Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: August 2014

Wie Heerbrugg eine Chance vertut

  • Kantonsschule Heerbrugg mit Kunst am Bau - der Skulptur  'Vanessa' im Foyer von Alex Hanimann.
  • Kantonsschule Heerbrugg mit Kunst am Bau - der Skulptur  'Vanessa' im Foyer von Alex Hanimann.

Die neue Kantonsschule im Rheintal wurde gerade erst eingeweiht. Eine Skulptur von Alex Hanimann könnte in ihr ein Glanzlicht setzen, zeigt aber die Probleme mit Kunst am Bau.

 

23. August 2014 von  Gerhard Mack

 

Kunst am Bau ist eine umstrittene Aufgabe. Rund ein Prozent der Bausumme sollte für sie aufgewendet werden. Bauherren haben aber immer wieder das Gefühl, das Geld könnte für anderes sinnvoller ausgegeben werden, und wollen es einsparen. Architekten sehen sich gelegentlich selbst als Künstler, deren Raumwirkungen durch visuelle Eingriffe gestört werden. Von Le Corbusier bis zu Richard Meier wollten manche von ihnen den Bauherren vorschreiben, wo sie ihre Bilder aufzuhängen hätten. Künstlerverbände dagegen kämpfen um Kunst am Bau, weil sie für ihre Mitglieder eine Einnahmequelle darstellt und Gestaltung zu ihren Kernkompetenzen zählt. Darin findet vor allem aber auch der Wettstreit seinen Ausdruck, in dem die Geschwister Kunst und Architektur schon in der Renaissance um ihre Positionen kämpften.
Welche Chancen und Schwierigkeiten das Zusammenspiel zwischen beiden in zeitgenössischen Bauten bereithält, zeigt exemplarisch die neue Kantonsschule in Heerbrugg, die diesen Mai ihre Eröffnung feierte.

Zentrale Eingangshalle
Die 1975 erbaute Anlage musste gebäudetechnisch saniert werden und entsprach mit ihrem Raumangebot nicht mehr den Anforderungen an einen zeitgemässen Unterricht.  Huggenbergerfries’ Architekten aus Zürich behielten vom bestehenden Z-förmigen Ensemble Westtrakt und Turnhalle bei und verbanden sie durch einen zentralen viergeschossigen Neubau. Wer sich der Schule vom Dorf her nähert, trifft auf ein Gebirge aus Beton. Eine Fassade aus tragenden Betonstützen, die der Fensterschicht vorgelagert sind, verbindet die verschiedenen Bauten. Ein weiter Vorplatz aus Rampen, Treppen, Flächen und Einschnitten führt wie ein Prozessionsweg hinauf zum Eingang, der als überraschend niedere Schleuse ausgeführt ist. Erst wer durch sie hindurch gegangen ist, gelangt in eine zweigeschossige Eingangshalle, die als zentrales Gelenkstück die verschiedenen Bereiche erschliesst. Treppen verbinden Splitlevels, ein Balkon zieht sich über zwei Etagen den Wänden entlang. Tiefe Betonrippen geben der Decke eine starke Räumlichkeit, wie sie bereits die kassetierten und farbig gefassten Sichtbetondecken des sanierten Westflügels besitzen.
Hier schafft Architektur nicht einfach Räume, sie setzt sich auch kraftvoll selbst in Szene. Hier geht man nicht nur zur Schule, man betritt einen modernen Tempel der höheren Bildung. Dass die Schülerinnen in modischen Hot Pants und die Schüler in lässigen T-Shirts die Räume wechseln, dass sie mit der Wucht des Raums locker umzugehen wissen, tut diesem Eindruck keinen Abbruch.
Da verwundert es nicht, dass Alex Hanimann im Rahmen der Kunst-am-Bau-Gestaltung vorschlug, eine gut fünf Meter hohe Skulptur in die riesige Eingangshalle zu stellen. Er hat gespürt, dass die komplexe architektonische Situation einen Fokus braucht. Und er wollte wohl auch deutlich machen, dass dieser zentrale Blickpunkt nicht die Architektur, nicht die Lehrer, sondern einzig und allein die Schülerinnen und Schüler sein können. Ihrer Ausbildung dient die Kanti. Deshalb sollte eine Figur aus ihrem Kreis die realen Lernenden empfangen. Sie würde dem Ort physisch Halt und geistig Identität geben. Alex Hanimanns Skulptur ging aus einem eingeladenen Wettbewerb hervor. Die erste Fotomontage nach einer Schülerin wurde bald abstrahiert. Bei einem Spaziergang sah der Künstler einen verchromten Gartenzwerg und erkannte dessen Potenzial für seine Skulptur. Felix Lehner von der Kunstgiesserei St.Gallen schlug vor, sie aus Chromstahl treiben zu lassen. In China wird das Handwerk noch kostengünstig praktiziert.
Das Modell wurde in einem Casting ermittelt. Der Künstler wollte ein Mädchen im Gymi-Alter. Die Schulleitung stimmte nach anfänglichen Vorbehalten zu. Unter den Schülerinnen der dritten Klasse, die sich auf die Anfrage des Künstlers meldeten, entsprach Vanessa am meisten den Anforderungen: «Ich suchte nach einer typischen Gymnasiastin, deren Ausstrahlung zurückhaltend, aber prägnant war», erinnert sich Hanimann.
Mit Hilfe von Fotos legte man sich auf Kapuzenpulli, Jeans undTurnschuhe als Kleidung fest und einigte sich auf Körperhaltung und Gestik. Ein Scan wurde angefertigt und aus Styropor gefräst, fehlende Details hinzugefügt und die fertige Vorlage im Massstab 1:1 nach China transportiert. Dort trieben Handwerker kleine Teilflächen, schweissten sie zusammen und polierten die fertige Figur auf Hochglanz. Ganz beiläufig spiegeln sich in ihr die Schülerinnen und Schüler, die vorbeigehen.
Vanessa ist dann trotz ihrer fünf Meter Länge eine von ihnen, sie sind für Augenblicke ein Stück weit wie sie. Ein Konzept, das einsichtiger und griffiger kaum sein kann. Und ein hervorragendes Beispiel dafür, was Kunst am Bau leisten kann.

