Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Dezember 2018

Prix Lignum 2018 – Erfolge mit Holz

Ausstellung

Die Ausstellung zum Prix Lignum 2018 im Forum dauert von Mo 21. Januar 2019 bis Sa 26. Januar 2019 und ist täglich von 8 – 18 Uhr geöffnet.

In Zusammenarbeit mit der Lignum Holzkette St. Gallen und Lignum Ost

Prix Lignum

Bildnachweis: Corinne Cuendet, Clarens | LIGNUM

Das Architektur Forum Ostschweiz wünscht alles Gute für das neue Jahr 2019.

Am 4. Februar starten wir mit unserer neuen Veranstaltungsreihe zum Jahresthema „Auf Zeit“.

Wir freuen uns auf ein weiteres spannendes Jahr.

Dank Fernwärme gut gerüstet

St.Gallen baut die Fernwärme schrittweise aus. Das Büro von Thomas K. Keller gibt ihr über den Bau von Fernwärmezentralen eine prägnante architektonische Gestalt, die auf einem quadratischen Grundraster beruht.

22.12.2018 von Christoph Wieser

Manchmal schliesst sich der Kreis: Auf dem Gelände der ehemaligen Deponie Waldau im Westen von St.Gallen steht seit vergangenem Jahr eine Fernwärmezentrale, deren Hauptenergiequelle verbrannter Abfall ist. Das für die Fernwärmeversorgung benötigte heisse Wasser wird im Sittertobel in der Kehrichtverbrennungsanlage aufbereitet, die sinnigerweise in «Kehricht-Heizkraftwerk» umgetauft worden war. Die Namensänderung verweist auf die Karriere des Kehrichts, der vom Abfall, der ursprünglich ausserhalb der Stadt entsorgt wurde, zum begehrten Wertstoff oder, wie hier, zum Energielieferanten mutierte.
Das hallenartige Bauwerk mit bewegter Dachsilhouette stellt ein positives, zukunftsgerichtetes Symbol einer im Bereich der Energieversorgung auf Nachhaltigkeit setzenden Stadt dar. Es ist ein Industriebau, aber einer, den man gerne zeigt. Der am Rand eines Wohnquartiers mitten in einem kleinen Park stehen kann, ohne dass davon die spielenden Kinder beeinträchtigt würden. Kein Russ steigt aus den Kaminen und der Geräuschpegel im Innern wird über die Betonhülle gedämmt.

Symbol des Energiekonzepts 2050

Die Fernwärmezentrale Waldau ist der erste Hochbau, der im Rahmen des Energiekonzepts 2050 erstellt wurde. Dabei steht die Förderung der Energieeffizienz und erneuerbarer Energien in den Bereichen Wärme, Elektrizität und Mobilität im Vordergrund. Zu den wichtigsten Massnahmen gehört der Ausbau der Fernwärme, denn heute entfallen über 40 Prozent des städtischen Energiebedarfs auf die Wärmeversorgung. Die Fernwärme, gespeist aus Abfall, stellt dabei eine ressourcenschonende, zukunftsweisende Möglichkeit dar. Der Zentrale Waldau kommt im Netz eine dreifache Rolle zu: Erstens befinden sich hier die Pumpen, mit denen das 80 bis 130 Grad heisse Wasser vom Sittertobel auf den Talboden befördert wird, von wo es zu den Verbrauchern weitergeleitet wird. Zweitens stehen zwei Heizkessel zur Abdeckung der Spitzenlast an sehr kalten Tagen und als Rückversicherung zur Verfügung, falls im Kehricht-Heizkraftwerk eine Störung auftreten sollte. Als Energiequelle dient Öl, was derzeit unvermeidbar, aber ein Schönheitsfehler ist. Drittens wurde ein riesiger Wärmespeicher eingebaut, der die  Schwankungen im Netz ausgleichen kann. Daneben ist noch Platz frei für zwei Blockheizkraftwerke und im nordöstlichen Teil befindet sich ein Tausalzlager des städtischen Tiefbauamts.

