Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: März 2019

Reise zu den Appenzeller Bahnhöfen

Von der Digitalisierung des Bahnbetriebs ist auch die Baukultur betroffen. Ein Augenschein zwischen Walzenhausen und Wasserauen zeigt: Die architektonische Identität der Appenzeller Bahnen ist so vielfältig wie das Appenzellerland.

23.03.2019 von Marcel Bächtiger

Eine Reise zu den Bahnhöfen der Appenzeller Bahnen fördert Erstaunliches zu Tage. Beispielsweise die Erkenntnis, dass man auf ihrem Schienennetz gut und gerne einen Tag verbringen kann. Es faltet und windet sich die Landschaft, einmal blickt man über die weite Fläche des Bodensees, ein andermal schaut man dunklen Wänden entlang nach oben, wo die Wolken schwer zwischen den Bergen hängen. Das touristische Marketing hat schon Recht: Das Appenzellerland ist das Appenzellerland, aber überraschend  vielfältig. An diesem Tag bleibt einzig das Wetter gleich, es regnet und stürmt in beiden Halbkantonen, und so ganz ohne Touristen kann es geschehen, dass man plötzlich allein in einem der neuen Züge sitzt, die «Tango» oder «Walzer» heissen und in guten Momenten fast schwerelos durch die Hügellandschaft gleiten. Nein, die Zeit bleibt nicht stehen bei den Appenzeller Bahnen, und das ist gut so: Das Fahrmaterial muss regelmässig ersetzt und den Anforderungen der Zeit angepasst werden.
Gilt das auch für die Bahnhöfe? Die Frage sorgt gerade für Aufregung in Trogen: Gemeinde und Appenzeller Bahnen möchten das alte Bahnhofsgebäude abbrechen und einen Neubau erstellen, der Verein «Alter Bahnhof Trogen» hält dagegen und fordert Bewahrung und Umnutzung. Eigenwillig hockt hier ein dunkler Holzbau in reich geschnitztem Chaletstil auf einem hell verputzten Sockel, man denkt an Zeiten, als man noch «Fremdenverkehr» und «Fremdenbüro » sagte. Neben der Tür, die heute in ein düsteres Warteräumchen führt, hängt ein Schild, das von früher erzählt.

Als es noch Schalter gab

Es gab einen Billettschalter, eine Gepäckaufgabe, eine Toilettenanlage, heisse und kalte Getränke. Oben wohnte und wirkte der Bahnhofsvorstand, eine längst vergessene Spezies. Einen Kiosk gibt es auch heute noch, nur befindet er sich seltsamerweise in einem Metallhäuschen, das man an die Stirn des alten Bahnhofs angebaut hat. Daneben stehen bereits die Bauvisiere für den Neubau, mit dem der renommierte Vorarlberger Architekt Bernardo Bader beauftragt wurde. Sein aus einem Wettbewerb hervorgegangenes Projekt schlägt in loser Anlehnung an den historischen Bahnhof einen dunklen Holzbau vor. Trotzdem fürchtet die eine oder andere Trogenerin den Verlust von Geschichte und Ortsbezug und verweist auf den Nachbarort Speicher, wo das Bahnhofshäuschen schon 1997 einem Geschäftshaus Platz machen musste. Der Verlust von Baukultur liegt hier auf der Hand, andererseits begreift man in Speicher auch gleich, was den Appenzeller Bahnen in Trogen fehlt: Hinter einer blauen Aussenputzfassade, die man so auch in Dietikon antreffen könnte, empfängt einen ein grosszügiges Verkaufslokal mit Bäckerei, Metzgerei und Café, in den oberen Stockwerken gibt es Platz für eine  Bank, eine Treuhandfirma und die Polizei. Beim alten Bahnhof Trogen hingegen, sagen die Appenzeller Bahnen, bestehe keine Nutzernachfrage. Mit Nutzer sind dabei wohlgemerkt nicht die Passagiere der Appenzeller Bahnen gemeint, sondern Mieter.
Die Auseinandersetzung um den Bahnhof Trogen ist deshalb vor allem Ausdruck eines umfassenderen Phänomens: Was früher konkrete Orte und Räumlichkeiten brauchte, was über hundert Jahre den architektonischen Typus Bahnhof bestimmte, ist heute unsichtbar geworden: Es geschieht anderswo, effizient verwaltet von Rechnern, deren Standort wir nicht zu kennen brauchen. Für Billette und Fahrplanauskünfte sind keine Schalter mehr vonnöten, nur das Telefon in der Tasche. Was bleibt, ist eine architektonische Hülle, auf der «Urnäsch», «Bühler» oder eben «Trogen» steht. Ohne Mieter wird ihre Instandhaltung schnell zur finanziellen Belastung.

