Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Februar 2019

Architektur im Film – City for Sale

Einführung durch Andreas Wilcke, Filmemacher, Berlin

Di 19. März 2019, 20 Uhr im Kinok

Berlin gilt als neuer «Hot Spot» der westlichen Welt. Sogar aus den Megametropolen London und New York zieht es die Menschen an die Spree. Das Problem ist, dass immer mehr Menschen hier leben wollen, zumal Wohnungen im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen in Berlin (noch) unschlagbar günstig sind. Die Konsequenz daraus: ehemals staatliche Immobilien und Wohnungen werden privatisiert; Mietwohnungen werden zu Eigentumswohnungen, die sich nur die Reichen leisten können. Doch bevor die Immobilien veräussert werden können, müssen erst einmal die Mieter raus. Ein in den letzten Jahren stetig zunehmender Kreislauf kommt in Gang. Der Kampf um den attraktivsten Wohnungsmarkt Europas geht weiter. Die Dokumentation «City for Sale («Die Stadt als Beute») ist ein Langzeitprojekt von Regisseur Andreas Wilcke. Rund vier Jahre lang begleitete er alle beteiligten Akteure bei ihrem Bewerben, Bieten und Buhlen um den begehrten Wohnraum: Makler, Kaufinteressenten, Investoren, Mieter und Eigentümer. Er begab sich in die verschiedenen Bezirke der Stadt, um den Wandel auf dem Berliner Immobilienmarkt mit der Kamera einzufangen und präsentiert die jüngsten Entwicklungen sachlich und objektiv, zumeist nur als stiller Beobachter. Einen grossen Reiz des Films machen die unverstellten, persönlichen Gespräche und Abläufe von Besichtigungen und Unterredungen aus. Es ist ein intimer Blick hinter die Kulissen des heiss umkämpften Marktes, in dem schnell klar wird: Geld spielt für die Interessenten keine Rolle – zum Leidwesen der langjährigen Mieter und sozial schwachen Bewohner, denen nicht mehr viel bleibt, als sich langfristig an die Ränder der Stadt drängen zu lassen. Dies wird in einer Szene deutlich, die einen Kaufinteressenten an einer Immobilienmesse zeigt. Dieser geht von Stand zu Stand, benennt klar seine Wünsche («Altbau oder Loft») und äussert im Vorbeigehen ganz beiläufig: «Geld spielt keine Rolle.» «City for Sale» feierte 2016 am Filmfestival Max Ophüls Preis seine Premiere und ist aktueller denn je.

Zum Trailer

Regie: Andreas Wilcke, DE 2017, deutsch, 83’

Weitere Vorführung: So 31. März 11 Uhr

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72 oder auf Kinok

Veranstaltungssponsor:
Domus Leuchten und Möbel AG
Inhaus AG
ZZ Wancor AG

Einladungskarte März 2019

Bildnachweis: wilckefilms

Architektur im Film – Architektur der Unendlichkeit

Einführung durch Christoph Schaub, Filmemacher, Zürich

Di 5. Februar 2019, 20 Uhr im Kinok

Es gibt Räume, die ein Gefühl von Transzendenz auslösen. Schaub will dieses Gefühl erforschen und führt durch die Jahrhunderte abendländischer sakraler Bauwerke, zu Architekturkünstlern am Schnittpunkt zwischen Natur und Licht, Proportion und Mass und immer auch zum Menschen und seinem Verhältnis zur Natur, zur Existenz, zur Transzendenz. Eine persönliche Reise durch die Zeit, hin zur eigenen (Un-)Endlichkeit.

Zum Trailer

Regie: Christoph Schaub
CH 2018, deutsch, 91’

Weitere Vorführungen im Februar 2019
siehe www.kinok.ch

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72, www.kinok.ch

Veranstaltungssponsor:
Domus Leuchten und Möbel AG
Inhaus AG
ZZ Wancor AG

Einladungsarte Februar 2019

Bildnachweis: Pressecenter cineworx

Auf Zeit – Gedanken

Marc Wittmann, Zeitpsychologe, Freiburg im Breisgau / Christoph Schläppi,  Architekturhistoriker, Bern / Moderation Jean-Daniel Strub, Ethiker, Zürich

