Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: November 2019

Gesetze machen keine Baukultur

Die Interessengruppe Ortsplanung Rheintal will die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit ihrer gebauten Umwelt motivieren.

30.11.2019 Interview: Deborah Fehlmann

Zersiedelung stoppen, Bauzonen verkleinern, Siedlungen verdichten und Kulturland schützen – das waren die Kernanliegen des revidierten Raumplanungsgesetzes, dem 63 Prozent des Schweizer Stimmvolks 2013 zustimmten. Am 1.Mai 2014 trat das neue Bundesrecht in Kraft und den Kantonen blieben fünf Jahre, um ihre Gesetzgebungen anzupassen.
Nun sind die kommunalen Richtund Nutzungspläne an der Reihe. Raumplaner definieren im Auftrag der Gemeinden parzellengenau, wo  was und wie viel gebaut werden darf. Sie legen fest, was bewahrt wird und wo Entwicklung stattfindet. Das wirkt sich auf unseren  Lebensraum unmittelbar aus: Baugesetze prägen die Ortschaften, in denen wir wohnen, arbeiten und unsere Freizeit verbringen. Rund 30  Architekten und Landschaftsarchitektinnen aus dem St.Galler Rheintal wollen Verantwortung übernehmen und den Prozess in der Region  mitgestalten. Offene Türen rennt ihre Interessengruppe Ortsplanung Rheintal (Igor) damit nicht ein. Ein Gespräch über Baugesetz und Baukultur mit den Vorstandsmitgliedern Joshua Loher, Dominik Hutter und Mike Föllmi.

Wieso sollen Architekten an der Ausarbeitung von Baugesetzen mitwirken?
Joshua Loher: Wir arbeiten letztlich damit und machen daraus Baukultur. Wir wissen, was funktioniert und wo Verbesserungsbedarf herrscht. Die Revision ist eine in unserem Berufsleben wohl einmalige Chance, dieses Wissen einzubringen.
Dominik Hutter: Bauen ist keine Privatsache. Man trägt etwas zum gemeinsamen Lebensraum bei. Als Teil dieses Räderwerks sind wir für die Entwicklung unserer Ortschaften mitverantwortlich. Gerade die Verdichtung stellt uns vor grosse Herausforderungen. Damit sie gelingt, müssen wir die Entwicklung steuern. Dazu brauchen wir erst einmal Zielbilder.

Fehlen diese heute im Rheintal?
Loher: Voraussetzung für die Definition eines Ziels ist ein Bewusstsein für die Besonderheiten des Ortes. Gemeinden mit einem historischen Kern wie Berneck oder Altstätten fällt das leichter. Es gibt aber Gemeinden, wo auf den ersten Blick nichts Erhaltenswertes vorhanden ist. Diese meinen oft, keine Baukultur zu haben.
Hutter: Viele Gemeinden erlebten in den letzten Jahren einen starken Einwohnerzuwachs. Das Dorf, wie man es von früher kennt, geht  verloren. In den Köpfen der Menschen ist das noch nicht angekommen.
Mike Föllmi: Auch die Behörden agieren grösstenteils noch innerhalb ihrer Grenzen, obwohl einige Gemeinden baulich längst  zusammengewachsen sind. Gerade in der Raumplanung würde übergreifendes Denken vieles vereinfachen. Im Frühjahr 2018 lud die Igor  alle Gemeinden von St.Margrethen bis Rüthi zu einem Gedankenaustausch ein. Anwesend waren auch die für sie tätigen Raumplaner. Mit ihnen hatte vorab ein positiver Austausch stattgefunden. Der Start war viel versprechend: Sämtliche Gemeindepräsidenten und  Bauamtsvorsteher erschienen zu dem Anlass. Auf den Vorschlag der Igor, als gleichberechtigte Partner neben Raumplanern und Gemeinderäten in den Kommissionen Einsitz zu nehmen, ging dennoch keine Gemeinde ein.

Der Wunsch nach Mitwirkung hat sich für Sie nicht erfüllt. Trotzdem haben Sie Ende 2018 einen Verein gegründet…
Hutter: Damit haben wir unseren Zweck ausgeweitet: Wir wollen für das Thema Baukultur sensibilisieren und es in der Gesellschaft verankern. An unseren Veranstaltungen fokussieren wir nicht auf einzelne Objekte, sondern auf den gemeinsamen Lebensraum. Zudem haben wir Arbeitsgruppen gegründet. Eine davon hat einen Kommentar zum Musterbaureglement der Vereinigung St.Galler  Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten verfasst.