Vanessa – ein Koloss
Was sieht man nun aber, wenn man die Kanti Heerbrugg besucht? Vanessa steht nicht im Zentrum der Eingangshalle, sie darf nicht den Mittelpunkt beanspruchen, sondern ist dicht vor den Eingang geschoben. Dort wird sie den Schülern fast auf die Nase geschubst. Der erste Blick trifft auf die Beine. Vanessa ist nicht mehr eine von ihnen,  sondern ein Koloss, dessen Körper fast fragmentiert wird, wie die Überreste einer antiken Statue.
Begründet wird die Positionierung mit praktischen Erwägungen. Ein örtlicher Musikverein will hier seine Aufführungen durchführen, die Schule will offen sein für die Gemeinde. Das klingt freundlich, kann aber so kaum stehen bleiben; zu sehr scheint sich darin eine Haltung zu spiegeln. Denn die Skulptur ist nicht nur aus dem Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Da, wo sie jetzt steht, wird sie auch eingebunden in die komplizierte architektonische Inszenierung, statt diese zu klären.
Wer zum Ausgang strebt, nähert sich der Figur von hinten. Da sieht sie aus, als wollte man sie aus der Schule hinausschieben. Dazu passt, dass die Schulleitung Pinboards auf Rollenständern in die Halle gestellt hat, die den offenen Raum versperren. Eine dieser Tafeln steht direkt neben Vanessa. Sie enthält die «Verlautbarungen des  Rektorats ». Das wirkt so, als wollte man sie reglementieren. Da könnten Kanton St.Gallen und Kanti Heerbrugg mit einer der spannendsten Skulpturen der letzten Jahre glänzen und ziehen es vor, auf diesen Aufbruch zu verzichten. Eine Verschiebung um ein paar Meter in die Mitte hätte Kunst und Architektur zu einem grossartigen Einklang gebracht. So hat sich die Schule lediglich pflichtschuldigst mit einer Skulptur ausgestattet. Kunst am Bau ist wieder einmal eine ungeliebte Pflicht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Tage des Denkmals

