Architektur Forum Ostschweiz

Jahresarchive: 2021

Wert $ – Wohnraum monetär

Heinrich Degelo, Architekt, Basel / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 1. März 2021, 19.30 Uhr im Livestream

Der Anlass wird ohne Publikum aufgezeichnet und kann auf unserer Website über einen Livestream verfolgt werden.

Annina Frehner, Künstlerin, Teufen und Leipzig, muss sich wegen Krakheit leider entschuldigen.

Handlungen, Gedanken und Gefühle werden durch die ständige Erfahrung baulicher Strukturen reproduziert und wirken auf die Vorstellung von  Raum zurück. Wie wird diese Wechselwirkung von Architektur und Gesellschaft zur Form? Was lässt uns glauben, wer wir sind, wohin und wozu wir gehören?
Und andersherum: Birgt eine eigenmächtige Gestaltung des physischen Raums die Chance, soziale Strukturen zu verändern? Inwiefern beeinflussen Besitz und Eigentum unsere Mobilität und was tragen sie zu unserer sozialen Verortung bei? Wie viel Platz beanspruchen unsere Dinge im gebauten Raum? Untersucht werden diese Fragen anhand von drei künstlerischen Raumprojekten: dem Einbau des Innenraums in geschwundener Form  zurück in den Ausgangsraum, der Weggabe des gesamten Besitzes im Rahmen der Verschenkaktion Ausräumung sowie der Bauaufnahme in  Serbien, bei der ein Werkbeitrag in ein einfaches Wohnhaus für eine junge Familie investiert wurde.
Annina Frehner

Nachhaltig und energieeffizient ist heute alles. Architekturlabels gaukeln Innovation vor, sind jedoch bloss Formen normierter Baustandards. Dieses Schönreden des Üblichen langweilt mich. Innovation geht anders. Innovation ist das Gegenteil der Norm. Wir haben uns auf die Suche gemacht  nach einem Schritt in die Zukunft. Ein Wohnhaus, das keine Heizung benötigt und doch angenehme Bedingungen bietet. Kostengünstig ist ein  weiterer Begriff, der für alles verwendet wird. Wir wollen nicht nur darüber reden, sondern konkrete Ziele erreichen. 10 Franken je Quadratmeter Wohnfläche war das gesetzte Ziel. Ich bin der Meinung, dass wir Architekten uns der Tatsache stellen müssen, dass nicht alle viel Geld für Wohnen ausgeben können und wollen.
Als Drittes haben wir eine Form gesucht, die unsere individuellen Bedürfnisse stillt. Die Zeit der Wohnnormen ist vorbei. Wir haben eine Form gesucht, in der individuelle Lebensentwürfe verwirklicht werden können. Da Ideale sich schnell ändern, sollten darüber hinaus Umgestaltungen jederzeit möglich sein.
Heinrich Degelo

Einladungskarte März

Bildnachweise: Heinricht Degelo, Annina Frehner

Dialog zwischen Natur und Kultur

Im Val Lumnezia, dem «Tal des Lichtes», macht zeitgenössische Architektur aus Abgeschiedenheit eine Stärke.

