Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Januar 2021

Die Festhütte im Massanzug

Im Melser Dorfkern investiert die Gemeinde bewusst in Baukultur. Das zahlt sich aus, wie das Kultur- und Kongresshaus Verrucano zeigt.

09.01.2021 von Deborah Fehlmann

Bis 2017 spielte das Melser Dorfleben im «Löwen». Die Beiz war eine Institution, und im Löwensaal tropfte an Fasnachtsfeiern und Turnerunterhaltungen der Schweiss fast  von der Decke. Zweifellos ging es hoch her, denn die Melser sind gesellige Leute. Ob Trachtengruppe,  Jugendriege oder Blasmusik – Vereine haben einen hohen Stellenwert. Das Hexenkesselklima war aber auch der Örtlichkeit geschuldet, denn der Löwensaal war eine sanierungsbedürftige Blechhalle. Was aus Nutzersicht unbefriedigend war,  störte auch das Ortsbild. Der Melser Ortskern ist laut dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung. Doch unmittelbar bei dessen Herzstück, dem Dorfplatz mit Brunnen und spätklassizistischem Rathaus, hatte sich nebst dem Blechkoloss auch ein unschöner Wohnblock breitgemacht.
Drei Jahre und eine Grossbaustelle später spielt das Dorfleben wieder hier, nur ist der neue Löwensaal aussen in eine weinrote Holzfassade und innen in Sichtholz gekleidet.  Seine Ausstattung genügt selbst Symphonieorchestern und auf dem Boden des weitläufigen Foyers glänzt heller Terrazzo. Vor den Fenstern plätschert ein Wasserspiel. «Verrucano» steht in schwebenden Metallbuchstaben über dem Sichtbetonvordach. So heisst das neue Melser Kultur- und Kongresshaus. Es versprüht städtisches Flair, und  wirkt im historischen Ortskern doch selbstverständlich. Das Büro «Raumfindung Architekten» hat das Haus, mit dem sich Mels baulich und kulturell eine neue Mitte gibt,  entworfen.

