Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Oktober 2015

BSA@AFO –Stadtplanungskultur heute

Symposium mit 4 Kurzvorträgen und Diskussion

Mo 19. Oktober 2015, 19.30 Uhr im Forum

Ein Blick in die städtebauliche Praxis – Referate und Diskussion zum Stand der Stadtplanung in der Schweiz.

 

Der BSA Ostschweiz ist zu Gast im AFO und gestaltet einen Abend mit Input-Referaten zu planerischen Handlungsweisen in unterschiedlichen schweizer Städten.

Die Schweiz mit ihrer Vielzahl an kleineren und mittelgrossen Städten kennt keine eigentliche Städtebautradition und wird als Disziplin vornehmlich in den Verwaltungen der Städte gepflegt. Die Ausbildungsstätten fokussieren auf die architektonische und raumplanerische Grundausbildung und pflegen den Städtebau als zuweilen diffuse Schnittmenge zwischen Architektur und Raumplanung. Es überrascht deshalb nicht, dass nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Architektenschaft methodische Unsicherheit und stark divergierende Vorstellungen über das Potenzial der Stadtplanung vorherrschen. Gleichsam eröffnet dieser Schwebezustand aber auch Chancen und Möglichkeiten für eine inspirierte Arbeit an der Stadt. Wir wollen uns umhören bei Persönlichkeiten, welche sich den planerischen Herausforderungen ihres Ortes stellen und aus der Aufgabe heraus das Handwerk für das Planen an der Stadt immer wieder neu erfinden.

Jürg Degen, Basel
Leiter Areal- und Nutzungsplanung Kanton Basel Stadt
Das Dreispitzareal ist ein Umnutzungsprojekt, in das zwei Kantone und zwei Städte involviert sind.  eingebettet in das übergeordnete Birsstadt-Projekt ist über den Lauf eines Jahrzehnt ein „innerer Stadterweiterungsprozess“ durchgeführt worden, welcher wichtigen Institutionen einen neuen Ort geschaffen hat.

Cla Buechi, Luzern
Architekt, Kooperation Industriestrasse
Die Stadt Luzern hat für die Abgabe des Areals ‚Industriestrasse Luzern’ eine Ausschreibung mit Quartierentwicklungszielen durchgeführt. Den Zuschlag erhalten hat eine Kooperation von fünf Genossenschaften. Cla Buechi hat die Offerte der ‚Kooperation Industriesstrasse’ inhaltlich betreut.

Dr. Johannes Eisenhut, St. Gallen
Geschäftsführer Senn Development AG
Die Rolle des Entwicklers in kooperativen und marktorientierten Prozessen ist Teil der heutigen Stadtplanungskultur, gestaltet sich je nach Kontext aber immer unterschiedlich. Wann und wo ist welche Urbanität gefragt und warum?

Andreas Sonderegger, Zürich
Partner Pool Architekten
Der Masterplan für die neue urbane Mitte ‚Luzern Nord’ in Emmen basiert auf einer erfolgreichen Testplanung, welche seit 2010 zu einem Masterplan weiterentwickelt wurde. Die inhaltliche, kommunikative und technische Bewirtschaftung des Masterplans als Herausforderung für einen frei schaffenden Architekten.

Beim Gesprächsabend mit Input-Beiträgen der eingeladenen Persönlichkeiten werden auch das Publikum und die Gäste in das Gespräch miteinbezogen. Den Erfahrungsaustausch moderiert Thomas K. Keller, BSA Ostschweiz.

