein Balkon zieht sich über zwei Etagen den Wänden entlang. Tiefe Betonrippen geben der Decke eine starke Räumlichkeit, wie sie bereits die kassetierten und farbig gefassten Sichtbetondecken des sanierten Westflügels besitzen.
Hier schafft Architektur nicht einfach Räume, sie setzt sich auch kraftvoll selbst in Szene. Hier geht man nicht nur zur Schule, man betritt einen modernen Tempel der höheren Bildung. Dass die Schülerinnen in modischen Hot Pants und die Schüler in lässigen T-Shirts die Räume wechseln, dass sie mit der Wucht des Raums locker umzugehen wissen, tut diesem Eindruck keinen Abbruch.
Da verwundert es nicht, dass Alex Hanimann im Rahmen der Kunst-am-Bau-Gestaltung vorschlug, eine gut fünf Meter hohe Skulptur in die riesige Eingangshalle zu stellen. Er hat gespürt, dass die komplexe architektonische Situation einen Fokus braucht. Und er wollte wohl auch deutlich machen, dass dieser zentrale Blickpunkt nicht die Architektur, nicht die Lehrer, sondern einzig und allein die Schülerinnen und Schüler sein können. Ihrer Ausbildung dient die Kanti. Deshalb sollte eine Figur aus ihrem Kreis die realen Lernenden empfangen. Sie würde dem Ort physisch Halt und geistig Identität geben. Alex Hanimanns Skulptur ging aus einem eingeladenen Wettbewerb hervor. Die erste Fotomontage nach einer Schülerin wurde bald abstrahiert. Bei einem Spaziergang sah der Künstler einen verchromten Gartenzwerg und erkannte dessen Potenzial für seine Skulptur. Felix Lehner von der Kunstgiesserei St.Gallen schlug vor, sie aus Chromstahl treiben zu lassen. In China wird das Handwerk noch kostengünstig praktiziert.
Das Modell wurde in einem Casting ermittelt. Der Künstler wollte ein Mädchen im Gymi-Alter. Die Schulleitung stimmte nach anfänglichen Vorbehalten zu. Unter den Schülerinnen der dritten Klasse, die sich auf die Anfrage des Künstlers meldeten, entsprach Vanessa am meisten den Anforderungen: «Ich suchte nach einer typischen Gymnasiastin, deren Ausstrahlung zurückhaltend, aber prägnant war», erinnert sich Hanimann.
Mit Hilfe von Fotos legte man sich auf Kapuzenpulli, Jeans undTurnschuhe als Kleidung fest und einigte sich auf Körperhaltung und Gestik. Ein Scan wurde angefertigt und aus Styropor gefräst, fehlende Details hinzugefügt und die fertige Vorlage im Massstab 1:1 nach China transportiert. Dort trieben Handwerker kleine Teilflächen, schweissten sie zusammen und polierten die fertige Figur auf Hochglanz. Ganz beiläufig spiegeln sich in ihr die Schülerinnen und Schüler, die vorbeigehen.
Vanessa ist dann trotz ihrer fünf Meter Länge eine von ihnen, sie sind für Augenblicke ein Stück weit wie sie. Ein Konzept, das einsichtiger und griffiger kaum sein kann. Und ein hervorragendes Beispiel dafür, was Kunst am Bau leisten kann.

Vanessa – ein Koloss
Was sieht man nun aber, wenn man die Kanti Heerbrugg besucht? Vanessa steht nicht im Zentrum der Eingangshalle, sie darf nicht den Mittelpunkt beanspruchen, sondern ist dicht vor den Eingang geschoben. Dort wird sie den Schülern fast auf die Nase geschubst. Der erste Blick trifft auf die Beine. Vanessa ist nicht mehr eine von ihnen,  sondern ein Koloss, dessen Körper fast fragmentiert wird, wie die Überreste einer antiken Statue.
Begründet wird die Positionierung mit praktischen Erwägungen. Ein örtlicher Musikverein will hier seine Aufführungen durchführen, die Schule will offen sein für die Gemeinde. Das klingt freundlich, kann aber so kaum stehen bleiben; zu sehr scheint sich darin eine Haltung zu spiegeln. Denn die Skulptur ist nicht nur aus dem Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Da, wo sie jetzt steht, wird sie auch eingebunden in die komplizierte architektonische Inszenierung, statt diese zu klären.
Wer zum Ausgang strebt, nähert sich der Figur von hinten. Da sieht sie aus, als wollte man sie aus der Schule hinausschieben. Dazu passt, dass die Schulleitung Pinboards auf Rollenständern in die Halle gestellt hat, die den offenen Raum versperren. Eine dieser Tafeln steht direkt neben Vanessa. Sie enthält die «Verlautbarungen des  Rektorats ». Das wirkt so, als wollte man sie reglementieren. Da könnten Kanton St.Gallen und Kanti Heerbrugg mit einer der spannendsten Skulpturen der letzten Jahre glänzen und ziehen es vor, auf diesen Aufbruch zu verzichten. Eine Verschiebung um ein paar Meter in die Mitte hätte Kunst und Architektur zu einem grossartigen Einklang gebracht. So hat sich die Schule lediglich pflichtschuldigst mit einer Skulptur ausgestattet. Kunst am Bau ist wieder einmal eine ungeliebte Pflicht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Der diskrete Charme der Einfachheit

  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.

Flussbäder sind den Schweizern lieb, man kann mit oder gegen den Strom schwimmen. Besonders gut lässt sich dies beim renovierten
Rheinbad Rodenbrunnen bei Diessenhofen tun. Mit viel Gespür wurde ein unspektakuläres Kleinod der Nachkriegszeit auf Vordermann gebracht.

 

19. Juli 2014 von Marina Hämmerle

 

Der Gang zur Rhybadi führt östlich des mittelalterlich angelegten Stadtkerns über einen Kiesweg hinab zum Flussufer. Roman Giuliani, vom zuständigen Planungsbüro Moos Giuliani Hermann Architekten und Kopf des Bürostandortes Diessenhofen begleitet zum unlängst fertiggestellten Umbau der städtischen Badeanlage. Rodenbrunnen war ursprünglich um 1900 ein Holzkastenbad, welches 1940 abgebrochen wurde. Ein einfacher Holzbau mit Einzelumkleiden, nach Plänen des Diessenhofer Architekten Andreas Bachmann errichtet, startete 1949 seinen Sommerbetrieb.

Kleinstadt wird aufgewertet
Die kleine Infrastruktur für Sonnenhungrige und Schwimmfleissige findet Anklang und wertet den charakteristischen Erholungs- und Freiraum der Kleinstadt am Rhein mit wenigen Massnahmen auf. In den 1990er-Jahren wurde hangseitig eine Küche angebaut und nach vorne um eine überdachte Terrasse erweitert.
Sowohl Küche wie sanitäre Einrichtungen waren in die Jahre gekommen und mussten erneuert werden. Moos Giuliani Hermann Architekten erhielten 2009 den Auftrag zur Sanierung und Erweiterung, etappenweise wurde der Kleinkind-Schwimmbereich und die Adaptierung des Garderobenhauses  ausgeführt.
Die Nachkriegsidylle deutschsprachiger Filmproduktionen hängt in der Luft, ihre Musik schwingt atmosphärisch nach wie vor im gepflegten Raum, zwischen gemächlich fliessendem Rhein und steil ansteigendem Terrain hinauf zur Steinerstrasse. Die Nachbars-Badi am gegenüberliegenden alemannischen Ufer lockt mit mehr Brimborium und aktuell Vertrautem. Doch gerade das Konservieren dieser Einfachheit der angehenden 1950er-Jahre machen den Reiz von Rodenbrunnen aus. Bei der Einweihung noch mit Holzverschalung in Natur und dunkelroten Abdeckleisten, wurde die Badi im Zuge früherer Sanierungsarbeiten mit einem hellbeigen Farbanstrich versehen, die Holzleisten blieben wie gehabt.
Verunstaltet wurde die Ausgangssituation durch spätere Anbauten. Für die anstehende Sanierung wurde das im Raum Zürich und Umgebung erfolgreich agierende, lokale Architekturbüro beigezogen. Das Büro legte eine Gesamtplanung der Anlage vor, Krebs Rotzler und Partner waren mit von der Partie. Die baulichen Massnahmen wurden grösstenteils umgesetzt, die landschaftsplanerischen fielen dem Rotstift zum Opfer und wurden nicht ausgeführt. Roman Giuliani und sein Team, federführend bei der Umsetzung Jacqueline Sauter, bereinigten bei ihrer Planung den Baukörper, führten ihn zurück auf den Ausgangsbestand und verlängerten ihn um annähernd das doppelte Mass. Konstruktion, Farbe und Anschlussdetails wurden beibehalten und ergänzt.
Eine Neueindeckung des Pultdaches mit bekiester Dachpappe fand bei der Stadtverwaltung aus ökonomischen Gründen keinen Anklang. So blieb es bei der dunkelbraunen Welleternit-Eindeckung und deren Weiterführung.

Details unterwandern Eindruck
Da zur Badeanlage vom Stadtraum hinuntergegangen wird, liefert die Draufsicht kein unerhebliches Detail; eine dünnere Eindeckung wäre der ursprünglichen Anmutung mit zarter Firstkante weit mehr entgegen gekommen. Ein Umstand, der auch die Architekten schmerzt, zumal bei der Ausführung die Dachneigung bei einer früheren Sanierung künstlich angehoben wurde und die Firstansicht so zusätzlich aufgedoppelt wurde. Die betonierte Hangseite ist mit Holz verschalt, dem Ankommenden wird der Blick auf getrimmten Rasen und lockendem Rheinwasser gerahmt. Die Einladung wirkt, die kleine Geste ist wohldurchdacht.
Das Bistro wurde mit zwei grossen Öffnungen versehen, die Küche ist nun professionalisiert und funktional, der angrenzende Kühlraum tut das seine
dazu. Aber auch hier unterwandern Details den guten Gesamteindruck.

Der Anlage gerecht werden
Möblierung und Bespielung sind das Um und Auf in der Gastronomie und runden die Architektur ab – oder eben auch nicht. Da braucht es einen Auftraggeber und Betreiber mit Gespür, damit die mit feiner Feder gezogene Handschrift der behutsam sanierten, historischen Anlage entsprechend vollendet wird.
Ähnliches findet sich im Aussenbereich. Das beginnt bei den nicht akkordierten Treppenanlagen beim gesicherten Schwimmbereich bis zur willkürlichen Plazierung von Spielgeräten und Tischtennistischen. Dennoch, die Flusskante und der schwungvoll gefasste Schwimmbereich I–V mit den von Bachmann angelegten Becken unterschiedlicher Wassertiefen helfen den Badenden, sich dem Strömungsbecken gefahrlos anzunähern und sind gut gestaltete Stege und Bordkanten. Sie runden die Gesamtanlage ab, zeigen, wie Bauen am Wasser geht und wie wenig es braucht, um den Moden der Zeit zu trotzen und nach Jahrzehnten noch einladend zu wirken, weil gut geplant und mit der Landschaft versöhnt.
Dieses Verständnis bringen Denkmalamt und Architekten mit, und es ist ihnen gelungen, das Vorhandene sinnvoll und wertschätzend zu erweitern.

Form und Detail verknüpfen
Bei denen, die es in Obhut haben, wünschte man sich mehr an Vertrauen in gestalterische Massnahmen und einen ausgeprägteren Sinn für das Wesentliche. Denn Einfachheit kommt dann gut, wenn Funktion und Material, Form und Detail aufs Beste verknüpft werden. Dann findet sich daran Charme, Klasse und manchmal Bescheidenheit. Das hat seinen Preis, dafür rechnet es sich à la longue, denn eine solche bauliche Liaison hat Bestand und überdauert Generationen.

Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Individuell und sehr beweglich

  • Gutes Bauen, Raiffeisen
  • Gutes Bauen, Raiffeisen
  • Gutes Bauen, Raiffeisen
  • Gutes Bauen, Raiffeisen

Wie vergeben grosse Bauträger ihre Aufträge? Die Raiffeisenbanken haben ein attraktives Modell mit Wettbewerb und Beratung entwickelt –
keine Rezepte vom Band, sondern individuelle Konzepte für jeden Standort. Das scheint sich für die Bank auch zu rechnen.

 

14. Juni 2014 von Gerhard Mack

 

«Wir hatten eine gute Passantenlage, aber eine ungünstige Bank», sagt Daniel Brüschweiler. Also packte die Raiffeisenbank Schaffhausen einen Umbau an, obwohl sie erst vor 15 Jahren in das Gebäude direkt gegenüber dem Bahnhof eingezogen war. Die Parzelle ist schmal und lang, wie es in mittelalterlichen Innenstädten üblich war. Da bedurfte es eines kühnen Einfalls, um der kleinen Bank Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Ein völlig neuer Auftritt
Die Architekten griffen auf die Wandbemalung eines Hauses in der Altstadt zurück und schufen daraus ein Retro-Design im Stil der 70er-Jahre: Sie verkleideten eine Längswand mit rautenförmigen Gläsern, deren Farben von cremigem Weiss über Gelb, Orange und tiefem Rot verlaufen. Dass sie von künstlichem Licht hinterleuchtet werden, lässt sie auch am Tag richtig knallen. Kaum ein Passant geht vorüber, ohne kurz durch das Schaufenster zu schauen. Im Eingangsbereich steht ein zackig geschnittener Empfangstresen, dessen Form die Lichtschienen an der Decke aufnehmen. Der Raum bleibt  eng, der Besucher empfindet ihn aber als offen und angenehm. Für rund zwei Millionen Franken hat die kleine Bank für Kunden und Mitarbeiter einen völlig neuen Auftritt gewonnen.
Die Raiffeisenbank Schaffhausen ist eine von 316 in der ganzen Schweiz. Diese betreiben mit 1032 Filialen das dichteste Bankennetz der Schweiz. Jede Bank ist eine eigenständige Genossenschaft, die für sich selbst entscheidet und ihre Ausgaben selbst bestreitet. Gebaut wird viel, doch nicht überall gibt es Experten. Als Unterstützung bietet die Zentrale in St. Gallen eine Bauherren- beratung an. Sieben Architekten betreuen jeweils eine Region und können für Bauaufgaben kontaktiert werden.
«Am Anfang vor fünfzehn Jahren war das für viele fremd und brauchte Über- zeugungsarbeit, inzwischen werden wir fast immer zu Bauaufgaben hinzugezogen », sagt Andreas Hüttenmoser, der für die Ostschweiz zuständig ist. Inzwischen besteht ein gutes Vertrauensverhältnis, die Banker wissen, dass eine gute Architektur auch effizientere Abläufe ermöglicht. Zentral ist die Vorbereitung und Durchführung von Wettbewerben. Sie werden öffentlich mittels Anzeigen, vor allem in der Fachzeitschrift «Tech21», ausgeschrieben, aus den Einsendungen werden meist fünf ausgewählt und dem Verwaltungsrat der jeweiligen Bank vorgestellt, der dann eine Entscheidung trifft. Getrickst wird nicht; es geht um Qualität, nicht um die Ausschaltung von Gremien und Architekten, wenn die Baubewilligung erst einmal erteilt ist. Bevorzugt werden Bewerber aus der Region.

