Architektur Forum Ostschweiz

Jahresarchive: 2017

Wohnen in Zeitzeugen

Eine der wesentlichen Bauaufgaben in der zweiten Hälfte des 20.  Jahrhunderts war die Schaffung von Wohnraum. Heute stellt sich den  Eigentümern die Frage nach der Sanierung. Dabei geht es auch um den Umgang mit unserer Kulturgeschichte.

16.12.2017 von Andrea Wiegelmann

In seinem Roman «Die unsichtbaren Städte» lässt Italo Calvino Marco Polo in einem Gespräch mit dem chinesischen Kaiser Kublai Khan erläutern: «Ich habe auch über ein Stadtmodell nachgedacht, von dem sich alle anderen ableiten lassen: Es ist eine Stadt, die nur aus Ausnahmen besteht, aus Besonderheiten und Widersprüchen.» Städte also, das impliziert Calvino, bestehen mehr aus Ausnahmen denn aus Regeln. Und wenn wir mit offenen Augen durch unsere Städte gehen, dann können wir diese Widersprüche auch sehen. Sie sind es, die unsere Städte lebendig halten. Für die Architektur ist das Ausbalancieren dieser Widersprüche gerade im Hinblick auf den Erhalt von Bauten oftmals schwierig, vor allem dann, wenn die betreffenden Bauten ein schlechtes Image haben. Dies gilt für die Bauten der Nachkriegszeit, insbesondere die Bauten der 1970er-Jahre.
Die Nachkriegsjahre waren geprägt von einem regelrechten Bauboom, gerade im Wohnbau. Dies hat auch das Bauen mit dem Material  befördert, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dank der  entwickelten Möglichkeiten der Vorfertigung und des rationalisierten Bauens massenhaft zum Einsatz kam – dem Beton. Entwickeln diese  Fassaden ihre Patina, gehen die Meinungen über deren Ästhetik weit  auseinander. Das Zeigen der rohen Materialität, der Stil der Zeit, wird in weiten Teilen unserer Bevölkerung als klobig und abweisend empfunden. Ganz anders bei Architekten, die Bauten des sogenannten  Brutalismus – so bezeichnet man den Stil dieser Zeit – werden heute in  Ausstellungen und Publikationen gewürdigt. Doch es geht hier um weit mehr als um die Frage, ob schön oder hässlich: Die Bauten der jüngeren Epochen sind Kulturdenkmäler, denn individuelle und kollektive  Erinnerungen stützen sich hauptsächlich auf Orte und Objekte und  damit auch auf zeitgenössische Bauten. Während dies bei einzelnen  Gebäuden, wie dem von Walter Förderer mit Rolf Georg Otto und Hans Zwimpfer realisierten Hauptgebäude der St.Galler Universität (1963), bewusst scheint, wird gerade der Wohnbau jener Zeit aus dem Fokus  verloren. Darunter gibt es jedoch einige Beispiele, deren städtebauliche  und bauliche Substanz herausragend ist und die als Zeitzeugen, als Teil der Geschichte einer Stadt, erhalten werden sollten: Die Siedlung an der Achslenstrasse in St.Gallen von Heinrich Graf ist eine davon.

Wachstum und Siedlungsplanung

In den 1970er-Jahren ist nicht nur die Schweizer Bevölkerung deutlich angewachsen, auch die Ansprüche an das Wohnen veränderten sich.  Angesichts des Bedarfs an Wohnraum wurden zugleich Möglichkeiten  des verdichteten Bauens attraktiv. Eine der bekanntesten Terrassensiedlungen an Hanglagen ist die Siedlung Halen (1961) bei Bern von Atelier 5. Eine weitere Form, diesem Anspruch gerecht zu werden, waren vertikal verdichtete Bauten, Wohnhochhäuser. Im Gegensatz zu den rigiden und klaren Siedlungsstrukturen anderer Epochen, wie etwa den Blockrandbebauungen der Gründerzeit, sind diese Wohnquartiere freie städtebauliche Kompositionen –  Stadtlandschaften. Häuser, Strassen, Wege und Grünräume formulieren ein Ensemble, das aus dem Miteinander dieser Bestandteile lebt.
Auch die Siedlung Achslenstrasse, errichtet ab Mitte der 1960er- und bis  in die 1970er-Jahre, folgt diesen Parametern. Heinrich Graf hat es verstanden, durch die Kombination von Zeilenbauten und Hochhäusern die Masse des Bauvolumens geschickt auf dem Areal zu verteilen. Die Anlage besteht aus vier Wohnhochhäusern und sechs Zeilen. Das Hochhaus zitiert mit seinem aufgefächerten Volumen das Wohnhochhaus Salute in Stuttgart (1963) von Hans Scharoun. Die drei zurückgesetzten und auf einem Sockel mit Garagen und Ladenflächen errichteten hinteren Wohnhochhäuser mit ihren Vorsprüngen in den oberen Geschossen erinnern an die Torre Velasca in Mailand (1958) von BBPR.
Die unterschiedlichen Wohnbauten bilden eine stimmige städtebauliche Anlage. Während die Zeilenbauten sehr schlicht gehalten und wenig spezifisch sind, fallen die Differenzierung der Fassaden und die Variation der Grundrisse bei den Hochhäusern umso mehr auf. Sie geht deutlich über die heute üblichen Standards im Wohnbau hinaus, die  oftmals den immer gleichen Gebäudetyp mit der immer gleichen  Fassadengliederung in einfallslosen Platzierungen auf Grundstücken und Arealen repetieren.

Erweiterter Denkmalbegriff

Die Siedlung an der Achslenstrasse ist inzwischen in die Jahre gekommen und es stellt sich die Frage nach einer massvollen Instandsetzung, die den Bewohnern und Eigentümern – die Wohnungen sind in Stockwerkeigentum vergeben – einerseits einen zeitgemässen Komfort gewährleistet und andererseits die Bauten in ihrem Ausdruck und ihrer Komposition erhalten können.
Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege anerkennt in ihren Leitsätzen, dass die «Existenz des Denkmals in seiner möglichst vollständigen überlieferten Materie mit all ihren Zeitspuren» eine wesentliche Voraussetzung für das Erkennen seiner Qualitäten ist. Im Falle von Siedlungen wie der Achslenstrasse müsste der Denkmalbegriff auf das gesamte Ensemble ausgeweitet werden. Denn erst aus dem Zusammenspiel der Bauten mit ihrem Umfeld ergeben sich ihre Zeugnisqualitäten.
Ein solcher Denkmalbegriff wie auch eine mögliche damit verknüpfte Förderung von Instandsetzungsmassnahmen müsste eben diese «immateriellen» Aspekte solcher Stadtlandschaften berücksichtigen.
Nur so wird es möglich sein, die Wohnquartiere jener Zeit gesamthaft
zu erhalten. Die Stadt, die aus einem solchen Verständnis erwachsen kann, ist eine, die mit ihrer Geschichte wächst, mit ihren Ausnahmen, Besonderheiten und Widersprüchen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Bauen im Rheintal – Buchpräsentation

Joshua Loher, Architekturfotograf, Balgach / Roderick Hönig, Leiter Edition Hochparterre, Zürich

Mo 11. Dezember 2017, 19.30 Uhr im Forum

Bildnachweis: Joshua Loher

In der schweizerischen  Architekturberichterstattung spielt das St. Galler Rheintal kaum eine Rolle, obwohl auch hier mit Bedacht und architektonischem Anspruch gebaut wird. Man findet Bauten, die teils von jungen, teils von arrivierten Architekten mit viel Können und Ambitionen geplant und gebaut worden sind. Sie in einem Führer zu vereinen und so einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen – das war die Hauptmotivation für diesen Architekturführer. Mit dieser Publikation wird der von Erfindungsgeist und Pragmatismus geprägten Architektur des St. Galler Rheintals erstmals ein Gesicht gegeben.  Der Architekturführer dokumentiert mit vierzig Bauten das Baugeschehen der letzten zwanzig Jahre mit speziell dafür angefertigten Architekturbildern.

Im Anschluss an die Buchpräsentation sind alle Besucher herzlich eingeladen, bei einem feinen Kündig-Käsefondue und einem Glas Weisswein das Forumsjahr ausklingen zu lassen. Musikalische Umrahmung durch die Formation «Jazzworkshop».

Bauen im Rheintal

Eintritt 10.- / Mitglieder gratis

Einladungskarte Dezember

Grenzen – IBA Basel – Gemeinsam über Grenzen wachsen

Monica Linder-Guarnaccia, Direktorin IBA Basel und Angelus Eisinger, Direktor Regionalplanung Zürich und Umgebung RZU

Mo 4. Dezember 2017, 19.30 Uhr im Forum

Bildnachweis: IBA Basel

Internationale Bauausstellungen zählen seit mehr als 100 Jahren zu den erfolgreichsten  Instrumenten der Raum- und Stadtentwicklung in Deutschland. Die IBA Basel 2020 ist die erste IBA, welche dieses Format über die Grenze trägt und  gleichzeitig in Deutschland, Frankreich und der  Schweiz stattfindet. Die IBA Basel 2020 ist ein auf zehn Jahre angelegter Prozess der Stadt- und Regionalentwicklung in der trinationalen  Metropolitanregion Basel, welcher dynamisch auf  die Projektentwicklung wirkt. Gemäss ihrem  Motto «Gemeinsam über Grenzen wachsen»  fördert die IBA Basel die Umsetzung von  hochwertigen Massnahmen, die einen  grenzüberschreitenden Nutzen für die Region  entwickeln und zu einer nachhaltigen Steigerung der Lebensqualität sowie der touristischen und wirtschaftlichen Attraktivität beitragen.

Referat von Monica Linder-Guarnaccia, Direktorin IBA Basel, im Anschluss Gespräch mit Prof. Dr.  Angelus Eisinger, Mitglied des wissenschaftlichen IBA-Kuratoriums, Direktor Regionalplanung Zürich und Umgebung RZU

IBA Basel

Eintritt 10.- / Mitglieder gratis

Einladungskarte Dezember

Energieagentur@AFO – Nachhaltiges Bauen für die Zukunft

Martin Hitz, Präsident NNBS / Roger Boltshauser, Architekt, Zürich / Martin Rauch, Lehm Ton Erde Baukunst, Schlins

Mo 27. November 2017, 19.30 Uhr im Forum

Der runde Tisch Energie und Bauen und das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz laden zur Informationsveranstaltung ein.

Vor rund einem Jahr ist der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) der Öffentlichkeit vorgestellt und die Zertifizierung für den Standard lanciert worden. Ziel des  SNBS ist es, die Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt gleichwertig und deren Wechselwirkungen umfassend in Planung, Bau und Betrieb eines Objekts einzubeziehen.
Die Veranstaltung bietet neben aktuellen Informationen zum SNBS Einblicke in Arbeiten mit Stampflehm und Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit Akteuren im nachhaltigen Bauen.

Begrüssung und Moderation
Silvia Gemperle | Energieagentur St.Gallen

Bewährtes und Neues zum SNBS
Martin Hitz | Präsident NNBS

Pisé – Tradition und Potential
Roger Boltshauser | Boltshauser Architekten
Martin Rauch | Lehm Ton Erde Baukunst

Fragerunde und Diskussion
Apéro

Der Eintritt ist frei

www.energieagentur-sg.ch

www.nnbs.ch

Einladungskarte Nachhaltiges Bauen

Ein Bienenhaus ganz aus Beton

«Das Trösch» ist ein Treffpunkt für Menschen aller Generationen und Kulturen. Dank eines  Studienauftrags wurde ein Mehrwert für das  Begegnungszentrum im Zentrum von Kreuzlingen geschaffen.

25.11.2017 von Tina Mott

«Die Menschen merken einfach, dass sie hier  willkommen sind.» Monika und Christof Roell sitzen an  einem der Holztische in der sonnigen Cafeteria des  Begegnungszentrums «Das Trösch» und nicken einer  Gruppe tamilischer Mütter zu. Der helle und offene  Raum hat sich mit lebhaft plaudernden und lachenden Besuchern gefüllt, an diesem Ort scheint es wenig   Berührungsängste zu geben. «Wir sind sehr glücklich  darüber, wie gut das Haus in der Stadt angenommen wird. Im ersten halben Jahr fanden bereits 300  Veranstaltungen statt. Ich glaube, das liegt nicht zuletzt  daran, dass das Gebäude  so freundlich und einladend geworden ist», erzählt der Gastgeber.
Im Sommer 2013 kauften die Geschwister ein  Grundstück mit bestehender Liegenschaft an der  Hauptstrasse von Kreuzlingen. Hier wollten sie einen Ort schaffen, welcher der Begegnung und dem Austausch der Menschen aus der Region dient – ein  Treffpunkt für alle Generationen und Kulturen im Zentrum der Stadt. Das Gebäude sollte für verschiedene Nutzergruppen eingerichtet werden, nur eine  gewerbliche Verwendung wurde ausgeschlossen. «Wir konzipierten Räume für Vereine, Beratungsstellen und soziale Organisationen, für anlassbezogene  Veranstaltungen wie auch für die Öffentlichkeit.  Eigentlich war unsere Idee, «ein Bienenhaus zu bauen», schmunzelt Monika Roell.

Lösung über einen Studienauftrag entwickeln

Nach eingehender Beratung mit dem lokalen Architekten Andreas Imhof trafen sie die  Entscheidung,  das Projekt mittels eines  Studienauftrags zu entwickeln. Diese Beschaffungsform von Planerleistungen ist darauf ausgerichtet, die  qualitativ beste Lösung für eine architektonische Aufgabenstellung zu finden, und nicht die  vordergründig günstigste. Wenn in Betracht gezogen  wird, dass über die gesamte Nutzungsdauer eines Gebäudes die Planungskosten im Vergleich zu den Folgekosten gering sind, lohnt sich dieser  Mehraufwand an Zeit und finanziellen Mitteln in der  Ausschreibungsphase auch wirtschaftlich. Denn die sorgfältig abgewogenen Entscheidungen einer  unabhängigen Expertenjury berücksichtigen nicht nur  die Gestaltung, sondern auch die Erstellungs-, Unterhalts- und Rückbaukosten. Im Gegensatz zu  einem anonym durchgeführten Projektwettbewerb eignet sich das Verfahren für Prozesse, bei denen der  Dialog zwischen den Beteiligten notwendig ist oder erst noch die Rahmenbedingungen festgelegt werden müssen. In diesem Fall galt es, die zentrale Frage zu beurteilen, ob der Bestand ersetzt werden konnte.
Die Vertreter der Denkmalpflege zeigten sich skeptisch  gegenüber der Idee eines Neubaus, waren aber damit einverstanden, die Situation durch den Studienauftrag klären zu lassen.

Das Raumprogramm prozesshaft entwickeln

Andreas Imhof wurde mit der Vorbereitung und  Begleitung des Verfahrens betraut. Er prüfte die  Bebaubarkeit des Grundstücks und traf Abklärungen  mit den Besitzern der Nachbarparzellen sowie Vertretern der Stadt. Die Erkenntnisse fasste er in  einem Bericht an die Bauherrschaft zusammen, der als  Grundlage für das Wettbewerbsprogramm diente. Dieses wurde nach der Zusammenstellung der Jury  nochmals intensiv diskutiert und entsprechend  angepasst. Schliesslich folgte die Einladung von fünf renommierten Schweizer Architekturbüros, am  Studienauftrag teilzunehmen.
«Für uns war es sehr wichtig, einen Architekten zu  finden, der sich mit der Idee und dem Konzept  auseinandersetzte. Er musste auch mit der Situation umgehen, dass wir in dieser Phase die Nutzung noch nicht im Detail definieren konnten. Uns war bewusst,  dass die Entwicklung  dieses Gebäudes ein Prozess
werden würde, insbesondere die Festlegung des Raumprogramms,» reflektiert Christof Roell. Bereits bei der Zwischenbesprechung zeigte sich die erwartete Vielfalt an qualitätsvollen Projekten, die von der Jury dementsprechend kontrovers diskutiert wurden. Nach der Schlusspräsentation fällten die Experten jedoch eine einstimmige Entscheidung für den Entwurf des  Ostschweizer Architekten Beat Consoni, der mit einem sensibel gesetzten Baukörper aus hellem Sichtbeton überzeugen konnte. Das Projekt entfaltete sich aus verschiedenen Massstäben, sowohl aus dem  städtebaulichen und  historischen Kontext wie auch aus dem gemeinsam festgelegten Raumprogramm. Um die Durchlässigkeit im Stadtzentrum zu fördern, wurde ein Durchgang zwischen der Hauptstrasse und der  Sonnenstrasse auf dem privaten Grundstück  geschaffen. Von hier erschliesst sich das Gebäude und öffnet sich zu einem lichten Foyer, das die Cafeteria mit  dem grossen Saal verbindet. Eine gut ausgestattete  Küche kann beide Räume unabhängig voneinander bedienen und wird bei Veranstaltungen genutzt. Die  zweiläufige Treppe im Kern des Hauses führt nicht nur zu den Vereinsräumen, Büros und zwei kleinen Wohnungen in den Obergeschossen, sondern erschliesst auch eine grosszügige öffentlich zugängliche Dachterrasse, die der Architekt als stadträumliche  Erweiterung versteht. Im Schnitt prägt eine schlanke  vertikale Öffnung das Gebäude, die Licht in das Innere leitet und Sichtverbindungen schafft. Sie macht den Baukörper trotz seiner verschiedenartigen Räume als  Ganzes erlebbar. Das statische Konzept ist auf eine  flexible Nutzung ausgelegt.
Die statische Stabilität wird hauptsächlich durch die Aussenwände und den Treppenkern gewährleistet,  wodurch eine grosse Variabilität der Raumaufteilung gewährleistet werden kann. «Die grosse  Herausforderung bestand darin, ein programmatisch  neues Thema städtebaulich zu integrieren und zu einer architektonischen Gesamtform zu entwickeln. Unsere Zusammenarbeit war ein Experiment, ein Herantasten  von beiden Seiten», beschreibt Beat Consoni den gemeinsamen Weg mit den Bauherren.

Das richtige Haus für diesen Ort

«Wir hatten den Wunsch, städtebaulich, funktional und gestalterisch das richtige Haus für diesen Ort zu  bauen», erklärt Monika Roell abschliessend. «Ein  Gebäude, das seinen eigenen Charakter hat und sich trotzdem anpasst, eine Ergänzung ist und vielleicht  sogar ein Wegweiser dafür, was in Zukunft an der  Hauptstrasse gebaut werden wird. Denn wir möchten hier Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen  Bereichen anlocken – und das ist nicht so einfach.»

 

Bilder: Barbara Schwager/Lichtschein

Ausstellung «Die schönsten Schweizer Bücher 2016»

Das Bundesamt für Kultur (BAK) führt jährlich den Wettbewerb «Die Schönsten Schweizer Bücher» durch. Zum einen würdigt das BAK mit dieser Auszeichnung hervorragende Leistungen im Bereich der  Buchgestaltung und -produktion. Zum andern richtet der Wettbewerb den Blick auf besonders  beachtenswerte und zeitgemäss umgesetzte Bücher.

Im Januar prämierte eine fünfköpfige Jury insgesamt 24 Bücher des Buchjahrgangs 2016.

Ab Herbst 2017 werden «Die Schönsten Schweizer Bücher 2016» an verschiedenen Orten in der Schweiz ausgestellt. Wie jedes Jahr reisen die prämierten Bücher anlässlich lokaler Veranstaltungen und auf Einladung von Institutionen auch ins Ausland. Dieses Jahr sind Ausstellungen in Rhode Island, Providence, USA (RISD ─ Rhode Island School of Design), San José, Costa Rica (Despacio), London (Umlaut), Paris (Centre culturel suisse), Kopenhagen (Officin) und Oslo (Grafill), Wien (Typographische Gesellschaft Austria) und Brüssel (erg ─ école de recherche graphique et supérieure des arts) vorgesehen. Es ist ein Katalog zum diesjährigen Wettbewerb erschienen.

Mo 6. November 2017 ─ Sa 18. November 2017
Werktags 8  ─ 20 Uhr, Samstag 8 ─ 16 Uhr
Spezielle Öffnungszeit während der Tÿpo St.Gallen: Freitag, 10. November 2017 von 8 ─ 21 Uhr

Schule für Gestaltung St. Gallen
Im Rahmen der Tÿpo St. Gallen
Demutstrasse 115, 9012 St. Gallen
www.gbssg.ch
www.typo-stgallen.ch

Eintritt frei

Das Buch Raum. Zeit. Kultur, herausgegeben vom Architektur Forum Ostschweiz im Triest Verlag, gestaltet von den Grafikern Bänziger, Kasper und Florio, ist beim Schweizer Design Preis 2016 als eines von 24 schönsten Büchern ausgezeichnet worden.

