Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Oktober 2021

Vom Schlüssel des guten Bauens

Was sind die Herausforderungen auf der Baustelle? Bauleiter Markus Foi zeigt es anhand des Seniorenzentrums Bongert in Bonaduz.

30.10.2021 von Katharina Marchal

Ein warmer Herbsttag in Bonaduz: Im Garten des Seniorenzentrums Bongert feiert eine kleine Gruppe den Geburtstag eines  Bewohners. Zwischen Apfel- und Zwetschgenbäumen liegen zwei gestaffelte Betonbauten, dessen kubische Formen im intensiven  Sonnenlicht besonders gut zur Geltung kommen. «Bongert bedeutet Obstgarten», erklärt Markus Foi. Er war als Bauleiter massgeblich  an der Realisierung beteiligt. «Das ist eines der besten Projekte, die ich in meiner Laufbahn umsetzen durfte», schwärmt  er. Nach mehr als 40 Jahren Bauerfahrung heisst das etwas.
2011 gewannen Frei & Ehrensperger Architekten aus Zürich den Wettbewerb für die ersten 15 Alterswohnungen, die Spitex Imboden  sowie ein öffentliches Restaurant. Vor ein paar Monaten wurde die Erweiterung fertigstellt. Sie umfasst 13 Alterswohnungen und ein  Ärztezentrum. Im Aufbau sind die beiden Gebäude identisch. Eine zentrale, dreigeschossige Halle im Zentrum des Baukörpers  verbindet die öffentlichen Nutzungen im Erdgeschoss und alle Wohnungen. Diese sind im Gegensatz zur steinernen Aussenhaut mit  viel Holz ausgestattet. So ist etwa die Küche als Kubus aus Lärchenholz im Wohnraum eingepasst. Analog zur bündnerischen  Bautradition sind die Fenster fassadenbündig, als begehbare Erker mit innen liegender Sitzbank ausgebildet oder tief in der Leibung  angeschlagen. Die Balkone stülpen sich in den Baukörper und bilden wind- und wettergeschützte Aussenräume. «Jede Wohnung hat  einen speziellen Ausblick», meint Foi und schaut auf den Flimserstein. Da fassadenbündige Fenster oft zu Diskussionen bei Bauherren führen, weil sie befürchten, dass sich Kondenswasser bildet, ist im unteren Falz des Fensterrahmens ein Kabel integriert, das sich ganz  leicht erwärmt. Auch beim Betonvordach, das den Weg zwischen den Bauten verbindet, suchte er eine pragmatische Lösung. Es liegt nicht auf den Wänden auf, sondern wird von einer Stütze getragen, die einem Schirm gleicht. «Damit es keine Spuren von  herabrinnendem Regenwasser gibt, haben wir an den Übergängen zur Fassade Bleche montiert.» Ein Bauleiter müsse oft einen Spagat  machen: Gegenüber den Architekten bleibt er loyal, da sie ihn beauftragen, andererseits sollte er zwischen ihnen und dem Bauherren  vermitteln. So schlugen Frei & Ehrensberger ein riesiges Bassin mit Wasserpflanzen im Garten des Seniorenzentrums vor, was der Bauherrschaft zu gefährlich erschien. Doch Foi hat die Architekten bei der Kommission unterstützt; daraus entstand die Idee des  Pflanzenbeets.

«Diesen Beruf lernt man am Objekt, nicht in der Schule»