Den Standorten verpflichtet
Die Raiffeisenbanken sind als Hilfsvereine für verarmte Bauern als regionale Initiativen entstanden, sie fühlen sich bis heute ihren Standorten verpflichtet. Das wirkt sich auch bei der Vergabe von Aufträgen aus. So wurde der Umbau der Raiffeisenbank Appenzell ganz aus der engeren Umgebung bestritten: Die Architekten Jeannette Geissmann, Regula Geisser und Marcel Züllig sitzen in St.Gallen. Die Handwerker kamen aus den beiden Appenzeller Kantonen, einzig der Gipser war aus St.Gallen.
Das historische Stadthaus ist unter Einhaltung strenger Auflagen der Denkmalpflege zu einer modernen Bank geworden. Der Eingang wurde an seine ursprüngliche Stelle an der Hauptgasse zurückversetzt. Geschützte Elemente wie eine Wandmalerei oder eine historische Stube mit geschnitzter Wandtäferung wurden geschickt eingebunden. Neu gestaltete Elemente nutzen die lokale Tradition der Holzverarbeitung. Holz von einer selten knorrigen Ulme spielt von Türfassungen über Böden bis zum Banktresen das Leitmotiv. Die Bank empfängt ihre Besucher wie ein Hotel – nicht wie ein Hochsicherheitstrakt. Architekten und Bauherrschaft ist ein Bijou gelungen.
Gehören viele Raiffeisenbanken landauf landab nicht zu den langweiligeren Bauten? «Etwa 25 Prozent unserer Bauprojekte erreichen eine sehr gute Qualität, weitere 50 sind in Ordnung, ein Viertel ist nicht ganz so, wie wir uns das heute wünschen», bestätigt Andreas Hüttenmoser. Das Qualitätsspektrum hat vielleicht auch mit der regionalen Begrenzung zu tun. Ein Bau kann nur so gut werden, wie Architekten und Bauherrschaft es zulassen. Deshalb wird die Region ausgeweitet, wenn sich vor Ort niemand findet, der die gewünschte Qualität garantieren kann.

Auf Namensschild reduziert
Der positive Aspekt des Regiokonzeptes aus architektonischer Sicht ist die Chance zur Vielfalt. Während eine UBS es zu ihrem erklärten Ziel macht, dass ihre globalen Kunden überall auf der Welt sofort wissen, dass sie sich in ihrer Bank befinden, sobald sie eine Filiale betreten, reduziert Raiffeisen die Corporate Identity auf das rote Namensschild. Die Bauten dürfen so verschieden sein, wie Bauherren und Architekten es wollen.

Für den Ort gebaut
Darin ist das Konzept der individuellen Trägerschaft und der Beratung durch Bauherren durchaus vorbildlich für grosse Bauträger. Hier gibt es keine Rezepte vom Band, hier werden keine Schablonen aus der Schublade gezogen und jede verwandte Aufgabe variiert. Jeder noch so kleine Umbau wird für
den Ort gebaut. Nicht einmal für die Inneneinrichtung gibt es Standards. Jeder möbliert nach den Vorstellungen, die er hat. Und gerade das scheint sich
auch zu rechnen. Die Affinität der Kunden zu ihrer Filiale gilt als hoch, der Umsatz ist zuletzt, wohl auch durch das Finanzgebaren der Grossen, um 40 Prozent gewachsen.
Und noch etwas scheint man bei Raiffeisen vorbildlich begriffen zu haben: Die Bauträger wollen Öffentlichkeit. Sie wollen, dass ihre Kunden zu ihnen kommen und gerne bei ihnen verweilen. Die neuen Schalterbereiche ähneln fast allesamt einer Lounge. Im Neubau der Raiffeisen Flawil von Gähler Architekten aus St.Gallen ist das noch weiter getrieben: Da trennt nur eine Glastür, die sich bei Annäherung öffnet, ein neues Café und die Kundenzone der Bank.

Bilder: Roger Frei, Jean-Claude Jossen, Johannes Eisenhut

Bauen ausserhalb der Zeit

  • Gutes Bauen in der Ostschweiz
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz

Der Bauern werden weniger, vielerorts werden Höfe aufgegeben und bemühen sich Nachnutzer um die Übernahme. Welche Spannungsfelder sich bei Ersatzbauten auftun können, zeigt ein Beispiel im Gemeindegebiet von Wolfhalden.

 

31. Mai 2014 von Marina Hämmerle

 

Im Appenzeller Vorderland wurde die Hügellandschaft über Jahrhunderte durch die Graswirtschaft kultiviert. Die landwirtschaftlichen Betriebe waren kleiner als heute und weit mehr an der Zahl. Die meisten dieser Landwirtschaftsbetriebe bilden Einzelgehöfte oder kleine Weiler ausserhalb der Bauzone, jenseits der dörflichen Siedlungsränder inmitten ihrer zu bestellenden Felder und Wälder. Vielfach dienten sie mit ihren feuchten Erdböden im Untergeschoss auch der Heimweberei für die Textilhändler der Region und dem nahen Textilzentrum St.Gallen.

Grundlage der Landschaftspflege
Die Häuser prägten nicht nur das Bild des Appenzells, sondern gewährleisteten durch ihre Funktion auch die Grundlage der Landschaftspflege. In Zeiten der EU-Milchwirtschaft veränderten sich auch in der Schweiz diese Strukturen – viele Betriebe wurden aufgelöst. Dies weckt das Interesse urbaner Erholungs- suchenden, zumal die Häuser oft idyllisch in den Landschaftsraum gebettet sind und mit besonderen Ausblicken auftrumpfen können. Mittlerweile ist ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Streusiedlungen in andere Nutzungen überführt.
Diese Umwandlung stand auch beim kleinen, typischen Kreuzfirsthaus im Gemeindegebiet von Wolfhalden an. Das Haus zierte eine Waldlichtung mit spektakulärer Seesicht. Jahrelanger Dornröschenschlaf hat an der Substanz genagt bis sich ein Rheintaler Handwerker und Unternehmer um den Kauf des
Objektes bemühte. Ein namhafter Architekt und Kenner der Region, Hubert Bischoff, wurde beigezogen. Neben ästhetisch-praktischen Fragen galt es für den Architekten auch wirtschaftliche Aspekte zu untersuchen. In Summe entschied man sich zu Abbruch und Neuplanung eines Ersatzbaus gemäss einer erweiterten Bestandesgarantie. Ein heikles Unterfangen. Denn die Bilder zu zeitgenössischem Bauen im Alpenvorland von Architekt und Baubehörde klafften auseinander – beide Seiten mussten sich in einem anstrengenden Prozess finden. Baugesetz und Raumplanungsgesetz pochen zu Recht auf die Einbettung in den Landschaftsraum, auf die Wahrung der Identität und das Errichten mit Qualität. Ein zentrales Anliegen der gesamten Alpenregion.
Ausserhalb der Bauzonen haben sich Neubauten und Renovationen an traditionellen Gebäuden der herkömmlichen Bauart anzupassen, die Umgebung ist möglichst unverändert zu belassen, verlangt das Gesetz. Ähnliches findet sich auch in den Ortsbildschutz-Bestimmungen in Vorarlberg. Nur sind diese dort weniger restriktiv und werden mit grösserem Spielraum ausgelegt und angewandt. Sorgfältiges Einordnen durch Standortwahl, Volumen, Materialien, Farbgebung und Bepflanzung sind die Zutaten für verträgliches Bauen im Landschaftsraum. Das würden die meisten Architekten wohl ebenfalls unterzeichnen.
Fördert der derzeitige Gesetzesentwurf die Entwicklung der Baukultur im Appenzellerland oder zielt er auf die Bewahrung tradierter Bilder ab? Die Liste gelungener, zeitgenössischer alpiner Architektur wäre derzeit noch nicht lange.

Veränderte Bedürfnisse
Das Haus in Wolfhalden spiegelt diese Zwänge eins zu eins wider. Was wir aussen sehen, ist nicht das, was innen ist. Baubehörde und Architekt einigten sich nach einigem Ringen auf den Wiederaufbau des appenzellischen Kreuzfirsthauses. Der anfangs eingebrachte Vorentwurf, ein einfaches traufständiges Heidenhaus mit Satteldach, wäre dem Raumprogramm weit näher gekommen, wurde aber in oberster Instanz nicht gutgeheissen. Das typische Kreuzfirsthaus gliedert sich in Wohnhaus und traufständigen Stadel. Mensch und Tier wohnten und wirtschafteten in einem gekoppelten Baukörper mit zwei ineinander verschmolzenen Dachformen. Was aber, wenn anstelle des Viehs und des Heus nun Autos dort Platz finden müssen, anstelle der kleinen Kammern Grosszügigkeit und räumliche Verschränkung gewünscht wird?
Verschärft wird die Thematik durch die Auflage der erweiterten Bestandesgarantie. Laut dieser darf der Bauherr die Wohnnutzfläche um maximal 60 Prozent der ursprünglichen Fläche ausweiten. Keine leichte Vorgabe für die Anpassung neuer Nutzungen. Das Haus auf der Lichtung orientiert sich detailgetreu am Bestand und bedient das Bild des Appenzeller Hauses mit wesentlichen Elementen – Setzung im Terrain, Umgebungsgestaltung, Kreuzgiebel, Dimension und Volumetrie, strukturiertes Fensterband auf der Hauptfassade. Dennoch irritiert das Haus bei näherem Hinsehen. Die ursprüngliche Unterteilung in Wohn- und Wirtschaftstrakt ist zwar vom Volumen her ablesbar, wurde aber in der Hülle aufgelöst.

Innen wie in einer Schatulle
Üblicherweise ziert das Wohnhaus eine Fassade aus Täfer oder Schindeln, die in deutlichem Gegensatz zur vertikalen Schalung des Wirtschaftstrakts steht – dadurch wird eine unmissverständliche Hierarchie der Funktionen ablesbar. Beim Ersatzbau umhüllt den gesamten Holzbau eine Schalung aus feinen, stehenden Lärchenleisten als Referenz der inneren Gewichtung. Der räumliche Schwerpunkt liegt nun auf dem Stadelteil. Das eigentliche Wohnzimmer besetzt hier den ehemaligen Wirtschaftstrakt, darüber eingeschoben der Schlafraum – beide Räume mit gerahmtem Blick über die Lichtung zum  Bodensee. Ein Raumkontinuum schafft hohe Wohnqualität. Die Bewohner wähnen sich in der feinst detaillierten und verarbeiteten astlosen Weisstanne an Boden, Wand und Decke in einer Schatulle.
In der darunterliegenden Garage parkieren bei Bedarf zwei Autos und raucht es sich wahrscheinlich gut im Fumoir vor dem hauseigenen Weinkeller. Im ehemaligen Wohntrakt breiten sich auf drei Geschossen Gästezimmer, Küche und zuoberst ein Badezimmer auffallend grosszügig aus. Dennoch bleibt Skepsis über die mit grosser Hingabe geformte Architektur mit ihrer potemkinschen Hülle, ist sie doch aus Zwängen heraus zur Replik von Vergangenem geworden. Das Haus passt sich zwar bestens in den Landschaftsraum ein, verhält sich angemessen in Material und Proportion. Und dennoch, der Baukultur gebührt ein grösserer Übersetzungsspielraum von Tradiertem, damit sich modernes Wohnen im Alpenraum entwickeln kann. Dafür müssen die Rahmenbedingungen überdacht werden, denn kulturelle Errungenschaften basieren oft auf Import von Neuem. Vielleicht ist es an der Zeit, dieses hereinzulassen.

 Gutes Bauen in der Ostschweiz

Bilder: Hanspeter Schiess

Eine neue Ära im Spitalbau

  • Kantonsspital St. Gallen Institut für Pathologie für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Kantonsspital St. Gallen Institut für Pathologie für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Kantonsspital St. Gallen Institut für Pathologie für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Kantonsspital St. Gallen Institut für Pathologie für Gutes Bauen Ostschweiz

Viele Spitäler sind veraltet. Für die Erneuerung werden Milliarden ausgegeben. Das ist eine Chance, alte Dogmen zu überdenken und die Bauaufgabe neu anzugehen. Wie soll ein Spital aussehen, das die Heilungschancen für die Patienten fördert?

 

19. April 2014 von Gerhard Mack

 

Die Zahl kann sich jeder merken: Knapp eine Milliarde Franken soll der Kanton St.Gallen für seine Spitalbauten bereitstellen. Damit steht er nicht allein. Der Kanton Thurgau wird zusammen mit seiner Spital Thurgau AG für die beiden Kantonsspitäler in Münsterlingen und Frauenfeld in den nächsten Jahren 350 Millionen Franken aufwenden müssen. Im Kanton Schaffhausen rechnet die Regierung mit Kosten von 240 Millionen Franken für den Neubau des Kantonsspitals. Und das Universitätsspital Zürich hat Um- und Neubauten im Volumen von 2,8 Milliarden Franken vor sich. Im Spitalbau steht ein Generationswechsel an. Die meisten Gebäude sind vierzig Jahre alt oder älter. Sie genügen in vielen Bereichen heutigen Standards nicht mehr. Und sie sprechen häufig von der Ideologie der Sechziger- und Siebzigerjahre, als Bettentürme und uniforme Stationen als Nonplusultra einer effizienten Organisation galten.

