Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Februar 2021

Dialog zwischen Natur und Kultur

Im Val Lumnezia, dem «Tal des Lichtes», macht zeitgenössische Architektur aus Abgeschiedenheit eine Stärke.

20.02.2021 von Susanna Koeberle

In ländlichen Gebieten baute man früher häufig ohne Architekten, nichtsdestotrotz steckt enorm viel Wissen in diesen Bauten. Im Fokus stand primär  ihre Nutzung, was ihrer Schönheit aber keinen Abbruch tut – im Gegenteil. Ein Besuch im Bündner Tal Val Lumnezia zeigt die Komplexität und  Aktualität lokaler Bautraditionen. Die Region Surselva ist nicht nur für ihr mildes, sonniges Klima und die malerischen Landschaften bekannt, sie hat  auch architektonisch einiges zu bieten. In den Dorfkernen des Val Lumnezia sind einige prächtige Bauwerke zu finden: etwa barocke Kirchen oder  mittelalterliche Türme.
Und trotz gelegentlichem architektonischen Wildwuchs braucht sich diese Landschaft auch bezüglich zeitgenössischer Architektur nicht zu verstecken. Berühmtes Beispiel dafür ist das Bergdorf Vrin. Die Um- und Neubauten des Architekten und ETH-Professors Gion A. Caminada gelten weitherum als Vorzeigebeispiele eines rücksichtsvollen Umgangs mit den Besonderheiten und Ressourcen eines Ortes. Caminadas Eingriffe in seinem Heimatdorf Vrin wurden verschiedentlich gewürdigt, unter anderem 1998 mit dem Wackerpreis. Landschaft entsteht durch ein Zusammenspiel von Kultur und Natur. Das Einfrieren dieser Begriffe auf ein Gegensatzpaar greift zu kurz. Wie wichtig gute Architektur für den Dialog zwischen Natur und Kultur sein kann, zeigt sich auch in abgelegenen Gegenden wie dem Val Lumnezia.
Ein Entwurf des Architekturbüros Capaul & Blumenthal aus Ilanz bestärkt diese Sichtweise. Oberhalb des Dorfes Vattiz liegt der Badsee Davos Munts. Die ehemalige Moorlandschaft wurde vor rund zwanzig Jahren in einen künstlich angelegten Badsee umgestaltet, der seither sowohl von der lokalen  Bevölkerung wie auch von auswärtigen Touristen rege genutzt wird. Dieses Freizeit- und Erholungsangebot wurde Schritt für Schritt weiterentwickelt. Eine ehemalige Stallscheune wurde zunächst zum Kiosk umfunktioniert. Dieses Provisorium wollte die Gemeinde in eine feste Infrastruktur überführen und lancierte deshalb 2005 einen ersten Projektwettbewerb, der allerdings versandete. Mit einem zweiten Wettbewerb wurde 2012 ein neuer Anlauf  genommen, aus dem schliesslich ein Entwurf von Ramun Capaul und Gordian Blumenthal als Sieger hervorging. 2015 wurde der Neubau fertiggestellt  und in Betrieb genommen.
Was will der Ort und was braucht das Tal? Solche grundsätzlichen Fragen stellten sich die Architekten vor der Ausarbeitung ihres Vorschlags. Sie  entwarfen einen zweistöckigen, länglichen Holzbau, der sich diskret an die topografischen Gegebenheiten anpasst. Durch die Einbettung in das  ansteigende Gelände tritt der Bau als einstöckig in Erscheinung. Das Rottannenholz stammt aus dem Val Lumnezia, für das Dach verwendeten Capaul  Blumenthal Quarzit aus dem nahe gelegenen Valsertal. Nicht nur die Materialien kommen aus der Umgebung, lokales handwerkliches Know-how sowie  die ortstypische Bauweise des Strickbaus sind weitere charakteristische Merkmale dieses Projekts. Das Betriebsgebäude beherbergt im unteren,  seeseitigen Stockwerk eine Gaststube – oder «ustrietta» auf Sursilvan, dem lokalen Idiom – sowie Umkleidekabinen mit Sanitäreinrichtungen für Besucherinnen und Besucher des Badsees, die auch von der hangseitigen Rückseite aus zugänglich sind.
Obschon solche doppelten Eingänge früher auch bei am Hang gelegenen Ställen verbreitet waren, stellt diese für die landwirtschaftlich geprägte Gegend untypische Nutzung eine Novität dar. Durch seine Machart reagiert der Bau sensibel auf die lokale Baukultur. Er zitiert diese, hütet sich aber davor, sie  zu romantisieren.