Auszeichnung Design Preis Schweiz

Mehr zum Buch und über Gutes Bauen

Städtische Ausstellung im Forum

Marlies Pekarek – Glanzbilder

Ausstellung: Fr 16. Februar bis So 11. März 2018
Öffnungszeiten: Di–So, 14–17 Uhr

Vernissage: Donnerstag, 15. Februar 2018, 18.30 Uhr
Einführung: Kristin Schmidt
Di 6. März 2018 18.30 Uhr Gespräch mit der Künstlerin

Flyer Ausstellung Marlies Pekarek

Grenzen – Die Wand – Grenze der Architektur – Architektur der Grenze / «Recht auf  Illegalität»

Uwe Schröder, Architekt, Bonn / Santiago Cirugeda, Architekt, Sevilla

Mo 6. November 2017, 19.30 Uhr im Forum

Bildnachweis: Uwe Schröder / Santiago Cirugeda

Die Wand | Grenze der Architektur – Architektur der Grenze

Das Anordnen und Errichten von Räumen an Orten ist Aufgabe der Architektur. Mittels Wand und Wänden lässt Architektur die gebrauchten Räume erscheinen. Räume, architektonische Räume, sind stets Innenräume, die von Wänden begrenzt werden. An diesen Wänden hören die Räume aber nicht etwa auf, vielmehr fangen sie recht eigentlich dort erst an. Eine Grenze sei dasjenige, wie der Philosoph meint, von woher etwas sein Wesen beginne. Auch ein architektonischer Raum ist etwas, das von den begrenzenden Wänden her wesentlich bestimmt wird und an diese fest gebunden ist. Insoweit sich also der Raum phänomenal der Wand entlehnt, wird die Wand als Grenze zur Wesensbestimmerin des Raumes. Nicht allein wegen der ihr zugehörigen transdisziplinären Anlage ist die Architektur Grenzwissenschaft, vielmehr ist sie eine solche – wenn auch im übertragenen Sinn – weil sie gleichsam ihr ganzes Wissen mit Entwurf, Bau und Gestaltung von Wänden entfaltet. Die Wand als Grenze weist in der Gestaltung auf die sich ihr entlehnenden Räume hin, mit der Öffnung als Übergang sind sie räumlich aneinander gebunden. Metrik, Tektonik und Materialität der Wand sind komplementär an Räume und Räumlichkeit der Wand gebunden…

Uwe Schröder Architekt

 

Grenze – «Recht auf  Illegalität»

Santiago Cirugeda  develops subversive projects with distinct ambitions in urban realities, from the systematic occupation of public spaces in containers to the construction of prostheses in facades, patios, roofs and lots. Cirugeda negotiates legal and illegal zones as a reminder of the pervasive control to which we are all subject. He is now working together with local governments to implement new housing models for the socially disadvantaged. After 7 years of solo work to address issues like ephemeral architecture, recycling, reuse of materials, strategies of occupation and urban intervention, the incorporation of prosthesis constructed buildings or participation citizens in the decision-making process, he set up in 2003 the architecture office Recetas Urbanas (Urban Recipes). In 2007, Cirugeda presented the book Urban Situations, which shows legal strategies and social demands through architectural projects. In 2008 he presented the documentary Dr€am Spanish, along with Guillermo Cruz, which reveals the causes and effects of the housing bubble in Spain. In 2011, Collective Architectures book portrayed mobilize the initiative consisting of dozens of groups to recycle containers from a temporary settlement dismantled, turning them into a multitude of self-constructed and self-managed spaces distributed throughout the Spanish territory resulting the network www.arquitecturascolectivas.net

Santiago Cirugeda – Recetas Urbanas

 

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Einladungskarte November

sia Wanderausstellung Umsicht 2017

Der SIA vergab im März 2017 bereits zum vierten Mal seine Auszeichnung Umsicht – Regards – Sguardi. Prämiert wurden Werke, die in hervorragender, innovativer Weise zur zukunftsfähigen Gestaltung des Lebensraumes beitragen, denen ein ganzheitliches Denken und Handeln sowie ein ausgeprägtes gesellschaftliches und baukulturelles Verantwortungsbewusstsein inhärent sind. Mit Texten, Plänen und Projektbildern werden die prämierten Arbeiten in einer dreisprachigen Wanderausstellung präsentiert und in filmischen Porträts von Marc Schwarz und Aufnahmen des Fotografen Beat Schweizer illustriert. Der Fotograf und der Filmschaffende zeigen die Werke aus ihrer ganz eigenen, persönlichen Perspektive. Für die Darstellung gab es vom SIA keine Vorgaben. Sie eröffnen den Betrachterinnen und Betrachtern eine weitere Möglichkeit, sich mit den acht preisgekrönten Arbeiten auseinanderzusetzen. Die SIA-Sektion St. Gallen | Appenzell organisiert den Auftritt der Ausstellung in St. Gallen. Mit dem Kulturraum „Konsulat“ hat sie dazu die perfekten Räumlichkeiten gefunden. Das ehemalige italienische Konsulat mitten im Stadtzentrum wird in Zwischennutzung Kulturschaffenden und ihren Projekten zur Verfügung gestellt. Und prägt somit ein Stadtbild im Wandel massgeblich mit.

Ausstellung:
Mi 25. Oktober 12 – 14 Uhr
Do 26. Oktober 17 – 20 Uhr
Sa 28. Oktober 11 – 15 Uhr
Do 2. November ab 17 Uhr Barbetrieb
Sa 4. November 11 – 15 Uhr

Agenda sia

Umsicht_Flyer_St.Gallen

Umsicht – Regards – Sguardi 2017 wird ermöglicht dank der grosszügigen Unterstützung der Firmen Somfy Schweiz AG und Velux Schweiz AG.

Bildnachweis: Beat Schweizer

BSA @ AFO – Wohnbaukultur ist Bauträgerkultur

Erfahrungsaustausch mit Diskussion

Mo 30. Oktober 2017, 19.30 Uhr im Forum

Die Wohnbaukultur einer Gesellschaft ist der Spiegel der wirtschaftlichen, politischen und technischen Bedingungen ihrer Zeit. Sie ist einem steten Wandel unterworfen, was bei einer historischen Rückschau klare Einblicke in die jeweiligen Lebensverhältnisse ergibt. Auch unsere aktuelle Wohnbauproduktion trägt die Zeichen unserer Zeit. Wie aber lesen wir sie, wie steuern wir sie?

Der Wohnungsbau in seinem Alltagsgeschäft basiert auf Konvention. Der Zeitgeist fordert ein Programm, das Bauträger und Planende zusammenführt und  handlungsfähig macht. Dabei schleicht sich – gerade in Zeiten der Hochkonjunktur – eine Routine ein, die schnell zur leeren Floskel werden kann. Wir zeichnen die Typologien unserer Zeit nach, verpassen dabei aber vielleicht die Chancen unserer Epoche? Wir bauen viel Wohnraum, und es entsteht Stadt. Welche Stadt aber soll entstehen?

Das Symposium «Wohnbaukultur ist Bauträgerkultur» lädt ein zu einem Erfahrungsaustausch mit Akteuren der Wohnbaukultur von heute und morgen. Es ist Zeit, den  Stand der Dinge im Ostschweizer Wohnungsbau zu reflektieren. Die Wohnbaukultur von heute ist die Chance der Städte von morgen.

Regio Appenzell-St.Gallen-Bodensee: Wo wir wohnen  werden
Rolf Geiger, Geschäftsleiter Regio Appenzell – St.Gallen – Bodensee

Wohnraumentwicklung in der Stadt St. Gallen: Grundzüge der Wohnbaustrategie 2017-2020
Brigitte Traber, Projektleiterin Stadtplanungsamt St. Gallen

Gemeinnütziger Wohnungsbau in der Ostschweiz: Aufbau neuer Wirkungsradien mit der GdG
Jacques-Michel Conrad: Geschäftsführer  Regionalverband Ostschweiz der  Wohnbaugenossenschaften Schweiz

Diskussion
Moderation: Thomas Keller, BSA Ostschweiz

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis.

BSA Ostschweiz

Einladungskarte Oktober

Bildnachweis: Danzeisen + Voser: Siedlung Lehnstrasse für den Verein für Wohnungshilfe (1952-54), «billige Wohnungen für kinderreiche Familien»

Bildnachweis: Danzeisen + Voser: Siedlung Moosweiher für die Freisinnige Wohnbaugenossenschaft (1968-70)

 

sia Wanderausstellung Umsicht 2017

Vernissage – Einführung durch Stefan Cadosch, Präsident SIA / Vortrag von Christian Penzel, Penzel Valier, Zürich

Di 24. Oktober 2017, 19.30 Uhr im «Konsulat», Frongartenstrasse 9, St. Gallen

Der SIA vergab im März 2017 bereits zum vierten Mal seine Auszeichnung Umsicht – Regards – Sguardi. Prämiert wurden Werke, die in hervorragender, innovativer Weise zur zukunftsfähigen Gestaltung des Lebensraumes beitragen, denen ein ganzheitliches Denken und Handeln sowie ein ausgeprägtes gesellschaftliches und baukulturelles Verantwortungsbewusstsein inhärent sind. Mit Texten, Plänen und Projektbildern werden die prämierten Arbeiten in einer dreisprachigen Wanderausstellung präsentiert und in filmischen Porträts von Marc Schwarz und Aufnahmen des Fotografen Beat Schweizer illustriert. Der Fotograf und der Filmschaffende zeigen die Werke aus ihrer ganz eigenen, persönlichen Perspektive. Für die Darstellung gab es vom SIA keine Vorgaben. Sie eröffnen den Betrachterinnen und Betrachtern eine weitere Möglichkeit, sich mit den acht preisgekrönten Arbeiten auseinanderzusetzen. Die SIA-Sektion St. Gallen | Appenzell organisiert den Auftritt der Ausstellung in St. Gallen. Mit dem Kulturraum „Konsulat“ hat sie dazu die perfekten Räumlichkeiten gefunden. Das ehemalige italienische Konsulat mitten im Stadtzentrum wird in Zwischennutzung Kulturschaffenden und ihren Projekten zur Verfügung gestellt. Und prägt somit ein Stadtbild im Wandel massgeblich mit.

Vernissage Wasserkraftwerk Hagneck – schöner Strom

Die Erneuerung des Kraftwerks Hagneck ist ein wegweisendes, auch energiepolitisch bedeutsames Beispiel für die in den nächsten Jahren in grosser Zahl zu erwartenden Erneuerungen von Kraftwerken. Als Infrastrukturbau mit hohem baukulturellem Wert überzeugt er durch seine gestalterische und innovative Verbindung von Industriegeschichte, modernster Kraftwerktechnik und einer landschaftlich hervorragenden Einbettung. Mit der umsichtigen Erneuerung bleibt das Kraftwerk Hagneck ein dauerhaft identitätsstiftender Kristallisationspunkt im Seeland.

Ausstellung:
Mi, 25. Oktober 12 – 14 Uhr
Do, 26. Oktober 17 – 20 Uhr
Sa, 28. Oktober 11 – 15 Uhr
Do, 2. November ab 17 Uhr Barbetrieb
Sa, 4. November 11 – 15 Uhr

Agenda sia

Umsicht_Flyer_St.Gallen

Umsicht – Regards – Sguardi 2017 wird ermöglicht dank der grosszügigen Unterstützung der Firmen Somfy Schweiz AG und Velux Schweiz AG.

Bildnachweis: Beat Schweizer

Grenzen –  «Toleranzgrenze des Wachstums» – Stadtgespräch in Frauenfeld

Christof Helbling, Stadtbaumeister Frauenfeld / Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister Kanton Thurgau

Mo 23. Oktober 2017, 18 Uhr, Stadtgarten, Stadtgartenweg 1, Frauenfeld

Das Stadtgespräch ist ein Fixpunkt im Jahresprogramm der sia Sektion Thurgau. Im Frühjahr und im Herbst besucht der Verein Städte im Thurgau und lädt seine Mitglieder zu anschliessenden Gesprächsrunden ein. Nach Kreuzlingen ist nun Frauenfeld an der Reihe.

Christof Helbling beleuchtet die Artenvielfalt an Toleranzgrenzen im Stadtgefüge von Frauenfeld. Im Zentrum seines Referates steht der geordnete Städtebau, welcher stets auf die unterschiedlichen Vorstellungen von Grenzen einzugehen hat. Erol Doguoglu schildert seine Nah- und ehemals Fernsicht auf die Kantonshauptstadt, sei dies als ehemaliger Stadtbaumeister von St. Gallen oder aktuell als Kantonsbaumeister des Kantons Thurgau.

Als Anreicherung zum anschliessenden Austausch und Apéro kann das Alters- und Pflegeheim Stadtgarten, geführt durch die Architekten des Büros Allemann Bauer Eigenmann, besichtigt werden.

Eintritt frei

sia Thurgau

Alters- & Pflegeheim Stadtgarten

Einladungskarte Oktober

 

Badestelle wird zum Familienplatz

Landschaftsarchitektur | Kleine gezielte Eingriffe verwandeln einen Badeplatz am Gübsensee in einen attraktiven Aufenthaltsort.
Damit er funktioniert, war die Einbindung aller Beteiligten in den Gestaltungsprozess Voraussetzung.

21.10.2017 von Andrea Wiegelmann

In unseren Städten und stadtnahen Regionen sind  die Naherholungsgebiete einem immer stärkeren  Nutzungsdruck unterworfen. Ob Spaziergänger,  Jogger, Velofahrer, spielende Kinder, Familien auf Ausflug – wir alle verbringen einen Teil unserer  Freizeit in den Grünräumen in und rund um unsere Städte. Vitaparcours, Bike Parks, Wanderwege,  Schlittelstrecken, Rastplätze und Restaurants zeugen von der intensiven Nutzung von Parkanlagen und stadtnahen Grünräumen. Dabei stellt sich  oftmals die Frage nach der Balance zwischen den Angeboten für die unterschiedlichen  Interessengruppen und den Bedürfnissen der Anwohner.
Bei der Planung solcher Einrichtungen gilt es daher, zwischen unterschiedlichen Ansprüchen zu  verhandeln und auch Verständnis für die Position des Gegenübers zu schaffen. Im Hinblick auf die Frage, wie viel Angebot nötig ist, ist der 2015  realisierte Familienplatz Gübsensee beachtenswert, weil sowohl seine Gestaltung als auch das Verfahren beispielhaft für vergleichbare Vorhaben stehen können.

Der neu geschaffene Familienplatz
Nur zwei S-Bahnstationen vom St.Galler Hauptbahnhof entfernt liegt der Gübsensee im Westen der Stadt. Der Stausee, der Ende des 19.  Jahrhunderts entstand, dient seither dem Kraftwerk Kubel zur Energiegewinnung. Kurze Zeit später  wurde die umgebende Landschaft zum  Naturschutzgebiet. Von dieser Situation profitieren die Besucher des Sees bis heute. Für die  angrenzenden St.Galler Quartiere ist er beliebtes  Naherholungsgebiet.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war der  Gübsensee auch eines der vier Testgebiete des Projekts «Landschaft für eine Stunde» der Region St.Gallen-Appenzell AR-Bodensee, das das Potenzial  von Übergangsräumen zwischen  Siedlungen und offener Landschaft anhand von Fallbeispielen untersuchte. Die Gestaltung des  Familienplatzes  war in das Projekt eingebunden. Der Platz liegt an der Nordseite des Sees vom Weg  abgegrenzt durch eine niedrige Hecke und öffnet  sich zwischen den Bäumen zum Wasser. Markantes  Element ist eine im Kreisrund angelegte hölzerne  Sitzbank, die am Zugang zum Platz den Besucher  empfängt und mit ihrer Kreisform sinnbildlich als kommunikatives Zentrum des Platzes steht. Zentral  liegen auch die beiden Grillstellen, Holz fürs  Grillieren liegt in Boxen parat. Ein  überdimensionales hölzernes Vogelnest zum Spielen  für Kleinkinder, ein Badesteg und  Bewegungselemente ergänzen das Angebot, zudem steht hinter einem Sichtschutz versteckt eine  Toilette.
Die Platzgestaltung und ihre Möblierung, die heute so selbstverständlich  steht und Raum bietet für  unterschiedliche Besuchergruppen, stammt vom Ostschweizer Landschaftsarchitekturbüro Kollektiv  Nordost. «Es war ein grosser Wunsch, den Platz  auch für Familien attraktiv zu gestalten, daher  haben wir bewusst etwas für kleine Kinder entworfen», so Roman Häne, der neben Silvio Spieler für die Planung und Umsetzung beim  Kollektiv Nordost verantwortlich zeichnet. Man  setzt sich gerne hin und schaut aufs Wasser – der  Platz ist offen und das Angebot für jeden geeignet. Gleichzeitig bleibt der Ort am See auf eine gewisse Weise unspektakulär, ohne grosse Infrastruktur. Einzig das für die Grillstellen bereitgestellte Holz  und die Toilette sind Serviceangebote an die Nutzer. Mit der Gestaltung des Familienplatzes gelingt die  Balance zwischen den Ansprüchen an ein  Freizeitangebot und den an einen möglichst wenig  gestalteten Aufenthalts- und Badebereich am See.

Gestaltung als Prozess
Das Kollektiv Nordost war zunächst von der Ortsbürgergemeinde beauftragt, die bestehende  Badestelle attraktiver zu gestalten. Anlass war, so  Silvio Spieler, der Wunsch nach Neubelebung des bis anhin vernachlässigten Ortes. Der lag hinter  einer hohen Hecke vom Weg abgegrenzt und war,  als «Partyplatz » gebraucht und zugemüllt, für Nutzer, Anwohner und Eigentümer zuletzt eine  Belastung. Im Rahmen von «Landschaft für eine  Stunde» wurde als Ziel formuliert, mit der  Neugestaltung den Platz auch für Familien attraktiv zu machen, für sie gab es bis anhin wenig Angebote.  Zudem, auch das war entscheidend, sollte eine  einfache Pflege möglich sein. «Die sorgfältige  Gestaltung eines Ortes kann dazu beitragen, dass die Bevölkerung Sorge trägt, gerade dann, wenn sie  eingebunden ist», erklärt Silvio Spieler. «Wir  wollten mit der Gestaltung zwischen den  Interessengruppen vermitteln, ein Angebot schaffen, das auch die Kommunikation  untereinander fördern kann», ergänzt sein Partner  Roman Häne. Dennoch reagierten gerade die  Anwohner zunächst auch mit Sorge auf die neue  Gestaltung. Eine grössere Attraktivität führe auch zu mehr Belästigungen, so ihre Bedenken. Daher  wurden mit der Fertigstellung des Familienplatzes  Gefässe geschaffen, über die es möglich war,  Wünsche und Fragen zu äussern. «Es ist wichtig, die Bevölkerung und die Nutzer einzubinden, um  Akzeptanz zu schaffen und auch Verständnis für die Positionen des Gegenübers», sagt Sabina Ruff vom  kantonalen Amt für Gesundheitsvorsorge, die den Mitwirkungsprozess initiierte. Mit der Eröffnung  des Platzes im Sommer 2015 wurde beispielsweise  eine «Krizzelbox» installiert mit dem Ziel, Kommentare und Anregungen aufzunehmen. «Die Möglichkeit wurde rege genutzt – sie zeigt, wie gross  das Interesse an einem Austausch ist», so Ruff weiter. So könne man sicherstellen, dass der Familienplatz auch langfristig von allen akzeptiert  und gut genutzt werde.
Das Konzept zum Familienplatz Gübsensee scheint aufgegangen zu sein.  Freilich gibt es noch unzählige weitere Wünsche an ein mögliches Nutzungsangebot, das hat die «Krizzelbox» gezeigt. Doch gerade in der Beschränkung auf
eine einfache Möblierung liegt die Qualität, die den Platzcharakter bewahrt, der Lage am See gerecht  wird und gleichzeitig unterschiedlichste Nutzungen erlaubt. Diese Balance gilt es zu finden, immer wieder neu.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Handwerklich gedacht, digital gefertigt

Nach der Sanierung und Erweiterung von Schloss Werdenberg ergänzt ein Pavillon die Anlage. Die denkmalpflegerisch anspruchsvolle Arbeit wurde nach traditioneller Zimmermannskunst geplant und durch zeitgenössische Technologien umgesetzt.

