Architektur Forum Ostschweiz

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Auf Zeit – Konserviert

Daniel Niggli, EM2N Architekten, Zürich / Julia Lütolf, Konservatorin, Werkstoffarchiv, St. Gallen / Cornel Dora, Stiftsbibliothekar, St. Gallen / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 30. September 2019, 19.30 Uhr im Forum

André Corboz führt mit dem aus der Welt der Schrift entstammenden Wort des Palimpsests einen konzeptionellen Begriff ein, der das Territorium (und die Stadt oder das Haus) mit einem im Laufe der Zeit mehrfach überschriebenen Manuskript vergleicht. Die Stadt wird dabei zu einem Ort des kollektiven Gedächtnisses, wo sich Ereignisse und Artefakte in Schichten übereinanderlagern. Es existiert ein  permanenter Zustand der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart. Wahrscheinlich scheiterten Teile der Moderne nicht zuletzt an ihrer Unfähigkeit, diese Synchronizität zuzulassen. Das moderne Konzept der Tabula rasa führt lediglich zu einem Nacheinander, einem «Entweder-oder». Dem Wesen des Palimpsests und der Stadt dagegen liegt eine inkrementelle Logik zugrunde: ein Neben- und  Übereinander oder «Sowohl-als-auch». Die Überformung und Umnutzung bestehender Bausubstanz ist so alt wie das Bauen selber. Mit jedem neuen Bauwerk wird quasi bereits der Grundstein seiner potenziellen späteren Transformation gelegt. Neben der kulturellen Bedeutung von Häusern als Zeugen und Identitätsträger ihrer Zeit stellt ihre Bausubstanz jedoch auch einen ökologischen und  ökonomischen Wert an sich dar. Die Auseinandersetzung mit bestehender Bausubstanz geht also weit über denkmalpflegerische Fragen hinaus und berührt vielfältige Fragen des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen.
Einige der bemerkenswertesten Bauten in der Geschichte der Architektur sind Umbauprojekte. Der Reiz dieser Entwürfe besteht in der gleichzeitigen Präsenz unterschiedlicher Zeitschichten, seien diese nun komplett verschliffen oder dialektisch ausdifferenziert. In jedem Fall stellt sich das Bestehende dem Neuen als Widerstand entgegen, der zu einer produktiven Auseinandersetzung zwingt. Oft ermöglicht erst dieser Widerstand unorthodoxe, unkonventionelle und radikale räumliche Konzepte. Im besten Fall können wir erfolgreiche Umbauten sogar als neue Typologien, also Prototypologien begreifen, die uns als
Denkmodelle für Neubauten dienen können.

EM2N

Werkstoffarchiv

Stiftsbibliothek St. Gallen

Einladungskarte SEPT OKT 2019

Bildnachweise: Atelier Kanal / Roger Frei