Heilungschancen fördern
Wenn nun um- und neu gebaut wird, geht es nicht nur um die neuen Anforderungen an Erdbebensicherheit oder um die Platzbedürfnisse neuer Geräte. In den nächsten Jahren besteht auch die Chance, alte Dogmen zu überdenken. Wie soll ein Spital aussehen, das die Heilungschancen für die Patienten durch seine räumliche Gestaltung fördert? Verschlägt es einem schon den Atem, wenn man das düstere Gebäude betritt oder wird Patienten der Eintritt durch eine freundliche Umgebung leichter gemacht? Signalisieren die Räume, dass man sich besser gleich aufgibt oder wird das Selbstvertrauen gestärkt?
«Wir schauen die betriebswirtschaftliche Seite immer genau an», sagt Urs Steppacher, stellvertretender Kantonsbaumeister und Leiter Gesundheitsbauten im Kanton Thurgau. Ein Spital ist aber keine Gesundheitsfabrik. Neben den Kosten sind auch die Erfordernisse der medizinischen Versorgung zu berücksichtigen. Und nicht zuletzt sind Spitäler Arbeitsplätze für Mitarbeiter und Pflegeorte für Kranke. Peter Altherr, der für Spitalbauten des Kantons St.Gallen zuständig ist, sagt: «Es geht um einfache Dinge, um Zwei-Bett-Zimmer statt der alten Mehr-Bett-Varianten, um Nasszellen in den Zimmern. Spitäler müssen schauen, dass sie näher an der Erwartungshaltung der Patienten liegen.» Diese Erwartungen verstärken den Wettbewerb. Das nationale Spitalgesetz von 2012 erlaubt den Patienten freie Wahl, ab 2017 müssen die Kantone 55 Prozent der Spitalkosten bezahlen, egal, wo sie anfallen. Da investiert man lieber in eigene Häuser, als die der anderen zu finanzieren.

Transparent trotz dicker Mauern
Wie gute Architektur aussehen könnte, zeigt in St.Gallen der kürzlich erstellte Trakt für Pathologie und Rechtsmedizin. Das Gebäude vermittelt zwischen dem Areal des Kantonsspitals und dem historischen Zentrum von St.Fiden. Mit der Verortung an der städtischen Schnittstelle verbinden die Architekten eine Ausrichtung an der Funktion. Hier werden Tote seziert und Gewebeproben entnommen. Labors und Büros nehmen einen grossen Teil der Fläche ein. Eine grosszügige Lounge bildet den Mittelpunkt des Gebäudes. Die Arbeitsplätze liegen an der Aussenfassade. Die Labors in der Gebäudemitte sind durch ein Fensterband zu den Fluren geöffnet. Das Gebäude wirkt trotz dicker Mauern und Türen transparent.
Hier erfährt man: Die Zukunft des Spitalbaus liegt nicht in der Standardisierung. Von dieser profitieren lediglich Planungsbüros, die Fertiglösungen aus der Schublade ziehen und gerne möglichst oft verwerten. Ein Gebäude, in dem Kranke gesunden wollen, sollte noch mehr als jedes andere auf den Ort und seine spezifische Funktion abgestimmt werden. Wie hilfreich das sein kann, zeigt das Rehabilitationszentrum für Rückenmark- und Hirnverletzungen, das Herzog & de Meuron 2002 in Basel realisiert haben. Hier halten sich Menschen bis zu 18 Monate lang auf, deren Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt ist, um sich auf ihre neue Situation einzustellen. Sie können nicht mehr frei in die Welt gehen. Also, sagten sich die Architekten, muss man die Welt zu ihnen bringen. Sie entwarfen das Zentrum als kleine Stadt, die Plätze, Wege und Höfe anbietet. Die Architekten bieten Abwechslung statt Routine. Sie schaffen eine Lebenswelt für die Patienten. Die Anlage ist nur zweigeschossig, unten sind die öffentlichen Bereiche und Behandlungsräume, oben liegen die privaten Zimmer. Sie haben halbrunde Glaskugeln im Dach, damit die ans Bett gebundenen Menschen auch im Liegen ein Stück Himmel sehen.

Private Träger im Vorteil
Dass viele Kantone, auch in der Ostschweiz, ihre Gebäude in private Trägerschaften überführen, muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil, hat Christine Binswanger erfahren. Die Architektin betreut Spitalbauten bei Herzog & de Meuron: «Wir haben das Zentrum für einen privaten Träger gebaut und konnten dabei auch mit Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal sprechen, die das Haus nutzen. Das ist für alle von Vorteil. Und den Kostendruck hat man bei allen Auftraggebern. » Die Befürchtung, dass durch den Eigentümerwechsel die architektonische Qualität sinkt, kann sich auch Peter Altherr nicht vorstellen: «Die Bauvorhaben werden weiterhin ausgeschrieben, es wird Wettbewerbe und unabhängige Jurys geben. » Er sieht eher einen Vorteil in der Privatisierung: «Solche Projekte waren bisher sehr zeitaufwendig und schwerfällig.» Private Träger könnten schneller entscheiden. Und sie seien finanziell flexibler: «Die Spitäler können dann selbst bestimmen, wann und wo sie  ausbauen. Von Sparübungen des Kantons sind sie weniger direkt betroffen.» Dann sollte zumindest von Seiten der Baubehörde einer hochwertigen Spitalarchitektur nichts mehr im Wege stehen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess (Institut für Pathologie und Rechtsmedizin des Kantonsspitals St.Gallen)

Zähes Ringen um gute Architektur

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 Der Kanton Glarus und das Fürstentum Liechtenstein lassen heikle Baufragen durch Gestaltungskommissionen beurteilen. Viel Macht haben die Gremien nicht – aber auf lange Sicht stützen sie die Baukultur. Kritische Fragen zur Qualität und Angemessenheit sind an der Tagesordnung.

 

22. März 2014 von Marina Hämmerle

 

Gestaltungkommissionen oder -beiräte sind im deutschsprachigen Raum ein verbreitetes Instrument zur Qualitätssicherung in Architektur und Städtebau. Die Rolle dieser Gremien kann sehr unterschiedlich interpretiert werden und hängt von den rechtlichen Grundlagen, der wirtschaftlichen Ausgangslage und den Bedürfnissen der jeweiligen Region ab. Schon seit 1920 kennt Bern mit der «Kommission zur Begutachtung ästhetischer Fragen» das Instrument zur Qualitätssicherung. Zürich und Baden setzen ebenfalls seit den 1970er-Jahren auf externe Beurteilung, andere Städte folgten.

Verschiedene Modelle
Im Kanton Glarus und in Liechtenstein unterscheiden sich Ausgangslage, Verwaltungsstruktur und Entscheidungsprozesse bei Bauprozessen deutlich.
Selbst innerhalb der drei neu geformten Glarner Gemeinden sind Differenzen bei den Bewilligungsverfahren auszumachen. Die ehemals 24 Bauverwaltungen mit ihren verschiedenen Bebauungsplänen werden derzeit durch drei separate kommunale Richtpläne auf den neuesten Stand gebracht, die Revision des kantonalen Raumentwicklungs- und Baugesetzes führte 2011 neue Standards ein. Bevölkerungsentwicklung und Lage stellen die drei Gemeinden vor unterschiedliche Herausforderungen: im Norden Siedlungsdruck, in der Mitte Verdichtung und im Süden Rückbau. Jede Gemeinde hat deshalb ein eigenes Gremium. In Glarus Nord ist der Druck auf künftiges Bauland hoch, die Nähe zu Zürich lässt viele auf günstigeren Boden ausweichen. Zehn Überbauungsvorhaben warten derzeit auf eine Bewilligung, rund 850 Wohnungen sind davon betroffen. Unternehmer wollen in den logistisch günstigen Standort investieren und trachten nach grossflächigen Gewerbeobjekten. Die Gestaltungskommission Glarus Nord startete 2011 als erste. Das Gremium ist interdisziplinär besetzt: Vertreten sind Fachjournalisten, Denkmalpfleger, Raumplaner und Architekten. Bei Bedarf werden weitere Experten beigezogen. Das Gremium begutachtet und begleitet fast ausschliesslich Überbauungsplanungen, immer anhand eines Modells im Massstab 1:500 – Transparenz ist die Devise. Die Kriterien der Kommission lassen sich deshalb auch als Merkblatt herunterladen. Die Kommission sieht sich aber mit diversen Hindernissen konfrontiert. Neben wirtschaftlichen und politischen Interessen ist der politische Prozess ebenfalls oft ein Hemmschuh. Nach der Begutachtung durch die Kommission gehen die Pläne zuerst an Parlament und Gemeinderat, danach kommen sie in die Gemeindeversammlung. Der Gemeindepräsident vertritt die Empfehlung der Kommission, wobei er die Bürgerinnen und Bürger nicht immer vom Projekt überzeugen kann. So stösst beispielsweise die Änderung eines grossen Investorenprojekts auf wenig Gegenliebe in der Bevölkerung. Aus den vier ursprünglich hohen, punktförmigen Wohnhäusern «Im Feld» in Näfels wurde nach der Überzeugungsarbeit der Kommission eine Blockrandbebauung – zu urban, zu geschlossen, zu fremdartig für die Bevölkerung (siehe Bilder oben). Die Gemeindeversammlung könnte nun den Vorschlag der Kommission mit ihrem Veto unterwandern.

Kernzone verdichtet
In Glarus Mitte ist Innenverdichtung und Ordnung im Bestand das  bestimmende Thema für die Gestaltungskommission. Beigezogen wird sie nach Ermessen der Baukommission. Es geht um das Einfügen ins Ortsbild der Kernzonen, ums Schaffen von qualitativen Freiräumen und Lancieren von Konkurrenzverfahren. Interdisziplinär besetzt ist auch hier das Gremium. Für Aussenstehenden befremdlich ist fallweise die Personalunion von Beirat und Auftragnehmer. Das Planungsbüro des Vorsitzenden erarbeitet derzeit den kantonalen Richtplan. So kommt auch die Kommission nicht an üblichen Verflechtungen in der Baubranche vorbei.

Wider die Brache
Glarus Süd hingegen sieht sich mit Umbau und Rückbau konfrontiert. Die Industriebrachen harren neuer Aufgaben, die Dörfer kämpfen gegen die Abwanderung. Die Gestaltungskommission, erst seit knapp einem Jahr im Amt, begleitet den Strukturwandel. Konfliktstoff bietet manchmal die Projektbegutachtung durch die Denkmalpflege. Teils widersprüchliche Aussagen verunsichern die Architekten und hinterlassen da und dort Unmut.
Insgesamt setzen die drei Gremien dennoch vieles in Gang. Neben dem Architekturforum Glarus regen sie die Diskussion anhand konkreter Bauvorhaben an und bereiten den Boden für Entscheidungen. Die Professionalisierung der Qualitätssicherung wird langfristig Früchte tragen und das baukulturelle Niveau des Kantons wieder an vergangene Zeiten heranführen.

Verhandlungsinstrument
In Liechtenstein besteht die Gestaltungskommission schon seit 1993. Wie überall ist sie nicht rechtsverbindlich, hat jedoch durch die direkte Anbindung an das Amt für Bau und Infrastruktur einen unmittelbaren Einfluss. Einen Wendepunkt stellte 2013 die Verwaltungsreform dar. Seither genehmigt der Fachbereich Ortsplanung im Amt für Bau und Infrastruktur unter der Leitung von Denise Ospelt nach Prüfung durch die jeweilige Gemeinde sämtliche Gestaltungs- und Überbauungspläne. Ospelt liess Ende 2012 ihre Bürotätigkeit hinter sich und wechselte auf die administrative Seite des Landesamtes. Als langjähriges Mitglied der Gestaltungskommission übernahm sie bei Stellenantritt dessen Vorsitz. Neben Projekten in historischen Kerngebieten sind es hier vor allem grosse Eingriffe ausserhalb der Regelbauweise, die es zu beurteilen gilt. Auch was Freiraumgestaltung, Erschliessung und Durchwegung angeht, wird der übergeordneten Wirkung Rechnung getragen. In vielen Bauzonen ist ein Überbauungsplan Pflicht – und das hilft beiden Seiten: Mit einer guten Planung lässt sich die Ausnutzungsziffer nach oben schrauben, im Gegenzug wird ein Mehrwert an städtebaulicher und architektonischer Qualität geboten.

Angemessene Antwort
Ein Vorzeigebeispiel ist die Wohnüberbauung «Papillon» in Mauren. Das Ensemble aus drei geschickt in den Hang plazierten Baukörpern ist das Ergebnis eines Studienauftrags an sechs Büros. Die Familienstiftung lobte den Wettbewerb aus, Gohm Hiessberger Architekten konnten mit ihrer räumlich vielschichtigen und städtebaulich angemessenen Antwort überzeugen. Gute Ausnutzungsziffer gegen gute Architektur – in diesem Sinne hatte die Kommission Freude mit dem Überbauungsplan. Das sei nicht immer der Fall, sagt Denise Ospelt: «Eine Gestaltungskommission kann ein Projekt bis zu einem gewissen Grad optimieren, aber nicht bis ins Detail. Der letzte Schliff kommt vom Architekten.» Und wie in jeder Berufssparte gibt es auch hier solche und andere.

 

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Eine Gemeinde hebt den Finger

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Der Neubau von Werkhöfen hat seit ein paar Jahren Konjunktur. Aber nur wenige dieser Zweckbauten sind architektonisch gelungen. Die Liechtensteiner Gemeinde Balzers gibt ein gutes Beispiel für Gestaltungswillen über den pragmatischen Nutzen hinaus.

 

15. Februar 2014 von Gerhard Mack

 

«Wir haben hier starke Föhnwinde, früher war sogar das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten, wenn sie bliesen», sagt Harald Hasler, der Hochbauchef von Balzers. Im Dezember 1985 brannte der ganze Berghang oberhalb der liechtensteinischen Gemeinde, nachdem die Schweizer Armee bei ungünstigem Wetter eine Schiessübung abgehalten hatte.
Wer das weiss, wundert sich nicht, wenn er den Werkhof sieht, der nach zweijähriger Bauzeit im Juni 2011 in Betrieb genommen wurde. Am Rand des Industriegebiets an der Strasse nach Schaan liegt ein grosses Gebäude, das eher an den edlen Auftritt eines boomenden IT-Konzerns denken lässt als an den  Zweckbau eines 4600-Seelen-Dorfes: Eine dunkel eingefärbte Holzfassade fasst das Volumen aus der Entfernung zu einer kompakten Form zusammen, die sich auf angenehme Weise vom benachbarten Föhrenwäldchen abhebt.

