Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Dezember 2014

Vortrag und Präsentation ausgewählter Exponate –
Otto Kolb: Grenzgänger zwischen Architektur, Kunst und Design

Rahel Hartmann Schweizer, Architekturhistorikerin, Köniz b. Bern

Mo 15. Dezember 2014, 19.30 Uhr im Forum

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«Chicago-Kolb» nennen ihn seine Freunde, als Otto Kolb (1921–1996) 1960 aus den USA in die Schweiz zurückkehrt. Im Gepäck hat er seine Erfahrungen als Dozent am Institute of Design in Chicago, an das er 1948 berufen wurde, einen Fundus an Bildern und Plänen von Bauten und Projekten sowie Entwürfe aus verschiedenen Bereichen des Designs, die ein bereits ansehnliches Œuvre dokumentieren. Kolb besitzt aber auch ein ganzes Kompendium von Skizzen, in dem sich der Keim seines gebauten Manifests findet: des zylinderförmigen Glashauses im Zürcher Oberland. Anfang der 1980er Jahre realisiert, avanciert die Villa in Wermatswil zu einem Mekka für Architekturinteressierte. 2012 wurde es von der Kantonalen Denkmalpflege Zürich als Schutzobjekt von regionaler Bedeutung eingestuft.
Kolb war ein Pionier und Grenzgänger – nicht nur geografisch, im Sinne des Aufbruchs in die Neue Welt. Ebenso, wie er sich zwischen den Disziplinen Architektur, Ingenieurwesen, Kunst und Design bewegte, tastete er sich auf Terrains vor, die seinerzeit argwöhnisch beäugt wurden: Ökologie und Schonung der Ressourcen waren für ihn zeitlebens Gebote – lange bevor 1972 Donella und Dennis L. Meadows mit ihrer Studie The Limits to Growth die Grenzen des Wachstums aufzeigten.
1944 diplomiert, liess sich Kolb im Umfeld von Alfred Roth, Max Bill, Richard Paul Lohse und Felix Schwarz ebensosehr von der traditionellen japanischen Architektur inspirieren. Davon zeugen sein erster Bau in der Schweiz, das Atelierhaus in Brüttisellen (1944–1945), genauso wie sein Début in den USA, das Haus Horner (1948–1950) in Indiana, das in den 1990er Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde. Er versöhnte organische Architektur und industrielles Bauen, liess sich von antiken Tempelarchitekturen inspirieren und experimentierte mit seilverspannten Konstruktionen. In Anlehnung an musikalische Proportionssysteme entstanden Baukörper, die in labilem Gleichgewicht balancieren. Neben der Musik spielte die Kunst eine tragende Rolle: vom «Fenster als Bild» im Atelierhaus in Brüttisellen bis zum «Haus als Kamera» in der Villa in Wermatswil (1980–1982).
Die im Entwurf zum Haus Solotorovsky in Princeton (1958–1959) skizzierte, von Max Bills «Kontinuität» (1947) inspirierte Skulptur transformiert Kolb Mitte der 1960er Jahre zu einer Wendeltreppe, für die er das Patent bekommt. In der Villa Wermatswil macht er sie zum Dreh- und Angelpunkt.

Im Anschluss an die Einführung sind alle Besucher herzlich eingeladen, bei einem feinen Kündig Käsefondue und einem Glas Weisswein das Forumsjahr ausklingen zu lassen.

Eintritt 10.–/ Mitglieder gratis

Ausloten – Nachhaltig dank LowTech

Im Gespräch: Werner Binotto, Stefan Hasler, Andy Senn, Christian Widmer, Richard Widmer

Mo 8. Dezember 2014, 19.30 Uhr im Forum

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Eine technische Revolution sollte in den letzten Jahrzehnten die Energiewende herbeiführen. Immer komplexere Maschinen und Technologien versprachen Einsparungen ohne Komforteinbussen. Doch der Fortschritt steckt in einer Sackgasse, die Kosten für den Unterhalt laufen aus dem Ruder, die Bewohner entfremden sich zunehmend von ihrer Umwelt. Zwei Architekten stellen mit ihren Gebäuden Alternativen zur Diskussion, die mit alten Tugenden der Architektur operieren: Stefan Hasler mit dem Bürogebäude 2226 in Lustenau, Andy Senn mit der landwirtschaftliche Schule in Salez. Beide Projekte möchten die drängenden energetischen Fragen auch ohne Haustechnik lösen. Dieser Weg nimmt den Menschen wieder in die Verantwortung: Als Bauherren, als Entwerfer und als Nutzer. In der folgenden Diskussionsrunde vertritt Kantonsbaumeister Werner Binotto die Sicht des Bauherren, der erfahrene Haustechnikplaner Richard Widmer prüft die Konzepte auf ihre Plausibilität.

