Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Oktober 2016

Landquarts langer Weg zur Kleinstadt

Der Fabrik- und Eisenbahnerort Landquart mausert sich zum Regionalzentrum. Gute Architektur und ein wachsendes Einkaufs- und Gastroangebot ziehen Bewohner an. Der öffentliche Raum belebt sich. Dahinter stehen eine beharrliche Ortsplanung.

14.09.2016 von Ruedi Weidmann

Bis 1858 gab es Landquart gar nicht. Dann bauten die Vereinigten Schweizer Bahnen die Bahnlinie Rheineck–Chur. Bei der Brücke über die Landquart stellten sie eine Station in die Wiese – die Loks mussten Wasser tanken. Jemand zog eine Linie durchs Gras zur Deutschen Strasse hinauf: die Bahnhofstrasse. Der erste, der sie für eine gute Adresse hielt, war ein Wirt. Der Optimist baute an der Bahnhofstrasse 1 ein Hotel und nannte es «Landquart». Für seine Gäste, die von hier aus eine Kutsche nach Davos nahmen, liess er einen grossen Park mit prächtigen Bäumen anlegen. Seither gab es immer wieder Anläufe, Landquart zu einer Kleinstadt zu machen. Heute steht es knapp vor dem Ziel.

Der Bahnhof als Motor
Mit dem Bahnanschluss entstanden am Mühlbach Fabriken, darunter die bekannte Papierfabrik. 1889 eröffnete die Landquart–Davos-Bahn. Sie wurde zur Rhätischen Bahn, ihre Werkstatt zur Hauptwerkstätte der RhB. An der Bahnhofstrasse entstanden Wirtschaften, Lebensmittelläden und enge Arbeiterwohnungen. Landquart war nun Verkehrsknoten und Eisenbahnerort. Es wuchs, aber ein schmuckes Städtchen wurde es nicht. Thomas Mann nannte es im Roman «Zauberberg» «eine windige und wenig reizvolle Gegend».

Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden weitere Gasthöfe, die Landwirtschaftliche und die Gewerbeschule, eine Kirche, das Primarschulhaus. Auf Land der SBB und der RhB wohnten Bähnlerfamilien in kleinen Häusern mit grossen Gärten. Heimatstil war die Architektur der Stunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Wohnblöcke und vier Wohnhochhäuser hinzu. 1964 kam die Autobahn. Sie brachte keinen Boom, im Gegenteil: Man fuhr jetzt an Landquart vorbei direkt nach Davos. Das Industriegebiet wuchs, aber die Automatisierung frass die Arbeitsplätze weg. An der Bahnhofstrasse wurden die Hotels zu Beizen und die Fassaden grau, Läden standen leer, das Kino ging zu. Was blieb, war der Verkehrsknoten. Migros und Coop erkannten als erste Landquarts Potenzial als regionales Dienstleistungszentrum. Um 1990 entstand so an beiden Enden der Bahnhofstrasse ein Supermarkt. Sie waren so gross, dass es Sonderbauvorschriften brauchte. Das zwang die Gemeinde, sich mit Ortsplanung zu beschäftigen. Das war der Anfang des Aufschwungs.

Doch Ortsplanung braucht Ausdauer. Visionen stossen zuerst stets auf Skepsis, und bis Entwicklungen sichtbar werden, müssen sie jahrelang vorbereitet werden. Wie ist da Planen überhaupt möglich? Bei allen erfolgreichen Beispielen steht ein tatkräftiges Team dahinter, in dem Politik, Verwaltung und Fachleute über Jahre am gleichen Strick ziehen. In Landquart waren es der Gemeindepräsident, der Leiter des Bauamts und der beauftragte Ortsplaner. Seit den Neunzigerjahren sammelte das Trio Bedürfnisse, definierte Ziele, entwarf Pläne, beriet Bauherrschaften und vernetzte sich mit allen, die helfen konnten. In unzähligen Gesprächen überzeugte es Grundbesitzer, Investoren und Bewohner, dass alle profitieren, wenn jeder seinen Beitrag zu mehr Qualität leistet. Kommunikation ist das A und O jeder Ortsplanung.