Zwei Häuser schaffen neue Räume

Beat Loosli ist mit knapp vierzig schon ein erfahrener Architekt. «Raumfindung » gründete er 2007 in Rapperswil. Der Entwurf sei knifflig gewesen, erinnert er sich. Der  Wettbewerb von 2013 umfasste neben dem Saal mit Bühne und Foyer auch Vereinslokale für Musik, Gesang und Tanz. Weiter waren ein Ergänzungsbau für die  Gemeindeverwaltung und eine Erweiterung der Weinkellerei im alten Rathaus zu planen. Im Aussenraum wünschte sich die Gemeinde einen öffentlichen Platz für Begegnung und Veranstaltungen. «Raumfindung» siegten mit einer Kombination zweier verschiedenartiger Bauten: Die Rathauserweiterung platzierten sie als gemauerten Kubus neben  das Bestehende an die Wangserstrasse. Mit steinernem Erdgeschoss, Walmdach und strengem Fensterrhythmus knüpft der hell verputzte Viergeschosser an die lokale  Baukultur an. Die Festhütte, wie Loosli das weinrote Kulturhaus nennt, zitiert diese viel freier. Seine Fenster folgen dem Rhythmus der hölzernen Tragstruktur. Auf dem gezackten Dach liegt Kies statt Ziegeln und entlang der Giebel ragen kupferne Gauben daraus auf. Sie versorgen die Säle mit zenitalem Licht. Der Bau fügt sich dank  unregelmässigen Fussabdrucks umsichtig in den Kontext ein: Eine kurze Fassade schliesst die Bebauung an der Wangserstrasse, während gegen das angrenzende Quartier  Fusswege im dörflichen Massstab entstehen. Die Eingangsfassade bildet die Stirnseite und zugleich den Fluchtpunkt des neuen Rathausplatzes. Die beiden Rathäuser  flankieren sie auf einer Seite, zwei Altbauten auf der anderen. Die vierte Platzseite öffnet sich zum historischen Dorfplatz.
Loosli war die zusammenhängende Raumfolge vom Dorfplatz über den Rathausplatz ins Foyer bis in den Saal wichtig. Den  Übergängen schenkte er deshalb besondere Aufmerksamkeit. Es sind weiche Grenzen, die Räume definieren, ohne sie zu  trennen: Drei Stufen aus lokalem Verrucano-Stein führen vom Dorfplatz auf den gepflästerten Rathausplatz und fassen ihn räumlich. Die stolze Eibe an der Ecke hat eine Kanzel aus dem gleichen Stein erhalten. Das ausladende Vordach des Kulturhauses empfängt die Besucher und leitet vom öffentlichen Raum ins Innere über. Die Fenstertüren des entlang der  Fassade gestreckten Foyers gewähren Ein- und Ausblicke.
Diese feinen Gesten verankern das elegante Kulturhaus im dörflichen Boden. Das ist wichtig, denn Verrucano ist ein Haus für alle. Im Löwensaal werden Kinoabende, Bankette und Turnfeste genauso stattfinden, wie Symphoniekonzerte. Bühne, Akustik und Licht lassen sich für verschiedenste Ansprüche einstellen.
Die Vereine waren stark in die Planung eingebunden, was für alle Beteiligten anstrengend, aber für das Projekt eine  Bereicherung war. Den Konsens aus den langen Diskussionen nahmen die Architekten jeweils mit und machten aus Ideen  Architektur. Er würde das gleiche Bauwerk nie an einem anderen Ort realisieren, ist Loosli überzeugt. Das Kulturhaus sei  das spezifische Produkt einer gemeinsamen Vision für den Melser Dorfkern. Am Anfang dieser Vision stand nicht nur das  Bedürfnis der Vereine nach geeigneten Räumlichkeiten. Erklärtes Ziel des Gemeinderates war auch die Belebung des historischen Dorfkerns. Mit der Neugestaltung um den «Löwen» ergab sich die Chance, beide Anliegen unter einen Hut zu  bringen. Dafür nahm die Gemeinde einen langen und anspruchsvollen Weg auf sich. 2010 konnte sie mit dem Segen der  Stimmbevölkerung die privaten Parzellen erwerben, aus denen sich das spätere Baugrundstück zusammensetzte. Auf eine Machbarkeitsstudie von 2012 folgte der Projektwettbewerb im offenen Verfahren – ein bewusster Entscheid zu Gunsten der  architektonischen Qualität. «Raumfindung Architekten» mussten sich mit ihrem Lösungsvorschlag immerhin gegen 40 Konkurrenten durchsetzen.

Wertschöpfung vor Ort

Bei der Umsetzung setzten Bauherrschaft und Architekten auf Wertschöpfung vor Ort. Trotz internationaler  Vergabebestimmungen gingen 28 Prozent der Aufträge an Melser Unternehmen und ganze 95 Prozent blieben in der Ostschweiz. Der Holzelementbau besteht aus zertifiziertem Schweizer Holz und sogar im Terrazzo finden sich Melser Kieselsteine. Mit «Verrucano» geben «Raumfindung Architekten» und die Gemeinde Mels eine Antwort auf die Frage, wie zeitgemässes Weiterbauen im geschützten Ortskern funktionieren kann: Mit Gemeinschaftssinn und Qualitätsanspruch – vor allem aber mit einer Vision.

Bilder: Hanspeter Schiess

Architektur im Film

Neutra – Survival Through Design

Di 21. September 2021, 20 Uhr im Kinok

Einführung durch Johannes Stoffler, Landschaftsarchitekt, Zürich

Neutra – Survival Through Design is a comprehensive documentary encompassing the 125-year life, work and times of Architect Richard  Neutra – the legacy which continues today thru son Dion Neutra. From his upbringing in «Imperial» Vienna in 1892, his 1920’s Berlin/  Bauhaus days, to Los Angeles in 1925 via Chicago working with Frank Lloyd Wright, Rudolph Schindler, and his road to become the  preeminent Modernist Architect of our day, Survival Through Design is a personal, passionate, cross-cultural, colorful story.

