Architektur Forum Ostschweiz

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Wenn der Dorfbach das Korsett sprengt

In vielen Gemeinden belebt ein Bach das Stadtbild. Heute erfordern extremer werdende Niederschlagsereignisse, wie sie Altstätten 2014 erlebt hat, Massnahmen. Hochwasserschutz und Stadtbild – ein Widerspruch?

03.02.2018 von Andrea Wiegelmann

In seine Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» schreibt Max Frisch: «Katastrophen kennt  allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.» Frisch erinnert uns daran, dass sich die Natur stetig verändert. Auch  Überschwemmungen sind ein natürliches Ereignis
solcher Veränderungen; dass sie zu Katastrophen werden, ist oft vom Menschen selbst verschuldet. Die Schäden etwa, die durch die grossen überregionalen Hochwasser von 1987 entstanden sind, sind auch Ergebnis einer intensiven Siedlungsentwicklung. Verschärft durch einen von der Industrialisierung geprägten Umgang mit der Landschaft: Flüsse wurden kanalisiert und begradigt, Bäche eingefasst oder überdeckt, Bauzonen in Überschwemmungsgebiete ausgedehnt. Doch was bedeutet Hochwasserschutz im Dorf oder der Stadt? In Altstätten hat die Gemeinde nach den verheerenden Überschwemmungen 2014 Sofortmassnahmen beim Brendenbach und Stadtbach zur Erhöhung des Hochwasserschutzes im Stadtgebiet umgesetzt und ein Frühwarnsystem eingerichtet. Entlang des Stadtbachs wurden zur Erhöhung seiner Abflusskapazitäten etwa Fussgängerbrücken entfernt, das Ufer mittels Bretterwänden erhöht und die Brücken mit Schwenktoren überströmbar gemacht. Bei diesen provisorischen Massnahmen steht der Schutz im Vordergrund. Derzeit sind Schutzprojekte für die unterschiedlichen Bachläufe in Arbeit, mit ersten Ergebnissen ist in diesem Frühjahr zu rechnen.
Die Herausforderung wird sein, die Bachläufe weiterhin im Stadtbild erlebbar zu belassen. Denn Massnahmen zum  Hochwasserschutz verändern die Gestalt des Stadtbildes und durch Schutzmauern, Ufererhöhungen oder  Querschnittserweiterungen des Bachbettes können Bäche auch unzugänglich werden. Der Hochwasserschutz läuft immer auch Gefahr, die technischen Aspekte in den Vordergrund zu stellen: Jeder von uns kennt das Bild spielender Kinder in gemächlich rinnenden Bachläufen. Geht es um Hochwasserschutz, ist das Bild vom Bach ein völlig anderes. Dabei gilt es beide Bilder zusammenzudenken.

Dass Schutzeinrichtungen nicht zu Barrieren werden, ist keine einfache Aufgabe. Zwar gibt es inzwischen für die Schweiz Gefahrenkarten und die Gewässerschutzgesetzgebung von 2011 definiert den Gewässerraum und die natürlichen Gewässerfunktionen. Doch wie können diese Vorgaben in dicht besiedelten Gebieten umgesetzt werden?

Klare Leitplanken für den Hochwasserschutz

«Heute gibt es für den Hochwasserschutz und die ökologischen Anforderungen klare Leitplanken,  jedoch berücksichtigen diese die gestalterische und siedlungsgerechte Umsetzung oft zu wenig», bestätigt denn auch der Landschaftsarchitekt André Seippel aus Wettingen (AG). Die Frage, wie ökologische Aspekte und technische Anforderungen gelöst werden können, so dass auch für die Bevölkerung ein Mehrwert entstehe, müsse immer wieder neu beantwortet werden. Für grössere Siedlungen sei die Entwicklung eines übergeordneten Leitbilds für das Gewässernetz sinnvoll. «Man sollte für die jeweiligen Abschnitte eigene Gewässerbilder definieren, die im Kontext zu ihrem Umfeld stehen, die aber auch die Charakteristik des gesamten Gewässerlaufes nicht ausser Acht lassen», empfiehlt der Fachmann und erläutert am Beispiel des Dorfbachs im alten Dorfkern von Spreitenbach, wie dies aussehen kann.
Der Bach verlief seit Jahrzehnten kanalisiert in einem Betonkorsett, bis er bei einem Hochwasser  Anfang der 1990er-Jahre mit verheerenden Folgen für das Dorf und seine Bewohner über das Bachbett trat. Nach diesem Jahrhundertereignis suchte der Kanton nach Wegen für ein Schutzkonzept, das es ermöglichte, Extremhochwasser sicher abzuleiten. Dazu wurde ein Team aus Landschaftsarchitekten und Ingenieuren gebildet; Ziel war es, den Bach im Dorfkern erlebbar zu belassen und ihn gleichzeitig als Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere zu fördern.
Das alte Spreitenbach ist ein Strassendorf, seine Häuserzeilen und der Bachlauf prägen den Ortskern. Dieser Charakter sollte gewahrt werden. Eine Vergrösserung des Bachbetts, ein sogenannter Vollausbau, kam daher nicht in Frage. Man entschied sich für eine sogenannte Doppelstocklösung, bei der eine Entlastungsleitung unter das bestehende Bachbett gelegt wird. Ein Trennbauwerk am Ortseingang reguliert, dass bei Hochwasser nicht die volle Wassermenge durch das oberirdische  Bachbett fliesst.
Da die parallel laufende Strasse saniert werden musste, konnte die gesamte Strassen- und  Bachbettplanung über die ganze Strassenbreite, also von «Fassade zu Fassade», neu aufgesetzt werden. «Das ist jedoch nicht der Normalfall », merkt Seippel an, «in der Regel plant man sehr unterschiedliche Abschnitte oder gar nur einzelne Parzellen mit eigenen Anforderungen und Eigentumsverhältnissen; da hilft dann ein übergeordnetes Gewässerentwicklungskonzept.»

Wie mit Gewässern im Siedlungsraum umgehen?

In Spreitenbach konnte das Ortsbild gewahrt und der Bachlauf als Lebensraum erhalten werden. Um  solche Lösungen zu entwickeln, braucht es ein gemeinsames Engagement aller Beteiligten. Nachhaltiger Gewässer- und Hochwasserschutz ist dann erreicht, wenn wir lebendige und zugängliche Fluss- und Bachläufe in unseren Siedlungsgebieten bewahren.

Bilder: Hanspeter Schiess