Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Februar 2018

Architektur im Film – Franz Füeg. Neugier und  Widerstand. Ein filmisches Zeitdokument zum 95. Geburtstag von Franz Füeg, Architekt

Gespräch mit Regisseur und Architekt Patrick Thurston, Bern / Jürg Graser, Regisseur und Architekt, Zürich / Franz Füeg, Architekt, Solothurn

Di 20. Februar 2018, 20 Uhr im Kinok

Jürg Graser und Patrick Thurston nähern sich dem Menschen Füeg in seiner vertrauten Umgebung. Sie lassen ihn ohne starres Konzept zu Wort kommen. Sie fragen nach, schaffen einen vertrauensvollen Raum, in dem Erinnerungen auftauchen, und folgen seinen Lebenslinien.  Die langen, unvorbereiteten Gespräche zeigen einen Menschen, der Architektur als ein weitläufiges kulturelles Ganzes versteht. Franz Füeg legt nicht fest. Er ist wach, neugierig, suchend und voller Widerstandswillen, noch heute im hohen Alter.
Die Auswahl aus dem Material der Gespräche wird ergänzt durch fotografische Spaziergänge  durch die Bauten von Franz Füeg. Als Beispiele werden das Musikerhaus an der  Blumensteinstrasse in Solothurn, die Universitätsinstitute in Fribourg und die Kirche Meggen besucht.

Patrick Thurston und Jürg Graser führen ein Gespräch über Architektur und den Film. Franz Füeg ist aus gesundheitlichen Gründen leider verhindert.

Regie: Patrick Thurston, Jürg Graser CH 2016, D, 45‘

Weitere Vorführung: Mi 28. Feb 18.45 Uhr

Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72, www.kinok.ch

Veranstaltungssponsor:
Domus
Xella

Einladungskarte Februar

Die Dorfbeiz wird zum Kleinod

Über viele Generationen bot das Gasthaus Rössle  den Bewohnern von Mauren einen Begegnungsort im Dorfkern. Nach umfassenden Sanierungs- und  Umbaumassnahmen wurde das Gebäude als  Kulturhaus wieder für die Bevölkerung geöffnet.