20.02.2021 von Susanna Koeberle

In ländlichen Gebieten baute man früher häufig ohne Architekten, nichtsdestotrotz steckt enorm viel Wissen in diesen Bauten. Im Fokus stand primär  ihre Nutzung, was ihrer Schönheit aber keinen Abbruch tut – im Gegenteil. Ein Besuch im Bündner Tal Val Lumnezia zeigt die Komplexität und  Aktualität lokaler Bautraditionen. Die Region Surselva ist nicht nur für ihr mildes, sonniges Klima und die malerischen Landschaften bekannt, sie hat  auch architektonisch einiges zu bieten. In den Dorfkernen des Val Lumnezia sind einige prächtige Bauwerke zu finden: etwa barocke Kirchen oder  mittelalterliche Türme.
Und trotz gelegentlichem architektonischen Wildwuchs braucht sich diese Landschaft auch bezüglich zeitgenössischer Architektur nicht zu verstecken. Berühmtes Beispiel dafür ist das Bergdorf Vrin. Die Um- und Neubauten des Architekten und ETH-Professors Gion A. Caminada gelten weitherum als Vorzeigebeispiele eines rücksichtsvollen Umgangs mit den Besonderheiten und Ressourcen eines Ortes. Caminadas Eingriffe in seinem Heimatdorf Vrin wurden verschiedentlich gewürdigt, unter anderem 1998 mit dem Wackerpreis. Landschaft entsteht durch ein Zusammenspiel von Kultur und Natur. Das Einfrieren dieser Begriffe auf ein Gegensatzpaar greift zu kurz. Wie wichtig gute Architektur für den Dialog zwischen Natur und Kultur sein kann, zeigt sich auch in abgelegenen Gegenden wie dem Val Lumnezia.
Ein Entwurf des Architekturbüros Capaul & Blumenthal aus Ilanz bestärkt diese Sichtweise. Oberhalb des Dorfes Vattiz liegt der Badsee Davos Munts. Die ehemalige Moorlandschaft wurde vor rund zwanzig Jahren in einen künstlich angelegten Badsee umgestaltet, der seither sowohl von der lokalen  Bevölkerung wie auch von auswärtigen Touristen rege genutzt wird. Dieses Freizeit- und Erholungsangebot wurde Schritt für Schritt weiterentwickelt. Eine ehemalige Stallscheune wurde zunächst zum Kiosk umfunktioniert. Dieses Provisorium wollte die Gemeinde in eine feste Infrastruktur überführen und lancierte deshalb 2005 einen ersten Projektwettbewerb, der allerdings versandete. Mit einem zweiten Wettbewerb wurde 2012 ein neuer Anlauf  genommen, aus dem schliesslich ein Entwurf von Ramun Capaul und Gordian Blumenthal als Sieger hervorging. 2015 wurde der Neubau fertiggestellt  und in Betrieb genommen.
Was will der Ort und was braucht das Tal? Solche grundsätzlichen Fragen stellten sich die Architekten vor der Ausarbeitung ihres Vorschlags. Sie  entwarfen einen zweistöckigen, länglichen Holzbau, der sich diskret an die topografischen Gegebenheiten anpasst. Durch die Einbettung in das  ansteigende Gelände tritt der Bau als einstöckig in Erscheinung. Das Rottannenholz stammt aus dem Val Lumnezia, für das Dach verwendeten Capaul  Blumenthal Quarzit aus dem nahe gelegenen Valsertal. Nicht nur die Materialien kommen aus der Umgebung, lokales handwerkliches Know-how sowie  die ortstypische Bauweise des Strickbaus sind weitere charakteristische Merkmale dieses Projekts. Das Betriebsgebäude beherbergt im unteren,  seeseitigen Stockwerk eine Gaststube – oder «ustrietta» auf Sursilvan, dem lokalen Idiom – sowie Umkleidekabinen mit Sanitäreinrichtungen für Besucherinnen und Besucher des Badsees, die auch von der hangseitigen Rückseite aus zugänglich sind.
Obschon solche doppelten Eingänge früher auch bei am Hang gelegenen Ställen verbreitet waren, stellt diese für die landwirtschaftlich geprägte Gegend untypische Nutzung eine Novität dar. Durch seine Machart reagiert der Bau sensibel auf die lokale Baukultur. Er zitiert diese, hütet sich aber davor, sie  zu romantisieren.

Würdigung der lokalen Baukultur

Auf die Positionierung des Sees etwas ausserhalb des Dorfes Bezug nehmend, gingen Capaul Blumenthal von der Bauweise temporär genutzter  Siedlungen in höherer Lage aus. Das Innenleben des Gebäudes ist wie bei der traditionellen Stube eines Maiensässes üblich ganz in Holz ausgeführt. Die  roh belassenen, unverkleideten Wände machen die Strickbauweise sichtbar; diese Eigenheit prägt auch die äussere Erscheinung des Baus. An der  seeseitigen, überdachten Hauptfassade zeigen sich viele bauliche Details, die auf das besondere Gefüge des Holzes deuten. Auch von der Giebelseite aus  betrachtet, wird das Prinzip des Zusammenfügens deutlich. Die hier angewendete Idee ist einfach, aber nicht selbstverständlich: Die Architektur zeigt,  was sie tut. So schön und unprätentiös kann die Einheit von Form und Funktion sein. Wer unter dem weit auskragenden Dach auf der Aussenterrasse der Ustrietta sitzt, erkennt über den Holzsparren die Steinplatten des Dachs und kann dadurch die archaische Kraft der Bergwelt erahnen. In diese  Landschaft setzt der Bau einen Akzent und bildet zugleich den Abschluss der Anlage. Das stimmige Ensemble interagiert subtil mit dem natürlichen  Raum.
Wenn ökologische und ökonomische Faktoren den architektonischen Ausdruck mitbestimmen, muss das nicht heissen, dass es diesem Bauwerk an Eigenständigkeit fehlt. Vielmehr beweist das Projekt beim Badsee Davos Munts, dass gute Architektur immer aus einem Zwiegespräch entsteht. Und dass dieses nicht im Schreimodus stattfinden muss, um erfolgreich zu sein. Die zeitgemässe Interpretation und adäquate Würdigung der lokalen  Baukultur kann als mögliche Strategie verstanden werden, Landschaftspflege zu betreiben. Auf eine solche sind wir angewiesen, wenn wir der  zunehmenden und unkontrollierten Zersiedelung unserer Landschaft nicht untätig zusehen wollen.

