Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Mai 2017

Ein Garten ist vor allem Atmosphäre

Mit seinen Grünanlagen und Plätzen prägte Tobias Pauli jahrzehntelang die Landschaftsarchitektur in der Ostschweiz mit. Heute pflegt er wieder den Garten seiner Kindheit und ordnet seine Erkenntnisse.

20.05.2017 von Ruedi Weidmann

Tobias Pauli kam in einem Paradies zur Welt, einem Gehöft bei Cavigliano, das sein Vater, der Maler und Radierer Fritz Pauli, gekauft und mit Ateliers erweitert hatte. Im Rebberg am Ausgang des Onsernonetals verbanden sich subalpine Landschaft und subtropisches Mikroklima. Tobias’ Mutter, die Schneiderin und Vergolderin Elsi Meyerhofer, beschloss, den Weinberg in einen Park zu verwandeln. So wuchs Tobias in einer Gartenbaustelle auf. Die ausgeprägte Topografie, die üppige Vegetation, die Selbstverständlichkeit, mit der alte Tessiner Häuser im Gelände stehen, Vaters Malerblick darauf und Mutters aktiver Umgang damit schulten sein Sensorium für die Stimmung eines Ortes. In ihm wuchs die Idee, Gartenbauer zu werden.

In der Schweiz gab es keine Ausbildung für Landschaftsarchitektur. Pauli besuchte die Gartenbauschule in Genf. Sie lehrte die Biologie von Nutzpflanzen, Gemüse, Wein und Obstbäumen. Doch Pauli wollte gestalten! Nach der Ausbildung begann er seine Lehr- und Wanderjahre, die ihn weit herumführten. Die erste Stelle bot ihm 1962 sein Halbbruder Manuel an, der in Zürich Architekt war. 300 Meter neben dem Park seiner Mutter entwarf Pauli seinen ersten Garten. Danach holte ihn der damals führende Schweizer Gartenarchitekt Fred Eicher für drei Jahre in sein Büro. Die geraden Linien der modernen Architektur prägten Eichers Schaffen. Pauli arbeitete an einem seiner Hauptwerke mit, dem Friedhof Eichbühl in Zürich. Betonmauern und getrimmte Hecken definierten weite Terrassen mit rechtwinkligen Wasserbecken und breiten Promenaden. Bäume setzte Eicher als Monumente in die künstliche, atmosphärisch dichte Landschaft. An seiner nächsten Station, der Berner Stadtgärtnerei, entwarf Pauli Spielplätze, nützlich und robust. Dann ging er nach Amerika. In Kanada lernte er, Swimmingpools mit Trax und Spritzbetonkanone zu bauen, in Kalifornien Gärten mit einem Stecken direkt im Wüstensand zu entwerfen. Die Weite und die Unbekümmertheit waren wohltuend. Doch der Künstlersohn vermisste kulturhistorisches Bewusstsein, nahm ein Schiff nach Europa und schrieb sich an der Kunstgewerbeschule Basel ein. Er landete mitten in der Naturgartenbewegung, denn das Büro von Wolf Hunziker, wo Pauli Arbeit fand, leitete die Planung der «Grün 80».

Gärten für Menschen

Die Gartenbauausstellung war der Höhepunkt einer Volksbewegung gegen den Gartenbau-Mainstream, der in Einfallslosigkeit erstarrt war. Doch Pauli blieb skeptisch. Die Anti-Spiesser-Haltung schien oft wichtiger als eine ernsthafte Beschäftigung mit Ökosystemen. Und Teich, Schilf und Magerwiese waren für Pauli noch kein Garten. In Basel gestaltete er den Theaterplatz mit dem Tinguely-Brunnen. Pauli zog ins Toggenburg, gründete eine Familie und machte sich selbstständig. Nun war postmoderne Gestaltung angesagt. Pauli komponierte einige symbolisch aufgeladene Privatgärten aus neoklassizistischen Fragmenten. Er bezeichnet sie heute als seelenlos. Die Postmoderne zertrümmerte versteinerte Ansichten, bot aber kaum Inspiration für Neues. Diese fand Pauli im gesellschaftlichen Engagement. Mit seiner damaligen Frau machte er das Restaurant Bahnhalle in Lichtensteig zu einem Kulturort und zum Domizil für das Chössi-Theater, und an der Internationalen Bauausstellung 1987 in Berlin erarbeitete er mit hartgesottenen Kreuzberger Hausbesetzern eine Quartierentwicklung.