07.10.2017 von Tina Mott

Im klaren See spiegeln sich die fein gearbeiteten Holzfassaden des mittelalterlichen Städtchens, über  dem weich schattierten Grün der Weinberge erhebt sich die Burg mit dem mächtigen Bergfried. Was auf den  ersten Blick nach einer Postkartenidylle anmutet, ist  eines der bedeutendsten historischen Ensembles der Region und wird als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft.
«Wegen des besonderen Status der Burganlage als hochkarätiges Schutzobjekt bildete sich ein grosses  Planungsteam aus diversen Gremien», erklärt der Architekt Johannes Brunner die Ausgangssituation. «Unser Büro wurde zuerst damit beauftragt,  verschiedene Studien zu spezifischen Themen zu erarbeiten. Darauf aufbauend versuchten wir dann gemeinsam auszuloten, welche baulichen Massnahmen  erforderlich und sinnvoll wären.»
Das Architekturbüro BBK aus Balzers begleitete die Arbeiten rund um das Schloss bereits seit einigen  Jahren und wuchs so in die anspruchsvolle Aufgabe hinein. Im Lauf der Zeit kristallisierten sich schliesslich die einzelnen Projektbereiche heraus. Im Schloss  wurden die Instandsetzung der Tragelemente, die Erneuerung der elektrischen Anlagen und des gesamten Brandschutzsystems sowie der Rückbau verschiedener  Einbauten aus jüngerer Zeit durchgeführt. Eine besondere Herausforderung für das Architektenteam  stellte jedoch der Entwurf eines ergänzenden Pavillons dar, der durch das erweiterte Raumprogramm notwendig geworden war.
«Beim Neubau haben wir lange nachgedacht, um den  richtigen Ansatz zu finden. Da sagt doch jeder, das ist eine tolle Aufgabe. Aber es war wirklich nicht einfach»,  sagt Johannes Brunner. Im Lauf des Planungsprozesses  zeigte sich, dass die infrastrukturellen Nutzungen in einem bestehenden Nebengebäude untergebracht  werden konnten. Doch für die Bedürfnisse der  Museumsbesucher wollte eine neue Struktur geschaffen werden. Der vorgesehene Bauplatz lag in einer  Mauernische des Schlosshofes, daher waren die  räumlichen Ressourcen knapp. Zudem musste das  Gebäude verschiedene Funktionen als Empfangsraum, Ticketshop, Bistro und Veranstaltungssaal erfüllen. Also  entschieden sich die Architekten nach sorgfältigen  Überlegungen für das Konzept des Einraumes.

Giebel hätte vom Tal zu viel Präsenz ausgestrahlt

Innerhalb des historisch bedeutsamen Ensembles sollte das neue Gebäude eine markante, gleichzeitig aber auch  diskrete Rolle einnehmen. Auf alten Stichen war zu   erkennen, dass am gegebenen Ort bis ins 19.  Jahrhundert ein murales Haus mit einem Satteldach  gestanden ist. Doch kein Mitglied des Planungsteams empfand es als befriedigende Lösung, dieses Bauwerk  nach Augenmass nachzubauen. Auch die Vertreter der  Denkmalpflege sprachen sich für eine Neukonzeption des Baukörpers aus und vertraten zudem den Wunsch  nach einem reversiblen Gebäude. Aus diesem Grund wurde das Material Holz angedacht, um die Struktur klar vom Bestand zu trennen. Da ein Giebel in der Ansicht vom Tal zu viel Präsenz im Ensemble  ausgestrahlt hätte, einigte man sich auf die Form eines Walmdaches, obwohl dieses im historischen Kontext eher repräsentativen Architekturen zugeordnet wird.
«Wir wollten, dass der Raum vom Dach atmosphärisch  geprägt wird. Der Dachstuhl sollte für das Gebäude  strukturgebend sein. Also haben wir die Architektur von oben nach unten gedacht, wie man sie ja eigentlich  denken sollte, da das dem Lastverlauf entspricht»,  erklärt der Architekt. Der bestehenden Geometrie der Schlossmauern folgend, musste der Pavillon fünfeckig  geplant werden, die Dachkonstruktion sollte aber ohne Stützen tragen, um den Innenraum freizuspielen. Die  Entwurfsarbeiten gestalteten sich als sehr komplex,  doch der Holzbauingenieur Rolf Bachofner stand dem  Planungsteam verlässlich zur Seite. Laut Johannes  Brunner trug er einen wesentlichen Anteil an den  Entwicklungen: «Nur Probleme zu lösen, interessierte uns nicht, denn es hätte technisch sehr viel einfachere  Strategien gegeben. Wir wollten eine in sich schlüssige Struktur schaffen. Der wunderbare barocke Dachstuhl des Schlosses diente uns als Inspirationsquelle.»

Kaum parallele Balken in der Struktur

So machte sich  das Team an die Planung eines Dachstuhles, der in  seiner Materialisierung, Konstruktionsweise und Verbindungstechnik traditioneller Zimmermannskunst entspricht, dessen komplexe Geometrie jedoch mit Hilfe  moderner Technologien berechnet und gefertigt wurde. Der fünfeckige Grundriss konnte in eine  viereckige Tischkonstruktion übersetzt werden, die ein  Auflager für die Sparren bildet. Um auf das alte Gemäuer keine Kräfte ableiten zu müssen, wurde ein ringsum laufender Gurt geplant, der den Schub des  Sprengwerks auffängt und auch die grossen Öffnungen des darunter gefügten Strickbaus ermöglicht. Da der  Pavillon an ein Nachbargrundstück anschliesst, konnte  das Dach nur an einer Stelle entwässert werden und  wurde nochmals verkippt, um Gefälle für die Traufen zu erhalten. Die Struktur weist daher kaum parallele  Balken auf und auch die Querschnitte sind nicht  rechteckig, sondern der geometrischen Struktur  entsprechend verzogen.

Jeder Knoten muss exakt sitzen

Durch parametrische  Planungswerkzeuge wurden dreidimensionale Modelle entwickelt, welche den Verlauf der Kräfte in der  Struktur repräsentierten. Diese Daten konnten auf  elektronisch gesteuerte CNC-Maschinen übertragen  werden, die mit hoher Präzision die gewünschten Bauteile aus Vollholzrohlingen frästen und bohrten. Alle  Balken der Dach- und Strickkonstruktion wurden mit ihren Verzapfungen und Bohrungen für die  Haustechnik im Werk hergestellt, verpackt, geliefert und vor Ort nach seitenlangen Positionslisten  zusammengefügt. Bei diesem Bauwerk gab es kaum Toleranzen, jede Verbindung musste passen, jeder  Knoten exakt sitzen.
«Die Strukturen und Verbindungen dieses Holzbaus  sind handwerklich gedacht, aber mit digitalen  Technologien gefertigt», resümiert der Architekt. «Wir wollten keine Ästhetik daraus machen, sondern die zeitgenössische Technik einfach dafür verwenden, Dinge herzustellen, von denen man uns jahrzehntelang erzählt hat, dass es nicht mehr geht. In der heutigen Zeit muss  man eben nicht mehr seriell produzieren, sondern kann wieder massgeschneidert bauen.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Sommer Camp Architektur

Entdeckungsreise Architektur

Sommerferien 2018
St. Gallen / Wil / Altstätten / Wattwil / Rapperswil-Jona

Kinder und Jugendliche werden nicht an Themen der Architektur und Baukultur herangeführt. Als Erwachsene werden sie  als Bauherren und Stimmbürger Entscheidungen dazu  treffen, die Bedeutung von partizipativer  Beteiligung nimmt zu. Für diese Aufgaben müssen die  Kinder vorbereitet werden. Die Begegnung mit der  Baukultur und den beteiligten Personen weckt ihr  Interesse für Fragen rund um Architektur,  Ingenieurswesen, Energie, Landschaft und  Raumplanung.

Das Architektur Forum Ostschweiz bietet deshalb während je einer Woche ein Ferienangebot an fünf  Orten im Kanton St. Gallen an. Dieses Angebot wendet  sich an Kinder der Mittelstufe und findet im Rahmen eines Ferienpass-Angebots der  teilnehmenden Städte statt. An fünf Tagen entdeckten  die Kinder die verschiedene Aspekte der Architektur  und Baukultur. Das Grundprogramm umfasst  verschiedene Module, die je nach Ort der  Durchführung angepasst werden.

Die Kurse werden erstmals im Sommer 2018 durchgeführt. Die Projektleitung liegt beim  Architektur Forum Ostschweiz. Das AFO bietet das inhaltliche Grundgerüst für die Entdeckungswoche an und stellt das dafür benötigte Material zur Verfügung.  Die Entdeckungsreise wird von ausgewiesenen  Vermittlerinnen und Vermittlern sowie Fachpersonen  aus dem Baubereich geleitet. Als Fachleute sollen auch  Mitglieder des AFO rekrutiert werden, die für  einen Besuch während der Woche bereitstehen und die einen Kurs teilweise begleiten.

Folgende Ziele werden angestrebt:
− Die Kinder lernen die Breite der Baukultur kennen: Sie ist weit mehr als nur die Gesamtheit der Gebäude.
− Die Kinder erforschen und dokumentieren Aspekte  der Architektur mit eigenen Entdeckungsreisen an ihrem Wohnort.
− Durch eigene Anwendungen mit Material und Konstruktion lernen die Kinder Prinzipien des Bauens kennen.
− In einer selbst inszenierten Ausstellung zeigen die  Kinder, was sie über die Baukultur in Erfahrung  gebracht haben.
− Der Ferienkurs soll Spass machen. Die Entdeckung  der Baukultur erfolgt erlebnisorientiert und ist mit einem Ausflug verbunden.

Die Durchführung im Sommer 2018 dient als  Pilotprojekt, in dem Erfahrungen gesammelt werden.  Mit der Dokumentation besteht die Möglichkeit, in  den folgenden Jahren weitere Kurse im Rahmen der  Sommerferien oder von Projektwochen  durchzuführen.

Die Kurse richten sich an Kinder und Jugendliche von 10 – 15 Jahren

Mit freundlicher Unterstützung 150 Jahre
Jubiläum St. Galler Kantonalbank

Anmeldekarte Sommer Camp Architektur 2019

Grenzen – Ausstellung Parallel Sprawl: die vorstädtischen Landschaften in der Schweiz und im Kosovo

Vernissage – Einführungsfilm und Podiumsdiskussion

Mo 2. Oktober 2017, 19.30 Uhr im Forum

Filmbeitrag mit anschliessender Podiumsdiskussion mit dem Aussteller-Team und den Architekten Rosafa Basha, Pristina / Ibai Rigby, Austin / Guillaume de Morsier und Valentin Kunik, Lausanne, sowie den Gästen Charlotte Malterre-Barthes, Architektin + Stadtplanerin / Christian Schmid, Soziologe / Milica Topalovic Stadtplanerin

Trotz wirtschaftlicher und kultureller Differenzen werden sowohl die Schweiz, als auch der Kosovo stark durch Zersiedelung geprägt. Die daraus resultierenden Landschaften sind sich dabei überraschenderweise sehr ähnlich. Eine Gruppe aus Architekten beider Länder hat die vergangenen fünf Jahre gebaute Orte untersucht und diese mit Spezialisten der jeweiligen Disziplin diskutiert. Untersuchungsgegenstand bildeten dabei weder städtische, historische oder touristische Zentren, noch ländliche Gegenden. Viel mehr lag das Interesse im Verständnis der Zwischenräume als leistungsstarke Unbekannte – weder Stadt, noch Land. Durch die parallele Beobachtung und Dokumentation suburbaner Gebiete und deren Funktionsweisen, zeigen sich die jeweiligen Probleme. Es werden Organisationsprinzipien, Gemeinsamkeiten und Unterschiede offengelegt und gleichzeitig gegensätzliche Ideen zur Gestaltung neuer Interpretationen und Visionen einander gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt eine Momentaufnahme der fünfjährigen parallelen Forschungsarbeit, welche in den folgenden Jahren weitergeführt und weiterentwickelt wird.

 Ausstellung im Forum

Parallel Sprawl
Valentin Kunik, Guillaume de Morsier
Ibai Rigby
Charlotte Malterre-Barthes
Christian Schmid
Milica Topovic

Einladungskarte Ausstellung Parallel Sprawl

Ausstellungssponsoren
Stadt St. Gallen, Fachstelle Kultur
KHG Holzbau AG

Bildnachweis: Parallel-Sprawl.org

Grenzen – Ausstellung Parallel Sprawl: die vorstädtischen Landschaften in der Schweiz und im Kosovo

Mo 2. Oktober 2017 bis Mo 6. November 2017
Öffnungszeiten: während der Veranstaltungen und jeweils Sa + So 14–17 Uhr im Forum, Filmvorführung jeweils um 15 Uhr

Trotz wirtschaftlicher und kultureller Differenzen werden sowohl die Schweiz, als auch der Kosovo stark durch Zersiedelung geprägt. Die daraus resultierenden Landschaften sind sich dabei überraschenderweise sehr ähnlich. Eine Gruppe aus Architekten beider Länder hat die vergangenen fünf Jahre gebaute Orte untersucht und diese mit Spezialisten der jeweiligen Disziplin diskutiert. Untersuchungsgegenstand bildeten dabei weder städtische, historische oder touristische Zentren, noch ländliche Gegenden. Viel mehr lag das Interesse im Verständnis der Zwischenräume als leistungsstarke Unbekannte – weder Stadt, noch Land. Durch die parallele Beobachtung und Dokumentation suburbaner Gebiete und deren Funktionsweisen, zeigen sich die jeweiligen Probleme. Es werden Organisationsprinzipien, Gemeinsamkeiten und Unterschiede offengelegt und gleichzeitig gegensätzliche Ideen zur Gestaltung neuer Interpretationen und Visionen einander gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt eine Momentaufnahme der fünfjährigen parallelen Forschungsarbeit, welche in den folgenden Jahren weitergeführt und weiterentwickelt wird.

Vernissage
Parallel Sprawl

Einladungskarte Parallel Sprawl

Ausstellungssponsoren
Stadt St. Gallen, Fachstelle Kultur
KHG Holzbau AG

Bildnachweis: parallel-sprawl.org

Grenzen – Brückenschlag

Verena Konrad, Direktorin vai Vorarlberger Architektur Institut, Dornbirn

Mo 4. September 2017, 19.30 Uhr im Forum

Auf beiden Seiten der Grenze sind Themen wie der Verbrauch von Landschaft, das Phänomen der Ziersiedlung oder die Zunahme von Verkehr  Herausforderungen für die Raumplanung und damit auch relevant für alle, die sich in ihrer jeweiligen Profession mit Baukultur beschäftigen. Der Vortrag schlägt eine Brücke anhand von aktuellen Reflexionsfeldern.

Bildnachweis: vai, Foto Darko Todorovic

Einladungskarte September

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Der Wandel ist etwas Vertrautes

Der Gemeinderat und die Bevölkerung von  Lichtensteig haben in moderierten  Beteiligungsprozessen Strategien erarbeitet, um den Strukturwandel erfolgreich zu bewältigen. Nun  blicken sie den Herausforderungen der nächsten Jahre entgegen.

19.08.2017 von Tina Mott

«Die Zukunft ist nicht unbestimmt, wir wissen, wo wir in zehn Jahren stehen werden.» Stadtpräsident Mathias Müller ist einer der Impulsgeber und Gestalter
des bemerkenswerten Entwicklungsprozesses, den die knapp 1900 Einwohner zählende Toggenburger Gemeinde seit einigen Jahren durchläuft. «Das ist auch gar nicht so schwierig. Wir müssen unsere Ziele klar definieren, die Augen offen halten für neue Entwicklungen und entstehende Projekte begleiten, nicht den Bewohnern sagen, was sie machen sollen.»
Wie zahlreiche europäische Kleinstädte wurde auch Lichtensteig ab den 1980er-Jahren von den Folgen eines rasch fortschreitenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Strukturwandels stark beeinträchtigt. Das ehemalige Markt-, Verwaltungs- und Gerichtszentrum des Toggenburgs verlor zusehends an Finanzkraft und Bedeutung. Die traditionsreichen ortsansässigen Fabrikationsbetriebe wurden verkauft oder geschlossen, da durch globale Produktionsverlagerungen auch die Ostschweiz von einer starken Deindustrialisierungswelle erfasst wurde. Einzelhandel, Kleingewerbe und Gastronomie mussten durch das veränderte Konsumverhalten und die steigende Mobilität ihrer Kunden ebenso empfindliche Einbussen in Kauf nehmen. Die alteingesessenen Läden und Gastbetriebe in den Erdgeschossen der historischen Stadthäuser schlossen zusehends, Verödung und Leerstand machten sich breit.
«Fast allen stand das Wasser bis zum Hals», erklärt Müller. «Viele Jahre lang wurden keine neuen Impulse mehr gesetzt und dadurch entstand eine gefährliche Abwärtsspirale. Durch den Wegfall der Erdgeschossmieten sank der Wert der gesamten Liegenschaften, die Belastungen blieben aber gleich. Da nicht mehr investiert wurde, verschlechterte sich der Zustand der Wohnungen in den darüber liegenden Geschossen und die Mietpreise brachen ein. Da war es enorm wichtig, dass wir bei den Hausbesitzern das Vertrauen erwecken konnten, es lohne sich wieder, in der Altstadt zu investieren.»

Über der Kalberhalle entsteht ein Künstlerhaus
Diese Strategie scheint nachhaltig gefruchtet zu haben. Beim gemeinsamen Spaziergang durch den historischen Stadtkern überzeugen zahlreiche Baustellen und offensichtlich frisch renovierte und umgebaute Geschäftslokale, Wohnhäuser und auch Aussenräume. In der geschichtsträchtigen Kalberhalle wird ohrenbetäubend gewerkt, hier entsteht bis zum Herbst ein zeitgemäss ausgestatteter Kultur- und Begegnungsraum für die Bevölkerung. Das gesamte Gebäude soll jungen Kreativen aus der Region als Künstlerhaus zur Verfügung gestellt werden, sobald die Stadtverwaltung aus den darüber liegenden Räumlichkeiten in eine Nachbarliegenschaft umgezogen ist. Ein paar Schritte weiter wird im ehemaligen Postgebäude die Genossenschaft Village Office Einzug halten. Um Landflucht und Pendlerstress zu vermeiden, aber auch, weil man Innovations-Motoren wie Freelancern und Start-ups Platz bieten möchte, werden die ungenutzten Räume zu Coworking Spaces umgestaltet. In die sanierten Wohnhäuser sind inzwischen rund hundert neue Bewohner eingezogen, die leeren Erdgeschosse werden als Galerien und Ausstellungsflächen genutzt.
Nachdem im Jahr 2008 der Tiefpunkt erreicht worden war, entschloss sich die Stadtregierung noch unter Müllers Vorgänger zur Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Ortskernentwicklung Netzwerk Altstadt. Durch eine Stadtanalyse wurde eine fundierte Aussensicht der Situation geboten und es zeigte sich, dass Lichtensteig mit seinen Problemen nicht allein war. Liegenschaftsbesitzer konnten in der Folge zu günstigen Konditionen Gutachten zu Nutzungsstrategien und Entwicklungsmöglichkeiten ihres Hauses erstellen lassen und wurden bei strategischen Entscheidungen unterstützt.
Zudem schlossen sich Eigentümer und Anwohner zu moderierten Gassenclubs zusammen und erarbeiteten gemeinsame Strategien zu vereinbarten Themen. Aus diesen Interessengemeinschaften wurden dann Entwicklungsvorschläge an die Gemeinde herangetragen, die für die planungsrechtliche Sicherung, Finanzierung und Umsetzung verantwortlich zeichnete.

Prozess mit Bürgerbeteiligung angestossen
Nur wenige Monate nach seiner Wahlzum Stadtpräsidenten lud Mathias Müller die Bevölkerung von Lichtensteig zu einem umfassenden Beteiligungsprozess. 140 Einwohner nahmen im Jahr 2013 an dieser Zukunftskonferenz teil und bildeten im Anschluss daran zehn verschiedene Arbeitsgruppen. Vom Erwerb des Energiestadtlabels oder der Entwicklung des Seniorennetzwerkes 60+ bis hin zu baulichen Massnahmen, wie der Errichtung eines Holzschnitzel- Nahwärmeverbundes oder dem Neubau von zwei Spielplätzen, konnten inzwischen zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt werden. Die neu gegründete Weinbaugenossenschaft pflanzte im letzten Jahr einen ökologisch bewirtschafteten Rebberg als Erholungsort am Fuss der Altstadt und die Energiekommission arbeitet an einer gemeinschaftlich betriebenen Fotovoltaik-Anlage.
«Allein durch die Zahl und den Umfang der Projekte, die wir geplant und umgesetzt haben, wäre der Prozess ohne Bürgerbeteiligung in diesem Ausmass niemals möglich gewesen. Wir können nicht alles selber machen. Aber wir wollen die Menschen unterstützen, die Ideen haben und etwas umsetzen möchten», reflektiert der Stadtpräsident.
Aus den vielschichtigen Erkenntnissen, die in den letzten Jahren gesammelt werden konnten, entwickelte die Gemeinde nun die Strategie Mini.Stadt 2025. Eine gesunde Altersdurchmischung der Bevölkerung, die strategische Nutzung der Baulandreserven oder eine starke Einbindung in regionale Strukturen wurden zu wichtigen Zielsetzungen erklärt, an denen die Bewohner und ihre Stadtverwaltung in den nächsten Jahren konsequent und kontinuierlich weiterarbeiten möchten.
Mathias Müller ist zuversichtlich, dass Lichtensteig auch die kommenden Herausforderungen erfolgreich bewältigen wird: «Der Wandel ist etwas Vertrautes, er ist ein wichtiger Faktor unserer Arbeit. So, wie es früher war, wird es nicht mehr. Daher müssen wir uns bewusst werden, welche Stärken und Schwächen unsere Stadt aufweist und uns auf Basis dieser Erkenntnisse weiterentwickeln. Dafür benötigen wir Zusammenhalt, Gestaltungswillen, Durchhaltevermögen und wohl auch ein bisschen Mut.»