Ohne Zweifel «auf der Baustelle bin ich der Chef, nicht der Architekt», betont Foi. Als Bauleiter bespricht er die Aufgaben mit den  Handwerkern, überwacht deren Arbeiten und steht so oft als möglich für Fragen zur Verfügung. Durch seine grosse Bauerfahrung  kennt er die Probleme und kann die Herausforderungen einschätzen. Als Markus Foi Mitte der 70er-Jahre seine ersten Projekte  ausführte, war er als Bauleiter angestellt. Seitdem offene Wettbewerbe international ausgeschrieben sind, können auch  Architekturbüros ausserhalb der Region oder des Landes teilnehmen. Deshalb nahm der Bedarf an externen Bauleitern zu. «Diesen  Beruf lernt man am Objekt und von erfahrenen Bauleitern, nicht in der Schule.» Seiner Meinung nach nahm die Akademisierung in den Kantonalen Hochbauämtern sehr zu. Obwohl die Digitalisierung geholfen hat, gewisse Arbeitsschritte zu erleichtern, fragt er sich: «Wie erkläre ich einem Polier, der kaum Deutsch spricht, wo er die Betonschalung anzeichnen soll, wenn es keine Pläne mehr in  Papierform gibt? Ich kann doch nicht mit so einem riesigen Tablet, auf dem das ‹Building Information Modelling› abgespeichert ist,  auf die Baustelle kommen.»
Auffallend zugenommen hat die Menge an Planern. Neben den Spezialisten für Sanitär-, Elektro, Heizungund Lüftung gibt es heute  Fachplaner für Brandschutz, Schliessanlagen und Haustüren. Hinzu kommen die Ingenieurbüros, die sich auf die Energie-Labels spezialisiert haben. Am aufwendigsten und teuersten sei Minergie PECO. «Am Schluss bekommt man eine Plakette ans Haus, das die  Zertifizierung bezeugt», bemerkt Foi schmunzelnd. Am wichtigsten sei aber doch die erfolgreiche Abwicklung des Bauprozesses. Dafür  brauche es vor allem Empathie, Geduld und Zeit, aber auch viel Freude an der Architektur, eben Leidenschaft.

Vom Maurer zum Bauleiter

Markus Foi hat Maurer gelernt, dann eine Lehre als Hochbauzeichner gemacht. 1974 begann er beim Bündner Architekten Andres  Liesch als Hilfsbauleiter. «Er war der erste grosse Betonarchitekt in Graubünden», realisierte insgesamt 38 (!) Schulhäuser und wurde bekannt unter anderem durch die Gewerbeschule in Chur oder die Kirche in Passugg. Nach 13 Jahren als Angestellter machte Foi sich  selbstständig und führte Projekte unter anderem für Hubert-Bischoff, Andy Senn (Mensa und Mediathek, Kantonsschule Chur, 2010) und Max Kaspar (Kantonsschule Halde, Chur, 2011) aus.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Architektur im Film

Rams

Di 19. Oktober 2021, 20 Uhr im Kinok

Einführung durch Sophie Lovell,  Schriftstellerin und Kuratorin, Berlin

Das Zuhause von Dieter Rams ist das perfekte Schaufenster für die Langlebigkeit seiner Entwürfe. In seinem selbst entworfenen Bungalow – ein modernes Gebäude mit japanisch angehauchtem Garten – sieht alles noch exakt so aus wie beim Hausbesuch eines amerikanischen Filmteams in den Siebzigerjahren. Alles gehorcht funktionalen Prinzipien, viel Weiß, kein Schnickschnack. Nur dass die aktuellen Bilder aus einem neuen Film stammen: «Rams» von Gary Hutswit.

Regie: Gary Hustwit, USA 2018, deutsch, 74′
Weitere Vorführung: Mi, 27. Oktober 2021, 18.45 Uhr

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72 oder auf Kinok

Einladungskarte Oktober

Das Haus mit dem kleinen Fussabdruck

Das St. Galler Jungbüro Batiments nannte seinen Erstling New Nail House. Es protestiert leise gegen eine Stadtentwicklung der Monotonie.