Vom System zur Gestalt

Es ist St.Gallen hoch anzurechnen, dass die Stadt über einen Studienauftrag nach einem Konzept suchte, das dem Ausbau der Fernwärme einen architektonisch hochstehenden Ausdruck aus einer Hand geben wird. Das siegreiche Büro von Thomas K. Keller ist derzeit bereits an der Planung einer zweiten Zentrale im Osten der Stadt (Lukasmühle). Die Grundlage bildet erneut das im Wettbewerb entwickelte baukastenartige System. Dieses lässt sich auf einfache Weise an den jeweiligen Standort und die Nutzung anpassen und ist dennoch wiedererkennbar:
Eine schlanke, vorfabrizierte Betonstruktur mit einem Raster von sechs mal sechs Metern bildet das räumliche Gerüst. Dessen Hülle besteht aus shedartigen Oberlichtern und Wänden aus Ortbeton. Die Ausfachungen des Tragwerks könnten auch aus einem anderen Material sein und die quadratischen Oberlichter, deren geschlossene Flächen mit Solarpaneelen belegt sind, lassen sich beliebig drehen.
Die einfache Grammatik ebenso wie die reduzierte Farbigkeit und die robuste Materialisierung der  Fernwärmezentrale erinnern an herkömmliche Industriebauten. Allein die Elemente sind mit hohem gestalterischem Anspruch entworfen und so miteinander verbunden, dass das Resultat mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Stützen sind beidseitig abgeschrägt, unten schmal und oben breiter, wo sie auch stärker aus der Wandebene hervortreten. Die Stützenköpfe wirken ein bisschen wie archaische Kapitelle, sind ebenfalls konisch ausgebildet und leiten mittels einer weiteren Schräge zu den Randträgern über. Dadurch entsteht über die simple Reihung der Joche hinweg ein visueller Zusammenhalt. Auch deshalb, weil bei den Knoten die  einzelnen Tragelemente zu festen dreidimensionalen Rahmen verbunden sind und elegant von den Längs zu den Stirnseiten überleiten. Eine bewegte fünfte Fassade bilden die Oberlichter und die beiden Kamine, die der Zentrale einen dynamischen Abschluss geben.
Zwischen die Primärstruktur, die das Gebäude gliedert, sind je nach dahinterliegender Nutzung unterschiedliche Füllungen gesetzt: wandhohe Rolltore beim Salzlager, verglaste Öffnungen beim Treppenhaus und der Kesselhalle sowie in den vordersten zwei Jochen kolossale Drehtüren aus Beton, damit die Heizkessel bei Bedarf ersetzt werden können. Alle geschlossenen Flächen bestehen aus Mischabbruch-Recylingbeton. Unter Mischabbruch werden mineralische Materialien verstanden, die beim Rückbau eines Gebäudes anfallen. Hier wurden dem Beton vorwiegend zerkleinerte Backsteinstücke beigemischt, die den gestockten Oberflächen einen warmen, roten Farbton verleihen.
Während das Treppenhaus ebenfalls gestockt wurde, ist die Kesselhalle betont nüchtern gehalten: Die  unbehandelten Füllungen aus Ortbeton und die etwas dunkleren Betonelemente der Tragstruktur und Oberlichter sind mit der silbernen Technik und braun gestrichenen Stahlteilen kombiniert. Trotz dieser Zurückhaltung ist die Raumwirkung der zwölf Meter hohen Halle beeindruckend. Insbesondere, weil über den vertikalen Lichteinfall die architektonischen Elemente und die technischen Einbauten plastisch modelliert werden. Auch wenn die Anlage kein rauchender Koloss mehr ist wie frühere Kesselanlagen: Die Technik entfaltet dennoch eine elementare Kraft, die von der Architektur gerade so weit gebändigt wird, dass die Einbettung ins Wohnquartier glückt.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Wohnen – Innovation und Strategie

Florian Lünstedt und Gianni Chini, Architekten, Atelier 5, Bern / Elli Mosayebi, Architektin, Zürich / Martin Hofer, Immobilienexperte, Zürich / Moderation Barbara Bleisch,  Philosophin, Zürich

Mo 3. Dezember 2018, 19.30 Uhr im Forum

Bildnachweis: Siedlung Halen, Architektur Atelier 5, im Oktober 2007. (Yoshiko Kusano) / Atelier 5

Als die von Atelier 5 geplante Siedlung Halen bei Bern 1962 fertiggestellt und ihren Käufern übergeben wurde, war sie eine weithin anerkannte Innovation auf dem Sektor des Wohnungsbaus. Sie war eine am grünen Tisch entworfene Idee, ein Vorschlag für das Zusammenleben ihrer Bewohnenden, jedoch keine zwingend notwendige Antwort auf drängende gesellschaftliche Themen.