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Struktur und Raum – Pier Luigi Nervi – (Lehr)meister in Struktur und Raum

Joseph Schwartz, Bauingenieur, Zug

Vernissage zur Ausstellung «Pier Luigi Nervi – Art and Science of Building» Mo 5. Oktober 2015, 19.30 Uhr im Forum

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Als Protagonist unter den grossen Konstrukteuren des 20.Jahrhunderts, nimmt Pier Luigi Nervi eine Sonderstellung ein hat er doch in der Vor- und Nachkriegszeit dank seiner Rolle als Architekt, Ingenieur und Unternehmer auf herausragende Weise zur Entwicklung der Stahlbetonbauweise beigetragen. Seiner geradezu vorbildlichen interdisziplinären Haltung ist zuzuschreiben, dass er unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Randbedingungen seiner Zeit Bauwerke entwerfen konnte, welche eine unverkennbare eigene Handschrift aufweisen, indem mittels subtiler und eleganter Visualisierung des Kräfteflusses Struktur und Raum virtuos artikuliert werden.
Obschon das Tragwerk unabdingbarer Bestandteil jedes Bauwerkes ist, ist die Frage nach dessen Präsenz in der Architektur auch heute nach wie vor aktuell. Die Konfrontation der mit dem Wirken des Bauingenieurs inhärent verbundenen physikalischen Notwendigkeit mit der durch die gestalterische Freiheit gekennzeichneten Arbeit des Architekten öffnet ein hochinteressantes Spannungsfeld, innerhalb dessen Fragen betreffend Struktur und Raum im Vordergrund stehen. Im Vortrag wird versucht, ausgehend vom Wirken von Pier Luigi Nervi unseren heutigen Umgang mit der Thematik Architektur und Tragwerk kritisch zu beleuchten.

www.drsc.ch

Ausstellung Pier Luigi Nervi – Art and Science of Building

Ausstellungssponsoren:
Archimedia Schweiz AG
BETONSUISSE
gruner + wepf
Historika Werbetechnik
Istituto italiano di cultura Zurigo
Kanton St. Gallen Kulturförderung
Stadt St. Gallen, Fachstelle Kultur
Stutz AG

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Einladungskarte Oktober

Struktur und Raum – Art and Science of Building

Ausstellung Pier Luigi Nervi

Mo 5. Oktober bis Mo 2. November 2015
Öffnungszeiten: während den Veranstaltungen und jeweils
Sa + So 13–16 Uhr im Architektur Forum Ostschweiz

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«Pier Luigi Nervi – Art and Science of Building» ist eine Hommage an das Leben und Werk einer herausragenden Persönlichkeit der Architektur des 20. Jahrhunderts – des Italieners Pier Luigi Nervi (1891–1979). Mit seinem Schaffen an der Schnittstelle zwischen der Kunst und der Wissenschaft des Bauens, wurde Nervi vom britischen Historiker Nikolaus Pevsner als der «brillanteste Stahlbeton-Künstler unserer Zeit» gefeiert. Mit seinen über den ganzen Globus verstreuten Meisterwerken, leistete Nervi einen Beitrag zur Entstehung eines glanzvollen Zeitalters für strukturelle Architektur und wurde selbst zu einem Symbol für den Erfolg italienischer Ingenieurskunst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ausstellung zeichnet ein komplexes historisches Bild, in dem Nervis revolutionäre Konstruktionstechniken eng verknüpft sind mit sozialen und politischen Entwicklungen – in Italien und international. Damit einher geht die Erkundung der Fülle kultureller und wissenschaftlicher Beziehungen, in denen sich Nervi bewegte.
Die Ausstellung, zusammengestellt unter der Leitung eines internationalen Komitees, präsentiert 14 von Nervis berühmtesten Meisterwerken und erschliesst den formalen Einfallsreichtum seiner Werke.
Diese eingehende Analyse von Nervis Werk ist zugleich eine kritische Einordnung und liefert einen wesentlichen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte über das Zusammenwirken von Gestaltung und Struktur. Damit zeigt sie auch neue Ansatzpunkte zum Dialog zwischen Architektur und Ingenieurwesen auf.
Das Architektur Forum Ostschweiz ist stolz, die Ausstellung «Pier Luigi Nervi – Art and Science of Building» mittels einer eigenständig entworfenen und gebauten Ausstellungsarchitektur kuratieren zu dürfen.