Pauli gewann nun Wettbewerbe und erhielt öffentliche Aufträge. Er gestaltete mit mehreren Generationen von Mitarbeitenden in der Stadt St.Gallen sechs Schulhausanlagen und die Aussenräume von Wohnsiedlungen, dazu öffentliche Räume in zahlreichen Gemeinden, Friedhöfe in Rapperswil-Jona, Gossau, Altstätten und Pfäfers, die Gärten der psychiatrischen Kliniken Pfäfers, Wil und Littenheid, dazu Kasernen und Gefängnisanlagen. Das gemeinsame Planen mit Auftraggebern, Architekturschaffenden und Gärtnern faszinierte ihn genauso wie räumlich, finanziell oder politisch kniffelige Situationen. Etwa der Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen. Hier liess er stramme Eichen in Reih und Glied in die Kasernenhöfe pflanzen und Zitterpappeln in die Umgebung – ein Bild für zwei seelische Zustände der Rekruten. Aber vor allem wertete er das grosse Übungsgelände mit den Landwirten in einem jahrelangen Prozess ökologisch auf. 1996 zog Pauli in die Stadt St.Gallen.

Respekt für den Ort und seine Atmosphäre

Die Arbeit begann immer mit einer Analyse: Was ist vorhanden? Wie ist die Stimmung? «Das Chassis eines Gartens muss sitzen», sagt Pauli. «Es entsteht aus der Topografie, der Wegführung, Mauern, Bäumen, Hecken und Büschen. Dann gilt es, die Atmosphären der einzelnen Bereiche zu entwickeln.» Immer häufiger verstärkte er Stimmungen, die er vorfand, und integrierte vorgefundene Elemente in seinen Plan. Respekt ist wohl das Schlüsselwort zu Paulis Werk. Respekt für einen Ort, seine Stimmung, seine Funktion für die Menschen und seine Geschichte. Immer besser gelang es ihm, mit möglichst wenig Gestaltung möglichst viel Atmosphäre zu schaffen. Seine jüngsten Anlagen wirken, wie wenn sie schon immer so gewesen wären. Ohne Inszenierung, ohne Design, strahlen sie Ruhe und Beständigkeit aus. Die neue Kantonsschule Heerbrugg zum Beispiel steht mit ihren Betonsäulen direkt im Kies der Rheinebene – es ist fast der einzige Ort im Siedlungsbrei, wo die Ebene noch spürbar ist. Diese fast unsichtbare Handschrift mit starker Wirkung ist das Resultat von langer Arbeit und Erfahrung. Sie machte Pauli zum Spezialisten für Erneuerungen. Im Pausenhof der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen verstärkte er mit einigen Pinien und der Renovation des Brunnens eine überraschend mediterrane Stimmung. Im Park der psychiatrischen Klinik Littenheid liess er viele Bäume fällen und holte das Sonnenlicht auf den Boden zurück. In Pfäfers gestaltete er von 1999 bis 2011 die Gärten der psychiatrischen Klinik neu. Jedes Jahr entstand ein neuer Aussenraum: die historischen Torkelterrassen, eine Gartenwirtschaft mit Brunnenbecken, ein Wegnetz über die Hügel oder der Klosterhof, jeder mit viel Respekt für den Ort, eigener Atmosphäre und viel Potenzial für mögliche Nutzungen. – Einen Garten aber hat Tobias Pauli immer für sich behalten: den elterlichen Park in Cavigliano. Letztes Jahr hat der Über-Siebzigjährige sein Büro seiner Geschäftspartnerin übergeben. Jetzt hat er Zeit, zusammen mit seiner jetzigen Frau den Ort zu pflegen, wo alles begann.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Arkadien – ein Traumland neu entdecken

