Architektur Forum Ostschweiz

Monatsarchive: Januar 2014

Die Kunst des Austarierens

Es ist nicht selbstverständlich, dass aus der Kombination mehrerer Bauherren und Planer auf einem gemeinsamen Grundstück das Fortschreiben eines Dorfteiles gelingt. Mit der Überbauung Chantun Sur in Pontresina ist es geglückt.

 

18. Januar 2014 von Marina Hämmerle

 

Im eng gewachsenen Dorfteil Laret, dem eigentlichen Dorfkern von Pontresina oberhalb der Via Maistra, steht die Chesa Melna, das Gelbe Haus. Es teilt seine Entstehungsgeschichte mit vielen anderen stattlichen Bürgerhäusern der Bergdörfer des Engadins und des Puschlavs. 1825 hatte Peter Jan Jenny das Haus aus seinen Einkünften als Zuckerbäcker im fernen Polen erbaut. Das Anwesen mit Stall und grossem bergseitig gelegenem Garten innerhalb der steilen, engen Gassen des Larets ist der Rückzugsort der Familie Saratz, die mit ihrem in fünfter Generation geführten gleichnamigen Hotel den Prospekt des Dorfes wesentlich mitprägt.
Das Gespräch mit dem bei Bau und Planungsprozess federführenden Bauherrn, Nuot Saratz, zeigt rasch, dass der Erfolg dieses Bauprojektes viel mit der eigenen Biographie und der Leidenschaft für Gemeindeentwicklung und Architektur zu tun hat. Neben seiner beruflichen Tätigkeit wirkte er jahrelang als Baufachchef von Pontresina bei der Gestaltung seines Heimatdorfes mit, auch anderswo auf dem Hochplateau des Engadins finden sich Spuren seines
Engagements.

Komponiertes Ensemble
Das Erbe unter vier Brüdern zu teilen, bedeutete zu verdichten und dort, wo ehemals der Garten war und ein baufälliges Engadiner Haus stand, weitere Häuser zu errichten. Befreundete Architekten wie Hans Jörg Ruch, der schon das Hotel mit dem Südflügel Ela Tuff gekonnt erweiterte, und die Lazzarinis waren für die kurzfristig angesetzte Aufgabe nicht verfügbar. Marchet Saratz, Vertreter der sechsten Generation und angehender Architekt, brachte seinen Professor Peter Märkli ins Spiel. Märkli wiederum holte ihm artverwandte junge Architekten ins Boot und beschränkte sich auf den Masterplan und den gemeinsam mit Marchet Saratz geplanten Umbau des Talvo, des Stalls, und den unterirdisch inszenierten Verbindungsraum für den Fuhrpark der geplanten 14 Wohnungen.
Märkli rückte den bestehenden Bebauungsplan im Rahmen des Möglichen zurecht und entwickelte die Vision eines aus verschiedenen Häusern komponierten Ensembles. «Wie gewachsen» sollten sie sich in das enge Siedlungsgefüge einpassen, und das lässt sich durch mehrere Handschriften eher bewerkstelligen.
Typologie, Lage und Ausrichtung der Einzelbauten definierte er als Grundlage für die weitere Bearbeitung. Mit den ausgewählten drei jungen Kolleginnen und
Kollegen verbindet ihn der universitäre Betrieb, das gemeinsame Arbeiten und die konzeptuelle Ausrichtung. Für die Bauherrschaft bedeutete dies eine grosse Portion an Vertrauen in die Projektleitung, da die Architekten nicht allzu viel an Bauerfahrung mitbrachten, dafür umso mehr an Finesse und Imagination.
Was Peter Märkli mit Marchet Saratz, Christof Ansorge, Ingrid Burgdorf und Alex Herter in ihren einzeln geplanten Bauten zusammenfügte, verlangte viel an Koordination von beteiligten Interessen und Austarieren von Bestehendem und Hinzugefügtem. Von den 14 Wohnungen sind knapp die Hälfte Erstwohnungen, sechs weitere Miteigentümer deponierten ihre Wünsche. Diese vielschichtige Melange an Eigentümern führte zwar zu einigen Verzögerungen, jedoch der Einbezug eines lokalen Bauleiters, einheitlicher Fachplaner für alle Häuser, und einer fachlich versierten Projektleitung durch die Bauherrschaft garantierte die konzeptuell und handwerklich hochwertige Umsetzung in sehr kurzem Zeitraum.