Die Ausstellung dauert von Mo 5. Oktober bis Mo 2. November 2015
Öffnungszeiten: während den Veranstaltungen und jeweils Sa + So 13–16 Uhr im Architektur Forum Ostschweiz

Vernissage
Finissage

Ausstellungssponsoren:
Archimedia Schweiz AG
BETONSUISSE
gruner + wepf
Historika Werbetechnik
Istituto italiano di cultura Zurigo
Kanton St. Gallen Kulturförderung
Stadt St. Gallen, Fachstelle Kultur
Stutz AG

www.pierluiginervi.org
Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Einladungskarte Nervi-Ausstellung

Industriearchitektur als Kultur

Banalität und Geltungssucht prägen die Bauten in unseren Industrie- und Gewerbezonen, oft genug miteinander kombiniert. Dass es auch anders ginge, zeigen die Metrohm AG in Herisau und die Sky-Frame AG in Frauenfeld.

 

24.10.2015 von Martin Tschanz

 

Ein Blick in unsere Zonen für Industrie und Gewerbe ist selten etwas Erfreuliches. Wie Krebsgeschwüre breiten sich diese den Verkehrswegen entlang aus. Dabei weiss man nie so recht, ob die Banalität der mit Trapezblech umhüllten Hallen und der öden Abstell- und Verkehrsflächen das grössere Übel sei oder die Exaltiertheit jener, die um jeden Preis um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlen.

Im Industriebau scheint oft nur das Billigste billig genug und noch die schnellste Bauweise zu langsam zu sein. Wenn sich Kosten- und Zeitdruck mit Gleichgültigkeit paaren, ist Banalität die Folge. Immerhin drängt sich diese in den meisten Fällen nicht auf. Anders die weit verbreiteten baulichen Extravaganzen. Grellbunte Farben und lustige Dekorationen sind diesbezüglich noch harmlos, verglichen mit den extremen Formen jener überkandidelten (Pseudo-)Star-Architektur, zu der sich geltungssüchtige Architekten und ebensolche Bauherren nur allzu leicht verleiten lassen, wo baugesetzliche Regeln schwach sind und ein verbindlicher Kontext fehlt. Gesucht wird Erkennbarkeit und Identität, in der Summe entsteht aber bloss ein farbiges Rauschen.

Historische Industrieareale sind oft ungleich qualitätvoller. Das liegt nicht nur daran, dass die Zeit viel Schlechtes hat verschwinden lassen und grosse Firmen wie Sulzer oder Saurer ganze Areale entwickeln konnten, auf denen sie die Bebauung koordinierten. Es liegt auch an einer anderen Kultur des Industriebaus. Früher setzten Kamine, Silos und Ähnliches Akzente, in Ergänzung zu einfachen, rational konstruierten Backstein-Hallen. Man kultivierte die Sachlichkeit, und dabei dienten die funktionalen Abläufe und die Bauweise der Architektur als Ausdrucksmittel.

Dies ist heute schwierig geworden. Für die schlanken und vor allem flexiblen Produktionsabläufe sind möglichst neutrale Hallen gefragt, deren Baustruktur im Allgemeinen hinter einer dämmenden Verpackung verschwindet. Das bietet wenig Stoff für die Gestaltung. Und doch sind gute Industriebauten nach wie vor möglich.

Wie eine Stadt im Kleinen
Die Metrohm AG in Herisau entwickelt hochsensible Messgeräte und stellt sie selber her. Drei Baukörper für Verwaltung, Entwicklung und Produktion stehen dicht beieinander und wirken wie eine Stadt im Kleinen. Eine Brücke verbindet die Teile und weitet sich zwischen ihnen zu einem Platz aus, der als Forum für informelle Treffen dient. Die nicht sehr grossen, aber sorgfältig gestalteten Aussenräume nutzen geschickt die Hanglage und verknüpfen das Ganze mit dem öffentlichen Raum. Zukünftige Erweiterungen werden überwiegend in der Vertikalen geschehen. Eine erste wird derzeit realisiert, und die Hochregallager, die aus dem Produktionstrakt herausragen, deuten an, was noch möglich wäre.