Viele schlechte Beispiele
Werkhöfe stehen überall und werden selten gerne gesehen. Dabei zählen sie zu den Zweckbauten, die in den letzten Jahren von vielen Gemeinden neu in Angriff genommen wurden. Schaut man sich um, was gebaut wurde, wird schnell deutlich, dass es einer besonderen Anstrengung bedarf, wenn neben den praktischen Anforderungen auch städtebauliche und ästhetische Bedürfnisse zufrieden gestellt werden sollen.
Ein Ingenieurbau, der unter knappstem Budget erstellt worden ist, kann diesem Anspruch kaum genügen. Ein Auftraggeber, der damit zufrieden ist, dass die Fahrzeuge im Trockenen stehen, erschwert die Aufgabe ungemein. Wie das dann aussieht, zeigen drei aus zahllosen Beispielen: In Degersheim wurde ein Hangar zwischen alte Wohnbauten gestemmt, der nichts mit der Umgebung zu tun hat. In Brunnadern erinnert der gewählte Bautyp mit Satteldach an ein Wohnhaus. In Schönenwerd fehlen noch die Zapfsäulen, und man hätte eine
Tankstelle. Ein Gesicht, das der Funktion entspricht, hat keine der Bauten, den Dialog mit der Umgebung vermisst man bei allen.
Das haben die Gemeinde Balzers und der Schaaner Architekt Ivan Cavegn besser gemacht, als sie 2008 daran gingen, einen zentralen Werkhof zu planen. Bereits der Umgang mit dem Ort überzeugt. Möglich gemacht hat das Gebäude ein Blick über den Tellerrand hinaus. Da, wo der neue Komplex gebaut wurde, befand sich früher die lokale Kläranlage. Als man sich dem regionalen Klärwerk in Bendern anschloss, wurde das Gelände für eine neue Nutzung frei.

Schlauchturmals Signet
Der flache Gebäudekomplex schliesst mit dem daneben liegenden Umspannwerk der Liechtensteinischen Kraftwerke einerseits die Bebauungszone von Balzers zur landwirtschaftlichen Schutzzone ab. Er wendet sich dann aber auch ganz explizit zurück zum Dorf und zeigt ihm seine Rückversicherung gegenüber den Gewalten einer unberechenbaren Natur:
Die Schauseite des Werkhofs wird durch die über die ganze Breite verglaste Einstellhalle der Feuerwehr bestimmt.
Das ist sinnvoll, weil die Löschfahrzeuge so schneller in den Ort gelangen. Es bietet aber auch einen inhaltlichen und emotionalen Mehrwert: Wer zu den Handwerkern gegenüber fährt oder sein Auto in der Waschanlage reinigen lässt, oder auch diejenigen, die nur vorbeifahren, sehen die Einsatzfahrzeuge durch die Glastüren leuchten. Der Bau drückt den Stolz und das Selbstbewusstsein einer umsichtigen Gemeinde aus. Er hat eine kollektive Bedeutung.
Funktionalität und öffentliche Rolle finden in einer Vielzahl von Merkmalen des Gebäudes zusammen. Während heute viele Feuerwehren ihre Schläuche nach dem Einsatz in horizontalen Vorrichtungen trocknen, hat Ivan Cavegn die Idee des alten Schlauchturms aufgegriffen, wie sie ihm aus der Kindheit vertraut war, und zu einem Signet des Gebäudes gemacht. Der Turm gibt dem Werkhof in der relativ weiten Rheinebene eine vertikale Sichtbarkeit und verweist wie eine Nadelspitze auf die Föhren und den Balzner Hausberg dahinter.

Sägerohe Fichte
Das Volumen, das aus der Ferne mit einem geschlossenen skulpturalen Auftritt überzeugt, zeigt sich aus der Nähe als differenzierte Struktur aus drei Quadern,
die sich an einen etwas tieferen Mittelbereich anlagern. In ihnen erhalten die Feuerwehr, die Wertstoffsammelstelle und der eigentliche Werkhof der Gemeinde samt Samaritern eigene Bereiche. Sie ermöglichen mit ihren grosszügigen Vorplätzen ein sinnvolles Arbeiten, ohne sich gegenseitig in
die Quere zu kommen. Während die Feuerwehr mit der Zufahrt zur Tiefgarage die öffentliche Schaufront einnimmt, sind die anderen Funktionen zur Neben- und Rückseite aufs angrenzende Feld und den Wald orientiert. Die Aussenwände des erdbebensicheren Betonbaus sind mit einer Fassade aus sägerohen Fichtenbrettern verkleidet. Diese wurden mit den Schmalseiten vertikal auf Lücken montiert und geben dem Volumen aus der Nähe einen filigranen, fast zeichnerischen Charakter. Die Fensterelemente sind zu grosszügigen Flächen zusammengefasst, die bisweilen bündig in die Bretterfassade eingesetzt wurden, dann wieder hinter ihr bleiben und von ihr Sichtschutz erhalten. Selbst die Kipptore der Halle für Wertstoffe sind mit einer Haut aus Brettern bedeckt und fügen sich kaum unterscheidbar in die Fassade ein.

Selbstbewusstes Wahrzeichen
Das Zusammenspiel aus Geschlossenheit und Differenzierung, das den Werkhof nach aussen bestimmt, setzt sich im Innern in einer klaren Abgrenzung der einzelnen Funktionen fort. Jeder Bereich erhält seinen eigenen Charakter. Mittel dazu ist die Wahl des Materials: Die Wertstoffsammelstelle ist als luftoffener Raum ausgeführt, in dem das Aussenklima spürbar bleibt, der Werkhof als einfache Hartbetonzone aus einer doppelgeschossigen Werkhalle
und zwei Lageretagen. Hier prägt die Robustheit, die die Arbeiten kennzeichnet, bereits die räumliche Atmosphäre, ohne unfreundlich zu wirken.
Bandfenster unterhalb der Decke ermöglichen durch den niedrigeren Mittelteil der Anlage eine Belichtung von zwei Seiten.
Dagegen haben Büros, Ess- und Gemeinschaftsräume mit ihrer Auskleidung von Wänden und Decken aus unbehandelter Weisstanne – daraus werden sonst Paletten gefertigt – fast einen wohnlichen Charakter erhalten. Im Obergeschoss des West- und Ostriegels, das man über eine Treppe beim Haupteingang erreicht, öffnet sich der Schulungsraum der Feuerwehr mit einem grossen Fenster auf die Fahrzeughalle, und der allgemeine Mehrzweckraum der Gemeinde bietet einen Blick auf den Föhrenwald. Hier herrscht eine fast weitläufige Grosszügigkeit, die durch das Eichenparkett betont wird.
Mit dem 16,5 Millionen Franken teuren Werkhof ist es Auftraggeber und Architekt gelungen, verschiedene Funktionen sinnvoll an einem Ort zusammenzuführen. Balzers hat bei allem Sinn für pragmatische Erfordernisse darüber hinaus auch ein Wahrzeichen erhalten, das von einem zeitgemässen Selbstbewusstsein der Gemeinde spricht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Die Kunst des Austarierens

Es ist nicht selbstverständlich, dass aus der Kombination mehrerer Bauherren und Planer auf einem gemeinsamen Grundstück das Fortschreiben eines Dorfteiles gelingt. Mit der Überbauung Chantun Sur in Pontresina ist es geglückt.

 

18. Januar 2014 von Marina Hämmerle

 

Im eng gewachsenen Dorfteil Laret, dem eigentlichen Dorfkern von Pontresina oberhalb der Via Maistra, steht die Chesa Melna, das Gelbe Haus. Es teilt seine Entstehungsgeschichte mit vielen anderen stattlichen Bürgerhäusern der Bergdörfer des Engadins und des Puschlavs. 1825 hatte Peter Jan Jenny das Haus aus seinen Einkünften als Zuckerbäcker im fernen Polen erbaut. Das Anwesen mit Stall und grossem bergseitig gelegenem Garten innerhalb der steilen, engen Gassen des Larets ist der Rückzugsort der Familie Saratz, die mit ihrem in fünfter Generation geführten gleichnamigen Hotel den Prospekt des Dorfes wesentlich mitprägt.
Das Gespräch mit dem bei Bau und Planungsprozess federführenden Bauherrn, Nuot Saratz, zeigt rasch, dass der Erfolg dieses Bauprojektes viel mit der eigenen Biographie und der Leidenschaft für Gemeindeentwicklung und Architektur zu tun hat. Neben seiner beruflichen Tätigkeit wirkte er jahrelang als Baufachchef von Pontresina bei der Gestaltung seines Heimatdorfes mit, auch anderswo auf dem Hochplateau des Engadins finden sich Spuren seines
Engagements.

Komponiertes Ensemble
Das Erbe unter vier Brüdern zu teilen, bedeutete zu verdichten und dort, wo ehemals der Garten war und ein baufälliges Engadiner Haus stand, weitere Häuser zu errichten. Befreundete Architekten wie Hans Jörg Ruch, der schon das Hotel mit dem Südflügel Ela Tuff gekonnt erweiterte, und die Lazzarinis waren für die kurzfristig angesetzte Aufgabe nicht verfügbar. Marchet Saratz, Vertreter der sechsten Generation und angehender Architekt, brachte seinen Professor Peter Märkli ins Spiel. Märkli wiederum holte ihm artverwandte junge Architekten ins Boot und beschränkte sich auf den Masterplan und den gemeinsam mit Marchet Saratz geplanten Umbau des Talvo, des Stalls, und den unterirdisch inszenierten Verbindungsraum für den Fuhrpark der geplanten 14 Wohnungen.
Märkli rückte den bestehenden Bebauungsplan im Rahmen des Möglichen zurecht und entwickelte die Vision eines aus verschiedenen Häusern komponierten Ensembles. «Wie gewachsen» sollten sie sich in das enge Siedlungsgefüge einpassen, und das lässt sich durch mehrere Handschriften eher bewerkstelligen.
Typologie, Lage und Ausrichtung der Einzelbauten definierte er als Grundlage für die weitere Bearbeitung. Mit den ausgewählten drei jungen Kolleginnen und
Kollegen verbindet ihn der universitäre Betrieb, das gemeinsame Arbeiten und die konzeptuelle Ausrichtung. Für die Bauherrschaft bedeutete dies eine grosse Portion an Vertrauen in die Projektleitung, da die Architekten nicht allzu viel an Bauerfahrung mitbrachten, dafür umso mehr an Finesse und Imagination.
Was Peter Märkli mit Marchet Saratz, Christof Ansorge, Ingrid Burgdorf und Alex Herter in ihren einzeln geplanten Bauten zusammenfügte, verlangte viel an Koordination von beteiligten Interessen und Austarieren von Bestehendem und Hinzugefügtem. Von den 14 Wohnungen sind knapp die Hälfte Erstwohnungen, sechs weitere Miteigentümer deponierten ihre Wünsche. Diese vielschichtige Melange an Eigentümern führte zwar zu einigen Verzögerungen, jedoch der Einbezug eines lokalen Bauleiters, einheitlicher Fachplaner für alle Häuser, und einer fachlich versierten Projektleitung durch die Bauherrschaft garantierte die konzeptuell und handwerklich hochwertige Umsetzung in sehr kurzem Zeitraum.

Zeitgemässes Wohnverständnis
Das Los entschied über die Bearbeitungsfelder. Alex Herter widmete sich der Adaptierung der Chesa Melna und deren Erweiterung durch einen Südflügel, der Chesin. Das Ockergelb, im Österreichischen das Schönbrunnergelb, verbindet Bestand und Neubau. Komplementär dazu das Taubenblau der Fensterläden, deren partielle Überhöhen auf die unters Dach verlegte Beletage verweisen. Das mit kleinem Versatz gelöste Vorspringen einer Raumschicht gegen den Innenhof entspringt dem Wunsch nach Hierarchisierung der Volumen und strukturiert. Die daran angebrachten weissen Putzfelder nehmen Beziehung auf zum Erker des Bestandes und den weissen Friesen der angrenzenden Chesa Immez.
Auf der Südseite kommen weitere Farben ins Spiel: das markante Oxidrot der ornamentalen Geländer – Ähnliches ersann Herter schon am Märkli-Bau für Novartis – bringt Eigenständigkeit ins Spiel. Die pragmatische, grossflächige Fensterlösung in gedecktem Grau, teils in die Pfeilerstruktur gesetzt, teils hinter vorgelagerter Loggia, tritt optisch zurück. Auch im Inneren überzeugt die
Verschränkung von Alt und Neu, die Grosszügigkeit des Raumflusses bringt zeitgemässes Wohnverständnis auch in den Bestand.
Der Talvo gibt sich nach aussen nahezu unverändert. Märkli und Saratz ermöglichen mit wenigen gestalterischen Eingriffen die Umnutzung zu Atelier und Wohnraum. Rohe Materialien entsprechen der Urtümlichkeit des Objekts, der Raum betört durch seine gedämpfte Lichtführung.

Positionsbezug zum Dorf
Ingrid Burgdorf gewann mit ihrer Neuinterpretation eines Engadiner Hauses die Zustimmung der Denkmalpflege, der Abriss des baufälligen Bestandes wurde gewährt. An der steilen Gasse türmen sich fünf Stockwerke im schlanken Bauwerk. Symmetrisch, nahezu venezianisch anmutend an der Eingangsseite, mit leichten Irritationen in der Anordnung arbeitend auf den anderen Seiten. Fenster, Loggien und Erker erzeugen durch ihre unterschiedlich artikulierten weissen Umrahmungen Korrespondenz zu bekannten Bildern ohne plattes Surrogat zu sein. Die Wohnungen basieren teils auf traditionellen Elementen wie dem Längsraum des Suler und erzeugen behagliche Atmosphäre innerhalb gut gewählter Proportionen.
Der neue Palazzo, die Chesa Sur, bildet den oberen Abschluss der Häusergruppe. Hier übernimmt Christof Ansorge das Motiv der Schauseite zum Dorf, ähnlich der Hotelpalazzi an der Via Maistra, und reagiert über den engeren Kontext hinaus, will Position beziehen zum Dorf. Die Fassade zelebriert Rhythmus und Ordnung durch Pfeiler aus geschichtetem Gneis, reckt sich hoch über die umliegenden Dächer und kaschiert das asymmetrische Satteldach. In den luxuriös geschnittenen Wohnungen verblüfft ein freigespielter Raumplan, basierend auf Durchblicken und räumlichen Verschränkungen.

Eingegliedert in Gewachsenes
Drei Komponenten führten zum Gelingen des Gesamtprojekts bis hin zum Fortschreiben der Dorfstruktur: Die ausgeprägte Bestellerkompetenz des Auftraggebers, der auf Angemessenheit anstatt auf Maximierung setzt, das feinsinnige Gespür für die diffizile Aufgabe und die strategisch kluge Vorgehensweise durch den Architekten, dessen Weitsicht, die Planung auf mehrere Kollegen zu verteilen, und nicht zuletzt die Fähigkeit der jungen Architekten, eine jeweils eigenständige und dennoch dem Ort verbundene
Anmutung der Häuser zu schaffen, ohne in Historismen zu verfallen. Das  Resultat ist ein Ensemble an Häusern, welches nicht nur von der Beziehung untereinander lebt, sondern vor allem auch durch deren geschickte Eingliederung in die gewachsene Struktur des Dorfkerns, atmosphärisch und selbstverständlich zugleich.

