Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: August 2015

Bücherrad und fahrbare Leitern

  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Turmzimmer
  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Bücherrad.
  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Café St. Gall.
  • Gutes Bauen Ostschweiz 2015, Bibliothek in der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz. Eingangsbereich.

Dem temporären Charakter entsprechend waltet in der Bibliothek in der St.Galler Hauptpost das Flüchtige des gesprochenen Worts, das Mobile von fahrbaren Leitern und der schöne Schein eines Bühnenbilds.

 

25. Juli 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Es war ein ehrgeiziges Projekt, die bestehende Kantonsbibliothek Vadiana, die städtische Freihandbibliothek und die Frauenbibliothek Wyborada im Postgebäude zusammenzuführen.
Und es war ein Bekenntnis zur Buch-Tradition der Gallus-Stadt, die mit der Stiftsbibliothek eine der ältesten Bibliotheken der Welt beheimatet, als der Kanton den Post-Bau für 29 Millionen Franken kaufte.

Doch Brief und Siegel gab am Ende nicht die Politik, die sich dem Spardruck beugte und das 70-Millionen-Franken-Projekt auf Eis legte, sondern das Volk, das mit einer Initiative so viel Gegendruck erzeugte, dass es schliesslich zur Ausarbeitung einer redimensionierten Lösung kam. In einer Ausmarchung zwischen fünf Teams erhielt das Architektenduo Barao Hutter mit seinem Projekt Spoken-Words den Zuschlag, das erste Geschoss der Post mit einem Budget von 4,2 Millionen Franken umzubauen, um die Bestände der Kantonsbibliothek Vadiana und die Bücher und Medien für Erwachsene der Stadtbibliothek aufzunehmen.

Peter Hutter und Ivo Mendes Barao hatten im Jahr 2010 den vom Verein Südkultur lancierten Wettbewerb «Baukultur entwickeln »mit dem Projekt «Arkadia» gewonnen. Mit dem senkrecht stehenden, am First einen Bogen beschreibenden Stahlblech als Warteunterstand oder Plakatwand haben sie bewiesen, dass sie Funktionalität mit Originalität zu verbinden verstehen.

Wäre es möglich, diese Charakterzüge auch in einem Eingriff an einem so Respekt einflössenden Bau zu verwirklichen, wie es die zwischen 1911 und 1913 errichtete Hauptpost am St.Galler Bahnhofplatz ist? Das ausführende Büro Pfleghard & Haefeli war nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht nur eines der renommiertesten im Raum Zürich, sondern etablierte sich mit Geschäfts- und Kontorhäusern für die Stickereiindustrie auch in St.Gallen.

Schnörkellos und schmuck
Aussen zeichnet sich das Postgebäude durch gezielt gesetzten bildhauerischen Schmuck aus, während es im Innern von einer schnörkellosen Stahlbeton-Skelettkonstruktion getragen ist. Diese beiden Komponenten haben Barao Hutter in ihrem Umbau miteinander verbunden. Ebenso dekorativ wie funktional beginnt es bereits beim Eingang, über dem aufgefächerte Bücher signalisieren, wo es zur Bibliothek geht.

Dass sie nicht an der Fassade prangen, mag dazu führen, dass sie übersehen werden – überhören dagegen vielleicht nicht, wenn im Verlaufe des Tages sporadisch ab CD Texte eingespielt werden.

Sprechende Bücher
Die sprechenden Bücher lassen sich in der Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes einerseits als Anspielung auf die mittelalterliche Verschriftlichung vordem mündlich vorgetragener Texte und Gesänge lesen beziehungsweise hören – nicht zuletzt auch des Gallus-Liedes. Andererseits verknüpfen sie sich mit der vor dreissig Jahren aufgekommenen Technologie der Hörbücher, die in ihrer Entstehungszeit ebenfalls als «sprechende Bücher» tituliert wurden, und schliesslich mit der zeitgenössischen Slam Poetry.

Das flüchtige Wort ebenso wie das Labile der aufgehängten Installation passt zu einem Ort, der als temporäre Einrichtung qualifiziert ist – einem Aspekt, dem die Architekten auch im Innern Rechnung tragen.

Nach dem Aufstieg im Treppenhaus ins erste Geschoss empfängt einen zunächst das «Cafe St-Gall» mit Zeitungen und Zeitschriften. Dessen Blickfang ist ein Paravent, der bei Veranstaltungen als Bühnenbild figuriert. Er lässt sich als indirekte Referenz an Pfleghard & Haefeli lesen – stammt er doch aus einem Stickereiunternehmen, demjenigen von Jakob Schläpfer.

Flussbarsch in der Halle
Dahinter erstreckt sich die Präsenzbibliothek. Für den Umgang mit der Halle haben die Architekten ein symbolisches Bild gewählt: die «Skelettstruktur des Knochenfisches Perca fluviatilis» (Flussbarsch). Sie steht stellvertretend für das Merkmal des ursprünglichen Baus von Pfleghard & Haefeli. Barao Hutter haben die Roheit der Stahlbetonkonstruktion belassen. Demgegenüber zeigt die Decke des ehemaligen Direktorenzimmers noch Spuren von Stuck, und das Turmzimmer, in dem die Kantonsbibliothek Vadiana erstmals die Sangallensien präsentieren kann, wartet mit einem roten Teppich auf.