 

Bilder: Hanspeter Schiess

ArchitekTour

Westschweiz

Do 31. August – So 3. September 2017

Die Westschweiz liegt so nah – und doch bleibt sie uns oft unbekannt. Das Jahr hat im AFO mit dem Vortrag von Matthieu Jaccard begonnen. Der Lausanner Architekturvermittler hat an diesem fulminanten Abend ein äusserst lebendiges Bild der Romandie gezeichnet mit Bauwerken, Menschen und Mentalitäten – und unsere Neugierde genug geweckt.
Auf dem Hinweg ein kurzer Halt in Fribourg, danach führt uns die Reise im Bogen entlang des Lac Lémans: Montreux und Vevey, Lausanne und Genf.
Als kundiger Führer wird Matthieu Jaccard die Reise begleiten. Er führt uns an die historischen «Musts», die bekannten Highlights und auch an wenig bekannte Orte: eine Entdeckungsreise im eigenen Land.

Das Detailprogramm ist in Bearbeitung und wird den Teilnehmern bei der Abreise abgegeben. Teilnehmerzahl min. 18, max. 24 Personen. Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt. Versicherung und ggf. Reiser5cktrittsversicherung sind Sache des Teilnehmers. Änderungen bleiben vorbehalten.

Kosten Mitglieder 850.–* / Nichtmitglieder 950.–*
* Inklusive Fahrt im Komfortreisebus, 3 Übernachtungen mit Frühstück im DZ (EZ-Zuschlag: 200.–), ÖV, Führungen und Eintritte. Gemeinsames 4-Gang-Menu Samstag Abend im Preis inbegriffen.

Abfahrt Do ca. 8 Uhr, Rückkehr So ca. 20 Uhr

Mitgliedschaft Architektur Forum Ostschweiz

Profitieren Sie vom Mitgliederpreis und melden Sie sich jetzt zur Mitgliedschaft im Architektur Forum Ostschweiz an.

 

Die Reise ist ausgebucht.

 

Bildrechte: Villa «le Lac» Le Corbusier

Anmeldekarte ArchitekTour Westschweiz

Grenzen – Der Wiener Kongress ist an allem schuld oder warum Konstanz und  Kreuzlingen im Verkehr versinken

Dominik Gügel, Museumsdirektor Napoleonmuseum Thurgau

Mo 21. August 2017, 19 Uhr, «Das Trösch», Hauptstrasse 42, Kreuzlingen

Seit Jahren stellen sich Thurgauer und Konstanzer Bürger diese Frage. Sie hoffen auf eine Antwort der Politik. Aber sie kommt nicht. Kein Wunder, denn Politiker sind die falschen Ansprechpartner – Historiker sind gefragt! Historiker? Ja, natürlich, denn schuld an allem ist der Wiener Kongress. 1814/1815  wurde festgelegt, dass Konstanz nicht zum Thurgau gehört und umgekehrt. Ähnlich wie der Verkehr bewegte sich der Kongress zwar, aber er  kam nicht vorwärts. Mit fatalen Folgen bis heute.

Das Referat von Dominik Gügel widmet sich dem Wiener Kongress am Beispiel von Konstanz und dem Thurgau. Dabei spielen natürlich auch die Vorgeschichte und die Auswirkungen des Wiener Kongresses eine Rolle. Mit der Grenzziehung, die bis heute Bestand hat, wurden die Bewohner auch einer vernünftigen Verkehrslösung beraubt. Zwar spielte der Verkehr bis zum Ersten Weltkrieg kaum eine  Rolle, da die vorhandene Infrastruktur damals ausreichte. Seither sind aber wieder 100 Jahre vergangen…

Anschliessend zum Referat informiert der Vorstand des Architektur Forum beim Apéro über die Geschichte und die Tätigkeit des Forums an der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz und öffnet die Türen zu einer Besichtigung des Hauses Trösch (Architekt Beat Consoni).

Bildnachweis: Die Landgrafschaft Thurgau, Privatbesitz Dominik Gügel

Einladungskarte August

 

Gutes Bauen Ostschweiz

Subtiler Dialog zwischen alt und neu

Aktueller Beitrag von Susanna Koeberle

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Am eigenen Werk weiterbauen

Vierzig Jahre nach ihrem Bau wird die Berufsschule Weinfelden erweitert. Den Wettbewerb für den Neubau gewinnt das gleiche Architekturbüro wie damals. Eine einmalige Chance.

22.07.2017 von Caspar Schärer

Mit der Schlüsselübergabe ist der Auftrag für den Architekten, die Architektin abgeschlossen. Manchmal fällt der Abschied von einem Bauprojekt schwer, das sie womöglich über Jahre begleitet hat. Schlaflose Nächte, lange Sitzungen, aber auch überraschende Entdeckungen und schöne Erlebnisse – alles vorbei und Erinnerung. So weit der Normalfall. Von einem glücklichen Ausnahmefall soll aber hier die Rede sein. Ein Architekturbüro erhält fast vierzig Jahre nach der Vollendung eines grossen Baus die Gelegenheit, die Erweiterung gleich selber in die Hand zu nehmen. Es verfällt nicht in Nostalgie und sucht auch nicht den maximalen Kontrast, sondern stellt dem älteren Gebäude einfach ein neueres zur Seite. Beide bleiben eigenständig, es ist nicht einmal eindeutig eine gemeinsame architektonische Handschrift zu erkennen. Und doch ergänzen sich beide subtil zu einem Ganzen, das zusammengehört.

Kurt Huber war 26 Jahre alt, als er zusammen mit dem zehn Jahre älteren René Antoniol 1969 in Frauenfeld ein Architekturbüro gründete. Schon bald gewann das junge Büro Wettbewerbe und durfte mit Bauten sein Können unter Beweis stellen. 1973 gelangten Antoniol und Huber wieder über einen Architekturwettbewerb an ihren bisher grössten Auftrag: den Neubau der Berufsschule für kaufmännische und gewerbliche Berufe in Weinfelden. Bis 1978 stellten sie den markanten Gebäudekomplex fertig, später folgte noch ein Sporttrakt mit Turnhallen und einem Hallenbad. Das Berufsbildungszentrum steht im Weinfelder Südquartier direkt am Bahnhof. Es ist eindeutig als Bau seiner Zeit zu erkennen. Die dunkelroten Stahlfassaden wurden damals einfach gerne verwendet, gerade bei öffentlichen Bauten. Einen Kontrast zu den beiden längs gelagerten Schultrakten bilden die «stehenden » Versorgungselemente in Sichtbeton. Dem viergeschossigen Hauptbau vorgelagert ist ein niedrigeres Werkstattgebäude, dem die Architekten mit einem zentralen Oberlichtband einen industriellen Charakter verliehen – ein Bezug zum benachbarten Gleisfeld, das in den 1970er-Jahren noch nach Industrie roch.

Der architektonische Geist der 1970er-Jahre

Im «Scharnier» zwischen den beiden Trakten befindet sich die Treppenanlage, die in einer luftigen, von oben mit Tageslicht versorgten Eingangshalle steht. Auch hier ist er noch zu spüren, der architektonische Geist der 1970er-Jahre: das Treppenhaus als sozialer Ort, als Treffpunkt für junge Kaufleute und Handwerker; die knapp zwanzig Meter hohe, von Sonnenlicht bestrichene Sichtbacksteinwand; ganz allgemein die roh belassenen Materialien. Dass diese Haltung keineswegs zu einer kargen Architektur führen muss, zeigen alle Bauten von Antoniol + Huber, die sie seit 1969 erstellt haben. Das Büro entwickelte sich kontinuierlich über die Zeit, wurde grösser, blieb aber immer mit der Region verbunden. Zahlreiche öffentliche Bauten sind in diesem Atelier entworfen worden, so etwa das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen (1983), der Umbau des Eisenwerks in Frauenfeld (1991) – heute ein wichtiger Kultur- und Veranstaltungsort mit überregionaler Bedeutung – und die Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden (1997), eine Ikone der Technik- Architektur im Thurtal. Hinzu kommen etliche Primar-, Oberstufen-, Berufs- und Kantonsschulen in den Ostschweizer Kantonen.

Trotz dieses beachtlichen Oeuvres verloren die beiden Bürogründer nie den Boden unter den Füssen, sondern blieben die gleichen gewissenhaften und sorgfältigen Architekten, die sie von Anfang an waren. Sie regelten rechtzeitig ihre Nachfolge und überliessen die Geschäftsführung jüngeren Kräften. Kurt Huber schaut gelegentlich noch vorbei, René Antoniol ist im April 2017 im Alter von 83 Jahren verstorben. Heute leiten die Architekten Roland Wittmann und Sascha Mayer das Büro, das unter dem Namen Antoniol + Huber + Partner firmiert.

Architektur alleine ist nichts

Dass die Frauenfelder Architekten 2002 den offenen Projektwettbewerb für die Erweiterung des Berufsbildungszentrums in Weinfelden gewinnen konnten, ist vermutlich kein Zufall. Schliesslich kannten sie das Areal und die Bauherrschaft schon gut. Andererseits kann jedoch zu viel Vorwissen genauso gut einem frischen Entwurf im Wege stehen: Man hat schon alle Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. Offensichtlich gelang Antoniol + Huber + Partner der Spagat zwischen Erfahrung und Neuigkeit; 2007 konnte der Erweiterungsbau eröffnet werden.

Das Gebäude unterscheidet sich in vielem von seinem fast vierzig Jahre älteren Nachbar, aber einige Dinge sind eben auch gleich. So ist der Neubau ebenso viergeschossig und an den Haupttrakt gliedert sich wie schon beim Altbau ein niedrigerer Nebentrakt – hier ist es das so genannte Lebensmittelzentrum, die Ausbildungsstätte für Berufe wie Koch, Bäcker oder Confiseur. Als Gebäude ist auch die Erweiterung als Kind seiner Zeit erkennbar: weit gespannte Sichtbetonrahmen, in denen grosse Fensterflächen liegen; generell weniger Details und schärfer geschnittene Formen; weiterhin roh belassene Materialien, aber sie wirken heute edler. Alt- und Neubau können gut nebeneinander stehen und man könnte zum Schluss kommen, dass die jeweilige architektonische Sprache gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist, dass sich der Erweiterungsbau in das vom Altbau vorbestimmte Muster einfügt. Die beiden grossen Gebäude bilden einen Zwischenraum, dem die Architekten viel Aufmerksamkeit schenkten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Zwischenraum ist komplexer, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Gleich beim Bahnhof weitet er sich zu einem kleinen baumbestandenen Platz; weiter südlich kommen sich die Gebäude näher – genau hier sind die beiden Haupteingänge platziert. Danach öffnet sich der Raum wieder zu einem nach Süden ausgerichteten Platz, während die Nord- Süd-Achse durch den Sporttrakt weiterläuft, angedeutet durch einen verglasten Spalt zwischen Hallenbad und Turnhallen. Den Architekten ist damit etwas gelungen, das zu oft unterschätzt wird: Sie schaffen ein echtes Ensemble. Architektur alleine ist nichts. Erst die Zwischenräume betten Gebäude in einer Stadt, in einem grösseren Ganzen ein. Und wenn diese Städte in Zukunft verdichtet werden sollen, braucht es dafür sorgfältig gestaltete, offene, unkomplizierte und veränderbare Zwischenräume.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Museumsnacht

Städtische Ausstellung, Theo Cowley

Sa 9. September 2017, 18–01 Uhr im Forum

Der bildende Künstler Theo Cowley, 1976 in London geboren, lebt seit einigen Jahren in St.Gallen und Brüssel. Er beschäftigt sich mit Aspekten der Performance und präsentiert in seiner Ausstellung im Architektur Forum Ostschweiz eine neue Videoinstallation.

Im Jahre 2015 hat Theo Cowley den Werkbeitrag der Stadt St.Gallen erhalten. Für die Museumsnacht hat Theo Cowley die 1988 in New York geborene Schweizer Film- und Performancekünstlerin Axelle Stiefel eingeladen, eine Sound- und Vokalperformance zu präsentieren. Beide Kunstschaffende waren Residenzkünstler am Wiels Center of Contemporary Art in Brüssel.

ab 18 Uhr Barbetrieb

19 und 21 Uhr
Axelle Stiefel, «Codex Operator» Sound und  Vokalperformance

Ticket 20.– für Eintritt in alle beteiligten Museen und Shuttlebusse
www.museumsnachtsg.ch

Ausstellung: Fr 1. September bis So 24. September 2017
Öffnungszeiten: Di–So, 14–17 Uhr
Vernissage Do 31. August um 18.30 Uhr. Einführung Kristin Schmidt

Theo Cowley

Städtische Ausstellung im Forum

Theo Cowley

Ausstellung: Fr 1. September bis So 24. September 2017
Öffnungszeiten: Di–So, 14–17 Uhr

Der bildende Künstler Theo Cowley, 1976 in London geboren, lebt seit einigen Jahren in St.Gallen und Brüssel. Er beschäftigt sich mit Aspekten der Performance und präsentiert in seiner Ausstellung im Architektur Forum Ostschweiz eine neue Videoinstallation.

Im Jahre 2015 hat Theo Cowley den Werkbeitrag der Stadt St.Gallen erhalten. Für die Museumsnacht hat Theo Cowley die 1988 in New York geborene Schweizer Film- und Performancekünstlerin Axelle Stiefel eingeladen, eine Sound- und Vokalperformance zu präsentieren. Beide Kunstschaffende waren Residenzkünstler am Wiels Center of Contemporary Art in Brüssel.

Theo Cowley

Vermählung zweier Künste

Wein und Architektur sind eine enge Liaison eingegangen. Das Beispiel des Alten Torkels in Jenins zeigt, wie die Ehe funktionieren könnte

17.06.2017 von Ruedi Weidmann

Die Aussicht nimmt einen gleich in Beschlag. Wer draussen unter der Pergola auf der Terrasse vor dem Alten Torkel in Jenins sitzt, überblickt das breite Rheintal von Trimmis bis nach Sargans. Von hier aus, im Frühsommerlicht eines Juninachmittags, zeigt sich die Bündner Herrschaft von ihrer besten Seite. Draussen in der weiten Welt ist die Region berühmt für Johanna Spyris Heidi. Doch nicht nur Einheimische wissen längst, dass da noch einiges mehr ist als nur ein pausbäckiges Mädchen aus einem bald 140 Jahre alten Roman.

Der Wein, natürlich: Die sanften Hänge an der rechten Talflanke werden grosszügig von der Sonne verwöhnt und eignen sich deshalb gut für den Anbau von Trauben. In Fläsch, Maienfeld, Jenins und Malans sind rund 350 Hektaren mit Reben bestockt; die Bündner Herrschaft gehört zu den kleinen Weingebieten der Schweiz. Aber inzwischen ist ebenso bekannt, dass nicht die Menge der entscheidende Faktor ist, sondern die Qualität.

Und damit kommt die Architektur ins Spiel, denn auch in der Baukunst hat sich die Herrschaft in den letzten dreissig Jahren einen Namen gemacht – ebenfalls mit Qualität und nicht mit Quantität. Weltweit bekannt wurde das Weingut Gantenbein der Churer Architekten Bearth + Deplazes, dessen Backsteinfassade von einem Roboter gemauert wurde. Bilder und Pläne so genannter Wein-Architektur landen seit Mitte der 1990er Jahre auf den Tischen der Architekturzeitschriften. Einmal mehr war das berühmte Büro Herzog & de Meuron ein früher Trendsetter, als es vor zwanzig Jahren im kalifornischen Napa Valley die Dominus Winery baute. Herzog & de Meuron legten damit die Latte gleich zu Beginn sehr hoch, indem sie all die sinnlichen Aspekte rund um den Wein brillant in besondere, geradezu geheimnisvolle Räume übersetzten. Später katapultierten sich die Burgenländer im Südosten Österreichs mit einer ganzen Reihe von Neubauten auf die Landkarte – ihren Wein damit natürlich auch! Dann kam die Toscana und letztes Jahr eröffnete in Bordeaux ein pompöses Museum, die Cité du Vin.

Rangordnung bleibt gewahrt
Die Erweiterung des Alten Torkels in Jenins gehört zwar zu dieser Familie der Wein-Architektur, es fehlt ihr aber gänzlich das Auftrumpfende und Überwältigende vieler ihrer Cousins und Cousinen. Schon das Weingut Gantenbein in Fläsch ist eigentlich ein bescheidener Bau, der sich in das Dorf und die Landschaft einfügt. Beim Alten Torkel in Jenins spielen diese Faktoren eine noch grössere Rolle. Zunächst die Siedlung: Die Weinstube bildet unübersehbar den dem Nachbarort Maienfeld zugewandten Dorfeingang. Dann die Landschaft: Die Reben reichen hier bis an den Strassenrand und sogar darüber hinaus. Siedlung und Landschaft sind in Weingebieten keine «Gegner», aber die Abgrenzung ist jeweils recht scharf. Während viele der neuen Architektur-Weingüter als isolierte Objekte einen Akzent in der Landschaft setzen und gleichzeitig versuchen, mit ihr zu verschmelzen, ist der Alte Torkel ganz klar ein Teil des Dorfes.

Ausgangspunkt für die Erweiterung war wie so oft ein regulatorisches Problem. Die Küche der beliebten Weinstube genügte schon länger nicht mehr den einschlägigen Vorschriften; nun drohte sogar die Schliessung. Die Platzverhältnisse waren ohnehin prekär, und so schrieb der Interessenverband Graubünden Wein zusammen mit dem Bündner Heimatschutz einen Studienauftrag für Architekten aus, den der Churer Architekt Pablo Horváth für sich entscheiden konnte. Es galt, das Restaurant mit einer zeitgemässen Gastroküche und neuen sanitären Anlagen auszurüsten, ausserdem sollte das Platzangebot des Restaurants ausgeweitet werden. Des Weiteren wünschte sich Graubünden Wein einen Ausstellungsraum zur Geschichte des Weinbaus in der Bündner Herrschaft und der Kanton ein Sitzungszimmer für besondere Anlässe.

Der neue Anbau wächst aus dem Altbau heraus – klar ist ersichtlich, wie er sich unter den First des Alten schiebt. Die Rangordnung bleibt gewahrt. An der schmalen Seite bäumt sich der Giebel expressiv auf, so dass er schon von Weitem erkannt wird, ohne jedoch aus dem üblichen Formenkanon herauszufallen. Die Fassade unter dem Dach wirkt wie aus einem einzigen Stein gemeisselt. Das liegt an der Bearbeitung des Sichtbetons, der gestockt wurde, also von einem so genannten Stockhammer aufgeraut. Auf diese Weise entsteht eine stärkere Tiefenwirkung, die Oberfläche wird plastischer.

In der Ausstellung sitzen
Einmal mehr beweist Pablo Horváth hier, dass er nicht umsonst bekannt ist als ein Architekt, der sorgfältig mit dem Bestehenden und Gewachsenen umgehen kann. Bei der Sanierung der Bündner Kantonsschule Cleric in Chur zeigte er, dass er ein architekturhistorisch wichtiges Schulhaus aus den 1960er-Jahren umsichtig und mit viel Liebe zum Detail auf einen heutigen Stand bringen kann, so dass sogar der Minergie-Standard eingehalten wird. In Jenins ist es die sensible Platzierung des Anbaus, die einen kleinen Vorplatz freilässt, die markante und doch bescheidene Formgebung des Gebäudes – und die feine Gestaltung des Innenraums, der sich so ganz anders präsentiert als erwartet.

Im Inneren erwartet die Besucher ein intimer, ganz in Eichenholz ausgeschlagener Raum, dessen einziges Fenster sich talabwärts zu den Rebhängen öffnet. In die dicken Mauern eingelassene Nischen laden zum Beieinandersitzen in kleinen Gruppen ein. Nur Eingeweihte wissen, dass sich die vermeintlichen «Schranktüren» zwischen den Nischen öffnen und zu einer zusammenhängenden Ausstellung über den lokalen Weinbau aneinanderreihen lassen. Genauso schnell werden die Paneele weggeklappt und der Raum wieder wie vorher.

Ein Mauerdurchbruch führt auf die Galerie im Altbau, den Horváth sanierte und umbaute. Nach wie vor dominiert die grosse Baumpresse aus dem frühen 18. Jahrhundert den Hauptraum der Beiz. An der Rückwand entwarf der Architekt eine so genannte Weinorgel, ein Präsentationsregal für all die Winzer von Graubünden Wein. Auf dem unteren Geschoss angelangt, ist es nur noch ein kleiner Schritt hinaus auf die Terrasse. Knapp die Hälfte der Fläche wird von einer Pergola auf wuchtigen Stützen besetzt, die einen eigenen Raum aufspannt. Hier sitzt man mitten in den Reben, vor sich das offene Tal, hinter sich die von der Junisonne aufgewärmte Betonwand des neuen Anbaus. Es wird Zeit, ein Glas Wein zu bestellen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Das Architektur Forum macht Sommerpause und wünscht allen eine gute Zeit!