 

Bilder: Rasmus Norlander

Ein grüner Mocken erinnert an die Natur

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Hinter der St.Galler Empa hat der Bildhauer Jürg Altherr eine bewachsene Skulptur geschaffen. Sie ist auch ein vorbildliches Beispiel für die Gestaltung von Landschaft.

 

14. Dezember 2013 von Gerhard Mack

 

Wer beim Discounter Lidl in St.Gallen-Bruggen einkaufen geht, schaut auf ein merkwürdiges Gebilde: Neben der Empa liegt ein riesiges Metallgerüst im Grünen, das fast ganz von Hagebuchenhecken überwuchert ist. Im Frühling machen die Blätter es undurchdringlich, im Herbst wird das kahle Geäst mit seinen vielen spitzen Zweigen zum Ausdruck von Abwehr und Kargheit. Der
Bildhauer Jürg Altherr hat diese Struktur realisiert, als die Empa nach Entwürfen des Architekten Theo Hotz gebaut und Geld für Kunst am Bau bewilligt wurde. Wer sie sieht, empfindet sie als einen Fremdkörper. Gerade weil sie autistisch ist, gibt sie an diesem Ort ein gelungenes Beispiel für den Umgang mit Natur, wie es sie in der Landschaftsarchitektur nicht allzu oft gibt. Warum?

Kunst als Resteverwerterin
Zunächst einmal spürt man, dass da jemand am Werk war, der in grösseren landschaftlichen Bezügen denkt. Jürg Altherr ist auch ausgebildeter Landschaftsarchitekt. Er hat seinen Heckenkörper ganz präzise für das Stück Stadtrand entworfen, das ihn umgibt. Dieses besteht aus einer diffusen Ansammlung verschiedenster Elemente, wie man sie oft an Einfallstrassen mit ihren ungeplanten Wechseln aus Gewerben und Wohnbauten findet. Am Horizont besetzen Öltanks den Hang. In unmittelbarer Nähe schliessen
die Bauten des St.Galler Tagblatts das Gelände ab. Nach Westen liegen Gewerbehallen. Eine ehemalige Brache wird inzwischen vom Discounter besetzt. Gegenüber ist eine Wohnüberbauung. Keines dieser Objekte hat miteinander zu tun. Sie alle entstanden auf einer Wiese, von der noch ein schmaler Streifen Rietgras mit einem Bach übrig geblieben ist, der die Parzelle
begrenzt.
Die Skulptur sitzt auf einem Teil dieses grünen Restes, der vom Architekten nicht gebraucht wurde. Kunst ist da Resteverwerterin. Vielleicht  hat man gedacht: Lieber eine Skulptur als noch mehr Parkplätze. Aber der Heckenkörper zieht gerade aus dieser Verlegenheit einen Teil seiner Kraft: Er
dehnt sich bis an die Ränder dieser unbrauchbaren Fläche und macht sie zu einem Statement: Kunst ist das, was sich der allgemeinen Verwertung entzieht, das ideellen Raum schafft, um über das Selbstverständliche nachzudenken,
das unser Zusammenleben bestimmt. Altherr bringt das mit der Fremdheit seines Heckenkörpers zum Ausdruck. Dieser ist ganz nach innen gewandt,
implodierte Energie, die das Konturlose des Umlandes abstrahlt und spürbar macht. Natürlich tritt die Skulptur auch in Dialog mit der Umgebung: Die in den Himmel ragenden Türme der Empa erhalten eine horizontale Dimension. Der Heckenkörper beschreibt im Grundriss einen verlängerten Kreisbogen und misst in seiner längsten Ausdehnung siebzig Meter, an der breitesten Stelle ist  er fünfzehn Meter tief. Das ergibt eine stattliche Fläche. Die Struktur  aus Metallprofilen vermeidet rechte Winkel. Die Begrenzung, die von den oberen Trägern markiert wird, fällt von sieben auf anderthalb Meter ab. Die Schräge, die Bogenform treten der klaren Gestalt des Stadttors entgegen, die der  Architekt für seinen Entwurf gewählt hat. Vor allem setzt der Künstler der transparenten Stahl-Glas-Architektur wucherndes Dickicht zur Seite.

Nichts bleibt gleich
Architektur und Skulptur haben traditionell gemeinsam, dass sie nach ihrer Fertigstellung unverändert bleiben. Sie trotzen soweit möglich der Zeit. Die Natur kennt den Wechsel, sie gibt uns mit ihren Jahreszeiten unseren Lebensrhythmus vor und wuchert, wo ihr keine Begrenzung gesetzt wird. Jürg Altherr bringt dieses Zusammenspiel aus fester Struktur und Wildwuchs in seinem Heckenkörper zusammen. So klar das Gerippe aus Metallprofilen ist, so frei entfalten sich die Hagebuchen im Innern.
Die Einbeziehung der Natur gibt der Skulptur eine zeitliche Dimension. Die Hecken wachsen. Als das Werk 1998 aufgestellt wurde, waren sie kaum mehr als ein bodennahes Gebüsch in einem offenen Käfig. Heute haben sie an vielen Stellen die Ränder der Metallstruktur erreicht. Sie verändern den Körper und unseren Blick darauf. Das fast zeichnerische Metallskelett tritt zumindest in der belaubten Jahreszeit fast ganz zurück. Körperhohe Röhren, die der Künstler als eigene Räume hineingehängt hat, bleiben wie geheime Kammern gänzlich unsichtbar.
Umgekehrt erlaubt die Skulptur aber auch, die Natur besser wahrzunehmen. Diese entwickelt ihre Formen nach den genetischen Vorgaben der Pflanzen im
Zusammenspiel von Boden und Klima und folgt einer anderen Logik als die Ingenieurskunst. Vor allem aber beanspruchen Pflanzen andere Zeitrhythmen und eine andere Dauer. Nichts bleibt gleich. Wachstumsprozesse verlaufen
nicht linear.

Disziplinierte Vegetation
Das bedarf einer spezifischen Wachsamkeit und einer dauernden Pflege. Jeder Hobbygärtner weiss, dass er zu seinem Garten Sorge  tragen muss. Diese Notwendigkeit der Zuwendung macht der Heckenkörper Jürg Altherrs unmittelbar deutlich. Mag sein, dass die Hecken robust sind und mit Regenwasser auskommen. Sobald sie die Metallstruktur überwachsen, muss jedoch entschieden werden, ob sie gestutzt werden sollen, damit das Widerspiel aus fester Form und Veränderung sichtbar bleibt. Man kennt das aus französischen Parkanlagen und ihren zugeschnittenen Bäumen.
Sowohl Pflege wie Langfristigkeit stehen quer zu unserer Zeit des schnellen Konsums. Sie kennzeichnen darüber hinaus einen spezifischen Umgang mit der Natur. Die Vegetation wird im Heckenkörper diszipliniert, ihr Wachstum wird auf eine Form begrenzt, ihr aber nicht untergeordnet. Das braucht Geduld. Der
Künstler nimmt sich zurück und lässt der Natur über viele Jahre ihren Lauf.

Landschaft erfinden
Diese Autonomie entspricht nicht dem, was Landschaftsarchitektur landläufig bietet. Sie ist weit von der Gestaltung von Rabatten und der Pflanzung von Bäumen entfernt. Altherrs aufquellender Saucisson steht in Widerspruch zur Allerweltsverhübschung von Parks und Plätzen, zu der Landschaftsgestalter
oft Hand bieten müssen. Seine Intervention lässt das Ungezähmte der Natur anklingen, das wir in unseren postindustriellen Gesellschaften nur mehr aus den Katastrophenmeldungen kennen. Sie ist selbst ein Stück Landschaft  geworden und macht damit sichtbar, worüber wir sonst hinwegschauen: Auf der anderen Strassenseite liegt hinter dem Empa-Gebäude eine Wiese. So offen, so frei nimmt man Graslandschaften selten wahr wie im Widerspiel mit dem Mocken aus Grün. Landschaft so zu erfinden, dass wir sie sehen können, ist eine der vornehmsten Aufgaben ihrer Gestalter.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Leichtfüssige Baukunst am Steilhang

  • Gutes Bauen Ostschweiz, Verbindung Plessur - Halde in Chur
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Verbindung Plessur - Halde in Chur
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Verbindung Plessur - Halde in Chur
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Verbindung Plessur - Halde in Chur

Die Anlage der Kantonsschule Chur auf Halde und Plessur erhält durch ihr Verbindungsstück von Esch.Sintzel mit Treppe und Schrägaufzug ein Passstück der besonderen Art. Und einen Mehrwert, der sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen kann.

 

22. November 2013 von Marina Hämmerle

 

Ursprünglich verfolgte das kantonale Hochbauamt die Zusammenlegung der Schulen an einem Standort. Das von Andres Liesch entworfene Haus Cleric auf der Plessur, zuerst als Lehrerseminar angelegt, in Folge den Unterstufen der Kantonsschule dienlich, warin die Jahre gekommen. Ebenso nagte der Zahn der Zeit am Schulgebäude auf der Halde, von Max Kasper geplant und 1972 eröffnet. Dort häuften sich die Bauschäden, Handlungsbedarf war gegeben.

Widerstand gegen Abbruch
Zwei Wettbewerbe wurden unter dem damaligen Kantonsbaumeister um die Jahrhundertwende lanciert: ein Neubau für die Kantonsschule auf der Plessur und nebenan einer für eine Dreifach-Sporthalle mit Sportanlage. Aus beiden Unterfangen sollte nichts werden. Die zeitgemässen, wettkampftauglichen Sportstätten fanden keinen Widerhall in der Budgetplanung, andere Prioritäten
mussten gesetzt werden. Der Neubau Kantonsschule, dem zwangsläufig auch der Abriss der 1960/70er-Ikonen vorausgegangen wäre, rief Bürgertum, Architekten und Heimatschutz auf den Plan. Das gekürte Projekt von Daniele Marques verschwand nach der mehr als eindeutig negativen Volksabstimmung in der Schublade. Heute würde einer so gewichtigen Entscheidung wahrscheinlich eine Bürgerbeteiligung vorangestellt und die Interessenvertretungen wären im Vorfeld eingebunden – eine Errungenschaft des letzten Jahrzehnts.

Die damals schon erwogene Alternative der Sanierung beider Bauten wurde postwendend in Angriff genommen, wenngleich bei ungefähr identischen Baukosten diese weit höhere Betriebskosten nach sich ziehen würden. Baukulturelles Erbe sichern fordert auch hier seinen Tribut, damit verbundene Werte sind aber nicht in Franken aufzuwiegen. Jüngling und Hagmann schälten aus dem Kasper Bau das Beste heraus, auch Pablo Horvath behandelte
das Haus Cleric auf kluge, zurückhaltende Art. In Markus Dünner, seit 2002  Kantonsbaumeister, und seinem Team fanden sie die entsprechenden Bauherrenvertreter. Den passenden Entwurf zum notwendig gewordenen Verbindungsbauwerk ermittelte ein geladener Wettbewerb mit Präqualifikation.
Die Aufteilung der schulischen Disziplinen auf mehrere Häuser unterschiedlicher Höhenlagen macht den Schulbetrieb zu einem logistischen Sudoku und bringt in Spitzenzeiten der extra lang angesetzten Pausen ein paar hundert Schülerinnen und Lehrer in Bewegung. Steil und schmal ist das geplante Baufenster über die Strasse nach Arosa hinauf zur Kirche St.Luzi. Was die Architekten Philipp Esch und Stephan Sintzel, die als Sieger dieses  Wettbewerbs hervorgingen, in dieses Hangstück hineinimaginieren, gleicht
der gekonnten Schrittfolge eines eng umschlungenen Tangopaares.
Inspiration holten sie sich bei historischen Referenzen, insbesondere beim Wallfahrtsweg zum Santuario della Madonna di San Luca, ausserhalb Bolognas auf einem Hügel gelegen, einem Landmark von atemberaubender Schönheit. Besagter Wallfahrtsweg verkörpert eine hybride Typologie zwischen Haus und Weg und kommt dem nahe, was ihnen an diesem Ort und für diese Funktion
vorschwebte.

Prekär anmutendes Faltwerk
Den Schülern der Kanti wird einiges an Weg abverlangt, um vom Mathematikunterricht zur Klavierstunde oder zum Physikseminar zu gelangen – zwischen Halde und Plessur liegen rund 500 Meter Weglänge und einige Dutzend Höhenmeter. Umso mehr trachteten die Planer danach, diesen Weg
möglichst geschuützt und abwechslungsreich zu gestalten.
Auch der Bau von Kasper und vor allem das etwas höher gelegene Konvikt von Otto Glaus dienten als Analogien. Diese Bauten sind exemplarisch für Bauen
im geneigten Gelände, sie scheinen geradezu an den Hang gegossen und verbünden sich mit ihm. Eine ähnliche Liaison strebten Esch.Sintzel mit dem Bauwerk für den Verbindungsweg an. Im Berg, am Berg und auf dem Berg wähnt sich der aufmerksame Spaziergänger, die flotte Passantin. Das Ein- und Auftauchen ist gekonnte Inszenierung und vor allem auch bewusste  Zusammenführung der beiden Nutzungsarten: per Treppe oder wem dies  verwehrt ist per Schrägaufzug. Nahezu senkrechte Bruchsteinmauern bilden die
äussere Schicht des teils felsigen Geländes, horizontal durchschnitten von der Strasse nach Arosa, Friedhof und bistümlicher Rebgarten wechseln in der Vertikalen.
Dazwischen drückt sich nun das Betonbauwerk in den Steilhang, taucht ein in ein riesiges Portal, unterwandert sicher die kaschierte Brücke unter der  Landstrasse, dreht sich im erhabenen Raum-Zuschnitt halb um die eigene
Achse, um nach nochmaligem Schwenk in die mit Zwischenpodest versehene Zielgerade einzubiegen.
175 Stufen leichtfüssigen Gehens, das Auge schweift gerahmt über die Stadt, der Wind bläst den Kopf frei, der Körper erhöht den Puls und energetisiert den Geist. Das, was aus dem Fels herausragt, der Betonskulptur aufsitzt und Raum formt, ist ein papierenes, ja prekär anmutendes Faltwerk aus wetterfestem Stahl. Die rostige Metalloberfläche fügt sich bestens in den Hang und spielt die
Dimension des Bauwerkes in der Wahrnehmung herunter. Dies tun auch die eingestanzten Öffnungen, welche an überdimensionale Wabenträger erinnern und Ein- und Ausblicke zulassen. Die Aussteifungen und Knicke in den 12 mm starken Stahlblechen resultieren aus statischer Notwendigkeit und  wasserableitender Funktion. Doppelbödig ist der Deckel und mit Spanten zu einem Kastenträger ausgebildet – so verbirgt sich geschickt die statische Höhe. Wie überhaupt das Überlappen der dünnwandigen Schachtel, deren Anschlussdetails an das Betonwerk, das Herausschälen aus dem Felsen und das Befestigen des Betonraumes von der geglückten Kooperation mit den  beteiligten Ingenieuren, Lüchinger + Meyer, und Zoanni, Büro für  Baumanagement, zeugen.
Innen leuchtet der filigrane, rostige Stahlkörper in hellem, schimmerndem  Weiss, reflektiert das einfallende Licht und die Farben und birgt einen wichtigen psychologischen Aspekt, den der Sicherheit. Das Gehäuse wirkt einladend und befügelt den Schritt. Dem tut es auch das Geländer gleich, das leicht und beinahe textil in der Anmutung aus den Passepartouts blitzt. Das industrielle Produkt, ein handeübliches, perforiertes Blech wird durch die statisch wirksame, wellenförmige Kantung und den zimtfarbenen Anstrich veredelt. Im hölzernen Handlauf ist auf der Unterseite ein LED-Lichtband integriert; die dezente Illuminierung soll auch nachts die suchtfreie Zone garantieren. Einziger Wermutstropfen in der durchdachten Tektonik und Semantik ist die als Säule anmutende Wasserableitung im Eingangsbereich.

