Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: September 2020

Schönheit und Kunst

Katja Schenker, Künstlerin, Zürich / Josef Felix Müller, Künstler und Verleger, St. Gallen / Gabrielle Schaad, Kunst- und Architekturhistorikerin, Zürich / Moderation Barbara Bleisch, Philosophin, Zürich

Mo 28. September 2020, 19.30 Uhr im Forum

Ein archäologisches Ereignis mit hoher ästhetischer Wirkung

«Im Lichthof des Neubaus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz realisierte ich mein bisher spektakulärstes Kunstprojekt: einen über 100 Tonnen schweren, 11 Meter hohen Monolithen aus Beton, prall gefüllt mit eingegossenen Naturgegenständen, die ich sorgfältig gesammelt und ausgewählt hatte.

Thematisch befasst sich die Arbeit mit der Herausforderung, innere Stabilität und existenzielle Sicherheit zu wahren oder wiederzugewinnen in einer Welt, die zusehends virtueller – d.h. gegenstands- und substanzloser – wird. Eine Herausforderung, der sich auch all jene stellen müssen, die an der FHNW in Architektur, Life Sciences, Pädagogik oder Sozialer Arbeit lehren und studieren.

Der gigantische Monolith enthält in der Natur vorgefundene Materialien, in denen der bewegte Lauf der Zeit bereits kondensiert und zur Ruhe gekommen ist: Holz, Gestein, Metalle.

Die Fundgegenstände wurden auf gut 4 Quadratmetern etappenweise zu einem Turm aufgeschichtet und in Beton eingegossen. Anschliessend war die Diamantseilsäge auf dem Platz, um das eingegossene Material im Längsschnitt wieder freizulegen. Dabei wurde nicht bloss ein Kunstobjekt vollendet, das buchstäblich von der Zeit erzählt. Es handelt sich um ein archäologisches Ereignis mit hoher ästhetischer Wirkung.»

Katja Schenker

Um die Schutzmassnahmen bezüglich Covid-19 einhalten zu können, bitten wir um eine Voranmeldung bis Fr 25.09.2020 unter info@nulla-f-o.ch. Es gelten die Abstandsregeln, Desinfektionsmittel und Schutzmasken stehen bereit.
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt

Katja Schenker

Josef Felix Müller

Gabrielle Schaad

Veranstaltungssponsor:
Helvetia Versicherungen – General­agentur St. Gallen-Appenzell

Einladungkarte Sept/Okt

Bildnachweis: Martin Stollenwerk

Die Moderne im Kleinen

Die Architektur der 1930er-Jahre im Film

Di 15. September 2020, 20.15 Uhr im «Palace», Zwinglistrasse 3, St. Gallen

Marcel Bächtiger, Architekturhistoriker und Redaktor «Hochparterre», Zürich / Nina Keel, Kunsthistorikerin, St. Gallen

Marcel Bächtiger stellt im Palace, das 1924 von Moritz Hauser als Cinema erbaut wurde, Architekturfilme aus den 1930er Jahren vor: Anlässlich der Basler «WOBA» entstand «Die neue Wohnung» (1930), ein vom experimentellen Filmkünstler und Dadaisten Hans Richter geschaffener Film.

Marcel Bächtiger ist Architekturhistoriker, Hochparterre-Redaktor und Filmemacher und kommentiert den Film aus heutiger Perspektive, ebenso «Bâtir» (1930), ein Kurzfilm von Pierre Chenal in Zusammenarbeit mit Le Corbusier.

Eine Kooperation mit der Ausstellung DIE MODERNE IM KLEINEN und dem Palace.

Türöffnung 19:45, Beginn 20:15

Kollekte

Bildnachweis: © F.L.C 2020, ProLitteris, Zürich

Schönheit und Berechnung

Alex Herter, Architekt, Erlenbach / Paul Knill, Architekt, Herisau / Martin Bühler, Architekt, Zürich / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 7. September 2020, 19.30 Uhr im Forum

Denkt man an Berechnung im Zusammenhang mit Architektur, kommt einem nicht unbedingt zuerst der Begriff Schönheit in den Sinn. Eher denkt man z.B. an Statik,  Bauphysik oder Kosten. Der Ingenieur bemisst z.B. die Stärke einer Stütze nach Traglast und Materialfestigkeit und kommt so auf einen notwendigen Querschnitt in Form von Masszahlen. Wenn ich als Architekt aber die Stütze entwerfe, möchte ich sie vielleicht schlanker oder aber auch breiter haben, weil ich sie so als schöner empfinde. Damit beginnt es.

