Architektur Forum Ostschweiz

← Zurück

Megatrend und Mikroverdichtung

Immer mehr Menschen werden in Zukunft im Alter auf Pflege angewiesen sein. Darauf kann man mit grossen Neubauten reagieren – oder wie die Gemeinde Balzers mit gezielten baulichen Massnahmen.

17.12.2016 von Caspar Schärer

Fast jede wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung hat früher oder später Auswirkungen auf das Bauen und damit hoffentlich auf die Architektur. Mehr Autos haben bis anhin zu mehr Strassen geführt – nun gut, das ist noch nicht Architektur. Aber all die Logistik- und Shoppingcenter an den Autobahnausfahrten könnten ruhig mehr Architektur sein. Oder das Gesundheitswesen: Politische Entscheide im Zusammenhang mit Spitallisten und ähnlichem führen zu massiven Investitionen in Krankenhäuser. Alles hängt voneinander ab; das heisst noch lange nicht, dass man dem Geschehen alternativlos ausgeliefert ist. Es gibt Entscheidungsspielraum, wie das Beispiel der bescheidenen Erweiterung eines Pflegeheims in Balzers im Fürstentum Liechtenstein zeigt.

Der auslösende Trend dahinter könnte kaum grösser sein und nennt sich «demografische Entwicklung»: Die Lebenserwartung in der Schweiz steigt unvermindert. Mittlerweile liegt sie bei etwa 83 Jahren. Ein heute Neugeborenes hat gute Chancen, das Jahr 2099 zu erleben, vermutlich auch den Beginn des 22. Jahrhunderts. Bereits über 1,5 Millionen Menschen geniessen in der Schweiz ihren Ruhestand, das sind etwas mehr als 18 Prozent der Bevölkerung. Und es werden in den kommenden Jahren deutlich mehr: Die so genannte «Babyboomer»-Generation marschiert langsam in die Pension, also Menschen, die von Anfangs der 1950-er bis Mitte der 1960-er Jahre geboren sind. Diese einzigartig geburtenstarken Jahrgänge werden eine deutlich erhöhte Anzahl an Pfegebedürftigen hervorbringen. Denn ab Mitte 80 brauchen immer mehr Menschen immer intensivere Pflege. Jede dritte Person über 85 Jahre ist mittel bis schwer pflegebedürftig.

Babyboomer stellen Gesellschaft auf die Probe
Der kleine Ausflug in die Welt der Statistik soll den abstrakten Begriff der «demografischen Entwicklung» anschaulicher machen. Dass dieser offensichtliche Megatrend früher oder später das Bauen beeinflusst, verwundert niemanden. Schliesslich müssen Alters- und Pflegeheime im Budget eingeplant und gebaut werden, sei es nun von der öffentlichen Hand oder von Privaten. Die Babyboomer werden in den kommenden Jahrzehnten das Pflegesystem und die ganze Gesellschaft auf die Probe stellen. Zurzeit leben rund 400’000 über 80 Jährige in der Schweiz, 2040 werden 880’000 erwartet.

Landauf, landab zerbrechen sich bereits heute die Verantwortlichen den Kopf darüber, wie sie dem «Ansturm» gerecht werden sollen. Die einfachste Lösung, in der Schweiz gerne praktiziert: Infrastruktur erweitern, also möglichst alle Bedürfnisse durch Bauen zu befriedigen. Das kostet zwar einiges, aber noch scheint das Geld zur Verfügung zu stehen. Deutlich günstiger wird es – diesen Weg hat die Gemeinde Balzers beschritten –, wenn man in die «Software» investiert – etwa in ein intelligentes Konzept. Balzers steht vor der Herausforderung, dass sich bis 2030 die Anzahl der über 80- Jährigen von 170 auf 340 verdoppeln wird. Danach wird sie vermutlich wieder abnehmen, da anschliessend mit der «Pillenknick»-Generation deutlich geburtenschwächere Jahrgänge ins Alter kommen.

