Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Dezember 2016

Bräteln unter dem Verkehrsdenkmal

Die Felseggbrücke über die Thur bei Henau strahlt wieder wie neu. Der renovierte Pionierbau von 1933 lohnt einen Besuch.Verkehrsbauten gehören zu unserem Kulturerbe. Neue Methoden erleichtern ihre Pflege.

19.11.2016 von Ruedi Weidmann

Hell leuchtet sie im Herbstlicht und überspannt in flachem Bogen die Thur: die Felseggbrücke bei Henau. Fast wäre das Werk des Beton-Pioniers Robert Maillart den Folgen einer früheren Renovation zum Opfer gefallen. Doch nach eineinhalb Jahren hinter Baugerüsten ist es nun frisch renoviert zu besichtigen. Beim Gillhof führt ein Weg bequem ins Kiesbett der Thur hinab. Von hier aus lässt sich die sanierte Konstruktion am besten bewundern.

Die Felseggbrücke entstand 1933 als Teil der neuen Schnellstrasse Wil–Gossau. Sie ist 130 Meter lang, der Bogen überspannt 72 Meter. Maillart verband virtuos zwei Konstruktionen, den Hohlkastenträger und den Dreigelenkbogen: Die beiden Schenkel des Bogens sind hohle Kasten, leicht und trotzdem steif. Die drei «Gelenke» sind schlanke, stark armierte Stellen an den Enden und am Scheitel des Bogens. Hier kann sich die Brücke bei jeder Belastungbewegen, unmerklich, aber es reicht, damit Verbiegungen nicht von einer in die andere Brückenhälfte übertragen werden. Das schont die steifen Teile. Maillart hat diese Konstruktion erfunden. Sie sparte Material, war günstig und rasch gebaut –die Felseggbrücke in neun Monaten.

Rettung in letzter Minute
Streusalz ist Gift für Betonbrücken. Das Salzwasser dringt in den Beton ein und lässt die Armierungseisen rosten. 1987 dichtete man darum die Felseggbrücke rundum mit Epoxidharz ab. Dabei unterschätzte man, wie viel Feuchtigkeit im Beton steckte. Wegen der Plastikhaut konnte er nicht mehr austrocknen. Das Salz in der Brückegriff weiter die Armierung an; aussen war davon nichts zu sehen. Eine Kontrolle vor zehn Jahren zeigte die Folgen: Der Schaden war so massiv, dass die gesamte Fahrbahnplatte samt Brüstung und Scheitelgelenk ersetzt werden musste. Die neue Fahrbahn wurde abgedichtet, kein Wasser kann mehr von oben in die Betonkonstruktion dringen. Zum Schalen verwendete man wie früher frisch gesägte Bretter, deren Maserung nun am Beton gut sichtbar ist. An den übrigen Teilen wurde das Epoxidharz mittels Hochdruckwasserstrahl entfernt. Dabei kam die Oberfläche mit. Sie wurde mit frischem Beton aufmodelliert und mit einer neuen transparenten Lasur gestrichen.Diese ist wasserdicht, aber dampfdurchlässig, so dass der Beton atmen und austrocknen kann.

Eugen Brühwiler, Spezialist für Bauwerkserhaltung an der ETH Lausanne, hat die Denkmalpflege und das Tiefbauamt des Kantons St.Gallen beraten. Für ihn ist die Renovation gelungen. Die Brücke erfülle nun alle Anforderungen an eine moderne Kantonsstrasse, ihre besondere Form und Konstruktion konnte erhalten werden. Zu den Kosten von rund sechs Millionen Franken sagt Brühwiler: «Weil die Folgeschäden der letzten Renovation so grosswaren, kostete die Erneuerung so viel wie ein Neubau. Die renovierte Brücke ist nun aber auch gleich leistungsfähig und dauerhaft wie eine neue. Zusätzlich konnte man einen Zeugen erhalten, der für die Geschichte des Brückenbaus enorm wertvoll ist.»