Würdigung der lokalen Baukultur

Auf die Positionierung des Sees etwas ausserhalb des Dorfes Bezug nehmend, gingen Capaul Blumenthal von der Bauweise temporär genutzter  Siedlungen in höherer Lage aus. Das Innenleben des Gebäudes ist wie bei der traditionellen Stube eines Maiensässes üblich ganz in Holz ausgeführt. Die  roh belassenen, unverkleideten Wände machen die Strickbauweise sichtbar; diese Eigenheit prägt auch die äussere Erscheinung des Baus. An der  seeseitigen, überdachten Hauptfassade zeigen sich viele bauliche Details, die auf das besondere Gefüge des Holzes deuten. Auch von der Giebelseite aus  betrachtet, wird das Prinzip des Zusammenfügens deutlich. Die hier angewendete Idee ist einfach, aber nicht selbstverständlich: Die Architektur zeigt,  was sie tut. So schön und unprätentiös kann die Einheit von Form und Funktion sein. Wer unter dem weit auskragenden Dach auf der Aussenterrasse der Ustrietta sitzt, erkennt über den Holzsparren die Steinplatten des Dachs und kann dadurch die archaische Kraft der Bergwelt erahnen. In diese  Landschaft setzt der Bau einen Akzent und bildet zugleich den Abschluss der Anlage. Das stimmige Ensemble interagiert subtil mit dem natürlichen  Raum.
Wenn ökologische und ökonomische Faktoren den architektonischen Ausdruck mitbestimmen, muss das nicht heissen, dass es diesem Bauwerk an Eigenständigkeit fehlt. Vielmehr beweist das Projekt beim Badsee Davos Munts, dass gute Architektur immer aus einem Zwiegespräch entsteht. Und dass dieses nicht im Schreimodus stattfinden muss, um erfolgreich zu sein. Die zeitgemässe Interpretation und adäquate Würdigung der lokalen  Baukultur kann als mögliche Strategie verstanden werden, Landschaftspflege zu betreiben. Auf eine solche sind wir angewiesen, wenn wir der  zunehmenden und unkontrollierten Zersiedelung unserer Landschaft nicht untätig zusehen wollen.

Bilder: Hanspeter Schiess

Energieagentur@AFO

33 und mehr Ideen: Wie Architekten gegen die Klimakrise entwerfen können

Mi 17. Februar 2021, 17 – 19 Uhr im Livestream

Der runde Tisch Energie und Bauen und das Architektur Forum Ostschweiz laden zur jährlichen Informationsveranstaltung ein. Aufgrund der aktuellen Situation findet der Anlass nur per Livestream statt.

Über diesen Link können Sie die Veranstaltung live mitverfolgen:
https://vimeo.com/484465900

Bis zum Jahr 2050 muss die Baubranche ihre CO2-Abhängigkeit loswerden. Hochparterre hat dazu 33 Ideen veröffentlicht, wie Architekten gegen die Klimakrise entwerfen können.

Der Name Countdown 2030 versinnbildlicht die dringende Handlungsnotwendigkeit. Das Kollektiv sieht diese Herausforderung als Chance für die Architektur, sich neu zu erfinden. Dazu will es inspirieren.

Begrüssung und Moderation
Silvia Gemperle
Leiterin Energie und Bauen, Energieagentur St.Gallen

Netto-Null-Gebäude – geht das?
Severin Lenel, Geschäftsführer Intep, St.Gallen

12 Irrtümer rund um klimagerechtes Bauen
Andres Herzog, Heftleiter und Redaktor Architektur, Hochparterre

Die Neuerfindung der Moderne
Jakob Schneider, Architekt, Mitglied Geschäftsleitung Salathé Architekten, Basel
Mitglied Architektengruppe countdown2030.ch

Aktuelles aus dem Kanton St. Gallen
Silvia Gemperle, Energieagentur St.Gallen

Einladungskarte

Mit Ihrer Anmeldung erhalten Sie weiterhin aktuelle Informationen rund um den EnergieTreff SG.