Zu Tisch – im schützenswerten Restaurant

Mo 25. August 2014, 19.30 Uhr im Forum

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Die traditionellen Erststock-Beizli St.Gallens sind längst als geschichtsträchtige Orte bekannt, die Kundschaft schätzt das spezielle Ambiente in den pittoresken, denkmalgeschützten Altstadthäusern. Wie sieht es aber mit herausragenden, noch erhaltenen Restaurants des 20. Jahrhunderts aus? Wie können wir diese für zukünftige Generationen bewahren? Wie bringen wir die Ansprüche der Gäste, die Anforderungen der WirtInnen und die Auflagen der Denkmalpflege unter einen Hut? Ausgehend von einer nationalen Gesamtschau, einem Blick in die Architekturgeschichte und auf spezifische St. Galler Beispiele, erörtern wir diese und weitere Fragen am Eröffnungsabend der diesjährigen Tage des Denkmals.

Referierende
Roland Flückiger, Architekt und Architekturhistoriker, Autor von diversen Publikationen zur Hotelarchitektur, Bern:
Architektur für das Gastgewerbe. Von der Ablehnung der Historismusbauten und ihrer Interieurs bis zur Wiederentdeckung und Erhaltung in den letzten Jahrzehnten.

Leza Dosch, Kunsthistoriker, Autor und Gutachter zur Architektur vor allem des 20. Jahrhunderts, Chur:
Neuere Restaurant-Interieurs mit Blick auf die Stadt St. Gallen. Architekturkonzepte und Formensprachen des Neuen Bauens und der Nachkriegsmoderne.

Katrin Eberhard, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, Denkmalpflege der Stadt St. Gallen Heinrich Grafs Walhalla (1963 – 66) – Bericht aus der Praxis. Bewahrt, ergänzt, ersetzt, dem Zeitgeist angepasst … wieviel Veränderung verträgt ein schützenswertes Restaurant?

Diskussion
Moderation Niklaus Ledergerber, Denkmalpfleger der Stadt St. Gallen

Eintritt 10.– / Mitglieder gratis

Europäische Tage des Denkmals
13. / 14. September 2014
www.hereinspaziert.ch

Einladungskarte August

Der diskrete Charme der Einfachheit

  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.
  • Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.

Flussbäder sind den Schweizern lieb, man kann mit oder gegen den Strom schwimmen. Besonders gut lässt sich dies beim renovierten
Rheinbad Rodenbrunnen bei Diessenhofen tun. Mit viel Gespür wurde ein unspektakuläres Kleinod der Nachkriegszeit auf Vordermann gebracht.

 

19. Juli 2014 von Marina Hämmerle

 

Der Gang zur Rhybadi führt östlich des mittelalterlich angelegten Stadtkerns über einen Kiesweg hinab zum Flussufer. Roman Giuliani, vom zuständigen Planungsbüro Moos Giuliani Hermann Architekten und Kopf des Bürostandortes Diessenhofen begleitet zum unlängst fertiggestellten Umbau der städtischen Badeanlage. Rodenbrunnen war ursprünglich um 1900 ein Holzkastenbad, welches 1940 abgebrochen wurde. Ein einfacher Holzbau mit Einzelumkleiden, nach Plänen des Diessenhofer Architekten Andreas Bachmann errichtet, startete 1949 seinen Sommerbetrieb.