Im Zeitalter der Digitalisierung

Die architektonische Identität der Appenzeller Bahnen ist derweil so vielfältig wie das Appenzellerland. Das Bahnhofsgebäude Walzenhausen beispielsweise, das sich heute im Besitz einer eigens gegründeten AG befindet und verschiedenes lokales Gewerbe beherbergt, ist ein charakteristischer Kleinbau aus den 50er-Jahren. Vor einigen Jahren sorgsam saniert, ist er auch ein Beispiel dafür, wie ein kleiner Bahnhof lebendig gehalten werden kann – Engagement und Nachfrage vorausgesetzt. Den Bahnhof Heiden wiederum beheimatet ein schmuckes  Fachwerkhäuschen, das nicht zuletzt deshalb nostalgisch stimmt, weil es hier wie in Appenzell noch eine bediente Verkaufsstelle gibt.
Man fährt natürlich auch an vielen Haltestellen vorbei, die nüchtern betrachtet nur einen Unterstand und einen Billettautomaten benötigen und deren architektonischer Auftritt ausgesprochen divers ausfällt. Und dann gibt es die stattlichen  Bahnhofsbauten von Teufen, Appenzell, Gais und Waldstatt, die alle im selben Stil erbaut sind und mit den barock geschweiften Mansardgiebeldächern ein stolzes Bild der Appenzeller Bahnen in die Welt tragen.
Thomas Baumgartner, der Direktor der Appenzeller Bahnen, ist sich deren baukulturellen Werts wohl bewusst. Natürlich bleiben diese Bauten erhalten, sagt er. Auch darum, weil ihre Grösse und Substanz neue Nutzungen zulassen, fügt er an. Denn Baumgartner kann nicht nur wollen, er muss auch rechnen. Die Vielfalt des baukulturellen Erbes erlaubt viele Mittelwege zwischen denkmalpflegerischer Bewahrung und radikaler Neukonzeption. Die Herausforderung wird sein, dem spezifischen Fall genauso wie dem Gesamtbild, der ökonomischen Vernunft genauso wie der baukulturellen Verantwortung Rechnung zu tragen. Ja, das Gespenst der Digitalisierung geht um, auch im Bahnbereich, auch im Appenzellerland: Vertrautes entschwindet in digitalen Wolken, Unbekanntes umfasst uns ungefragt. In den neuen Zügen berieselt ein Bildschirm die Passagiere mit kryptisch verkürzten Nachrichten.
Am Abend fährt das Bähnchen durchs verregnete Schwendetal. In Wasserauen, wo die Haltestelle ins Hotel integriert, aber das Hotel vorläufig geschlossen ist, steigt niemand ein und niemand aus. «Drei Raumfahrer machten sich auf den Weg zur ISS», vermeldet dafür das Newsportal. «Sie werden voraussichtlich sechs Monate im All bleiben.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Auf Zeit – Dazwischen

Matthias Bürgin, Raumplaner, Basel / Hansueli Rechsteiner, Stadtbaumeister St. Gallen / Jasmin Kaufmann-Häne, Regionalentwicklung, St. Gallen / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 4. März 2019, 19.30 Uhr im Forum