Bis 2000 war die Zonenordnung überarbeitet. Sie erlaubte dichteres Bauen in der Kernzone. Gleichzeitig sorgte der neue generelle Gestaltungsplan dafür, dass Neubauten den Strassenraum einheitlich fassten. Und mit Bearth & Deplazes, den Architekten des spektakulären ÖKK-Hauptsitzes an der Bahnhofstrasse, entwickelte die Gemeinde ein wirkungsvolles Instrument, mit dem sie bei der Qualität von privaten Bauvorhaben mitreden kann: die Urbane Zone. Hier darf ein Investor noch einmal dichter und höher bauen, sofern er die Wünsche der Gemeinde nach gemischter Nutzung, sorgfältiger Einpassung und guter Gestaltung umsetzt. Das Resultat wird sichtbar: In Landquarts Bahnhofstrasse lässt sich heute flanieren, denn die neuen Bauten bieten allen etwas.

Vom Kiesweg zum Boulevard
Das Hotel Landquart ist verschwunden, aber einkehren kann man zum Beispiel im Boulevardcafé im gleissend weissen ÖKK-Hauptsitz oder im gestylten Café Central. Daneben Läden, Bankfilialen, die schöne Volksbibliothek. Die Neubauten sind abwechslungsreich, aus Glas, Backstein oder Beton, aber stets mit gemischter Nutzung: Über den Läden liegt eine Büroetage, darüber drei bis fünf Wohngeschosse. Dies führt dazu, dass jederzeit Menschen zu Fuss unterwegs sind. Die hohen Zeilen bilden einen geschlossenen Strassenraum. Doch öffnen sich Durchgänge in offene Höfe und zu den Wohnbauten in der zweiten Reihe. Zwischen den Neubauten zeugen das Hotel Schweizerhof in schönem Heimatstil und kleine Wohnhäuser mit farbigen Gärten von Landquarts Tourismus- und Industrie-Ära.

Letztes Jahr ist der Gemeindepräsident im Amt verstorben, und der Leiter des Bauamts wurde pensioniert. Für den Ortsplaner bedeutet das, die nächste Generation Politiker und Gemeindeangestellte in die Zusammenhänge und die Planungsinstrumente einzuführen. Weil es so lange dauert, bis Ortsplanung wirkt, sollte sie kontinuierlich fortgeführt werden. Lässt man nach, sinkt die Qualität der Entwicklung Jahre später und lässt sich dann nur sehr langsam wieder korrigieren.

Der Erfolg bringt auch neue Aufgaben. Je mehr sich Landquart erneuert, umso wichtiger werden seine Wurzeln. Ein Inventar der historischen Bauten fehlt noch. Die Primarschule Rüti, das Hotel Schweizerhof, ein Wohn- und Geschäftshaus am Kreuzplatz und weitere öffentliche und private Häuser bilden ein eindrückliches Heimatstil-Ensemble. Sorgfältig revitalisiert, könnten sie zum Merkmal Landquarts werden und dafür sorgen, dass im raschen Wandel das Heimatgefühl nicht verloren geht.

Drei kleine Plätze und ein grosser Platz
Landquarts Lebensader, die Bahnhofstrasse, soll noch belebter werden. Die Gemeinde will den Strassenraum neu gestalten, mit mehr Bäumen und drei Plätzchen. Richtig gross ist der Bahnhofplatz, wo alles anfing. Die eine Hälfte ist seit kurzem eine Begegnungsfläche mit Bäumen, Brunnen und Bänken. Über Mittag sitzen Angestellte, Schüler und ältere Leute auf den Bänken, vor dem Bahnhofbuffet und dem Restaurant Binari.