Kleinstadt wird aufgewertet
Die kleine Infrastruktur für Sonnenhungrige und Schwimmfleissige findet Anklang und wertet den charakteristischen Erholungs- und Freiraum der Kleinstadt am Rhein mit wenigen Massnahmen auf. In den 1990er-Jahren wurde hangseitig eine Küche angebaut und nach vorne um eine überdachte Terrasse erweitert.
Sowohl Küche wie sanitäre Einrichtungen waren in die Jahre gekommen und mussten erneuert werden. Moos Giuliani Hermann Architekten erhielten 2009 den Auftrag zur Sanierung und Erweiterung, etappenweise wurde der Kleinkind-Schwimmbereich und die Adaptierung des Garderobenhauses  ausgeführt.
Die Nachkriegsidylle deutschsprachiger Filmproduktionen hängt in der Luft, ihre Musik schwingt atmosphärisch nach wie vor im gepflegten Raum, zwischen gemächlich fliessendem Rhein und steil ansteigendem Terrain hinauf zur Steinerstrasse. Die Nachbars-Badi am gegenüberliegenden alemannischen Ufer lockt mit mehr Brimborium und aktuell Vertrautem. Doch gerade das Konservieren dieser Einfachheit der angehenden 1950er-Jahre machen den Reiz von Rodenbrunnen aus. Bei der Einweihung noch mit Holzverschalung in Natur und dunkelroten Abdeckleisten, wurde die Badi im Zuge früherer Sanierungsarbeiten mit einem hellbeigen Farbanstrich versehen, die Holzleisten blieben wie gehabt.
Verunstaltet wurde die Ausgangssituation durch spätere Anbauten. Für die anstehende Sanierung wurde das im Raum Zürich und Umgebung erfolgreich agierende, lokale Architekturbüro beigezogen. Das Büro legte eine Gesamtplanung der Anlage vor, Krebs Rotzler und Partner waren mit von der Partie. Die baulichen Massnahmen wurden grösstenteils umgesetzt, die landschaftsplanerischen fielen dem Rotstift zum Opfer und wurden nicht ausgeführt. Roman Giuliani und sein Team, federführend bei der Umsetzung Jacqueline Sauter, bereinigten bei ihrer Planung den Baukörper, führten ihn zurück auf den Ausgangsbestand und verlängerten ihn um annähernd das doppelte Mass. Konstruktion, Farbe und Anschlussdetails wurden beibehalten und ergänzt.
Eine Neueindeckung des Pultdaches mit bekiester Dachpappe fand bei der Stadtverwaltung aus ökonomischen Gründen keinen Anklang. So blieb es bei der dunkelbraunen Welleternit-Eindeckung und deren Weiterführung.

Details unterwandern Eindruck
Da zur Badeanlage vom Stadtraum hinuntergegangen wird, liefert die Draufsicht kein unerhebliches Detail; eine dünnere Eindeckung wäre der ursprünglichen Anmutung mit zarter Firstkante weit mehr entgegen gekommen. Ein Umstand, der auch die Architekten schmerzt, zumal bei der Ausführung die Dachneigung bei einer früheren Sanierung künstlich angehoben wurde und die Firstansicht so zusätzlich aufgedoppelt wurde. Die betonierte Hangseite ist mit Holz verschalt, dem Ankommenden wird der Blick auf getrimmten Rasen und lockendem Rheinwasser gerahmt. Die Einladung wirkt, die kleine Geste ist wohldurchdacht.
Das Bistro wurde mit zwei grossen Öffnungen versehen, die Küche ist nun professionalisiert und funktional, der angrenzende Kühlraum tut das seine
dazu. Aber auch hier unterwandern Details den guten Gesamteindruck.

Der Anlage gerecht werden
Möblierung und Bespielung sind das Um und Auf in der Gastronomie und runden die Architektur ab – oder eben auch nicht. Da braucht es einen Auftraggeber und Betreiber mit Gespür, damit die mit feiner Feder gezogene Handschrift der behutsam sanierten, historischen Anlage entsprechend vollendet wird.
Ähnliches findet sich im Aussenbereich. Das beginnt bei den nicht akkordierten Treppenanlagen beim gesicherten Schwimmbereich bis zur willkürlichen Plazierung von Spielgeräten und Tischtennistischen. Dennoch, die Flusskante und der schwungvoll gefasste Schwimmbereich I–V mit den von Bachmann angelegten Becken unterschiedlicher Wassertiefen helfen den Badenden, sich dem Strömungsbecken gefahrlos anzunähern und sind gut gestaltete Stege und Bordkanten. Sie runden die Gesamtanlage ab, zeigen, wie Bauen am Wasser geht und wie wenig es braucht, um den Moden der Zeit zu trotzen und nach Jahrzehnten noch einladend zu wirken, weil gut geplant und mit der Landschaft versöhnt.
Dieses Verständnis bringen Denkmalamt und Architekten mit, und es ist ihnen gelungen, das Vorhandene sinnvoll und wertschätzend zu erweitern.