Raimund Rodewald, Geschäftsführer Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Bern und  Köbi Gantenbein, Chefredaktor und Verleger Hochparterre, Zürich

Mo 29. Mai 2017, 19.30 Uhr im Forum

Die Vorstellung von Arkadien als utopische, poetische Landschaft der Hirten entstand im antiken Griechenland und wurde um 1500 in Italien als mythologisches wie reales Sehsuchtsland wiederentdeckt und kultiviert. Das Interesse daran ist in neuester Zeit wieder gross geworden, und wir nehmen das Erscheinen des Buches «Arkadien. Landschaften poetisch gestalten» (Rodewald, Gantenbein 2016) zum Anlass, um der Bedeutung des Begriffs in unserer Gegenwart auf die Spur zu kommen. Was hat Arkadien als Wunschlandschaft oder gar Seelenzustand mit unserer Landschaft zu tun? Lässt sich eine poetische Landschaft überhaupt herstellen?

Gespräch mit Raimund Rodewald Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Bern, und Köbi Gantenbein, Chefredaktor und Verleger Hochparterre, Moderation Marina Hämmerle, Architektin, Lustenau

Mehr zum Buch

Bildrechte: Raimund Rodewald

Einladungskarte Mai

LandschaftsarchitekTour

Private Garden

Sa 20. Mai 2017

«Lazy Gardener», «Gärtnern nach Noten» oder «botanische Raritäten» sind nur einige Aspekte der diesjährigen LandschaftsarchitekTour, welche uns in private Gärten führt.
Gärten, welche sich über Jahre durch individuelle Pflege entwickelt haben. Das diesjährige Jahresthema «Grenzen» des Architektur Forums Ostschweiz, widerspiegelt sich in der grenzenlosen Leidenschaft der Gartenbesitzer und -besitzerinnen. Sie gewähren uns Einlass in ihre über lange Zeit gewachsenen Oasen.

Die jeweiligen Besitzer führen uns durch ihren Garten und ermöglichen einen ganz persönlichen Eindruck ihrer Arbeit und ihres Schaffens.

Programm

Abfahrt Forum mit Reisebus 9.30 Uhr Garten Steiner, St.Gallen / Garten Vetter (Vogel), Teufen / Garten Steiner, Bühler / Garten Jakob Rohner, Rebstein / Garten Stieger, Berneck Rückkehr Forum ca. 17 Uhr

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Mitglieder BSLA oder AFO gratis, Nichtmitglieder Reisekosten Fr. 30.–

Keine Anmeldung mehr möglich – ausgebucht

 

Eine Veranstaltung des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA und des Architektur Forums Ostschweiz

 

Bildnachweis: Urs Stieger, Berneck

LandschaftsarchitekTour

Vor Ort – Primarschule St. Leonhard, Sanierung Schulhaus und Neubau Turnhalle, St. Gallen

Baustellenbesichtigung durch Clauss Merz Architekten

Mo 15. Mai 2017, 17.30 Uhr

Anmeldungen bis 8. Mai 2017 unter vor-ort@nulla-f-o.ch

Name/ Büro Anzahl Mitglieder ggfs. Nichtmitglieder

Teilnehmerzahl beschränkt
Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Mitgliedschaft Architektur Forum Ostschweiz

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Bildnachweis: Clauss Merz Gmbh für Architektur

Einladungskarte Mai

LandschaftsarchitekTour

Private Garden

Sa 20. Mai 2017

«Lazy Gardener», «Gärtnern nach Noten» oder «botanische Raritäten» sind nur einige Aspekte der diesjährigen LandschaftsarchitekTour, welche uns in private Gärten führt.
Gärten, welche sichü über Jahre durch individuelle Pflege entwickelt haben. Das diesjährige Jahresthema «Grenzen» des Architektur Forums Ostschweiz, widerspiegelt sich in der grenzenlosen Leidenschaft der Gartenbesitzer und -besitzerinnen. Sie gewähren uns Einlass in ihre über lange Zeit gewachsenen Oasen.