Mo 4. Februar 2019, 19.30 Uhr im Forum

Zeit im Raum: Wie Architektur auf das Zeitgefühl wirkt.
Das Phänomen der Veränderlichkeit der subjektiven Zeit ist eng an unsere  momentane Befindlichkeit und Aufmerksamkeit gekoppelt. Jüngste  Forschungsarbeiten aus Psychologie und Hirnforschung zeigen, wie eng Zeiterleben und Körpererleben zusammenhängen. Das Körpererleben, als Basis unseres  Selbstbefindens, erschafft das unmittelbare Zeiterleben im jeweiligen Moment. Aus dem Verständnis um Ich-gefühl und Körpererleben lässt sich ableiten, wie subjektive Zeit entsteht. Auch das unmittelbare Raumerleben wirkt über das  Icherleben auf das Zeitgefühl. Der gefühlte Raum, unser Befinden und die Zeit  wirken in wechselseitiger Verschränkung.

Eintritt 10.– / Mitglieder AFO gratis

Einladungsarte Februar 2019

Bildnachweis: Marc Wittmann

Sinnstiftende Irritationen

Wenn uns Bauten Rätsel aufgeben, ist meist die Kunst im Spiel. Warum das gut ist, zeigt eine kleine Rundschau aktueller Kunst-am-Bau-Projekte.

02.02.2019 von Marcel Bächtiger

Neulich kam die Kunst dem Bau in die Quere: Norbert Möslangs blau blinkende Installation  «Patterns» am Bahnhof St.Gallen, besser bekannt als binäre Uhr, besetzte mit der Stirnseite des  neuen Glaskubus just jenen Ort, der für eine grosse Anzeigetafel mit dem aktuellen Busfahrplan vorgesehen war. Man montierte die Anzeigetafel schräg unterhalb der letzten Zeile von Möslangs leuchtenden Symbolen, es schmerzte in den Augen. Man liess sich eines Besseren belehren,  demontierte die Tafel wieder und hängte sie an die seitliche Fassade des Glaskubus. Ein Sieg für die Kunst? Vordergründig ja, jedoch muss man gleich anfügen, dass mit einer besseren  Abstimmung zwischen Auftraggebern, Planern und Künstler der Konflikt von vornherein vermeidbar gewesen wäre. Auch gereichte die Geschichte dem Kunstwerk nicht zum Vorteil, fand sich die binäre Uhr doch plötzlich in einer unmöglichen Interessenabwägung wieder: Ist die Information über die nächsten Abfahrtszeiten für den Reisenden nicht sinnvoller und nützlicher als eine Uhr, die zu allem Unbill niemand lesen kann? Das mag durchaus sein, nur würde unter dem Banner der blossen Nützlichkeit unsere Welt schnell zu gespenstischer Einfachheit gerinnen.

Aufforderung zur Auseinandersetzung

Die «Uhr, die nur Ärger bringt» (so ein St.Galler Parlamentarier) ist ein typisches Beispiel für die Schwierigkeiten, mit denen sich zeitgenössische Kunst am Bau immer wieder konfrontiert sieht: Die Frage nach den Kosten steht schnell im Raum, die nach der Notwendigkeit ebenfalls. Dabei gehört die Nutzlosigkeit zum Wesen der Kunst, meint allerdings nur den Nutzen in seiner banalsten Form. Indem ein Kunstwerk Sinn und Geist der Betrachter stimuliert, indem es Gewissheiten in Frage stellt und neue Perspektiven eröffnet, erfüllt es fraglos einen zivilisatorischen Zweck. Im öffentlichen Raum kommt dies besonders zur Geltung: Die  Aufforderung zur Auseinandersetzung mit dem Ungewohnten richtet sich hier nicht an den  einzelnen Sammler oder die Kunstliebhaberin im Museum, sondern sie adressiert ungefragt die Allgemeinheit. Dass ein Kunstam-Bau-Projekt nicht nur Wohlgefallen, sondern auch Irritation hervorruft, ist deshalb nicht nur nachvollziehbar, sondern in gewissem Mass auch wünschenswert. Möslangs Uhr ist eben nur zur Nebensache eine Uhr, sie ist zunächst und vor allem ein Kunstwerk, das uns alle möglichen Rätsel aufgeben darf, darunter auch jenes nach der unablässig fortschreitenden Zeit.
Auf jeden Fall ist gute Kunst am Bau mehr als blosse Dekoration der Architektur. Tatsächlich überschreitet sie immer häufiger die Grenze zur Konzept- und Aktionskunst. Ebenfalls eine Uhr entsteht derzeit beispielsweise in Klosters, wo das Künstlerduo Remo Albert  Alig und Marionna Fontana den Studienauftrag für ein Kunst-am-Bau-Projekt des neuen Schulhauses gewonnen haben. Auch bei ihrem Werk stehen Zeit, Dauer und Wandel als Themen  im Zentrum, aber anders als bei Möslang weist die Technik nicht in die digitale Zukunft, sondern zurück auf die vielleicht ursprünglichste Erfahrung von Zeit und Raum. Im Boden des  Pausenplatzes wird eine Sonnenuhr eingelassen, welche die Zeit anzeigt, sobald eine Schülerin in der Mitte steht und ihren Schatten auf das Zifferblatt wirft. Der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung von Licht und Schatten steht hier die Flüchtigkeit eines Kunstwerks gegenüber, welches unter Mitwirkung des Publikums entsteht und mit seiner Absenz in den Ruhezustand zurückkehrt.