Bildnachweis: bürobureau

Das Gehöft zum Freilichtbaummuseum

Architekt Paul Knill macht mit der Renovation des Wohnhauses mit angebauter Scheune am Rand von Roggwil die Geschichte sichtbar.

09.02.2021 von Susanna Koeberle

Ganz brav in Reih und Glied stehen sie da, an die vierhundert Hochstammbäume: Äpfel-, Birnen-, Zwetschgen-, Pflaumen, Kirsch- und Nussbäume. Obstbäume prägen die Thurgauer Landschaft seit jeher, doch dieses rund fünf Hektaren grosse  Gelände ist etwas Besonderes: Jeder Baum trägt nämlich eine andere Obstsorte. Das Areal am Rand von Roggwil ist quasi  ein grosses Freilichtbaummuseum, denn viele alte Obstsorten sind heute leider verschwunden. Der Verein  Obstsortensammlung hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Vielfalt auch für die nächsten Generationen zu erhalten. Die Früchte sind nicht nur geschmacklich eine Bereicherung; Biodiversität zu fördern, ist auch aus ökologischer Sicht wichtig.  Denn die Ökosysteme der Natur haben aufgrund menschlicher Einflüsse erheblichen Schaden erlitten. Diese Tatsache ist  nicht nur botanisch gesehen eine Tragödie, sie bedroht nicht zuletzt auch uns Menschen.
Der beispielhafte Umgang mit den vorhandenen Ressourcen zeigt sich auf diesem Stück Land auch in architektonischer Hinsicht. Allerdings geht es dabei dezidiert nicht darum, das Bestehende zu musealisieren, sondern vielmehr um eine  Sichtbarmachung der Geschichte des Ortes. Der Architekt Paul Knill war 2016 vom Hochbauamt des Kantons Thurgau mit  einer Machbarkeitsstudie beauftragt worden; er überzeugte mit seinem Projekt zur Renovation des Wohnhauses mit  angebauter Scheune sowie der separaten Remise, die zum Grundstück gehören. Besitzer von Land und Liegenschaft ist der Kanton Thurgau. Der Erwerb des Territoriums wurde in den 1980er-Jahren möglich, nachdem die Autobahn A1, die  ursprünglich richtungsgetrennt geplant war, auf eine Autostrasse mit Gegenverkehr zurückgestuft worden war. Als die  Besitzer der Liegenschaft 2015 auszogen, kaufte der Kanton diese mit der Idee, die Gebäude neu zu beleben und an die  Bedürfnisse des Vereins Obstsortensammlung anzupassen, der den Boden seit 2005 pachtet. Die ersten Bäume pflanzte der  Verein bereits 1994, seither gedeihen diese prächtig. Solche Landschaften erinnern uns an die wechselseitige  Beziehung zwischen Mensch und Natur. Und auch Bauten sind eben häufig Teil von Kulturlandschaften.

Renovieren ist eine Form des Weiterbauens

Bei der dendrologischen Analyse des Hauptgebäudes entdeckten die Spezialisten, dass der Kern des Gehöfts auf das 17.  Jahrhundert zurückgeht. Weitere Merkmale deuteten auf eine frühe Entstehung dieses regionaltypischen Baus hin. Damit  war auch das Thema Abbruch vom Tisch, nicht zuletzt auch, weil das Bauwerk im Inventar des Amtes für Denkmalpflege  als bemerkenswert eingestuft ist. Paul Knill versteht seine Eingriffe als Form des Weiterbauens, die keinen  romantisierenden Lack über die alten Schichten legt, sondern ihre Diversität vielmehr zulässt und betont. Diese Haltung  werte die zeitgenössischen Interventionen sogar auf, findet der Architekt.
Im Sommer 2018 wurde der Umbau in Angriff genommen. In einer ersten Phase ging es um eine Inventarisierung des  Bestands. Nicht der übermässige Respekt vor der alten Bausubstanz stand dabei im Vordergrund, sondern das Einbetten  der verschiedenartigen Elemente in eine zeitgemässe Formenund Materialsprache. Insofern führte der Architekt die  Strategie weiter, die sich aus der Geschichte der Nutzung heraus entwickelte – einfach mit einem professionellen  Gestaltungsanspruch. Das Faszinierende an alten Häusern ist ihre stetige Transformation und so sieht Knill das Renovieren  auch nicht als Einschränkung, sondern im Gegenteil als hoch motivierende Arbeit.