Die jeweiligen Besitzer führen uns durch ihren Garten und ermöglichen einen ganz persönlichen Eindruck ihrer Arbeit und ihres Schaffens.

Programm

Abfahrt Forum mit Reisebus 9.30 Uhr Garten Steiner, St.Gallen / Garten Vetter (Vogel), Teufen / Garten Steiner, Bühler / Garten Jakob Rohner, Rebstein / Garten Stieger, Berneck Rückkehr Forum ca. 17 Uhr

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Mitglieder BSLA oder AFO gratis, Nichtmitglieder Reisekosten Fr. 30.–

Anmeldung

Mit vollständigen Angaben bis 15. Mai 2017 an landschaftsarchitektour@nulla-f-o.ch oder per Fax an 071 245 87 83

Name / Vorname
Adresse
E-Mail
Telefon
Anzahl Mitglied BSLA | AFO
Anzahl Nichtmitglieder

Eine Veranstaltung des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA und des Architektur Forums Ostschweiz

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Bildnachweis: Urs Stieger, Berneck

Anmeldekarte LandschaftsarchitekTour

Anwalt der stummen Mauern

Ein ehrwürdiges und geschütztes Ensemble wie das Klostermuseum St.Georgen in Stein am Rhein braucht ständige Pflege. Der St.Galler Architekt Thomas K.Keller hat sich acht Jahre lang in den Dienst der alten Mauern gestellt.

22.04.2017 von Caspar Schärer

Architektur ist ein weites Feld. Häuser bauen ist nur eine von vielen Aufgaben der Disziplin. Grundsätzlich erstreckt sich Architektur auf alles – von der Stadt bis zum Stuhl. Manche Architektinnen und Architekten nehmen das sehr ernst und beanspruchen die Gestaltungshoheit über die ganze Bandbreite der räumlichen Fragen. Das hat seine Vorteile, kann aber mit unter für die anderen Beteiligten etwas anstrengend werden. Wie so oft ist alles eine Frage der Dosis und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Einerseits kann man nicht früh genug anfangen mit der Architektur: Im Februar wurde an dieser Stelle vom Agglomerationsprogramm Wil West berichtet, einem hochkomplexen Planungsinstrument, bei dem die Parameter für ein künftiges Gewerbegebiet festgelegt werden. Man würde meinen, dass da die Architektur noch weit weg ist, aber inzwischen ist die Erkenntnis gewachsen, dass auch «technische» Dinge wie Autobahnanschlüsse räumliche Auswirkungen in einem grossen Umkreis haben. Und auch ein Arbeitsplatzgebiet verdient es, dass es sorgfältig und gut geplant wird.

Heute blicken wir an das andere Ende des Spektrums, denn auch im kleinsten Detail eines Gebäudes steckt Architektur und es kommt darauf an, wie man diese oder jene Ecke löst. Gerade bei alten und ehrwürdigen Gebäuden, die vielleicht sogar unter Schutz stehen, tut sich da bei näherer Betrachtung eine ganze Welt auf. Das Haus scheint fast zu leben. Thomas K.Keller, Architekt in St.Gallen, konnte sich in den letzten Jahren gründlich in ein besonderes Gebäude vertiefen. Seinem Büro wurde die Aufgabe «Bestandspflege eines Baudenkmals » für den über tausend Jahre alten Benediktinerkonvent St.Georgen in Stein am Rhein anvertraut. Alles begann im Frühling 2008 mit dem Einbau eines neuen Kassamöbels im Eingangsraum. Damit war auch schon der für Aussenstehende sichtbarste Teil der Arbeit abgeschlossen. Es folgte noch im Herbst des gleichen Jahres die Renovation der Fassaden der ehemaligen Äbte-Wohnhäuser direkt am Rhein. Nach und nach tauchten weitere Stellen auf, die Aufmerksamkeit und Pflege verdient hätten, und so wurde 2011 eine minutiöse Untersuchung des baulichen Zustands vorgenommen. Auf dieser Basis konnten ganz verschiedene Unterhaltsarbeiten in Angriff genommen werden. Jede einzelne hatte ihre Eigenheiten. Das hat vor allem mit der wechselhaften Vergangenheit des Klosters zu tun.