Das Werk verdient einen Namen
Die Materialisierung ergibt in Summe einen stimmigen Kanon, wenngleich der Beton nicht, wie von den Architekten vorgesehen, gestockt ausgeführt wurde. Auf Nachfrage antwortet der Kantonsbaumeister: «Neben den technischen Bedenken schienen uns auch die Mehrkosten nicht vertretbar, obwohl die veranschlagten Kosten unterschritten wurden. Wir sind dem Steuerzahler
verpflichtet und wollten die Reserven nicht antasten.» Ob mit oder ohne gestockten Beton, die Verbindung Plessur-Halde von Esch.Sintzel verschränkt das wiederbelebte Ensemble, zu dem auch das stringente Naturwissenschaftshaus von Bearth Deplazes gehört, auf das Vortrefflichste, ist
ein Beispiel angewandter Baukunst trotz hoher Anforderungen und Zwänge und verdient einen Namen. Ich plädiere für den einer grossen Reformerin im Bildungswesen der Schweiz.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Stadtplanerisches Unglück mit Seeblick

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Die Wohnüberbauung Birnbäumen ist seit letztem Jahr fertiggestellt. Das Projekt hätte die Stadt exemplarisch verdichten können, ist aber gescheitert. Es ging hier offensichtlich nur um eine ökonomisch maximale Ausnutzung.

 

12. Oktober 2013 von Gerhard Mack

 

Als die St.Galler Bürgergemeinde ihr Stück Land am östlichen Stadtrand zur Bebauung freigab, durfte man eine exemplarische Siedlung erwarten: Zwischen Trogenerbahn und dem Quartier «In den Birnbäumen» aus der Nachkriegszeit sollten 150 stadtnahe Miet- und Eigentumswohnungen erstellt werden, welche die Appenzeller Bahnen mit einer neuen Haltestelle erschliessen würden. Seit letztem Jahr sind die meisten Einheiten bezogen. So gerne man die Überbauung loben würde, so exemplarisch ist ihr Scheitern. Dabei geht es weniger um die einzelnen Bauten als um den städtebaulichen Charakter der ganzen Anlage.

See und Stadt im Blick
Eine zentrale Massgabe für das Projekt ist die Sicht auf den Bodensee und die Stadt. Unterhalb der Bahnlinie sind die Volumen exakt so gestaffelt, dass von fast jeder Wohnung aus beides in den Blick kommt. Dafür hat man vieles in Kauf genommen. Die Blöcke sind mit viel Beton regelrecht in den steilen Hang gestemmt. Wer dort lebt, fährt entweder mit dem Lift in die Wohnung, oder er muss bei den steilen Treppen einen Fitnesstest ab asolvieren. Vor allem aber wurde auf eine übergreifende Planung verzichtet. Statt eines Quartiers gibt es drei Ansammlungen von Häusern. Die Stadt wird von der neuen Überbauung nicht arrondiert.
Doch zunächst ein paar Fakten: Das Gelände aus dem Portfolio der Bürgergemeinde ist in drei Baufelder unterteilt. Jedes hat eine eigene Bauherrschaft, für jedes wurde ein eigener Bautyp und Wettbewerb bestimmt. Die beiden Riegel für das westlichste Feld gab die Helvetia Versicherung St. Gallen in Auftrag, die fünfzehn Winkelhäuser in drei Reihen in der Mitte liess die Reseda Invest AG in Wil von Bollhalder & Eberle planen. In Zone drei trat der Architekt Felix Sigrist auch als Bauherr auf und entwarf eine Zeile aus fünf Mehrfamilienhäusern und zwei Reihen aus je fünf Doppel-Einfamilienhäusern. Dass Sigrist auch die beiden Riegel in Zone eins realisierte, ist das Ergebnis eines Zwists. Der ursprüngliche Wettbewerbssieger Christian Kerez ist nach Unstimmigkeiten mit der Bauherrschaft ausgeschieden. Es gibt keinen über- greifenden Gestaltungsplan, der die drei Baufelder verbindet. Abwechslung heisst hier die Losung, als wäre eine Stadt ein Vergnügungspark.

Extrem verdichtet
Alle drei Baubereiche sind extremverdichtet. Die beiden Riegel sind so gesetzt, dass sie zur Stadt hin sogar als ein überlanges Volumen auftreten. Begründet wurde diese Bauweise mit der Freifläche, die gewonnen wird: Von den 46000 Quadratmetern der Bauzone blieben 17500 unbebaut. Das ist ein stattliches Drittel. Das Freispielen von offenem Raum ist ein gängiges Argument für Verdichtungen. Und wer könnte etwas
gegen Grün in der Stadt einwenden! Doch kommt es auch hier darauf an, wie diese Fläche gestaltet ist, was man überhaupt mit ihr anfangen kann. Bei der neuen  Siedlung ist das nicht eben viel. Wer in diesen Herbsttagen dort herumspaziert, sieht vor allem die Erschliessungsstrasse, eine Sackgasse, die witzigerweise Meienberg- strasse heisst, mächtige Zufahrten zu den Tiefgaragen und leere Grasflächen. Sie sind nach oben durch die Stützmauer zum Bahntrassee begrenzt und wirken zur bestehenden Siedlung «In den Birnbäumen» weiter unten wie ein Überbleibsel der ehemaligen Weide.
Regelrecht unangenehm wird die Leere zwischen den Baufeldern: Das Abstandsgrün sieht so unfreundlich aus wie einst die Grenzstreifen zwischen Nachbarn, die sich nicht leiden können. Das ist nicht schön für Anwohner, die mehr wollen als aus der Tiefgarage mit dem Lift in die Wohnung fahren und den See anschauen.

Städtebaulich misslungen
Das Ganze ist aber vor allem städtebaulich misslungen. Die Stadt franst an dieser Stelle aus, siedlungshistorisch hatte sie hier ihre Grenze. Die alte Birnbäumen-Siedlung endet da, wo der Hang steil wird. Als sie Ende der 40er-Jahre gebaut wurde, hatte man noch Respekt vor der Topographie, teure Hangabstützungen lagen nicht drin. Wenn man sich heute entschliesst, diese prekären Ränder zu nutzen, sollte das die Stadt optimieren.
Das hätte bei der neuen Siedlung vorausgesetzt, dass man freie Stellen da schliesst, wo sie als Zahnlücken empfunden werden. Das gelingt nur, wenn das Stadtgewebe aufgegriffen wird, wie es an der spezifischen Stelle vorhanden ist. Mehrere Instrumente hätten sich dafür angeboten: An einzelnen Stellen hätte sich der vorhandene Bestand durch sorgfältig hinzugefügte Neubauten durchaus verdichten lassen. In der freien Hangzone darüber wäre es möglich gewesen, aus der alten Zeilen- struktur heraus eine neue Siedlung zu entwickeln. Das hätten keine Häuserreihen sein müssen, aber die Fortsetzung der vertikalen Struktur und die Beachtung des Massstabs wären sinnvoll gewesen.

Beispiel Teppichsiedlung
St. Gallen bietet dafür sogar ein Beispiel: Die Teppichsiedlung, die Danzeisen + Voser Ende der 50er-Jahre in St. Georgen am Freudenberg realisiert haben. Auch an diesem Westhang hat die Aussicht eine grosse Rolle gespielt. Das gelungene Beispiel modernen Bauens hat aber im Unterschied zur neuen Überbauung Birnbäumen den Vorteil, dass hier zum einen Privatheit und fliessende Übergänge zwischen aussen und innen zusammengehen. Winkelförmige Häuser sind teilweise miteinander verbunden und schliessen einen Garten ein. Vor allem aber wurde nicht gegen den Hang geplant. Die Siedlung wächst an ihm empor, die Planer räumten ihn nicht weg, um später im Abraumverfahren wieder Volumen anzuschütten.

Betonklötze am Hang
Wer durch die alte Birnbäumen-Siedlung spaziert, sieht am Hang die Betonklötze dräuen, den leeren Raum zu ihnen empfindet man nicht als Respektsdistanz, er wirkt so unangenehm wie eine Landschaft, die plötzlich in einer Senke verschwindet. Die Atmosphäre eines gewachsenen Alltags zwischen den alten Häuserzeilen mutet gegenüber den Neubauten an wie ein Idyll aus vergangenen Tagen. In der neuen Überbauung herrschen dagegen strukturelle Vereinzelung und Anonymität vor, wie sie die Bebauung von Hanglagen landauf, landab bestimmen.
Sicherlich: Die Bewohner der neuen Birnbäumen werden sich arrangieren. Der Ausbaustandard stimmt, die Geldanlage ist solide. Der Stadt St.Gallen haben die Investoren jedoch keinen Gefallen getan. Es ging offensichtlich um eine ökonomisch maximale Ausnutzung. Hier wäre die Stadt gefragt gewesen. Sie hätte es in der Hand gehabt, mit entsprechenden Richtlinien ein Quartier mit Gesicht zu planen und erst dann Investoren zu suchen. Drei Baufelder auszuweisen, in denen diese machen können, was ihnen beliebt, reicht nicht aus. Aber dazu müssten sich die Verantwortlichen auch gegen mächtige Interessen behaupten wollen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Weniger ist auch hier mehr

Längst nicht mehr in jedem typischen Appenzeller Bauernhaus leben auch Bauern. Das wirkt sich auf die Gestaltung und Nutzung des Aussenraums aus. Das Ausserrhoder Amt für Raumplanung zeigt in einer Broschüre gelungene und missratene Eingriffe.

16. September 2013 von Marina Hämmerle

Im neuen Leitfaden zur Umgebungsgestaltung des Appenzeller Hauses ausserhalb der dörflichen Bauzone finden sich hilfreiche Hinweise zur Pflege des baukulturellen Erbes und dessen Neuinterpretation. Was die sensible Behandlung der Aussenräume ausmacht und welchen Verführungen widerstanden werden sollte, wird dort allseits verständlich illustriert.
Das Heft ist das dritte einer Reihe von themenbezogenen Leitlinien zur Sicherung der Baukultur ausserhalb der Bauzone im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Nach den Erläuterungen zum Umbau/ Ersatzbau des Appenzeller Hauses und zur Errichtung von Landwirtschaftsbauten widmet sich das kantonale Raumplanungsamtinder
jüngst erschienenen Broschüre nun eingehend  dem nicht minder wichtigen Erscheinungsbild des Aussenraums. Die Behörde, allen voran Amtsleiter Gallus Hess, reagiert damit auf das Bedürfnis nach einer intensiveren Nutzung der Hausumgebung
durch die Bewohner.

Inszenierung statt Bepflanzung
War das typisch appenzellische Gehöft zur Zeit seiner Errichtung noch in bäuerlicher Hand und landwirtschaftlich genutzt, sind heute ruhesuchende Stadtflüchtige, Liebhaberinnen historischer Bausubstanz oder Hoferben, die oft nicht mehr der  Arbeit ihrer Vorfahren nachgehen, die Pfleger und Nutzerinnen solcher Anwesen. Sowenig Zeit den Bauern vor der agrarischen Industrialisierung neben ihrer  tagfüllenden Beschäftigung mit Feld und Vieh blieb, so wenig hielten sie sich zur Entspannung und Musse rund ums Haus auf. Das, was drum herum gepflanzt wurde, diente vorderhand zum Schutz und Nutzen. Die angelegten Zufahrten und Wege  genügten in Kies oder mit halbbefestigtem Untergrund und waren so klein wie nötig gehalten. Heute weichen die sparsam gesetzten Elemente, welche das Haus wie beiläufig flankieren und in seiner ganzen Erscheinung wirken lassen, oft einem dazu entgegengesetzt angelegten Bild der Fülle. Aus der mit Bedacht und Logik  entstandenen Bepflanzung wird zunehmend Garteninszenierung, und aus den nahezu unmerklichen Terrainanpassungen ums Haus werden da und dort wehrhafte Terrassenanlagen. Die Veränderungen in seinem Heimatkanton veranlassten den jungen Landschaftsarchitekten Roman Häne, eine Masterarbeit zum Thema zu verfassen. Diese diente als Grundlage für die Erarbeitung der neuen Broschüre, wie denn die passende Gestaltung um Haus und Hof gelänge.