Die Frage ist: Welches Mass wähle ich? Die Begriffe Schönheit und Berechnung sind für den Architekten also über die Masszahl auf das Engste miteinander verbunden. Setzt man mehrere Masse zueinander in Beziehung, spricht man von Proportionen. Es ist vermutlich die älteste Frage in der Geschichte der Architektur: was sind gute, schöne oder harmonische Proportionen?
Der Erste, der sich über diese Frage Gedanken gemacht hat, ist Pythagoras. In der antiken Legende von Pythagoras in der Schmiede entdeckt dieser den Zusammenhang von Tönen und Masszahlen und formuliert daraus die erste Musiktheorie der Wissenschaft. Er begründet die fortan bis in die Gegenwart präsente Theorie der harmonischen Konsonanzen, die sowohl für die Architektur der Antike, des Mittelalters und insbesondere auch der Renaissance von hoher Gültigkeit war.

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Die Veranstaltung findet unter Einhaltung des aktuellen Schutzkonzeptes für öffentliche Veranstaltungen statt. Deswegen werden die künftigen Anlässe mit Anmeldung  durchgeführt. Wir nehmen die Kontaktdaten aller Besuchenden auf und informieren Sie, dass es allenfalls zu einer Quarantäne kommen kann, wenn es während der  Veranstaltung enge Kontakte mit COVID-19-Erkrankten gab. Anpassung an Schutzkonzept gemäss Vorgaben BAG vorbehalten.

Anmeldung erforderlich
bis Fr 4. September 2020 unter info@nulla-f-o.ch
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt

Alex Herter | Architekt

Paul Knill Architekt BSA

Veranstaltungssponsor:
Helvetia Versicherungen – General­agentur St. Gallen-Appenzell

Einladungskarte September

Bildnachweis: Kayser, «Harmonikalisches Grunddiagramm, Tafel 2» aus Dr. Hans Kayser, «Akroasis – Die Lehre von der Harmonik der Welt», 4. Auflage, Basel, 1984

Der Durchbruch zum Klostergarten

Kluge Planer können auch mit kleinen Eingriffen viel bewirken. Das beweist die Umgestaltung des Klinikareals St. Pirminsberg in Pfäfers.

05.09.2020 von Deborah Fehlmann

Das Postauto arbeitet sich im Zickzack den steilen Hang von Bad Ragaz nach Pfäfers hoch. Kurz vor dem Dorfzentrum thront direkt über der  Hauptstrasse auf felsigem Grund die Klosterkirche, das Wahrzeichen des Ortes. Zusammen mit den drei Gebäudeflügeln dahinter umschliesst  sie einen nahezu quadratischen Hof. Die frühbarocke Anlage stammt aus dem 17. Jahrhundert, doch die ersten Benediktinermönche zogen bereits 731 von der Inselabtei Reichenau ins Taminatal und gründeten hier das Kloster Fabaria. Fünfhundert Jahre später entdeckten sie weiter oben in der Schlucht eine Quelle, deren Wasser sogar der berühmte Paracelsus eine heilende Wirkung attestierte. Fortan war Pfäfers nicht nur ein Reiseziel-Gläubiger, sondern auch Heilsuchender aus dem In- und Ausland.
1838 hob der Kanton St. Gallen die Abtei auf und zog deren Geld und Güter ein. Eine Heilstätte blieb der Ort aber: Fünf Jahre später eröffnete  in den alten Gemäuern die Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg. Heute beherbergt das frisch restaurierte Kloster Behandlungsstationen, Büros und Sitzungsräume. Das jetzige Hauptgebäude der Klinik, ein pragmatischer Spitalbau aus den Siebzigern, wird dem barocken Denkmal nicht gerecht. Am fernen Ende ergänzt seit 2010 das Zentrum für Alterspsychiatrie die Anlage. Die grosse Qualität des Ortes liegt zwischen den Bauten: Inmitten der Bergkulisse geniessen Mitarbeitende, Patienten und Gäste sorgsam gepflegte Gärten, naturnahe Wiesen und einen guten  Kilometer Spazierwege auf dem Klinikareal. Sie sind das einstweilige Resultat eines 20-jährigen Entwicklungsprozesses.

