Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: September 2022

Blütezeit im ehemaligen Kloster St. Katharinental

Die Klinik St.Katharinental erneuert ihre Gartenanlagen. Längst verwischte Spuren der Vergangenheit werden dabei wieder freigelegt, und der ehemalige Klosterhof wird als Therapiegarten für die Patient*innen wiederbelebt.

29.09.2022 von Daniela Meyer

Ist in der Schweiz von Denkmalschutz die Rede, denken wir in erster Linie an Baudenkmäler. Der Begriff Gartendenkmalpflege existiert zwar, doch Tatsache ist, dass bisher nur wenige Gärten in die Inventare der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte aufgenommen und damit als Grünräume oder Rückzugsorte gesichert wurden. Erst vor wenigen Jahren haben einzelne Kantone und Gemeinden damit begonnen, Garteninventare zu erstellen. Im Thurgau kennt man eine solche Praxis bisher nicht. Dennoch haben das kantonale Hochbauamt und die Denkmalpflege erkannt, dass den Freiräumen des ehemaligen Klosters St. Katharinental in Diessenhofen eine besondere Bedeutung zukommt.

Gerade beim Bautyp Kloster spielten die verschiedenen Nutz- und Ziergärten stets eine wichtige Rolle innerhalb der Gesamtkomposition. Doch meist sind nur die Gebäude erhalten geblieben, während die Gärten umgestaltet, zu Parkplätzen umgenutzt oder gar überbaut wurden. Exemplarisch für diese Transformation steht das am Rhein gelegene Kloster St. Katharinental. Mit der 1848 im Kanton Thurgau beschlossenen Aufhebung der Klöster ging die barocke Anlage, deren Anfänge bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen, in den Besitz des Kantons über. Rund zwanzig Jahre später brachte dieser ein sogenanntes Kranken- und Greisenasyl darin unter. Dabei hat sich insbesondere der Klosterhof verändert. Die zuvor in einen Friedhof und einen Kreuzgarten zweigeteilte Struktur wurde aufgehoben. An ihre Stelle trat ein kasernenartiger Platz, bestückt mit Platanen. Die weiteren Freiräume, die das ehemalige Konventgeviert umgaben, wurden mit einfachen Mitteln den neuen Bedürfnissen angepasst, ohne dabei strukturelle Veränderungen vorzunehmen. Erst mit dem Umbau des Klosters zu einem Alters- und Pflegeheim in den 1970er-Jahren fanden tiefgreifende Eingriffe statt. Asphaltierte Zufahrten und zahlreiche Parkplätze sollten das Gelände den Autos zugänglich machen. Seit 1993 befindet sich eine Rehabilitationsklinik auf dem historischen Gelände. Deren Entwicklungspläne veranlassten das Hochbauamt 2017 dazu, einen Landschaftsarchitekten beizuziehen und ein Parkpflegewerk erstellen zu lassen. Dieses fungiert als Leitbild für die Weiterentwicklung der Aussenräume und hält zudem fest, wie diese in der Praxis gepflegt werden sollen.

Historische Struktur mit zeitgemässen Mitteln aufleben lassen

Erarbeitet wurde das Parkpflegewerk von Johannes Stoffler und seinem Team (SMS Landschafsarchitektur, Zürich). Zuerst musste er sich einen Überblick verschaffen, welche Eingriffe über all die Jahre vorgenommen wurden und welche Elemente dabei erhalten blieben. Dabei zeigte sich, dass die barocke Prägung der Freiräume und die räumliche Struktur, wie sie zu Zeiten des Klosters angelegt wurde, noch erkennbar waren. Die vorhandenen Pflanzen hingegen boten kaum mehr Anknüpfungspunkte an die Vergangenheit. Längst mussten die Nutzbeete und Ziergärten pflegeleichten Rasenflächen und Sträuchern weichen. Dies soll sich nun schrittweise wieder ändern. Ihren Anfang nimmt die Umsetzung des Parkpflegewerks im Zentrum der Anlage, im Hof des dreigeschossigen Klosters.