Was kritisieren Sie am jetzigen Gesetz?
Föllmi: Es macht fast die Architektur! Das betrifft nicht nur Grenzabstände und Gebäudehöhen, sondern zum Beispiel auch die Ausbildung der Attikageschosse. Viele Investorenbauten bilden das Gesetz praktisch eins zu eins ab.
Hutter: Wobei ein Baureglement immer ein zweischneidiges Schwert ist. Die neuen Gesetze werden mehr Freiheit bieten, indem etwa die Ausnützungsziffer und der grosse Grenzabstand fallen. Das birgt auch Gefahren. Ein restriktives Gesetz kann negative Auswüchse  verhindern. Das führt gesamtheitlich zu mehr Qualität.

Ein restriktives Gesetz kann aber auch gute Lösungen verhindern.
Loher: Die Frage ist weniger, was man reglementiert, sondern wie. Nehmen wir die erwähnten Attikageschosse: Gemäss unserem  kommunalen Baureglement müssen diese, von der maximalen Gebäudehöhe her gemessen, an den Längsfassaden unter einem Winkel von 60 Grad zurückspringen. Das führt zu Auswüchsen mit zwei Attikageschossen! Im Thurgau dagegen heisst es, das Attikageschoss müsse  entlang mindestens einer Fassade um ein definiertes Mass zurückspringen. So bleibt Spielraum, um das Volumen sinnvoll anzuordnen. Hutter: Einverstanden, doch jede Regelung bringt neue Auswüchse. Gefragt sind weitere Werkzeuge der Qualitätssicherung, wie die  Professionalisierung der Bewilligungsbehörden. Die meisten Gemeinden prüfen Baugesuche nur formell. Was dem Gesetz entspricht, wird bewilligt. Eine Beurteilung bezüglich Raumplanung oder architektonischer Qualität findet nicht statt. Eine Lösung wären Gestaltungsbeiräte,  die Fragen objektbezogen beantworten können.

Baukultur ist mehr als die Summe von Vorschriften. Sie erfordert ein öffentliches Bewusstsein für ortsspezifische Qualitäten und eine gemeinsame Zielvorstellung. Die Hafenstadt Romanshorn beispielsweise erarbeitete unter Einbezug der Bevölkerung eine räumliche Entwicklungsstrategie. Sie bildet die Grundlage des kommunalen Richtplans und setzt die Leitplanken für die Planung und Beurteilung  künftiger Entwicklungen. Nur wenn wir die Gestaltung unseres Lebensraums als gemeinschaftliche Aufgabe verstehen, kann sie qualitätsvoll gelingen.

Die Interviewpartner
Dominik Hutter und Joshua Loher haben Igor initiiert und teilen sich das Präsidium. Mike Föllmi ist Vorstandsmitglied und Aktuar. Hutter und Föllmi sind selbstständige Architekten in Heerbrugg und Berneck, Loher ist Architekt und Architekturfotograf in Balgach.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

SIA@AFO

Beat Consoni, Architekt, St. Gallen / Lukas Imhof, Architekt, Zürich / Moderation Deborah Fehlmann, Architektin und Autorin, Zürich

Mo 18. November 2019, 19.30 Uhr im Forum

Der sia Thurgau ist zu Gast im AFO. Die beiden Thurgauer Architekten Beat Consoni und Lukas Imhof referieren und diskutieren. Beide sind langjährige Mitglieder und setzten sich auf vielschichtige und konsequente Weise für die Baukultur im Kanton bzw. in der Ostschweiz ein. Sie sprechen nicht primär von ihren Bauten, sondern vielmehr von selbstbewusstem Einfügen in vorhandene Bebauung und vom Ordnen städtebaulicher Strukturen. Consoni wie auch Imhof engagieren sich in den  Berufsverbänden, pflegen die Kommunikation und suchen die Auseinandersetzung. So gelingt es ihnen Baukultur zu kultivieren und so gekonnt und gezielt Einfluss zu nehmen. Ihre Beiträge als Berater und Experte fördern nicht nur die Kultur, sondern zeigen auch, dass Baukultur mehr ist als nur Architektur zu gestalten. So z.B. initiierte Consoni vor fünfzehn Jahren den sia Gestaltungsbeirat, welcher die Gemeinden bei ortsbaulichen und architektonischen Fragestellungen berät, dem heute auch Imhof angehört.