Form und Detail verknüpfen
Bei denen, die es in Obhut haben, wünschte man sich mehr an Vertrauen in gestalterische Massnahmen und einen ausgeprägteren Sinn für das Wesentliche. Denn Einfachheit kommt dann gut, wenn Funktion und Material, Form und Detail aufs Beste verknüpft werden. Dann findet sich daran Charme, Klasse und manchmal Bescheidenheit. Das hat seinen Preis, dafür rechnet es sich à la longue, denn eine solche bauliche Liaison hat Bestand und überdauert Generationen.

Serie Gutes Bauen in der Ostschweiz. Freibad Rodenbrunnen am Rheinufer.

 

Bilder: Hanspeter Schiess

Individuell und sehr beweglich

  • Gutes Bauen, Raiffeisen
  • Gutes Bauen, Raiffeisen
  • Gutes Bauen, Raiffeisen
  • Gutes Bauen, Raiffeisen

Wie vergeben grosse Bauträger ihre Aufträge? Die Raiffeisenbanken haben ein attraktives Modell mit Wettbewerb und Beratung entwickelt –
keine Rezepte vom Band, sondern individuelle Konzepte für jeden Standort. Das scheint sich für die Bank auch zu rechnen.

 

14. Juni 2014 von Gerhard Mack

 

«Wir hatten eine gute Passantenlage, aber eine ungünstige Bank», sagt Daniel Brüschweiler. Also packte die Raiffeisenbank Schaffhausen einen Umbau an, obwohl sie erst vor 15 Jahren in das Gebäude direkt gegenüber dem Bahnhof eingezogen war. Die Parzelle ist schmal und lang, wie es in mittelalterlichen Innenstädten üblich war. Da bedurfte es eines kühnen Einfalls, um der kleinen Bank Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Ein völlig neuer Auftritt
Die Architekten griffen auf die Wandbemalung eines Hauses in der Altstadt zurück und schufen daraus ein Retro-Design im Stil der 70er-Jahre: Sie verkleideten eine Längswand mit rautenförmigen Gläsern, deren Farben von cremigem Weiss über Gelb, Orange und tiefem Rot verlaufen. Dass sie von künstlichem Licht hinterleuchtet werden, lässt sie auch am Tag richtig knallen. Kaum ein Passant geht vorüber, ohne kurz durch das Schaufenster zu schauen. Im Eingangsbereich steht ein zackig geschnittener Empfangstresen, dessen Form die Lichtschienen an der Decke aufnehmen. Der Raum bleibt  eng, der Besucher empfindet ihn aber als offen und angenehm. Für rund zwei Millionen Franken hat die kleine Bank für Kunden und Mitarbeiter einen völlig neuen Auftritt gewonnen.
Die Raiffeisenbank Schaffhausen ist eine von 316 in der ganzen Schweiz. Diese betreiben mit 1032 Filialen das dichteste Bankennetz der Schweiz. Jede Bank ist eine eigenständige Genossenschaft, die für sich selbst entscheidet und ihre Ausgaben selbst bestreitet. Gebaut wird viel, doch nicht überall gibt es Experten. Als Unterstützung bietet die Zentrale in St. Gallen eine Bauherren- beratung an. Sieben Architekten betreuen jeweils eine Region und können für Bauaufgaben kontaktiert werden.
«Am Anfang vor fünfzehn Jahren war das für viele fremd und brauchte Über- zeugungsarbeit, inzwischen werden wir fast immer zu Bauaufgaben hinzugezogen », sagt Andreas Hüttenmoser, der für die Ostschweiz zuständig ist. Inzwischen besteht ein gutes Vertrauensverhältnis, die Banker wissen, dass eine gute Architektur auch effizientere Abläufe ermöglicht. Zentral ist die Vorbereitung und Durchführung von Wettbewerben. Sie werden öffentlich mittels Anzeigen, vor allem in der Fachzeitschrift «Tech21», ausgeschrieben, aus den Einsendungen werden meist fünf ausgewählt und dem Verwaltungsrat der jeweiligen Bank vorgestellt, der dann eine Entscheidung trifft. Getrickst wird nicht; es geht um Qualität, nicht um die Ausschaltung von Gremien und Architekten, wenn die Baubewilligung erst einmal erteilt ist. Bevorzugt werden Bewerber aus der Region.