Auffällig sind die Fassaden, die mit ihrem prägnanten Muster mehr leisten, als der Anlage ein erkennbares Gesicht zu geben. Die wenigen, sich in vielen Varianten wiederholenden Elemente deuten die flexible Struktur der Bauten an. Sie erlauben es, auf ökonomische Weise präzise auf die Bedürfnisse der Innenräume zu reagieren, ohne den ruhigen Ausdruck des Ganzen zu stören. Dabei betont das Relief die Senkrechte und lässt die aus klimatischen Gründen relativ geschlossenen Fassaden durchlässig erscheinen. Dadurch wird die Wucht der grossen, kompakten Anlage gemindert (Architektur: Arge Keller.Hubacher.Seifert, Herisau; Landschaftsarchitektur: Mettler, Gossau).

Ein hängender Garten
Das Gebäude der Sky-Frame AG in Frauenfeld ist klar und einfach aufgebaut. Anlieferung, Fertigung und Verwaltung liegen in einem kompakten Baukörper übereinander. Dieser wird von zwei blechumhüllten Erschliessungstürmen flankiert. Der grössere, ein Hochregallager, dient dem Warenfluss, der kleinere, mit Aufzug und Treppe, den Besuchern und dem Personal. Der Vorplatz, eine Land-Reserve, dient als grosszügige Vorfahrt, während Anlieferung und Aussenlager hinter dem Bau den Blicken entzogen bleiben. Nach Süden schützt eine Art bewachsenes Regal die Glasfassade vor der Sonne, während im Norden, zur Autobahn hin, der Einblick in das Gebäude offen bleibt.

Die grüne Fassade auf der Ankunftsseite ist beeindruckend, auch von innen. Besonders im Bürogeschoss spielt der Vordergrund des hängenden Gartens schön mit dem Hintergrund der Hügellandschaft und mit dem Gartenhof zusammen. Fast könnte man den Eindruck bekommen, in einem leichten, eingeschossigen Pavillon mitten in einem Park zu arbeiten, und nicht hoch über einer Werkhalle, irgendwo zwischen Autobahn und Paket-Zentrum.

Mit seinen speziellen Aus- und Durchblicken greift der Bau das Thema der Firma auf, die extrem fein konstruierte Fenster herstellt. Als exklusive Kostbarkeit kommen diese aber nur beim Innenhof zur Anwendung. Hier erzeugen die vielfältigen Verknüpfungen von Innen und Aussen eine Atmosphäre von Eleganz und Leichtigkeit, die auf interessante Weise zur rohen Stahlstruktur des Industriebaus kontrastiert. Alle Elemente spielen wirkungsvoll zusammen. Das zeigt sich auch in den Werkhallen, die auf angemessene Weise einfach, aber nicht minder sorgfältig gestaltet sind – bis hin zur wohlgeordneten Führung der Leitungen (Architektur: Peter Kunz, Winterthur; Landschaftsarchitektur: Ganz, Zürich, mit Forster Baugrün, Kerzers).

Ausdruck der Firmenkultur
Sowohl die Metrohm wie auch die Sky-Frame stellen in ihren Bereichen Spitzenprodukte her, beide sind als Firmen selbständig und beide haben sich ganz bewusst für die Schweiz als zwar teuren, aber auch hochwertigen und stabilen Standort entschieden. Das ist kein Zufall. Mit der sorgfältig gestalteten Architektur der Firmen- und Produktionsgebäude bringen sie ihr Qualitätsbewusstsein zum Ausdruck.

Gute Architektur braucht gute Bauherren. Diese sind bereit, Verantwortung zu tragen und dabei ganzheitlich und langfristig zu denken. Industriebauten sind aus einer solchen Perspektive nicht bloss ein Kostenfaktor der Produktion, sondern auch ein Beitrag zum Marketing, vor allem aber eine Investition in die Qualität der Arbeitsplätze und in die Identitätsbildung der Firma. Architektur leistet einen entscheidenden Beitrag zur Firmenkultur, in jedem Fall und nachhaltig. Wer aber möchte ernsthaft eine Kultur, in der nur das Billigste zählt und noch der schalste Effekt genug ist?