Historisch bedeutsame Anlage gehört dem Bund In der bisherigen Geschichte des Konventes St.Georgen lassen sich grob zwei Abschnitte unterscheiden: In den ersten fünfhundert Jahren bis zur Auflösung im Zuge der Reformation wurde nach und nach die ganze Anlage erstellt; in den folgenden Jahrhunderten wurde das Gebäudekonglomerat von Verwaltungsbeamten genutzt und nur noch beiläufig unterhalten. Im 19. Jahrhundert waren die Gemäuer wirklich baufällig und die Gemeinde wusste nicht mehr recht, was damit anfangen. Gewerbebetriebe nisteten sich ein, Seidenraupen wurden gezüchtet und in den Höfen übten Kadetten und Turner.

Dass das Ensemble überhaupt erhalten ist und sogar unter Schutz steht, ist dem Berner Professor Ferdinand Vetter zu verdanken. Sein Vater kaufte 1875 die bedauernswerten Gebäude; er selbst kümmerte sich rührend um die Restaurierung und stellte seinen Besitz 1891 unter den Schutz der Eidgenossenschaft. Heute zählt das Kloster St.Georgen zu den wenigen historisch bedeutsamen Anlagen, die dem Bund gehören. Seit 2012 betreibt das Bundesamt für Kultur das Klostermuseum, das nur sich selber ausstellt. Bekannt ist es vor allem fü̈r den gotischen Festsaal mit den prächtigen Fresken.

Ferdinand Vetter war ein begeisterter Anhänger der Spätgotik und Renaissance und kaufte in der halben Schweiz Interieurs zusammen, die er in seinem Kloster einbaute. So stammt etwa die mächtige Holzdecke mit imposanter Stütze im Sommerrefektorium nicht aus dem Mittelalter – zumindest nicht aus dem Mittelalter in Stein am Rhein. Das macht die Sache nicht einfacher, wenn es um die denkmalpflegerische Sanierung geht. Denn was ist hier «original» und was hinzugefügt? Und was bedeutet überhaupt «original»? Hinzu kommt, dass sich die Vorstellungen von Denkmalpflege in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben.

Als sich in der Nachkriegszeit der Bund an die enorme Aufgabe der Konservierung und Restaurierung machte, standen didaktische Aspekte im Vordergrund: Gerne zeigte man damals klar und deutlich das Erforschte und Entdeckte, ergänzte nach Bedarf «im Stile von», damit Besucherinnen und Besucher unmissverständlich ablesen konnten, was neu hinzugefügt wurde. Heute ist die Denkmalpflege bei allen Massnahmen viel zurückhaltender; das Konzept nennt sich «konservierende Substanzerhaltung».

Architekt Thomas Keller zeigt im Kreuzgang, was das konkret heisst. Bei den Deckenmalereien in den Netzgewölben stand man vor der Frage, ob die abgeblätterten und verwitterten Stellen aufgefrischt und ergänzt werden sollen – und entschied sich dagegen. Die Verlockung war zwar gross, so Keller, aber das sei dann nicht mehr «Respekt vor dem Altern»,das Akzeptieren von Patina, Spuren und eben auch von Verlusten. «Reinigen,sichern,festigen»heisst heute die neue Devise. Aber braucht es dafür überhaupt einen Architekten?

«Es braucht ihn unbedingt», betont Keller, «denn jemand muss sich unverbrüchlich für die Gemäuer einsetzen. Sonst tut es niemand.» Der Architekt sei sozusagen der Anwalt der  stummen Mauern. Gefragt seien Neugier, eine breite Fachkenntnis – auch und besonders im Handwerklichen – sowie eine gehörige Portion Demut. Wer die grosse Geste sucht, ist hier fehl am Platz. Originelle Ideen braucht es dennoch, schliesslich knarzt es an allen Enden und trotzdem muss das Kloster als öffentliches Museum funktionieren. So hat Keller etwa das Dormitorium im ersten Obergeschoss mit diskreten Notbeleuchtungen nachgerüstet und ein Befestigungssystem für die Notausgangs-Schilder entwickelt, das die alten Mauern nur minimal tangiert. Auch bei den kleinsten Eingriffen arbeitete der Architekt eng mit einem Expertenteam zusammen, zu dem neben den Nutzern und der Denkmalpflege des Kantons Schaffhausen der Bauingenieur und Bundesexperte Jürg Conzett sowie die Restauratorin Doris Warger gehörten. Entscheide wurden erst nach gründlichen Untersuchungen und Abwägungen aller Optionen gefällt.