Bilder: Hanspeter Schiess

Energieagentur@AFO

33 und mehr Ideen: Wie Architekten gegen die Klimakrise entwerfen können

Mi 17. Februar 2021, 17 – 19 Uhr im Livestream

Der runde Tisch Energie und Bauen und das Architektur Forum Ostschweiz laden zur jährlichen Informationsveranstaltung ein. Aufgrund der aktuellen Situation findet der Anlass nur per Livestream statt.

Über diesen Link können Sie die Veranstaltung live mitverfolgen:
https://vimeo.com/484465900

Bis zum Jahr 2050 muss die Baubranche ihre CO2-Abhängigkeit loswerden. Hochparterre hat dazu 33 Ideen veröffentlicht, wie Architekten gegen die Klimakrise entwerfen können.

Der Name Countdown 2030 versinnbildlicht die dringende Handlungsnotwendigkeit. Das Kollektiv sieht diese Herausforderung als Chance für die Architektur, sich neu zu erfinden. Dazu will es inspirieren.

Begrüssung und Moderation
Silvia Gemperle
Leiterin Energie und Bauen, Energieagentur St.Gallen

Netto-Null-Gebäude – geht das?
Severin Lenel, Geschäftsführer Intep, St.Gallen

12 Irrtümer rund um klimagerechtes Bauen
Andres Herzog, Heftleiter und Redaktor Architektur, Hochparterre

Die Neuerfindung der Moderne
Jakob Schneider, Architekt, Mitglied Geschäftsleitung Salathé Architekten, Basel
Mitglied Architektengruppe countdown2030.ch

Aktuelles aus dem Kanton St. Gallen
Silvia Gemperle, Energieagentur St.Gallen

Einladungskarte

Mit Ihrer Anmeldung erhalten Sie weiterhin aktuelle Informationen rund um den EnergieTreff SG.

Bildnachweis: bürobureau

Das Gehöft zum Freilichtbaummuseum

Architekt Paul Knill macht mit der Renovation des Wohnhauses mit angebauter Scheune am Rand von Roggwil die Geschichte sichtbar.

09.02.2021 von Susanna Koeberle

Ganz brav in Reih und Glied stehen sie da, an die vierhundert Hochstammbäume: Äpfel-, Birnen-, Zwetschgen-, Pflaumen, Kirsch- und Nussbäume. Obstbäume prägen die Thurgauer Landschaft seit jeher, doch dieses rund fünf Hektaren grosse  Gelände ist etwas Besonderes: Jeder Baum trägt nämlich eine andere Obstsorte. Das Areal am Rand von Roggwil ist quasi  ein grosses Freilichtbaummuseum, denn viele alte Obstsorten sind heute leider verschwunden. Der Verein  Obstsortensammlung hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Vielfalt auch für die nächsten Generationen zu erhalten. Die Früchte sind nicht nur geschmacklich eine Bereicherung; Biodiversität zu fördern, ist auch aus ökologischer Sicht wichtig.  Denn die Ökosysteme der Natur haben aufgrund menschlicher Einflüsse erheblichen Schaden erlitten. Diese Tatsache ist  nicht nur botanisch gesehen eine Tragödie, sie bedroht nicht zuletzt auch uns Menschen.
Der beispielhafte Umgang mit den vorhandenen Ressourcen zeigt sich auf diesem Stück Land auch in architektonischer Hinsicht. Allerdings geht es dabei dezidiert nicht darum, das Bestehende zu musealisieren, sondern vielmehr um eine  Sichtbarmachung der Geschichte des Ortes. Der Architekt Paul Knill war 2016 vom Hochbauamt des Kantons Thurgau mit  einer Machbarkeitsstudie beauftragt worden; er überzeugte mit seinem Projekt zur Renovation des Wohnhauses mit  angebauter Scheune sowie der separaten Remise, die zum Grundstück gehören. Besitzer von Land und Liegenschaft ist der Kanton Thurgau. Der Erwerb des Territoriums wurde in den 1980er-Jahren möglich, nachdem die Autobahn A1, die  ursprünglich richtungsgetrennt geplant war, auf eine Autostrasse mit Gegenverkehr zurückgestuft worden war. Als die  Besitzer der Liegenschaft 2015 auszogen, kaufte der Kanton diese mit der Idee, die Gebäude neu zu beleben und an die  Bedürfnisse des Vereins Obstsortensammlung anzupassen, der den Boden seit 2005 pachtet. Die ersten Bäume pflanzte der  Verein bereits 1994, seither gedeihen diese prächtig. Solche Landschaften erinnern uns an die wechselseitige  Beziehung zwischen Mensch und Natur. Und auch Bauten sind eben häufig Teil von Kulturlandschaften.