09.10.2021 von Jenny Keller

Nagelhäuser kennen wir von China. Einsame Gebäude auf plattgewalzten Landstrichen, die einer von  oben verordneten, neuen Bebauung trotzen, heissen so. In China mag es so etwas geben, aber ein  Nagelhaus in St. Gallen? Ihr erstes Bauwerk nannten Eva Lanter und Patrick Britt, die zusammen das Büro Batiments gegründet haben, New Nail House. Das Turmhaus steht an einer lärmbelasteten Ecke  an der Wassergasse, die keine Gasse ist, sondern eine Einfallsstrasse, durch die der Individualverkehr vom Appenzellerland braust. Das Gebäude am Hang kragt mutig und etwas frech über seinen Sockel aus und schaut mit grossen Fenstern auf die Stadt und das gegenüberliegende Bürohaus, aus dem die  Swisscom gerade erst ausgezogen ist. Mit sechs Wohnungen, jeweils einer pro Geschoss, ist sein  Programm und seine Daseinsberechtigung aus Investorensicht nicht gross. Die Geschichte seiner Entstehung, die gelungene Architektur und die zu erhoffende Signalwirkung legen eine vertiefte  Auseinandersetzung damit umso näher.
Das städtebauliche Konzept der Überbauung Haldenhof 1 auf dem Plateau, auf dem sich auch das  New Nail House befindet, sieht eine repetitive Wohnüberbauung mit 10 Mehrfamilienhäusern vor:  langgezogene Blöcke als Lärmriegel zur befahrenen Strasse hin, um 45 Grad gedrehte, sechs weitere Rechtecke in der zweiten Reihe. So auf jeden Fall sieht der Stand der Planung aus. Gebaut sind erst  vier Einheiten im Nord-Osten des Areals, doch ihre repetitiven Fassaden verheissen wenig Vielfalt. Für die Überbauung müssten noch einige Häuser weichen. Der Besitzer der Liegenschaft  Haldenstrasse 21/23 möchte seine Immobilie aber nicht verkaufen; er schnitt sich mit dem  Ersatzneubau des Turmhauses selbst einen Teil vom Kuchen ab und vermietet heute sechs  Neubauwohnungen.

Für eine abwechslungsreiche, zugängliche und lebendige Stadt

Zum Glück hörte er auf das junge Architektenpaar, das sich für die kleinteilige Parzellenstruktur  starkmachte. Es betrachtete den Ersatzneubau des New Nail House und die zwei angrenzenden Gebäude als Ensemble. Dieses besteht aus einem Längsbau mit Giebeldach, und einem Annex, in dem  sich einst eine Druckerei befand. Es beherbergt seit einem Umbau vor rund 10 Jahren die  Wohnzimmer der Wohnungen im ehemaligen Langhaus, die von WGs bewohnt werden. Für den  damaligen Umbau war Peter Lanter, Vater der Architektin und selbst Architekt, zuständig. Er war es,  der Batiments an die Bauherrschaft vermittelte.
Trotz knallharten Kostendrucks, dem ein Haus mit derart kleinem Fussabdruck unterworfen ist, einer  Ausführung durch eine Totalunternehmung, die nicht viel Spielraum für aufwendige Details  hat, haben Lanter und Britt ihre Vorstellung von hochwertiger Architektur in die Realität umsetzen  können. Genormten Ideen stellten sie sich mit gekonnten Interventionen entgehen. So ist der  Massivbau mit Aussendämmung zwar konventionell gebaut, doch durch die Weiterführung des  groben Putzes über die unterste Loftwohnung im Sockel (eine ursprüngliche Nutzung als Büro stellte  sich als weniger rentabel heraus), bricht das Türmchen mit der architektonischen Vorstellung von «Sockel, Mittelbau, Krone». Dafür trägt der ebenfalls von Batiments umgebaute Annex nun eine  Krone als Geländer auf dem Dach, die seine Wichtigkeit im Gebäudeensemble unterstreicht.
Der zurückgesetzte Sockel ist auch Tiefgarage und resultierte aus dem Baugesetz, da Platz für die  geplante Autobahnzufahrt freigehalten werden muss. Ein halbrunder «Tropfen» aus verputzter  Wärmedämmung hängt an der überstehenden Fassade gegen die Strasse, als ob Wasser kondensierte und einfror. Einen Nutzen hat diese Rundung nicht, aber sie bringt ein poetisches Moment an eine  markante Stelle der Fassade und lässt genauer hinschauen.

