Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: April 2022

Architektur im Film

Moriyama-San

Di 26. April 2022, 20 Uhr im Kinok

Einführung durch Hiromi Hosoya, Architektin, Zürich

Das Moriyama-Haus, 2005 in Tokio nach den Entwürfen des Pritzker-Preisträgers Ryūe Nishizawa (SANAA) errichtet und über die Jahre vielfach publiziert, gehört nicht nur in Fachkreisen zu den bekanntesten Bauten zeitgenössischer japanischer Architektur. Eine Woche lang begleiten Ila Bêka und Louise Lemoine Herrn Moriyama, den Eigentümer und einzigen Bewohner des Hauses, einen Kunst-, Architektur- und Musik-Freigeist und ebenso urbanen Einsiedler. Moriyama lebt in seinem Haus wie auf einer Insel des Friedens und der Ruhe mitten im tobenden Tokio. Der intime Blick in den experimentellen Mikrokosmos des Gebäudes hinterfragt unser allgemeines Selbstverständnis vom Wohnen und arbeitet zugleich die besondere Persönlichkeit des Hausherrn heraus.

Regie: Bêka & Lemoine, Frankreich 2017, OV/e, 63’

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72 oder auf Kinok

Weitere Vorführung: Sa 30. April 2022, 15.30 Uhr

Veranstaltungssponsor:
Mosa.

Einladungskarte April

Impulse – Koexistenz

Yves Dreier, Architekt, Dreier Frenzel Architekten, Lausanne / Joris Van Wezemael,  Geograph und Stadtplaner, Luzern / Claudia Thiesen, Architektin und Spezialistin für gemeinschaftliches Wohnen, Zürich / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 4. April 2022, 19.30 Uhr im Forum und im Livestream

Das Prinzip der Koexistenz wurde im Rahmen des Ecoquartier de la Jonction in Genf erprobt und erwies sich sowohl in der Planungsmethode als auch in der Strategie als ideal, um die verschiedenen Akteure und Kräfte miteinander in Einklang zu bringen.
Dieses Projekt berichtet von Hybridisierungen und Begegnungen, die auf den ersten Blick  unerwartet erscheinen. Als Ersatz einer Industrie- und Alternativbrache im Zentrum von Genf fügt sich das Projekt in der Kontinuität der Baumasse ein. Die symbolische Bedeutung der Koexistenz liegt vor allem in seiner gemischten und kooperativen Dimension, die eine  integrative, partizipative und kollektive Denkweise hervorhebt.
Das Projekt kristallisiert zahlreiche soziale Ambitionen heraus, die sich in grosszügigen Gemeinschafts- und Aussenräumen widerspiegeln. Die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner seit der Vorprojektphase schlägt sich in einer flexiblen Architektur, ungewöhnlichen Wohnstandards und einzigartigen Ausdrucksformen spontaner Aneignungen nieder. Das  Projekt schafft ein Gefühl von Dichte und Intensität, das sowohl dem Aussergewöhnlichen als auch dem Alltäglichen einen Wert verleiht.

Yves Dreier ist Architekt und Architekturkritiker in Lausanne. Er ist Mitinhaber des Büros Dreier Frenzel Architecture + Communication, das mit dem Swiss Art Award 2016 und dem waadtländischen Baukultur-Preis 2020 ausgezeichnet wurde.

Eintritt 10.- / Mitglieder AFO frei

Veranstaltungssponsor:
Helvetia Generalagentur St. Gallen-Appenzell

Dreier Frenzel, Architecture+Communication

Einladungskarte April

Bildnachweis: Dreier Frenzel

Eine Schule aus Sicht der Kinder gedacht

Lichtdurchflutete Aufenthaltsräume und lärmschluckende Decken: Das neue Schulhaus in Azmoos gibt Impulse im Schulhausbau

02.04.2022 von Katharina Marchal

Es ist Freitagnachmittag. Auf dem befestigten Schulplatz des Schulhaus Feld in Azmoos kicken drei Jungen einen Fussball hin und her. Sie rufen und schreien. Sobald wir das Schulhaus betreten, ist es plötzlich leise. Wie kommt es, dass die Akustik im Schulhaus so gut ist? Das erklärt uns Johannes Olfs von Felgendreher Olfs Köchling Architekten aus Berlin – sie haben das Projekt 2020 umgesetzt. Die Decken der Innenräume sind mit mikroperforierten Paneelen verkleidet, welche zuvor mit Weisstanne furniert und zu zwölf Zentimeter breiten Riemen geschnitten sind. Die Struktur schluckt den Schall in der zweiseitig erschlossenen  Eingangshalle, im Treppenaufgang und vor allem im Obergeschoss, wo sich die neun Klassenzimmer, verschiedene Gruppenräume sowie eine Aula, Bibliothek und Lehrerzimmer befinden. Zur hervorragenden Akustik trägt auch das gefaltete Sheddach bei, das den Schall bricht. «Diese Ruhe wirkt sich positiv auf die Schüler  aus», findet die Primarlehrerein Frau Mannhart.
Trotz seiner Grösse strahlt das Gebäude eine angenehme Atmosphäre aus. Das hängt damit zusammen, dass das Projekt aus dem Massstab der Kinder heraus gedacht ist. So passt sich die Dachform nicht nur in die umgebende, kleinteilige Bauweise aus Wohnhäusern mit den Pultdächern ein. Johannes Olfs ist überzeugt, dass die Kinder durch die Qualität und die Behandlung der Materialien ein architektonisches Verständnis entwickeln können. Dies kann die Primarlehrerin bestätigen: «Die Kinder schätzen ihr neues Schulhaus sehr, denn sie achten viel mehr auf das Inventar und die Einbauten, weil sie so schön sind.»