Renovieren ist eine Form des Weiterbauens

Bei der dendrologischen Analyse des Hauptgebäudes entdeckten die Spezialisten, dass der Kern des Gehöfts auf das 17.  Jahrhundert zurückgeht. Weitere Merkmale deuteten auf eine frühe Entstehung dieses regionaltypischen Baus hin. Damit  war auch das Thema Abbruch vom Tisch, nicht zuletzt auch, weil das Bauwerk im Inventar des Amtes für Denkmalpflege  als bemerkenswert eingestuft ist. Paul Knill versteht seine Eingriffe als Form des Weiterbauens, die keinen  romantisierenden Lack über die alten Schichten legt, sondern ihre Diversität vielmehr zulässt und betont. Diese Haltung  werte die zeitgenössischen Interventionen sogar auf, findet der Architekt.
Im Sommer 2018 wurde der Umbau in Angriff genommen. In einer ersten Phase ging es um eine Inventarisierung des  Bestands. Nicht der übermässige Respekt vor der alten Bausubstanz stand dabei im Vordergrund, sondern das Einbetten  der verschiedenartigen Elemente in eine zeitgemässe Formenund Materialsprache. Insofern führte der Architekt die  Strategie weiter, die sich aus der Geschichte der Nutzung heraus entwickelte – einfach mit einem professionellen  Gestaltungsanspruch. Das Faszinierende an alten Häusern ist ihre stetige Transformation und so sieht Knill das Renovieren  auch nicht als Einschränkung, sondern im Gegenteil als hoch motivierende Arbeit.

Wiederverwenden als gestalterische Strategie

Dass er dabei auch mit den bestehenden Bauteilen arbeitete, ist konsequent. Für die beiden Fassaden etwa verwendete der Architekt nach Möglichkeit alte Bretter wieder, sei es vom Haus selber als auch vom Bauteillager der Denkmal Stiftung  Thurgau. Dabei interessiert Knill das Wiederverwenden nicht primär aus ökologischen Gründen, die Ästhetik des  Gebrauchten ist für ihn ebenso wichtig. Das Haus sollte nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten nicht neu aussehen,  sondern schon eine gewisse Patina besitzen. Diese sollte selbstverständlich sein und nicht die Vintage-Schiene bedienen. Bei der Erneuerung der Fassade wurden auch die Fenster verschoben, sodass ein ausgewogener Gesamteindruck entsteht.
Im Innern scheute sich Paul Knill auch nicht die flickwerkartige Entstehung zu kaschieren. So wurden etwa der Kachelofen  aus den 1960er-Jahren oder die «Plättli» in der Küche belassen. Dennoch erscheint die Atmosphäre stimmig und  harmonisch. Ein neues Gleichgewicht zu schaffen, ist manchmal eine grössere Herausforderung als das Bauen auf der  grünen Wiese. Vielleicht müssen wir uns auch verabschieden von der Idee eines einheitlichen Ganzen. Unsere Lebenswelt  besteht, wie die gebaute Umgebung uns das täglich vor Augen führt, aus Fragmenten und ist insofern stets künstlich  geschaffen. Genau so verhält es sich mit der umliegenden Landschaft. Eine Kulturlandschaft ist nichts Natürliches, wir neigen indes dazu, Natur als fernes Konstrukt zu idealisieren. Genau aus diesem Grund verlieren wir den Bezug zu ihr. Im  gleichen Zug bedeutet ein baukulturelles Erbe zu bewahren nicht, dass man es auf einen Sockel stellen soll. Vielmehr gilt es,  dieses lebendig zu erhalten. Das tun Baukünstler, indem sie seine Vielschichtigkeit sichtbar machen. Paradoxerweise verhindert genau diese Arbeit den Nonsens des «Hüsligeists», der allerorten – auch im Thurgau – sein Unwesen treibt.

Bilder: Hanspeter Schiess

Wert der Baukultur

Michael Fischer, Kantonsbaumeister St. Gallen / Björn Teichmann, Stadtplaner, Leipzig / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 1. Februar 2021, 19.30 Uhr im Livestream

Zur Rettung der Baukultur wurden in den vergangenen Jahren verschiedenste Initiativen gestartet.  Mitunter die «Erklärung von Davos», welche 2018 im Vorfeld des WEFs von den europäischen Kulturministern unterzeichnet wurde. Sie zeigt auf, wie eine hohe Baukultur politisch und strategisch verankert werden kann und ruft in Erinnerung, dass Bauen Kultur ist und gleichzeitig auch Raum für Kultur schafft.