Ende August geht es weiter mit unserem Programm. Demnächst mehr…

Vor Ort – Erweiterung Helvetia-Hauptsitz, St. Gallen

Besichtigung mit Führung durch Bauherrschaft und Bauleitung

Mo 26. Juni 2017, 17.30 Uhr vor Ort

Mit dem neuen Westflügel schafft Helvetia an ihrem Hauptsitz am Girtannersberg etwa 130 zusätzliche Arbeitsplätze. Zugleich wird der Gastrobereich erneuert und erweitert. Der Erweiterungsbau basiert auf dem Projekt von Herzog & de Meuron, das 1989 erfolgreich aus einem Projektwettbewerb hervorgegangen ist. 2002 und 2004 wurden die Süd-, die Nord- und die Ostseite des bestehenden Gebäudes mit markanten Neubauten fertiggestellt. Nun folgt mit der Westerweiterung der vierte und abschliessende Teil. Pierre de Meuron erklärt: «Der vierte und letzte Erweiterungsbau schafft einen markanten Eingang mit Café, Sitzungsräumen und Büros. In den letzten Jahren sind damit vier neue, in Form, Grösse und Querschnitt unterschiedliche Baukörper an den kreuzförmigen Altbau mit zentraler offener Treppenanlage angedockt worden. Dadurch entstanden vier hofartige Gärten, die die Natur in den Büroalltag integrieren. Die einheitliche Fassadengestaltung aller Erweiterungsbauten
gibt dem gesamten Gebäudekomplex seine Identität.»

Die Veranstaltung ist ausgebucht – keine Anmeldung mehr möglich

Teilnehmerzahl beschränkt
Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Mitgliedschaft Architektur Forum Ostschweiz

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Bildnachweis: Herzog & de Meuron

Einladungskarte Juni

Grenzen – Schnittstelle Erdgeschoss – Wechselwirkung zwischen Öffentlich und Privat

Doris Zoller, Architektin und Stadtplanerin, München und Ingemar Vollenweider, Architekt, Basel

Mo 12. Juni 2017, 19.30 Uhr im Forum

Dr. Doris Zoller, Architektin und Stadtplanerin aus München, zeigt über eine rein architektonische Betrachtungsweise hinaus die enorme soziokulturelle Bedeutung der  Erdgeschosszone im verdichteten europäischen Wohnungsbau auf. Diese herausragende Rolle begruündet sich zunächst aus ihrer Position: Sie wird auf Augenhöhe wahrgenommen. Sie ist Gebäudesockel und Interaktionsraum zugleich. Hier treffen Architektur und Stadtleben, Individuum und Gemeinschaft, Privatheit und Öffentlichkeit aufeinander und formen sich aus einem Gemenge von architektonischen, sozialen und ökonomischen Schwellen und Übergangsräumen zu Räumen des Dazwischen aus. Diese Transfer- und Übergangszonen stehen in enger Wechselwirkung zwischen der Typologie von Wohngebäuden und dem Charakter der angrenzenden öffentlichen Räume. Die Erdgeschosszone ist also weit mehr als eine Reihung funktional notwendiger Räume, sie birgt Bereiche der Nutzbarkeit und Aneignung für die Stadtbewohner und trägt somit wesentlich zur Identität eines Quartiers und damit letztlich der gesamten Stadt bei.

Bildnachweis: Doris Zoller

Einladungskarte Juni

 

Ein Garten ist vor allem Atmosphäre

Mit seinen Grünanlagen und Plätzen prägte Tobias Pauli jahrzehntelang die Landschaftsarchitektur in der Ostschweiz mit. Heute pflegt er wieder den Garten seiner Kindheit und ordnet seine Erkenntnisse.

20.05.2017 von Ruedi Weidmann

Tobias Pauli kam in einem Paradies zur Welt, einem Gehöft bei Cavigliano, das sein Vater, der Maler und Radierer Fritz Pauli, gekauft und mit Ateliers erweitert hatte. Im Rebberg am Ausgang des Onsernonetals verbanden sich subalpine Landschaft und subtropisches Mikroklima. Tobias’ Mutter, die Schneiderin und Vergolderin Elsi Meyerhofer, beschloss, den Weinberg in einen Park zu verwandeln. So wuchs Tobias in einer Gartenbaustelle auf. Die ausgeprägte Topografie, die üppige Vegetation, die Selbstverständlichkeit, mit der alte Tessiner Häuser im Gelände stehen, Vaters Malerblick darauf und Mutters aktiver Umgang damit schulten sein Sensorium für die Stimmung eines Ortes. In ihm wuchs die Idee, Gartenbauer zu werden.

In der Schweiz gab es keine Ausbildung für Landschaftsarchitektur. Pauli besuchte die Gartenbauschule in Genf. Sie lehrte die Biologie von Nutzpflanzen, Gemüse, Wein und Obstbäumen. Doch Pauli wollte gestalten! Nach der Ausbildung begann er seine Lehr- und Wanderjahre, die ihn weit herumführten. Die erste Stelle bot ihm 1962 sein Halbbruder Manuel an, der in Zürich Architekt war. 300 Meter neben dem Park seiner Mutter entwarf Pauli seinen ersten Garten. Danach holte ihn der damals führende Schweizer Gartenarchitekt Fred Eicher für drei Jahre in sein Büro. Die geraden Linien der modernen Architektur prägten Eichers Schaffen. Pauli arbeitete an einem seiner Hauptwerke mit, dem Friedhof Eichbühl in Zürich. Betonmauern und getrimmte Hecken definierten weite Terrassen mit rechtwinkligen Wasserbecken und breiten Promenaden. Bäume setzte Eicher als Monumente in die künstliche, atmosphärisch dichte Landschaft. An seiner nächsten Station, der Berner Stadtgärtnerei, entwarf Pauli Spielplätze, nützlich und robust. Dann ging er nach Amerika. In Kanada lernte er, Swimmingpools mit Trax und Spritzbetonkanone zu bauen, in Kalifornien Gärten mit einem Stecken direkt im Wüstensand zu entwerfen. Die Weite und die Unbekümmertheit waren wohltuend. Doch der Künstlersohn vermisste kulturhistorisches Bewusstsein, nahm ein Schiff nach Europa und schrieb sich an der Kunstgewerbeschule Basel ein. Er landete mitten in der Naturgartenbewegung, denn das Büro von Wolf Hunziker, wo Pauli Arbeit fand, leitete die Planung der «Grün 80».

Gärten für Menschen

Die Gartenbauausstellung war der Höhepunkt einer Volksbewegung gegen den Gartenbau-Mainstream, der in Einfallslosigkeit erstarrt war. Doch Pauli blieb skeptisch. Die Anti-Spiesser-Haltung schien oft wichtiger als eine ernsthafte Beschäftigung mit Ökosystemen. Und Teich, Schilf und Magerwiese waren für Pauli noch kein Garten. In Basel gestaltete er den Theaterplatz mit dem Tinguely-Brunnen. Pauli zog ins Toggenburg, gründete eine Familie und machte sich selbstständig. Nun war postmoderne Gestaltung angesagt. Pauli komponierte einige symbolisch aufgeladene Privatgärten aus neoklassizistischen Fragmenten. Er bezeichnet sie heute als seelenlos. Die Postmoderne zertrümmerte versteinerte Ansichten, bot aber kaum Inspiration für Neues. Diese fand Pauli im gesellschaftlichen Engagement. Mit seiner damaligen Frau machte er das Restaurant Bahnhalle in Lichtensteig zu einem Kulturort und zum Domizil für das Chössi-Theater, und an der Internationalen Bauausstellung 1987 in Berlin erarbeitete er mit hartgesottenen Kreuzberger Hausbesetzern eine Quartierentwicklung.

Pauli gewann nun Wettbewerbe und erhielt öffentliche Aufträge. Er gestaltete mit mehreren Generationen von Mitarbeitenden in der Stadt St.Gallen sechs Schulhausanlagen und die Aussenräume von Wohnsiedlungen, dazu öffentliche Räume in zahlreichen Gemeinden, Friedhöfe in Rapperswil-Jona, Gossau, Altstätten und Pfäfers, die Gärten der psychiatrischen Kliniken Pfäfers, Wil und Littenheid, dazu Kasernen und Gefängnisanlagen. Das gemeinsame Planen mit Auftraggebern, Architekturschaffenden und Gärtnern faszinierte ihn genauso wie räumlich, finanziell oder politisch kniffelige Situationen. Etwa der Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen. Hier liess er stramme Eichen in Reih und Glied in die Kasernenhöfe pflanzen und Zitterpappeln in die Umgebung – ein Bild für zwei seelische Zustände der Rekruten. Aber vor allem wertete er das grosse Übungsgelände mit den Landwirten in einem jahrelangen Prozess ökologisch auf. 1996 zog Pauli in die Stadt St.Gallen.

Respekt für den Ort und seine Atmosphäre

Die Arbeit begann immer mit einer Analyse: Was ist vorhanden? Wie ist die Stimmung? «Das Chassis eines Gartens muss sitzen», sagt Pauli. «Es entsteht aus der Topografie, der Wegführung, Mauern, Bäumen, Hecken und Büschen. Dann gilt es, die Atmosphären der einzelnen Bereiche zu entwickeln.» Immer häufiger verstärkte er Stimmungen, die er vorfand, und integrierte vorgefundene Elemente in seinen Plan. Respekt ist wohl das Schlüsselwort zu Paulis Werk. Respekt für einen Ort, seine Stimmung, seine Funktion für die Menschen und seine Geschichte. Immer besser gelang es ihm, mit möglichst wenig Gestaltung möglichst viel Atmosphäre zu schaffen. Seine jüngsten Anlagen wirken, wie wenn sie schon immer so gewesen wären. Ohne Inszenierung, ohne Design, strahlen sie Ruhe und Beständigkeit aus. Die neue Kantonsschule Heerbrugg zum Beispiel steht mit ihren Betonsäulen direkt im Kies der Rheinebene – es ist fast der einzige Ort im Siedlungsbrei, wo die Ebene noch spürbar ist. Diese fast unsichtbare Handschrift mit starker Wirkung ist das Resultat von langer Arbeit und Erfahrung. Sie machte Pauli zum Spezialisten für Erneuerungen. Im Pausenhof der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen verstärkte er mit einigen Pinien und der Renovation des Brunnens eine überraschend mediterrane Stimmung. Im Park der psychiatrischen Klinik Littenheid liess er viele Bäume fällen und holte das Sonnenlicht auf den Boden zurück. In Pfäfers gestaltete er von 1999 bis 2011 die Gärten der psychiatrischen Klinik neu. Jedes Jahr entstand ein neuer Aussenraum: die historischen Torkelterrassen, eine Gartenwirtschaft mit Brunnenbecken, ein Wegnetz über die Hügel oder der Klosterhof, jeder mit viel Respekt für den Ort, eigener Atmosphäre und viel Potenzial für mögliche Nutzungen. – Einen Garten aber hat Tobias Pauli immer für sich behalten: den elterlichen Park in Cavigliano. Letztes Jahr hat der Über-Siebzigjährige sein Büro seiner Geschäftspartnerin übergeben. Jetzt hat er Zeit, zusammen mit seiner jetzigen Frau den Ort zu pflegen, wo alles begann.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Arkadien – ein Traumland neu entdecken

Raimund Rodewald, Geschäftsführer Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Bern und  Köbi Gantenbein, Chefredaktor und Verleger Hochparterre, Zürich

Mo 29. Mai 2017, 19.30 Uhr im Forum

Die Vorstellung von Arkadien als utopische, poetische Landschaft der Hirten entstand im antiken Griechenland und wurde um 1500 in Italien als mythologisches wie reales Sehsuchtsland wiederentdeckt und kultiviert. Das Interesse daran ist in neuester Zeit wieder gross geworden, und wir nehmen das Erscheinen des Buches «Arkadien. Landschaften poetisch gestalten» (Rodewald, Gantenbein 2016) zum Anlass, um der Bedeutung des Begriffs in unserer Gegenwart auf die Spur zu kommen. Was hat Arkadien als Wunschlandschaft oder gar Seelenzustand mit unserer Landschaft zu tun? Lässt sich eine poetische Landschaft überhaupt herstellen?

Gespräch mit Raimund Rodewald Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Bern, und Köbi Gantenbein, Chefredaktor und Verleger Hochparterre, Moderation Marina Hämmerle, Architektin, Lustenau

Mehr zum Buch

Bildrechte: Raimund Rodewald

Einladungskarte Mai

LandschaftsarchitekTour

Private Garden

Sa 20. Mai 2017

«Lazy Gardener», «Gärtnern nach Noten» oder «botanische Raritäten» sind nur einige Aspekte der diesjährigen LandschaftsarchitekTour, welche uns in private Gärten führt.
Gärten, welche sich über Jahre durch individuelle Pflege entwickelt haben. Das diesjährige Jahresthema «Grenzen» des Architektur Forums Ostschweiz, widerspiegelt sich in der grenzenlosen Leidenschaft der Gartenbesitzer und -besitzerinnen. Sie gewähren uns Einlass in ihre über lange Zeit gewachsenen Oasen.

Die jeweiligen Besitzer führen uns durch ihren Garten und ermöglichen einen ganz persönlichen Eindruck ihrer Arbeit und ihres Schaffens.

Programm

Abfahrt Forum mit Reisebus 9.30 Uhr Garten Steiner, St.Gallen / Garten Vetter (Vogel), Teufen / Garten Steiner, Bühler / Garten Jakob Rohner, Rebstein / Garten Stieger, Berneck Rückkehr Forum ca. 17 Uhr

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Mitglieder BSLA oder AFO gratis, Nichtmitglieder Reisekosten Fr. 30.–

Keine Anmeldung mehr möglich – ausgebucht

 

Eine Veranstaltung des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA und des Architektur Forums Ostschweiz

 

Bildnachweis: Urs Stieger, Berneck

LandschaftsarchitekTour

Vor Ort – Primarschule St. Leonhard, Sanierung Schulhaus und Neubau Turnhalle, St. Gallen

Baustellenbesichtigung durch Clauss Merz Architekten

Mo 15. Mai 2017, 17.30 Uhr

Anmeldungen bis 8. Mai 2017 unter vor-ort@nulla-f-o.ch

Name/ Büro Anzahl Mitglieder ggfs. Nichtmitglieder

Teilnehmerzahl beschränkt
Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Mitgliedschaft Architektur Forum Ostschweiz

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Bildnachweis: Clauss Merz Gmbh für Architektur

Einladungskarte Mai

LandschaftsarchitekTour

Private Garden

Sa 20. Mai 2017

«Lazy Gardener», «Gärtnern nach Noten» oder «botanische Raritäten» sind nur einige Aspekte der diesjährigen LandschaftsarchitekTour, welche uns in private Gärten führt.
Gärten, welche sichü über Jahre durch individuelle Pflege entwickelt haben. Das diesjährige Jahresthema «Grenzen» des Architektur Forums Ostschweiz, widerspiegelt sich in der grenzenlosen Leidenschaft der Gartenbesitzer und -besitzerinnen. Sie gewähren uns Einlass in ihre über lange Zeit gewachsenen Oasen.

Die jeweiligen Besitzer führen uns durch ihren Garten und ermöglichen einen ganz persönlichen Eindruck ihrer Arbeit und ihres Schaffens.

Programm

Abfahrt Forum mit Reisebus 9.30 Uhr Garten Steiner, St.Gallen / Garten Vetter (Vogel), Teufen / Garten Steiner, Bühler / Garten Jakob Rohner, Rebstein / Garten Stieger, Berneck Rückkehr Forum ca. 17 Uhr

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Mitglieder BSLA oder AFO gratis, Nichtmitglieder Reisekosten Fr. 30.–

Anmeldung

Mit vollständigen Angaben bis 15. Mai 2017 an landschaftsarchitektour@nulla-f-o.ch oder per Fax an 071 245 87 83

Name / Vorname
Adresse
E-Mail
Telefon
Anzahl Mitglied BSLA | AFO
Anzahl Nichtmitglieder

Eine Veranstaltung des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen BSLA und des Architektur Forums Ostschweiz

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Bildnachweis: Urs Stieger, Berneck

Anmeldekarte LandschaftsarchitekTour

Anwalt der stummen Mauern

Ein ehrwürdiges und geschütztes Ensemble wie das Klostermuseum St.Georgen in Stein am Rhein braucht ständige Pflege. Der St.Galler Architekt Thomas K.Keller hat sich acht Jahre lang in den Dienst der alten Mauern gestellt.

22.04.2017 von Caspar Schärer

Architektur ist ein weites Feld. Häuser bauen ist nur eine von vielen Aufgaben der Disziplin. Grundsätzlich erstreckt sich Architektur auf alles – von der Stadt bis zum Stuhl. Manche Architektinnen und Architekten nehmen das sehr ernst und beanspruchen die Gestaltungshoheit über die ganze Bandbreite der räumlichen Fragen. Das hat seine Vorteile, kann aber mit unter für die anderen Beteiligten etwas anstrengend werden. Wie so oft ist alles eine Frage der Dosis und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Einerseits kann man nicht früh genug anfangen mit der Architektur: Im Februar wurde an dieser Stelle vom Agglomerationsprogramm Wil West berichtet, einem hochkomplexen Planungsinstrument, bei dem die Parameter für ein künftiges Gewerbegebiet festgelegt werden. Man würde meinen, dass da die Architektur noch weit weg ist, aber inzwischen ist die Erkenntnis gewachsen, dass auch «technische» Dinge wie Autobahnanschlüsse räumliche Auswirkungen in einem grossen Umkreis haben. Und auch ein Arbeitsplatzgebiet verdient es, dass es sorgfältig und gut geplant wird.

Heute blicken wir an das andere Ende des Spektrums, denn auch im kleinsten Detail eines Gebäudes steckt Architektur und es kommt darauf an, wie man diese oder jene Ecke löst. Gerade bei alten und ehrwürdigen Gebäuden, die vielleicht sogar unter Schutz stehen, tut sich da bei näherer Betrachtung eine ganze Welt auf. Das Haus scheint fast zu leben. Thomas K.Keller, Architekt in St.Gallen, konnte sich in den letzten Jahren gründlich in ein besonderes Gebäude vertiefen. Seinem Büro wurde die Aufgabe «Bestandspflege eines Baudenkmals » für den über tausend Jahre alten Benediktinerkonvent St.Georgen in Stein am Rhein anvertraut. Alles begann im Frühling 2008 mit dem Einbau eines neuen Kassamöbels im Eingangsraum. Damit war auch schon der für Aussenstehende sichtbarste Teil der Arbeit abgeschlossen. Es folgte noch im Herbst des gleichen Jahres die Renovation der Fassaden der ehemaligen Äbte-Wohnhäuser direkt am Rhein. Nach und nach tauchten weitere Stellen auf, die Aufmerksamkeit und Pflege verdient hätten, und so wurde 2011 eine minutiöse Untersuchung des baulichen Zustands vorgenommen. Auf dieser Basis konnten ganz verschiedene Unterhaltsarbeiten in Angriff genommen werden. Jede einzelne hatte ihre Eigenheiten. Das hat vor allem mit der wechselhaften Vergangenheit des Klosters zu tun.

Historisch bedeutsame Anlage gehört dem Bund In der bisherigen Geschichte des Konventes St.Georgen lassen sich grob zwei Abschnitte unterscheiden: In den ersten fünfhundert Jahren bis zur Auflösung im Zuge der Reformation wurde nach und nach die ganze Anlage erstellt; in den folgenden Jahrhunderten wurde das Gebäudekonglomerat von Verwaltungsbeamten genutzt und nur noch beiläufig unterhalten. Im 19. Jahrhundert waren die Gemäuer wirklich baufällig und die Gemeinde wusste nicht mehr recht, was damit anfangen. Gewerbebetriebe nisteten sich ein, Seidenraupen wurden gezüchtet und in den Höfen übten Kadetten und Turner.

Dass das Ensemble überhaupt erhalten ist und sogar unter Schutz steht, ist dem Berner Professor Ferdinand Vetter zu verdanken. Sein Vater kaufte 1875 die bedauernswerten Gebäude; er selbst kümmerte sich rührend um die Restaurierung und stellte seinen Besitz 1891 unter den Schutz der Eidgenossenschaft. Heute zählt das Kloster St.Georgen zu den wenigen historisch bedeutsamen Anlagen, die dem Bund gehören. Seit 2012 betreibt das Bundesamt für Kultur das Klostermuseum, das nur sich selber ausstellt. Bekannt ist es vor allem fü̈r den gotischen Festsaal mit den prächtigen Fresken.