Wer durch die dicken Mauern in den Hof tritt, erkennt zwei Bereiche: Einen üppig bepflanzten Garten auf der einen Seite, ein grünes Rasenfeld auf der anderen. Darin steht eine mächtige Platane, die unweigerlich den Blick auf sich zieht. Es ist der einzige Baum, der seit der Zeit des Krankenasyls erhalten geblieben ist und somit etwa 150 Jahre alt sein dürfte. Beim Durchschreiten des Hofes knirscht der Sand der chaussierten Wege unter den Schuhsohlen. Ein Schritt auf das weiche Rasenfeld und es wird still. Ins Gras eingelassene Sandsteinplatten bilden ein abstraktes Muster und wecken Assoziationen zu Grabtafeln. Tatsächlich befand sich in der östlichen Hälfte des Klosterhofes einst der Friedhof. Eine Inschrift auf der grössten Platte erinnert daran, dass unter dieser Erde immer noch Klosterfrauen begraben liegen. Drei mehrstämmige Kornelkirschen machen aus dem ehemaligen Friedhof einen Obstgarten. Damit greifen die Landschaftsarchitekten eine Idee aus dem St. Galler Klosterplan auf und verweisen auf den Zyklus des ewigen Werdens und Vergehens.

Auch der Staudengarten in der westlichen Hofhälfte verändert sein Erscheinungsbild im Laufe der Jahreszeiten. Im Spätsommer blühen hier goldgelbe Rudbeckien, die ziegelrote Sonnenbraut und weisse Flammenblumen in den Farbtönen der Klosterfassaden. Blauer Salbei verströmt einen intensiven Duft. Die bunten Stauden und die filigranen Gräser, die sanft im Wind wiegen, reichen bis zur Brust. Zwischen den Pflanzen fällt ein hölzerner Handlauf einer kleinen Brücke auf. Doch Wasser gibt es hier keines. Die vier Treppenstufen und die sanft abfallende Rampe bilden eine Übungsstation für die Patient*innen der Rehaklinik. Der wild anmutende Garten ist nämlich gleichzeitig ein Therapiegarten, der im Klinikalltag eine wichtige Rolle spielt. Wer genau hinschaut, entdeckt zwischen den dicht bepflanzten Beeten geschwungene Wege, die aus verschiedenen Belägen bestehen: An die Steinplatten schliesst ein Rasenteppich an, gefolgt von ein paar Holzlatten. Hier wird das Gehen auf verschiedenen Oberflächen geübt. Ein Brunnen und zwei Sitzbänke laden danach zu einer Pause ein.

Lebendiges Denkmal

Der kreuzförmig angelegte Garten greift eine alte Geometrie auf, die nur noch auf Plänen zu finden war. Die Tatsache, dass hier von den ursprünglich durch die Nonnen angelegten Gärten kaum mehr etwas übrig war, bot den Landschaftsarchitekten einen grossen Interpretationsspielraum bei der Entwicklung des Parkpflegewerks und der Neugestaltung des Hofes. Basierend auf einer fundierten Analyse der Gesamtanlage ist so in einem ersten Schritt ein attraktiver Aussenraum für Therapie und Erholung entstanden. Egal, ob es sich um ein Gebäude oder einen Garten handelt: Im Umgang mit Denkmälern gilt es einen Weg zu finden, um einerseits an die Vergangenheit zu erinnern und andererseits auf heutige Bedürfnisse einzugehen. Nur wenn es gelingt, dass Denkmäler weiterhin eine bedeutende Rolle in unserem Alltag spielen, bleiben diese lebendig und können von ihrer Geschichte erzählen – so wie dies der Klosterhof im St. Katharinental tut.

Bilder: Hanspeter Schiess

abgesagt: Impulse – Normalität

Harry Gugger, Architekt, Basel / Franz Romero, Architekt, Zürich / Moderation Susanne Brauer, Philosophin, Zürich

abgesagt: Mo 26. September 2022

Der Anlass fällt wegen kurzfristiger Absage von Referent und Gast leider aus

 

Einführungsreferat von Harry Gugger, anschliessend Podiumsdiskussion mit Harry Gugger und Franz Romero, moderiert durch Susanne Brauer

Die Soziologie bezeichnet Normalität als das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Sollte dieses Auffassung von Normalität nicht auch für Städtebau und Architektur gelten, und sollten also Städtebau und Architektur idealerweise nicht selbstverständlich wirken und ohne Erklärung auskommen? Weshalb aber wird dann der Begriff Normalität in der Architekturdebatte kaum diskutiert?