Elmar Hasler ist geschäftsleitender Gesellschafter des Büros baumschlager eberle in St. Gallen und vertritt Dietmar Eberle, der den Termin leider kurzfristig absagen musste.

Eintritt 10.–/ Mitglieder gratis

Veranstaltungssponsor Würth

Erst kanalisiert, dann renaturiert

  • Gutes Bauen. Linthgebiet
  • Gutes Bauen. Linthgebiet
  • Gutes Bauen. Linthgebiet
  • Gutes Bauen. Linthgebiet

Die Flusskorrektionen und Meliorationen an Linth und Thur im 19. Jahrhundert haben mit schnurgeraden Kanälen der Landschaft ihr Gepräge aufgedrückt. Heute, da sie renaturiert wird, kann sich das Landschaftsbild wieder dynamisch transformieren.

 

22. November 2014 von  Rahel Hartmann Schweizer

 

Ende letzterWoche ist die öffentliche Planauflage in den Gemeindeverwaltungen von Weinfelden, Bürglen und Bussnang der sechsten von neun Etappen der Thurkorrektion zu Ende gegangen. Es kündigt sich ein harziger Prozess zwischen Umweltschützern und Bauern an, wie er auch die Arbeit an der Linth begleitet hat – eine Ausmarchung zwischen Landschaft und Landwirtschaft. Deren Hüter wollen das Kulturland nicht hergeben, das der Natur einst mit den Korrektionen abgetrotzt worden war.
Die Thurkorrektion ist neben der Linth- und der Inn-/Flaz-Renaturierung eine der drei prägenden Eingriffe in den Wasserbau, die in der Ostschweiz in den vergangenen Jahren in Angriff genommen und nun teilweise abgeschlossen sind, mit denen die Interventionen des 19. Jahrhunderts saniert werden.

Ingenieurbau als «Kunst»
Die damalige Kanalisierung der Flussläufe war Ausdruck einer Ingenieurbaukunst nach dem  Verständnis des 19. Jahrhunderts, die Natur zu bändigen: zum Schutz vor Hochwasser, zur Gewinnung von Kulturland und zur Schiffbarmachung günstiger Verkehrswege.
Nicht unbesonnen ist der Begriff «Kunst» gewählt. Eine Beschreibung von 1820 würdigte das Linthwerk: «Niemand mag über die Dammkrone wandern, ohne die Kunst zu bewundern, welche einen wilden und stürmisch aussehenden Alpenstrom in einen gleichförmig und majestätisch daherfliessenden verwandelt hat, dessen Geräusch dem Rieseln eines Baches gleicht.»
Den Ingenieurbau als «Kunst» zu werten, die Natur zu bändigen, zu kultivieren, nutzbar zu machen,  entsprach einer Ästhetik, die sich in Opposition zu Wildwuchs und jener zerstörerischen Naturgewalt definierte, welche die Annalen füllte: «Unwetter mit Dammbrüchen», «Hochwasser mit Überschwemmung», «Inn und Flaz durchbrachen die Wuhre», so liest sich die Unwetterchronik von Samedan der letzten 500 Jahre. Der jüngste Eintrag «Flaz-Hochwasser (…) führte zur Überflutung des unteren Teils des Flugplatzes Samedan» datiert von 2004, zu einem Zeitpunkt, als die Massnahmen zum Hochwasserschutz – über 150 Jahre, nachdem Inn und Flaz kanalisiert worden waren – im Rahmen der zweiten Korrektion kurz vor der Vollendung standen. Das Ereignis führte vor Augen, wie dringlich der Eingriff war.

