Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Oktober 2020

abgesagt: AUTO ex Nextex@AFO

An der Quelle – Brunnen im öffentlichen Raum

Do 29. Oktober 2020, 19.30 Uhr im Forum

Podiumsdiskussion mit Hansruedi Beck, Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / Roman Häne, Landschaftsarchitekt St. Gallen / Elisabeth Nembrini, Fachleiterin Bildnerische Gestaltung PHSG / Andrea Vogel, Künstlerin, St. Gallen

Eintritt 10.– / Mitglieder AFO und Visarte gratis

Veranstaltungssponsor:
Bärlocher Natursteine

 

Die Veranstaltung ist Teil der Ausstellung:

REMIXING: Öffentlichkeit, Brunnen, und andere Geschichten
Barbara Brülisauer, Andy Guhl, Marc Norbert Hörler, Frank Keller, Thi My Lien Nguyen, Marion Täschler

22. Oktober bis 15. November 2020
Öffnungszeiten Donnerstag 19 – 22 Uhr, Freitag 11 – 15 Uhr
AUTO ex Nextex, Wassergasse 47, St. Gallen
Auto ex Nextex

Das Interesse dieses Projektes liegt darin, die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Kunstwerke im öffentlichen Raum innerhalb des Einzugsgebietes der Visarte Ost (AI, AR, SG, TG) zu lenken. Ausgehend von dieser Idee nahmen wir die Brunnen der Ostschweiz in den Fokus und luden acht Kunstschaffende ein, sich einem Brunnen, als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit, zu widmen. Ausgehend von der künstlerischen Praxis der Kunstschaffenden sind Werke entstanden, von Installation über Video bis zu Fotografie und Publikation.

Einladungskarte

Bildnachweis: Marion Täschler

 

Architektur im Film

Precise Poetry – Lina Bo Bardi’s Architecture

Di 20. Oktober 2020, 20 Uhr im Kinok

Aufgrund der aktuellen Situation mit Covid-19 hat Sabine von Fischer die persönliche Anwesenheit für die  Einführung abgesagt. Marina Schütz vom Kinok übernimmt ihre Einführung.

Die italienisch-brasilianische Architektin Lina Bo Bardi (1914 – 1992) schuf Poesie durch architektonische  Präzision. Enttäuscht über den Konservativismus in  ihrer Heimat Italien nach dem Ende des faschistischen Regimes, fand sie 1957 in Brasilien eine neue Heimat und etablierte sich dort als die wichtigste Architektin  ihrer Zeit. Bo Bardis Kollegen und Freunde erzählen von den soziopolitischen Bedingungen und den persönlichen Ereignissen, die die Zeitlosigkeit ihres Werks bestimmen.
Belinda Rukschios filmische Reise zu Lina Bo Bardis  Bauten in São Paulo und Salvador da Bahia versucht die Frage zu beantworten, was von einer Person bleibt in dem Werk, das sie hinterlässt.

Zum Trailer

Regie: Belinda Rukschcio DE/A 2013, port., engl. UT, 53’

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72
www.kinok.ch

Weitere Vorführung So 25. Oktober, 11 Uhr

Veranstaltungssponsor:
ZZ Wancor AG

Bildnachweis: Markus Lanz, SESC Pompeia 2011 © Markus Lanz

Subtiler Dialog zwischen alt und neu

Der 400-jährige Torkel Romenschwanden ist der letzte Zeitzeuge in St. Margrethen, der an den Weinbau im Mittelalter erinnert.

03.10.2020 von Susanna Koeberle

Dionysos, der Gott des Weines, wäre bestimmt hocherfreut über dieses Projekt. Schliesslich  gehören zum Genuss dieses Getränks unbedingt auch Feste. Alleine im Kämmerchen alkoholischen Genüssen zu frönen – das haben wir in diesem Jahr gesehen – ist einfach nicht dasselbe. Dass ein  Torkel in Romenschwanden bei St. Margrethen zu seinen Ursprüngen zurückfand, war nicht nur in architektonischer Hinsicht eine gute Entscheidung. Auch für das soziale Zusammenleben schaffen  Renovation und Umnutzung des Baus einen Mehrwert. Eigentümerin und Auftraggeberin war die Ortsgemeinde St. Margrethen, welche für die Restaurierung des 400-jährigen Torkels den  Architekten Lukas Brassel beauftragte. Lange als Abstellraum für Maschinen und Brennholz  genutzt, ermöglicht der Umbau des historischen Bauwerks nicht nur eine neue öffentliche Nutzung  als Veranstaltungssaal, er bewahrt zugleich einen wichtigen Zeitzeugen der Geschichte dieser  Gegend.
Der Torkel gehörte zu dem 1602 erbauten Gutshaus der Zollikofer von Altenklingen, einer lokalen  Adelsfamilie, die auch Wein anbaute. Im Mittelalter war die Region ein wichtiges Weinbaugebiet, von dort aus wurde der Rebensaft bis nach Deutschland exportiert. Die Reblausplage um die  Jahrhundertwende setzte dieser Tradition ein Ende, in Romenschwanden wurden erst wieder in den 1980er-Jahren Rebstöcke gepflanzt. Das zweigeschossige Ökonomiegebäude wurde vermutlich aus Steinen der Ruine Grimmenstein erbaut, darauf deuten einige rötliche Sandsteine hin. Diese Verfärbung tritt durch starke Erhitzung auf. Sie ist ein Indiz, das sich mit dem  Niederbrennen der Burg im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen im 12. Jahrhundert in  Verbindung bringen lässt.