Angemessen und einfach
Ein kräftiger Laubbaum, wie Linde, Esche oder Bergahorn, macht auf der Westseite den Wetterbaum. Der Trüeter, der Spalierbaum an der wärmenden Hauswand, erbringt Äpfel oder Birnen, der südseitige Holunderbusch liefert Material für Sirup und Marmelade, und das Strussgstell holt Blumenpracht ins Wohn- und Schlaf- zimmer. Abgesetzt vom Haus ein Geviert für Gemüse, Beeren und Blumen, umzäunt mit Holzlatten und oft flankiert von einem Brunnen. Die Buschhecken in der freien Landschaft aus Schwarzdorn, Schneeball oder Esche bilden kleine  landschafts-strukturierende Zeilen, halten den Wind ab und liefern Früchte. Soweit zum ursprünglichen Flora-Inventar.
Meist liegen die typischen Appenzeller Häuser ausserhalb der Bauzone in geneigtem Gelände, laufen die satten Wiesen bis an die Hauswand. Die Zufahrten sind klein und unscheinbar gehalten, die Wendeplätze nötig, die Geländeveränderungen gering – das Haus tut es der Kuh gleich und liegt satt in der Wiese. Entsprechend der selbstverständlich wirkenden Plazierung des Hauses im Gelände bleibt bei ursprünglichen Höfen auch die Gestaltung des Umfeldes angemessen und einfach.

Anbau statt Wetterbaum                                                                                                            Von Altstätten kommend erreicht die Reisende Ausserrhoden über den Stoss. Erstes Einbremsen. Unweit der Schlachtkapelle – zur Erinnerung an den legendären
Sieg der Appenzeller über die übermächtigen Truppen der Habsburger errichtet – liegt ein Gehöft wie aus dem Bilderbuch. Die beschriebenen Attribute alle da und nachvollziehbar, die Idylle wirkt. Eine junge Nichtbäuerin geniesst die Spätsommersonne vor dem Haus. Zweihundert Meter weiter ein Haus gleicher Typologie – doch welcher Unterschied! Der Wetterbaum ist einem niedrigen Anbau mit grossen Fensterflächen gewichen, die ebene Terrasse ermöglicht ein Mauerwerk aus grossen Bruchsteinen, eine mächtige Blautanne setzt südseitig einen Akzent abseits des lokalen Kolorits. Fehlt nur noch die Thujahecke, hinter der sich die Bewohner verschanzen können. Verfremdung? Entfremdung? Was mit der Fehlinter- pretation von historischer Bausubstanz beginnt, endet meist im Unverständnis für Gelände, Materialien und Bepflanzung.
Der Leitfaden des Raumplanungsamtes liefert hierzu nicht nur anschauliche grafische Illustrationen, sondern bebildert das Beschriebene auch mit Fotografien von  Beispielen. Einfach und verständlich erläutert das Diagramm die Skala von plus bis
minus. So einfach, dass man sich wünschte, dies wäre auch Gegenstand von  kultureller Bildung an heimischen Schulen und würde potenziellen Bauherren zuteil. Die Hoffnung ist gross, dass viele dieser Häuser neuen Nutzungen zugeführt werden und revitalisiert für weitere Generationen erhalten blieben. Denn was sich in den Siedlungsräumen an Neuem türmt, kann sich oft nicht mit der Einfachheit und inneren Logik messen, welche den typischen Appenzeller Häusern innewohnt.

Leicht und unaufdringlich
Offensichtlich werden Neubauten, Einfamilienhäuser wie Wohnüberbauungen, von anderen Bildern geprägt, spiegeln diese nicht mehr die verschränkte Beziehung von Mensch und Natur wider, wie sie beim Landwirt und seinemHof zu erkennen ist. Heute wird oft Hand angelegt am Terrain, am gemauerten Cheminée, der Umfrie- dungsmauer aus Granit und den Pflanztrögen mit Koniferen.
Hier verweist die Broschüre die allzu Gestaltungsfreudigen auf die Leichtigkeit und Unaufdringlichkeit von mobilem Garteninventar wie stapel- und klappbaren Sitzmöbeln aus Holz und einfachen Sonnenschirmen, die bei Bedarf aufgerichtet  werden. Wird eine befestigte Terrasse gewünscht, lässt sich diese auch in Holz ausführen oder tut der gekieste Rangierplatz vor dem Haus seinen Dienst. Selbstver- ständnis statt Selbstverwirklichung.
Die von Roman Häne für das Raumplanungsamt des Kantons Appenzell Ausserrhoden verfassten Anleitungen zur verträglichen Umgebungsgestaltung beschränken sich nicht nur auf diesen Haustypus. Genauso gut liessen sich diese in Innerrhoden und im Toggenburg anwenden. Ist zu hoffen, dass das Heft inmöglichst vielen Amtsstuben der Ostschweiz in die Hände von Bauwilligen gerät, um das gängige Baumarkt-Do-ityourself-Bild ein wenig zu korrigieren. Denn weniger ist auch hier viel mehr.

Neuer Geist im alten Kleid

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Durch eine sorgfältige Sanierung konnte die St. Galler Primarschule Feldli für heutige Anforderungen ausgerüstet werden und ihren ursprünglichen Charakter dennoch bewahren.

 

15. August 2013 von Gerhard Mack

 

Die Primarschule Feldli ist ein Juwel: Mitten im St.Galler Sömmerli- Quartier bietet sie eine Oase des kreativen Lernens. Vier längliche Riegel lagern sich schützend um einen Hof wie die Häuser eines Dorfes um den zentralen Platz. Der Haupttrakt nach Norden, etwas tiefer zwei Quader nachWesten und Osten. Und weiter unten als südliche Begrenzung des Hofes die Turnhalle und der Kindergarten. Jeder Trakt hat seinen eigenen Charakter, alle sind sie in denselben klaren Formen aus wenigen Materialien gebaut. Die Querwände sind aus Backstein, dazwischen ziehen sich Bänder aus Betonbrüstungen und Fenstern. Die schmalen weissen Holzrahmen verströmen mit dem Rot der Mauern unbeschwerte Heiterkeit. Die flachen Dächer und die verglasten Zugangstreppen lassen eher an sommerliche Pavillons als an Schulbauten denken. Hier hört man morgens Kinder lachen.

Jedem Schulzweig sein Gebäude
Dass die Kinder dieses Idyll heute erleben können, verdankt sich einer ungewöhnlichen Entscheidung und der Hartnäckigkeit eines Architekten. Denn die Schule war in die Jahre gekommen. Sie wurde 1957 eröffnet und entsprach längst nicht mehr dem, was heute von einer solchen Anlage erwartet wird: Lehrpläne erfordern Gruppenräume, die Schule muss behindertengerecht und technisch auf  dem neusten Stand sein. Beim Energieverbrauch erwartet die Stadt die Erfüllung des Minergie-Labels, und Erdbebensicherheit sollte ebenfalls nach heutigen Massgaben gewährleistet sein. Eine Sanierung in den Neunzigerjahren hatte manches eher verschlimmert als verbessert. Also vergab die Stadt St. Gallen Mitte der Nullerjahre Studienaufträge für eine grundsätzliche Erneuerung der Anlage.
Dabei war der Bauherrin die baugeschichtliche Bedeutung der Schule bekannt. Sie sollte ins Inventar der schützenswerten Bauten der Stadt St. Gallen aufgenommen werden. Nicht nur, weil der Architekt ein St. Galler war. Eduardo Del Fabro war in der ganzen Schweiz ein wichtiger Vertreter des Neuen Bauens, der sich bald auf den Schulhausbau mittels niedriger Pavillons spezialisierte, wie sie für die 1950er Jahre typisch waren: Im Feldli erhielt jeder Schulzweig sein eigenes Gebäude, die Kinder konnten ihre ersten 15 Lebensjahre als einen Umzug von einem Gebäude ins nächste erleben. Die Bauten waren wie Lebensstationen.

Bestehende Räume neu nutzen
Als einziges Büro des Wettbewerbs schlug der St. Galler Andy Senn 2006 vor, den erweiterten Raumbedarf in den bestehenden Räumen und die gestiegenen technischen Anforderungen unter Erhaltung der historischen Substanz der Anlage zu erfüllen. Dass die Jury sich für ihn entschied, kam einem Manifest gleich: In der Stadt mit dem Weltkulturerbe Stiftsbezirk wurde die Erhaltung eines baugeschichtlichen Zeugnisses der Moderne so ernst genommen, dass man versuchen wollte, die notwendige technische Aufdatierung in der ursprünglichen Struktur durchzuführen.
Möglich gemacht wurde das durch einen unvoreingenommenen Blick auf das Potenzial des Gebäudes und die Anforderungen der Bauherrin. Das begann beim Raumprogramm. Warum muss man einen erhöhten Raumbedarf mit Neubauten befriedigen? Könnte man nicht auch die bestehenden Räume neu nutzen? fragte Andy Senn und fand eine Fülle von Möglichkeiten: So wurde die ehemalige Schulküche in eine Aula umfunktioniert, aus dem Andachtsraum wurde eine helle Bibliothek. In der alten Hauswartwohnung hat die Schulleitung ihre Räume  gefunden.Wo einmal neben dem Eingang zum Nordtrakt der Hort war, haben heute die Lehrer ihr Zimmer. Und vor allem sind die Gruppenräume multifunktional benutzbar.

Isolierglas statt Doppelglas
Diese konzeptuelle Neuausrichtung bewährt sich nicht nur heute, wo auch die Feldli-Primarschule einen Schülerschwund zu beklagen hat. Sie erleichterte vor allem den Umgang mit der historischen Bausubstanz bei der technischen Aufrüstung der Anlage. Minergie-Standard war seitens der Stadt Voraussetzung, Andy Senn erreichte die Drosselung des Energieverbrauchs aber auf eigene Weise. Minergie ist ein privates Label der Bauwirtschaft, das den Verkauf von Dämmprodukten und heiz- technischen Anlagen fördert und dort die Stimmigkeit von Bauten zerstört, wo seine Verfahren ohne Bezug zum spezifischen Ort reflexhaft angewendet werden. Eine der Qualitäten der Sanierung der Feldli-Schule ist es, dass sie vorführt, wie man durch einen Dialog mit dem spezifischen Gebäude auf andere Weise genauso gut Energie sparen kann. Statt die Glasfronten durch dicke Kunststoff- oder Metallrahmen zu ruinieren, liess Senn die inneren Scheiben der Doppelverglasung durch Isolierglas ersetzen und von Schreinern fachgerecht einfügen. Die äussere Schicht blieb erhalten und bewahrt mit ihrem gezogenen Verlauf die Gebäude vor der blauen Spiegelung heutigen Glases. Zur Einsparung von 50 Prozent des Energieaufwandes trugen ebenso die Isolierung der Fensterbrüstungen und Flachdachdecken bei. Die Lüftung, die das Minergielabel zwingend vorschreibt, ohne dass ihr Sinn erwiesen ist, wurde in bestehende Einbau- möbel integriert.

Statischer Verbund
Die technische Aufrüstung der Schulräume gelang ohne Veränderung des Gesamt- eindrucks. Sogar Lifte liessen sich einbauen. Am spektakulärsten ist sicherlich der Eingriff zur Erhöhung der Erdbebensicherheit im Westtrakt, dessen Decken an vier Stellen auf unverbundenen Querwänden aufliegen. Statt nun Fensterbänder zuzubetonieren, wie dies ein Statiker vorgeschlagen hatte, entwickelte der Ingenieur Jürg Conzett ein System aus zwei vertikalen Betonplatten an der äusseren Stirnseite, Betonzügen im Keller und Verbindungen zwischen Wänden und Decken in den  betroffenen Schulzimmern. So entstand ein statischer Verbund, der die Kräfte auch bei maximaler Erschütterung ableitet. Diese Verbindungsstücke sind vom Künstler
Michel Pfister als schuhartige Objekte gestaltet. Eine beispielhafte Verbindung von Ingenieurstechnik und Kunst am Bau!

Aufgefrischt und ergänzt
Sensibilität für das Gebäude äussert sich auch im Materialbewusstsein: Wo Back- steine ausgewechselt werden mussten, wurden solche mit ähnlicher Lebendigkeit
verwendet. Vorhandenes Mobiliar hat man ebenso aufgefrischt und ergänzt wie die Türblätter mit ihrer einzigartigen Beschichtung, wie Garderoben und Brünneli, Terrazo-Böden und Pavatex-Deckenverkleidungen in den Treppenaufgängen. Die Beleuchtung ist mit neu entwickelten Punktlichtern an den ursprünglichen Zustand angenähert. Die Turnhalle erhielt ihre Südwand aus Glasbausteinen und klappbaren Holzfenstern zurück, die in den Neunzigerjahren durch zeitfremde Materialien ersetzt worden waren. Subtiler, überzeugender kann ein Manifest für sachgerechten Umgang mit historischen Bauten nicht werben.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Kultiviert, klug und leise

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Der Trutg dil Flem verbindet das Dorf Flims mit dem Segnespass. Mit Können und Gespür hat Jürg Conzett in die Natur eingegriffen und im Verlauf des Wanderwegs sieben Brücken gesetzt. Ingenieurskunst und Landschaft ergänzen sich in faszinierender Weise.

 

7. Juli 2013 von Marina Hämmerle

Was hat Peter Maffay mit Baukultur zu schaffen? Er besingt etwas, das oberhalb von Flims Wirklichkeit wurde: sieben Brücken zu begehen.
Denn sieben neue Brücken verbinden den Weg von der Talstation der Bergbahnen bis hinauf zum oberen Segnesboden. Dass der Wanderweg nach über fünf Jahren Planung erfolgreich umgesetzt werden konnte, ist ein paar Schlüsselpersonen zu verdanken. Wäre nicht Guido Casty in seiner Funktion als Gemeinderat für den Tourismus zuständig gewesen, fehlte der Impulsgeber. Als Wirt in dritter Generation weiss er nur zu gut um die Bedeutung exklusiver touristischer Anziehungskräfte. Was also könnte das Profil einer Gemeinde schärfen, die ihr Sommergeschäft wieder in Gang bringen möchte? Wie lösen sich die Konflikte zwischen waghalsigen Mountainbikern und Musse suchenden Bergwanderern? Und wie lässt sich der in Flims nach wie vor gepflegte diskrete Charme in einem neuen touristischen Konzept erkennen?