Der Bauingenieur Robert Maillart gilt weltweit als Pionier des Stahlbetonbaus. Er erfand die Betondecke mit pilzörmigen Stützen und entwickelte von 1902 bis zu seinem Tod 1940 die Konstruktion von Betonbrücken weiter. In der Ostschweiz sind fünf weitere seiner Bauten erhalten: Steinachbrücke 1903 und Wasserturm 1906 in St.Gallen, die Bahnüberführung in Aach bei Romanshorn 1907 , die Thurbrücke Wattwil 1909 und die Thurbrücke bei Billwil 1904 , die von Felsegg aus auf einer stündigen Uferwanderung erreichbar ist. Maillarts Bauten sind hervorragend gestaltet,nutzten die Eigenschaften von Stahlbeton konsequent und gelten längst als Denkmäler von nationaler oder weltweiter Bedeutung. Doch das schützt sie leider nicht vor Abbrüchen. Unmittelbar
bei der Felseggbrücke hatte Maillart über den Fabrikkanal der Weberei Felsegg eine schlichte Brücke auf acht Stützen gebaut, konstruiert wie die Vorlandbrücken der Felseggbrücke. Sie hatte stark unter Salzwasser gelitten und musste 2011 ersetzt werden. Schade, findet Eugen Brühwiler heute. Das Ensemble aus Felsegg- und Kanalbrücke zeigte, wie Maillart Innovation und Pragmatik verband.

Kathedralen unserer Zeit
Doch wozu Verkehrsbauten überhaupt erhalten? Sind sie nicht einfach Zweckbauten, die stets den aktuellen Anforderungen des Verkehrs genügen müssen? «Autobahnen sind die Kathedralen unserer Zeit», sagte David Byrne schon vor dreissig Jahren in seinem Film «True Stories». Frühere Kulturen bauten Kirchen, Klöster, Burgen und Schlösser. Unsere Kultur baut seit 200 Jahren beeindruckende Strassen, Bahnstrecken, Brücken und Viadukte. Doch leider werden sie noch kaum als Kulturgut wahrgenommen, oft übersehen und vernachlässigt.

Auf Strassen, Kreuzungen, in Tunnels und Unterführungen verbringen wir viel Zeit. Sollten wir da nicht hohe Ansprüche an ihre Pflege stellen? Brücken, Stützmauern, Überführungen, Leitplanken und Geländer werden bewusst gestaltet –nicht umsonst heissen sie Kunstbauten. Für wichtige Projekte gibt es Wettbewerbe. Doch beim Unterhalt geht die Gestaltung dann meist vergessen. Strassen und Wege verlieren ihren Charakter durch viele kleine Reparaturen, die sich um das Aussehen scheren. Das zeigt etwa das Potpourri von Stützmauern und Geländern entlang vieler Bergstrassen. Brühwiler nennt noch einen weiteren Grund, warum alte Verkehrsbauten wertvoll sind: Sie speichern Wissen. Etwa,wie man Brücken mit weniger Stahl bauen kann als heute.

Bis vor kurzem wurden Brücken ersetzt, wenn sie ein bestimmtes Alter erreichten, selbst wenn sie noch intakt waren. Nun wurden an der ETH Lausanne Methoden entwickelt, um die Tragfähigkeit bestehender Bauwerke zu messen. Dabei zeigt sich, dass Brücken oft stärker sind als erwartet. Heute lässt sich messen, wo Schwachstellen sind. Ermüdete Stahl- oder Betonteile können gezielt ersetzt oder verstärkt werden. Mit wenig Aufwand werden so Brücken und Gebäude wieder für Jahrzehnte tragähig. Das spart Geld, Material und Werkverkehr und hält Bauzeugen am Leben.

Auf Gemeindeebene werden jedoch noch viele Verkehrsbauten ersetzt, weil ihr historischer Wert und die Erneuerungsmethoden nicht bekannt sind. Auf dem riesigen Gemeinde-, Forst- und Flurstrassennetz wäre ein geschichts- und materialbewusster Unterhalt besonders wertvoll. Technisch interessierte Denkmalpfleger und historisch versierte Ingenieure finden gemeinsam Möglichkeiten, wie scheinbar veraltete Bauten gezielt und günstig für eine moderne Nutzung verstärkt werden können.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Patina und Atmosphäre

Ein altes Industrieareal kann auch heute noch gut gebraucht werden. Im St.Galler Quartier Winkeln nutzen rund 70 Gewerbebetriebe die grossartigen Räume der ehemaligen Konservenfabrik.