Auf der Suche nach einer genaueren Beschreibung der Baukultur, trifft man auf Wikipedia auf folgende Umschreibung: «Baukultur ist die Summe aller menschlichen Leistungen, die die Umwelt verändern. Städtebau, Ortsplanung und Infrastrukturbauten gehören dazu und die Baukultur stützt sich auf die Geschichte und Tradition des Ortes ab.»

Entsprechend liegt es auf der Hand, dass sowohl der Heimatschutz wie auch die Denkmalpflege für den Erhalt der Baukultur eine bedeutende Rolle spielen.

Doch setzen wir Architekten, Planer und Bauherren uns – gemäss dieser Definition – für die richtigen Themen ein, um den Wert der schweizerischen Baukultur zu erhalten?

Einladungskarte Februar

Bildnachweis: Michael Fischer

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Die Festhütte im Massanzug

Im Melser Dorfkern investiert die Gemeinde bewusst in Baukultur. Das zahlt sich aus, wie das Kultur- und Kongresshaus Verrucano zeigt.

09.01.2021 von Deborah Fehlmann

Bis 2017 spielte das Melser Dorfleben im «Löwen». Die Beiz war eine Institution, und im Löwensaal tropfte an Fasnachtsfeiern und Turnerunterhaltungen der Schweiss fast  von der Decke. Zweifellos ging es hoch her, denn die Melser sind gesellige Leute. Ob Trachtengruppe,  Jugendriege oder Blasmusik – Vereine haben einen hohen Stellenwert. Das Hexenkesselklima war aber auch der Örtlichkeit geschuldet, denn der Löwensaal war eine sanierungsbedürftige Blechhalle. Was aus Nutzersicht unbefriedigend war,  störte auch das Ortsbild. Der Melser Ortskern ist laut dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung. Doch unmittelbar bei dessen Herzstück, dem Dorfplatz mit Brunnen und spätklassizistischem Rathaus, hatte sich nebst dem Blechkoloss auch ein unschöner Wohnblock breitgemacht.
Drei Jahre und eine Grossbaustelle später spielt das Dorfleben wieder hier, nur ist der neue Löwensaal aussen in eine weinrote Holzfassade und innen in Sichtholz gekleidet.  Seine Ausstattung genügt selbst Symphonieorchestern und auf dem Boden des weitläufigen Foyers glänzt heller Terrazzo. Vor den Fenstern plätschert ein Wasserspiel. «Verrucano» steht in schwebenden Metallbuchstaben über dem Sichtbetonvordach. So heisst das neue Melser Kultur- und Kongresshaus. Es versprüht städtisches Flair, und  wirkt im historischen Ortskern doch selbstverständlich. Das Büro «Raumfindung Architekten» hat das Haus, mit dem sich Mels baulich und kulturell eine neue Mitte gibt,  entworfen.