Seit letztem Jahr steht auf der Südseite das regionale Verwaltungszentrum des Kantons, von Jüngling und Hagmann gekonnt proportioniert. Es ist überraschend hoch, doch der grosse Platz erträgt das gut. Die Fassade wird flankiert von zwei mächtigen Blutbuchen. Gepflanzt hat sie vor 160 Jahren der optimistische Hotelier, der fest daran glaubte, dass Landquart eine Stadt werden würde.

Bild: Michel Canonica

BSA @ AFO – Wie kommt die Kunst zum Bau?

Di 25. Oktober 2016, 18.30 Uhr, Werkhof des Gartenbauamtes, Stephanshornstrasse 6, St. Gallen

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«Kunst am Bau» ist ein kultureller Anspruch, einen gewissen Anteil der Baukosten für Kunst zu verwenden. Im neuen Werkhof des Gartenbauamtes der Stadt St. Gallen geht diese Kunst eine geradezu symbiotische Verbindung mit dem Gebäude ein. Ursprünglich waren die Architekten allerdings der Ansicht, dass es keine Kunst braucht. Der Entwicklungsprozess mit dem Künstler hat sie geläutert und
zu eigentlichen Verfechtern gemacht. Das Beispiel zeigt gut, dass «Kunst am Bau» nicht immer einen leichten Stand hat. Der Abend mit dem BSA geht deshalb der Frage nach, wie man «Kunst am Bau» fördert, wie man gute Projekte evaluiert und welche Beiträge Architektinnen und Architekten, Künstlerinnen und Künstler sowie die Bauherrschaft leisten können und sollen.

Karin Frei Rappenecker, Kunsthistorikerin, Tanja Scartazzini, Fachstelle «Kunst am Bau» Kanton Zürich, und Patric Allemann, Architekt, halten je ein Einführungsreferat. Im Anschluss diskutieren die Referierenden mit den Kunstschaffenden Katja Schenker und  Josef Felix Müller, seit 2014 auch Präsident der visarte Schweiz. Das Podium wird geleitet von Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister
Thurgau.

Eine Führung durch den Werkhof und ein Apéro riche bilden den Abschluss des Abends.
Anmeldungen bis Di 18. Oktober 2016 unter Gartenbauamt@nulla-f-o.ch
Teilnehmerzahl beschränkt, Parkplätze vor Ort

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Pressemitteilung AFO

Die Weiterentwicklung des öffentlichen Raums ermöglichen

Das Architektur Forum Ostschweiz begrüsst die Ablehnung des Baugesuchs Parkhaus am Schibenertor als Entscheid mit hohem Sachverstand und Weitblick.

Das Architektur Forum Ostschweiz hat mit Befriedigung vom Entscheid der städtischen Baubewilligungskommission Kenntnis genommen. Der Entscheid, der aus städtebaulichen und denkmalpflegerischen Gründen gefällt worden ist, entspricht genau den Kriterien, welche an solch prominenter Lage bei Bauaufgaben im öffentlichen Raum angewendet werden müssen.

Nach der vom Volk abgelehnten Marktplatzvorlage ist die Parkierungsfrage im Raum um den Marktplatz bereits vor einiger Zeit strategisch neu angegangen worden. Mit dem Ausbau des Parkhauses ‚Unterer Graben’ wurde dabei die Grundlage für eine unvoreingenommene städtebauliche Auslegeordnung beim Marktplatz geschaffen. Bei dieser Auslegeordnung hat die Beeinträchtigung des öffentlichen Raums durch das Parkhaus am Schibenertor nun keine Berechtigung mehr.

Der Stadtraum am Schibenertor ist ein wichtiges städtebauliches Gelenk, das zwischen dem Bahnhofsplatz, dem charaktervollen Quartier zwischen Poststrasse und Blumenbergplatz sowie dem Marktplatz-Bohl vermittelt. Der Obere Graben ist zwar stark vom Verkehr beansprucht, gleichsam aber ist die bestehende Verkehrsinsel mit dem Baumbestand eine wertvolle räumliche Reserve für zukünftige bessere oberirdische Verbindungen zwischen Bahnhof und Marktplatz. Der Bau einer Parkhauseinfahrt inmitten des Strassenraums verbaut alle Möglichkeiten für die Weiterentwicklung dieses innerstädtischen Raums.