Den Standorten verpflichtet
Die Raiffeisenbanken sind als Hilfsvereine für verarmte Bauern als regionale Initiativen entstanden, sie fühlen sich bis heute ihren Standorten verpflichtet. Das wirkt sich auch bei der Vergabe von Aufträgen aus. So wurde der Umbau der Raiffeisenbank Appenzell ganz aus der engeren Umgebung bestritten: Die Architekten Jeannette Geissmann, Regula Geisser und Marcel Züllig sitzen in St.Gallen. Die Handwerker kamen aus den beiden Appenzeller Kantonen, einzig der Gipser war aus St.Gallen.
Das historische Stadthaus ist unter Einhaltung strenger Auflagen der Denkmalpflege zu einer modernen Bank geworden. Der Eingang wurde an seine ursprüngliche Stelle an der Hauptgasse zurückversetzt. Geschützte Elemente wie eine Wandmalerei oder eine historische Stube mit geschnitzter Wandtäferung wurden geschickt eingebunden. Neu gestaltete Elemente nutzen die lokale Tradition der Holzverarbeitung. Holz von einer selten knorrigen Ulme spielt von Türfassungen über Böden bis zum Banktresen das Leitmotiv. Die Bank empfängt ihre Besucher wie ein Hotel – nicht wie ein Hochsicherheitstrakt. Architekten und Bauherrschaft ist ein Bijou gelungen.
Gehören viele Raiffeisenbanken landauf landab nicht zu den langweiligeren Bauten? «Etwa 25 Prozent unserer Bauprojekte erreichen eine sehr gute Qualität, weitere 50 sind in Ordnung, ein Viertel ist nicht ganz so, wie wir uns das heute wünschen», bestätigt Andreas Hüttenmoser. Das Qualitätsspektrum hat vielleicht auch mit der regionalen Begrenzung zu tun. Ein Bau kann nur so gut werden, wie Architekten und Bauherrschaft es zulassen. Deshalb wird die Region ausgeweitet, wenn sich vor Ort niemand findet, der die gewünschte Qualität garantieren kann.

Auf Namensschild reduziert
Der positive Aspekt des Regiokonzeptes aus architektonischer Sicht ist die Chance zur Vielfalt. Während eine UBS es zu ihrem erklärten Ziel macht, dass ihre globalen Kunden überall auf der Welt sofort wissen, dass sie sich in ihrer Bank befinden, sobald sie eine Filiale betreten, reduziert Raiffeisen die Corporate Identity auf das rote Namensschild. Die Bauten dürfen so verschieden sein, wie Bauherren und Architekten es wollen.

Für den Ort gebaut
Darin ist das Konzept der individuellen Trägerschaft und der Beratung durch Bauherren durchaus vorbildlich für grosse Bauträger. Hier gibt es keine Rezepte vom Band, hier werden keine Schablonen aus der Schublade gezogen und jede verwandte Aufgabe variiert. Jeder noch so kleine Umbau wird für
den Ort gebaut. Nicht einmal für die Inneneinrichtung gibt es Standards. Jeder möbliert nach den Vorstellungen, die er hat. Und gerade das scheint sich
auch zu rechnen. Die Affinität der Kunden zu ihrer Filiale gilt als hoch, der Umsatz ist zuletzt, wohl auch durch das Finanzgebaren der Grossen, um 40 Prozent gewachsen.
Und noch etwas scheint man bei Raiffeisen vorbildlich begriffen zu haben: Die Bauträger wollen Öffentlichkeit. Sie wollen, dass ihre Kunden zu ihnen kommen und gerne bei ihnen verweilen. Die neuen Schalterbereiche ähneln fast allesamt einer Lounge. Im Neubau der Raiffeisen Flawil von Gähler Architekten aus St.Gallen ist das noch weiter getrieben: Da trennt nur eine Glastür, die sich bei Annäherung öffnet, ein neues Café und die Kundenzone der Bank.