 

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Bilder: Jürg Zürcher, Claudia Luperto

Die letzte Ruhe – vereint statt anonym

  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz: Die Kunstweke auf den Gemeinschaftsgräbern suchen Symbolhaftigkeit, Gemeinchaftlichkeit und Gedenken zu verbinden. Ganz neu auf dem Friedhof Bruggen sind es die in Bronze gegossenen liegenden Baustämme mit eingravierten Namen wie in Holz geritzt, auf dem Friedhof St. Georgen in einander verkeilte Aeste aus Bronze. Beides Werke der Landschaftarchitektin Rita Mettler aus Gossau ujnd der Künstlerin Kaja Terpinska aus Berlin. Auf dem Friedhof in Speicher AR sind es die 'Sechsmetererinnerungen' als 180 Bücher aufgereiht. Die mit den Namer der Toten beschrifteten Büchrücken stehen für die individuellen Biografien. Dieses Werk stammt von dem Künstler Jan Kaeser aus dem Jahr 2005.

Innerhalb weniger Jahre wurden etliche Friedhöfe in der Ostschweiz mit Gemeinschaftsgräbern ausgestattet. Ihre künstlerische Ausgestaltung zeugt vom Versuch, Gemeinschaft und Individualität zu vereinen.

 

19.09.2015 von Rahel Hartmann Schweizer

 

Nachdem auf dem Friedhof Bruggen Ende August das von der Landschaftsarchitektin Rita Mettler, Gossau, und der Künstlerin Kaja Terpinska, Berlin, gestaltete Gemeinschaftsgrab eingeweiht wurde, bietet die Stadt auf drei Friedhöfen diese Art der Beisetzung an. Neben Bruggen sind das St.Georgen und Feldli.

St.Georgen wurde ebenfalls vom Duo Mettler/Terpinska entworfen, das 2010 bereits das Gemeinschaftsgrab in Teufen verantwortete. Derweil waren die Urheber der Anlage im Feldli das Büro des Landschaftsarchitekten Paul Rutishauser und der Künstler Hans Thomann. Dasselbe Team zeichnete wiederum für den Entwurf in Mörschwil verantwortlich, dessen Umsetzung im November 2014 eröffnet wurde. Ebenfalls 2014 entstand das Gemeinschaftsgrab im Oberkirch in Frauenfeld nach einem Projekt der Landschaftsarchitektin Regula Hodel.

Bereits seit zehn beziehungsweise zwölf Jahren bestehen die Gemeinschaftsgräber auf den Friedhöfen in Speicher und Rehetobel. Ersteres realisierte der Künstler Jan Kaeser im Jahr 2005, Letzteres stammt von den Landschaftsarchitekten Elisabeth Steinegger und Rudolf Lüthi und wurde 2003 fertig gestellt. Dabei haben sich zwei künstlerische Formen herauskristallisiert: In einer ersten Phase wurden Bildhauerwerke geschaffen, die den gemeinschaftlichen Charakter signalisieren und in deren Symbolik die anonym Bestatteten aufgehoben waren. Dann entstanden zunehmend Plastiken, Skulpturen und landschaftsgestalterische Elemente, die gleichzeitig als Träger der Namen der Verstorbenen fungieren – Medium also des Wunsches sind, die Anonymität der Bestattung wieder aufzuheben.

Individuelle Biographien
«Epitaph» in Rehetobel vereint Gemeinschaftlichkeit, Sinnbildhaftigkeit und Gedenken. Als gemeinschaftliches Tableau fungiert die von einer «Wasserspur» gesäumte Grabplatte aus Rorschacher Sandstein, in die die Namen der Verstorbenen eingemeisselt werden. Die brunnenartige Anlage lässt Wasser aus dem Boden quellen und wieder darin versickern, womit sie den Kreislauf des Lebens symbolisiert. «Sechsmetererinnerungen» in Speicher ist noch stärker auf das Individuum ausgerichtet. Wie auf einem Regal aufgereiht, stehen hier 180 bronzene Bücher unterschiedlicher Formate. Ein jedes steht für die individuelle Biographie eines bestatteten Menschen. Die Namen werden auf Messingplättchen graviert, welche die Buchrücken zieren.