Ferdinand Vetter war ein begeisterter Anhänger der Spätgotik und Renaissance und kaufte in der halben Schweiz Interieurs zusammen, die er in seinem Kloster einbaute. So stammt etwa die mächtige Holzdecke mit imposanter Stütze im Sommerrefektorium nicht aus dem Mittelalter – zumindest nicht aus dem Mittelalter in Stein am Rhein. Das macht die Sache nicht einfacher, wenn es um die denkmalpflegerische Sanierung geht. Denn was ist hier «original» und was hinzugefügt? Und was bedeutet überhaupt «original»? Hinzu kommt, dass sich die Vorstellungen von Denkmalpflege in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben.

Als sich in der Nachkriegszeit der Bund an die enorme Aufgabe der Konservierung und Restaurierung machte, standen didaktische Aspekte im Vordergrund: Gerne zeigte man damals klar und deutlich das Erforschte und Entdeckte, ergänzte nach Bedarf «im Stile von», damit Besucherinnen und Besucher unmissverständlich ablesen konnten, was neu hinzugefügt wurde. Heute ist die Denkmalpflege bei allen Massnahmen viel zurückhaltender; das Konzept nennt sich «konservierende Substanzerhaltung».

Architekt Thomas Keller zeigt im Kreuzgang, was das konkret heisst. Bei den Deckenmalereien in den Netzgewölben stand man vor der Frage, ob die abgeblätterten und verwitterten Stellen aufgefrischt und ergänzt werden sollen – und entschied sich dagegen. Die Verlockung war zwar gross, so Keller, aber das sei dann nicht mehr «Respekt vor dem Altern»,das Akzeptieren von Patina, Spuren und eben auch von Verlusten. «Reinigen,sichern,festigen»heisst heute die neue Devise. Aber braucht es dafür überhaupt einen Architekten?

«Es braucht ihn unbedingt», betont Keller, «denn jemand muss sich unverbrüchlich für die Gemäuer einsetzen. Sonst tut es niemand.» Der Architekt sei sozusagen der Anwalt der  stummen Mauern. Gefragt seien Neugier, eine breite Fachkenntnis – auch und besonders im Handwerklichen – sowie eine gehörige Portion Demut. Wer die grosse Geste sucht, ist hier fehl am Platz. Originelle Ideen braucht es dennoch, schliesslich knarzt es an allen Enden und trotzdem muss das Kloster als öffentliches Museum funktionieren. So hat Keller etwa das Dormitorium im ersten Obergeschoss mit diskreten Notbeleuchtungen nachgerüstet und ein Befestigungssystem für die Notausgangs-Schilder entwickelt, das die alten Mauern nur minimal tangiert. Auch bei den kleinsten Eingriffen arbeitete der Architekt eng mit einem Expertenteam zusammen, zu dem neben den Nutzern und der Denkmalpflege des Kantons Schaffhausen der Bauingenieur und Bundesexperte Jürg Conzett sowie die Restauratorin Doris Warger gehörten. Entscheide wurden erst nach gründlichen Untersuchungen und Abwägungen aller Optionen gefällt.

Ganz verborgen bleibt Kellers langjähriges Wirken als «Kloster-Architekt» in Stein am Rhein aber nicht. Im Äusseren Hof, an der vorspringenden Decke des Backhauses, durfte er noch etwas «Richtiges» bauen: Über einem kostbaren Relief wölbt sich jetzt ein neues Vordach aus Stahl, das es vor weiterer Verwitterung schützt. Die einfache Form ist ausgeklügelt entworfen worden und passt gut dorthin – so gut, dass man sie fast übersehen könnte.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Grenzen – Grenzen der Landschaft:
die Grau-Grün-Zone

Christophe Girot, Landschaftsarchitekt und Architekt, Zürich

Mo 8. Mai 2017, 19.30 Uhr im Forum

Wir leben heute in einer Welt, in der Grenzen – sichtbar oder nicht – unser Alltagsleben im tiefsten Sinn prägen. Es sind Grenzen der Natur, die einen Waldrand zum hohen Berg oder eine Klippe zur Meeresküste klar definieren. Aber es sind auch Grenzen der Natur, die von den Menschen überschritten worden sind. Grenzen, die uns mit Brücken und Tunnels hemmungslos vom einen Ufer zum anderen, vom einen Tal zum nächsten zu springen erlauben. Es gibt die künstlichen Grenzen der Menschen, die Tag und Nacht geschlossen bleiben und die Freiheit der menschlichen Bewegung verhindern.
Es gibt blutige Grenzen, die von den Menschen national und ideologisch bekämpft und mit Stolz verteidigt werden. Es sind Grenzen unserer Zeit, die wir seit der letzten Eiszeit geerbt haben, die schnell am Schmelzen sind und dadurch viele Städte und ihre Umgebung ans Limit der steigenden Meerespegel bringen und bedrohen. Unsere Landschaft ist genau der Ort, wo all diese Grenzen auftauchen und unsere beschleunigte Epoche bestimmen und stark verändern. Dies bedeutet ein völlig anderes Verständnis der Natur und dessen Ästhetik.

Christophe Girot

Bildnachweis: Christophe Girot

Einladungskarte Mai

Bautradition als Ideenreservoir

Künftig wird vor allem innerorts gebaut. Das erhöht den Anspruch an Neubauten. Sie müssen grösser, dichter, multifunktional und sorgfältig gestaltet sein. Rezepte dafür stecken in der Appenzeller Bautradition.

01.04.2017 von Ruedi Weidmann

Das Bauen steht in der Schweiz an einer Epochenschwelle: Zur Schonung der Landschaft ist Bauen künftig fast nur noch in bebautem Gebiet möglich. Am einen Dorfrand Einfamilienhäuser und am andern flache Hallen fürs Gewerbe bauen, können wir uns nicht mehr leisten. Aus Rücksicht auf Natur und Kulturland, aber auch, weil so die Ortsmitte abstirbt, wovon leere Altbauten und Ladenlokale zeugen. Damit die Ortskerne wiederbelebt werden, müssen Wohnen, Gewerbe, Einkaufen und so weiter wieder zusammenkommen. Verdichten mag bedrohlich tönen, aber wo mehr Menschen beisammen wohnen, können Läden, Gastro- betriebe und Service public wieder funktionieren.

Damit wachsen aber die Anforderungen an Neubauten. In einer dichten Ortschaft dürfen Bauten nicht nur von der Lage profitieren, sondern müssen selber etwas für den Ort tun, etwa mit einem öffentlich zugänglichen Parterre. Verschiedene Nutzungen unter ein Dach zu bringen, ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe für Architekturbüros. Je grösser und dichter die Bebauung, umso wichtiger wird eine sorgfältige Gestaltung, die sich ins Ortsbild einfügt und es verbessert. Bau- behörden und Bevölkerung müssen sich für mehr architektonische Qualität einsetzen. Sonst macht das Verdichten unsere Orte einförmig. Sie müssen aber ihre Einzigartigkeit stärken, damit sich Menschen mit ihrer Gemeinde identifizieren können und Verantwortung übernehmen.

Potenzial des Bürgerhauses ist noch kaum erkannt

Glücklich sind da Regionen, die sich eine starke Eigenart im Bauen bewahrt haben, wie das Appenzellerland mit seinem Holzbau. In der Bautradition finden sich Baustoffe, Konstruktionen und Formen, die unter lokalen Bedingungen entstanden und darum nachhaltig sind. Nicht zufällig wächst heute weltweit das Interesse am traditionellen Bauen. Wird Althergebrachtes auf neue Bauaufgaben übertragen, kann eine Architektur entstehen, die heutige Aufgaben meistert, aber vertraut ist und darum geschätzt wird.

Der Appenzeller Holzbau wurde tausendfach fotografiert, gemalt, auf Biberli gedruckt – doch sein Potenzial als Inspiration für die bauliche Zukunft wurde noch kaum erkannt. Wohl, weil die Faszination bisher vornehmlich den Bauernhäusern galt. Für heutige Aufgaben interessanter ist aber die Innerorts-Variante, das Fabrikantenhaus. Ohne Stall und Scheune, aber mit der gleichen Strickbau-Konstruktion und der typischen Raumaufteilung, mit Schindelschirm, Täferfront auf der Sonnenseite und den gleichen schönen Details. Diese Bürgerhäuser sind gross, bis sechsstöckig, stehen oft dicht nebeneinander und bilden städtische Plätze. Sie waren stets multifunktional und öffentlich zugänglich. Im Parterre lagen Büros, Läden und Lager der Textilverleger, im Dachstock oft ein Saal. So war die Bebauung in den Appenzeller Hauptorten seit je dicht und vielfältig genutzt. Lassen sich diese Qualitäten für zeitgemässes Bauen nutzen? Zusammen mit den vielen schönen Holzbauten hat im Appenzellerland auch das  Zimmereihandwerk überlebt. Die Betriebe pflegen ein traditionelles Holzbau-Wissen, das die Gewerbeschulen nicht mehr lehren, und entwickeln gleichzeitig neue Techniken wie die Element-Bauweise aus Wandmodulen, die besser isolieren als die alten Strickwände. Gewitzt nutzen die Zimmereien den Traum vom Urchigen für ihr Geschäft, Nägeli in Gais etwa mit dem Label «Appenzeller Holz» oder Frehner gleichenorts mit dem an bestimmten Tagen des Mondzyklus geschlagenen Mondholz.

Wenn sie von Architekturbüros entworfene Bauten ausführen, sind die Zimmereien zu herausragenden Leistungen fähig. Das zeigen Neubauten wie das Seniorenheim Bad Säntisblick in Waldstatt, von Alex Buob entworfen und 2013 von der Zimmerei Nägeli konstruiert, oder der Neubau mit 21 Seniorenwohnungen in Teufen von Hörler Architekten, 2011 gemeinsam von Nägeli und Heierli aus Teufen konstruiert. Doch meist bauen und renovieren die Zimmereien auf eigene Faust Einfamilien- häuser und Kleinsiedlungen. Dort fliesst ihr Können in nostalgische statt innovative Bauten.

Aufbruch zeichnet sich ab

Die Bautradition für heute anstehende Aufgaben fruchtbar machen: Genau dies versuchte 2010 die Studie «Bauen im Dorf» der Ausserrhodischen Kulturstiftung, initiiert vom Ausserrhoder Denkmalpfleger Fredi Altherr. Sechs Architekturbüros vermassen alte Bürgerhäuser, studierten deren Konstruktion, Materialien, Raumanordnung und Proportionen. Mit den Erkenntnissen entwarfen sie fiktive Holzbauten. Ihre Pläne und Modelle wurden im Volkskundemuseum in Stein gezeigt. Sie deuteten an, wie sich die Appenzeller Holzbautradition aus ihrer Stagnation lösen und wieder lebendig und gegenwartsbezogen werden könnte.

Laut Altherr hat dies einen Aufbruch ausgelöst. Die Beispiele motivierten Architekturschaffende und kommunale Baubehörden. Diese mussten zuvor die vielen geschützten Ortsbilder hartnäckig gegen unpassende Eingriffe verteidigen; Resultat war oft eine pseudohistorische Kulissenarchitektur. Seit «Bauen im Dorf» wissen sie, wie zeitgemässe, ortsbildverträgliche Architektur aussehen kann. Dadurch können sie Bauherrschaften besser beraten und trauen sich eher, innovative Projekte zu bewilligen. Erste Beispiele sind das Reformierte Kirchgemeindehaus von bm Architekten und ein Wohnhaus von Gerold Schurter am Alten Steig in Herisau. Bei diesen Vollholzbauten sind nicht nur die Fassaden, sondern auch Konstruktion, Materialien und Grundrisse im Innern von traditionellen Häusern abgeleitet. Rund zwanzig weitere von «Bauen im Dorf» inspirierte Neubauten sind in Ausserrhoden in der Bewilligungsphase, darunter die Gemeindeverwaltung Grub mit Wohnungen und Gewerbe, ein Ersatzneubau für das Haus Vulkan in Herisau und eine Metzgerei mit Wohnungen in Schwellbrunn.

Was noch fehlt, sind Holzbauten vom Kaliber der Zellweger-Paläste in Trogen, der Kantonsschule Wil oder der «Giesserei » in Oberwinterthur. Sie könnten auf vertraute Art neue Lebensqualität in zentrale, aber unternutzte Quartiere wie am Bahnhof Herisau bringen. Dazu sieht das revidierte Ausserrhoder Baugesetz den Erneuerungsplan vor, mit dem Gemeinden besonders gute Gestaltung mit mehr Bauvolumen belohnen können. In Fabrikantenhäusern und auch in hölzernen Fabriken stecken alte Rezepte für diese neue Aufgabe. Sie könnten helfen, das Verdichten beliebt zu machen, und die Zimmerleute könnten zeigen, was in ihnen steckt.

Das wäre wahre Innovation aus der eigenen Geschichte heraus. Dass es funktionieren kann, zeigt der seit vierzig Jahren anhaltende Erfolg der «Tessiner Schule». Ihr Vertreter Luigi Snozzi sagte einmal: «Architektur muss man nicht erfinden, man muss sie nur wieder finden.»

 

Bilder: Michel Canonica

Stadtspaziergang: St. Gallen

SIA, Barbara Petri, Dipl. Ing. Architekten RWTH/SIA, ARCHiTOUR, Zürich

Di 06. Juni 2017, 17 – 19 Uhr

Auf fachkundig geführten Stadtspaziergängen möchte der SIA die Warhnehmung der Teilnehmenden für die architektonischen Highlights sensibilisieren. Was gibt es Neues in der Stadt, im Quartier? Nach dem Motto „Man sieht nur was man weiss“ wird über die Biografie ausgewählter Bauten informiert, bemerkenswerte Ausschnitte ihrer Veränderung aufgezeigt und theoretische sowie praktische Hintergründe erläutert. Stadtrundgang mit Erläuterungen zu den Bauten:

  • Neuer Altarbereich Stiftskirche, 2013 (Caruso St. John))
  • Verwaltungszentrum, 2014 (Jessenvollenweider)
  • Bibliothek alte Hauptpost St. Gallen, 2015 (Barao Hutter)
  • Fachhochschule, 2011 (Giuliani Hönger)
  • Lokremise, 2010 (Stürm und Wolf)

Details zur Veranstaltung und Anmeldungemöglichkeit

Hauptversammlung

2017

Fr 28. April 2017, 18.30 Uhr
Forumsfest im Anschluss

Traktanden
1. Begrüssung
2. Protokoll HV 2016
3. Jahresbericht
4. Jahresrechnung
5. Revisorenbericht
6. Budget
7. Wahl der Revisoren
8. Allgemeine Umfrage
9. Aussichten

Forumsfest
Im Anschluss an die Hauptversammlung findet um ca. 20 Uhr das Forumsfest statt.
Alle Mitglieder und ihre Begleitung sind herzlich zum gemeinsamen Essen eingeladen.

Grenzen
Ein Quiz rund um unser Jahresthema bestimmt in diesem Jahr den Gewinner oder die Gewinnerin.
Mit etwas Glück, Kalkül und Augenmass erwartet sie als wunderschöner Hauptpreis ein Stuhl von Ray + Charles Eames. Der Hauptpreis ist ein Sponsoring der Domus AG.

Veranstaltungssponsor Delinat

Einladungskarte Hauptversammlung

Architektur im Film – Alpi

Mit Einführung durch Köbi Gantenbein, Chefredaktor Hochparterre

Di 18. April 2017, 20 Uhr im Kinok

Alpi ist das Resultat eines siebenjährigen Forschungsprojekts zur aktuellen Wahrnehmung des Alpenraums. Orte und Situationen aus allen acht Anrainerstaaten werden einander gegenüberstellt; dabei werden vier Sprachräume umspannt. Die Alpen werden wie eine Insel betrachtet, die mit verschiedenen globalen Transformationsprozessen in Zusammenhang steht. Wir haben viele Reisen in die Alpenregion unternommen und sind dabei ironischerweise bis nach Dubai gekommen. Der Film zeigt die Alpen aufgrund ihrer Komplexität und ihrer Bedeutung für die Umwelt als Schlüsselort, wo die Vielschichtigkeit sozialer, ökonomischer und politischer Beziehungen sichtbar wird. Im Europa von heute sind die Alpen ein Saatbeet der Moderne und ihrer Illusionen.

Armin Linke / Schweiz, 2011, D, 60min

Zum Trailer

Weitere Vorführung: So 26. April 19 Uhr
Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72, www.kinok.ch

Veranstaltungssponsor:
Domus
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Bildnachweis: Armin Linke

Einladungskarte April

Grenzen – Ausstellung After Schengen, European Borders

Einführung von Ignacio Evangelista, Fotograf, Madrid, Kurzreferate von Mathias Lindenau, Leiter Zentrum für Ethik & Nachhaltigkeit ZEN-FHS St. Gallen, und Johannes Engewald, Vermessungsingenieur, Landquart

Mo 3. April 2017, 19.30 Uhr im Forum

Die Ausstellung dauert von Mo 3. April 2017 bis So 30. April 2017
Öffnungszeiten: während der Veranstaltungen und jeweils Sa + So 13–16 Uhr

Vor 20 Jahren herrschte an den Grenzen der europäischen Staaten noch reger Betrieb. Seit das Schengen-Abkommen den Weg hin zur Reisefreiheit innerhalb Europas geebnet hat, verfallen die einstigen Grenzübergänge. Die Ausstellung After Schengen von Ignacio Evangelista zeigt die alten, verlassenen Grenzposten der Europäischen Union. In den Fotos wird der Betrachter eindrücklich mit Rudimenten
aus einer anderen Zeit konfrontiert, in der nationalstaatliche Grenzen in Europa noch
stark, die heutige Einheit und Freiheit nur Ideen waren.
Der in Valencia geborene Ignacio Evangelista ist ein mehrfach ausgezeichneter Fotograf. Er lebt und arbeitet in Madrid und konzentriert sich in seinen Serien auf Natur, Architektur und Porträts. Er war an verschiedenen nationalen und internationale Gruppen- und Einzelschauen beteiligt. Seine Serie «After Schengen»
wurde u.a. bereits in New York und Washington gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.

The „After Schengen“ series shows old border crossing points between different states in the European Union. After the Schengen agreement, most of these old checkpoints remain abandoned and out of service, allowing us to gaze into the past from the present. It causes many reflections, especially in a moment that EU project it is severely discussed.
These places that prior the Schengen treaty, delimited territories and in which the traveler had to stop and show his documents, currently appear as abandoned places, located in a space-time limbo, out of use and out of the time for which they were designed, as these states have opened their borders to the free movement of people.
Border crossings have a function of geographical boundaries, but also a coercive role, since they prevent the free passage of people between one and another state. So, they are places that, along with a cartographic dimension, are provided with historical, economic and political reminiscences.
These old border crossing points are slowly disappearing; some are renovated and reconverted to new uses, some are destroyed for vandals, and some other just fall down due to the passing of time. So, after some few years there will be no possibility to look at this strong signs and symbols of the recent European history.

Mehr zur Ausstellung

Bildnachweis: Ignacio Evangelista

Architektur im Film – Flotel Europa

Inputreferat durch Pascal Angehrn, Geschäftsleitung NRS in situ AG / Bauen für Asylsuchende in der Schweiz, Zürich

Di 21. März 2017, 20 Uhr im Kinok

Als der Regisseur dieses Films noch ein Kind war, stand er vor dem „Flotel Europa“ – und war begeistert, dass dieses riesige Schiff im Hafen von Kopenhagen fortan für ihn, seinen älteren Bruder und seine Mutter das neue Zuhause sein würde. Zusammen mit etwa eintausend anderen Flüchtlingen aus Ex-Jugoslawien begann für sie auf dem Schiff ein neuer Lebensabschnitt. Dem Vater schickte die Familie, wie es viele Anfang der 90er Jahre machten, „Videobriefe“ in die alte Heimat. Bilder aus der Gemeinschaftsküche, von der fensterlosen Kabine, dem Fernsehsaal, von den Ausflügen mit den coolen Kumpels und einer Tanzdarbietung der unnahbaren Melisa. Durch die Montage des Materials, vor allem aber durch seine Erinnerungen an jene Zeit gelingt es Vladimir Tomic, aus Privatdokumenten, die auch für die Bebilderung von Flüchtlingselend und eine gestohlene Kindheit herhalten könnten, etwas Neues, Eigenes, Anderes zu machen. Die Perspektivverschiebung von innen nach außen macht Flotel Europa zu einem autobiografischen Film über ein Schicksal, das einen sonderbar berührt, weil es den Flüchtling aus der Opferrolle befreit – und einen schüchternen Jungen in einen sympathischen Filmstar verwandelt.