Zeitgemässes Wohnverständnis
Das Los entschied über die Bearbeitungsfelder. Alex Herter widmete sich der Adaptierung der Chesa Melna und deren Erweiterung durch einen Südflügel, der Chesin. Das Ockergelb, im Österreichischen das Schönbrunnergelb, verbindet Bestand und Neubau. Komplementär dazu das Taubenblau der Fensterläden, deren partielle Überhöhen auf die unters Dach verlegte Beletage verweisen. Das mit kleinem Versatz gelöste Vorspringen einer Raumschicht gegen den Innenhof entspringt dem Wunsch nach Hierarchisierung der Volumen und strukturiert. Die daran angebrachten weissen Putzfelder nehmen Beziehung auf zum Erker des Bestandes und den weissen Friesen der angrenzenden Chesa Immez.
Auf der Südseite kommen weitere Farben ins Spiel: das markante Oxidrot der ornamentalen Geländer – Ähnliches ersann Herter schon am Märkli-Bau für Novartis – bringt Eigenständigkeit ins Spiel. Die pragmatische, grossflächige Fensterlösung in gedecktem Grau, teils in die Pfeilerstruktur gesetzt, teils hinter vorgelagerter Loggia, tritt optisch zurück. Auch im Inneren überzeugt die
Verschränkung von Alt und Neu, die Grosszügigkeit des Raumflusses bringt zeitgemässes Wohnverständnis auch in den Bestand.
Der Talvo gibt sich nach aussen nahezu unverändert. Märkli und Saratz ermöglichen mit wenigen gestalterischen Eingriffen die Umnutzung zu Atelier und Wohnraum. Rohe Materialien entsprechen der Urtümlichkeit des Objekts, der Raum betört durch seine gedämpfte Lichtführung.

Positionsbezug zum Dorf
Ingrid Burgdorf gewann mit ihrer Neuinterpretation eines Engadiner Hauses die Zustimmung der Denkmalpflege, der Abriss des baufälligen Bestandes wurde gewährt. An der steilen Gasse türmen sich fünf Stockwerke im schlanken Bauwerk. Symmetrisch, nahezu venezianisch anmutend an der Eingangsseite, mit leichten Irritationen in der Anordnung arbeitend auf den anderen Seiten. Fenster, Loggien und Erker erzeugen durch ihre unterschiedlich artikulierten weissen Umrahmungen Korrespondenz zu bekannten Bildern ohne plattes Surrogat zu sein. Die Wohnungen basieren teils auf traditionellen Elementen wie dem Längsraum des Suler und erzeugen behagliche Atmosphäre innerhalb gut gewählter Proportionen.
Der neue Palazzo, die Chesa Sur, bildet den oberen Abschluss der Häusergruppe. Hier übernimmt Christof Ansorge das Motiv der Schauseite zum Dorf, ähnlich der Hotelpalazzi an der Via Maistra, und reagiert über den engeren Kontext hinaus, will Position beziehen zum Dorf. Die Fassade zelebriert Rhythmus und Ordnung durch Pfeiler aus geschichtetem Gneis, reckt sich hoch über die umliegenden Dächer und kaschiert das asymmetrische Satteldach. In den luxuriös geschnittenen Wohnungen verblüfft ein freigespielter Raumplan, basierend auf Durchblicken und räumlichen Verschränkungen.

Eingegliedert in Gewachsenes
Drei Komponenten führten zum Gelingen des Gesamtprojekts bis hin zum Fortschreiben der Dorfstruktur: Die ausgeprägte Bestellerkompetenz des Auftraggebers, der auf Angemessenheit anstatt auf Maximierung setzt, das feinsinnige Gespür für die diffizile Aufgabe und die strategisch kluge Vorgehensweise durch den Architekten, dessen Weitsicht, die Planung auf mehrere Kollegen zu verteilen, und nicht zuletzt die Fähigkeit der jungen Architekten, eine jeweils eigenständige und dennoch dem Ort verbundene
Anmutung der Häuser zu schaffen, ohne in Historismen zu verfallen. Das  Resultat ist ein Ensemble an Häusern, welches nicht nur von der Beziehung untereinander lebt, sondern vor allem auch durch deren geschickte Eingliederung in die gewachsene Struktur des Dorfkerns, atmosphärisch und selbstverständlich zugleich.

 

Bilder: Rasmus Norlander

Das Architektur Forum Ostschweiz wünscht schöne Weihnachten und alles Gute für das kommende Jahr.

Am 2. Februar starten wir mit unserer neuen Veranstaltungsreihe zum Thema „Struktur und Raum“.

Wir freuen uns auf ein weiteres spannendes Jahr. Bis im Februar!