Einführung Ueli Wepfer, Architekt und Präsident SIA Sektion Thurgau

Eintritt frei

sia Sektion Thurgau

Einladungskarte NOV 2019

Bildnachweis: Edition Panorama Mannheim, Architekt Beat Consoni

Auf Zeit – Recycling

Dirk E. Hebel, Architekt, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) / Barbara Holzer, Holzer Kobler Architekturen, Zürich-Berlin / Markus Freitag, Co-Gründer FREITAG, Zürich / Moderation Barbara Bleisch, Philosophin, Zürich

Mo 4. November 2019, 19.30 Uhr im Forum

Der weitaus grösste Teil unserer Ressourcen wird zur Zeit aus der Erdkruste abgebaut, benutzt und dann entsorgt. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes konsumiert und nicht aus natürlichen oder technischen Kreisläufen ausgeliehen um anschliessend darin wieder aufzugehen. Dieser lineare Ansatz hat tiefgreifende Konsequenzen für unseren Planeten. Ökosysteme werden zerstört, das Klima gefährdet und viele Ressourcen wie Sand, Kupfer, Zink oder Helium werden bald nicht mehr technisch, ökologisch und ökonomisch sinnvoll vertretbar zur Verfügung stehen. Wir gefährden das Wohl künftiger Generationen. Wenn wir wollen, dass unsere gebaute Umwelt wirklich nachhaltig ist, können wir sie nicht länger als Dienstleister und Müllkippe verstehen.
Die gebaute Umwelt sollte dem entgegengesetzt begriffen werden als temporäre Lagerstätte von Rohstoffen in einem endlosen Kreislaufsystem – ein radikaler Paradigmenwechsel wäre nötig. Wir brauchen dringend neue Prinzipien für den Bau, die Demontage und die ständige Umgestaltung unserer gebauten Umwelt. Gleichzeitig müssen wir die Frage beantworten, wie neue Materialien hergestellt werden können, ohne noch mehr Ökosysteme zu zerstören. Wir müssen eine Verlagerung hin zum regenerativen Anbau, Zucht und Kultivierung von Ressourcen und Baumaterialien bewältigen, anstatt uns weiterhin auf endliche Vorkommen zu verlassen.

Barbara Holzer muss sich aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig entschuldigen.

Eintritt 10.– / Mitglieder AFO gratis

Karlsruher Institut für Technologie

Holzer Kobler Architekturen

FREITAG

Einladungskarte NOV 2019

Bildnachweise: Zooey Braun

Kleinode im Zwischenraum

Restflächen in Städten zwischen Architektur, Verkehr und Landschaftsplanung gelten als unspektakulär. Sie können zu Juwelen werden.

02.11.2019 von Franziska Quandt

In unserem Alltag bewegen wir uns durch die Stadt, ohne uns Gedanken über die vielteilige Planung des uns umgebenden Raums zu machen. Die vielen Disziplinen, die unsere Umgebung prägen wie Städtebau, Architektur, Verkehrsplanung und Landschaftsarchitektur nehmen wir als selbstverständlich hin. Oft bleiben zwischen diesen Stadtplanungselementen Teilflächen übrig, die nur wenige  Quadratmeter messen. Solche Restflächen liegen neben unserem Hauseingang, in Hinterhöfen oder an verkehrsreichen Strassen. Diese Flächen, und vor allem der Umgang mit ihnen, sind entscheidend dafür, ob eine Stadt als optisch ansprechend wahrgenommen wird.
Um den richtigen Umgang mit Restflächen bemüht sich die Stadt Rapperswil-Jona. Sie hat die qualitätvolle Entwicklung von kleinen Freiflächen in die städtebauliche Gesamtstrategie aufgenommen. Mit Blick auf die wachsende Bevölkerung der Stadt und die Frage, ob im Stadtgebiet ein genügend abwechslungsreiches Angebot an Freiräumen zur Verfügung steht, hat Rapperswil-Jona das  Landschaftsarchitekturbüro Hager Partner aus Zürich mit einer Studie beauftragt. Im «Grün- und Freiraumkonzept Rapperswil-Jona» wird der Bestand analysiert und werden Defizite und Potenziale definiert. Mit der Studie als Leitfaden konnte die Stadt Rapperswil-Jona eine konkrete Strategie entwickeln, um Aufenthaltsräume zu schaffen und diese gestalterisch und funktional aufzuwerten. Die Klein- und Restflächen der Stadt sind auch Teil dieses Konzepts.