Innenräume voller Identität dank Gestaltungsreichtum

Das Haus ist eine Wohltat im von Spekulation geprägten Baugeschäftsalltag. Es zeugt aber auch vom  Engagement des Architekturbüros, das noch nicht im Modus ist, das eigene Werk zu zerlegen und der  Kritikerin zu erzählen, was sie zu sehen und zu schreiben hat. Die Sorgfalt und der Wille, den eigenen Entwurf zu kontrollieren, haben Batiments schliesslich beim Bau ihres Erstlings schon bewiesen.
Die Adresse des Nagelhauses befindet an der Haldenstrasse, die sich wegen des abfallenden Geländes  weiter oben am Hang befindet. Das neue Wohnhaus teilt den Zugang mit dem ehemaligen  Druckereigebäude. Das Treppenhaus und ein Lift erschliessen die vier identischen Wohnungen im Obergeschoss, darunter liegt die Loftwohnung und zuoberst befindet sich eine kleinere  Attikawohnung mit umso grösserer Terrasse. Ein offener Wohn-, Essraum mit Küchenzeile und vier  grossen Fenstern schafft Grosszügigkeit in der engen Situation. Zwei Nasszellen und zwei  Schlafräume befinden sich hinter weissen Türen. Ein Übergangsbereich in den Zimmern, wo noch  derselbe Bodenbelag wie im Wohnzimmer liegt, nämlich grauer, gegossener Unterlagsboden, schafft  eine stimmige Zonierung. Dahinter markiert ein einfaches Stäbchenparkett Wohnlichkeit. Der  Unterlagsboden zieht sich auch ins Treppenhaus auf den Treppenpodest vor der Wohnung. Ein fixer  Spiegel, ein eingelassener Fussabtreter und die Klingel zur Wohnung, die sich nicht neben der Türe,  sondern näher bei Treppe und Lift befinden, vergrössern die Wohnung in den öffentlichen Bereich des Hauses und schaffen Identität. Etwas, das an diesem Ort mit der generischen Überbauung definitiv nicht vorzufinden wäre.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Werterhalt

Peter Hutter, Architekt, St. Gallen / Ludmila Seifert, Kunsthistorikerin, Chur / Doris Warger, Konservierung und Restaurierung, Frauenfeld / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker,  Zürich

Mo 4. Oktober 2021, 19.30 Uhr im Forum und im Livestream

Einführungsreferat von Peter Hutter, anschliessend Podiumsdiskussion mit den weiteren Gästen, moderiert durch Jean-Daniel Strub

Barão-Hutter verfolgen seit der Gründung 2012 die Absicht, Architektur in sehr verschiedenartigen, vielschichtigen Kontexten zu entwickeln und zu realisieren. Dabei  interessieren uns alle möglichen Formen menschlicher Tätigkeit, räumlicher Bedürfnisse und Empfindungen. Oft sind bei dieser Arbeit an ausgewählten Orten – vorwiegend in Portugal und der Schweiz – historische Stadtquartiere, wertvolle Gebäude, Gärten und Landschaftsräume, aber auch Rituale, Konventionen und etablierte Denkmuster mit im Spiel. Wobei wir bestrebt sind, darin unsere Konzepte, imaginierten Nutzungen, Atmosphären, neuartigen Konstruktionen und Materialitäten umzusetzen. Trotzdem – oder gerade deswegen – machen wir uns die charakteristischen Qualitäten des Bestandes und der gebauten Vergangenheit zunutze: In einem verwickelten, offenen Prozess zwischen Verstehen und Verwischen, Bewahren und Umdeuten, Schützen und Überformen können spezifische, radikal zeitgenössische Projekte entstehen.
Ob uns dies gelingt, möchten wir gerne im AFO zur Diskussion stellen: anhand des Einbaus einer öffentlichen Wintersauna in das Frauenbad auf Dreilinden (2020), des  Stadtplatzes mit Filmtheater in die historischen Arkaden in Davos (2021) sowie des Mehrspartenhauses für darstellende Künste und sinfonische Musik im Kasernenareal in Aarau (2021).

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

3G-Regel
Bei den Veranstaltungen gilt das Covid-Zertifikat. Das bedeutet, dass jede Person, die den Anlass besuchen möchte, das Covid-Zertifikat sowie eine Identitätskarte vorweisen muss.
Der Anlass im AFO wird aufgezeichnet und kann auf unserer Website über einen Livestream verfolgt werden. Mit der Teilnahme wird eine eventuelle Abbildung des Publikums in der Aufzeichnung akzeptiert.

Barão-Hutter Atelier

Einladungskarte Oktober

Bildnachweis: Barão Hutter, Marco Jörger, Basel