Das lässt sich vielleicht mit dem utilitaristischen Wesen unserer Domäne erklären. Man denkt bei Normalität sofort an die vielen Normen, die unserer Tätigkeit zunehmend regulieren. Wenn aber die ästhetische Dimension diskutiert wird, spricht man lieber von Schlichtheit und Einfachheit als von Normalität.

Zwei bedeutende Publikationen machen einen Ausnahme. Die Textsammlung «Radikal Normal» von Vittorio Lampugnani und der «Katalog Super Normal» von Naoto Fukasawa & Jasper Morrison zur gleichnamigen, von ihnen kuratierten Ausstellung. Mit Bezugnahme auf die in diesen Publikationen etablierte Begrifflichkeit und auf einige Projekte wird das Verständnis von Normalität in der Arbeit von Harry Gugger Studio vorgestellt.

 

Harry Gugger Studio

Bildnachweis: Harry Gugger

Einladungskarte September Oktober

ArchitekTour

Marseille / Côte d’Azur

Mi 21. September – So 25. September 2022

In Marseille und an der Côte d’Azur gibt es Architektur aus unterschiedlichen Zeiten zu entdecken. Marseille, die Stadt am  Mittelmeer ist die zweitgrösste Stadt Frankreichs und eine bedeutende europäische Hafenstadt. Im Zentrum der Stadt liegt  der «Vieux Port» mit alter und neuer Architektur.
Die Cité radieuse, die erste von Le Corbusier 1947–1952 verwirklichte Unité d’Habitation, die nach seinem Masssystem  «Modulor» entwickelt wurde, ist ein besonderer Programmpunkt unserer Exkursion und wir werden dort übernachten,  nachdem wir die erste Nacht im Kloster La Tourette bei Lyon verbringen und da bereits in die Moderne Le Corbusiers  eintauchen.
Als Gegensatz erleben wir dazu die Metropole Marseille. Sie war 2013 europäische Kulturhauptstadt. Einige Neubauten sind  aus diesem Anlass entstanden, u.a. ein Zentrum für zeitgenössische Kunst FRAC des japanischen Architekten Kengo Kuma,  das Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, Mu-CEM des französischen Architekten Rudy Ricciotti, und der Tower CMA CGM Headquarters von Zaha Hadid Architects.
Nach der Besichtigung Marseilles fahren wir entlang der Côte d’Azur bis Menton, fast an der italienischen Grenze, mit  weiteren Highlights, unter anderem die Villa E.1027 von Eileen Gray in Roquebrune-Cap-Martin, und schliessen das  Programm somit mit einer anderen «Perle der Moderne» ab.

Das Detailprogramm ist in Bearbeitung und wird den Teilnehmern bei der Abreise abgegeben. Teilnehmerzahl mind. 18, max. 24 Personen. Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt. Versicherung und ggf. Reiserücktrittsversicherung sind Sache des Teilnehmers. Änderungen bleiben vorbehalten.

Anmeldung
Die ArchitekTour ist ausgebucht

Bildnachweis: Christian Schaulin

Den Diamanten geschliffen – oder: Wie die Sanierung eines Baudenkmals ein Dorf aufblühen lässt

Volker Marterer und die Genossenschaft Alterswohnungen Linth haben dem mittelalterlichen Gebäudekomplex «Beuge» in Näfels zu neuem Glanz verholfen. Die Sanierung zeigt, dass altersgerechtes Wohnen in einem Baudenkmal möglich ist. Und sie erfüllt einen ganzen Ort mit Stolz.