Weiterbauen in historisch wertvollem Kontext

Die besondere Bauweise des Mauerwerks prägt das Aussehen des schlichten Bauwerks, daran  wollte der Architekt Lukas Brassel möglichst wenig ändern. Vielmehr ging es ihm um den Erhalt der historischen Bausubstanz, die zugleich durch die dezenten Eingriffe durchaus einen  zeitgenössischen Ausdruck bekommen hat. An der Südwestfassade stabilisiert etwa ein neu eingebauter Stahlbetonrahmen das labile Bruchsteinmauerwerk. Vier grosse Doppelfenster machen  die Raumhöhe des Saals auch von aussen lesbar und betonen die Nutzung als öffentlicher Raum. Der Veranstaltungsraum bietet Platz für Anlässe mit 40 bis 60 Personen. Im Innern erleichtert ein pflegeleichter Boden aus versiegeltem Monobeton eine unkomplizierte Handhabung der Räumlichkeiten; auch sonst arbeitete der Architekt mit einfachen Materialien, die etwas  Unaufgeregtes ausstrahlen. Die Menschen im Raum sowie die alten Bauteile sollen die Hauptrolle spielen.
Am unverputzten Mauerwerk erkennt man eine damals verwendete Bauweise, das sogenannte  «Zwickeln». Statt mit teurem Mörtel wurden die Räume zwischen den grösseren Steinen mit  kleineren Gesteinssplittern aufgefüllt. Die unterschiedlich grossen Steine bilden ein interessantes  Gefüge, das auch heute noch funktioniert. Der Architekt konnte die alte Balkenlage der Decke  erhalten; diese wurde mit neuen Deckendielen versehen. Brassel beliess zudem die historische  Mittelstütze, was den Raum quasi symbolisch in der Vergangenheit verankert.

Fruchtbare Zusammenarbeit

Das Beleuchtungskonzept entstand in Zusammenarbeit mit Gallus Zwicker aus St. Gallen, die zwölf  Tische sind ein Gemeinschaftsentwurf von Lukas Brassel und dem Produktdesigner und Schreiner Markus Hangartner. Gerade bei älteren Bauten ist das Fachwissen von Spezialisten  besonders gefragt. Die Kollaboration mit Jürg Conzett war in dieser Hinsicht hilfreich. So entschied Lukas Brassel aufgrund der Expertise des bekannten Bauingenieurs, die WC-Anlagen nach unten zu verlegen, sodass der obere Hauptraum frei bleiben konnte.
Angrenzend an den vorhandenen Gewölbekeller, dessen Rundbogentor ebenfalls behutsam  restauriert wurde, befinden sich nun die Toiletten und ein Technikraum. Nach unten führt eine Treppe, deren filigranes Metallgeländer sich klar absetzt von der alten Bausubstanz. Eine feine Fuge im Beton markiert den räumlichen Eingriff. Die Materialisierung der unteren Räumlichkeiten ist einfach und doch wertig. Die Wände aus braun-schwarz filmbeschichteten Sperrholzplatten muten fast etwas asiatisch an.
Die Balance zwischen Bewahren und Erneuern ist hier vorbildhaft gelungen. Die neue Identität des Torkels basiert auf diesem subtilen Dialog zwischen alt und neu. Prägend für den modernen Charakter ist die vordere Fensterfront. Wenn die hölzernen Klappläden geschlossen sind, erkennt man die bauliche Massnahme kaum. Sind diese offen, wird die feingliedrige  Kolonnade sichtbar.  Sie dient der Befestigung der hohen Fenster und Läden, zugleich verleiht diese architektonische Geste dem Bauwerk Grosszügigkeit und Selbstbewusstheit. Es waren denn auch diese Fenster,  welche bei den Bauarbeiten finanziell ins Gewicht fielen, sodass diesbezüglich etwas Überzeugungsarbeit des Architekten notwendig war. Dass Brassel selber in der Gemeinde aufgewachsen ist, hat die Kommunikation sicher erleichtert. Die  Vertrautheit mit dem Kontext ist auf verschiedenen Ebenen eine gute Voraussetzung für eine solche  Aufgabe. Auch das Catering für Veranstaltungen besteht aus lokalen Produkten, das schafft eine zusätzliche  Wertschöpfung für den Ort. Der Begriff «Torkel» stammt aus dem lateinischen Wort «torculum» für Presse.  Diese steht zwar physisch nicht mehr im Raum, aber die Steine sind stille Träger von Geschichte: Der Bau erzählt diese weiter. Den Rest übernimmt der Geist des Dionysos.

Bilder: Hanspeter Schiess