Auswüchse der Fantasie

Das Werk steht in einer langen Tradition von Schulhauskunst: Schon früh schmückten  Wandbilder die Lehranstalten der Schweiz, die Moderne brachte abstrakte Farben und Formen, später folgten frei geformte Brunnen oder farbige Spielskulpturen auf dem Pausenplatz. Für den Einbezug zeitgenössischer Kunst als beispielhaft gelten darf die Bündner Kantonsschule in Chur, bei deren Sanierung und Erweiterung die Kunst schon früh mitgedacht wurde: Das Hochbauamt schrieb für die verschiedenen Häuser und Neubauten nicht nur Architektur-, sondern auch Kunstwettbewerbe aus, was sich in der weitläufigen Schulanlage spürbar niederschlägt. So winden sich nun in der kürzlich eröffneten neuen Mensa und Mediothek merkwürdige Treppen ums Eck, Leitern hängen von der Decke und Türen führen ins Nirgendwo. Auf den Beton gemalt hat sie mit eigenwilligem Strich die Künstlerin Zilla Leutenegger: perspektivische Illusionen, die den eleganten Bau des Architekten Andy Senn gleichzeitig konterkarieren und in seiner schlichten Ästhetik stimmig ergänzen, rätselhafte Ausstrahlungen der Fantasie auch, welche die Gedanken des einen oder anderen Gymnasiasten in unbekannte Gefilde führen.
Das Bemalen von Wänden, bei Zilla Leutenegger in fast schon naiver Manier vorgeführt, ist  gleichzeitig ein Ur-Moment von Kunst am Bau. Bedürfte es dafür eines  anschaulichen Beweises, so fände man ihn im Wirtshaus zur Krone in Hundwil, wo wir auf das Werk «Triade » von Vera Marke stossen. Das wandfüllende Fresko offenbart seinen Sinn nämlich erst im Zusammenspiel mit der historischen «Blauen Stube» im Obergeschoss, wo der Gast vollends von bemalten Wänden und Decken umfasst wird und neben vielem anderen auch die Marmorimitationen bestaunen kann, die wiederum vom zeitgenössischen Fresko im unteren Stock imitiert werden. Von praktischem Nutzen ist hier wenig, anregend vieles. Und lehrreich dazu: eine Recherche des Historikers Thomas Fuchs über die Bilder aus ferner Vergangenheit gehört mit zum Werk.
Die Arbeit von Vera Marke wurde mit dem letzten «Prix Visarte» ausgezeichnet, dem Preis des Künstlerverbands für herausragende Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum. Visarte-Präsident Josef Felix Müller, ein unermüdlicher Kämpfer für die Wertschätzung, die Vermittlung und das Verständnis von Kunst am Bau, verweist in diesem Zusammenhang gerne auf die Datenbank mit sämtlichen eingereichten Projekten, die auf der Website des «Prix Visarte» einsehbar ist. Auch das ist eine Aufforderung zur Auseinandersetzung: Es gäbe noch manches zu entdecken.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Städtische Ausstellung im Forum

Salome Schmucki

Ausstellung: Fr 7. Juni bis So 30. Juni 2019
Öffnungszeiten: Di–So, 14–17 Uhr

Vernissage: Donnerstag, 6. Juni 2019, 18.30 Uhr
Einführung: Kristin Schmidt