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Eine Gemeinde hebt den Finger

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Der Neubau von Werkhöfen hat seit ein paar Jahren Konjunktur. Aber nur wenige dieser Zweckbauten sind architektonisch gelungen. Die Liechtensteiner Gemeinde Balzers gibt ein gutes Beispiel für Gestaltungswillen über den pragmatischen Nutzen hinaus.

 

15. Februar 2014 von Gerhard Mack

 

«Wir haben hier starke Föhnwinde, früher war sogar das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten, wenn sie bliesen», sagt Harald Hasler, der Hochbauchef von Balzers. Im Dezember 1985 brannte der ganze Berghang oberhalb der liechtensteinischen Gemeinde, nachdem die Schweizer Armee bei ungünstigem Wetter eine Schiessübung abgehalten hatte.
Wer das weiss, wundert sich nicht, wenn er den Werkhof sieht, der nach zweijähriger Bauzeit im Juni 2011 in Betrieb genommen wurde. Am Rand des Industriegebiets an der Strasse nach Schaan liegt ein grosses Gebäude, das eher an den edlen Auftritt eines boomenden IT-Konzerns denken lässt als an den  Zweckbau eines 4600-Seelen-Dorfes: Eine dunkel eingefärbte Holzfassade fasst das Volumen aus der Entfernung zu einer kompakten Form zusammen, die sich auf angenehme Weise vom benachbarten Föhrenwäldchen abhebt.

Viele schlechte Beispiele
Werkhöfe stehen überall und werden selten gerne gesehen. Dabei zählen sie zu den Zweckbauten, die in den letzten Jahren von vielen Gemeinden neu in Angriff genommen wurden. Schaut man sich um, was gebaut wurde, wird schnell deutlich, dass es einer besonderen Anstrengung bedarf, wenn neben den praktischen Anforderungen auch städtebauliche und ästhetische Bedürfnisse zufrieden gestellt werden sollen.
Ein Ingenieurbau, der unter knappstem Budget erstellt worden ist, kann diesem Anspruch kaum genügen. Ein Auftraggeber, der damit zufrieden ist, dass die Fahrzeuge im Trockenen stehen, erschwert die Aufgabe ungemein. Wie das dann aussieht, zeigen drei aus zahllosen Beispielen: In Degersheim wurde ein Hangar zwischen alte Wohnbauten gestemmt, der nichts mit der Umgebung zu tun hat. In Brunnadern erinnert der gewählte Bautyp mit Satteldach an ein Wohnhaus. In Schönenwerd fehlen noch die Zapfsäulen, und man hätte eine
Tankstelle. Ein Gesicht, das der Funktion entspricht, hat keine der Bauten, den Dialog mit der Umgebung vermisst man bei allen.
Das haben die Gemeinde Balzers und der Schaaner Architekt Ivan Cavegn besser gemacht, als sie 2008 daran gingen, einen zentralen Werkhof zu planen. Bereits der Umgang mit dem Ort überzeugt. Möglich gemacht hat das Gebäude ein Blick über den Tellerrand hinaus. Da, wo der neue Komplex gebaut wurde, befand sich früher die lokale Kläranlage. Als man sich dem regionalen Klärwerk in Bendern anschloss, wurde das Gelände für eine neue Nutzung frei.

Schlauchturmals Signet
Der flache Gebäudekomplex schliesst mit dem daneben liegenden Umspannwerk der Liechtensteinischen Kraftwerke einerseits die Bebauungszone von Balzers zur landwirtschaftlichen Schutzzone ab. Er wendet sich dann aber auch ganz explizit zurück zum Dorf und zeigt ihm seine Rückversicherung gegenüber den Gewalten einer unberechenbaren Natur:
Die Schauseite des Werkhofs wird durch die über die ganze Breite verglaste Einstellhalle der Feuerwehr bestimmt.
Das ist sinnvoll, weil die Löschfahrzeuge so schneller in den Ort gelangen. Es bietet aber auch einen inhaltlichen und emotionalen Mehrwert: Wer zu den Handwerkern gegenüber fährt oder sein Auto in der Waschanlage reinigen lässt, oder auch diejenigen, die nur vorbeifahren, sehen die Einsatzfahrzeuge durch die Glastüren leuchten. Der Bau drückt den Stolz und das Selbstbewusstsein einer umsichtigen Gemeinde aus. Er hat eine kollektive Bedeutung.
Funktionalität und öffentliche Rolle finden in einer Vielzahl von Merkmalen des Gebäudes zusammen. Während heute viele Feuerwehren ihre Schläuche nach dem Einsatz in horizontalen Vorrichtungen trocknen, hat Ivan Cavegn die Idee des alten Schlauchturms aufgegriffen, wie sie ihm aus der Kindheit vertraut war, und zu einem Signet des Gebäudes gemacht. Der Turm gibt dem Werkhof in der relativ weiten Rheinebene eine vertikale Sichtbarkeit und verweist wie eine Nadelspitze auf die Föhren und den Balzner Hausberg dahinter.