Ganz verborgen bleibt Kellers langjähriges Wirken als «Kloster-Architekt» in Stein am Rhein aber nicht. Im Äusseren Hof, an der vorspringenden Decke des Backhauses, durfte er noch etwas «Richtiges» bauen: Über einem kostbaren Relief wölbt sich jetzt ein neues Vordach aus Stahl, das es vor weiterer Verwitterung schützt. Die einfache Form ist ausgeklügelt entworfen worden und passt gut dorthin – so gut, dass man sie fast übersehen könnte.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Grenzen – Grenzen der Landschaft:
die Grau-Grün-Zone

Christophe Girot, Landschaftsarchitekt und Architekt, Zürich

Mo 8. Mai 2017, 19.30 Uhr im Forum

Wir leben heute in einer Welt, in der Grenzen – sichtbar oder nicht – unser Alltagsleben im tiefsten Sinn prägen. Es sind Grenzen der Natur, die einen Waldrand zum hohen Berg oder eine Klippe zur Meeresküste klar definieren. Aber es sind auch Grenzen der Natur, die von den Menschen überschritten worden sind. Grenzen, die uns mit Brücken und Tunnels hemmungslos vom einen Ufer zum anderen, vom einen Tal zum nächsten zu springen erlauben. Es gibt die künstlichen Grenzen der Menschen, die Tag und Nacht geschlossen bleiben und die Freiheit der menschlichen Bewegung verhindern.
Es gibt blutige Grenzen, die von den Menschen national und ideologisch bekämpft und mit Stolz verteidigt werden. Es sind Grenzen unserer Zeit, die wir seit der letzten Eiszeit geerbt haben, die schnell am Schmelzen sind und dadurch viele Städte und ihre Umgebung ans Limit der steigenden Meerespegel bringen und bedrohen. Unsere Landschaft ist genau der Ort, wo all diese Grenzen auftauchen und unsere beschleunigte Epoche bestimmen und stark verändern. Dies bedeutet ein völlig anderes Verständnis der Natur und dessen Ästhetik.

Christophe Girot

Bildnachweis: Christophe Girot

Einladungskarte Mai

Bautradition als Ideenreservoir

Künftig wird vor allem innerorts gebaut. Das erhöht den Anspruch an Neubauten. Sie müssen grösser, dichter, multifunktional und sorgfältig gestaltet sein. Rezepte dafür stecken in der Appenzeller Bautradition.

01.04.2017 von Ruedi Weidmann

Das Bauen steht in der Schweiz an einer Epochenschwelle: Zur Schonung der Landschaft ist Bauen künftig fast nur noch in bebautem Gebiet möglich. Am einen Dorfrand Einfamilienhäuser und am andern flache Hallen fürs Gewerbe bauen, können wir uns nicht mehr leisten. Aus Rücksicht auf Natur und Kulturland, aber auch, weil so die Ortsmitte abstirbt, wovon leere Altbauten und Ladenlokale zeugen. Damit die Ortskerne wiederbelebt werden, müssen Wohnen, Gewerbe, Einkaufen und so weiter wieder zusammenkommen. Verdichten mag bedrohlich tönen, aber wo mehr Menschen beisammen wohnen, können Läden, Gastro- betriebe und Service public wieder funktionieren.