Bilder: Roger Frei, Jean-Claude Jossen, Johannes Eisenhut

Bauen ausserhalb der Zeit

  • Gutes Bauen in der Ostschweiz
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz
  • Gutes Bauen in der Ostschweiz

Der Bauern werden weniger, vielerorts werden Höfe aufgegeben und bemühen sich Nachnutzer um die Übernahme. Welche Spannungsfelder sich bei Ersatzbauten auftun können, zeigt ein Beispiel im Gemeindegebiet von Wolfhalden.

 

31. Mai 2014 von Marina Hämmerle

 

Im Appenzeller Vorderland wurde die Hügellandschaft über Jahrhunderte durch die Graswirtschaft kultiviert. Die landwirtschaftlichen Betriebe waren kleiner als heute und weit mehr an der Zahl. Die meisten dieser Landwirtschaftsbetriebe bilden Einzelgehöfte oder kleine Weiler ausserhalb der Bauzone, jenseits der dörflichen Siedlungsränder inmitten ihrer zu bestellenden Felder und Wälder. Vielfach dienten sie mit ihren feuchten Erdböden im Untergeschoss auch der Heimweberei für die Textilhändler der Region und dem nahen Textilzentrum St.Gallen.

Grundlage der Landschaftspflege
Die Häuser prägten nicht nur das Bild des Appenzells, sondern gewährleisteten durch ihre Funktion auch die Grundlage der Landschaftspflege. In Zeiten der EU-Milchwirtschaft veränderten sich auch in der Schweiz diese Strukturen – viele Betriebe wurden aufgelöst. Dies weckt das Interesse urbaner Erholungs- suchenden, zumal die Häuser oft idyllisch in den Landschaftsraum gebettet sind und mit besonderen Ausblicken auftrumpfen können. Mittlerweile ist ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Streusiedlungen in andere Nutzungen überführt.
Diese Umwandlung stand auch beim kleinen, typischen Kreuzfirsthaus im Gemeindegebiet von Wolfhalden an. Das Haus zierte eine Waldlichtung mit spektakulärer Seesicht. Jahrelanger Dornröschenschlaf hat an der Substanz genagt bis sich ein Rheintaler Handwerker und Unternehmer um den Kauf des
Objektes bemühte. Ein namhafter Architekt und Kenner der Region, Hubert Bischoff, wurde beigezogen. Neben ästhetisch-praktischen Fragen galt es für den Architekten auch wirtschaftliche Aspekte zu untersuchen. In Summe entschied man sich zu Abbruch und Neuplanung eines Ersatzbaus gemäss einer erweiterten Bestandesgarantie. Ein heikles Unterfangen. Denn die Bilder zu zeitgenössischem Bauen im Alpenvorland von Architekt und Baubehörde klafften auseinander – beide Seiten mussten sich in einem anstrengenden Prozess finden. Baugesetz und Raumplanungsgesetz pochen zu Recht auf die Einbettung in den Landschaftsraum, auf die Wahrung der Identität und das Errichten mit Qualität. Ein zentrales Anliegen der gesamten Alpenregion.
Ausserhalb der Bauzonen haben sich Neubauten und Renovationen an traditionellen Gebäuden der herkömmlichen Bauart anzupassen, die Umgebung ist möglichst unverändert zu belassen, verlangt das Gesetz. Ähnliches findet sich auch in den Ortsbildschutz-Bestimmungen in Vorarlberg. Nur sind diese dort weniger restriktiv und werden mit grösserem Spielraum ausgelegt und angewandt. Sorgfältiges Einordnen durch Standortwahl, Volumen, Materialien, Farbgebung und Bepflanzung sind die Zutaten für verträgliches Bauen im Landschaftsraum. Das würden die meisten Architekten wohl ebenfalls unterzeichnen.
Fördert der derzeitige Gesetzesentwurf die Entwicklung der Baukultur im Appenzellerland oder zielt er auf die Bewahrung tradierter Bilder ab? Die Liste gelungener, zeitgenössischer alpiner Architektur wäre derzeit noch nicht lange.