Die Landschaft als Kapital
Die Zauberformel lag darin, die bestehenden Gebirgsrouten zu entflechten und den vielfältigen, teils spektakulären Landschaftsraum entlang der Flem zu erschliessen. Was vormals Jägern und Ortskundigen vorbehalten war, sollte nun auch wandernde Gäste und interessierte Ansässigen erbauen. Wertschätzung für die Natur prägt diese Vision von Guido Casty und einigen Mitstreitern, die er alsbald im Gemeinderat und in Flimser Bürgerinnen und Bürgern gefunden hatte, und die Erkenntnis, dass im Landschaftsraum das wahre Kapital von Flims liegt und zukunftsträchtiger Tourismus dies zum Inhalt hat. Postuliert der Architekt Luigi Snozzi seine Liebe zur Stadt mit dem Aphorismus «Jeder bauliche Eingriff bedingt eine Zerstörung: Zerstöre mit Verstand!», so gilt dies doppelt und dreifach für das Bauen in der Landschaft, das Bauen in den Alpen.
Beim Bau des Wasserwegs und seinen sieben Brücken über den Flem, walteten Achtsamkeit und Angemessenheit. Womit der zweite Protagonist ins Blickfeld rückt: Der Ingenieur Jürg Conzett. Anfänglich wollte der gestaltungssinnige Gemeinderat Casty den in Flims ansässigen Valerio Olgiati für die Brücken gewinnen; dieser verwies ihn jedoch auf Jürg Conzett, welcher bei der Architekturbiennale 2011 in Venedig als Aushängeschild schweizerischer Ingenieurskunst sein umfangreiches Oeuvre auf diesem Gebiet ausbreiten konnte. Überzeugungsarbeit für die Bauaufgabe musste beim Planer keine geleistet werden, galt es doch, gemeinsam einen Schatz zu heben.
Bleiben wir bei Snozzi, so kommt noch die Lesart des Ortes ins Spiel. Diese Fähigkeit haben Conzett und sein in Chur ansässiges Büro schon mehrfach unter Beweis gestellt, wie beim Traversina-Steg oder der Punt da Suransuns. «Die Hauptsache ist der Weg, die Brücken sind nur das Tüpfelchen auf dem i», sagt Jürg Conzett bescheiden. Schliesslich sind rund 75 Prozent des Weges neu gelegt und bedurften unzähliger gemeinsamer, aufwendiger Erkundungen und Begehungen.

Inszenierter Weg
Der spektakuläre Naturraum entlang der Flem ist einem gewaltigen Felssturz vor 12000 Jahren geschuldet. So wie der Rhein bahnte sich der Flem seinen Weg durch die Geröllhalden und schwemmte mit der unbändigen Kraft des Schmelzwassers Räume von berückender Schönheit aus dem Fels.
Tastend entlang der Kante, durch tiefe Einschnitte und während der Schneeschmelze von Gischt und Getöse gezeichnete Schluchten führt der Weg auch über sanfte, blumengespickte Wiesen, phonetisch zwischen Fortissimo und Piano oszillierend. Das Alltägliche wird weit hinter sich gelassen, entführt der Weg denn in märchenhafte Abschnitte, besonders wenn man ihn von der Talstation her geht. Die Inszenierung des Weges birgt dramaturgische Qualität, der unruhige zeitgenössische Geist kann sich etliche Höhenmeter und sechzig Minuten lang einstimmen auf die erste Brücke von Jürg Conzett.
Eine einfache Holzkonstruktion ruht auf zwei wohlfeil proportionierten, mit ein paar Stufen versehenen Betonblöcken. Die Wangen aus Föhre, der Steg aus Lärche, die Verbindungen logisch gestaltet, bar jeder Koketterie.
Hebt man den Blick in die Klamm, bleibt er hängen an der gischtumschäumten nächsten Brücke. Dazwischen ein paar in der Schlucht verkeilte Baumstämme, durch das Eigengewicht durchhängend und zerzaust beastet. Vice versa dazu überspannt der zweite Steg in leicht überhöhtem Bogen die achtzehn Meter, welche es hier zu überbrücken gilt.Obenliegende Zugbänder aus Stahl pressen den im Bogen geschlichteten und vermörtelten Valser Gneis zur Form, das filigrane Stahlgeländer tauscht sich aus mit den kahlen, feinen Ästen der umgestürzten Bäume. Rechts und links einer herzförmigen Felsformation ergiesst sich mit unbändiger Kraft der Flem, um lärmend und tosend  unter dem staunenden Wanderer sich hinab zu werfen. Die Synthese aus Architektur, Natur und Technik schwingt im Dreiklang und lässt den Betrachter staunen ob der Schöpfung und des Menschen Fähigkeiten.

An Eleganz kaum zu übertreffen
Es folgen noch drei Holzbrücken ähnlicher Denkart, abgestimmt auf den Ort und den statischen Anforderungen entsprechend verfeinert: Bekommt der Holzkorpus zum einen teleskopartige Streben zur Aussteifung, knickt er zum anderen seine Ausrichtung mitten im Flussbett, um auf den vorhandenen Pfeiler einer eingestürzten Brücke zu reagieren. So schlägt auch der Weg noch ein paar Kapriolen, wechselt die Seiten und die Naturräume und lässt die vielen Höhenmeter stetig und kurzweilig dahinschmelzen. Noch einmal ein Crescendo der Wahrnehmung, wenn der Baukünstler den Gang über eine Reihe von höhlenartigen Auswaschungen mit einer Brücke ermöglicht, die an Feinheit und Eleganz kaum zu übertreffen ist. Das Hinunter und Hinauf im Stegverlauf wird durch die gekröpften Flachstahlprofile und die schmale Planke in Beton zum zeichenhaften Symbol für einen bewussten Übergang. Abschliessend führt der Weg etwas unsicher über einen künstlichen Betonstein elliptischen Zuschnitts, wenig beschürzt durch den einläufigen Holm, und bringt noch eine unerwartete Facette ins Spiel. Auf die Frage nach seiner Lieblingsbrücke, lächelt Jürg Conzett milde, begleitet von einer fast unmerklichen,  verneinenden Kopfbewegung. Eine Lieblingsbrücke habe er keine, denn das Ganze sei schliesslich ein System.

Bilder: Wilfried Dechau ©wilfried-dechau.de

Ein neues Kulturquartier für St.Gallen

  • GBO 2013 HB Nord SG
  • GBO 2013 HB Nord SG
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Mit Lokremise und neuer Fachhochschule sind im Stadtteil hinter dem St. Galler Hauptbahnhof zwei Schwerpunkte gesetzt. Die Neugestaltung des Bahnhofplatzes eröffnet die Chance, die Geleise als Spiegelachse statt als trennendes Element zu nutzen.

 

11. Juni 2013 von Gerhard Mack

 

ORT. Es war eine mutige Entscheidung: Als die historische Lokremise hinter dem Hauptbahnhof St.Gallen zur Nutzung frei wurde, entschied Regierungsrätin Kathrin Hilber als Vorsteherin des Departements des Innern, dass der Kanton sie für kulturelle Zwecke erwerben sollte. Zuvor hatte die Galerie Hauser & Wirth den Rundbau ab 1999 gemietet und bis 2004 für Ausstellungen internationaler Künstler genutzt.

In dieser Zeit konnten Besucher erleben, welche Raumqualitäten das zuvor der  Öffentlichkeit nicht zugängliche Gebäude im Innern entfaltet. Es war nicht nur der Groove eines alten, vor sich hin dämmernden Gemäuers, das bis 1911 als ein Pionierbau der Bahninfrastruktur errichtet wurde. Vielmehr bot die 6,5 Meter hohe Halle des grössten erhaltenen Ringdepots der Schweiz einen ungewöhnlichem Zuschnitt und besondere Lichtverhältnisse. Ein Badhaus und ein Wasserturm ergänzten die Lokremise zum Ensemble.

Mehrsparten-Zentrum

Das Projekt des Kantons zur Sanierung dieses Ensembles, das 2008 erfolgreich zur Abstimmung kam, sah vor, den 3000 Quadratmeter grossen Raum für mehrere Nutzungen zugänglich zu machen und nach den jeweiligen Bedürfnissen zu unterteilen. Dabei sollte die originale Atmosphäre der Lokremise soweit erhalten bleiben, wie es die Anforderungen erlaubten. Die architektonische Gestaltung übernahm das Zürcher Büro Isa Stürm & UrsWolff.

Im Zentrum sollte ein Restaurant die Besucher empfangen. Von hier aus konnten diese zum Spielbereich des Stadttheaters, zum Vorführraum des KinoK oder zur Ausstellungsfläche des Kunstmuseums gelangen. Drei zentrale Kulturformen sollten ein attraktives Mehrsparten-Zentrum schaffen, das in die ganze Ostschweiz ausstrahlt. Wie gut das gelungen ist, wissen die jährlich 165000 Besucher der Lokremise.

Stadttor West fehlt

Was das Projekt so zukunftweisend macht, ist aber nicht nur, dass es ein einmaliges Bauwerk für die Zukunft gerettet hat und in sich selbst stimmig ist. Wegweisend ist vielmehr der Impuls, den der Kanton damit für die Entwicklung des Areals auf der Nordseite des St.Galler Hauptbahnhofs gegeben hat. Das Gebiet hat historisch einen schweren Stand: Es ist die Rückseite des Bahnhofplatzes, der mit seinem Ensemble aus den beiden Bahnhöfen und der Post in der Schweiz ein baukünstlerisches Erbe ersten Ranges darstellt. Die Epoche der Stickerei-Zeit, die Schweizer Ausprägung des Jugendstils lassen sich an kaum einem Ort besser erleben als auf diesem Platz. Während hundert Jahre lang den Besuchern diese Visitenkarte der Stadt präsentiert wurde, hat man sich um das, was hinter den Geleisen passierte, nicht wirklich bemüht.

Dort lag ein Hinterhof im doppelten Sinne, wenn man an die Rosenberg- und die St. Leonhardstrasse denkt: Deren Bebauung zeigte zwar den Geist repräsentativer Bürgerlichkeit, sie wirkte aber wenig auf das Gelände zum Bahnhof zurück. Heute ist die Rosenbergstrasse eine Erschliessungsschneise für den Autoverkehr in Ost-West-Richtung. Die Leopard genannte Büroüberbauung zwischen St.Leonhardbrücke und Kreuzung Rosenbergstrasse erfüllt in keiner Weise die Aufgabe eines Stadttors am westlichen Eingang zur Innenstadt.

Konzept entwickeln

Der Ankauf der Lokremise durch den Kanton und ihre kulturelle Nutzung waren ein erster Fingerzeig für ein neues Bewusstsein, das aus diesem Niemandsland einen öffentlichen Ort für die Bürgerinnen und Bürger machen wollte. Hier, mitten in der Stadt, stellte bisher einzig der Hogar Espanol ein gesellschaftliches Angebot zur Verfügung. Dabei ist das Potenzial des Ortes ungleich grösser: Die unmittelbare Anbindung an den Fernverkehr erlaubt es, grosse Personenmengen unkompliziert heranzubringen. Die Nähe der Busse garantiert eine einfache Erschliessung von Stadt und Agglomeration. Genutzt hat diese vorteilhafte Lage erneut der Kanton, als er beschloss, die Bereiche der Fachhochschule hier zu konzentrieren. 3000 Studierende und viele Angestellte kommen täglich hierher und beleben eine bisherige  Schattenzone der Stadt.

Man mag nun einwenden, dass der gut 123 Millionen teure Bau von Giuliani-Hönger Architekten aus Zürich als solcher seine Qualitäten vor allem nach innen entfaltet, während er nach aussen mit dem breiten fünfgeschossigen Leib und einem leicht gedrehten Turm eher abweisend wirkt: Er drängt in die Breite und bietet in die Höhe keine attraktive Fassade, die mit dem Rathausturm auf der anderen Seite des Bahnhofs in einen lebendigen Dialog treten würde.

Gewiss hätte sich durch die Gestaltung des Erdgeschosses mit Shops und weiteren gastronomischen Angeboten die Rosenbergstrasse deutlicher als öffentlicher Raum animieren lassen. Man sollte solche Einwände aber nicht überbewerten.  Entscheidend ist, dass es hier gelungen ist, einen zentrumsnahen Raum für eine öffentliche Nutzung zu retten.

Das derzeit freie Gelände gehört ebenfalls dem Kanton. Er hat es auf zwanzig Jahre den SBB für einen Park & Ride Parkplatz vermietet. Das ist zum heutigen Zeitpunkt vielleicht sinnvoll, es bietet aber auch Raum für weitere Entwicklungen. Voraussetzung dafür ist, dass die öffentliche Hand, der Kanton und die Stadt, ein Konzept für das gesamte Areal entwickeln und die öffentlichen Räume definieren, bevor man die Unterstützung privater Investoren sucht.

Spiegeln statt trennen

Wird dies versäumt, muss man herbe Verluste hinnehmen, wie es bei der Villa Wiesental geschehen ist. Das historisch schuüzenswerte Gebäude an der Kreuzung Rosenbergstrasse und St. Leonhardstrasse wurde dem Zerfall überlassen, bis es nicht mehr zu retten war. Die Parzelle soll nun mit dem Investorenobjekt «Stadtkrone» der Londoner Architekten Caruso St. John überbaut werden.

Nichts gegen privates Engagement bei der baulichen Gestaltung der Stadt! Ohne dieses geht es nicht. Es findet aber erst dann seine sinnvolle Rolle, wenn die öffentliche Planung vorausgeht und Parameter fürs Gemeinwesen setzt.

Dazu wäre es bei der weiteren Überbauung des HB Nord erforderlich, das Areal in einem grösseren Zusammenhang mit dem Bahnhofplatz zu denken. Die Geleise, die üblicherweise als Trennung erfahren werden, könnten zur Spiegelachse werden. Das historische Bauensemble würde seinen Widerhall in einer hochwertigen Architektur auf der anderen Seite finden.

Der Bahnhofplatz erhält durch einen gestalteten öffentlichen Raum auf der anderen Seite ein Pendant, das sowohl Fachhochschüler wie auch Stadt-Besucher mit attraktiven Angeboten zum Verweilen einlädt. Er könnte eine andere City Lounge werden, die zwischen der Lokremise und der Fachhochschule vermittelt. Vielleicht mit weiteren Restaurants und Bars, aber auch mit Geschäften, die ein Publikum anlocken, das nicht mit der Fachhochschule verquickt ist.

HB als Kulturbahnhof

Auf der Bahnhofseite könnte die Unterbringung der Bibliotheken im historischen Postgebäude ein Echo auf die Fachhochschule herstellen. Zwei Wissensinstitutionen
fassen den Bahnhof wie edles Geschmeide eine kostbare Brosche und machen erst noch dem Anreisenden deutlich, wie sehr sich St.Gallen als Wissensstadt versteht. Ein Klein-Harvard zwischen dem Alpstein und dem Bodensee.

Der Bahnhof St.Gallen wäre nicht nur ein Scharnier zwischen Fern- und Ortsverkehr. Er würde vielmehr auch zu einer Art Kulturbahnhof, der die Altstadt und den Stadtpark mit seinen Museen und Spielstätten entlastet. Die Stadt St.Gallen erhielte eine kulturelle Doppelachse, welche dem Siedlungsband von Ost nachWest eine Balance geben könnte.

Bilder: Hanspeter Schiess