15.09.2022 von Elias Baumgarten

Die Fassaden heruntergekommen und vom Verkehr verdreckt, die meisten Fensterläden und Storen zugezogen, auf dem kleinen Vorplatz Gestrüpp – als die Genossenschaft Alterswohnungen Linth (GAW) die Liegenschaft «Beuge» 2013 kaufte, deutete wenig darauf hin, welch Juwel sie erworben hatte. Und so war zunächst angedacht, die beiden miteinander verbundenen Häuser, das «Hauserhaus» im Süden und die «Beuge» im Norden, abzubrechen. Doch dann zeigte eine dendrochronologische Holzaltersbestimmung, dass die Anlage auf zwei gotische Wohntürme aus dem Jahr 1415 zurückgeht. Diese entstanden infolge der Schlacht bei Näfels von 1388. Erhaltene Schiessscharten zeugen noch von ihrem wehrhaften Charakter. Die «Beuge» erzählt die Geschichte von Näfels und des ganzen Glarnerlands, wie weitere Untersuchungen zeigen sollten: Mitte des 16. Jahrhunderts wurde um den nördlichen Turm, von dem bis heute drei Etagen erhalten sind, ein dreigeschossiges Wohnhaus gebaut. In den Jahren 1564 und 1565 entstand auch um den anderen Turm, von dem noch zwei Stockwerke vorhanden sind, ein Wohnhaus. Einige Dekaden später wurde das südliche Haus vergrössert und aufgestockt. In den Häusern wohnten reiche Patrizierfamilien, die zur Glarner Oberschicht gehörten. Die Bauten waren wichtige Orte des gesellschaftlichen Lebens. Im 17. Jahrhundert verband man sie miteinander, und das nördliche Haus erhielt eine Fassade im Stil des Barock. Während die historischen Fassaden in den 1950er-Jahren achtlos heruntergeschlagen wurden, blieb die wertvolle Substanz im Inneren, unter neueren Einbauten verborgen, bewahrt.

Alterswohnungen in einem Denkmalobjekt – eine utopische Idee?

Doch das Wissen um die geschichtliche Bedeutung stellte auch eine Herausforderung dar. Denn wie sollten 12 alters- und invalidengerechte Wohnungen sowie Gewerbeflächen in einem Baudenkmal Platz finden, das von einmaligem historischem Wert ist? Wie sollte man dabei heutigen Normen gerecht werden, etwa zum Brand- und Lärmschutz, und zeitgenössische Komfortansprüche befriedigen? Nachdem unter anderem das Zürcher Büro ruggero tropeano architekten im Auftrag der Denkmalpflege bereits eine Studie zur Nutzung der Häuser ausgearbeitet hatte, wurde 2018 Volker Marterer (DOM, Chur und Mollis) mit einer weiteren Konzeptstudie beauftragt. Sein Umbau des spätmittelalterlichen «Zwickyhauses» im benachbarten Mollis (2016–2018) hatte die Verantwortlichen der GAW überzeugt.

Marterers Konzept sah vor, die historische Substanz herauszuschälen und den barocken Charakter der Innenräume wiederherzustellen. Dafür wurden die Ein- und Anbauten aus dem 20. Jahrhundert entfernt. Äusserlich erhielt der südliche Gebäudeteil den Charakter der Spätgotik zurück, der nördliche jenen der beginnenden Renaissance. Bei der Wiederherstellung der Fassade kam ein spezieller Dämmputz zum Einsatz. Die Fenster zur stark befahrenen und lauten Hauptstrasse erhielten eine Fünffachverglasung. Zentrales Element der Sanierung ist ein schmuckvolles Treppenhaus mit Liftanlage im Verbindungsbau. Es erschliesst alle Wohnungen und Nebenräume in den unterschiedlich hohen Geschossen barrierefrei. Auf der Gebäuderückseite wurden die Aborttürme durch gedeckte Terrassen und Loggien ersetzt.

Im Erdgeschoss wurde neben Gewerberäumen ein öffentliches Café mit Bäckereiverkauf eingerichtet. Eine Etage höher befinden sich Gemeinschaftsräume und Büros in den wertvollen gotischen Stuben. Zudem bietet die Stiftung Ferien im Baudenkmal eine Ferienwohnung im Haus an, und auf eine Gästewohnung im Dachgeschoss können alle Parteien zugreifen. Vor dem Haus ist ein kleiner Platz entstanden, aufgewertet durch einen historischen Brunnen, der aus Glarus Süd stammt.

Räumliche Komplexität und atmosphärischer Reichtum

Alle Wohnungen sind mit neuen Bädern und Küchen zeitgemäss ausgestattet und weitestgehend barrierefrei. In jeder ist historische Bausubstanz sichtbar. So finden sich beispielsweise barocke Deckenverkleidungen, gotische Bohlendecken und fein gearbeitete Halbsteinsäulen. Die Oberflächen scheinen unzählige Geschichten zu erzählen, sie laden zum Spurenlesen ein und beflügeln die Fantasie. Weil die Anlage über die Zeit immer wieder umgestaltet wurde, ist ihre räumliche Struktur komplex und vielfältig, man kann sich im besten Sinne in ihr verlieren. Gerade in den Wohnungen unter dem Dach erzeugen zuweilen schiefe Wände und Böden, unerwartete Öffnungen und Durchblicke eine labyrinthische Raumfolge. Das Haus eröffnet im Inneren eine eigene Welt, losgelöst von der Umgebung, die Geborgenheit vermittelt. Faszinierend ist, wie ausgeprägt jede Wohnung, jedes Büro- und jeder Geschäftsraum eine eigene Atmosphäre hat, einen eigenen Charakter, ja einen eigenen Geruch verströmt.