Aus Sicht der Kinder

Zu den kindgerechten Details gehören im Kindergarten die Brüstung der Fenster, die auf den Massstab von Kleinkindern angepasst ist, genauso wie die Traufhöhe der Dächer im Obergeschoss, die niedrig bemessen ist. Und im Treppenhaus gibt es zwei Handläufe – einen für kleinere und einen für grössere Menschen.
Die grösste Stärke des Schulhauses: Alle Klassenzimmer befinden sich auf einem Geschoss. Dadurch gibt es keine Hierarchien. Am Morgen gehen alle Kinder über die gleiche Treppe hinauf und am Mittag wieder hinunter. «Das schafft ein WIR-Gefühl » sagt Frau Mannhart. «Als wäre das Obergeschoss ein kleines Dorf, in dem  die Klassenräume die Hüsli sind.» Der Architekt umschreibt es mit «Kammern, die wie in einem Bienenstock zusammengebaut sind.» Die Zwischenräume  bilden Strassen und Plätze. Hier wird gelernt, gespielt und ausgestellt. Die Qualität dieser Binnenräume liegt vor allem in der Lichtführung, denn durch die Oberlichter in den Sheddächern dringt viel Tageslicht ein. Da es gleichmässig von oben einfällt, erzeugt es eine angenehme Atmosphäre und reduziert den Einsatz von Kunstlicht. Von den grosszügigen Vorräumen mit den Garderobebänken werden je zwei Klassenzimmer und ein Gruppenraum erschlossen. Zwei weitere  Klassenzimmer schliessen direkt an den mittigen «Platz» an, der wiederum in die Aula und das Lehrerzimmer führt. Im Eingangsgeschoss befinden sich drei  Werkräume, der Kindergarten und der Zugang zur offenen Turnhalle.

Aussen dunkel, innen hell

Die Offenheit und Transparenz des Gebäudes haben die Lehrerschaft überzeugt. Noch in der Planung kamen Zweifel auf, ob die Glastüren für ein Schulhaus geeignet sind. Heute lässt das Lehrpersonal die Türen während des Unterrichts meistens offen, denn das Holz und die Vorräume schlucken den Schall. An der Fassade fällt das schwarz lasierte Holz auf. «Diese Farbwahl haben wir bewusst getroffen, denn das Gebäude ist keine Scheune, sondern ein Schulhaus – es steht vis-à-vis der Kirche» erklärt der Architekt. Mit dem dunklen Anstrich erhält das Holz den Ausdruck, der von einem öffentlichen Gebäude erwartet wird. Es wirkt nobler.
Als die Kinder das neue Schulhaus das erste Mal betraten, riefen sie begeistert: «Oi, das schmeckt so fein!», erzählt Frau Mannhart. In den holzverkleideten Räumen vermuten die meisten einen reinen Holzbau. Tatsächlich ist das Gebäude jedoch ein Hybridbau. Die Untergeschosse sind aus Beton, die Turnhalle mit  Stahlfachträgern überspannt. Damit gibt es keine sichtbaren Unterzüge, und die Höhe des Gebäudes konnte auf das Minimum reduziert werden. Hingegen sind die  Obergeschosse und das Dach aus Massivholz. Für die Holzständerwände und -decken, Innenverkleidung, Fenster, Türen bis zu den Möbeln wurde nur Schweizer  Weisstanne verwendet. «Und die Fassade ist komplett aus dem Holz des heimischen Walds gefertigt», ergänzt Herr Bruno Seifert stolz. Er ist Schulpräsident der  Gemeinde Wartau, zu dem das rund 1700 Einwohner zählenden Dorf Azmoos gehört. Auch die prominente konische Säule aus Eiche, welche die Decke am Eingang trägt, ist aus Vollholz.

Erinnerung ans Schulhaus aus der Kindheit

Aussergewöhnlich sind die Böden aus massivem, sägerohem und geöltem Holz. Olfs betont: «Wir hatten nie das Interesse, einen klassischen Holzbau nachzueifern.  Es ging uns immer, um den Raum und das Licht». Deshalb dreht sich die Richtung der Riemen jeweils in den Ecken der Räume von der Horizontalen ins Vertikale; ob bei der Wand, dem Boden oder in der Untersicht des Daches – die Fugen sind nie durchgehend. Damit gleicht die Innenverkleidung eher einer Tapete. Doch die Qualität des Holzes bleibt erhalten, durch den differenzierten Lichteinfall, die Art der Verarbeitung und aufgrund der Wahl von Massivholz.
Manch einer erinnert sich an sein Schulhaus aus der Kindheit: Backstein- oder Betonbauten, mit knarrenden Stiegen und kalten Böden, meist mit starrem hierarchischem Aufbau sowie klassischen Gang-Klassenraum- Aufteilung, ohne Gruppenräume und ohne Räume für alternative Lernformen. Doch  Frontalunterricht an der Kreidetafel, ungemütliche Bänke und karge Klassenzimmer, das ist vorbei. Riesige Touchscreens als Tafel bestimmen den heutigen  Schulalltag. Der Architekt Johannes Olfs ist gelernter Zimmermann, und er ging in einem ähnlich kleinen Dorf wie Azmoos zur Schule. Vielleicht inspirierte ihn dies auch beim Entwurf für dieses wunderbare Schulhaus.

 

Bilder: Hanspeter Schiess