Wiederverwenden als gestalterische Strategie

Dass er dabei auch mit den bestehenden Bauteilen arbeitete, ist konsequent. Für die beiden Fassaden etwa verwendete der Architekt nach Möglichkeit alte Bretter wieder, sei es vom Haus selber als auch vom Bauteillager der Denkmal Stiftung  Thurgau. Dabei interessiert Knill das Wiederverwenden nicht primär aus ökologischen Gründen, die Ästhetik des  Gebrauchten ist für ihn ebenso wichtig. Das Haus sollte nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten nicht neu aussehen,  sondern schon eine gewisse Patina besitzen. Diese sollte selbstverständlich sein und nicht die Vintage-Schiene bedienen. Bei der Erneuerung der Fassade wurden auch die Fenster verschoben, sodass ein ausgewogener Gesamteindruck entsteht.
Im Innern scheute sich Paul Knill auch nicht die flickwerkartige Entstehung zu kaschieren. So wurden etwa der Kachelofen  aus den 1960er-Jahren oder die «Plättli» in der Küche belassen. Dennoch erscheint die Atmosphäre stimmig und  harmonisch. Ein neues Gleichgewicht zu schaffen, ist manchmal eine grössere Herausforderung als das Bauen auf der  grünen Wiese. Vielleicht müssen wir uns auch verabschieden von der Idee eines einheitlichen Ganzen. Unsere Lebenswelt  besteht, wie die gebaute Umgebung uns das täglich vor Augen führt, aus Fragmenten und ist insofern stets künstlich  geschaffen. Genau so verhält es sich mit der umliegenden Landschaft. Eine Kulturlandschaft ist nichts Natürliches, wir neigen indes dazu, Natur als fernes Konstrukt zu idealisieren. Genau aus diesem Grund verlieren wir den Bezug zu ihr. Im  gleichen Zug bedeutet ein baukulturelles Erbe zu bewahren nicht, dass man es auf einen Sockel stellen soll. Vielmehr gilt es,  dieses lebendig zu erhalten. Das tun Baukünstler, indem sie seine Vielschichtigkeit sichtbar machen. Paradoxerweise verhindert genau diese Arbeit den Nonsens des «Hüsligeists», der allerorten – auch im Thurgau – sein Unwesen treibt.

Bilder: Hanspeter Schiess

Wert der Baukultur

Michael Fischer, Kantonsbaumeister St. Gallen / Björn Teichmann, Stadtplaner, Leipzig / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 1. Februar 2021, 19.30 Uhr im Livestream

Zur Rettung der Baukultur wurden in den vergangenen Jahren verschiedenste Initiativen gestartet.  Mitunter die «Erklärung von Davos», welche 2018 im Vorfeld des WEFs von den europäischen Kulturministern unterzeichnet wurde. Sie zeigt auf, wie eine hohe Baukultur politisch und strategisch verankert werden kann und ruft in Erinnerung, dass Bauen Kultur ist und gleichzeitig auch Raum für Kultur schafft.

Auf der Suche nach einer genaueren Beschreibung der Baukultur, trifft man auf Wikipedia auf folgende Umschreibung: «Baukultur ist die Summe aller menschlichen Leistungen, die die Umwelt verändern. Städtebau, Ortsplanung und Infrastrukturbauten gehören dazu und die Baukultur stützt sich auf die Geschichte und Tradition des Ortes ab.»

Entsprechend liegt es auf der Hand, dass sowohl der Heimatschutz wie auch die Denkmalpflege für den Erhalt der Baukultur eine bedeutende Rolle spielen.

Doch setzen wir Architekten, Planer und Bauherren uns – gemäss dieser Definition – für die richtigen Themen ein, um den Wert der schweizerischen Baukultur zu erhalten?

Einladungskarte Februar

Bildnachweis: Michael Fischer

 

AFO Edition 2021 – Kurzfilm der Veranstaltung:

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