Vladimir Tomic / Dänemark/Serbien, 2015, e, 70min

Zum Trailer

Weitere Vorführungen: So 26. März 11 Uhr
Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72, www.kinok.ch

Veranstaltungssponsor:
Domus
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Bildnachweis: Vladimir Tomic

Grenzen – Über die Gleichzeitigkeit von Ansichten und Aussichten

Marco Merz, Architekt, Basel

Mo 6. März 2017, 19.30 Uhr im Forum

Der Umgang mit Grenzen ist wohl eines der elementarsten Themen der Architektur, damit wir als Architekten im eigentlichen Sinn überhaupt einer Handlung befähigt werden.
Eine Wand oder eine Mauer umschliessen als primäres Element einen Raum und machen ihn zu einem bewohnbaren Innen oder einem funktionierenden Aussen, etwas Exklusivem oder Gemeinschaftlichem, etwas Abgrenzendes oder Verbindendes, dem Selbst oder dem Anderen. Die moderne Architektur löste die Geschlossenheit der Architektur auf und ermöglichte eine kontinuierliche Wahrnehmung der beiden Gegensätze, in den 70ern propagierte Rem Koolhaas dann wieder für scharfe Grenzen, um möglichst unterschiedliche Funktionen und Programme nebeneinander realisieren zu können. Mit der Gleichzeitigkeit als Ausgangspunkt versuchen wir stetig die Perspektive zu wechseln, um den Begrenzungen im Gebauten, der Bedeutung von Elementen wie Wänden und Böden, Türen und Fenstern, Ansichten und Aussichten für Haus und Stadt auf die Spur zu kommen.

www.claussmerz.ch

Einladungskarte März

Bildnachweis: Clauss Merz Gmbh für Architektur

Vom Kellerkind zum Musterknaben

Agglomerationsprogramme sind hochkomplexe Planungsinstrumente mit einer grossen Schar an Beteiligten. Alleine geht so etwas nicht. Es braucht Kooperation, wie das Beispiel Wil West zeigt.

27.02.2017 von Caspar Schärer

Beim schnellen Lesen entstehen manchmal ungewollt eigenartige Wortschöpfungen. Da wird aus «Wil West» plötzlich «Wildwest» und sofort erscheinen vor dem inneren Auge Bilder aus Westernfilmen mit ruchlosen Typen, die sich mit Gewalt holen, was sie wollen. Gesetzlos und archaisch geht es aber nicht zu und her im Westen der Stadt Wil, ganz im Gegenteil. Eine 15 Hektaren grosse Wiese zwischen Autobahn und Schweizerbund soll dort dereinst überbaut werden –  und das geht heute nicht mehr so einfach wie früher, denn die Zeit der Landnahme ist vorbei. Mit dem neuen Raumplanungsgesetz, das im März 2013 vom Schweizer Volk angenommen wurde, gelten neue Regeln. Zersiedelung ist nicht mehr so günstig zu haben wie bis anhin.

Das neue Regime betrifft an vorderster Stelle die Agglomerationen, also die Gebiete im nahen und fernen Umfeld der grösseren Städte. Hier lebt ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung, und genau hier spielt sich das Drama des Bauens in verschärfter Form ab. Der Grund ist einfach: In den Städten gibt es kaum noch unbebaute Grundstücke, und weiter draussen auf dem Land fehlt oft die Dynamik für Investitionen.

Bei der Wiese westlich von Wil – und damit kehren wir an unseren Schauplatz zurück – ist die Ausgangslage besonders kompliziert. Auf den Nenner gebracht: Es gibt hier zu viele Grenzen. Die hoch gelobte Autonomie von Kantonen und Gemeinden steht an dieser Stelle der Entwicklung im Weg. Das Land liegt in einem Spickel des Gemeindegebietes von Münchwilen, das wiederum zum Kanton Thurgau gehört. Die Stadt Wil ist eine Gemeinde im Kanton St. Gallen – die Kantonsgrenze verläuft 700 Meter westlich des Bahnhofs. Das betreffende Grundstück (auf Thurgauer Boden) gehört dem Kanton St. Gallen; es diente einst als Landreserve für die Psychiatrische Klinik Wil. Hier kommt einer allein nicht weiter. Kooperation ist gefragt. An dieser Stelle kommen die Agglomerationsprogramme ins Spiel. Hinter dem etwas umständlichen Begriff verbergen sich hochkomplexe Studien, Auswertungen, Prognosen und Projekte, die als dicke Papier- und Datenbündel in Bern beim Bund eingereicht werden können. Sie sind ein Förderinstrument des Bundes; sechs Milliarden Franken aus dem Infrastrukturfonds stehen seit 2005 über einen Zeitraum von zwanzig Jahren für Agglomerationsprojekte zur Verfügung. Vor zwei Wochen befürworteten die Schweizer Stimmbürgerinnen und -bürger mit grosser Mehrheit einen neuen Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds, der die Finanzierung der Agglomerationsprogramme über das Jahr 2027 hinaus sicherstellen soll. Die Gelder müssen nur noch abgeholt werden. Es gibt allerdings einen Haken: Der Bund spendet nicht einfach das Geld, sondern er beteiligt sich nur an den Kosten. Ausserdem knüpft er die Gabe an qualitative Bedingungen. Die eingereichten Projekte müssen gut sein, sogar sehr gut. «Gut» meint zunächst einmal die Verbindung von Infrastruktur- mit der Siedlungsplanung. Die Erkenntnis, dass es sich hierbei um «kommunizierende Röhren» handelt, ist relativ neu. Eine Umfahrungsstrasse zum Beispiel ist nicht nur ein Verkehrsbauwerk, sondern hat weiträumige Auswirkungen. Autoverkehr verlagert sich bekanntlich sehr schnell, und neue Kapazitäten schaffen an anderen Stellen neue Engpässe.

Ausgerechnet eine Umfahrungsstrasse  zur Entlastung des Zentrums von Wil stand am Ursprung des aktuellen Agglomerationsprogramms, das im Dezember 2016 in Bern eingereicht wurde. Treibende Kraft dahinter ist die Regio Wil, die 2011 aus der 1972 gegründeten Interkantonalen Regionalplanungsgruppe Wil hervorging. Sie umfasst 22 Gemeinden, 13 davon im Kanton Thurgau, 9 im Kanton St. Gallen. Rund 114 000 Menschen leben in diesem Einzugsgebiet. Bei ihrer Eingabe zum Agglomerationsprogramm der ersten Generation musste die damalige Regionalplanungsgruppe schmerzhaft erfahren, was der Bund unter «Qualität» versteht. Das Projekt für die Umfahrungsstrasse mit Autobahnanschluss Wil-West war zu einseitig auf den Autoverkehr ausgerichtet; es gab deshalb keine Unterstützung. Das im Dezember eingereichte Programm der dritten Generation ist nun ganz anders aufgegleist – es gilt sogar schweizweit als Pionierprojekt.

Wie wurde aus dem Kellerkind ein Musterknabe? Zunächst einmal stellten die beteiligten Kantone und Gemeinden das Verkehrsprojekt der Umfahrungsstrasse in einen wesentlich grösseren Zusammenhang. Es wurde verknüpft mit der Standortentwicklung des Kantons Thurgau, die neu auf konzentrierte Wirtschaftszonen an optimal erschlossenen Lagen setzt. Wil West gehört dazu – sofern die Gleise der Frauenfeld-Wil-Bahn verlegt und eine neue Haltestelle eingerichtet wird. Und wenn ein Autobahnanschluss kommt, der allerdings von zahlreichen flankierenden Massnahmen begleitet wird, die bis in die kleinsten Dörfer der Region Wil reichen. Der so genannte Entwicklungsschwerpunkt soll zu einem erheblichen Teil auf der Wiese im Westen Wils gebaut werden. Bis zu 2000 Arbeitsplätze könnten dort entstehen. Die beteiligten Gemeinden verpflichteten sich, kein eigenes Gewerbeland mehr einzuzonen, sollte Wil West realisiert werden. Eine derart starke Solidarität unter den Gemeinden und über die Kantonsgrenzen hinaus ist für die Schweiz in der Tat ungewöhnlich.

Inzwischen gibt es einen Masterplan, in dem ein Strassennetz vorgeschlagen ist; die einstige Umfahrungsstrasse, der Autobahnanschluss und die neue Haltestelle sind darin integriert und alles greift ineinander. Darüber hinaus wurde die ganze Region gründlich durchleuchtet und ein grosser Strauss an weiteren Massnahmen vorgeschlagen. Jetzt ist es tatsächlich ein umfassendes Gesamtpaket, das an vielen Orten in der Region Wirkung entfalten und den Standort stärken wird. Entscheidend ist wahrscheinlich, dass die neue Trägerschaft ein grosses Gewicht auf die Kommunikation legt, nach innen wie auch nach aussen. In unzähligen Besprechungen mit Interessierten wurden die Projekte wieder und wieder diskutiert und angepasst. Eine von allen Gemeinden und den beiden Kantonen unterzeichnete «Charta Gebietsentwicklung Wil West» unterstreicht den gemeinsamen Willen einer ganzen Region. Das eng gefasste Gärtchendenken wurde überwunden.

Etwas Kritik muss aber zum Schluss trotzdem sein. Sowohl der Infrastrukturfonds wie auch der neue Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds bleiben letztlich das, was sie beschreiben: Kassen für den Verkehr, sei es nun mit dem Auto oder mit Bahn oder Bus. Die Agglomerationsprogramme – gerade dasjenige für Wil West – sind Schritte in die richtige Richtung, aber sie genügen nicht. Nach wie vor bleibt die Infrastrukturplanung dominierend. Erst mit einem völlig neu gedachten Fonds, der sich  stärker an Städtebau und Nutzern orientiert, ist tatsächlich ein Umbau der Agglomeration zu einer «Schweiz von morgen» möglich.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Architektur im Film – Batushas Haus

Einführung durch Tino Glimmann und Jan Gollob, Regisseure und Produzenten, Zürich

Di 21. Februar 2017, 20 Uhr im Kinok

In Pristina kennt jeder das Haus von Kadri Batusha, ein Schloss aus Stahl und Beton, das ohne Bauplan, Architekt oder Baugenehmigung aus der Erde wuchs und in den Hügeln über der Hauptstadt des Kosovo 300 Menschen beherbergt. Der Mann, der hier zum Bauherrn wurde, kennt jeden Winkel. Im Rhythmus ständig neuer Ideen wird das Bauwerk seit fünfzehn Jahren täglich ein Stück grösser. Die kaum fassbare Architektur des Gebäudes spiegelt in gewisser Weise den Lebenslauf seines Erbauers wider, der Anfang der 1980er-Jahre aufgrund seiner Beteiligung an den Demonstrationen für die Unabhängigkeit des Landes von den Serben, die damals im Kosovo das Sagen hatten, als politischer Aktivist eingestuft wurde, später ins Gefängnis kam, als Asylbewerber zehn Jahre in der Schweiz verbrachte und den 1998 ausgebrochenen Krieg erlebte… Die Bewohner von Batusha’s House bringen noch weitere Facetten dieser Persönlichkeit ans Licht. Jan Gollob und Tino Glimmann führen uns zu einer Begegnung mit jenen, die das Leben in diesem verrückten Labyrinth gewählt haben, das dem Xanadu aus Citizen Kane abgeschaut sein könnte und hier zu einer Metapher einer jungen anarchistischen Nation wird.

Tino Glimmann und Jan Gollob / CH, 2016, d, 70min

Zum Trailer

Weitere Vorführungen: So 26. Feb 11 Uhr
Eintritt 16.– / Mitglieder AFO 11.–
Reservation: T 071 245 80 72, www.kinok.ch

Veranstaltungssponsor:
Domus
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Einladungskarte Februar

Bildnachweis: Tino Glimmann / Jan Gollob

Grenzen – Jenseits des Röstigrabens

Matthieu Jaccard, Architekt und Kunsthistoriker, Lausanne

Mo 6. Februar 2017, 19.30 Uhr im Forum

Der Vortrag findet in französischer Sprache statt und wird simultan übersetzt.

Die Architekturszene der Schweiz ist reich und vielfältig: Basel und Zürich stechen als Hochburgen heraus; das Bündnerland erstaunt immer wieder mit neuen Interpretationen seiner Traditionen; das Tessin zehrt von einer Generation von Pionieren, die den Umgang mit der Landschaft radikal hinterfragt haben.
Doch was wissen wir über die Romandie? Etwa über Städte wie Lausanne – das mit dem Ouest lausannois 2011 den Wackerpreis für die Innovative Entwicklung der Suburbia erhalten hat – oder über Genf, das sich aufmacht, mit dem „projet Praille Acacias Vernets“ (PAV) ein neues Kapitel in seiner Stadtgeschichte aufzuschlagen.
Neben den Bauten und Planungen erneuert sich auch die Vermittlung der Baukultur in der Westschweiz: In Lausanne entsteht mit dem „Culture du bâti“ (CUB) ein Architekturhaus, das von 17 Organisationen getragen wird. In Genf erneuert sich gleichzeitig die „Maison d’architecture“.
Cedric van der Poel nimmt uns mit auf eine Tour d’horizon jenseits des Röstigrabens. Der stellvertretende Chefredaktor der Zeitschrift Tracés, dem Schwesterblatt von TEC21 aus Lausanne, kennt sich wie kaum ein zweiter in der aktuellen Szene der Romandie aus. Als Urbanist, Anthropologe, Historiker und politischer Ökonom präsentiert Cedric van der Poel auf einem Streifzug durch die Romandie nicht nur Bauten und Projekte, sondern ebenso die gesellschaftlichen Hintergründe, die die jüngsten Entwicklungen ermöglichen.

Cedric van der Poel ist leider verhindert. Wir freuen uns, Architekt und Kunsthistoriker Matthieu Jaccard an seiner Stelle begrüssen zu dürfen.

Einladungskarte Februar

Bildnachweis: www.plateforme10.ch, Arazebra

Haus für Gastfreundschaft und Vielfalt

Kirchen bleiben heute oft leer, aber neue Kirchgemeindehäuser reagieren mit vielfältigen Räumen und Anlässen auf veränderte Bedürfnisse. Sie bereichern das öffentliche Leben. Ein Augenschein in Grabs.

21.01.2017 von Ruedi Weidmann

«Für mich ist es ein kleines Wunder», sagt John Bachmann, seit zwölf Jahren Pfarrer in Grabs, über das neue Kirchgemeindehaus. Seit einem Jahr belebt es das Dorf und hat seine Arbeit verändert. In Grabs und auf den verstreuten Höfen am Grabserberg leben ländlich und pietistisch geprägte Menschen, die tief in der reformierten Landeskirche verwurzelt sind. Weil Glarus 1517 die Grafschaft Werdenberg kaufte und 1529 den reformierten Glauben verordnete, ist Grabs eine protestantische Enklave im St. Galler Rheintal. Damals verkündete der Pfarrer in der Kirche Gottes Wort, die Erlasse der Regierung und wer unter der Woche Sitten und Gesetz verletzt und so sein Anrecht auf das wöchentliche Armenbrot verscherzt hatte. Der zwinglianische Gottesdienst war auch ein Sittengericht. Auch wenn Pfarrerinnen und Pfarrer heute weniger von der Kanzel herab predigen – Kirchen sind für frontale Kommunikation gebaut. Und alles Autoritäre verscheucht heute die Leute. Auch in Grabs ändern sich die Bedürfnisse. Es wird viel gebaut, Neuzuzüger machen die Gesellschaft bunter.

Neuer Platz als Treffpunkt
Die evangelische Kirchgemeinde Grabs-Gams beobachtet die Entwicklung schon länger. Sie erarbeitete die Vision einer lebendigen Kirche, die «Treffpunkt all der Segmente der heutigen Gesellschaft» sein soll, wie es in einem Memorandum heisst. Das alte Kirchgemeindehaus, viel zu klein und kaum zu heizen, genügte dafür nicht mehr. Die Büros der Pfarrer und Diakone waren im Ort verstreut, Aktivitäten fanden in gemieteten Räumen statt. An einer Retraite 2009 nahm ein Neubau Gestalt an. Man liess auch die Kosten einer Kirchenrenovation schätzen, entschied dann aber, ein neues Kirchgemeindehaus sei wichtiger. Die Baukommission besuchte Beispiele in der Region, sammelte Raumwünsche der aktiven Mitglieder und führte mit fachmännischer Hilfe einen Architekturwettbewerb durch. Aus dreizehn Vorschlägen kürte die Jury das Projekt des Büros Erhart Partner aus Vaduz. Die Mitglieder hiessen das Projekt gut. Bald begann der Bau, im Januar 2016 war das «Wunder» vollbracht.

Der hell verputzte, zweistöckige Quader stösst mit seiner Schmalseite an die Hauptstrasse. Zwischen ihm und der Kirche, die zurückgesetzt und etwas schief zur Strasse steht, ist ein dreieckiger Platz entstanden, der erste Dorfplatz in Grabs. Wo sich früher Autos durch Hochzeitsgesellschaften und Trauergemeinden drängten, stehen jetzt Bänke im Schatten einer Birke, die Terrasse vor dem Kirchgemeindehaus lädt zum Kaffeetrinken ein. Passanten plaudern, ein Kind spielt mit Steinchen, Schulkinder grüssen – fehlt nur noch der Brunnen, doch die Leitung ist schon verlegt.

Grosser Saal und Foyer sind begehrt
Vielfältig sind auch die Räume im Innern. Das Erdgeschoss öffnet sich mit grossen Glasscheiben zum Platz. Zwei breite Stufen führen zum Eingang und in ein geräumiges Foyer. Die linke, sonnige Seite ist als Bistro eingerichtet, durch eine Glasscheibe vom Weltladen getrennt. Die andere Seite dient als Garderobe, hinter einer Tür liegt das Sekretariat. Geradeaus tritt man in den hohen Saal. Ausgestattet mit Bühne und allem, was es für Theater-, Film- und Diskussionsabende braucht, bietet er bei Konzertbestuhlung 270 Personen Platz. Die Küche kann dank Durchreichen Saal und Foyer direkt bedienen. Ein helles Treppenhaus führt ins Obergeschoss. Der Mehrzweckraum an der Südseite eignet sich für Vorträge, Kurse oder Feiern mit bis zu 120 Teilnehmenden. Er ist unterteilbar und verfügt über eine eigene Teeküche. Zwei Sitzungszimmer und die kleinen Büros der Pfarrer und Diakone sind auf den Kirchplatz gerichtet. Der Jugendkeller des Vorgängerbaus ist erhalten geblieben. Ein Band-Übungsraum und Lagerräume für den Cevi und den Messmer ergänzen ihn. Alle Räume sind freundlich und überaus brauchbar. Die Kirchgemeinde stellt sie auch anderen zur Verfügung – gratis der politischen und der Schulgemeinde, der katholischen Kirchgemeinde und kirchennahen Vereinen, günstig den Dorfvereinen und Mitgliedern beider Kirchgemeinden, etwas teurer Nichtkirchbürgern, auswärtigen Vereinen und Firmen. Vor allem der grosse Saal und das Foyer sind begehrt. Dank ihnen ist die Kirche Grabs für Trauungen attraktiver geworden. Der «Chillekaffi» nach dem Sonntagsgottesdienst ist beliebt. Auch die Kundschaft des Weltladens und freiwillige Helferinnen und Helfer setzen sich gern zu einem Kaffee ins Foyer.

Das Angebot an Kursen, Vorträgen, Ausstellungen und Konzerten konnte erweitert werden. Nicht alle Anlässe haben einen Bezug zur Religion. Sie ziehen auch neues Publikum an. Die Vision habe sich mehr als erfüllt, sagt Kirchgemeindepräsident Karl-Heinz Haedener. Man sei fast ein wenig überrumpelt von den vielen Anfragen; der Mesmer sei bald am Anschlag. Die gleiche Entwicklung erleben auch andere neue Kirchgemeindehäuser, etwa in Wil oder Herisau.

Pfarrer Bachmann betont den Effekt gegen innen: Seit alle unter einem Dach sind, sei die Arbeit der Pfarrer, Diakone und der hier traditionell zahlreichen Freiwilligen einfacher geworden. «Man trifft sich täglich, kann sich austauschen und stärker als Einheit auftreten.» Und mit dem neuen Haus könnten sie nun etwas Wichtiges anbieten: Gastfreundschaft. Längst sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Bachmann testet im Saal gerade einen neuen Abendgottesdienst in Form einer Kaffeestube. Doch der wichtigste Raum ist für ihn das Foyer, weil hier Gastfreundschaft spontan und jederzeit möglich ist.

Gemeinschaft braucht Orte
In unserer Zeit wachsender Verunsicherung suchen viele Orientierung. Dafür war einst die Kirche zuständig. «Orientierung» kommt vom Kirchenbau und bezeichnete die Ausrichtung des Chors nach Osten, dem Orient. Dadurch schien die aufgehende Sonne als Symbol für die Auferstehung Christi durch die Chorfenster auf die Betenden. Auch das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft fehlt heute vielen. Es ist der Preis für mehr individuelle Freiheit und das Abschütteln rigider Konventionen.

Gesucht sind neue, zwanglose Formen von Gemeinschaft. Auch der Wunsch nach gemeinnützigem Engagement wächst. Andererseits wachsen Bevölkerungsteile, die auf Solidarität angewiesen sind: Alte, Zugewanderte, Entwurzelte. All dies lässt sich sinnvoll miteinander verbinden, ob mit oder ohne Religion. Aber dazu braucht es Orte – und jemand, der sie pflegt –, wo Begegnungen und Austausch möglich sind und Zusammenhalt wachsen kann.

