Architektur Forum Ostschweiz

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Mit der Strasse die Welt verbessern

  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Rathaus Altstaetten
  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Bahnhofstrasse Widnau
  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Bahnhofstrasse Widnau
  • Gutes Bauen: Ortsplanung im Rheintal Bahnhofstrasse Widnau

Strassen dienen nicht nur als Fahrspur oder Trottoir, sondern bilden auch Räume – besonders in besiedelten Gebieten. Langsam beginnt sich ein Bewusstsein für den Strassenraum zu regen. Was alles möglich ist, zeigen die Beispiele Widnau und Altstätten.

 

19.03.2016 von Caspar Schärer

Die Strasse ist ein ideologischer Kampfplatz: Geht es um freie Fahrt, kippen die Debatten ins Irrationale. Das Wissen um die Strasse als Raum – vor allem als sozialen Raum – ging fast verloren und muss mühsam wiedererlangt werden. Geschwindigkeit, Kurvenradien, Sicherheit und Funktionalität bestimmten für lange Zeit alles. Stand ein Haus im Weg, wurde es weggeräumt. Tausende Strassen- kilometer wurden so gebaut, ohne Rücksicht auf Verluste. Der Weg zurück ist steinig, denn jetzt sind Fakten geschaffen. Trotzdem lohnt sich der Aufwand, und ein Bewusstsein für den Strassenraum beginnt sich zu regen. Vorreiter in der Schweiz ist der Kanton Bern, der bereits in den frühen 1990er-Jahren mit ersten erfolgreichen Umgestaltungen von Strassen auf sich aufmerksam machte.

Keine Vorzeigeregion
Inzwischen hat das Umdenken das ganze Land erfasst – auch das Rheintal, das viele lediglich als zersiedeltes Agglo- und Autoland sehen. Tatsächlich ist das Rheintal nicht unbedingt die Vorzeigeregion für eine nachhaltige Siedlungs- entwicklung. Das bedeutet allerdings, dass es viel zu tun gibt: Zwei Beispiele aus Altstätten und Widnau zeigen, was alles möglich ist. Am Anfang steht ein Problem – hier wie dort. Altstätten beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem motorisierten Verkehr, der sich bei einem Flaschenhals vor der katholischen Kirche im Nordosten der Altstadt hindurch zwängte. Für die Stadt Altstätten war klar, dass die Beseitigung dieses Engpasses ein grosses Plus an städtebaulicher Qualität bringen muss. Wer sich mit dem Verkehr anlegt, muss grossräumig denken. Im Falle von Altstätten bedeutete es, dass die Stadt einige Grundstücke beim Freihof neben dem Rathaus ankaufen musste, um sich die nötige Beinfreiheit zu verschaffen.

Verkehrstechnisches Herzstück des Infrastrukturprojekts ist ein neuer Kreisel und die Umlegung einer Strasse. Leider ist der Kreisel ein Element der Strassenplaner zur Verflüssigung des Verkehrs und nicht ein stadträumlich gedachter Baustein. Auf dem offenen Feld funktioniert er bestens, ins besiedelte Gebiet dagegen passt er nicht. Die angrenzende Bebauung hat es immer schwer, mit den Ausrundungen ein gutes räumliches Verhältnis aufzubauen. Wenn dann noch die Bebauung selbst so ideenlos auf den Kreisel reagiert wie in Altstätten das grosse Gebäude auf dem Freihof-Areal, dann zeigen sich die Schwächen des Kreisels besonders deutlich.

Umso erfreulicher sind die stadträumlichen Gewinne auf der anderen Seite des Freihofs – dort, wo früher die Autos und Lastwagen entlang der Kirchenmauer durchbrausten. An der Stelle des alten Rathauses aus den 1950er-Jahren steht jetzt ein stolzer, siebengeschossiger Baukörper, der sich in die Höhe reckt, um den Platz vor sich freizuspielen. Das Zürcher Architekturbüro Allemann Bauer Eigenmann gewann 2007 einen Wettbewerb, der sich über insgesamt drei Teilgebiete erstreckte – darunter das Rathaus und der Freihof. Das Rathaus durften die Architekten ausführen, und das sieht man dem Bau an. Ein Gitter aus hellen Betonelementen hält den Bau zusammen, dunklere Füllungen und Fenster schaffen dazu einen Kontrast. Das Gebäude erfüllt seine repräsentative Funktion auf eine sehr freundliche und zuvorkommende Weise. Die Details sind durchdacht, die Materialien gut ausgewählt, die Gesamtwirkung stimmt. Zusammen mit der Kirche und dem Rand der Altstadt bildet das Rathaus mit dem neuen, grösseren Platz ein zusammenhängendes Ensemble.

Optische Bremsen
Während in Altstätten durch die Neuordnung der Strassenführung kostbarer öffentlicher Raum gewonnen werden konnte, ging es in Widnau um den Strassenraum selbst. Wegen Belagsschäden wollte das Tiefbauamt des Kantons die Strasse zwischen dem Bahnhof Heerbrugg in der Gemeinde Au und der «Metropol»-Kreuzung mitten in Widnau umfassend sanieren. Die Gemeinde Widnau, auf deren Gebiet der Löwenanteil des Strassenabschnitts liegt, sah die Chance gekommen, die eklatanten räumlichen Defizite ihrer stark befahrenen Ortsdurchfahrt beheben zu können. Die Verkehrsmenge liess sich nicht reduzieren, aber im Bereich der Gestaltung waren die Potenziale noch längst nicht ausgeschöpft.

Marco Koeppel, Architekt und Gemeinderat in Widnau, entwarf zusammen mit den Kollegen der Gemeinde Au und dem Kanton eine neue Strasse, auf der nicht mehr das Auto alleine bestimmend ist. Die Fahrbahnen wurden auf das absolute Minimum verengt und ein sogenannter «multifunktionaler Mittelstreifen » eingeführt. Fussgängerstreifen fehlen vollständig, man kann die Strasse überqueren, wo man will. Einige Zonen des Mittelstreifens sind mit roten, hüfthohen Stelen markiert: Hier eignet es sich besonders, die Strassenseite zu wechseln. Die Stelen wirken als optische «Bremsen» für die Autofahrer – genauso wie die massiven Leuchtenpfähle, welche die Strasse seitlich begleiten.

Urbaner und dennoch ruhiger
Die baulichen Massnahmen führten laut Koeppel dazu, dass die durchschnittliche Geschwindigkeit auf 35 bis 40 km/h gesunken sei, obwohl weiterhin 50 km/h erlaubt sind. Und das ist entscheidend: Bei niedrigerer Geschwindigkeit steigt die Bedeutung aller anderen Faktoren wie Raum- und Lebensqualität. An der Bahnhofstrasse in Widnau lässt sich das selbst an verregneten Vormittagen beobachten. Die Szenerie wirkt sowohl urbaner wie auch beruhigter, die Menschen bewegen sich freier und ungezwungener. Ein Wermutstropfen sind auch hier die Kreisel, die zur «Verflüssigung» des Verkehrs eingebaut wurden. Gerade die ehemalige «Metropol»-Kreuzung leidet darunter, denn alle daran angrenzenden Bauten wurden für eine Kreuzung konzipiert und nicht für einen Kreisel.

Vielleicht überlässt man solche Korrekturen einfach der nächsten Generation. Auch sie muss ja die Gelegenheit haben, zu lernen und die Situation zu verbessern. Erste Schritte in die richtige Richtung sind jedenfalls getan.

 

Bilder: Michel Canonica