Eine andere Art der Verbindung mit dem Leben stellt das Kunstobjekt der jüngst realisierten Anlage im Friedhof Bruggen her. Hier werden die Namen in zwei in Bronze gegossene Baumstämme gestochen. Eine schöne Analogie, die man sich denken kann: Manche der Menschen, deren Namen heute in die tote Bronze des Stamms graviert werden, haben ihre Initialen vielleicht einst als Liebende in die Rinde eines lebenden Holzes geritzt.Im Tode vereint sind sie nun wohl zufällig, aber eben in einer Gemeinschaft. Holz ist auch das Thema der gemeinschaftlichen Ruhestätte im Friedhof in St.Georgen. Wiederum aus Bronze gegossene, ineinander verkeilte Zweige sind zu einer langgestreckten Skulptur komponiert. Das «Holz» ist zwar ebenfalls tot, aber es wächst: Jedem Verstorbenen wird ein neuer, namentlich gekennzeichneter Zweig gewidmet.

Einsam – gemeinsam
«Früher nannte man das Gemeinschaftsgrab ‹Grab der Einsamen› », wurde der Leiter des St.Galler Gartenbauamtes Christoph Bücheler im November 2014 in dieser Zeitung in einem Bericht über das Gemeinschaftsgrab in Mörschwil zitiert. Dass dem heute nicht mehr so ist, zeigt die steigende Zahl von Menschen, die sich in gemeinschaftlichen Anlagen bestatten lassen möchten – auch wenn sie Angehörige haben. Sie entheben diese damit der Aufgabe der Grabpflege – aus finanziellen wie aus ästhetischen Gründen. Denn an entfernten Orten lebende Verwandte delegieren den Unterhalt der Grabstätte zunehmend an Gärtnereibetriebe, die sie allzu oft unter Stiefmütterchen-Erika-Begonien-Einerlei «begraben».
So verkehren sich Erdbestattungen ins Gegenteil dessen, was sich im 18. und 19. Jahrhundert allmählich etablierte. Damals trat das sich emanzipierende Bürgertum aus der Anonymität von Massenbestattungen heraus und errichtete – sich an der Aristokratie orientierend – individuelle Grabstätten.

Totenstadt und Verdichtung
Aus dieser Zeit stammt auch einer der berühmtesten Friedhöfe der Welt, Le Cimetiere du Pere-Lachaise in Paris. Die Anlage ist von geradezu urbanem Charakter – eine berückende Totenstadt, in der zu wandeln einen in kontemplative Stimmung versetzt.
Doch die Verdichtung, wie sie in den Städten der Lebenden zur Norm wird, hält mit den Gemeinschaftsgräbern auch in den Friedhöfen Einzug. Diese sind längst nicht mehr nur Ruhestätten und Gedenkorte, sondern haben oft auch eine weltliche Funktion als Grünräume und Naherholungszonen. Diesen Aspekt genoss der Kolumnist Beni Frenkel während der Sommermonate, wie er im Magazin des «Tages-Anzeigers» am 12. September bekannte.

Moment des Gedenkens
Dabei erregte ein Grabstein in seinem Blickfeld wegen der Inschrift «Ich bin die Auferstehung» sein Interesse. Gerne hätte er mehr über den Verstorbenen erfahren, dessen Leben (1917 bis 1956) zu kurz währte. Frenkel widmete ihm vermutlich zu einem Zeitpunkt, da dessen Nachkommen es ihm kaum mehr zuteil werden lassen können, einen Moment des Gedenkens, eine Minute der Auferstehung. Wenn die Friedhöfe nicht nur Orte für die Trauernden sind, wird die Erinnerung ebenso kollektiv wie die gemeinschaftliche Beisetzung.
Vielleicht kommen die Toten so wieder etwas mehr in unsere Mitte. Doch die Atmosphäre, in der in Mexico am Dia de los Muertos mit den Verstorbenen gleichsam ihre temporäre Rückkehr bei Speis und Trank gefeiert wird, können wir nicht heraufbeschwören.

 

Bilder: Hanspeter Schiess