Zäh an Thur und Linth
Die grösste Flussverlegung in der Schweiz seit mehr als achtzig Jahren ging aus einer Konzeptstudie hervor, in deren Rahmen zwei Lösungen evaluiert wurden: Die eine unter dem Titel «Flaz-Entlastung» sah höhere Dämme und einen Gerinneausbau mit Hochwasserentlastung in einen Überflutungskorridor Champagna vor. Die andere, radikalere und nachhaltigere, postulierte unter der Bezeichnung «Flaz-Verlegung» ein neues Gerinne von Punt Muragl bis Gravatscha. Die Bevölkerung Samedans entschied sich für diese.
Zäher verlief beziehungsweise verläuft der Prozess an der Linth beziehungsweise der Thur, obwohl sich die Situation in beiden Fällen ähnlich präsentierte: Kaum hatte die Linthkommission (Glarus, Schwyz, St.Gallen, Zürich) 1998 eine Studie zur Sanierung des Hochwasserschutzes in Auftrag gegeben, lieferte das Jahrhunderthochwasser ein Jahr später (1999) die traurige Bestätigung der Dringlichkeit, an Linth- und Escherkanal auf einer Länge von 17 beziehungsweise 6 Kilometern Dämme zu sanieren, Aufweitungen zu realisieren und Mittelgerinne umzugestalten.

Auslösendes Hochwasser 1978
Im Kanton Thurgau war es das Hochwasser von 1978, das die Arbeit am Thur-Richtprojekt 1979 (TRP79) auslöste. Diese mündete im November 2004 in das vom Regierungsrat abgesegnete Papier «2. Thurkorrektion – Konzept 2002», dessen Perimeter sich auf eine Länge von 36,6 Kilometern von der Murgmündung bis zur St. Galler Grenze erstreckt.
Obwohl die Projekte «Hochwasserschutz Linth 2000», «Konzept Thur 2002» sowie «Flaz-Verlegung und Renaturierung En» im Einzelnen unterschiedliche Gewichtungen erfahren, lassen sich ihre Zielsetzungen auf drei Kernthemen konzentrieren: oberste Maxime ist der Hochwasserschutz, flankiert von Nutzungsoptionen (Schutz von Kulturland und extensive Landwirtschaft im Flussraum) sowie ökologischen Grundsätzen, die Lebensräume im Flussraum aufzuwerten. Basis war das neue, 1991 ausgearbeitete und 1993 nach einer Volksabstimmung in Kraft getretene Eidgenössische Wasserbaugesetz. Es bildete die gesetzliche Grundlage für den Paradigmenwechsel von der «Unterwerfung » der Natur zu ihrer Aufwertung.

Aufwand kaum ablesbar
Heute vermitteln Linth, Thur und Inn/Flaz einen Eindruck davon, wie der trockene Buchstabe Gestalt annehmen kann. In mäandernden Wasserläufen können Äsche und Bachforelle wieder einen Lebensraum erobern. Kiesbänke sind potenzielle Standorte einheimischer Flora und Fauna. Teiche und Auenwälder werden Wasserpflanzen, Libellen und Amphibien beheimaten.
Es ist der Clou der Interventionen, dass die Leistungen der Ingenieure, die mit kaum weniger Verve gearbeitet haben als seinerzeit Escher & Co., kaum als solche in Erscheinung treten – es sei denn an den Infrastrukturbauwerken wie der neuen Molliserbrückeü über den Escherkanal, deren hydrodynamisch ausgebildeter Fahrbahnträger so genannte Verklausungen, das heisst das Aufstauen angeschwemmten Treibgutes, verhindert.
Demgegenüber lässt die Idylle, als die sich beispielsweise die Flussaufweitung Chli Gäsitschachen bereits heute präsentiert, den immensen Aufwand ihrer Entstehung – Verstärkung des linken Hochwasserschutzdamms, Gestaltung des rechtsufrigen Abschlusses der Aufweitung als Flachdamm, Sicherung der Sohle im Escherkanal, Rodung von sechs Hektaren Wald – kaum erahnen.
So könnte die Hymne auf die Ingenieurskunst 200 Jahre nach der oben zitierten Beschreibung dereinst lauten: «Niemand mag das 70 Kilometer lange Wegnetz in einer von Vogelstimmen und Unkenrufen erfüllten Atmosphäre erwandern, ohne die Kunst zu bewundern, die einen monotonen, eingezwängten Strom in ein dynamisch mäanderndes, das Gemälde der Landschaft mit immer wieder neuen Nuancen anreicherndes Gewässer transformiert hat.»

Bilder: Christof Rostert

Am Anfang stand ein Baum

  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.
  • Gutes Bauen Ostschweiz: Murgwiesen Frauenfeld mit Pavillon Murgwiese und Fluss Murg, Kanal, Betonstege (unfertig), Platz vor dem Regierungsgebäude und Meitli Brunnen mit Bank in der Altstadt.

Frauenfeld geht bei der Gestaltung seiner öffentlichen Räume neue Wege. Alleen spielen dabei eine wichtige Rolle. Wie vorbildhaft die Thurgauer Kantonshauptstadt handelt, zeigt das bisher grösste Projekt, der Stadtpark Murgwiese.

 

18. Oktober 2014 von Gerhard Mack

 

Frauenfeld ist eine grüne Stadt, und sie liegt im Grünen. Viele Strassen sind von Baumreihen gesäumt, in Vorgärten wuchern Büsche. Die Natur schiebt sich in Zungen in die Quartiere. Wieso braucht so eine Stadt ein eigenes Grünraumkonzept? Und wieso soll ausgerechnet dieses zur Grundlage der stadträumlichen Entwicklung von Frauenfelds Zentrum werden? Gerade deshalb, weil die Stadt so sehr mit der Natur, mit Bäumen und Wasser lebt, weil diese ihren Charakter prägen. Deshalb sollte sich diese nutzbar machen, wer Frauenfeld weiterentwickeln möchte. Zumal, wenn er der Überzeugung ist, dass das Weiterbauen von Stadt heute oft besser in kleinen Schritten vorankommt als in wuchtigen Setzungen. Dialog zwischen Bestand und Neubauten ist das zentrale Stichwort.

Den Meitli-Brunnen ergänzt
«Stadtentwicklung ist oft Stadtreparatur, das Zurechtrücken von etwas, das nicht ins Gefüge passt. Manchmal genügt da schon ein einzelner Baum», sagt Thomas Hasler. Er hat sich mit Astrid Staufer der Fortentwicklung derjenigen Stadt verschrieben, in der die beiden Partner und Hochschul- Professoren schon lange ihr angesehenes Architekturbüro betreiben. Ein Baum stand denn auch am Anfang einer Diskussion über eine Fortentwicklung des öffentlichen Raums im Zentrum. Astrid Staufer ergänzte den Meitli-Brunnen in der historischen Altstadt mit einer Platane und einer Bank. Seither haben die beiden Brunnen-Mädchen einen Ort, an dem man gerne sitzt und den Passanten zuschaut.
Bäume dienen auch dazu, den historischen Ring wieder als Prachtstrasse zu beleben, wie sie im 19. Jahrhundert rings um die Altstadt angelegt war. Von der Post über das Rathaus und die ehemalige Kantonsschule bis zum Regierungsgebäude liegen alle repräsentativen Bauten an ihr aufgereiht wie die Perlen einer Halskette. Viele Eingriffe haben diese Klarheit über die Jahre hinweg aber verwischt.
Staufer & Hasler Architekten konnten die Ämter, die involviert waren, dabei unterstützen, Strassenräume zu vergrössern und zu klären, damit Raumreihen gepflanzt, die Allee der Promenade auf ihre historische Länge erweitert und der Raum vor dem prächtig renovierten Regierungsgebäude zu einem Platz vergrössert werden kann, der ein Dach aus Platanen erhält. Überdies wurde der Botanische Garten erweitert. Während vieles davon noch in der Entwicklung steckt, konnte das bisher grösste Projekt des urbanistischen Grünraumkonzepts bereits weitgehend umgesetzt werden: die Neugestaltung der Murgauen zum Stadtpark Murgwiese. Der Fluss wurde nach dem Jahrhunderthochwasser von 1876 begradigt. Hinter einem Schutzdeich siedelte sich Industrie an. Später kam das Militär und nutzte das Gelände als Waldkampfbahn. Als es abzog, bat die Stadt Staufer & Hasler Architekten, über eine neue Nutzung  nachzudenken. Die kleinen Armeebaracken verfielen. Ein alter Industriekanal verlandete. Das Areal war sich selbst überlassen. Hier sollte ein Naherholungsgebiet für die Bevölkerung entstehen, das auch ökologisch sinnvoll war.

