Architektur Forum Ostschweiz

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Am eigenen Werk weiterbauen

Vierzig Jahre nach ihrem Bau wird die Berufsschule Weinfelden erweitert. Den Wettbewerb für den Neubau gewinnt das gleiche Architekturbüro wie damals. Eine einmalige Chance.

22.07.2017 von Caspar Schärer

 

Mit der Schlüsselübergabe ist der Auftrag für den Architekten, die Architektin abgeschlossen. Manchmal fällt der Abschied von einem Bauprojekt schwer, das sie womöglich über Jahre begleitet hat. Schlaflose Nächte, lange Sitzungen, aber auch überraschende Entdeckungen und schöne Erlebnisse – alles vorbei und Erinnerung. So weit der Normalfall. Von einem glücklichen Ausnahmefall soll aber hier die Rede sein. Ein Architekturbüro erhält fast vierzig Jahre nach der Vollendung eines grossen Baus die Gelegenheit, die Erweiterung gleich selber in die Hand zu nehmen. Es verfällt nicht in Nostalgie und sucht auch nicht den maximalen Kontrast, sondern stellt dem älteren Gebäude einfach ein neueres zur Seite. Beide bleiben eigenständig, es ist nicht einmal eindeutig eine gemeinsame architektonische Handschrift zu erkennen. Und doch ergänzen sich beide subtil zu einem Ganzen, das zusammengehört.

Kurt Huber war 26 Jahre alt, als er zusammen mit dem zehn Jahre älteren René Antoniol 1969 in Frauenfeld ein Architekturbüro gründete. Schon bald gewann das junge Büro Wettbewerbe und durfte mit Bauten sein Können unter Beweis stellen. 1973 gelangten Antoniol und Huber wieder über einen Architekturwettbewerb an ihren bisher grössten Auftrag: den Neubau der Berufsschule für kaufmännische und gewerbliche Berufe in Weinfelden. Bis 1978 stellten sie den markanten Gebäudekomplex fertig, später folgte noch ein Sporttrakt mit Turnhallen und einem Hallenbad. Das Berufsbildungszentrum steht im Weinfelder Südquartier direkt am Bahnhof. Es ist eindeutig als Bau seiner Zeit zu erkennen. Die dunkelroten Stahlfassaden wurden damals einfach gerne verwendet, gerade bei öffentlichen Bauten. Einen Kontrast zu den beiden längs gelagerten Schultrakten bilden die «stehenden » Versorgungselemente in Sichtbeton. Dem viergeschossigen Hauptbau vorgelagert ist ein niedrigeres Werkstattgebäude, dem die Architekten mit einem zentralen Oberlichtband einen industriellen Charakter verliehen – ein Bezug zum benachbarten Gleisfeld, das in den 1970er-Jahren noch nach Industrie roch.

Der architektonische Geist der 1970er-Jahre

Im «Scharnier» zwischen den beiden Trakten befindet sich die Treppenanlage, die in einer luftigen, von oben mit Tageslicht versorgten Eingangshalle steht. Auch hier ist er noch zu spüren, der architektonische Geist der 1970er-Jahre: das Treppenhaus als sozialer Ort, als Treffpunkt für junge Kaufleute und Handwerker; die knapp zwanzig Meter hohe, von Sonnenlicht bestrichene Sichtbacksteinwand; ganz allgemein die roh belassenen Materialien. Dass diese Haltung keineswegs zu einer kargen Architektur führen muss, zeigen alle Bauten von Antoniol + Huber, die sie seit 1969 erstellt haben. Das Büro entwickelte sich kontinuierlich über die Zeit, wurde grösser, blieb aber immer mit der Region verbunden. Zahlreiche öffentliche Bauten sind in diesem Atelier entworfen worden, so etwa das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen (1983), der Umbau des Eisenwerks in Frauenfeld (1991) – heute ein wichtiger Kultur- und Veranstaltungsort mit überregionaler Bedeutung – und die Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden (1997), eine Ikone der Technik- Architektur im Thurtal. Hinzu kommen etliche Primar-, Oberstufen-, Berufs- und Kantonsschulen in den Ostschweizer Kantonen.

Trotz dieses beachtlichen Oeuvres verloren die beiden Bürogründer nie den Boden unter den Füssen, sondern blieben die gleichen gewissenhaften und sorgfältigen Architekten, die sie von Anfang an waren. Sie regelten rechtzeitig ihre Nachfolge und überliessen die Geschäftsführung jüngeren Kräften. Kurt Huber schaut gelegentlich noch vorbei, René Antoniol ist im April 2017 im Alter von 83 Jahren verstorben. Heute leiten die Architekten Roland Wittmann und Sascha Mayer das Büro, das unter dem Namen Antoniol + Huber + Partner firmiert.

Architektur alleine ist nichts

Dass die Frauenfelder Architekten 2002 den offenen Projektwettbewerb für die Erweiterung des Berufsbildungszentrums in Weinfelden gewinnen konnten, ist vermutlich kein Zufall. Schliesslich kannten sie das Areal und die Bauherrschaft schon gut. Andererseits kann jedoch zu viel Vorwissen genauso gut einem frischen Entwurf im Wege stehen: Man hat schon alle Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. Offensichtlich gelang Antoniol + Huber + Partner der Spagat zwischen Erfahrung und Neuigkeit; 2007 konnte der Erweiterungsbau eröffnet werden.

Das Gebäude unterscheidet sich in vielem von seinem fast vierzig Jahre älteren Nachbar, aber einige Dinge sind eben auch gleich. So ist der Neubau ebenso viergeschossig und an den Haupttrakt gliedert sich wie schon beim Altbau ein niedrigerer Nebentrakt – hier ist es das so genannte Lebensmittelzentrum, die Ausbildungsstätte für Berufe wie Koch, Bäcker oder Confiseur. Als Gebäude ist auch die Erweiterung als Kind seiner Zeit erkennbar: weit gespannte Sichtbetonrahmen, in denen grosse Fensterflächen liegen; generell weniger Details und schärfer geschnittene Formen; weiterhin roh belassene Materialien, aber sie wirken heute edler. Alt- und Neubau können gut nebeneinander stehen und man könnte zum Schluss kommen, dass die jeweilige architektonische Sprache gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist, dass sich der Erweiterungsbau in das vom Altbau vorbestimmte Muster einfügt. Die beiden grossen Gebäude bilden einen Zwischenraum, dem die Architekten viel Aufmerksamkeit schenkten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Zwischenraum ist komplexer, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Gleich beim Bahnhof weitet er sich zu einem kleinen baumbestandenen Platz; weiter südlich kommen sich die Gebäude näher – genau hier sind die beiden Haupteingänge platziert. Danach öffnet sich der Raum wieder zu einem nach Süden ausgerichteten Platz, während die Nord- Süd-Achse durch den Sporttrakt weiterläuft, angedeutet durch einen verglasten Spalt zwischen Hallenbad und Turnhallen. Den Architekten ist damit etwas gelungen, das zu oft unterschätzt wird: Sie schaffen ein echtes Ensemble. Architektur alleine ist nichts. Erst die Zwischenräume betten Gebäude in einer Stadt, in einem grösseren Ganzen ein. Und wenn diese Städte in Zukunft verdichtet werden sollen, braucht es dafür sorgfältig gestaltete, offene, unkomplizierte und veränderbare Zwischenräume.

 

Bilder: Hanspeter Schiess