Damit wachsen aber die Anforderungen an Neubauten. In einer dichten Ortschaft dürfen Bauten nicht nur von der Lage profitieren, sondern müssen selber etwas für den Ort tun, etwa mit einem öffentlich zugänglichen Parterre. Verschiedene Nutzungen unter ein Dach zu bringen, ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe für Architekturbüros. Je grösser und dichter die Bebauung, umso wichtiger wird eine sorgfältige Gestaltung, die sich ins Ortsbild einfügt und es verbessert. Bau- behörden und Bevölkerung müssen sich für mehr architektonische Qualität einsetzen. Sonst macht das Verdichten unsere Orte einförmig. Sie müssen aber ihre Einzigartigkeit stärken, damit sich Menschen mit ihrer Gemeinde identifizieren können und Verantwortung übernehmen.

Potenzial des Bürgerhauses ist noch kaum erkannt

Glücklich sind da Regionen, die sich eine starke Eigenart im Bauen bewahrt haben, wie das Appenzellerland mit seinem Holzbau. In der Bautradition finden sich Baustoffe, Konstruktionen und Formen, die unter lokalen Bedingungen entstanden und darum nachhaltig sind. Nicht zufällig wächst heute weltweit das Interesse am traditionellen Bauen. Wird Althergebrachtes auf neue Bauaufgaben übertragen, kann eine Architektur entstehen, die heutige Aufgaben meistert, aber vertraut ist und darum geschätzt wird.

Der Appenzeller Holzbau wurde tausendfach fotografiert, gemalt, auf Biberli gedruckt – doch sein Potenzial als Inspiration für die bauliche Zukunft wurde noch kaum erkannt. Wohl, weil die Faszination bisher vornehmlich den Bauernhäusern galt. Für heutige Aufgaben interessanter ist aber die Innerorts-Variante, das Fabrikantenhaus. Ohne Stall und Scheune, aber mit der gleichen Strickbau-Konstruktion und der typischen Raumaufteilung, mit Schindelschirm, Täferfront auf der Sonnenseite und den gleichen schönen Details. Diese Bürgerhäuser sind gross, bis sechsstöckig, stehen oft dicht nebeneinander und bilden städtische Plätze. Sie waren stets multifunktional und öffentlich zugänglich. Im Parterre lagen Büros, Läden und Lager der Textilverleger, im Dachstock oft ein Saal. So war die Bebauung in den Appenzeller Hauptorten seit je dicht und vielfältig genutzt. Lassen sich diese Qualitäten für zeitgemässes Bauen nutzen? Zusammen mit den vielen schönen Holzbauten hat im Appenzellerland auch das  Zimmereihandwerk überlebt. Die Betriebe pflegen ein traditionelles Holzbau-Wissen, das die Gewerbeschulen nicht mehr lehren, und entwickeln gleichzeitig neue Techniken wie die Element-Bauweise aus Wandmodulen, die besser isolieren als die alten Strickwände. Gewitzt nutzen die Zimmereien den Traum vom Urchigen für ihr Geschäft, Nägeli in Gais etwa mit dem Label «Appenzeller Holz» oder Frehner gleichenorts mit dem an bestimmten Tagen des Mondzyklus geschlagenen Mondholz.

Wenn sie von Architekturbüros entworfene Bauten ausführen, sind die Zimmereien zu herausragenden Leistungen fähig. Das zeigen Neubauten wie das Seniorenheim Bad Säntisblick in Waldstatt, von Alex Buob entworfen und 2013 von der Zimmerei Nägeli konstruiert, oder der Neubau mit 21 Seniorenwohnungen in Teufen von Hörler Architekten, 2011 gemeinsam von Nägeli und Heierli aus Teufen konstruiert. Doch meist bauen und renovieren die Zimmereien auf eigene Faust Einfamilien- häuser und Kleinsiedlungen. Dort fliesst ihr Können in nostalgische statt innovative Bauten.