Regie: PJ Letofsky, USA 2018, englisch, 102′
Weitere Vorführung: Mi 29. Sept. 18.15 Uhr

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72 oder auf Kinok

Einladungskarte September

Städtische Ausstellung im Forum

Asi Föcker: Vermutung der Form

Ausstellung Fr 10. September 2021 bis So 3. Oktober 2021
Öffnungszeiten Di – So, 14-17 Uhr

Vernissage Do 9. September 2021, 18.30 Uhr
Einführung: Kristin Schmidt, Kulturförderung Stadt St.Gallen

Asi Föcker

Einladungskarte

Sommer Camp Architektur 2021

St. Gallen

Fr 16. Juli 2021, 12 Uhr im Forum

Öffentlicher Abschluss und Präsentation

Wir möchten Sie herzlich zur Vernissage einladen, an der die Ergebnisse des Sommer Camp Architektur präsentiert werden.

 

Das Sommer Camp ist Teil des Projektes FRAUEN BAUEN! – weitere Veranstaltungen und Ausstellungen unter: www.zeughausteufen.ch und ninakeel.com

Anmeldekarte Sommer Camp Architektur St. Gallen 2021

Städtische Ausstellung im Forum

Machina Imaginis

Ausstellung Fr 11. Juni 2021 bis So 4. Juli 2021
Öffnungszeiten Di – So, 14-17 Uhr

Eröffnung mit Performance: Do 10. Juni 2021, 18.30 Uhr
Einführung: Kristin Schmidt, Kulturförderung Stadt St.Gallen

*Notiz: Eine Machina Imaginis ist eine Kunst-Maschine oder ein elektronisches Kunstwerk mit Bedienelementen, welche über Klänge, Lichter, Gefühl auf der  Haut, und manchmal auch Duft, Kontakt mit seinem Gegenüber herstellt. Sie ist auch Installation, Spielzeug und Instrument und zeigt ihr volles Spektrum gern  in Performances.

Machina Imaginis

Einladungskarte Machina Imaginis

Städtische Ausstellung im Forum

Stefan Rohner –  BREATHE THE GREEN Im Grünen Schwimmen

Ausstellung Fr 5. März bis So 28. März 2021
Öffnungszeiten Di – So, 14-17 Uhr

Es findet keine Vernissage statt. Der Künstler ist am Do 4. März 2021 vom 18.30-20 Uhr anwesend.

Saaltext: Kristin Schmidt, Kulturförderung Stadt St.Gallen

Veranstaltungen:

Farbakzente im Pflanzenreich, Vortrag von Heidi Moser, Co-Leiterin Botanischer Garten St.Gallen (Video in Arbeit)
Grüne Gedanken, Text-Collage mit Marcus Schäfer

Die Veranstaltungen finden nicht live statt. Sie werden per Videostream aufgeschaltet.

Parallel zur Ausstellung erscheint im Verlag edition-clandestin die Publikation «Breathe the Green – Im Grünen Schwimmen»

Die Publikation und die dazugehörige Ausstellung werden unterstützt durch die nachfolgenden Institutionen, dafür dankt Stefan Rohner herzlich:

Arnold Billwiller Stiftung
E. Fritz und Yvonne Hoffmann-Stiftung
Kanton Appenzell Ausserrhoden
Kanton St.Gallen
Kulturstiftung Appenzell Innerrhoden
Lienhard Stiftung
Stadt St.Gallen
Stiftung für Ostschweizer Kunstschaffen

Stefan Rohner

Einladungskarte Stefan Rohner

Farbwert

Axel Venn, Farb- und Trendforscher, Berlin / Katrin Trautwein, Chemikerin und Farbspezialistin, Uster / Moderation
Susanne Brauer, Philosophin, Zürich

Mo 29. März 2021, 19.30 Uhr im Livestream

Aufgrund der aktuellen Lage finden bis auf Weiteres keine Präsenzveranstaltungen statt. Die Veranstaltungen zum Jahresthema «Werte» können Sie hier über einen Livestream verfolgen.

«Ich möchte alle 10 Millionen Farbton-Nuancen, die Menschen in der Lage sind zu erkennen, mindestens einmal gemalt haben.»