Ein Haus für die Dorfgemeinschaft

Durch Näfels wälzt sich täglich eine Blechlawine. Pendler, Touristen und Lkw sorgen für ein extremes Verkehrsaufkommen. Die Lärmbelastung ist hoch, die Fahrzeuge hinterlassen auf den Fassaden der Häuser dicke Feinstaubschichten. Die Gemeinde ist ein Durchgangsort. Und das prägt die Menschen: Viele halten ihr Dorf für unschön. Doch mit der Sanierung der «Beuge» hat sich das verändert. Das prächtige Bauwerk macht sie stolz. Seit der Fertigstellung ist das Interesse enorm: Am Tag der offenen Tür war der Andrang riesig, und auch Monate später bleiben immer wieder Passanten vor dem Haus stehen, staunen, nehmen es von allen Seiten in Augenschein. Erfolgreich ist auch das Café im Erdgeschoss, das gerade von Einheimischen sehr gut angenommen wird. Es trägt wesentlich dazu bei, den städtischen Raum rings um das Baudenkmal wiederzubeleben. Manche mögen relativieren, für die Sanierung sei ein aussergewöhnlicher Aufwand betrieben worden – die Genossenschaft konnte dank Gönnern und der öffentlichen Hand viele Millionen Franken in das Projekt stecken, in Planung und Umsetzung wurden besonders viel Zeit und Leidenschaft investiert. Freilich, nicht immer ist das möglich. Doch der Umbau beweist, wie vielfältig und kreativ Baudenkmäler weitergenutzt werden können. Und vor allem zeigt er, welche Kraft Architektur entfalten kann, wenn die Qualitäten des Bestands und sein geschichtlicher Wert erkannt und mit Fingerspitzengefühl und Gestaltungswille herausgearbeitet werden. Es macht Hoffnung, dass sie selbst Menschen zu berühren vermag, die sich vormals kaum für die Gestaltung ihrer gebauten Umwelt und den Erhalt gewachsener historischer Bausubstanz interessierten.

Bilder: Hanspeter Schiess

Museumsnacht

Städtische Ausstellung, Mendog & Stevil

Sa 10. September 2022, 18–01 Uhr im Forum

Mendog & Stevil ist ein Kunstprojekt von Mindaugas Matulis und Linus  Stiefel. Als Kunstfiguren in zu grossen Secondhandanzügen spazieren sie  durch die Welt und widmen sich ihrem täglichen Brot: Mendog & Stevil  können alles sein, was sie wollen; Künstler, Schauspieler, Dekorationsmaler und Geschäftsmänner.

ab 18 Uhr Barbetrieb

20 Uhr – Performance von Mendog & Stevil
mit geladenen Gästen und Sound

Ticket 20.– für Eintritt in alle beteiligten Museen sowie freie Fahrt mit dem Rundkurs, dem Shuttlebus (Stocken) und in der Ostwind Zone 210 inkl. Nachtzuschlag
www.museumsnachtsg.ch

Ausstellung: Fr 9. September bis So 2. Oktober 2022
Öffnungszeiten: Di–So, 14–17 Uhr
Vernissage Do 8. September 2022 um 18.30 Uhr. Einführung Kristin Schmidt

Impulse – Räume für die Öffentlichkeit

Christian Kerez, Architekt, Zürich / Hubertus Adam, Kunst- und Architekturhistoriker, Zürich / Moderation Susanne Brauer, Philosophin, Zürich

Mo 5. September 2022, 19.30 Uhr im Forum und im Livestream

Einführungsreferat von Christian Kerez, anschliessend Podiumsdiskussion mit Christian Kerez und Hubertus Adam, moderiert durch Susanne Brauer