Von der Natur bestimmt
Die Architekten entwickelten ein Gestaltungskonzept, das von der vorhandenen Natur bestimmt wurde, nicht von einer übergeordneten Geometrie, wie sie sonst oft Parkplanungen bestimmt. Und sie übersetzten es in eine Vielzahl von kleinen Massnahmen, die alle vom jeweils zuständigen Dezernat in Eigenregie durchgeführt werden konnten. Als Grundlage diente ein Geländeplan vor der Begradigung der Murg. Er zeigte nicht nur den ursprünglichen Verlauf des Flusses an, sondern erlaubte auch Berechnungen der Überschwemmungen bei Hochwasser. Ein Teil des Dammes konnte abgetragen, die Murg durch eine Schlaufe erweitert und renaturiert werden. Das alte Flussbett hat man als Nebenlauf wiederbelebt, der mit dem Hauptfluss eine bewaldete Insel einschliesst.

Ein schnurgerader Kanal
Wer vom Bahnhof her der Murg entlang schlendert, sieht heute hinter einem Schuppen mit einer  kleinen Turbine das Wasser einen schnurgeraden Kanal entlangfliessen, wie es Kanäle in unserer  Phantasie überall tun. Fische überspringen die neu eingebauten Stufen. Der Weg, der den Wasserarm begleitet, wird zu den Häusern der nahen Siedlung hin von einer Reihe Kastanien gesäumt, die verdichtet wurden. Die ehemalige Allee wird wieder spürbar. Auf der gegenüberliegenden Seite  gewähren Cluster von Büschen und Hecken Durchblicke auf die angrenzende Wiese.
Wo diese auf die Murg trifft, ist ein pavillonartiger Bau errichtet, der an Forstarchitektur erinnert. Er steht an der Stelle der ehemaligen Militärbaracken und bietet preisgünstig neben Veranstaltungsraum auch Küche und Kiosk. Von der grosszügig überdachten Freifläche hat man einen grandiosen Blick auf die renaturierte Murg und die Kieslandschaft, die sich an Stelle des alten Dammes ausbreitet.
Der einfache Holzbau in dunklem Rot ist eine von mehreren Follies, die die Architekten entworfen haben. Vorbild dafür war unter anderem der Parc des Buttes-Chaumont, den Napoleon III. 1867 zur Weltausstellung in Paris eingeweiht hat. Der englische Landschaftsgarten war ein Auftrag des Kaisers an den Architekten Haussmann. Napoleon war im Thurgauer Schloss Arenenberg aufgewachsen und hatte dort mit seiner Mutter Hortense den Garten angelegt. Den Architekten gefiel dieser Bezug. Für die Murgauen sahen sie auch einen Aussichtsturm im Waldstück und am Ende des Kanals eine Orangerie als Point de vue vor. Während beides Sparmassnahmen zum Opfer fiel, konnten immerhin drei von fünf Stegen realisiert werden, die von Jürg Conzett, dem führenden Brückenbauer der Schweiz, entworfen wurden. Sie schlängeln sich durch den Wald, überwinden Senken und ermöglichen Spaziergängern und Schülern Durchquerungen. Da, wo eine Brücke über den altneuen Arm der Murg eingespart wurde, hat man mit Felssteinen eine Furt angelegt, die Kinder mit Freude dem breiten Steg in Sichtweite vorziehen werden.
Am Ende der kleinen Waldinsel, da, wo der neu installierte alte und der Hauptlauf der Murg ineinanderfliessen, wird besonders deutlich erfahrbar, wie die Grünzungen in die Stadt hineingreifen und sie mit der umliegenden Landschaft verbinden: Da setzt die dritte Brücke von Jürg Conzett den Wanderweg fort, der unter der Autobahnbrücke hindurch nach Ittingen zur Kartause führt.

Biber, Fische, Enten und Vögel
Bevor der Wanderer die Stadt verlässt, trifft er noch auf eine Stauung des Seitenarms: Hier hat ein Biber begonnen, eine Burg zu bauen. «Nicht, dass wir Ökofreaks wären», sagt Thomas Hasler. Dass die künstliche Szenerie der gestalteten Murgauen aber nicht nur für die Menschen da ist, sondern auch zu einem neuen Hort für Tiere wird, das freut ihn jedoch sehr. Fische, Enten und Vögel sind von alleine gekommen. Hier kann man Tiere erleben, ohne Volieren zu bauen.

 

Bilder: Hanspeter Schiess