16.12.2017 von Tina Mott

Die Türklinke aus Gusseisen liegt schlank und kühl in  der Hand. Der Besucher senkt leicht den Kopf und tritt  über die Schwelle. Ein harziger Geruch von frisch  gewischtem Holz steigt in die Nase, unter den Schritten  knarrt leise das matt gebohnerte Parkett im  Fischgratverband. Zu behaupten, die Gaststube wirke, als sei die Zeit stehen geblieben, wäre ein Klischee, und  doch birgt sie den Zauber einer Welt von gestern. Die  Proportionen des Raumes und seiner Ausstattung sind etwas kleiner und zierlicher gedacht, als wir sie von den  Objekten der heutigen Zeit kennen. Hier wurde  vieles von Hand gefertigt. Die Spuren der traditionellen Arbeitsweisen treten als feine Pinselstriche im Lack oder winzige ovale Lufteinschlüsse im Fensterglas in Erscheinung.
«Das ‹Rössle› ist ein Haus voller Geschichten, es regt die Menschen zum Erzählen an.» Elisabeth Huppmann arbeitet als Kulturbeauftragte der Gemeinde Mauren in Liechtenstein und leitet seit der Eröffnung vor drei Jahren den Betrieb im revitalisierten Gebäude. «Das ist auch heute noch so. Nach unseren Veranstaltungen bleiben die Gäste aus dem Dorf gern in den Stuben sitzen und erzählen Geschichten über diesen Ort. Gerade die ältere Generation hat hier ja auch viel erlebt.»
Im Dorfkern etwas oberhalb der Kirche wurde die Wirtschaft «Zum weissen Rösslein» 1833 erbaut und bereits einige Jahre später durch einen Anbau ergänzt. Die Einheimischen kamen dort am Sonntag nach der Messe zusammen oder trafen sich zum Kartenspielen in den Stuben. Viele haben Hochzeiten und Taufen im Saal gefeiert, hier wurden Theater gespielt und Tanzabende veranstaltet. Das Gasthaus war über viele Jahrzehnte der Ort in Mauren, an dem das rege Gemeinschafts und Vereinsleben des Dorfes stattfand und wird nun in dieser Tradition als Kulturhaus für das heimische Publikum weitergeführt. Seit Januar 2015 bietet das «Rössle» ein abwechslungsreiches Programm für die Menschen der Region, von Konzerten, Vorträgen, Theatervorstellungen und Ausstellungen bis hin zum monatlich stattfindenden Maurer Literaturcafé oder einem Jassturnier für Senioren. Zudem kann einmal im Jahr jeder der mehr als 60 Ortsvereine eine Veranstaltungsstätte der Gemeinde gratis nutzen, und auch hier wird das vielfältig bespielbare Haus gern gebucht. Dabei stand das Gebäude im Jahr 2008 knapp davor, abgerissen zu werden. Eine offizielle Abbruchbewilligung durch das Hochbauamt war bereits unterzeichnet.
Die letzte Wirtin musste 1998 in Pension gehen, ohne  einen Nachfolger zu finden. Nachdem sie zehn Jahre in dem leeren, baufälligen Haus gelebt hatte, entschloss sich die Familie schweren Herzens für einen Neubau. In diesem Rahmen fanden Begehungen der Altsubstanz statt, wodurch das Interesse der Öffentlichkeit geweckt wurde. Nun schlossen sich Vertreter des Ressorts Kultur, der Denkmalpflege und der Gemeinde kurzfristig zu einer Arbeitsgruppe zusammen, um die Erhaltungswürdigkeit des Gebäudes zu prüfen und gegebenenfalls auch eine Nachnutzung anzudenken. Auf Grund der Baustruktur des Gastbetriebes mit Saal und Bühne lag die Idee eines Kulturhauses bereits nahe. Das grosse Problem war aber der schlechte bauliche Zustand des Treppenhauses und der Sanitäranlagen.
Nachdem das Vaduzer Architekturbüro Kaundbe eine umfassende Sanierungsstudie ausgearbeitet hatte, signalisierte die Denkmalpflege im Jahr 2009 ihre Absicht, das Haus unter Schutz zu stellen, und die Gemeinde erwarb die Liegenschaft. Als sich das Land nach dem Regierungswechsel zwei Jahre später aber aus der Finanzierung zurückzog, wäre das Projekt beinahe noch gekippt. Doch an diesem Punkt zeigte sich, wie sehr die Bewohner von Mauren hinter ihrem «Rössle» standen. Ein privater Verein, dessen Zweck darin bestand, die Sanierung und Erhaltung des Hauses zu unterstützen, konnte rund eine Million Franken an Spendengeldern sammeln. «Es galt, den Menschen das Konzept näherzubringen und sie für unsere Ideen zu begeistern. Jeder gab, so viel er konnte. Wir waren für alle Beiträge dankbar, von kleineren Zuwendungen einzelner Dorfbewohner bis hin zu grossen Summen wohlhabender Mäzene», erklärt Walburga Matt, die sich damals als Präsidentin von «Pro Rössle» engagierte und die Kulturkommission der Gemeinde leitete.
Im März 2013 erfolgte dann der Spatenstich und das Konzept der Architekten konnte umgesetzt werden. Zwischen der Scheune und dem ehemaligen Gasthaus wurde ein neuer Erschliessungs- und Infrastrukturkern realisiert, der den denkmalgeschützten Altbau weitgehend frei von technischen Einbauten halten sollte. Als der Rohbau gegen Ende des Jahres fertiggestellt war, konnte mit den eigentlichen Sanierungsarbeiten am Dach, an der Fassade und im Inneren begonnen werden. «Diese Baustelle war bestimmt nicht einfach. Immer wieder wurden Fragen aufgeworfen, die neue Ansätze und Denkweisen herausforderten. Die Handwerker und Restauratoren mussten sehr behutsam vorgehen und wussten eigentlich nie, worauf sie stossen würden, wenn sie in dem alten Gemäuer arbeiteten», erinnert sich Huppmann.

Baugeschichtliche Schätze wären verloren gegangen

Die Bewohner von Mauren schauten immer wieder auf der Baustelle vorbei und zeigten grosses Interesse an den Arbeitsfortschritten im «Rössle». Viele Bürger waren überrascht, zu was für einem Kleinod sich ihre ehemalige Dorfbeiz mauserte, und so manchem wurde erst im Nachhinein bewusst, welche baugeschichtlichen Schätze durch den Abbruch verloren gegangen wären. Doch mit der überlieferten Bausubstanz wäre nicht nur materielles Kulturerbe zerstört worden, denn auch ideelle Werte einer Gemeinschaft zerfallen mit den alten Mauern. Elisabeth Huppmann bringt diese prekäre Entwicklung auf den Punkt: «Wenn ein historisches Gebäude im Dorfkern abgerissen wird, verschwindet ja nicht nur ein Haus. Es verschwindet ein Teil des Dorfbildes und mit ihm viele Erinnerungen und Geschichten. Eigentlich geht immer ein Stück Identität verloren.»