Ideal und Wirklichkeit
Bei der Ausstattung, die auf Entwürfen der Architekten basiert, kommt das Flair des Duos für Kleinarchitekturen zum Vorschein, das es mit «Arkadia» bewiesen hatte. Der Leuchter im Turmzimmer ist ein in Leuchtröhren aufgelöster Lampenschirm, das Bücherrad will einem als eine Erinnerung an die einstige Nutzung als Sortierhalle erscheinen und die auf Schienen fahrbaren Leitern als Liebäugeln mit denjenigen in der Stiftsbibliothek.

«Möge niemand, wie Schiller sagt, das dürftige Ergebnis der Wirklichkeit allzu peinlich an dem Masstab der Vollkommenheit messen, denn, fügt Carlyle bei, die Ideale bleiben immer in einer gewissen Entfernung, und mit einer leidlichen Annäherung an sie wollen wir uns dankbar zufrieden geben», schrieb die «Schweizerische Bauzeitung» zur Vollendung der Hauptpost vor fast auf den Tag genau 100 Jahren.

Damals war das Ungelöste – namentlich die städtebauliche Setzung – buchstäblich in Stein gemeisselt. Das Provisorische nun zum Kern des Umbaus gemacht zu haben, der auf dem Zurückbuchstabieren des ursprünglichen 70-Millionen-Franken beruht, ist vor diesem Hintergrund erst recht adäquat. An das Fernziel des Bibliotheksverbunds werden die sprechenden Bücher gemahnen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Keine Fläche zu klein, ein Blumenmeer zu sein

  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.
  • Gutes Bauen Ostschweiz, Wechselflorrabatten und Pärke: Ostfriedhof, Stadtpark, Brühl, Grabenpärkli, Leonhardspärkli.

Im Friedhof Ost, im Stadtpark, im Unteren Brühl und im St. Leonhardpark in St.Gallen sind derzeit die Blüten des Sommerflors zu sehen. Er ist Teil eines ausgeklügelten Konzepts, nach dem das Gartenbauamt den städtischen Raum ästhetisch und ökologisch aufwertet.

11. Juli 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Kaum waren die weissen, gelben und dunkelvioletten Tulpen des Frühlingsflors verblüht, machten sich die Gärtner daran, die Zwiebeln auszugraben und die leer geräumten Beete mit dem Sommerflor zu bestücken. Für jede Anlage liegen genaue Schemata vor, um eine austarierte Komposition von Farben, Formen und Texturen zu gewährleisten.

Das Wolfsmilchgewächs mit den ausufernden gabelförmigen Verzweigungen, dem lanzettförmigen Laub und den zarten weissen Scheinblüten erzeugt im Wechsel mit dem rosafarben blühenden Ziesthybrid ein Bett, in dem die apricotfarbenen Schafgarben ein Mal mit ihren gelben bis orangen Schwestern gepaart sind, das andere Mal von den bis ins dunkelviolett spielenden Wilden Karotten flankiert werden. Der himmelblaue Salbeihybrid «African Sky» kokettiert als Lippenblütler ebenso mit dem Ziest wie mit dem Silberstrauch. Die silberfarbenen Blütenhalme des Chinaschilfs schliesslich werden bis im Oktober explodieren und so in den Herbst überleiten.

Grundmuster mit Variationen
Die Bepflanzung mit saisonalem Wechselflor ist eines von vier Grundmustern, auf denen das Pflanzkonzept der Stadt basiert. Die andern drei gliedern sich grob in Flächen, auf denen einjährige Blumeneinsaaten zum Einsatz kommen; Standorte, die mit der so genannten «Silbersommer »-Mischung bestückt – ein von der Fachhochschule Wädenswil entwickeltes Pflanzensystem – und Anlagen, die mit ausdauernden Mischstauden bepflanzt werden. Leitgedanke in allen Fällen ist, die Biodiversität zu erhöhen und für die Schönheit der einheimischen Flora zu sensibilisieren.

Einjährige Ansaaten in der Wehr-, der Rosenberg- und der Kolumbanstrasse basieren zum einen auf  der Pflanzmischung «Wehretaler Sommertraum», der aus niedrigen Sonnenblumen, Sonnenhut, Ringelblumen, rotem Lein, Schmuck- körbchen und anderem besteht, zum anderen auf der Bienenwiese, die mit Borretsch, Natternkopf, Drachenkopf, Buschwinden, Goldmohn, rotem und blauem Lein, Schleierkraut, Klatschmohn, Ringelblumen, Schmuckkörbchen, Kapmargariten und Sonnenblumen eine reichhaltige Bienenweide abgibt.