Teppichmuster fasst grauen Falkenplatz optisch

Viele Orte sind in der Auseinandersetzung von Hager Partner mit den Freiräumen der Stadt Rapperswil-Jona konkret herausgearbeitet worden. Andere wiederum haben sich zum Beispiel durch die Implementierung des Grün- und Freiraumkonzepts in den Masterplan Siedlung und Landschaft der Stadt ergeben. So zum Beispiel der Platz am Einkaufszentrum AlbuVille, der durch einen Impuls der Eigentümerschaft im Zuge der Überarbeitung der Strassengestaltung der St.Galler-Strasse/Neue Jonastrasse entstanden ist. Die  Entwicklung der Neuen Jonastrasse zu einer attraktiven Zentrumsachse zwischen Jona und Rapperswil war eines der Ziele des Masterplans.
Der Platz, der offiziell Falkenplatz heisst, wird auf beiden Seiten von je einem Gebäude flankiert, gemeinsam bilden sie das  Einkaufszentrum. Das hintere Ende des Platzes wird von einer Passage abgeschlossen, die die beiden Bauten miteinander verbindet. Mit der Gestaltung des Falkenplatzes wurden die Landschaftsarchitekten von Atelier tp aus Rapperswil-Jona beauftragt. Sie fassten den Platz optisch, indem sie auf dem Boden einen «Teppich» ausbreiteten. Das gleichmässige Muster aus weissen, blauen und gelben Sternen definiert den Raum horizontal. Um den Platz in der Vertikalen einzugrenzen, haben die Landschaftsarchitekten jeweils an den Säulen der angrenzenden Gebäude Pflanztröge mit Rankpflanzen platziert. Mit diesen wenigen Eingriffen konnte Atelier tp den Platz  von einer undefinierten grauen Fläche zu einem gefassten Raum innerhalb der Stadtstruktur umformen.
Auch private Räume stellen innerhalb des Freiraumkonzepts mögliche Interventionsflächen dar. So ist der neue Pocketpark am Berufs-  und Weiterbildungszentrum (BWZ) Rapperswil-Jona ein gutes Beispiel, um Stadtzonen mit verschiedenen Atmosphären miteinander zu verbinden. Er bildet den Übergang zwischen einer Hauptverkehrsachse, der Zürcherstrasse und der Seepromenade. Auch für den Pocketpark BWZ zeichnete das Atelier tp verantwortlich. Er setzt sich aus mehreren Bereichen zusammen: ein befestigter Pausenplatz mit Parkplätzen, ein eigentlicher Parkteil und eine Velostellfläche, die der Turnhalle zugeordnet ist. Der Pausenplatz ist eine asphaltierte fast quadratische Fläche, die einen temporären Schulbau umgibt, der an den Altbau des BWZ anschliesst. Diese Zone wird nach Westen mit von Stahlbändern eingefassten Stauden- und Gräserbeeten abgeschlossen.

«Himmelssöhne» bieten Sichtschutz

Die Grünzone ist wiederum in zwei Bereiche unterteilt: Zum einen die südliche Zone entlang der Haldenstrasse, die mit Kies gedeckt ist, und auf der drei grosse Sitzsteine zum Verweilen einladen. Zudem die nördlich liegende Rasenfläche, die von einer grossen Kiefer dominiert wird. Weitere Bäume «Heptacodium miconioides» oder «Sieben-Söhne-des-Himmels» stehen auf beiden Flächen verteilt.  Diese halbhohen, eher buschartigen Gehölze verleihen dem Platz eine gewisse Intimität durch den Sichtschutz, den sie gewähren.
Die behutsame Erweiterung der Freizeitangebote am Seeufer ist ein weiterer Aspekt in der Entwicklung der Stadt Rapperswil-Jona und auch Teil des Konzepts von Hager Partner. Die Stadt hat dafür zum Beispiel eine Fläche im Ortsteil Kempraten ausgewiesen. Bereits seit 1998 gab es hier erste Bestrebungen, am mehrheitlich privaten Seeufer einen Zugang für die Bevölkerung zu schaffen.
Der neu geschaffene Seezugang Gubel ist ein verstecktes Kleinod, das von Fischer Landschaftsarchitekten gestaltet wurde. Entlang der  für Fussgänger und Radfahrer eher unattraktiven Zürcherstrasse liegt es hinter einem schweren schwarzen Metalltor. Durchschreitet man dieses, führt ein schmaler gezackter Weg hinab zu einem Kiesplatz mit Sitzgelegenheiten und zum Wasser, das hier mit einem  dichten Schilfgürtel zugewachsen ist. Rechter Hand des Wegs und des Sitzplatzes fliesst ein schmaler Bach in einem renaturierten Flussbett in den Zürichsee. Inmitten der Villen kann man sich hier auf den See und die in der Ferne liegenden Berge besinnen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess