Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: April 2015

Hauptversammlung

2015

Fr 24. April 2015, 18.30 Uhr im Forum

Traktanden

1. Begrüssung
2. Protokoll der letzten HV 2014
3. Jahresbericht
4. Jahresrechnung
5. Revisorenbericht
6. Budget
7. Wahl der Revisoren
8. Allgemeine Umfrage
9. Aussichten

Forumsfest

Im Anschluss an die Hauptversammlung findet um ca. 20 Uhr das Forumsfest statt. Alle Mitglieder und ihre Begleitung sind herzlich zum gemeinsamen Essen eingeladen.

Aufzugsfahrt mit Aussicht

Beweisen Sie Ihr Geschick. Es gewinnt, wer den Aufzug am gewandtesten bedient und dabei nicht zum Fenster hinausfällt … Als Hauptpreis winkt dieses Jahr der Ulmer Hocker – ein multifunktionales Möbel von Max Bill und Hans Gugelot, ein Sponsoring von Domus AG.

Einladung HV 2015

Architektur im Film: Erich Mendelsohn – Visionen für die Ewigkeit

Einführung: Ita Heinze-Greenberg, Kunsthistorikerin, Zürich

Di 21. April 2015, 20 Uhr im Kinok

Mendelsohn-EditionSalzgeber

Ein junger Architekt schickt seiner 16-jährigen Geliebten von der Front des Ersten Weltkriegs Briefe mit Zeichnungen organischer Gebilde und philosophischen Gedanken. Daraus entsteht eine lebenslange Verbindung, in der Erich Mendelsohn zu einem der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts reift.
Duki Dror erzählt sein Mendelsohn-Porträt als Liebesgeschichte, festgehalten in Briefen und Memoiren, in Spuren und Details berühmter Bauwerke, bei deren Entstehung Luise Mendelsohn das «zweite Auge» ihres Mannes war.

Regisseur: Duki Dror, IL 2011, D 70‘
Weitere Vorführungen:
Di 21. April 20 Uhr, So 26. April 11 Uhr, Do 30. April 17.30 Uhr

www.salzgeber.de

Eintritt 15.– / Mitglieder AFO 10.–
Reservation: T 071 245 80 72, www.kinok.ch

Einladungskarte April

Veranstaltungssponsoren: domus, Jansen

Tisch hinter den Gleisen @ AFO

Frau Gerolds Garten

Mo 20. April 2015, 19.30 Uhr im Forum

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Am Fusse des Prime-Tower hat im Sommer 2012 Frau Gerold ihre Tore auf dem Gerold-Areal im Zürcher Kreis 5 eröffnet. Das Gelände hinter dem Freitag-Turm hat sich innert ein paar Monaten in einen modularen Stadtgarten verwandelt. Das Projekt ist so konzipiert, dass es nach Ablauf der Zwischennutzung mit Sack und Pack umziehen kann, so dass einer anderen Nutzung des Geländes nichts im Wege steht und Frau Gerold trotzdem weiter gärtnern, kochen, shoppen und bewirten kann.

www.tischhinterdengleisen.wordpress.com
www.fraugerold.ch
Kollekte

Einladungskarte April

Variationen zu einem Thema

  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.
  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.
  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.
  • Ehemaliges Fabrikareal der Viscose, Künstler und Architekt Spallo Kolb hat hier in einem Work in Progress ein architektonisches  Experimentierfeld erschlossen.

Auf dem ehemaligen Fabrikareal der Viscose in Widnau hat sich der Künstler und Architekt Spallo Kolb ein Experimentierfeld erschlossen. Die Transformation ist ein «Work in progress» mit offenem Ausgang.

 

18. April 2015 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Der Umgang mit aufgegebenen Industriestandorten folgt standardisierten Drehbüchern: entweder sie werden – meist nach einer Zwischennutzungs- periode – abgebrochen, um Neubauten Platz zu machen, und/oder umgenutzt – als Museen, Schulen, Lofts. In der Ostschweiz kann man diese beiden Szenarien exemplarisch verfolgen: in Aadorf, wo vor zwei Monaten die Backsteingebäude der einstigen Feilenfabrik Baiter abgebrochen wurden, um auf dem 5600 Quadratmeter grossen Areal vier Mehrfamilienhäuser zu errichten, und in Arbon, wo die Firma HRS das 24 Hektar umfassende ehemalige Saurer-Gelände mittels Architekturwettbewerben zu einem neuen durchmischten Stadtteil umwandelt und bis 2016 das Hamel-Gebäude aus dem Jahr 1907 renoviert und mit Mall, Büros und Wohnungen alimentiert.
Ein drittes Szenario spielt sich meist eher im Verborgenen ab, weil die Eingriffe weniger spektakulär sind oder weniger Zündstoff bieten. Beobachten lässt es sich auf dem Viscose-Areal in Widnau.

Einen Steinwurf von der Lokomotivremise entfernt, flankiert von einem ausgedientem Schienenpaar und vor der Kulisse improvisierter Pflanzplätze fällt der Blick auf ein zu einer mächtigen Möbiusschleife aufgerolltem rostigen Bergbahnstahlseil. Das Holz der Haspel, auf der es einst aufgespult war, verfaulte bis es unter dem Gewicht des Stahls kollabierte und sich dieser durch den Drall der Wicklung zur Schleife verformte. «Schlaufe» nennt Spallo Kolb das «Objet trouvé», das vorgefundene Objekt. Weiter hinten liegt eine Plastik, die aussieht, wie ein vergrösserter Unspunnenstein. Es ist aber kein Findling, sondern mittels ausbetoniertem Stahlgerüst imitierte Natur. Das Stahlseil und der Betonbrocken stehen symbolhaft für Kolbs Interventionen auf dem Areal: Arbeiten mit dem Vorgefunden, Neues adaptierend erfinden.

Die Geschichte beginnt 1998, als der Niedergang des 1924 eröffneten Viscose Standorts am Rhein besiegelt wird. Spallo Kolb, der seit dem Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1980–1982) als Künstler, Designer und Architekt arbeitet, ist auf der Suche nach einem Atelier, und die Viscose-Muttergesellschaft in Emmenbrücke will brach liegende Teile ihres Areals veräussern. Kolb quartiert sich in der ehemaligen Montageleitungsbaracke ein, haust vorerst ohne Wasser und Strom und initiiert das Experiment, die Industrieruine bewohnbar zu machen. Er tut dies als Work in Progress und nomadisiert von Bau zu Bau. Nachdem die Montageleitungsbaracke isoliert, mit Strom und Wasser versorgt sowie mit Küche und Bad ausgerüstet ist, vermietet er sie und zieht weiter in die nächste. Er baut sie zurück und erstellt zwei spiegelbildlich zueinander organisierte Grossraumwohnungen: Case 1 + 2. Vis à vis steht die einstige Gärtnerbaracke – hinter einem alten Güterwaggon auf einem ausgedienten Gleisabschnitt. Den Holzbau funktioniert er zum Schlaftrakt um und ergänzt ihn um je einen Betonkubus für Wohnraum und Büro. Das Ensemble nennt er Casita.

Lose und kompakt
Der Schienenstrang mündet in der Lokomotivremise am Galerieweg, die er mit seiner Familie bewohnt. Sein Büro hat er in einer der Boxen, die auf der andern Seite des Wegs in wilder Kreuzbeige übereinander gestapelt sind. Die Anordnung ist nicht «l’art pour l’art» statischer Spielerei, sondern resultiert aus der Rücksicht auf den alten Baumbestand. Erschlossen sind die «Case Study Houses» über einen imposanten Treppenturm, von dem aus Passerellen zu den Eingängen führen. Kolb benennt die «Holzkisten» nach dem experimentellen und legendären Wohnbau-Programm, das die amerikanische Zeitschrift Arts & Architecture zwischen 1945 und 1966 lancierte.
Im Gegensatz dazu zeichnet sich seine Intervention im ehemaligen Unterwerk durch Kompaktheit aus. Er «durchsticht» die drei Hallen, in denen einst Transformatoren standen und «schiebt» vollflächig verglaste, zweigeschossige Container so «hinein», dass sie das leergeräumte Volumen ausfüllen. Nicht so im oberen Geschoss, das sich über alle drei unteren Hallen erstreckt. Hier stellt er die Holzkiste «lose» hinein, sodass sie von der Fassade zurückversetzt ist und die Decke nicht berührt.

In der Schwebe
Frappierend ist, dass Kolb durchwegs mit Boxen operiert, diese aber so variiert, dass die bestehenden Bauten ihren Charakter behalten und sich die Neuen in das disparate Konglomerat einfügen. Diese konsequente Variation eines Themas, das sich auch im Innern wiederfindet, wo Kolb nach dem Raum-im-Raum-Prinzip da einen Badcontainer hineinstellt, dort eine Schlafkoje platziert, macht den Charakter der Interventionen aus.
Die Eingriffe werden «in der Schwebe» gehalten. Das gilt für die in scheinbar prekärem Gleichgewicht balancierenden «Case Study Houses» ebenso, wie für die Eigenkreationen der freistehenden Küchenblöcke und für als Galerien ausgebildete «Obergeschosse». Nicht zuletzt gilt das auch für die «Eigentums»verhältnisse: Das Terrain zwischen den Bauten ist Allgemeingut.

Die Eigenheit in Arbon liegt – abgesehen davon einen Zeugen der Industrie- geschichte zu bewahren und hohe architektonische Massstäbe an die Neubauten zu legen – in der radikalen Umwälzung des Quartiers im Zeitraffer. Demgegenüber ist der Reiz der „slow-motion“-Transformation in Widnau, ein unvollendetes Werk, ein Non-finito, ein «Work in progress» mit offenem Ausgang zu sein.

Bilder: Hanspeter Schiess

Struktur und Raum – Berührungspunkte zwischen Architekt und Ingenieur

Tivadar Puskas, Bauingenieur, Basel

Mo 13. April 2015, 19.30 Uhr im Forum

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In einem zeitgemässen Dialog zwischen Architekt und Bauingenieur entstehen Bauten, deren Raum- und Tragstruktur sich gegenseitig bedingen. Durch den intensiven Austausch können architektonische und tragwerkspezifische Absichten herausgeschält werden.
Führt der Wunsch nach einer grossen Nutzungsflexibilität zu klassischen Skelettbauten, die erst in Kombination mit den inneren, nicht tragenden Wänden und der äusseren Haut den Raum bilden, gibt es auch Lösungen, wo statische und räumliche Elemente zusammenfallen und so Scheiben-Platten-Systeme bilden. Die Stapelung dieser Systeme kann in der Folge zu komplexen räumlichen Systemen führen, welche die architektonischen Intentionen befeuern können. Diese Fälle erzeugen enge Berührungspunkte zwischen Architekt und Ingenieur und regen uns bei den Arbeiten immer wieder von Neuem an.

www.schnetzerpuskas.com
Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Einladungskarte April

Bossart schafft stimmige Räume

  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz, Kirchenumbauten von Architekt Bruno Bossard in Niederwil und Flawil.

Der St.Galler Architekt Bruno Bossart hat in der Ostschweiz eine ganze Reihe von Kirchen an die neuen Bedürfnisse angepasst. Liturgisch ist der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitete Wandel vollzogen, baulich aber noch nicht überall in die Sprache der Architektur übersetzt.

 

14. März 2015 von  Martin Tschanz

 

Nicht vonungefähr sagt man, die Kirche bleibe im Dorf. Als Institution und als Architektur steht die katholische Kirche gleichermassen für Beständigkeit – und doch gibt es Veränderungen. In den frühen 1960er-Jahren wurde die Bedeutung der Laien durch das Zweite Vatikanische Konzil gestärkt. Unter dem Schlagwort der tätigen Teilnahme der Gemeinde hatte dies unter anderem zur Folge, dass sich der Priester nun dem Kirchenvolk zuwandte, um die Messe zu zelebrieren.
In vielen Kirchen mussten dafür neue Altäre aufgestellt werden, die nun frei im Raum standen. Meist behalf man sich dabei zunächst mit Provisorien, die erst allmählich durch definitive Lösungen ersetzt wurden. So ist diese noch relativ junge Entwicklung der katholischen Liturgie in den vergangenen Jahren in die dauerhafte Sprache der Architektur übersetzt und festgeschrieben worden.

Eingriff in der Kathedrale
Das bekannteste Beispiel dafür ist der neue Altar in der Kathedrale von St.Gallen, den die Architekten Caruso St John gestaltet haben. Die Diskussion, die dieser sensible Eingriff in das barocke Gesamtkunstwerk ausgelöst hatte, ist ein Zeichen für seine  weitreichende Bedeutung. Dabei war er insofern relativ unproblematisch, als der neue Altar vor dem Hintergrund des prunkvollen Chorgitters einen selbstverständlich wirkenden Ort fand, während der Raum dahinter und der bestehende Hochaltar unangetastet blieben.

Gefahr einer drohenden Leere
Im Normalfall der zahlreichen Gemeindekirchen gibt es jedoch keinen Mönchschor. Die Verschiebung des Altars, auf den sich der ganze Bau vorher ausgerichtet hatte, droht daher oft eine unangenehme Leere entstehen zu lassen. Bruno Bossart, der in der Ostschweiz eine ganze Reihe von Kirchen an die neuen Bedürfnisse der Liturgie angepasst hat, spricht in diesem Zusammenhang von einer Art räumlichem Vakuum, das gestalterisch bewältigt werden muss.

Ostermahl statt Altar in Flawil
In der St. Laurentiuskirche in Flawil, die er 1995 erneuert hatte, nimmt daher ein neugeschaffenes Ostermahl die alte Stelle des Altars ein. Es ist ein Symbol für das leere Grab, öffnet sich zum Morgenlicht hin und nimmt in seiner Mitte den bestehenden Tabernakel auf. Der neue, nach vorne gerückte Altar steht als Tisch auf einem Stufenpodest, das kreisförmig in das Kirchenschiff ausgreift. Er wird von den damit verknüpften Bereichen der Anbetung und der Taufe flankiert, die an die Stelle der alten, nicht mehr benötigten Seitenaltäre getreten sind.
Hinter dem Altar stehen vierzehn steinerne Stelen, die mit ihrem oberen Abschluss aus Bronze an Kerzen erinnern, vielleicht auch an menschliche Figuren oder an die Zinnen einer Stadtmauer. Wie auch immer man sie deuten mag, vermitteln sie räumlich zum noch weiter zurück liegenden Ostermahl und zur Geometrie des bestehenden Kirchenraums. Dieser wird dadurch bühnenartig auf  das Geschehen am Altar fokussiert, so dass die heilige Handlung räumlich und symbolisch einen angemessenen Rahmen erhält.
Bei der Ausarbeitung dieser neuen räumlich-ikonographischen Einheit innerhalb der schlichten, 1935 von Karl Zöllig erbauten Kirche spielte der damalige Pfarrer, der heutige St.Galler Bischof Markus Büchel, eine wesentliche Rolle. Ihn bezeichnet Bruno Bossart als seinen Lehrmeister in liturgischen Fragen.

Referenzen aus der Malerei
Der Architekt arbeitet beim Entwerfen oft mit Referenzen aus der Malerei, die ihm beim Entwickeln und Vermitteln seiner Vorstellungen helfen. Man braucht diese aber nicht zu kennen – in diesem Fall das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci –, um einen Zugang zu seiner Architektur zu finden. Bossart baut keine Bilder, sondern übersetzt deren Themen in die Sprache seiner Kunst, die mit ihren eigenen Mitteln unmittelbar unsere Wahrnehmung anspricht. In diesem Fall inspirierte der Saal des Bild zu den Stelen des Kirchenraums. Beide geben dem Abendmahl seinen Raum. Die Tragfähigkeit der bei der Flawiler St. Laurentiuskirche erarbeiteten Prinzipien zeigt sich in einer ganzen Reihe von Nachfolgebauten, auch wenn jede Lösung auf dem vorgefundenen Bestand aufbaut und dementsprechend einzigartig ist.

Alt und Neu im Gleichgewicht
Beispiele dafür sind: St. Joseph in Muolen (1999), St.Michael in Lütisburg (2003), St.Ulrich in Oberbüren (2012) und St.Gallus in Libingen (2013). Das jüngste Beispiel ist die Kirche St.Eusebius in Niederwil, die Bossart in Zusammenarbeit mit dem Pallottinerpater Adrian Willi gestaltet hat. Auch hier erhielt der neue, der Gemeinde zugewandte Altar einen optisch und inhaltlich
sinnvollen Hintergrund durch ein neues Chorraum-Element, das in diesem Fall das offene Haus von Emmaus symbolisiert.
Erbaut wurde es aus dem Stein des alten Altars, während der neue die zwölf Stangen aus Schmiedeeisen mit den Namen der Apostel integriert, die früher die Chorraumschranke gebildet haben und nun den Tisch des Abendmahls umgeben. Die alte Christusfigur erhielt ein neues Kreuz, und die neue Farbigkeit verleiht der bestehenden Deckenmalerei und den Mosaiken von 1958 neue Kraft. Damit lebt das Alte im Neuen weiter: Die Kirche bleibt im Dorf und ist das Resultat einer reichen Geschichte mit zahlreichen Umbauten und Erneuerungen, wobei es mit der jüngsten Etappe gelang, die unterschiedlichen Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Ungleiches zusammenführen
Bruno Bossart beweist bei solch schwierigen Aufgaben einen ausserordentlichen Sinn für Gleichgewichte, der es ihm erlaubt, Altes und Neues, Grosses und Kleines, Flächiges und Plastisches, kurz Ungleiches aller Art in eine stimmige architektonisch- räumliche  Komposition zusammenzuführen. Es ist kein Zufall, dass seine Arbeiten oft an die Werke des grossen italienischen Architekten und Gestalters Carlo Scarpa erinnern. Wie dieser ehrt er das Handwerk, pflegt die Kunst von Profilierung und Rahmung und weiss eine fast barock anmutende Sinnlichkeit mit moderner Eleganz zu kombinieren.
Auf diese Weise gelingt es Bossart immer wieder, wie bei St.Eusebius, die Flurschäden vergangener Eingriffe zu beheben. Solches ist heute zunehmend von Bedeutung, nicht nur im Sakralbau.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Ein städtebauliches Juwel

  • Regierungsviertel Frauenfeld für Gutes Bauen Ostschweiz.
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz.
  • Hanspeter Schiess für Gutes Bauen Ostschweiz

Der Thurgau ist ein ländlich geprägter Kanton. Das macht etwas vergessen, dass sein Hauptort ein städtebauliches Schmuckstück birgt. Der Ring um die Altstadt von Frauenfeld mit Promenade und Regierungsviertel entspricht in seiner Anlage dem grossen Vorbild in Wien.

 

14. Februar 2015 von  Martin Tschanz

 

Natürlich ist das Schloss nicht die Hofburg und die Kantonalbank nicht die Staatsoper, aber gerade in der Anpassung des grossstädtischen Modells mit seinen Boulevards und Prachtbauten an die Verhältnisse der ländlichen Kleinstadt liegt ein besonderer Charme. In den vergangenen Jahren wurden die Bauten des Kantons umsichtig saniert und eine pflegende Erneuerung
des öffentlichen Raums steht an. Grund genug, dieses Ensemble zu würdigen.

Anlagern, ohne zu zerstören
1813 wurde auf Initiative von Bernhard Greuter, dem Inhaber einer Textilfärberei, der Stadtgraben von Frauenfeld aufgefüllt und die Promenade angelegt. Sie bildet das Herzstück einer ringförmigen Anlage, an der sich die Grossbauten der neuen Zeit gleichsam von aussen her an das Städtchen anlagern konnten, ohne dessen Charakter zu zerstören. In relativ kurzer Zeit entstanden hier die Gebäude der Kantonsschule, das städtische Promenadenschulhaus, das Regierungsgebäude sowie das Verlagshaus Huber, das der einzige Privatbau an dieser repräsentativen Adresse war, als Heim der Thurgauer Zeitung aber eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben spielte. Alle diese Bauten wie auch die nahe gelegene Kaserne wurden von einem einzigen Architekten gestaltet: Johann Joachim Brenner, der auf diese Weise mit seiner etwas spröden, nüchternen Architektur das Gesicht des noch jungen Kantons prägte. Seine Bauten zeichnen sich durch eine ruhige, würdige Erscheinung aus. Dies erreichte er vor allem durch eine einfache, klare Gliederung der Baukörper und gute Proportionen, während Schmuckelemente nur sehr zurückhaltend zum Einsatz kommen.
Bis heute scheint dies sehr gut zum Charakter des Kantons zu passen. Es ist daher kein Zufall, dass auch das Verwaltungsgebäude, das 1968 das städtische Schulhaus ersetzte, diesen Prinzipien folgt. Deshalb fügt sich der so genannte Glaspalast trotz seiner modernen Formensprache erstaunlich gut in das Ensemble des 19. Jahrhunderts ein. Mit diesem Bau der Grenchner Architekten Müller und Haldemann wurde die Promenade als Ort der kantonalen Repräsentation nochmals gestärkt. Es bildete sich das Regierungsviertel heraus, das unter der Ägide des unlängst zurückgetretenen Kantonsbaumeisters Markus Friedli sorgfältig und konsequent weiterentwickelt wurde.

Sorgsam erneuert
Schrittweise wurden die alten Kantonsschulen als Obergericht und Kantonsbibliothek neu organisiert und das Verwaltungsgebäude, der botanische Garten und das Regierungsgebäude sorgsam erneuert. Leider scheiterte das Vorhaben, das Areal der Druckerei Huber für die kantonale Verwaltung umzuwidmen, so dass nun gewöhnliche Wohnungsbauten die Zone der öffentlichen Nutzungen stören. Die bauliche Konzentration der Verwaltung wird nun hinter dem Regierungsgebäude fortgesetzt werden müssen.
Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch die Umnutzung etlicher Wohnbauten und durch das neue Staatsarchiv der Architekten jessenvollenweider, mit dem die Ausdehnung des Regierungsviertels nach Nordosten hin ihren Abschluss findet. Die Terrasse mit ihren mächtigen Platanen bildet hier an der Geländekante eine Art Echo auf die Allee an der Promenade.
Dort sieht man von den Erneuerungen der letzten Jahre nicht sehr viel, und das ist auch gut so. Die teils erheblichen Eingriffe in die Bauten des Kantons respektieren deren Bestand und entlocken ihm neue Qualitäten. Im Regierungsgebäude zum Beispiel war die Gewölbehalle im Erdgeschoss ursprünglich nicht viel mehr als ein feuerfestes Behältnis für das Archiv. Durch sorgsam gestaltete Böden und eine zurückhaltende, zum Teil eigens dafür entworfene Ausstattung gelang es den Architekten Staufer & Hasler jedoch, die verborgene Schönheit dieser Räume erstrahlen zu lassen und einen repräsentativen, vielfältig nutzbaren Empfangsbereich einzurichten.
Nach aussen hin treten diese Eingriffe jedoch kaum in Erscheinung. Die Fassaden wurden gereinigt und repariert, die Farben aufgefrischt und Lambrequins (Fensterdekorationen) aus Chromstahl eingesetzt, die das Thema des ursprünglichen Sonnenschutzes neu interpretieren – mehr nicht. Augenfällig ist einzig die Neugestaltung des Vorplatzes, wo zwei Kandelaber an Säulen oder auch an Leuchttürme erinnern und dabei die Funktion der beiden Mammutbäume übernehmen, die 1929 dem Frost zum Opfer gefallen sind. In der Folge wurde das Gebäude arg vom Verkehr bedrängt, doch nun erhielt es seinen angemessenen Vorbereich zurück. Die beiden flankierenden Bosketten unterstreichen mit ihrer abgezirkelten, fast schon architektonischen Gestalt die Symmetrie der Anlage. Gleichzeitig sind sie die Vorboten der zukünftigen Verlängerung der bestehenden Kastanienallee, dank der das Ensemble an der Promenade noch stärker zu einer Einheit zusammenfinden wird.

Vom Juwel zum Lehrstück?
Südlich der Altstadt sind überdies die Revitalisierung des alten Postgebäudes und ein Neubau der Hauptpost in Planung, die dem Postplatz und der Rheinstrasse neuen Glanz verleihen werden. Damit wird der Frauenfelder Ring wieder jene Stattlichkeit  zurückgewinnen, die ihm im 19. Jahrhundert zugedacht worden war. Vielleicht wird es dereinst ja sogar noch gelingen, die östliche Zürcherstrasse, wie im Richtplan vorgesehen, in eine städtische Allee zu verwandeln. Dann erhielten die Altstadt und der um sie  herum liegende Ring öffentlicher Anlagen eine würdige Verbindung zum modernen Stadttor an der Autobahn, und spätestens dann würde das Städtchen Frauenfeld vom Juwel zum eigentlichen Lehrstück in Sachen Städtebau.

Bilder: Hanspeter Schiess