Sägerohe Fichte
Das Volumen, das aus der Ferne mit einem geschlossenen skulpturalen Auftritt überzeugt, zeigt sich aus der Nähe als differenzierte Struktur aus drei Quadern,
die sich an einen etwas tieferen Mittelbereich anlagern. In ihnen erhalten die Feuerwehr, die Wertstoffsammelstelle und der eigentliche Werkhof der Gemeinde samt Samaritern eigene Bereiche. Sie ermöglichen mit ihren grosszügigen Vorplätzen ein sinnvolles Arbeiten, ohne sich gegenseitig in
die Quere zu kommen. Während die Feuerwehr mit der Zufahrt zur Tiefgarage die öffentliche Schaufront einnimmt, sind die anderen Funktionen zur Neben- und Rückseite aufs angrenzende Feld und den Wald orientiert. Die Aussenwände des erdbebensicheren Betonbaus sind mit einer Fassade aus sägerohen Fichtenbrettern verkleidet. Diese wurden mit den Schmalseiten vertikal auf Lücken montiert und geben dem Volumen aus der Nähe einen filigranen, fast zeichnerischen Charakter. Die Fensterelemente sind zu grosszügigen Flächen zusammengefasst, die bisweilen bündig in die Bretterfassade eingesetzt wurden, dann wieder hinter ihr bleiben und von ihr Sichtschutz erhalten. Selbst die Kipptore der Halle für Wertstoffe sind mit einer Haut aus Brettern bedeckt und fügen sich kaum unterscheidbar in die Fassade ein.

Selbstbewusstes Wahrzeichen
Das Zusammenspiel aus Geschlossenheit und Differenzierung, das den Werkhof nach aussen bestimmt, setzt sich im Innern in einer klaren Abgrenzung der einzelnen Funktionen fort. Jeder Bereich erhält seinen eigenen Charakter. Mittel dazu ist die Wahl des Materials: Die Wertstoffsammelstelle ist als luftoffener Raum ausgeführt, in dem das Aussenklima spürbar bleibt, der Werkhof als einfache Hartbetonzone aus einer doppelgeschossigen Werkhalle
und zwei Lageretagen. Hier prägt die Robustheit, die die Arbeiten kennzeichnet, bereits die räumliche Atmosphäre, ohne unfreundlich zu wirken.
Bandfenster unterhalb der Decke ermöglichen durch den niedrigeren Mittelteil der Anlage eine Belichtung von zwei Seiten.
Dagegen haben Büros, Ess- und Gemeinschaftsräume mit ihrer Auskleidung von Wänden und Decken aus unbehandelter Weisstanne – daraus werden sonst Paletten gefertigt – fast einen wohnlichen Charakter erhalten. Im Obergeschoss des West- und Ostriegels, das man über eine Treppe beim Haupteingang erreicht, öffnet sich der Schulungsraum der Feuerwehr mit einem grossen Fenster auf die Fahrzeughalle, und der allgemeine Mehrzweckraum der Gemeinde bietet einen Blick auf den Föhrenwald. Hier herrscht eine fast weitläufige Grosszügigkeit, die durch das Eichenparkett betont wird.
Mit dem 16,5 Millionen Franken teuren Werkhof ist es Auftraggeber und Architekt gelungen, verschiedene Funktionen sinnvoll an einem Ort zusammenzuführen. Balzers hat bei allem Sinn für pragmatische Erfordernisse darüber hinaus auch ein Wahrzeichen erhalten, das von einem zeitgemässen Selbstbewusstsein der Gemeinde spricht.

 

Bilder: Hanspeter Schiess