Als isolierte Massnahme ohne übergeordnetes Gesamtkonzept für den öffentlichen Raum am Marktplatz und dem Oberen Graben macht das Parkhaus zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn. Das mit 80 privaten Stellplätzen fast zur Hälfte privat genutzte Parkhaus rechtfertigt den massiven Eingriff in das Stadtgefüge nicht. Dabei geht es nicht um das berechtigte private Interesse an einer Tiefgarage, sondern darum, dass der massive Eingriff für ein relativ exklusives privates Interesse nicht im angemessenen Verhältnis zur öffentlichen Bedeutung des Ortes steht.

St. Gallen ist daran, mit Neuinvestitionen in den Bahnhofsplatz und mit der Neuorganisation der Bahnhofsgelände ‚Bahnhof Nord’ und ‚Bahnhof St. Fiden’ städtebaulich eine Erneuerungsrunde aufzubauen. Bauvorhaben wie der Bau einer Parkhauseinfahrt an zentralster öffentlicher Lage sowie das Unterbauen eines grossen Strassenstücks blockieren übergeordnete und inspirierende Gedanken für die Stadtentwicklung. Dabei geht es um räumlich attraktive Lösungen für die Vernetzung im Langsamverkehr, die Anpassung der Strassenzuschnitte an die E-Mobilität, aber auch um den Ausbau und die Trasseeführung des öffentlichen Verkehrs.

Der öffentliche Raum in absoluter Citylage ist so vielschichtig mit öffentlichen Interessen belegt, dass städtebauliche und denkmalpflegerische Interessen ebenso berechtigt sind wie verkehrstechnische oder vordergründig wirtschaftliche Interessen. Aus vielen erfolgreichen Wirtschaftsgeschichten im Stadtzentrum kann gelernt werden, das heutzutage nur die „weichen Faktoren“ eine ernstzunehmende Chance für das Gewerbe in einem städtischen Zentrum sind. Technokratisch gedachte Verkehrsinfrastrukturen, welche die Aufenthaltsqualität im Zentrum verbauen, schaden der Stadtentwicklung. St. Gallen kann sich solche Rückschritte im Stadtzentrum nicht leisten. Hohe Bau- und Gestaltungskultur ist in der City nicht Liebhaberei, sondern das Handwerk für eine erfolgreiche Entwicklung der Zukunft.

 

St. Gallen, 7.10.2016

Im Wandel – Buchtaufe «Gutes Bauen Ostschweiz»

Andrea Wiegelmann, Verlegerin; Caspaer Schärer, Autor und Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister Thurgau

Mo 3. Oktober 2016, 19.30 Uhr im Forum

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Buchtaufe im AFO! Die Auszeichnung Gutes Bauen Ostschweiz wurde abgelöst durch eine Serie von Artikel in der Tagespresse: 31 Artikel sind in der Periode 2011 – 2015 im St.Galler Tagblatt und im Liechtensteiner Vaterland erschienen. Die Berichte sind nun in Buchform zusammengestellt, ergänzt um zwei Fotostrecken und drei Essays zu den Themen Raum, Zeit, Kultur. Das Buch ist der erste Band zu einer Reihe, die alle fünf Jahre um einen weiteres Volumen anwächst. Die Bücher dokumentieren, welche planerische Themen in der Ostschweiz relevant waren und über diese Gesamtschau wird greifbar, was die Region bewegt.
Zusammen mit der Verlegerin Andrea Wiegelmann, dem Autor Caspar Schärer und dem Thurgauer Kantonsbaumeister Erol Doguoglu reflektieren wir den Prozess und diskutieren die Bedeutung der Berichterstattung über Architektur. Und wir feiern die Taufe des Buches!

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Gutes Bauen Ostschweiz