Bilder: Michael Zanghellini

Wohnen – Eine Herleitung

Ákos Moravánszky, Architekturtheoretiker, Zürich / Anna Jessen, Architektin, Basel / Christoph Baumberger, Architekturphilosoph, Zürich / Moderation Barbara Bleisch, Philosophin, Zürich

Mo 5. Februar 2018, 19.30 Uhr im Forum

Wir betrachten unsere Wohnung als Zufluchtsort, in den wir uns aus der Welt aussen zurückziehen können – zugleich aber als einen eigenen Mikrokosmos, als Bild einer Weltanschauung. Der individuelle, intime Charakter des Wohnens ist mit der Vorstellung einer bemerkenswerten Stabilität gegenüber sozialen Veränderungen in der Gesellschaft verbunden. Die Inszenierung des Intimen wird mit ständig neuen Waren bedient, um den privaten Raum als Ort des Eintauchens in eine persönliche Traumwelt einzurichten.
Andererseits ist Wohnen seit den Anfängen der Moderne zu einem Experimentierfeld geworden, wo neue architektonische Konzepte getestet werden können. Die  verschiedenen Modelle des Wohnens werden  demonstrativ zur Schau gestellt, durch die Medien vermittelt und die in ihnen verkörperten Wertsysteme kontrovers diskutiert. Änderungen dieser Wertsysteme führen zu radikal neuen architektonischen Vorschlägen.
Die Vorlesung zeichnet die Transformation des privaten Hauses unter dem Einfluss sich ändernder Auffassungen von der Familie nach. Die demografischen Veränderungen, die Rolle der neuen technischen Möglichkeiten und des neuen Verhältnisses von Arbeit und Freizeit spielen dabei eine wichtige Rolle: Der «bergende Raum» der Wohnung ist heute durch Medienströme durchlöchert, und die Idealisierung der Privatheit wird zunehmend infrage gestellt.

Bildnachweis: Superstudio, Vita (Supersuperficie), 1971. Quelle: Gabriele Mastrigli (Hg.), Superstudio. Opere 1966–1978. Macerata: Quodlibet, 2016. S. 391

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Einladungskarte Februar

Wenn der Dorfbach das Korsett sprengt

In vielen Gemeinden belebt ein Bach das Stadtbild. Heute erfordern extremer werdende Niederschlagsereignisse, wie sie Altstätten 2014 erlebt hat, Massnahmen. Hochwasserschutz und Stadtbild – ein Widerspruch?

03.02.2018 von Andrea Wiegelmann

In seine Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» schreibt Max Frisch: «Katastrophen kennt  allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.» Frisch erinnert uns daran, dass sich die Natur stetig verändert. Auch  Überschwemmungen sind ein natürliches Ereignis
solcher Veränderungen; dass sie zu Katastrophen werden, ist oft vom Menschen selbst verschuldet. Die Schäden etwa, die durch die grossen überregionalen Hochwasser von 1987 entstanden sind, sind auch Ergebnis einer intensiven Siedlungsentwicklung. Verschärft durch einen von der Industrialisierung geprägten Umgang mit der Landschaft: Flüsse wurden kanalisiert und begradigt, Bäche eingefasst oder überdeckt, Bauzonen in Überschwemmungsgebiete ausgedehnt. Doch was bedeutet Hochwasserschutz im Dorf oder der Stadt? In Altstätten hat die Gemeinde nach den verheerenden Überschwemmungen 2014 Sofortmassnahmen beim Brendenbach und Stadtbach zur Erhöhung des Hochwasserschutzes im Stadtgebiet umgesetzt und ein Frühwarnsystem eingerichtet. Entlang des Stadtbachs wurden zur Erhöhung seiner Abflusskapazitäten etwa Fussgängerbrücken entfernt, das Ufer mittels Bretterwänden erhöht und die Brücken mit Schwenktoren überströmbar gemacht. Bei diesen provisorischen Massnahmen steht der Schutz im Vordergrund. Derzeit sind Schutzprojekte für die unterschiedlichen Bachläufe in Arbeit, mit ersten Ergebnissen ist in diesem Frühjahr zu rechnen.
Die Herausforderung wird sein, die Bachläufe weiterhin im Stadtbild erlebbar zu belassen. Denn Massnahmen zum  Hochwasserschutz verändern die Gestalt des Stadtbildes und durch Schutzmauern, Ufererhöhungen oder  Querschnittserweiterungen des Bachbettes können Bäche auch unzugänglich werden. Der Hochwasserschutz läuft immer auch Gefahr, die technischen Aspekte in den Vordergrund zu stellen: Jeder von uns kennt das Bild spielender Kinder in gemächlich rinnenden Bachläufen. Geht es um Hochwasserschutz, ist das Bild vom Bach ein völlig anderes. Dabei gilt es beide Bilder zusammenzudenken.