In der komfortablen Situation, den Menschen solche Angebote zu machen, ohne unmittelbaren gesellschaftlichen Nachdruck, sind wir heute und erst recht in Zukunft vermutlich immer weniger. Denn die Welt ist im Umbruch. Erneuerungen und Veränderungen schreiten immer schneller voran, sind miteinander verflochten und nicht selten einschneidend für die verschiedenen Akteure. Auch vor dem für uns alle bedeutsamen Lebensbereich des Wohnens macht diese Entwicklung keinen Halt.

In der Form eines Essays setzt sich der Vortrag mit den sechs Fragestellungen auseinander – wer baut wo, wie und für wen, wann und warum werden Wohnungen erstellt, bezogen nur auf unseren Kulturkreis.

Mit diesem Fokus wird ein Blick in die Glaskugel der Zukunft geworfen und mögliche Antworten, Strategien sowie Innovationen werden zur Diskussion gestellt. Dies jedoch nicht im Sinne einer streng wissenschaftlichen Auseinandersetzung, sondern gesehen durch die subjektive Brille eines Architekturbüros, das sich seit mehr als 60 Jahren unter anderem intensiv mit dem Wohnungsbau auseinandersetzt.

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Atelier 5

EInladungskarte Dezember

Was vom Wohnen übrig bleibt

Wohnen im Alter hat viele Facetten. Gemeinsam ist allen Formen, dass die Lebensqualität im Zentrum stehen sollte: In den eigenen vier Wänden ebenso wie im Alters- oder Pflegeheim.

01.12.2018 von Christoph Wieser

Wie möchte ich im Alter wohnen? Auf diese Frage gibt es so viele Antworten wie betagte Menschen. Kein Wunder, widmet sich eine stetig wachsende Anzahl an Firmen, Stiftungen, Vereinen, Genossenschaften und öffentlichen Einrichtungen diesem Thema. Unüberblickbar vielfältig sind die Angebote. Darin widerspiegelt sich die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft ebenso wie der Umstand, dass Alter längst nicht mehr mit Armut gleichgesetzt werden kann. Im Gegenteil: So wie der Tourismus zahlungskräftige Senioren umwirbt, profitieren Anbieter von Dienstleistungen für alte Menschen vom hiesigen Wohlstand. Nichtsdestotrotz sind viele auf eine preisgünstige Lösung angewiesen, muss doch oft über Jahre eine Betreuung oder Pflegeeinrichtung bezahlt werden.
Die Palette an Wohnformen reicht von der «normalen» Wohnung über eine spezifische Alterswohnung oder Wohngemeinschaft bis zum Alters- und Pflegeheim. In dieser Reihenfolge nehmen der Bedarf und das Angebot an Unterstützung zur Bewältigung des Alltags schrittweise zu. Dagegen verringert sich der Bewegungsradius der Bewohnerinnen und Bewohner. Ebenso verändern sich die Bedürfnisse an die eigene Wohnsituation: Die Wege ums Haus ersetzen die Spaziergänge durchs Quartier, der Balkon den Garten, der Speisesaal den eigenen Esstisch. Am Schluss zählt der Blick aus dem Fenster. Und besonders die Fürsorge durch Angehörige oder das Pflegepersonal.