Zwei Häuser schaffen neue Räume

Beat Loosli ist mit knapp vierzig schon ein erfahrener Architekt. «Raumfindung » gründete er 2007 in Rapperswil. Der Entwurf sei knifflig gewesen, erinnert er sich. Der  Wettbewerb von 2013 umfasste neben dem Saal mit Bühne und Foyer auch Vereinslokale für Musik, Gesang und Tanz. Weiter waren ein Ergänzungsbau für die  Gemeindeverwaltung und eine Erweiterung der Weinkellerei im alten Rathaus zu planen. Im Aussenraum wünschte sich die Gemeinde einen öffentlichen Platz für Begegnung und Veranstaltungen. «Raumfindung» siegten mit einer Kombination zweier verschiedenartiger Bauten: Die Rathauserweiterung platzierten sie als gemauerten Kubus neben  das Bestehende an die Wangserstrasse. Mit steinernem Erdgeschoss, Walmdach und strengem Fensterrhythmus knüpft der hell verputzte Viergeschosser an die lokale  Baukultur an. Die Festhütte, wie Loosli das weinrote Kulturhaus nennt, zitiert diese viel freier. Seine Fenster folgen dem Rhythmus der hölzernen Tragstruktur. Auf dem gezackten Dach liegt Kies statt Ziegeln und entlang der Giebel ragen kupferne Gauben daraus auf. Sie versorgen die Säle mit zenitalem Licht. Der Bau fügt sich dank  unregelmässigen Fussabdrucks umsichtig in den Kontext ein: Eine kurze Fassade schliesst die Bebauung an der Wangserstrasse, während gegen das angrenzende Quartier  Fusswege im dörflichen Massstab entstehen. Die Eingangsfassade bildet die Stirnseite und zugleich den Fluchtpunkt des neuen Rathausplatzes. Die beiden Rathäuser  flankieren sie auf einer Seite, zwei Altbauten auf der anderen. Die vierte Platzseite öffnet sich zum historischen Dorfplatz.
Loosli war die zusammenhängende Raumfolge vom Dorfplatz über den Rathausplatz ins Foyer bis in den Saal wichtig. Den  Übergängen schenkte er deshalb besondere Aufmerksamkeit. Es sind weiche Grenzen, die Räume definieren, ohne sie zu  trennen: Drei Stufen aus lokalem Verrucano-Stein führen vom Dorfplatz auf den gepflästerten Rathausplatz und fassen ihn räumlich. Die stolze Eibe an der Ecke hat eine Kanzel aus dem gleichen Stein erhalten. Das ausladende Vordach des Kulturhauses empfängt die Besucher und leitet vom öffentlichen Raum ins Innere über. Die Fenstertüren des entlang der  Fassade gestreckten Foyers gewähren Ein- und Ausblicke.
Diese feinen Gesten verankern das elegante Kulturhaus im dörflichen Boden. Das ist wichtig, denn Verrucano ist ein Haus für alle. Im Löwensaal werden Kinoabende, Bankette und Turnfeste genauso stattfinden, wie Symphoniekonzerte. Bühne, Akustik und Licht lassen sich für verschiedenste Ansprüche einstellen.
Die Vereine waren stark in die Planung eingebunden, was für alle Beteiligten anstrengend, aber für das Projekt eine  Bereicherung war. Den Konsens aus den langen Diskussionen nahmen die Architekten jeweils mit und machten aus Ideen  Architektur. Er würde das gleiche Bauwerk nie an einem anderen Ort realisieren, ist Loosli überzeugt. Das Kulturhaus sei  das spezifische Produkt einer gemeinsamen Vision für den Melser Dorfkern. Am Anfang dieser Vision stand nicht nur das  Bedürfnis der Vereine nach geeigneten Räumlichkeiten. Erklärtes Ziel des Gemeinderates war auch die Belebung des historischen Dorfkerns. Mit der Neugestaltung um den «Löwen» ergab sich die Chance, beide Anliegen unter einen Hut zu  bringen. Dafür nahm die Gemeinde einen langen und anspruchsvollen Weg auf sich. 2010 konnte sie mit dem Segen der  Stimmbevölkerung die privaten Parzellen erwerben, aus denen sich das spätere Baugrundstück zusammensetzte. Auf eine Machbarkeitsstudie von 2012 folgte der Projektwettbewerb im offenen Verfahren – ein bewusster Entscheid zu Gunsten der  architektonischen Qualität. «Raumfindung Architekten» mussten sich mit ihrem Lösungsvorschlag immerhin gegen 40 Konkurrenten durchsetzen.

Wertschöpfung vor Ort

Bei der Umsetzung setzten Bauherrschaft und Architekten auf Wertschöpfung vor Ort. Trotz internationaler  Vergabebestimmungen gingen 28 Prozent der Aufträge an Melser Unternehmen und ganze 95 Prozent blieben in der Ostschweiz. Der Holzelementbau besteht aus zertifiziertem Schweizer Holz und sogar im Terrazzo finden sich Melser Kieselsteine. Mit «Verrucano» geben «Raumfindung Architekten» und die Gemeinde Mels eine Antwort auf die Frage, wie zeitgemässes Weiterbauen im geschützten Ortskern funktionieren kann: Mit Gemeinschaftssinn und Qualitätsanspruch – vor allem aber mit einer Vision.

Bilder: Hanspeter Schiess

Hauptversammlung

2021

Die Hauptversammlung 2021 wird in diesem Jahr schriftlich durchgeführt.

Alle Mitglieder, Fachverbände und Sponsoren werden zu gegebenem Zeitpunkt ein Schreiben sowie ein Abstimmungsformular erhalten, mit der Bitte, dieses bis zum 18.06.2021 per Post oder Email zu retournieren.

 

Das Protokoll der Hauptversammlung 2020 ist hier abrufbar:

Protokoll der HV 2020

LandschaftsarchitekTour

Arbon

Fr 11. Juni 2021, 13 – ca. 19 Uhr

Arbon hat in den letzten Jahren eine enorme Umstrukturierung und Wertetransformation erfahren. Das bauliche Erbe des Saurer Traditionsunternehmens hat weitreichende Impulse für die Weiterentwicklung der Stadt geliefert. Passend zum Jahresthema Werte des Architektur Forums Ostschweiz besichtigen wir unterschiedliche Bauten und Freiräume und bewegen uns im Spannungsfeld zwischen dem Wert der Baukultur und der Wertesteigerung durch Weiterentwicklung.

