Architektur Forum Ostschweiz

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Pressemitteilung AFO

Die Weiterentwicklung des öffentlichen Raums ermöglichen

Das Architektur Forum Ostschweiz begrüsst die Ablehnung des Baugesuchs Parkhaus am Schibenertor als Entscheid mit hohem Sachverstand und Weitblick.

Das Architektur Forum Ostschweiz hat mit Befriedigung vom Entscheid der städtischen Baubewilligungskommission Kenntnis genommen. Der Entscheid, der aus städtebaulichen und denkmalpflegerischen Gründen gefällt worden ist, entspricht genau den Kriterien, welche an solch prominenter Lage bei Bauaufgaben im öffentlichen Raum angewendet werden müssen.

Nach der vom Volk abgelehnten Marktplatzvorlage ist die Parkierungsfrage im Raum um den Marktplatz bereits vor einiger Zeit strategisch neu angegangen worden. Mit dem Ausbau des Parkhauses ‚Unterer Graben’ wurde dabei die Grundlage für eine unvoreingenommene städtebauliche Auslegeordnung beim Marktplatz geschaffen. Bei dieser Auslegeordnung hat die Beeinträchtigung des öffentlichen Raums durch das Parkhaus am Schibenertor nun keine Berechtigung mehr.

Der Stadtraum am Schibenertor ist ein wichtiges städtebauliches Gelenk, das zwischen dem Bahnhofsplatz, dem charaktervollen Quartier zwischen Poststrasse und Blumenbergplatz sowie dem Marktplatz-Bohl vermittelt. Der Obere Graben ist zwar stark vom Verkehr beansprucht, gleichsam aber ist die bestehende Verkehrsinsel mit dem Baumbestand eine wertvolle räumliche Reserve für zukünftige bessere oberirdische Verbindungen zwischen Bahnhof und Marktplatz. Der Bau einer Parkhauseinfahrt inmitten des Strassenraums verbaut alle Möglichkeiten für die Weiterentwicklung dieses innerstädtischen Raums.

Als isolierte Massnahme ohne übergeordnetes Gesamtkonzept für den öffentlichen Raum am Marktplatz und dem Oberen Graben macht das Parkhaus zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn. Das mit 80 privaten Stellplätzen fast zur Hälfte privat genutzte Parkhaus rechtfertigt den massiven Eingriff in das Stadtgefüge nicht. Dabei geht es nicht um das berechtigte private Interesse an einer Tiefgarage, sondern darum, dass der massive Eingriff für ein relativ exklusives privates Interesse nicht im angemessenen Verhältnis zur öffentlichen Bedeutung des Ortes steht.

St. Gallen ist daran, mit Neuinvestitionen in den Bahnhofsplatz und mit der Neuorganisation der Bahnhofsgelände ‚Bahnhof Nord’ und ‚Bahnhof St. Fiden’ städtebaulich eine Erneuerungsrunde aufzubauen. Bauvorhaben wie der Bau einer Parkhauseinfahrt an zentralster öffentlicher Lage sowie das Unterbauen eines grossen Strassenstücks blockieren übergeordnete und inspirierende Gedanken für die Stadtentwicklung. Dabei geht es um räumlich attraktive Lösungen für die Vernetzung im Langsamverkehr, die Anpassung der Strassenzuschnitte an die E-Mobilität, aber auch um den Ausbau und die Trasseeführung des öffentlichen Verkehrs.

Der öffentliche Raum in absoluter Citylage ist so vielschichtig mit öffentlichen Interessen belegt, dass städtebauliche und denkmalpflegerische Interessen ebenso berechtigt sind wie verkehrstechnische oder vordergründig wirtschaftliche Interessen. Aus vielen erfolgreichen Wirtschaftsgeschichten im Stadtzentrum kann gelernt werden, das heutzutage nur die „weichen Faktoren“ eine ernstzunehmende Chance für das Gewerbe in einem städtischen Zentrum sind. Technokratisch gedachte Verkehrsinfrastrukturen, welche die Aufenthaltsqualität im Zentrum verbauen, schaden der Stadtentwicklung. St. Gallen kann sich solche Rückschritte im Stadtzentrum nicht leisten. Hohe Bau- und Gestaltungskultur ist in der City nicht Liebhaberei, sondern das Handwerk für eine erfolgreiche Entwicklung der Zukunft.

 

St. Gallen, 7.10.2016