Veränderte Bedürfnisse
Das Haus in Wolfhalden spiegelt diese Zwänge eins zu eins wider. Was wir aussen sehen, ist nicht das, was innen ist. Baubehörde und Architekt einigten sich nach einigem Ringen auf den Wiederaufbau des appenzellischen Kreuzfirsthauses. Der anfangs eingebrachte Vorentwurf, ein einfaches traufständiges Heidenhaus mit Satteldach, wäre dem Raumprogramm weit näher gekommen, wurde aber in oberster Instanz nicht gutgeheissen. Das typische Kreuzfirsthaus gliedert sich in Wohnhaus und traufständigen Stadel. Mensch und Tier wohnten und wirtschafteten in einem gekoppelten Baukörper mit zwei ineinander verschmolzenen Dachformen. Was aber, wenn anstelle des Viehs und des Heus nun Autos dort Platz finden müssen, anstelle der kleinen Kammern Grosszügigkeit und räumliche Verschränkung gewünscht wird?
Verschärft wird die Thematik durch die Auflage der erweiterten Bestandesgarantie. Laut dieser darf der Bauherr die Wohnnutzfläche um maximal 60 Prozent der ursprünglichen Fläche ausweiten. Keine leichte Vorgabe für die Anpassung neuer Nutzungen. Das Haus auf der Lichtung orientiert sich detailgetreu am Bestand und bedient das Bild des Appenzeller Hauses mit wesentlichen Elementen – Setzung im Terrain, Umgebungsgestaltung, Kreuzgiebel, Dimension und Volumetrie, strukturiertes Fensterband auf der Hauptfassade. Dennoch irritiert das Haus bei näherem Hinsehen. Die ursprüngliche Unterteilung in Wohn- und Wirtschaftstrakt ist zwar vom Volumen her ablesbar, wurde aber in der Hülle aufgelöst.

Innen wie in einer Schatulle
Üblicherweise ziert das Wohnhaus eine Fassade aus Täfer oder Schindeln, die in deutlichem Gegensatz zur vertikalen Schalung des Wirtschaftstrakts steht – dadurch wird eine unmissverständliche Hierarchie der Funktionen ablesbar. Beim Ersatzbau umhüllt den gesamten Holzbau eine Schalung aus feinen, stehenden Lärchenleisten als Referenz der inneren Gewichtung. Der räumliche Schwerpunkt liegt nun auf dem Stadelteil. Das eigentliche Wohnzimmer besetzt hier den ehemaligen Wirtschaftstrakt, darüber eingeschoben der Schlafraum – beide Räume mit gerahmtem Blick über die Lichtung zum  Bodensee. Ein Raumkontinuum schafft hohe Wohnqualität. Die Bewohner wähnen sich in der feinst detaillierten und verarbeiteten astlosen Weisstanne an Boden, Wand und Decke in einer Schatulle.
In der darunterliegenden Garage parkieren bei Bedarf zwei Autos und raucht es sich wahrscheinlich gut im Fumoir vor dem hauseigenen Weinkeller. Im ehemaligen Wohntrakt breiten sich auf drei Geschossen Gästezimmer, Küche und zuoberst ein Badezimmer auffallend grosszügig aus. Dennoch bleibt Skepsis über die mit grosser Hingabe geformte Architektur mit ihrer potemkinschen Hülle, ist sie doch aus Zwängen heraus zur Replik von Vergangenem geworden. Das Haus passt sich zwar bestens in den Landschaftsraum ein, verhält sich angemessen in Material und Proportion. Und dennoch, der Baukultur gebührt ein grösserer Übersetzungsspielraum von Tradiertem, damit sich modernes Wohnen im Alpenraum entwickeln kann. Dafür müssen die Rahmenbedingungen überdacht werden, denn kulturelle Errungenschaften basieren oft auf Import von Neuem. Vielleicht ist es an der Zeit, dieses hereinzulassen.

 Gutes Bauen in der Ostschweiz

Bilder: Hanspeter Schiess