Auf unserer Exkursion besichtigen wir unter kundiger Führung die kürzlich erweiterte Schulanlage Stacherholz. Die Erweiterungsbauten sowie bewusst zurückhaltende Interventionen im Aussenraum konnten die zeittypische Idee der fliessenden Schullandschaft bewahren. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Wohnhochhaus von Georges-Pierre Dubois. Die Ikone plante er im Sinne von Le Corbusiers Unité d`Habitation Ende der 1950er Jahre. Von der Dachterrasse geniessen wir einen fantastischen Blick über Arbon und den Bodensee. Anschliessend spazieren wir entlang der Aach Richtung Saurer WerkZwei, wo wir im transformierten Stadtquartier der ehemaligen Maschinenfabrik den Park von Krebs und Herde Landschaftsarchitekten erkunden. Zum Abschluss besichtigen wir die nahe gelegene Textildruckerei in den alten Saurer Hallen, die als letzte Schweizer Handsiebdruck-Firma hochwertige Textilien herstellt. Bei einem gemeinsamen Apéro lassen wir den Abend ausklingen.

Beteiligte Personen
Sabine Hutter, hutterzoller Architektur St.Gallen / Marcel Specker, PR Landschaftsarchitektur, Arbon
Bettina Hedinger, Denkmalpflege Thurgau
Eva Dorsch, Krebs und Herde Landschaftsarchitekten, Winterthur
Martin Schlegel, TDS Textildruckerei Arbon

Anreise
Individuelle Anreise zB. mit Postauto von St.Gallen, Ausstieg Arbon Wildpark
Treffpunkt 13 Uhr Schulanlage Stacherholz, Parkplatz Standstrasse

Anmeldung
mit vollständigen Angaben bis Fr 4. Juni 2021 an landschaftsarchitektour@nulla-f-o.ch.

Mitglieder BSLA und Architektur Forum Ostschweiz gratis, Nichtmitglieder Fr. 30.-
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Eine Veranstaltung des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekt*innen BSLA und des Architektur Forums Ostschweiz

Bildnachweis: Eva Maria Bärlocher, TDS Textildruckerei, Arbon

Lignum@AFO vor Ort

Clea Gross, Clea Gross Architekten GmbH, Zürich / Stefano
Ghisleni, Ghisleni Partner AG

Mo 7. Juni 2021, 17.30 Uhr, Vollzugszentrum Bachtel, Hinwil

Besichtigung mit Referaten und Führung

In Zusammenarbeit mit Lignum Holzkette St. Gallen und Lignum Ost

Cleao Gross Architekten

Bildnachweis: Atelier für Architekturfotografie Seraina Wirz

Wertstoffe

Barbara Buser, Architektin, Basel /  Severin Lenel, Architekt, Umweltingenieur und Ökonom, St. Gallen / Moderation Susanne Brauer, Philosophin, Zürich

Mo 3. Mai 2021, 19.30 Uhr im Livestream

baubüro in situ

Bildnachweis: baubüro in situ

Farbwert

Axel Venn, Farb- und Trendforscher, Berlin / Katrin Trautwein, Chemikerin und Farbspezialistin, Uster / Moderation
Susanne Brauer, Philosophin, Zürich

Mo 29. März 2021, 19.30 Uhr im Livestream

«Ich möchte alle 10 Millionen Farbton-Nuancen, die Menschen in der Lage sind zu erkennen, mindestens einmal gemalt haben.»

«Die spielerischen, betörenden Illusionen, denen wir begegnen, heissen Farben. Jede Farbnuance besitzt eine autarke Wahrheit.»

Axel Venn ist em. Professor für Farbgestaltung, Wahrnehmungswissenschaften und Trendscouting. Seine farbwissenschaftlichen Arbeiten beziehen sich auf den mitteleuropäischen, den nordamerikanischen und ostasiatischen Raum. Seine Forschungsergebnisse und Kommentare werden in zahlreichen Fachzeitschriften im In-und Ausland und in insgesamt 28 Fachbüchern publiziert. Er berät weltweit  Unternehmen zu Fragen der Farbpolitik und Gestaltungsethik. Axel Venn ist Ehrenvorsitzender des Deutschen Farbenzentrums e.V., Wuppertal.

In einem jüngst erschienen Text äussert sich Venn: «Die spielerischen, betörenden Illusionen, denen wir begegnen, heissen Farben. Jede Farbnuance besitzt eine autarke Wahrheit. Farben und Formen haben ihre eigenständigen metasprachlichen, individuellen und kollektiven Inhalte. Darum nutze ich Farben aus phraseologischer Absicht aber auch zur phonetischen Klangpartizipation.»
Viele der Bilder basieren auffarbforscherischen Erkenntnissen, die auf der Entschlüsselung vorder- und hintergründiger Appelle der Einzeltöne und Kolorits beruhen. «Farben sprechen nicht nur unsere Sprache. Ihre Zugangs-und Versteckens-Kapazität sind universaler als wir denken.»