Aufbruch zeichnet sich ab

Die Bautradition für heute anstehende Aufgaben fruchtbar machen: Genau dies versuchte 2010 die Studie «Bauen im Dorf» der Ausserrhodischen Kulturstiftung, initiiert vom Ausserrhoder Denkmalpfleger Fredi Altherr. Sechs Architekturbüros vermassen alte Bürgerhäuser, studierten deren Konstruktion, Materialien, Raumanordnung und Proportionen. Mit den Erkenntnissen entwarfen sie fiktive Holzbauten. Ihre Pläne und Modelle wurden im Volkskundemuseum in Stein gezeigt. Sie deuteten an, wie sich die Appenzeller Holzbautradition aus ihrer Stagnation lösen und wieder lebendig und gegenwartsbezogen werden könnte.

Laut Altherr hat dies einen Aufbruch ausgelöst. Die Beispiele motivierten Architekturschaffende und kommunale Baubehörden. Diese mussten zuvor die vielen geschützten Ortsbilder hartnäckig gegen unpassende Eingriffe verteidigen; Resultat war oft eine pseudohistorische Kulissenarchitektur. Seit «Bauen im Dorf» wissen sie, wie zeitgemässe, ortsbildverträgliche Architektur aussehen kann. Dadurch können sie Bauherrschaften besser beraten und trauen sich eher, innovative Projekte zu bewilligen. Erste Beispiele sind das Reformierte Kirchgemeindehaus von bm Architekten und ein Wohnhaus von Gerold Schurter am Alten Steig in Herisau. Bei diesen Vollholzbauten sind nicht nur die Fassaden, sondern auch Konstruktion, Materialien und Grundrisse im Innern von traditionellen Häusern abgeleitet. Rund zwanzig weitere von «Bauen im Dorf» inspirierte Neubauten sind in Ausserrhoden in der Bewilligungsphase, darunter die Gemeindeverwaltung Grub mit Wohnungen und Gewerbe, ein Ersatzneubau für das Haus Vulkan in Herisau und eine Metzgerei mit Wohnungen in Schwellbrunn.

Was noch fehlt, sind Holzbauten vom Kaliber der Zellweger-Paläste in Trogen, der Kantonsschule Wil oder der «Giesserei » in Oberwinterthur. Sie könnten auf vertraute Art neue Lebensqualität in zentrale, aber unternutzte Quartiere wie am Bahnhof Herisau bringen. Dazu sieht das revidierte Ausserrhoder Baugesetz den Erneuerungsplan vor, mit dem Gemeinden besonders gute Gestaltung mit mehr Bauvolumen belohnen können. In Fabrikantenhäusern und auch in hölzernen Fabriken stecken alte Rezepte für diese neue Aufgabe. Sie könnten helfen, das Verdichten beliebt zu machen, und die Zimmerleute könnten zeigen, was in ihnen steckt.

Das wäre wahre Innovation aus der eigenen Geschichte heraus. Dass es funktionieren kann, zeigt der seit vierzig Jahren anhaltende Erfolg der «Tessiner Schule». Ihr Vertreter Luigi Snozzi sagte einmal: «Architektur muss man nicht erfinden, man muss sie nur wieder finden.»

 

Bilder: Michel Canonica

Stadtspaziergang: St. Gallen

SIA, Barbara Petri, Dipl. Ing. Architekten RWTH/SIA, ARCHiTOUR, Zürich

Di 06. Juni 2017, 17 – 19 Uhr

Auf fachkundig geführten Stadtspaziergängen möchte der SIA die Warhnehmung der Teilnehmenden für die architektonischen Highlights sensibilisieren. Was gibt es Neues in der Stadt, im Quartier? Nach dem Motto „Man sieht nur was man weiss“ wird über die Biografie ausgewählter Bauten informiert, bemerkenswerte Ausschnitte ihrer Veränderung aufgezeigt und theoretische sowie praktische Hintergründe erläutert. Stadtrundgang mit Erläuterungen zu den Bauten:

  • Neuer Altarbereich Stiftskirche, 2013 (Caruso St. John))
  • Verwaltungszentrum, 2014 (Jessenvollenweider)
  • Bibliothek alte Hauptpost St. Gallen, 2015 (Barao Hutter)
  • Fachhochschule, 2011 (Giuliani Hönger)
  • Lokremise, 2010 (Stürm und Wolf)

Details zur Veranstaltung und Anmeldungemöglichkeit