Mittlerweile sind es nicht mehr nur Industrie-, Gewerbe-, Bahn- und Militärareale, die brachliegen, sondern auch Büros, Kirchen,  Schulhäuser und andere Gebäudetypen. Allein in der Schweiz gibt es rund 2000 kleine und grosse solcher Areale und Objekte. Bei der Revitalisierung solcher Objekte spielt Zwischennutzung eine wichtige Rolle und substituiert erfolgreich die klassische Tabula-rasa-Strategie.
Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre zeigen, dass Zwischennutzung längst nicht mehr das Etikett von Unordnung, Hinterhofstimmung und schwieriger Mieterschaft trägt, sondern dass sie vielseitige gesellschaftliche und ökonomische Werte generieren kann. Dazu  gehören Belebung, Standortaufwertung, Adress- und Imagebildung, Pflegefunktion, zusätzliche Wertschöpfung, Testanlage und Inspiration für die Planung, Schaffen von Öffentlichkeit, Aufwertung der Nachbarschaft, Identitätsbildung, Nährboden für lokale Ökonomie und Start-ups, Förderung des kulturellen Lebens u.v.a.m.
Matthias Bürgin ist Geograf ETH und Raumplaner, halb freiberuflich, halb an der Hochschule Luzern. Er kennt Zwischennutzung seit 25 Jahren aktiv als Journalist, Mieter, Verwalter, Projektinitiant, Forscher und Berater. Er ist Autor des ursprünglich vom Bund herausgegebenen Leitfadens Zwischennutzung  (www.zwischennutzung.ch) und bearbeitet das Thema aktuell auch für www.densipedia.ch, die Plattform für Innenentwicklung von EspaceSuisse.

Büro Metis

Eintritt 10.– / Mitglieder AFO gratis

Einladungskarte März 2019

Bildnachweis: Matthias Bürgin, metis, büro für praktische klugheit

Verdichtung am richtigen Ort

Frauenfeld macht es vor: Die Wohn- und Geschäftsüberbauung Hauptpost von Staufer Hasler Architekten zeigt, wie qualitativ hochstehende Verdichtung an innerstädtischer Lage funktioniert.

02.03.2019 von Christoph Wieser

Voraussetzung für eine erfolgreiche bauliche Verdichtung ist ein kluger Städtebau. Dieser gewichtet Gebäude und Freiräume gleichermassen. Denn je knapper die Abstände und je höher die Baukörper, desto bedeutsamer werden die Zwischenräume und die Art, wie die Gebäude zueinander in Beziehung stehen. Damit ist nicht nur ihre volumetrische Ausbildung gemeint, sondern auch, wo die Eingänge liegen, die Fenster platziert und wie öffentliche und private Bereiche aufeinander abgestimmt sind. Des Weiteren ist die Gestaltung des Aussenraums bis zu den Bodenbelägen von grosser Bedeutung.
Im Fall der Wohn- und Geschäftsüberbauung Hauptpost in Frauenfeld kommt eine weitere Komponente hinzu: der Umgang mit dem Terrain. Weil die Strasse auf der Zugangsseite abschüssig verläuft und der Höhenunterschied zum rückwärtigen Teil zwei Geschosse beträgt, stellte die Ausbildung des Sockels eine Herausforderung dar. Staufer Hasler Architekten gestalten den Übergang zwischen Gebäude und Stadt als räumlich ansprechende, funktional komplexe Schnittstelle. Bindeglied ist eine Arkade mit hellem Terrazzobelag, die Öffentlichkeit symbolisiert und der Poststelle, dem Geschäft sowie den  Wohnungszugängen und der Treppe zum Hof als gedeckte Vorzone dient. Gleichzeitig befindet sich hier eine Bushaltestelle.
Beim angrenzenden alten Postgebäudevon 1898 ist der Sockel in Form einer massiven, bossierten Mauer ebenfalls wichtiges Thema und geht vis-à-vis vom Schloss in eine halbrunde, platanenbestandene Terrasse über. Diese wird vom frisch eingemieteten Restaurant als Gastgarten benutzt und bildet eine räumliche Klammer zum neu erstellten Aussenplatz an der nordwestlichen Stirnseite des Neubaus, der die Fläche zum angrenzenden Gebäude einnimmt. Ebenfalls mit Terrazzo-Platten belegt, kann der Zwischenraum vom Café im Rhyhof bespielt werden.