15.10.2016 von Caspar Schärer

Nein, Alex Hanimann hat es nie bereut, dass er ein Atelier auf dem Areal der ehemaligen Konservenfabrik bezogen hat. Der 60jährige St. Galler Künstler gehört zu den langjährigen und treuen Mietern: Vor 25 Jahren hat er den Schritt aus der Innenstadt «hinaus» nach Winkeln gemacht. Die St. Galler Kunstszene ist ihm nicht gefolgt, auch wenn er nicht der einzige Künstler auf dem Konservi-Areal ist, wie es hier liebevoll genannt wird. «Mir ist das inzwischen ganz recht», erklärt Hanimann, «denn ich arbeite gerne in Ruhe». In seinem Atelier findet er ideale Bedingungen: über vier Meter hohe Räume, reichlich Platz und eine grosse Fensterfront nach Norden, auf den Fabrikhof. Gegenüber steht das mächtigste Gebäude des Areals; wenn die Fassade von der Sonne beschienen wird, leuchtet sie hell auf und strahlt in Hanimanns Atelier.

Dass sich ein Künstler gerne auf einem alten Industrieareal einrichtet, erstaunt den Journalisten aus Zürich nicht weiter. So läuft das doch immer auf diesen Brachen. Findige Immobilienspezialisten lassen Künstler und überhaupt so genannt Kreative ein paar Jahre gewähren – sie beleben das Areal und sorgen für Bekanntheit, bevor alles verschwindet und Neubauten mit Wohnungen und Büros hochgezogen werden. In vielen Schweizer Städten ist auf diese Weise ein Areal nach dem anderen umgenutzt worden.

Der Umbau von Industriebrachen gehörte in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zu den Paradedisziplinen der Immobilienentwickler, selbst wenn in der Regel grosse Hindernisse im Weg stehen und ein solcher Prozess viel Wissen, Erfahrung und Geduld braucht. Aber am anderen Ende des Tunnels locken einfach zu schöne Rendite-Erwartungen: Oft sind die Areale gut erschlossen und die Nachfrage nach einigermassen zentral gelegenen Büro- und vor allem Wohnräumen ist fast überall hoch. In den Gewerbegebieten hingegen regiert der blanke Pragmatismus; meist stehen stumme Blechkisten beziehungslos nebeneinander. Ein über einige Jahrzehnte gewachsenes Industrieareal hat schlicht mehr Patina und Atmosphäre. Manches ist krumm und vielleicht nicht optimal, aber damit kann man sich arrangieren. Viel kostbarer als totale Perfektion sind die Räume – im Innern der Gebäude wie auch die dazwischen.

Das bestätigt Roman Holenstein von der Immobilien St. Gallen AG, Verwalter auf dem Konservenfabrik-Areal: «Die damaligen Baumeister haben uns extrem robuste Bauten hinterlassen. In einigen Gebäuden sind Bodenbelastungen von bis zu drei Tonnen möglich – im dritten Obergeschoss!»

Hierzu sollte man wissen, dass ein solcher Bau entsprechend stabil gebaut werden sollte, was ihn automatisch verteuert. Es seien aber keineswegs luxuriöse Bauten, versichert Holenstein. Die früheren Bauherren hätten genauso aufs Geld achten müssen. Aber sie hätten investiert und vielleicht nicht von jedem eingesetzten Franken verlangt, dass er im nächsten Quartal mit sechs Prozent rentiere. «Das ist im besten Sinne nachhaltig», sagt Holenstein.

Erfolgreich in der Nische
Er übernahm das Areal vor fünfzehn Jahren, kurz nach der Jahrtausendwende. Zusammen mit dem Eigentümer, dem Gossauer Nahrungsmittel-Industriellen Ernst Sutter, entwickelte er ein Vermietungskonzept, das eigentlich völlig naheliegend ist, aber aus heutiger Sicht fast schon exotisch wirkt. Sutter und Holenstein setzen auf kleine und mittlere Unternehmen, also auf KMU, die 99 Prozent aller Schweizer Betriebe ausmachen. Kleine und mittlere Gewerbebetriebe haben es zusehends schwer, in den Städten Räume zu finden – zu wertvoll ist der Boden und zu verlockend die Aussichten für die Landbesitzer, daraus mehr Kapital zu schlagen. Gleichzeitig können sie sich einen Neubau in einem Gewerbegebiet nicht leisten – sie fallen also zwischen Stuhl und Bank. In dieser Nische operieren Sutter und Holenstein mit dem Konservi-Areal, keineswegs als «Wohltätigkeitsverein», wie es der Verwalter ausdrückt. Die Liegenschaft müsse rentieren, doch er ist überzeugt davon, dass man auf diese Weise langfristig mehr Geld verdiene als mit einer Tabula-Rasa-Strategie.