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Die Auszeichnung des SIA für die zukunftsfähige Gestaltung des Lebensraums

Ausstellung: Do 26. Juni 2014, 17 – 20 Uhr, Sa 28. Juni 2014, 10 – 15 Uhr
Vernissage Mo 23. Juni 2014, 19.30 Uhr im Forum

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Vernissage

NOERD – Das Gewerbehaus der Kreativen
Vortrag von Beat Rothen, Architekt, Winterthur / Einführung durch Stefan Cadosch, Architekt, Präsident SIA
Das NOERD erhielt im Rahmen von «Umsicht 2013» eine Auszeichnung

Die Suche der Freitag lab. AG, einem international angesehenen Recylingtaschenhersteller aus Zürich, nach einem neuen Standort für ihr Headquarter und ihre Produktion war Auslöser für eine besondere Projekt- entwicklung in Neu-Oerlikon in Zürich.
Das NOERD setzt städtebauliche Impulse und schafft Identität, bieter aber auch mit seiner Dachlandschaft einen ungewöhnlichen Rückzugsort in der von Industrie und Gewerbe geprägten Umgebung.
Im NOERD wird maximal flexibler Raum zu minimalem Preis mit einer gewissen radikalen Ästhetik generiert, die zum Thema seiner Architektur wird. Es entfaltet seine Kraft aus der sichtbarkeit der Materialien. Die Rauheit des Rohbaus soll spürbar bleiben. Die Kontraste, die durch den Einsatz von Natur- und Industrie- produkten entstehen, schaffen ein taktiles Feld, das dem Gebäude eine unverwechselbare Identität gibt.

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Zum dritten Mal zeichnet der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA Projekte aus, die sich exemplarisch für die zukunftsfähige Gestaltung des Lebensraums einsetzen. Die Ausstellung zeigt die prämierten Werke, die allesamt von umsichtigen Schaffensprozessen zeugen und somit in ihrem Ergebins beispielhafte und zukunftsfähige Lösungen im Umgang mit den aktuellen Herausforderungen des Lebensraums Schweiz darstellen.
www.sia.ch/umsicht

Einladung Umsicht

Kunst im Forum – Ausgeleuchtet

Alexandra Maurer

Vernissage Do 27. Februar 2014, 18.30 Uhr im Forum
Ausstellung 28. Februar bis 23. März, Di–So 14–17 Uhr

Die St.Galler Künstlerin Alexandra Maurer visualisiert mit kraftvollen Bildern intensive Körpererlebnisse. Immer wieder konzentriert sie sich auf physische Extremsituationen. In ihrer jüngsten Videoarbeit kombiniert sie Aufnahmen aus dem Erdbebensimulator mit übermalten Sequenzen und Archivaufnahmen konkreter Erdbeben. Zudem präsentiert Alexandra Maurer auch ihre Malinstallation „Erdbeben“, die im Rahmen des Landis und Gyr-Kulturstipendiums in Berlin entstanden ist.

Sound für Videoinstallation von Daniel Zea

ausgeleuchtet

Informationsveranstaltung

Direktion Bau und Planung Stadt St.Gallen

Mo 24. Februar 2014,  17 Uhr im Forum

Die Direktion Bau und Planung Stadt St. Gallen lädt die Mitglieder der Fachverbände Architektur und Planung zur 5. Infoveranstaltung mit Kurzreferaten ein. Wir freuen uns auf neueste Informationen aus erster Hand:

Begrüssung durch Stadträtin Patrizia Adam

400 Tage neue Baubewilligungskommission – ein Erfahrungsbericht
Ernst Michel, Leiter Amt für Baubewilligungen
Hansueli Rechsteiner, Mitglied Baubewilligungskommission

Innere Verdichtung – Umsetzung und mögliche Stolpersteine
Brigitte Traber, stellv. Leiterin Stadtplanung

Sparen als Entwurfsfaktor – Auswirkungen von Fit13+ und Verzichtsplanung
Erol Doguoglu, Stadtbaumeister

Diskussion, Fragen und Antworten; anschliessend Apéro offeriert von der Stadt St.Gallen. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und einen interessanten Austausch.

Bild

Anmeldung
Informationsveranstaltung Direktion Bau und Planung Stadt St.Gallen
Ort: Architektur Forum Ostschweiz | Davidstrasse 40 | 9000 St.Gallen
Zeit: Montag, 24. Februar 2014 | 17:00 Uhr

Experiment

Experimente sind Versuchsanordnungen mit offenem Ausgang. Dass ihr Ausgang ungewiss ist, gehört zu ihrem Wesen. Und oft schlagen sie einen anderen Weg ein, als ursprünglich vermutet. Zum Beispiel vergass Alexander Fleming einst eine Bakterienkultur und entdeckte dabei das Penicillin. Der Weg an die Grenzen des Wissens ist voller Stolpersteine und Unwägbarkeiten. Am Anfang des Experimentes steht immer die Neugierde, denn ohne sie gäbe es keinen Fortschritt. An ihrem Ende locken die Erkenntnis und ihre schillernde Schwester, die Entdeckung.
Das Architektur Forum Ostschweiz zeigt ein Jahr lang Experimente in Architektur, Kunst und Theorie. Der Bogen ist weit gespannt: Auf der Suche nach neuen Wohnformen sind die Grenzen der Konventionen eng gesteckt, in Forschung und Lehre sind die Zügel bedeutend lockerer. Und manchmal führt der Weg in die Zukunft zurück zu alten Tugenden. Wir freuen uns auf ein Jahr voller Entdeckungen.