«Die spielerischen, betörenden Illusionen, denen wir begegnen, heissen Farben. Jede Farbnuance besitzt eine autarke Wahrheit.»

Axel Venn ist em. Professor für Farbgestaltung, Wahrnehmungswissenschaften und Trendscouting. Seine farbwissenschaftlichen Arbeiten beziehen sich auf den mitteleuropäischen, den nordamerikanischen und den ostasiatischen Raum. Seine Forschungsergebnisse und Kommentare werden in zahlreichen Fachzeitschriften im In-und Ausland und in insgesamt 28 Fachbüchern publiziert. Er berät weltweit Unternehmen zu Fragen der Farbpolitik und Gestaltungsethik. Axel Venn ist Ehrenvorsitzender des Deutschen Farbenzentrums e.V., Wuppertal.

In einem jüngst erschienen Text äussert sich Venn: «Die spielerischen, betörenden Illusionen, denen wir begegnen, heissen Farben. Jede Farbnuance besitzt eine autarke Wahrheit. Farben und Formen haben ihre eigenständigen metasprachlichen, individuellen und kollektiven Inhalte. Darum nutze ich Farben aus phraseologischer Absicht, aber auch zur phonetischen Klangpartizipation.»
Viele der Bilder basieren auf farbforscherischen Erkenntnissen, die auf der Entschlüsselung vorder- und hintergründiger Appelle der Einzeltöne und Kolorits beruhen. «Farben sprechen nicht nur unsere Sprache. Ihre Zugangs-und ihre Versteckenskapazität sind universaler als wir denken.»

Die Kommunikationsfähigkeit der Koloraturen steht verbalen Botschaften ebenbürtig gegenüber. Formale Inhalte sind selten von poetischer Intensität wie reinfarbige Konzepte, die sich, losgelöst von umschliessender Begrenztheit, der Enge entziehen. Die Sehnsucht nach dem Amorphen ist grösser als nach zwei- und dreidimensionalen Flächen und Kuben oder blosser Dynamik. Ab und an jedoch ist das Bedürfnis nach konsequenter Definition und experimentellem Abschreiten ins messbar Begrenzte grösser als die Liebe zum Ahnungsvollen. Die Rückkehr zum Ungefähren, ins nebelhaft Getrübte oder unerkannt Verwobene bleibt notorische Option.

Axel Venn hat sich als Farbmentor national und international bekannt und auch als Künstler einen Namen gemacht. Seit Jahren schreibt und illustriert er seine Fachbücher, die nicht nur wegen ihrer Forschungsinhalte, sondern auch aufgrund ihres kreativen Ausdrucks Fachleute jeder Profession begeistern. Genauso lebhaft oder besinnlich wie sein Gestus sind seine meist grossformatigen künstlerischen Arbeiten. Sie bestechen durch ihre Farbdichte, die mal feinziseliert, mal mit fühlbarer Intensität und kräftigem Duktus erfolgt. Er selbst möchte alle 10 Millionen Farbton-Nuancen, die Menschen in der Lage sind zu erkennen, mindestens einmal gemalt haben. Für Venn ist die dialogische Befähigung seiner Arbeiten von ausschlaggebender Bedeutung. Darum widmet er dem Erwerber eines Bildes ein ihm zugewiesenes Gedicht. Dieses löst die stereotype Frage nach seiner künstlerischen Absicht «Was wollte uns der Künstler damit sagen?» in fünfzehn beflügelnden Zeilen auf. Die Arbeiten von Venn sind u.a. in vielen Privat- und Konzeptsammlungen im In- und Ausland vertreten.

Farbexperte Axel Venn

kt.COLOR Katrin Trautwein

Einladungskarte MRZ2 2021

Bildnachweis: Axel Venn

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Werterhalt

Livestream der Veranstaltung vom 4. Oktober 2021, 19.30 Uhr

Der Anlass wurde aufgezeichnet und ist hier bis 17. Oktober 2021 einsehbar.

Mehr Informationen zum Anlass finden Sie hier

Einladungskarte Oktober