Dabei ist es gar nicht so einfach, die verschiedenen Interessen und Ansprüche der Mieter zusammenzubringen. «KMU ist ein sehr allgemeiner Begriff», sagt Holenstein. «Dahinter steht eine grosse Vielfalt an Unternehmen: die sind etwas lauter, andere arbeiten eher still, bei den einen kommt täglich ein Lastwagen vorbei, die anderen tauchen nur am Wochenende auf.» Auf die enorme Diversität gibt es eigentlich nur eine Antwort: ein breites Angebot an unterschiedlichen Räumen. Genau das findet sich auf dem alten Industrieareal, Räume, die vielleicht zufällig entstanden sind und jetzt genau passen, Räume, die belastbar sind und erweitert werden können.

Rund 70 Betriebe mit 500 Arbeitsplätzen sind auf dem Konservenfabrik-Areal eingemietet, einen Überblick über die Vielfalt verschafft eine Tafel am Eingang. Das Spektrum reicht vom Nahrungsmittelfabrikanten über den Holzbauer, die Autowerkstatt und den Darmhandel bis zur Kampfsportschule und eben den Künstlerateliers.

Keine Nostalgie
Ende der 1980er-Jahre kaufte Ernst Sutter das vier Hektar grosse Areal, als die Konservenfabrik schon einige Jahre nicht mehr in Betrieb war. Die ältesten Bauten reichen bis Anfangs des 20. Jahrhunderts zurück, seither ist immer wieder etwas angefügt und neu gebaut worden. Da rücken die Bauten nahe zusammen, ein gewaltiges Dach schützt den Aussenraum vor Regen; dort wirkt es, als ob das Gebäude wie ein Wesen gewachsen sei, so unkontrolliert wurde angebaut; woanders wiederum ist der Raum klar gegliedert und übersichtlich. Bei einem Streifzug durch das Areal kommt man durch Strassen und Gassen, überquert Plätze, sieht Nischen mit Vor- und Rücksprüngen, überall Tore, Vordächer und Anlieferungsrampen.

Langeweile kommt hier nicht auf – und auch keine Nostalgie, denn Roman Holenstein ist Realist genug, um zu wissen, dass einige der Bauten am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind: «Dann müssen wir halt mal eines ersetzen oder aufstocken.» Veränderung, das macht er deutlich, soll weiterhin möglich sein auf dem Konservenfabrik-Areal. So wie es schon die ganze Zeit über war.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Im Wandel – Entwicklung und Aufwertung Bahnhof Nord St. Gallen

Meinrad Morger, Architekt, Basel, und Florian Kessler, Stadtplaner, St. Gallen

Mo 5. Dezember 2016, 19.30 Uhr, Rathaus 1.OG

Bahnhof Nord SG _DN

Das grosse öffentliche Interesse und der hohe städtebauliche und politische Stellenwert rechtfertigen eine umfassende Planung des Gebiets Bahnhof Nord. Dabei geht es über das Füllen von vorhandenen Baulücken hinaus, um die fragmentarische Wirkung der heutigen Situation zu verbessern, mit der Absicht einen lebendigen, vielfältigen, sozialen und zukunftsfähigen Ort zu schaffen. Folgende Ziele werden dabei verfolgt:
– Ausloten der nutzungsmässigen und städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten zur Stärkung der Zentrumsfunktion in der Innenstadt
– Präzisierung der städtebaulichen und verkehrlichen Rahmenbedingungen mit Nutzungshinweisen für die Entwicklung des stadteigenen Areals Lagerstrasse sowie der weiteren Areale
– Aufwertung des öffentlichen Raumes innerhalb des gesamten Betrachtungsperimeters
– Partizipatives Vorgehen unter Einbezug betroffener und interessierter Kreise
Unter Einbezug verschiedener Anspruchsgruppen und der Öffentlichkeit wurden die Rahmenbedingungen für die Testplanung erarbeitet. Die Lösungsvorschläge der eingeladenen vier Teams werden wiederum mit den Anspruchsgruppen und der Öffentlichkeit diskutiert und die Erkenntnisse fliessen ein in die Empfehlung an den Stadtrat.
Architekt Meinrad Morger, Fachexperte Beurteilungsgremium, und Stadtplaner Florian Kessler informieren über die Erkenntnisse.

Einladungskarte Dezember