Pflegeheim Heiligkreuz in St. Gallen

Deshalb ist die räumliche und atmosphärische Vielfalt zentral. Die Wohnung – oder gar das Zimmer – ersetzt die Welt. Wie also soll eine altersgerechte Wohnung oder ein Pflegeheim aussehen? Das Architekturbüro Allemann Bauer Eigenmann aus Zürich hat jüngst in St. Gallen das Pflegeheim Heiligkreuz fertiggestellt. Nun sind die Alterswohnungen im Bau, die etwas abgerückt stehen, damit der Blick auf die Kirche von Karl Moser frei bleibt. Auf die Frage nach der Wohnvorstellung verweist Patrick Allemann auf das Grandhotel: Wie dort, soll auch das Ambiente des Pflegeheims möglichst angenehm, vielfältig und anregend gestaltet sein. Deshalb liegen die Fensterbrüstungen tief, damit auch vom Bett oder dem Rollstuhl aus die Aussicht genossen werden kann. Die breiten Korridore auf den Etagen sind mit Sitznischen ergänzt. Grosszügig und wohnlich ausgestattet sind die Aufenthaltsbereiche mit Loggia. Im Erdgeschoss liegen die Gesellschaftsräume wie die öffentliche Cafeteria und der Speisesaal, im Untergeschoss der dank Hanglage natürlich belichtete Mehrzwecksaal. Als verbindendes Element wirkt die zentrale Halle, die bis hinunter zum Eingang des Saals reicht und gleichzeitig die Korridore der Pflegegeschosse mit Tageslicht versorgt.
Die räumliche Souveränität, die sich in der Abfolge, Proportion und funktionalen Zuordnung der einzelnen Bereiche zeigt, wird durch die sorgfältige Materialisierung unterstützt. Die Kombination von drei Materialtypen trägt zur angestrebten Vielfalt bei: hochwertige Materialien wie Kalksteinplatten oder «Holzteppiche» mit Fischgratmuster werden mit «armen» Materialien wie Sichtbeton und Zementfaserplatten und «abstrakten» Materialien wie Weissputz ergänzt. Zusammen mit den künstlerischen Interventionen – der Installation von Silvie Defraoui im Lichthof und dem kongenialen Farbkonzept von Adrian Schiess entsteht eine reiche Innenwelt, die dem sorgfältig gestalteten Gebäude Würde verleiht.

Alterswohnungen Blumenfeld in Altstätten

Eigentlich sollte jede Wohnung auch für alte Menschen behaglich sein. Gute Grundrisse sind an keine Altersgruppe gebunden, sondern Ausdruck hochwertiger Architektur. Gleichwohl gibt es Richtlinien und Eigenschaften, die es bei Alterswohnungen besonders zu berücksichtigen gilt. Dazu gehören grosszügige Eingangsbereiche und Korridore, damit die Bewegungsfreiheit mit einem Rollator oder Rollstuhl gewährleistet ist. Wichtig ist auch der wohnungseigene Aussenraum sowie räumliche Vielfalt. Der österreichische Architekt Josef Frank sprach um 1930 davon, dass eine Wohnung wie eine Stadt Wege und Plätze aufweisen sollte, damit unterschiedliche Zonen entstehen. Betrachtet man unter diesem Blickwinkel die zahlreichen Alterswohnungen, die in der Ostschweiz und dem Bündnerland kürzlich gebaut wurden oder im Bau sind, zeigen sich grosse Unterschiede.
Positiv fallen die Alterswohnungen Blumenfeld in Altstätten auf, die von Gäumann Lüdi von der Ropp Architekten aus Zürich geplant und im Frühling bezogen wurden. «An den Grundrissen haben wir sehr lange gearbeitet, bis sie diese Selbstverständlichkeit erreicht haben», sagt Eva Lüdi. In der Tat tragen bereits die sorgfältig gestalteten Treppenhäuser, der stattliche Balkon, die gezielt gesetzten Ausblicke und die langlebige Materialisierung zum guten Gesamteindruck bei. Kernstück der Wohnungen ist das räumliche Zusammenspiel von Entrée, Küche und Wohn-Ess-Raum, die mit einem möbelartigen Element voneinander getrennt und dennoch offen verbunden sind.
Dank der windmühlenartigen Grundrissform der beiden Punkthäuser ist jede der Wohnungen dreiseitig orientiert. Zudem ermöglicht dieser Gebäudetyp, dass die Parzelle nicht zu stark überstellt werden musste und die geforderte Renaturierung des Bachs umgesetzt werden konnte. Als verbindendes Element trägt die Wandelhalle mit einer Sitzbank wesentlich zur Gemeinschaftsbildung bei.
Immer öfter werden Alters- und Pflegeheime mit Alterswohnungen kombiniert, da auf diese Weise alle Pflegestufen bedient werden können. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Alterswohnungen Blumenfeld profitieren vom unmittelbaren Umfeld: Neben dem bestehenden kleinen Altersheim hat sich im Erdgeschoss die Pro Senectute eingemietet und auf der anderen Strassenseite liegt das Alters- und Pflegeheim Haus Viva. Bleibt die Frage: Sind solche Zentren die Zukunft? Oder eher Seniorenwohngemeinschaften und generationenübergreifendes Wohnen, wie vermehrt propagiert wird?

 

Bilder: Hanspeter Schiess