Die Gemeinde verschaffte sich eine Übersicht und gelangte zu einer Strategie, die alle Beteiligten besser miteinander vernetzt und damit das Vorhandene effizienter nutzt. Allzu oft arbeiten verschiedene Dienste wie Pflegestationen, Spitex und andere private Stiftungen nicht Hand in Hand, sondern gegeneinander. Hinzu kommen die vielen Menschen, die ihre Angehörigen zu  Hause pflegen, immer wieder mal überfordert sind und oft nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Obwohl komplett auf neue Pflegebetten verzichtet wird, erfordert das Konzept mehr Platz im Pflegeheim Schlossgarten am Fuss der Burg Gutenberg – allerdings in erster Linie Büros und flexible Mehrzweckräume. Die Gemeinde schrieb einen Wettbewerb aus und wählte ein Projekt, das sich nicht vollständig an die vorgegebenen Regeln hielt. Zwei eingeschossige Einbauten in die beiden zur Strasse hin offenen Höfe schlug das Liechtensteiner Architekturbüro von Ivan Cavegn vor; die Neubauteile ragen etwa einen Meter aus der bestehenden Fassadenfront hervor, die eigentlich gar keine Front war, sondern sich aus drei schmalen Gebäudeteilen zusammensetzte, die wie kleine Türme aufragten. Den «Rücken» bildet nach wie vor ein lang gezogener Trakt zum Garten hin. Indem Cavegn die Fassadenflucht nicht einhält, verleiht er den Einbauten eine eigene Bedeutung. Sie rücken buchstäblich in den Vordergrund und verdrängen die Parkplätze, die eigentlich hier vorgesehen waren. Stattdessen spriessen jetzt dort Büsche und Bäume in Vorgärten wie sie in der Nachbarschaft üblich sind.

Rundlauf durch den ganzen Komplex
Die neuen Grünstreifen vor dem Gebäude machen das Gebäude «wohnlicher», es wirkt weniger wie ein Pflegeheim – es heisst auch nicht mehr so, sondern Lebenshilfe Balzers. Einen vergleichbaren Effekt erzielen die beiden Einbauten selbst: Sie brechen den Massstab der grossen Struktur, führen architektonisch ein gewisses Eigenleben, füllen als Bauvolumen nicht einfach den zur Verfügung stehenden Platz auf, sondern wahren einen Abstand zum Altbau. Mit ihren dicken, sorgfältig geschalten Sichtbetonwänden und der leichtfüssigen Holzdecke setzen sie sich auch in Bezug auf Material und Konstruktion deutlich vom Bestand ab. Einer der Neubauten nimmt die Verwaltung auf, in der stationäre und ambulante Dienste wie Spitex und Familienhilfe zusammengeführt werden, der andere bietet Raum für die neue Tagesstätte für Demenzkranke.

Beide sind an verschiedenen Stellen an den Altbau angeschlossen, und so entsteht ein abwechslungsreicher Weg, ein Rundlauf, der im Erdgeschoss durch den ganzen Komplex verläuft. Überhaupt offenbart Ivan Cavegns Entwurf im Inneren eine architektonische Vielalt, die auf vergleichsweise kleinem Raum viel bewirkt und die vor allem in einem starken Kontrast steht zur eher schematischen Anlage des Altbaus. Der Rundlauf erweist sich als komplexer Mäander, man kommt vorbei an kleinen Innenhöfen, die zum Verweilen einladen, entdeckt verborgene Stuben für die Patienten, überall öffnen sich überraschende Durchblicke.

Trotz zahlreicher Ecken und Nischen findet man sich gut zurecht, auch die Dementen verirren sich nicht. Sie können auf der ganzen Strecke frei zirkulieren und sind auf diese Weise genauso Teil des Betriebs wie die Pflegekräfte und die Büromenschen. Offenheit, Erreichbarkeit, Vernetzung: Der neue Geist im Balzerser Pflegebereich hat in der Mikroverdichtung eine gebaute Entsprechung gefunden. Man nennt es Architektur.

Bilder: Hanspeter Schiess