Der «Silbersommer», der als Verkehrsbegleitgrün zum Beispiel den Verkehrsteiler Heiligkreuz, die Kesselhaldenstrasse, den Unteren Graben und die Teufener Strasse aufwertet, zeichnet sich dadurch aus, dass die Pflanzenmischung das ganze Jahr über eine attraktive Blütenpracht entwickelt – und das oft auf kleinstem Raum: Im Frühling etwa leuchten scharlachrote Wildtulpen und blaue Trauben-Hyazinthen, im Vorsommer blühen blauer Lein, grüngelbe Wolfsmilch und weisse Anemone.

Im Herbst kontrastieren etwa filigrane Gräser mit den rotbraunen Blütentellern der Fetthenne. Auch im Winter muss nicht auf optische Blickfänge, welche die teilweise markanten Samenstände bilden, verzichtet werden.

Mischstauden für Kontinuität
Mischstaudenpflanzungen haben die längste Lebensdauer und stehen für Kontinuität – nicht aber für Erstarrung. Die Pflanzen werden nach dem Kriterium der Standortgerechtigkeit ausgewählt – sonnig-trocken, halbschattig oder schattigfeucht, je nachdem, ob sie auf Freiflächen, im Gehölz oder einem Beet eingesetzt werden. Mischstaudenpflanzungen finden sich im Stadt- und im Kantonsschulpark, im Unteren Brühl, im Kirchhofergut und in den Friedhöfen Feldli, Ost und Bruggen. In Letzterem wurde die Pflanzung 2014 angelegt. Als Leitstauden fungieren das Grosse Salomonsiegel mit den charakteristischen weissen Glöckchen, die Herbstanemone mit ebenfalls weissen, aber sternförmigen Blüten und die zarten rispigen Blütenstände der Rasen-Schmiele.

Ihnen beigesellt sind unter anderem Weisse Waldaster, lilafarbene Acker-Glockenblume, Brauner Storchschnabel und Kleine Japan Silberkerze. Dazwischen eingestreut wurden die violette Gemeine Akelei und der Rostfarbige Fingerhut. Als Füllstauden schliesslich fungieren etwa die Gelapptblättrige Waldsteinie mit zarten gelben Blüten, das Frühlings-Nabelnüsschen mit ebenso zarten, aber blauen Blüten oder die Schneeweisse Hainsimse. Die komplexesten Kompositionen sind diejenigen, in denen Pflanzen, die über Jahre den Charakter einer Grünfläche prägen, mit wechselndem saisonalem oder einjährigem Flor variiert werden.

Neben der Schützengasse steht dafür das Grabenpärkli beispielhaft. Mit dessen Umgestaltung erregte das Städtische Gartenbauamt 2011 Aufsehen. Die Neukonzeption zeigt, wie auch auf einer vergleichsweise bescheidenen Fläche – sie umfasst gerade einmal 150 Quadratmeter, ein Bruchteil des knapp 34000 Quadratmeter grossen Stadtparks – eine abwechslungsreiche, betörende Bepflanzung möglich ist.

Das Zürcher Landschaftsarchitekturbüro von Guido Hager ersann zwei Pflanzenbilder, das eine in den Farben dunkelblauviolett, maigrün und dunkelrotbraun, das andere in violett-purpur und weiss-silbergrün. Es komponierte sie aus Leit- und Gruppenstauden, Zwiebelpflanzen (Geophyten) sowie Bodendeckern im Wechsel mit Frühlings- und Sommerflor.

Als Leitstauden qualifizierte es im einen Fall Blütensalbei sowie zartes und Riesen-Federgras, im anderen unter anderem Atlas-Schwingel, Wermut, Kandelaber- Ehrenpreis und Flammenblume. Als Gruppenstauden definierte es Schwertlilien, Storchenschnabel, Akelei, Sterndolde sowie Indianer- und Mexikonessel beziehungsweise Fettblatt und Herbstanemone. Dem Zierlauch als Zwiebelpflanze gesellte es für das erste Bild verschiedene Tulpensorten bei, dem zweiten Strahlenanemone und Trompetennarzisse.

Als Frühlingswechselflor fungierten im einen Fall Stiefmütterchen, die im anderen mit Weiss- Hornveilchen angereichert wurden. Der Sommerwechselfor schliesslich war mit Bronze-Fenchel und Buntschopfsalbei beziehungsweise mit Verbene bestückt.

Fremde werden zugelassen
Über die Jahre wird sich der Grabenpark verändern, wie alle andern Grünflächen auch. Wohl unterhält das Gartenbauamt die rund 700 Objekte nach detaillierten Pflegeplänen. Doch duldet es Artenverschiebungen ebenso, wie das «Einschleppen» fremder Arten und greift nur ein, wenn sich ein Überhandnehmen beziehungsweise ein Ungleichgewicht abzeichnet, das der Vielfalt abträglich wäre.

Auch «Fremdes» kann nämlich zum Blickfang werden, wie es im Frühling im St.Leonhardpark je eine orange- und eine purpurfarbene Tulpe waren.

 

Bilder: Hanspeter Schiess