Altstadtring nach Wiener Vorbild

Eine grosse Qualität der neuen Überbauung, die mit der Sanierung und Umwidmung der alten Hauptpost als Gesamteingriff geplant wurde, besteht in der sorgfältigen Stadtanalyse und den daraus abgeleiteten Massnahmen. Wie an vielen Orten, wurde auch in Frauenfeld im 19. Jahrhundert nach Wiener Vorbild die Altstadt mit einem Ring stattlicher Einzelbauten und breiteren Strassen umgeben. Zusammen mit dem Schloss und dem Rathaus entstand eine Abfolge, zu der auch das Postgebäude gehört. Mit seiner markanten Kuppel bildet es den Auftakt der Rheinstrasse. Diese alte Verbindung nach Kurzdorf wurde 1848 begradigt und dammartig aufgeschüttet. Auf der stadtabgewandten Seite, wo das Terrain zur Murg abfällt, kamen mit der Kantonalbank und dem Rhyhof weitere Kuben hinzu, die den Strassenraum fassen und damit die Geländekante räumlich festigen. Spätere Erweiterungen des Rhyhofs und der Post lagerten sich im rückwärtigen Bereich an.
2009 gewannen Staufer Hasler einen Wettbewerb, bei dem die Posterweiterung durch einen Büroneubau ersetzt werden sollte. Das Projekt wurde bis zum Gestaltungsplan weiterentwickelt, ruhte dann ein paar Jahre und bildet nun die Basis der heutigen Lösung. Indem die Architekten den Altbau wieder freistellten, den betroffenen Fassadenabschnitt rekonstruierten und den Neubau als Zförmiges Volumen an der Rheinstrasse verankerten, tragen sie der ortsbaulichen Geschichte Rechnung. Gleichzeitig entstand eine räumliche Verdichtung, weil der neue Gebäudekörper eine grössere Höhe aufweist. Leider wird im rückwärtigen Teil das kantige Volumen durch die Attika etwas aufgelöst, ist aber über die zweigeschossige Ausbildung und Betonung der Vertikalen in das Gliederungssystem der Fassade eingebunden.

Atelierartig grosse Wohnräume

Bei erneuter Planungsaufnahme hatte sich die Situation verändert: Die Auftraggeber wünschten sich nun mehrheitlich Wohnungen. Die vom Gestaltungsplan vorgegebene Volumetrie war jedoch auf Büros zugeschnitten, so dass unkonventionelle Lösungen gefragt waren, insbesondere im vorderen Bereich entlang der lärmigen Strasse. Das Resultat sind teils hallen- oder atelierartig grosse Wohnräume, die von den unüblichen Geschosshöhen profitieren und mit einem Unterzug gegliedert sind.
Kernelement jeder Wohnung ist eine Abfolge von Küche, Wintergarten und kleinem Balkon, die den Wohnbereich erweitert. Der Wintergarten, der zum Balkon vollständig geöffnet werden kann, erzeugt mit ihm zusammen einen geräumigen, aber intimen Aussenbereich an diesem dicht bebauten, innerstädtischen Ort. Umgekehrt sind die mehrheitlich korridorlosen Grundrisse so angelegt, dass die  Fensterflächen über Zwischentüren möglichst zusammenhängend und damit grosszügig erfahren werden. Denn – das ist das Positive der engen Nachbarschaft – die Ausblicke sind überraschend vielfältig, oft wie ein Schaufenster zur Stadt oder gehen im hinteren Gebäudeflügel ins gewerblich geprägte Bleicheareal.

Zweifarbiger, warmtoniger Betonboden

Zur Wohnlichkeit trägt die sorgfältige Materialisierung bei. Die lasierten Holzfenster sind mit einem zweifarbigen, warmtonigen Betonboden kombiniert, der in den halböffentlichen Zugangsbereichen geschliffen ist. Ebenso robust und hochwertig ist der Gebäudeteil zur Stadt in gestocktem Sichtbeton ausgeführt, dessen gelbliche Farbe vom Zuschlag aus Kalkstein herrührt und die Farbstimmung vor Ort aufnimmt. Rückwärtig kam eine glatt verputzte Aussendämmung zum Einsatz. Zur vertikalen Gliederung der Fassaden sind zwischen den Fenstern zweigeschossige Streifen in einem etwas dunkleren Ton und mit rauerem Korn angeordnet. Ebenso wurde strassenseitig um die Fenster ein schmaler Bereich glatt belassen, so dass auch hier eine feine, geschossübergreifende Massstäblichkeit entsteht.
Der neue Stadtbaustein gibt der Rheinstrasse mit seiner Farbgebung, den stehenden Fensterformaten, der Arkade und den Terrazzoböden einen südländischen Akzent und der innerstädtischen Verdichtung ein qualitätsvolles Gesicht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Das Architektur Forum macht Sommerpause und wünscht allen eine gute Zeit!

Im September geht es weiter mit unserem Programm. Demnächst mehr…