In den Arbeiten von Christian Kerez spielt der Begriff des Raums eine  wesentliche Rolle, doch nicht in einem abstrakten oder formalen Sinn, sondern die Erfahrung der Menschen, die ihn täglich immer wieder erleben.  In dem Vortrag werden 3 Projekte gezeigt, ein Pavillon für die Expo 2020, das Textilmuseum in St. Gallen und eine Fussgängerbrücke in Nanjing. Die  drei Entwürfe, die in den letzten vier Jahren in enger Zusammenarbeit mit  Bauingenieur Joseph Schwartz entstanden sind, könnten in ihrem äusseren  Erscheinungsbild, ihrem Maßstab und ihrem Standort nicht   unterschiedlicher sein, doch was sie verbindet, ist das Interesse ein Erlebnis  für seine alltäglichen Besucher zu schaffen.

Eintritt 10.- / Mitglieder AFO frei

Christian Kerez

Einladungskarte September

Bildnachweis: Maxime Delvaux

Mehr als nur Schutzbauwerk

Im Bergell entsteht derzeit ein riesiges Bauwerk, das zukünftig nicht nur die Menschen und ihre Häuser schützen soll, sondern auch die einmalige Kulturlandschaft.

01.09.2022 von Daniela Meyer

Fünf Jahre sind vergangen seit dem letzten Bergsturz im Bergell, als sich die Gesteinsmassen des Piz Cengalo bis ins Tal ergossen und dort grosse Schäden anrichteten. Inzwischen ist die Planung des Wiederaufbauprojekts «strata» abgeschlossen; letzten Herbst wurde mit den Bauarbeiten in Bondo, Promontogno und Spino begonnen. Bei der Bauherrin, der Gemeinde Bregaglia, und dem Tiefbauamt des Kantons Graubünden, das die Projektleitung innehat, nimmt das Jahrhundertprojekt eine besondere Stellung ein – genauso wie bei den beteiligten Planerinnen und Planern. Die Landschaftsarchitektin Martina Voser und der Ingenieur Gianfranco Bronzini gehören dem grossen interdisziplinären Team an und geben uns einen Einblick in ihre Arbeit.

Herr Bronzini, Sie sind regelmässig auf der Baustelle im Bergell. Welche Eindrücke bringen Sie mit?
Gianfranco Bronzini: Was wir momentan sehen, ist erst ein kleiner Teil des gigantischen Eingriffs, den wir dort vornehmen. Von den Strassen und Brücken ist heute noch nichts zu erkennen. Derzeit finden Arbeiten im Flussbereich statt, wo die Baggerfahrer Stein für Stein aufeinanderschichten, um die seitlichen Schutzdämme zu erstellen. Dabei ist erkennbar, dass diese aus zwei Materialien bestehen: Die untere Stufe bilden Blöcke aus Soglio-Quarzit, die obere Stufe besteht aus Bondasca-Steinen, die etwas heller und rundlicher sind.

Beim Bondasca-Granit handelt es sich um jene Steine, die ins Tal hinunterstürzten. Eine logische Konsequenz, sie für den Wiederaufbau zu verwenden?
Martina Voser: Dieser Gedanke mag naheliegend erscheinen, doch unsere Absicht bestand anfänglich darin, den ortstypischen Soglio-Quarzit zu verwenden. Als wir den nahen Steinbruch besichtigten, realisierten wir, dass wir dort ein riesiges Loch in den Berg graben müssten, um das notwendige Material zu gewinnen. Währenddessen drohten die vielen Steine, die uns der Piz Cengalo gebracht hat, ungenutzt auf der Deponie liegenzubleiben.

GB: Wir stellten Nachforschungen an und fanden heraus, dass der Bondasca-Granit eine sehr gute Qualität aufweist und sich relativ einfach spalten lässt. Mit einem eigens dafür entwickelten Gerät werden die Steine nun in der Deponie zerkleinert, damit sie sowohl für die grossen Stützmauern entlang der Strassen als auch für die dorfseitigen Trockenmauern eingesetzt werden können.