Dass Schutzeinrichtungen nicht zu Barrieren werden, ist keine einfache Aufgabe. Zwar gibt es inzwischen für die Schweiz Gefahrenkarten und die Gewässerschutzgesetzgebung von 2011 definiert den Gewässerraum und die natürlichen Gewässerfunktionen. Doch wie können diese Vorgaben in dicht besiedelten Gebieten umgesetzt werden?

Klare Leitplanken für den Hochwasserschutz

«Heute gibt es für den Hochwasserschutz und die ökologischen Anforderungen klare Leitplanken,  jedoch berücksichtigen diese die gestalterische und siedlungsgerechte Umsetzung oft zu wenig», bestätigt denn auch der Landschaftsarchitekt André Seippel aus Wettingen (AG). Die Frage, wie ökologische Aspekte und technische Anforderungen gelöst werden können, so dass auch für die Bevölkerung ein Mehrwert entstehe, müsse immer wieder neu beantwortet werden. Für grössere Siedlungen sei die Entwicklung eines übergeordneten Leitbilds für das Gewässernetz sinnvoll. «Man sollte für die jeweiligen Abschnitte eigene Gewässerbilder definieren, die im Kontext zu ihrem Umfeld stehen, die aber auch die Charakteristik des gesamten Gewässerlaufes nicht ausser Acht lassen», empfiehlt der Fachmann und erläutert am Beispiel des Dorfbachs im alten Dorfkern von Spreitenbach, wie dies aussehen kann.
Der Bach verlief seit Jahrzehnten kanalisiert in einem Betonkorsett, bis er bei einem Hochwasser  Anfang der 1990er-Jahre mit verheerenden Folgen für das Dorf und seine Bewohner über das Bachbett trat. Nach diesem Jahrhundertereignis suchte der Kanton nach Wegen für ein Schutzkonzept, das es ermöglichte, Extremhochwasser sicher abzuleiten. Dazu wurde ein Team aus Landschaftsarchitekten und Ingenieuren gebildet; Ziel war es, den Bach im Dorfkern erlebbar zu belassen und ihn gleichzeitig als Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere zu fördern.
Das alte Spreitenbach ist ein Strassendorf, seine Häuserzeilen und der Bachlauf prägen den Ortskern. Dieser Charakter sollte gewahrt werden. Eine Vergrösserung des Bachbetts, ein sogenannter Vollausbau, kam daher nicht in Frage. Man entschied sich für eine sogenannte Doppelstocklösung, bei der eine Entlastungsleitung unter das bestehende Bachbett gelegt wird. Ein Trennbauwerk am Ortseingang reguliert, dass bei Hochwasser nicht die volle Wassermenge durch das oberirdische  Bachbett fliesst.
Da die parallel laufende Strasse saniert werden musste, konnte die gesamte Strassen- und  Bachbettplanung über die ganze Strassenbreite, also von «Fassade zu Fassade», neu aufgesetzt werden. «Das ist jedoch nicht der Normalfall », merkt Seippel an, «in der Regel plant man sehr unterschiedliche Abschnitte oder gar nur einzelne Parzellen mit eigenen Anforderungen und Eigentumsverhältnissen; da hilft dann ein übergeordnetes Gewässerentwicklungskonzept.»

Wie mit Gewässern im Siedlungsraum umgehen?

In Spreitenbach konnte das Ortsbild gewahrt und der Bachlauf als Lebensraum erhalten werden. Um  solche Lösungen zu entwickeln, braucht es ein gemeinsames Engagement aller Beteiligten. Nachhaltiger Gewässer- und Hochwasserschutz ist dann erreicht, wenn wir lebendige und zugängliche Fluss- und Bachläufe in unseren Siedlungsgebieten bewahren.

 

Bilder: Hanspeter Schiess