Bilder: Hanspeter Schiess

Megatrend und Mikroverdichtung

Immer mehr Menschen werden in Zukunft im Alter auf Pflege angewiesen sein. Darauf kann man mit grossen Neubauten reagieren – oder wie die Gemeinde Balzers mit gezielten baulichen Massnahmen.

17.12.2016 von Caspar Schärer

Fast jede wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung hat früher oder später Auswirkungen auf das Bauen und damit hoffentlich auf die Architektur. Mehr Autos haben bis anhin zu mehr Strassen geführt – nun gut, das ist noch nicht Architektur. Aber all die Logistik- und Shoppingcenter an den Autobahnausfahrten könnten ruhig mehr Architektur sein. Oder das Gesundheitswesen: Politische Entscheide im Zusammenhang mit Spitallisten und ähnlichem führen zu massiven Investitionen in Krankenhäuser. Alles hängt voneinander ab; das heisst noch lange nicht, dass man dem Geschehen alternativlos ausgeliefert ist. Es gibt Entscheidungsspielraum, wie das Beispiel der bescheidenen Erweiterung eines Pflegeheims in Balzers im Fürstentum Liechtenstein zeigt.

Der auslösende Trend dahinter könnte kaum grösser sein und nennt sich «demografische Entwicklung»: Die Lebenserwartung in der Schweiz steigt unvermindert. Mittlerweile liegt sie bei etwa 83 Jahren. Ein heute Neugeborenes hat gute Chancen, das Jahr 2099 zu erleben, vermutlich auch den Beginn des 22. Jahrhunderts. Bereits über 1,5 Millionen Menschen geniessen in der Schweiz ihren Ruhestand, das sind etwas mehr als 18 Prozent der Bevölkerung. Und es werden in den kommenden Jahren deutlich mehr: Die so genannte «Babyboomer»-Generation marschiert langsam in die Pension, also Menschen, die von Anfangs der 1950-er bis Mitte der 1960-er Jahre geboren sind. Diese einzigartig geburtenstarken Jahrgänge werden eine deutlich erhöhte Anzahl an Pfegebedürftigen hervorbringen. Denn ab Mitte 80 brauchen immer mehr Menschen immer intensivere Pflege. Jede dritte Person über 85 Jahre ist mittel bis schwer pflegebedürftig.

Babyboomer stellen Gesellschaft auf die Probe
Der kleine Ausflug in die Welt der Statistik soll den abstrakten Begriff der «demografischen Entwicklung» anschaulicher machen. Dass dieser offensichtliche Megatrend früher oder später das Bauen beeinflusst, verwundert niemanden. Schliesslich müssen Alters- und Pflegeheime im Budget eingeplant und gebaut werden, sei es nun von der öffentlichen Hand oder von Privaten. Die Babyboomer werden in den kommenden Jahrzehnten das Pflegesystem und die ganze Gesellschaft auf die Probe stellen. Zurzeit leben rund 400’000 über 80 Jährige in der Schweiz, 2040 werden 880’000 erwartet.

Landauf, landab zerbrechen sich bereits heute die Verantwortlichen den Kopf darüber, wie sie dem «Ansturm» gerecht werden sollen. Die einfachste Lösung, in der Schweiz gerne praktiziert: Infrastruktur erweitern, also möglichst alle Bedürfnisse durch Bauen zu befriedigen. Das kostet zwar einiges, aber noch scheint das Geld zur Verfügung zu stehen. Deutlich günstiger wird es – diesen Weg hat die Gemeinde Balzers beschritten –, wenn man in die «Software» investiert – etwa in ein intelligentes Konzept. Balzers steht vor der Herausforderung, dass sich bis 2030 die Anzahl der über 80- Jährigen von 170 auf 340 verdoppeln wird. Danach wird sie vermutlich wieder abnehmen, da anschliessend mit der «Pillenknick»-Generation deutlich geburtenschwächere Jahrgänge ins Alter kommen.

Die Gemeinde verschaffte sich eine Übersicht und gelangte zu einer Strategie, die alle Beteiligten besser miteinander vernetzt und damit das Vorhandene effizienter nutzt. Allzu oft arbeiten verschiedene Dienste wie Pflegestationen, Spitex und andere private Stiftungen nicht Hand in Hand, sondern gegeneinander. Hinzu kommen die vielen Menschen, die ihre Angehörigen zu  Hause pflegen, immer wieder mal überfordert sind und oft nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Obwohl komplett auf neue Pflegebetten verzichtet wird, erfordert das Konzept mehr Platz im Pflegeheim Schlossgarten am Fuss der Burg Gutenberg – allerdings in erster Linie Büros und flexible Mehrzweckräume. Die Gemeinde schrieb einen Wettbewerb aus und wählte ein Projekt, das sich nicht vollständig an die vorgegebenen Regeln hielt. Zwei eingeschossige Einbauten in die beiden zur Strasse hin offenen Höfe schlug das Liechtensteiner Architekturbüro von Ivan Cavegn vor; die Neubauteile ragen etwa einen Meter aus der bestehenden Fassadenfront hervor, die eigentlich gar keine Front war, sondern sich aus drei schmalen Gebäudeteilen zusammensetzte, die wie kleine Türme aufragten. Den «Rücken» bildet nach wie vor ein lang gezogener Trakt zum Garten hin. Indem Cavegn die Fassadenflucht nicht einhält, verleiht er den Einbauten eine eigene Bedeutung. Sie rücken buchstäblich in den Vordergrund und verdrängen die Parkplätze, die eigentlich hier vorgesehen waren. Stattdessen spriessen jetzt dort Büsche und Bäume in Vorgärten wie sie in der Nachbarschaft üblich sind.

Rundlauf durch den ganzen Komplex
Die neuen Grünstreifen vor dem Gebäude machen das Gebäude «wohnlicher», es wirkt weniger wie ein Pflegeheim – es heisst auch nicht mehr so, sondern Lebenshilfe Balzers. Einen vergleichbaren Effekt erzielen die beiden Einbauten selbst: Sie brechen den Massstab der grossen Struktur, führen architektonisch ein gewisses Eigenleben, füllen als Bauvolumen nicht einfach den zur Verfügung stehenden Platz auf, sondern wahren einen Abstand zum Altbau. Mit ihren dicken, sorgfältig geschalten Sichtbetonwänden und der leichtfüssigen Holzdecke setzen sie sich auch in Bezug auf Material und Konstruktion deutlich vom Bestand ab. Einer der Neubauten nimmt die Verwaltung auf, in der stationäre und ambulante Dienste wie Spitex und Familienhilfe zusammengeführt werden, der andere bietet Raum für die neue Tagesstätte für Demenzkranke.

Beide sind an verschiedenen Stellen an den Altbau angeschlossen, und so entsteht ein abwechslungsreicher Weg, ein Rundlauf, der im Erdgeschoss durch den ganzen Komplex verläuft. Überhaupt offenbart Ivan Cavegns Entwurf im Inneren eine architektonische Vielalt, die auf vergleichsweise kleinem Raum viel bewirkt und die vor allem in einem starken Kontrast steht zur eher schematischen Anlage des Altbaus. Der Rundlauf erweist sich als komplexer Mäander, man kommt vorbei an kleinen Innenhöfen, die zum Verweilen einladen, entdeckt verborgene Stuben für die Patienten, überall öffnen sich überraschende Durchblicke.

Trotz zahlreicher Ecken und Nischen findet man sich gut zurecht, auch die Dementen verirren sich nicht. Sie können auf der ganzen Strecke frei zirkulieren und sind auf diese Weise genauso Teil des Betriebs wie die Pflegekräfte und die Büromenschen. Offenheit, Erreichbarkeit, Vernetzung: Der neue Geist im Balzerser Pflegebereich hat in der Mikroverdichtung eine gebaute Entsprechung gefunden. Man nennt es Architektur.

Bilder: Hanspeter Schiess

Vor Ort – Neubau Fernwärmezentrale Waldau, St. Gallen

Baustellenbesichtigung durch Thomas Kai Keller Architekten

Mo 20. Februar 2017, 17 Uhr

Anmeldungen bis 10. Februar 2017 unter Fernwaermezentrale@nulla-f-o.ch, Teilnehmerzahl beschränkt.

Die Veranstaltung wird unterstützt durch den Kanton St. Gallen.

 

Die Fernwämezentrale Waldau ist der erste Bau der Sankt Galler Stadtwerke für die Umsetzung des Energiekonzepts 2050. Das Bausystem mit einem allseitig erweiterbaren Grundraster von 6 mal 6 Metern ermöglicht den Stadtwerken in unterschiedlichen städtischen Situationen einen wiedererkennbaren Auftritt. Nachhaltige Energieproduktion und ressourcenschonender Umgang mit dem Baumaterial Beton erhalten ihren Ausdruck in der Stadt. Die Kesselhalle ist bereits in Betrieb.

Für die bauliche Umsetzung des St. Galler Energiekonzepts 2050 streben die St. Galler Stadtwerke nach einer neuen Generation ihrer Betriebsarchitektur. Die Fernwärmezentrale Waldau ist das Gebäude erste in Reihe von Infrastrukturbauten in der Stadt St. Gallen.
Basis für die Bauten ist ein Systemgedanke, der im siegreichen Studienauftrag formuliert wurde. Das System besteht aus einer vorfabrizierten Tragkonstruktion in Beton, welche auf einem Grundraster von 6.0 auf 6.0 Meter aufbaut und im Grundsatz in beide Richtungen beliebig erweiterbar ist. Längs- und Querbalken verbinden die Stützen und bilden das Auflager für eine raumhaltig entwickelte Dachform. Optimal nach Süden geneigte Dachflächen dienen als Montageflächen für Photovoltaikelemente, während im Nordgefälle Shedfenster montiert werden können. Die Ausfachung der Wandflächen erfolgt situations- und funktionsbezogen. Bei geschlossenen Wandflächen wird vor Ort eingegossener Recyclingbeton verwendet.
Es wird eine ökonomische Bautechnik aus dem Gewerbe- und Industriebau für den stadtnahen Gebrauch verfeinert. Eine Gebrauchsarchitektur entwickelt dank ihrer Qualität eine angemessene Repräsentanz in den Quartieren.

Die Tragstruktur ist aus hochfesten vorfabrizierten Betonelementen gefertigt, die Wände sind auch an der Aussenfassade mit Mischabbruch-Recyclingbeton ausbetoniert. Die Nachbehandlung durch Stocken macht den Recyclingbeton sichtbar.
Die vorfabrizierten vorgespannten Pfeiler liegen gelenkig auf der Kellerwand auf und bilden im Knotenpunkt an der Traufe in beide Tragrichtungen biegesteife Verbindungen aus, womit ein Rahmentragwerk resultiert. Vorgespannte Träger überspannen die 18 Meter tiefen Hallen und bilden mit den Rand- und Querträgern einen Trägerrost für das Auflager der Shedelemente.
Drei 15cm dicke Faltwerkselemente überspannen das Rastermass von 6 Metern und prägen damit die Shedarchitektur.
Basierend auf Festigkeitsversuchen wurden gewaschene und  fraktionierte Recyclingzuschläge mit einem gesamten RC- Anteil von über 90 Prozent vergossen. Die Körnung zwischen 8 und 16mm besteht zu fast 100% aus Backstein, womit der gewünschte optische Effekt beim Stocken erzielt wird.

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Bildnachweis: Katalin Déer

Kunst im Forum

Tine Edel – Inside the Grain

Ausstellung: Do 03. März bis So 26. März 2017
Öffnungszeiten: Di–So, 14–17 Uhr

Do 2. März um 18.30 Uhr, Vernissage, Einführung Kristin Schmidt
Samstag 18. März, 12 – 16 Uhr, «Im Inneren der Camera Obscura», Installation.
Sonntag, 26. März, die Künstlerin ist anwesend

Belichten, entwickeln und fixieren, Reaktionen auf das Licht untersuchen, chemische Prozesse variieren, Fehler zulassen – experimentiert im weiten Feld analoger fotografischer Verfahren und Inszenierungen.
Ihre Bildwelt reicht vom rätselhaften Nachtstillleben bis zur konzeptionellen Studioaufnahme.

Flyer Ausstellung Tine Edel Inside the Grain

Tine Edel

Sommer Camp Architektur – gewonnen!

Beitrag des Architektur Forums Ostschweiz am Projektwettbewerb „150 Jahre schaffen Zukunft“

Im Mai haben wir unsere Mitglieder informiert, dass das Architektur Forum Ostschweiz ab Sommer 2018 in den Sommerferien an verschiedenen Orten Workshops mit und für Jugendliche organisieren möchte, um ihnen Architektur und Baukultur näher zu bringen.

Wir haben das Projekt beim Jubiläumswettbewerb der St.Galler Kantonalbank eingereicht und wurden aus den 338 Einreichungen als eines von insgesamt 40 Projekte für einen Unterstützungsbeitrag ausgewählt.

Wir freuen uns sehr, dass wir zu den glücklichen Gewinnern zählen und unser Projekt durchführen können!

Wir sind nun daran, das Detailprogramm auszuarbeiten, die Kursinhalte zu definieren und die Austragungsorte zu suchen.
Im Frühjahr werden wir uns melden, um Sie wieder zu informieren.

Das Projekt

An 5 Orten im Kanton können in den Sommerferien 2018 Jugendliche Baukultur entdecken – als Pilotprojekt für weitere Kurse. Während dieser Woche lernen die jungen Menschen unter Anleitung von professionellen Vermittlerinnen und Vermittlern die gebaute und gestaltete Umwelt ihrer Stadt und der Umgebung besser kennen.

Wesentlicher Fokus aller Aktivitäten ist es, Kinder und Jugendliche darin zu unterstützen, ihre alltägliche Umwelt bewusster wahrzunehmen, Raumqualitäten zu erleben und die Gestaltbarkeit ihrer Umwelt zu erkennen. Mittels unterschiedlicher methodischer Ansätze wird der Blick auf den gebauten und gestalteten Lebensraum geschärft, um letztendlich jene Sensibilität zu entwickeln, die entscheidungsfähig macht.

Weil jeder Ort seine spezifischen Eigenschaften aufweist und sich so eine Vertiefung zu unterschiedlichen Themen anbietet, werden die Resultate der fünf Kurse sich sehr unterscheiden. Eine Wanderausstellung wird diese Resultate und gewonnenen Erkenntnisse einer breiteren Bevölkerung vorstellen.

Fachleute (Architekten und Ingenieurinnen, Handwerkerinnen und Unternehmer, Raumplanerinnen und Landschaftsarchitekten) besuchen die Kurse, berichten von ihrer Arbeit und davon, wie unsere gebaute Umgebung entsteht.

Nutzen für die Menschen in den Kantonen St. Gallen und Appenzell AR
Die jungen Menschen werden eines Tages selbst bauen oder einen Beruf in der Branche ausüben. Sie sind die Bauherren und Entscheidungsträger der Zukunft. Wenn sie bereits als junge Menschen in Kontakt mit unserer gebauten Umwelt kommen und diese kennen und schätzen lernen, werden sie dereinst als Erwachsene bei Fragen zur Baukultur mündig entscheiden können.

Einbezug freiwilliger Helferinnen und Helfer
Die Mitglieder und der Vorstand des Architektur Forums Ostschweiz bringen ehrenamtlich ihr Wissen und Engagement ein. Während der Konzeptphase werden sich vorwiegend Vorstandsmitglieder engagieren, in den Ferienkursen bringen die Mitglieder des Architektur Forums Ostschweiz und der Fachverbände ihr Wissen ein.

Nachhaltige Wirkung
Ein erstes Ziel des Projekts ist es, Ferienkurse in den Sommerferien 2017 an fünf Orten in der Region durchzuführen. Diese dienen als Pilotprojekt und sollen nach dem Testlauf im Sommer 2017 jährlich wiederholt werden. Das vorliegende Projekt dient dazu, das Konzept auszuarbeiten, die Pilotprojekte durchzuführen und sie so zu dokumentieren und aufzubereiten, dass sie wiederholt werden können. Die Ferienkurse sollen in den folgenden Jahren nach dem ersten Durchgang wiederholt werden: an den ursprünglichen Orten ebenso wie in neuen Städten. Der Kurs kann auch als Teil einer Sonderwoche während des Unterrichts durchgeführt werden. Die Dokumentationen der Projektwochen stehen Lehrkräften zur freien Verfügung, um das Thema Baukultur auch in den Schulen behandeln zu können.

Wettbewerb 150 Jahre schaffen Zukunft

«Raum Zeit Kultur – Anthologie zur Baukultur» im Wettbewerb «Die schönsten Schweizer Bücher 2016» ausgezeichnet

Das Buch Raum. Zeit. Kultur, herausgegeben vom Architektur Forum Ostschweiz im Triest Verlag, gestaltet von den Grafikern Bänziger, Kasper und Florio, ist beim Schweizer Design Preis 2016 als eines von 24 schönsten Büchern ausgezeichnet worden.

Auszeichnung Design Preis Schweiz

Mehr zum Buch und über Gutes Bauen

Grenzen – Ausstellung After Schengen, European Borders

Die Ausstellung Mo 3. April 2017 bis So 30. April 2017
Öffnungszeiten: während der Veranstaltungen und jeweils Sa + So 13–16 Uhr

Vor 20 Jahren herrschte an den Grenzen der europäischen Staaten noch reger Betrieb. Seit das Schengen-Abkommen den Weg hin zur Reisefreiheit innerhalb Europas geebnet hat, verfallen die einstigen Grenzübergänge. Die Ausstellung After Schengen von Ignacio Evangelista zeigt die alten, verlassenen Grenzposten der Europäischen Union. In den Fotos wird der Betrachter eindrücklich mit Rudimenten
aus einer anderen Zeit konfrontiert, in der nationalstaatliche Grenzen in Europa noch
stark, die heutige Einheit und Freiheit nur Ideen waren.
Der in Valencia geborene Ignacio Evangelista ist ein mehrfach ausgezeichneter Fotograf. Er lebt und arbeitet in Madrid und konzentriert sich in seinen Serien auf Natur, Architektur und Porträts. Er war an verschiedenen nationalen und internationale Gruppen- und Einzelschauen beteiligt. Seine Serie «After Schengen»
wurde u.a. bereits in New York und Washington gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.

The „After Schengen“ series shows old border crossing points between different states in the European Union. After the Schengen agreement, most of these old checkpoints remain abandoned and out of service, allowing us to gaze into the past from the present. It causes many reflections, especially in a moment that EU project it is severely discussed.
These places that prior the Schengen treaty, delimited territories and in which the traveler had to stop and show his documents, currently appear as abandoned places, located in a space-time limbo, out of use and out of the time for which they were designed, as these states have opened their borders to the free movement of people.
Border crossings have a function of geographical boundaries, but also a coercive role, since they prevent the free passage of people between one and another state. So, they are places that, along with a cartographic dimension, are provided with historical, economic and political reminiscences.
These old border crossing points are slowly disappearing; some are renovated and reconverted to new uses, some are destroyed for vandals, and some other just fall down due to the passing of time. So, after some few years there will be no possibility to look at this strong signs and symbols of the recent European history.

Mehr zur Ausstellung

Bildnachweis: Ignacio Evangelista

Einladungskarte April

Aktueller Beitrag Gutes Bauen

Ein Garten ist vor allem Atmosphäre

Beitrag vom 20. Mai 2017 von Ruedi Weidmann

Mit seinen Grünanlagen und Plätzen prägte Tobias Pauli jahrzehntelang die Landschaftsarchitektur in der Ostschweiz mit. Heute pflegt er wieder den Garten seiner Kindheit und ordnet seine Erkenntnisse.

 

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Jahresthema 2017

Grenzen

Grenzen durchdringen unser Leben und gliedern es: geografisch, hoheitlich, persönlich. Und selbst wenn wir uns gerne im Zentrum befinden, dringen wir immer wieder an die Ränder vor. Manchmal suchen wir sie geradezu, um die Komfort-Zone zu verlassen. Denn der Reiz, die Grenzen auszuloten, ist dem Menschen ebenso gegeben wie der Drang, sie zu überschreiten.
Was geschieht an den Grenzen, wo Unterschiedliches zusammenprallt und fein säuberlich auseinandergehalten wird, wo ein Gebiet endet und ein neues beginnt? Wie sieht es jenseits der Grenzen aus? Und was bewirken die Grenzen in unserem Kopf?
Diesen Fragen geht das Architektur Forum nach und überschreitet die Grenzen der Disziplinen. Es untersucht, wie sich das Bollwerk der Festung Europa – und anderswo – auswirkt, und springt über den Röstigraben, die berühmteste Sprachgrenze der Schweiz. Der Blick richtet sich daneben auf ganz alltägliche Phänomene wie die Türschwelle oder die Wand.
Ein Jahr über den Zaun, der uns umgibt – und die zahllosen Möglichkeiten, ihn zu überwinden.