Kommen nebst den verschiedenen Steinarten also auch unterschiedliche -grössen zum Einsatz?
MV: Ein wahrnehmbarer Verlauf bei den Steingrössen war für uns ein zentrales Anliegen. Oben, wo die Menschen daran vorbeikommen, sind sie kleiner. Sie vermitteln zwischen verschiedenen Massstäben: dem riesigen Bachbett, das den Naturgewalten standhalten muss, und den Orten, an denen sich der Alltag der Menschen abspielt. Uns interessierte von Anfang an auch, was hinter den Böschungen und Mauern passiert. Wir wollten die Übergänge so gestalten, dass sie eine Feinheit erhalten, die den Menschen, die dort leben, gerecht wird.

Diese Gestaltungsmassnahmen, die sich den Übergängen vom Schutzbauwerk zur Siedlungsstruktur widmen, überzeugten die Jury beim Wettbewerb. Gibt es weitere Beispiele dafür?
MV: Der Verzicht auf klassische Hangböschungen zwischen dem Damm und den Häusern ist ebenfalls ein solcher Kunstgriff. Stattdessen terrassieren wir das Gelände mit kleinen Stufen und interpretieren die Terrassengärten neu, die im Bergell seit jeher existieren. Die horizontalen Flächen können zukünftig als Gemeinschafts- oder Privatgärten genutzt werden. So generiert der Infrastrukturbau einen Mehrwert für die Leute, die dort leben. Da sich unsere Siedlungsräume stark ausgedehnt haben, rücken die Naturgefahren immer näher. Schutzbauten müssen zukünftig mit dem Kontext eines Ortes verwoben werden.

GB: Das gilt auch für die hohe Hochwasserschutzwand in Spino, deren Erscheinung im dorfnahen Kontext von grosser Bedeutung ist. Wir haben die gekrümmte Form in kurzen Bauabschnitten geplant. Die Realität auf der Baustelle sieht aber anders aus: Um rascher bauen zu können, werden längere gerade Abschnitte bevorzugt.

Bedeutet das, dass Ihre Arbeit auch aus der Vermittlung zwischen unterschiedlichen Arbeitskulturen besteht?
GB: Ja, häufig nehmen wir tatsächlich eine Vermittlerrolle ein. Wir erklären den Beteiligten die Bedeutung und Wirkung solcher Unterschiede. Wer zum Dorf läuft und auf die Mauer blickt oder daran vorbeifährt, soll eine kontinuierliche Mauer wahrnehmen. Was dort gebaut wird, prägt den Siedlungsraum stark und ist wichtig!

MV: Ein solches Bauwerk mitten in einem Siedlungsgebiet ist keine alltägliche Aufgabe. Meist planen die Wasserbau-Ingenieure Eingriffe, die weit weg von der Zivilisation liegen. Draussen in der Landschaft sind Gestaltungsfragen weniger von Bedeutung.

Wie haben die Anwohnerinnen und Anwohner auf Ihren Gestaltungsvorschlag reagiert?
MV: Grundsätzlich spüren wir Vertrauen, doch wir trafen auch schon einmal vor Ort auf weinende Anwohner, die realisierten, dass nun vor ihrem Haus eine 3,5 Meter hohe Mauer zu stehen kommt. Auch hier ist es unsere Aufgabe, zu vermitteln. Inzwischen spüren die Leute, dass wir mit grosser Sorgfalt an diesem Projekt arbeiten.

GB: Wir stehen mitten im Geschehen. Einerseits verantworten wir das Gesamtprojekt, die technischen Massnahmen und die Kosten, andererseits möchten wir auf die Bedürfnisse und Emotionen der Anwohner eingehen – das ist eine sehr intensive Erfahrung.

Bis zum Abschluss der Bauarbeiten gilt es, auf unerwartete Vorkommnisse zu reagieren und die Finanzierung sicherzustellen. Werden wir die gerade von Ihnen beschriebenen Elemente in drei Jahren wiedererkennen?
MV: Das hoffe ich natürlich! Während der Planungsphase ist bei den involvierten Fachstellen des Kantons und bei der Gemeinde Bregaglia das Bewusstsein für die wichtigen Gestaltungselemente gewachsen. Während anfänglich das Verständnis für gewisse Aspekte fehlte, bringt die Gemeinde nun bereits eigene Ideen für zukünftige Nutzungen ein. Die Bevölkerung hat schon damit begonnen, sich die neuen Elemente anzueignen und sich Feste auszumalen, die zukünftig dort stattfinden können – das ist toll!

Bilder: Hanspeter Schiess