Die Kommunikationsfähigkeit der Koloraturen steht verbalen Botschaften ebenbürtig gegenüber. Formale Inhalte sind selten von poetischer Intensität wie reinfarbige Konzepte, die sich, losgelöst von umschliessender Begrenztheit, der Enge entziehen. Die Sehnsucht nach dem Amorphen ist grösser als nach zwei- und dreidimensionalen Flächen und Kuben oder blosser Dynamik. Ab und an jedoch ist das Bedürfnis nach konsequenter Definition und experimentellem Abschreiten ins Messbar-Begrenzte grösser als die Liebe zum Ahnungsvollen. Die Rückkehr zum Ungefähren, ins Nebelhaft-Getrübte oder Unerkannt-Verwobene bleibt notorische Option.

Axel Venn hat sich als Farbmentor national und international bekannt und auch als Künstler einen Namen gemacht. Seit Jahren schreibt und illustriert er seine Fachbücher, die nicht nur wegen ihrer  Forschungsinhalte, sondern auch aufgrund ihres kreativen Ausdrucks Fachleute jeder Profession begeistern. Genauso lebhaft oder besinnlich wie sein Gestus sind seine meist grossformatigen künstlerischen Arbeiten. Sie bestechen durch ihre Farbdichte, die mal feinziseliert, mal mit fühlbarer Intensität und kräftigem Duktus erfolgt. Er selbst möchte alle 10 Millionen Farbton-Nuancen, die Menschen in der Lage  sind zu erkennen, mindestens einmal gemalt haben. Für Venn ist die dialogische Befähigung seiner Arbeiten von ausschlaggebender Bedeutung. Darum widmet er dem Erwerber eines Bildes ein ihm  zugewiesenes Gedicht. Es löst die stereotype Frage nach seiner künstlerischen Absicht «Was wollte uns der Künstler damit sagen?» in fünfzehn beflügelnden Zeilen auf. Die Arbeiten von Venn sind u.a. in vielen Privat- und Konzept- Sammlungen im In- und Ausland vertreten.

Farbexperte Axel Venn

kt.COLOR Kathrin Trautwein

Bildnachweis: Axel Venn

Städtische Ausstellung im Forum

Stefan Rohner –  BREATHE THE GREEN Im Grünen Schwimmen

Ausstellung Fr 5. März bis So 28. März 2021
Öffnungszeiten Di – So, 14-17 Uhr

Es findet keine Vernissage statt. Der Künstler ist am Do 4. März 2021 vom 18.30-20 Uhr anwesend.

Saaltext: Kristin Schmidt, Kulturförderung Stadt St.Gallen

Veranstaltungen:

Farbakzente im Pflanzenreich, Vortrag von Heidi Moser, Co-Leiterin Botanischer Garten St.Gallen (Video in Arbeit)
Grüne Gedanken, Text-Collage mit Marcus Schäfer

Die Veranstaltungen finden nicht live statt. Sie werden per Videostream aufgeschaltet.

Parallel zur Ausstellung erscheint im Verlag edition-clandestin die Publikation «Breathe the Green – Im Grünen Schwimmen»

Die Publikation und die dazugehörige Ausstellung werden unterstützt durch die nachfolgenden Institutionen, dafür dankt Stefan Rohner herzlich:

Arnold Billwiller Stiftung
E. Fritz und Yvonne Hoffmann-Stiftung
Kanton Appenzell Ausserrhoden
Kanton St.Gallen
Kulturstiftung Appenzell Innerrhoden
Lienhard Stiftung
Stadt St.Gallen
Stiftung für Ostschweizer Kunstschaffen

Stefan Rohner

Einladungskarte Stefan Rohner

Gutes Bauen Ostschweiz

Dialog zwischen Natur und Kultur

Aktueller Beitrag von Susanna Koeberle

Artikel lesen

Wert $ – Wohnraum monetär

Heinrich Degelo, Architekt, Basel / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Der Stream ist online bis So 14. März 2021

Aufgrund der aktuellen Lage finden bis auf Weiteres keine Präsenzveranstaltungen statt. Die Veranstaltungen zum Jahresthema «Werte» können Sie hier über einen Livestream verfolgen.

Die Anlässe der Veranstaltungsreihe «Architektur im Film» in Zusammenarbeit mit dem Kinok, die nicht gemäss geplantem Termin stattfinden können, versuchen wir nachzuholen.

Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Stream powered by STÜRMER FOTO

verschoben: Architektur im Film

Aalto – Architektur der Emotionen

Di 19. Januar 2021, 20 Uhr im Kinok

Einführung durch Tide Huesser, Architekt, Arbon

Bildnachweis: Vyborg library hall, Euphoria Film