Veränderung als Gemeinschaftswerk

«Als ich Mitte der Neunzigerjahre hierherkam war das Areal zwar gepflegt, aber eher funktional und freudlos gestaltet. Es gab viel ungenutztes Potenzial», erinnert sich Christoph Eicher. Als CEO der St. Gallischen Psychiatrie-Dienste Süd trägt er die Gesamtverantwortung für die Klinik in Pfäfers und drei weitere Psychiatriezentren. Er schwärmt von der Kraft des geschichtsträchtigen Ortes und von der umliegenden Natur, die zur Gesundung der Menschen beiträgt. Denn: «Die Vorstellung einer psychiatrischen Klinik als Versorgungsbetrieb ist überholt – heute steht die Gesundung im Zentrum. Die Patienten sollen sich hier aufgehoben fühlen, aber auch so bald als möglich nach Hause zurückkehren.»
Eicher beschloss, die Klinik in einen einladenden und inspirierenden Ort zu verwandeln. Zufällig lernte er in jener Zeit den St. Galler  Landschaftsarchitekten Tobias Pauli kennen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und Eicher beauftragte Pauli mit der Erarbeitung einer Gesamtschau über die Qualitäten und Entwicklungspotenziale des Areals. Ein einziger grosser Wurf, das wusste er, würde es nicht werden.  Dazu fehlten die Eigenmittel, und das Projekt war kaum dringlich genug, um sich rasch finanzielle Unterstützung durch den Kanton zu  erhoffen. Von Paulis Gesamtkonzept ausgehend, entschied Eicher sich deshalb für einen Wandel in kleinen Schritten. Deren Umsetzung in den Folgejahren gelang auch dank Drittmittel und der Begleitung durch das kantonale Hochbauamt.
Pauli erinnert sich gerne an den jahrelangen Prozess: «Wir trafen uns alle paar Monate, zogen Bilanz und diskutierten, was wir als Nächstes in  Angriff nehmen. Ärzte, Pflegepersonen und auch ein Koch wirkten bei diesen Beratungen mit – ein partizipatives Vorgehen.» Den Auftakt  machte Ende der Neunzigerjahre der Aussenraum der Cafeteria und des Haupteingangs, die im Zuge der Neugestaltung unter anderem zwei Wasserbecken erhielten. Als Nächstes gestaltete Pauli die terrassierten Torkelgärten um, wo die Mönche einst Reben und andere Nutzpflanzen gezogen hatten. Nun finden Ruhesuchende zwischen dem Grün geschützte Aufenthaltsnischen mit Blick in die Landschaft. Über einen  Mauerdurchbruch verband er die vormals abgeschlossenen  Torkelterrassen mit dem Zentrum der Anlage. Von der Cafeteria her gesehen, gibt der türgrosse Ausschnitt zugleich den Blick in die Berge frei. Dann entwarf der Landschaftsarchitekt die Spazierwege am Hügel oberhalb der Anlage, leitete eine umfassende Renaturierung in die Wege und wertete den Klosterhof mit feinen Eingriffen auf.

Eine Klinik, die ein offenes Haus sein will

Letzteres Projekt übergab er, der bis 2007 allein gearbeitet hatte, seiner Mitarbeiterin Susanna Stricker. Pauli bereitete in jenen Jahren seinen  Ruhestand vor und die beiden sprachen bald über eine mögliche Übernahme. Doch Pauli wollte seine potenzielle Nachfolgerin erst auf die Probe stellen: «Wir zeichneten je ein Projekt für die Umgestaltung des Klostergartens und legten die Entwürfe Christoph Eicher vor. Er entschied sich für ihren Vorschlag.» Das habe ihm Vertrauen gegeben, um sich 2013 vom Geschäft zu lösen.
Unter Strickers Leitung erfolgte die Neugestaltung des Klostergartens und der Aufgänge zum südlichen Hauptportal bis 2019. Zeitgleich liess der Kanton die Bauten sanieren. Der Wildwuchs wich einer üppigen Staudenbepflanzung, durchsetzt mit geschwungenen Wegen. Die barocke   Hauptfassade mit Freitreppe und geschmücktem Eingangsportal erscheint durch die Erweiterung mit Balustraden aus Sichtbeton nunmehr  repräsentativer. Geblieben sind nur eine mächtige Blutbuche und die alten Umfassungsmauern gegen die Strasse. Auch hier entstand dank  eines nur schmalen Mauerdurchbruchs eine neue räumliche Situation: Während der Weg vom Garten zum Eingang der Klosterkirche früher  umständlich über die Strasse führte, verbinden heute wenige Treppentritte die beiden Orte. Es ist eine von vielen Gesten, durch die auch  Aussenstehende den Weg in das durchwegs zugängliche Klinikareal finden. Denn auch das, sagt CEO Eicher, will die Klinik sein: ein offenes  Haus, das dazu beiträgt, die in unserer Gesellschaft noch immer vorhandene Zurückhaltung gegenüber psychisch kranken Menschen  abzubauen.

Bilder: Hanspeter Schiess